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Die Gartenlaube (1859)/Heft 32

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1859
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 32. 1859.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.
Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.

Lord Felix.
Eine Lebensskizze von Ernst Fritze.
I.

In der kleinen, sehr hübschen Residenz S. fiel jedem Reisenden ein Haus auf, das, in einer breiten Seitenstraße belegen, durch seine höchst elegante Bauart sich auszeichnete. Es war einstöckig auf hohem Souterrain, und einige Treppenstufen führten auf eine breite Steinplatte, die, mit eisernem Geländer umhegt, von einer Menge der schönsten exotischen Gewächse geschmückt wurde. Eine Marquise, reich mit Purpureinfassungen und Troddeln verziert, spannte sich über dieses reizende Plätzchen, das außerdem mit kleinen Gartentischen und Sesseln besetzt war. Von der Treppe aus trat man sogleich in einen Vorflur, der von oben herab sein Licht empfing. Rechts und links führten die Thüren zu den verschiedenen Gemächern, und hinten schloß eine Glasthür die Wirthschaftsräumlichkeiten gänzlich ab. Eine kleine Seitenpforte im freistehenden Giebel des Hauses diente dem Gesinde zum Eingange und dieser Umstand vervollständigte die noble Ausstattung des Gebäudes.

Rechts lagen die prächtig ausgestatteten Gemächer, die in ihrer unveränderten Eleganz der Stolz der Hausfrau waren, während links in den Zimmern eine behäbigere Reinlichkeit herrschte, die im Verbande mit einem merkbaren Cigarrenrauche sich sogleich in ihrer Bestimmung als Herrenwohnung geltend machten.

Hier wohnte der Doctor Strodtmann, der Sohn der Hausbesitzerin. Unbeirrt von dem sehr ausgedehnten Reinlichkeitssinne seiner Frau Mama, die mit dem englischen Comfort ihrer häuslichen Einrichtung eine holländische Scheuerpassion verknüpfte, residirte er als unumschränkter Herr in seinen vier Pfählen und jagte gelegentlich in gemüthlichster Laune eine Magd mit Scheuerbesen und Bürsten aus dem Zimmer wieder hinaus, wenn der dämonische Trieb der Madame Strodtmann sie hineinbefohlen hatte.

Herr Doctor Matthias Strodtmann war der einzige Sohn seiner verwittweten Mutter. Eine jüngere Schwester, „Elisabeth“ getauft, in jüngeren Jahren und noch jetzt in besonders guter Stimmung „Elsi“ genannt, war früherhin stets der Gegenstand seiner Neckereien gewesen, wurde aber nach und nach seine treue Verbündete, als es darauf ankam, den jungen Arzt in seinem schweren Berufe aufrecht zu erhalten. Eine Nervenkrankheit grassirte in der Zeit, wo er sich habilitirte. In dieser furchtbaren Periode bewies Elisabeth die Tüchtigkeit ihres Charakters und bewährte die Güte ihres Herzens. Seitdem neckte Doctor Matthias seine Schwester nicht mehr auf verletzende Weise, sondern nahm sich mit väterlich weiser Miene ihrer an, wenn ihre Interessen unter der Leitung einer sehr eigenwilligen Mutter bedroht erschienen.

Doctor Strodtmann zögerte sonderbarer Weise von Jahr zu Jahr, sich zu verheirathen, obwohl er eine Gattin standesgemäß ernähren konnte.

Das Publicum der kleinen Residenz machte natürlich seine Randglossen darüber. Ein Theil desselben meinte, „der Herr Doctor sei von der noblen Lebensweise seiner Mutter und von der Klugheit und Bildung seiner Schwester zu verwöhnt, um eine Wahl treffen zu können.“ Die Leute irrten. Ausgeartete Tugenden sind nur Quälgeister der Menschheit, und in dem, was man an Frau und Fräulein Strodtmann zu preisen geneigt war, fand sich eine gewisse Ausartung vor.

Elisabeth hatte schon ihr dreiundzwanzigstes Lebensjahr erreicht, war ein sehr reizendes Mädchen, von tadellosem Rufe, vielseitiger Bildung und bedeutendem Talente, allein dessen ungeachtet fiel es keinem jungen Manne ein, sich ihr mit dem Wunsche zu nähern, sie als Gattin heimführen zu dürfen. Woran lag dies? Sie galt für gelehrt! Im Grunde mochte dies Urtheil richtig sein. Aber schloß ihre überwiegende Bildung denn die Eigenschaften aus, die zu einem glücklichen Familienleben nothwendig erscheinen?

Elisabeth Strodtmann war von ihrer Mutter, gegen ihren eigenen Willen, einer auswärtigen Erziehungsanstalt anvertraut, wo sie spielend gelernt, was Anderen furchtbare Anstrengungen verursachte. Sie las und schrieb und sprach englisch und französisch, wie deutsch. Unerhört für einen Bewerber, der das nicht konnte. Natürlich wich man von ihr zurück, weil man sich nicht zu blamiren wünschte. Elisabeth Strodtmann war mit einer schönen Stimme begabt, und sie erlernte spielend, wozu selbst Sängerinnen von Fach Monate gebrauchen. Natürlich ließ sie sich bei ihrer Zurückkunft in die Heimath nicht vergeblich um ein Lied bitten, und sie sang es so gut, wie die Primadonna vom Hoftheater. Eine Frau, die singt, ist aber einem nichtmusikalischen Manne ein Gräuel. Also applaudirte man und zog sich dann in seine Schranken zurück.

Hätte freilich Elisabeth Strodtmann ein Capital von zwanzigtausend Thalern als Mitgift gehabt, so würde man diese Bildung göttergleich gefunden und ihr Altäre gebaut haben, allein Elisabeth besaß gar kein Vermögen, denn die Einnahmen ihrer Mutter waren eine Rente, die mit deren Tode erlosch.

Das wußten alle heirathsfähigen Männer in der kleinen Residenz und deshalb konnten sie es nicht begreifen, wie Fräulein Elisabeth dazu kam, „die Welt etwas von oben herab, mit halb zugemachten Augen zu betrachten“, eine leidige Manier, die das junge Mädchen aus der Pension mit heimgebracht hatte.

[450] Ihre Art, sich zu bewegen, gab ihr allerdings den Anschein des Stolzes, aber hätte sich nur Jemand die Mühe genommen und durch diese halb verschleierten Augen hindurch in ihr Inneres geblickt, so würde sich sicher aus der kühlen Anerkennung ein so heißes Gefühl entsponnen haben, wie es Elisabeth als genügend zu ihrem Lebensglück für nothwendig hielt.

Es war an einem schwülen, von Regenschauern unterbrochenen Sommertage, als Elisabeth mit einem Anfluge von Ungeduld die Zimmer verließ, wo unter den Gesetzgebungen ihrer Mutter die Fußböden polirt wurden. Der Dunst war ihr unerträglich. Sie faßte zuerst versuchsweise an die Thür ihres Bruders und eilte, als sie diese verschlossen fand, unter die Marquise, die ihr selbst bei stärkerem Regen einen hinreichenden Schutz verhieß.

Hier traf sie ihr Bruder, der bald darauf heimkehrte. Er begrüßte sie lachend als eine „von der holländischen Nationaltugend in’s Exil“ Getriebene und nahm sie seltsam willfährig und eilig sogleich mit in sein Zimmer, das er hartnäckig gegen alle Polirversuche abschloß.

Draußen strömte gleich darauf der Regen vom Himmel hernieder, gleichsam, als habe er nur gewartet, bis die junge Dame unter Dach und Fach sei. Sie äußerte dies und rückte sich ganz behaglich am Fenster zurecht mit den Worten:

„Wie hübsch ist es bei Dir, Matthias! Heute wirst Du mich nicht wieder los!“

„Zugegeben,“ scherzte der Doctor, der sich die Maxime angeeignet hatte, niemals mit ernster Weisheit das zu behandeln, was mit Humor zu erlangen war. „Aber eine Hand wäscht die andere, Elsi!“

Elisabeth, von der anmuthigen Kinderbenennung süß bewegt, hob ihr schönes braunes Augenpaar, leuchtend in voller Theilnahme, zu ihrem Bruder auf und entgegnete:

„Nur heraus mit Deinen Bedingungen! Ich merke schon, es gibt wieder eine Kranke, die außer Doctorhülfe Frauentrost gebraucht. Was ist’s, Matthias? Du siehst seltsam aus – Du wirst roth – Bruderherz, hat Dich die Liebe vom Krankenbette aus getroffen?“

Der junge Arzt schüttelte hastig den Kopf. „Nichts dergleichen! Aber Du sollst eine arme junge Frau aufsuchen, die mir sehr hülflos erscheint –“

„Wer ist es, Matthias? Kenne ich sie? Von Stande?“ fragte das junge Mädchen hastig.

„Vielleicht hast Du schon von ihr gehört,“ antwortete er zögernd und nahm ein Buch zur Hand, augenscheinlich, um sich den scharfsichtigen Blicken seiner klugen Schwester zu entziehen. „Sie ist die Gattin des Regierungsassessors von Dahlhorst –“

„Die ist aber nicht krank, lieber Matthias,“ fiel Elisabeth rasch ein. „Ich habe sie vor einer Stunde hier vorbeigehen sehen und mich über ihr frisches, liebreizendes Wesen gefreut.“

„Nicht sie, aber der Mann ist krank, gefährlich krank, seltsam krank – ich weiß nicht, wie ich mich darüber ausdrücken soll,“ stammelte verlegen der Doctor, der für den Augenblick die Scharfsinnigkeit seiner Schwester sehr unbequem fand.

„Rede offen, Matthias,“ bat sie, ruhig den Blick senkend; „Du weißt, mir kannst Du vertrauen.“

„Gut! Elsi, die Sache steht dort traurig! Ich glaube, sie hungert und dürstet, um auszukommen und ihrem siechen Manne Leckereien zu schaffen.“

Elisabeth sprang entsetzt auf.

„Und ihr lebensfrohes Lächeln?“ fragte sie athemlos.

„Ist Maske! Es fehlen Sachen. Ich habe den Executor von der gerichtlichen Behörde gesehen. Ich weiß nicht Bestimmtes, Elsi, aber die arme junge Dame dauert mich unbeschreiblich!“

„Wie ist ihr Verhältniß zu ihrem Manne?“ forschte das Fräulein etwas mißtrauisch.

„Engelhaft gut! Er ist ein Kind ihr gegenüber – mir scheint, als beuge ihn Schuld unter ihren Willen oder Schwachheit – ich begreife es nicht! Gehe Du hin, meine liebe Elsi, ja?“

Er hielt ihr die Hand hin, sie schlug tapfer ein, aber mit bedenklichem Blicke betrachtete sie den glänzenden Tropfen, der unter seiner Wimper zitterte. Was war das? Sie kannte in dieser unerhörten Weichheit ihren Bruder nicht.

„Geduld! Es wird mir schon offenbar werden,“ dachte sie und fragte nicht weiter.

Eine kleine Weile verstrich unter dem gewichtigen Schweigen, das tiefes Nachdenken verräth. Dann begann der Doctor lachend:

„Weißt Du, wem ich heute meine Visite abstatten werde?“

Elisabeth, ordentlich erschreckt von dem schnellen Wechsel seiner Stimmung, fuhr auf und sah ihn fragend an.

„Ich muß noch hinaus nach Wolfenberg.“ Ein Purpurschein überflog Elisabeths Gesicht. Der Doctor gewahrte es und hielt verwundert inne. „Ah, Du weißt?“ fragte er gezogen.

„Was denn?“ entgegnete sie ungeduldig und nahm ihre Stickerei zur Hand, augenscheinlich, um sich jetzt den scharfsichtigen Blicken ihres klugen Bruders zu entziehen.

„Daß unser Lenchen dort in Wolfenberg beim Lord Felix ist?“

Elisabeth ließ ihre Hände mit der Arbeit sinken, wurde sehr bleich und sagte fest und gelassen:

„Nein, dies wußte ich nicht! Lenchen ist sehr klug! Dort wird sie durch ihre Schauspielertalente das gewiß erlangen, was ihr hier verunglückte!“

„Lord Felix ist natürlich entzückt von ihr,“ berichtete der Doctor weiter, ohne zu ahnen, daß jeder Buchstabe wie mit Widerhaken in das Herz seiner Schwester schlug.

„Und der alte, halb taube, halb irre und gelähmte Papa Mettling kann gar nicht fertig werden, sie zu loben und zu preisen,“ fügte er hinzu.

Ein bitteres Gefühl schien Elisabeth zu durchzittern.

„Lenchen hat ein gutes Herz,“ entgegnete sie dann still und resignirt. „Herr Felix Mettling wird leichter hingerissen werden, als Du – die Verhältnisse werden das Uebrige thun, Lenchen’s hübsches Aeußere wird den Ausschlag geben –“

„Aber Elsi, liebe Elsi, was träumst Du denn?“ unterbrach Matthias die junge Dame, die wie abwesend vor sich hin blickte und Visionen zu haben schien. „Denkst Du, der junge Mettling hätte nicht längst ein so hübsches Mädchen unter seinen Standesgenossen finden können, wenn er nur gewollt hätte?“

„O, daran zweifle ich nicht,“ lächelte Elisabeth bedeutsam und verrätherisch. „Aber Felix Mettling will erobert sein!“ setzte sie hinzu.

„Dann freilich ist Lenchen an ihrem Platze!“ rief der Doctor, laut lachend. „Wenn ich an die Komödien denke, die dies Mädchen zu meiner Eroberung aufgeführt hat, so möchte ich mich ausschütten vor Lachen. Sage nur, Elsi, wie mag die Thörin zu der Idee gekommen sein, mich zu lieben, oder vielmehr, mich heirathen zu wollen?“

„Durch Lectüre!“ antwortete Elisabeth sichtlich traurig. „Sie hat mir gestanden, daß sie niemals an eine Heirath über ihren Stand hinaus gedacht habe, bis sie eines Tages ein Buch gelesen, worin ein armes Mädchen, auch eines Proletariers Kind, mir nichts, dir nichts von einem Grafen geliebt und zur Gräfin erhoben worden wäre. Darauf hat sie sich vorgenommen, ihre eben so großen Verdienste richtig zu verwerthen und wenigstens Frau Doctorin zu werden, weil sich nicht gerade ein halb verrückter Graf zu ihrem Zwecke dargeboten hat.“

„Ich habe niemals ein größeres Erstaunen empfunden,“ rief der Doctor, indem er sich zum Fortgehen rüstete, „als in dem Momente, wo Lenchen, Mama’s Hausmamsell, wie eine Dame geputzt vor mir erschien und mir die Proposition machte, während Eurer Abwesenheit zu „repräsentiren“.

Ein Lächeln glitt über Elisabeths ernste Mienen.

„Es war eine Verirrung ihrer Phantasie,“ entschuldigte sie, „und Du hättest wohl etwas glimpflicher mit ihr umgehen können in Rücksicht darauf, daß sie als ein Zögling unserer Mama zu betrachten war.“

„Sollte ich das Mädchen etwa bei mir behalten und „repräsentiren“ lassen während der zwei Monate, daß Ihr im Bade weiltet?“ fragte Matthias ziemlich schroff, „Sollte ich, der unverheirathete Arzt, einen Funken glimmen lassen, der, vom Leumund zur Flamme angefacht, meinen Ruf für immer in ein zweideutiges Licht zu setzen verhieß? Nein, Elisabeth, die Stelle, wo ich stehe, muß selbst vom medisanten Lächeln verschont bleiben. Da ich mich nicht entschließen konnte, ein Mädchen von untergeordneter Bildung als Gattin zu wählen, so mußte sie auf der Stelle das Haus verlassen, in welchem sie diesen Rang zu usurpiren gedachte. Ich gehöre nicht zu den Männern, die eine Gattin neben sich haben, mögen, in deren Gegenwart sie sich ihren Geistesergießungen überlassen können, ohne eine Kritik zu fürchten. Die Bildung meines Fräulein Schwester hat wenigstens so viel gewirkt,“ fügte er scherzhaft hinzu, „daß ich eine Geistesebenbürtigkeit mit meiner Frau ganz [451] hübsch finde, Lenchen füllte ihre Stelle bei der Mama vortrefflich aus, aber meinen Ansprüchen genügte sie nicht!“

„Gottlob,“ flüsterte Elisabeth zufrieden vor sich hin, denn bei der Charakterfestigkeit des Doctors war zu erwarten gewesen, daß das thörichte Frauenzimmer, welches in unverstandener Gefühlsaufregung Pläne auf die Wirkungen ihrer Schönheit gebaut hatte, wirklich zu ihrer Schwägerin erhoben sein würde, sowie ihres Bruders Interesse geweckt wäre. Der Gedanke an diese Möglichkeit bewegte sie fast zum Zorne. Hier fand sich die Ader des Stolzes, welcher ihr Wesen charakterisirte. Eine Heirath von Gründen rein sinnlicher, erbärmlicher Art geschlossen war eine Erniedrigung für sie, und sie würde in festgehaltener Consequenz die Häuslichkeit ihres Bruders gemieden haben, wenn dort ein Wesen gewaltet, das sich aus untergeordneten Regionen, sowohl des Geistes, als des Standes, zu der Würde einer Hausfrau emporgearbeitet hätte.

„Seit wann ist Lenchen beim alten Herrn Mettling?“ fragte das Fräulein sehr ruhig.

„Genau weiß ich es nicht,“ erwiderte Matthias, der inzwischen Hut und Regenschirm ergriffen hatte und zum Fenster getreten war, um nach dem Wetter zu sehen.

„Wahrscheinlich vierzehn Tage,“ sprach sie eben so ruhig und fädelte ihre Nähnadel mit fester Hand ein.

„Warum? Wie kommst Du darauf?“

„Weil Felix Mettling seit vierzehn Tagen unser Haus nicht betreten hat!“

Der Doctor sah überrascht zu ihr hin, konnte aber nur ihre wolkenlos heitere Stirn sehen, da sie das Gesicht emsig thätig auf ihre Stickerei niedergesenkt hielt, vielleicht tiefer, als eigentlich nöthig war.

„Du magst Recht haben!“ erklärte er. „Vierzehn Tage lang bin ich nicht beim alten Herrn gewesen.“

„Mußt Du heute hinaus?“ forschte sie. -

„Ja, der Alte ist unwirsch. Sein Blut muß gesänftigt werden. Ich habe Senfteig dazu besorgt, Felix schickte zu mir auf’s Hospital –“

Elisabeth hob in voller Ueberraschung ihren Kopf.

„Dorthin? Sonderbar! Du wirst mir wahrscheinlich eine Verlobungserklärung des jungen Herrn mit Lenchen zu überbringen haben. Ich bin darauf gefaßt!“

„Ihr Frauen seid doch wahre Phantastinnen!“ rief Matthias heiter. „Eure Folgerungen streifen an Irrsinn. Höre, Du weise Philosophin – weil also Lord Felix zu mir nicht in’s Haus, sondern in das Hospital gesendet hat, um mich nach Wolfenberg zu citiren, so muß er sich mit Lenchen, unserer ehemaligen Hausmamsell, verlobt haben! Eine prächtige Logik, die Deinem Verstande alle Ehre macht!“

Er stellte sich mit dem besten Willen zu einer gründlichen Neckerei vor ihr auf, und wartete ihrer Antwort. Diese blieb aus. Nicht Elisabeth’s Verstand, sondern ihr Herz hatte gefolgert, und das Herz eines Mädchens zeigt sich bisweilen unglaublich schlau.

„Oder hast Du noch andere Gründe für Deine Vermuthung?“ fragte der Doctor etwas betroffen über die Schatten, die wie Wolken über das reizende Gesicht seiner Schwester flogen, jedoch muthig von ihr bekämpft wurden.

„Nein, Matthias! Aber wenn Du aus eigener Erfahrung weißt, daß wir den gewöhnlichen Weg zu vermeiden pflegen, wenn er uns beschämende Erinnerungen bietet, so wirst Du meinen Ausspruch nicht ganz verwerfen können,“ entgegnete das junge Mädchen sehr ernst.

Der Doctor bewegte spottlächelnd seinen Kopf hin und her, schritt mit einem „Adieu“ zur Thür, und verließ unter der Ermahnung, um Gottes Willen Mama’s Putz- und Scheuertücher nicht einzulassen, sein Zimmer.

Der Regen hatte bis auf ein leichtes, kaum bemerkbares Sprühen aufgehört. Doctor Strodtmann schlenderte sacht und gemüthlich den Weg nach Wolfenberg dahin, der durch Gebüsch neben einem sprudelnden Gebirgsbache entlang lief. Er selbst hielt keine Equipage, und er hatte die des Herrn Mettling bestimmt abgelehnt, weil der Fußweg nach Wolfenberg ein sehr anmuthiger Spaziergang war, während der Chausseeweg unendlich lang und schattenlos sich ausdehnte. Einem Eingeborenen des Gebirges sind aber glatte Wege das langweiligste Vergnügen, daher zog Herr Doctor Matthias Strodtmann den auf und ab gewundenen, durch Baumwurzeln und Felsstückchen vielfach uneben gemachten Fußsteig, zwischen Haselstauden und uralten Buchenstämmen fortlaufend, bei weitem der bequemen Landstraße vor, und wenn er sie auch zu Wagen passiren konnte.

Seine Gedanken irrten unter seiner einsamen Wanderung zu den letzten Worten seiner Schwester zurück, und ein blendender Lichtstrahl erhellte ihm plötzlich den Theil ihres innersten Wesens, woraus ihm eine Erklärung dieser Worte erwachsen konnte.

Der junge Herr Mettling, welchen der Witz des Publicums sehr bezeichnend mit dem Titel „Lord Felix“ beehrt hatte, gehörte zu seinen liebsten Bekannten, obwohl er nicht umhin konnte, manches an ihm wegzuwünschen, was seine wirklich edle Natur verunstaltete. Es waren dies nur Auswüchse eines männlichen, ungezügelten Uebermuthes, die ganz gewöhnlich in einem soliden Eheleben von selbst verschwinden und sich unter der sorgsamen Obhut einer vernünftigen Frau zu Liebenswürdigkeiten gestalten können.

Lord Felix liebte Wein, Weib und Gesang gleich dem besten Jünger des respectablen Doctor Martin Luther, der sich einen ewigen Ruhm durch den Ausspruch erworben hat: „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang!“

Aber den Gesang, welchem der Lord Felix seine Huldigungen darbrachte, den trennte er, als ein höchst unmusikalischer Mann, gänzlich vom Weibe und fand, gelinde gesagt, „singende Damen unerträglich“.

Von diesem Gesichtspunkte aus erkannte der lustwandelnde, über Baumwurzeln und Felsblöcke dahin schreitende Doctor Strodtmann plötzlich den Theil in Elisabeth’s Brust, welcher ihm ein weites Feld theils beglückender, theils beängstigender Vermuthungen darlegte. Er erinnerte sich mit Schrecken, daß seine Schwester seit einiger Zeit die Eitelkeit auf ihre hübsche Stimme verloren habe, und zwar, wie er ganz genau berechnete, seit dem Tage, wo er ihr die offenherzige, harte Kritik seines übermüthigen Freundes Felix Mettling mitgetheilt hatte.

Er erkannte gründlich, wie die Sachen standen, und es begann ihn zu ärgern, daß besagtes Lenchen – ci-devant Hausmamsell seiner Mama und von Geburt einer Waschfrau Kind, das Madam Strodtmann sich herangebildet und zur Hand gezogen – das Glück seiner Schwester zu beeinträchtigen drohe.

Fiel der heißblütige, leichtsinnige Lord Felix in die Garne dieses hübschen, etwas dreisten, keck der Welt trotzenden Mädchens, das es vollkommen auf eine Heirath in höheren Kreisen abgesehen zu haben schien, so war er mit allen seinen Anlagen zum Guten für diese Welt verloren. Nur einer Frau von gewiegtem Wesen konnte es gelingen, den jungen Lebemann aus seinem Wuste von Irrthümern heraus zu arbeiten und seiner Seele den nöthigen Firniß zu verleihen. Bei besagtem Lenchen war ein gänzliches Versinken in gemeine Alltäglichkeit vorauszusehen, und das wäre in allen Fällen Schade gewesen, gereichte aber speciell in diesem Augenblicke dem lustwandelnden Doctor Strodtmann zur wahren Betrübniß.

Der junge Herr übersah nämlich, praktisch genugsam geübt, keineswegs, was für eine glänzende Lage des Lebens Lord Felix seiner künftigen Gattin darzubieten habe, und er war schon zu sehr im Lebensgenuß gereift, um dies nicht, im Hinblick auf Elisabeth, so hoch anzuschlagen, wie es verdiente.

Die Meinung der Welt hatte wenigstens darin Recht, daß sie dem seinen, comfortabeln Leben im Hause der Madam Strodtmann eine gewisse Einwirkung bei allen Lebensplänen des jungen Arztes zuschrieb, wenn sie auch darin irrte, daß er Gesetze danach entwerfen solle, die seine Heirathsgedanken zu regeln vermochten. Eine befriedigende Häuslichkeit war das Ideal seiner Zukunft, und er machte dies nicht von einer reichen Mitgift, sondern von einer erprobten Herzensgüte und überwältigenden Liebenswürdigkeit abhängig.

Während er im stillen Nachsinnen über die sonderbare Herzensregung Elisabeth’s sich Wolfenberg nach und nach näherte, erheiterte sich auch sein Mienenspiel nachgerade, und er beschloß, im Einklange mit seinen Principien, die schöne Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen, um ein kaltes Sturzbad über die lodernde Gluth seines Freundes, von der ihm der alte Bediente Friedrich kopfschüttelnd erzählt hatte, zu schütten. Er mußte versuchen, die Macht der kleinen, verführerischen und dabei muthvollen Hausmamsell seiner Mama dadurch zu beschränken.

Daß dies zu spät kommen könnte, fiel ihm gar nicht ein. Es hätte in seinen Augen die Thorheit eines Mannes auf die höchste Spitze gehoben, wenn er innerhalb vierzehn Tage sein ganzes zeitliches Wohl einer Circe von so unbedenklich ordinärem Werthe geopfert. Denn wie weit verlockende Blicke das Blut, diesen Urquell [452] aller organischen Bewegung, in Allarm bringen und wie leicht ein einsames Beisammenleben in romantischer Gegend unter der Mitwirkung eines wilden, schönen Sommerabends männliche Uebereilung wecken kann, davon wußte der gute, etwas phlegmatische Doctor Strodtmann trotz aller medicinischen Kenntnisse und aller ärztlichen Erfahrungen doch nicht hinlänglich Bescheid, um das Aergste zu erwarten.


II.

Wolfenberg war ein Dorf ganz in der Nähe der Residenz, das sich zwischen zwei waldigen Hügelketten als eine einzige lang ausgedehnte Straße bis zu einigen grotesken Felsengebilden hinanzog. Durch die Lage begünstigt, hatte sich der Wohlstand der Dorfbewohner in den letzten Jahrzehnten bedeutend gehoben, als es Mode wurde, einen Theil des Sommers in frischer, freier Luft zuzubringen. Auch einige Herrschaften in der kleinen, frei und schön gelegenen Residenz fanden die Luft in Wolfenberg für ihre Athmungswerkzeuge zweckdienlicher, und baueten sich kleine Villen voll prunkhafter Ländlichkeit in dem geräumigen Thale, um nicht immer in der Residenz und doch auch nicht allzufern davon zu sein.

Etwas ab vom gewöhnlichen Straßendamme, aber doch nicht aus der Gesichtsweite desselben hatte der Großhändler Mettling, der Vater des Lord Felix, ein Häuschen erbaut, das klein, aber im höchsten Grade bequem und zum Sommervergnügen geeignet war.

So lange der Großhändler Mettling gesund gewesen war und eine Gattin besessen hatte, wurde dies Gartenhaus nie bewohnt, sondern nur als Ziel einer Spazierfahrt, eventualiter Spaziergang, benutzt. Jetzt, wo der alte Herr Wittwer und ein hülfloser, vom Nervenschlage reducirter Krüppel war, nahm er seinen Sommeraufenthalt dort, um ungenirter in seinem Rollstuhle spazieren fahren zu können.

Sein Sohn Felix, gutmüthig und immer heiter, besuchte ihn täglich. Seitdem aber Lenchen, der Madame Strodtmann Hausmamsell, zur Pflege des alten Herrn engagirt worden war, da hatten sich diese täglichen Besuche bedenklich geändert.

Lord Felix fand die Residenzluft plötzlich nicht zuträglich für seine Luftröhre, und zog es vor, sein brillantes, fürstlich decorirtes Schlafgemach gegen das kleine winzige Schlafcabinet in Wolfenberg zu vertauschen.

Vierzehn Tage hatten hingereicht, den jungen Mann in Ketten zu schmieden, die er in bewußtlosem Behagen sehr hübsch fand.

An dem Tage, wo er auf ausdrücklichen Befehl des alten Herrn den Doctor Strodtmann zu einem Besuche in Wolfenberg auffordern ließ, war seine Stimmung ein wenig gestörter als sonst, was jedoch dem hübschen Lenchen keineswegs zum Nachtheil zu gereichen schien. Mittag war vorüber. Der alte Herr, reizbar und mürrisch, zänkisch und verdrießlich, hatte sich zu seinem Mittagsschläfchen in sein Zimmer führen lassen.

Der Regen verscheuchte Herrn Felix aus der Veranda, woselbst er mit Paschaeleganz seinen Mocca zu trinken beliebte. Er verfügte sich in das sogenannte Gesellschaftszimmer, und rief bei seiner Flucht vor dem stark herniederauschenden Regen heiter in den Hintergrund des Häuschens hinein:

„Helene – ich bin im Salon, wenn Sie mich suchen sollten.“

Gleich darauf erschien das in Helene metamorphosirte Lenchen melodisch kichernd auf der Schwelle des Salons, und schwebte mit der Grazie einer – Kammerzofe, trippelnd und gaukelnd, wie eine Tänzerin vom Fach, auf den jungen Herrn zu, der ihr mit Sultansfreundlichkeit den schönen, äußerst weit entblößten runden Arm klopfte. Lenchen war unbestritten ganz allerliebst und mit ungewöhnlichen Reizen geschmückt. Wenn solche Vorzüge ausreichend sind, ein Mädchen aus dem Volke zu der Stellung höheren Ranges würdig zu machen, so hatte Lenchen Anwartschaft darauf. Schöne, funkelnde Augen, rosige Wangen, weiße Zähne, blondes reiches Haar und ein üppiges Lippenpaar. Auf allen diesen Reizen lag aber der Stempel der Gewöhnlichkeit. Es war ein Kuchengesicht in aller Form. Eben so wenig anziehend erschien einem reinen Blicke die Ueppigkeit ihres Wuchses, dem sie durch eine gewagte Indecence Anziehungskraft verleihen zu wollen schien. Die Hitze des Sommers mußte die Entschuldigung für weitentblößte Schultern herleihen, und die Art, wie Lenchen bisweilen Athem schöpfte, ließ eben so gut eine innere als äußere Wärme erwarten.

Lord Felix war niemals ein Kostverächter gewesen. Seine Augen zeigten also ein stilles, glimmendes Feuer, als das junge Mädchen ihm schnell nahe trat und mit verführerischer Demuth seine Liebkosung hinnahm, die er ihrem hübschen Arme angedeihen ließ.

Er sah sie, in seiner behaglichen Stellung verbleibend, mit warmen Blicken an, und sie blickte mit eben so warmen, aber etwas listigern Augen zu ihm nieder. Dabei verirrte sich ihre geliebkosete Hand zuerst auf seine Schulter, als er den Arm um ihre Hüfte schlang, und machte Miene, einen Kreislauf um seinen Hals zu wagen.

„Was wird denn aus uns?“ fragte der junge Herr mit einer Manier, die viel von Herablassung in sich trug, aber auch eben so gut einen schon gereiften Entschluß zu verrathen Miene machte. Er liebte es überhaupt, sich nicht bestimmt auszudrücken, und fand grundsätzlich stets das einfachste Wort für erhabene und edele Gedanken.

„O – ich weiß, daß ich einem edlen Männerherzen trauen kann!“ flüsterte Lenchen schmachtend. „Was Sie beschließen, ist – mein Himmel!“

Der junge Mann lächelte. Der „Himmel“ war etwas unpassend angebracht. Aber es schadete nichts.

„Mit dem Papa ist trotz seiner Hinfälligkeit nicht zu spaßen – außerdem ist mir Scandal im Hause unangenehm. Aber die Trennung von meiner hübschen Helene würde mir nichts weniger als angenehm sein –“

„Häuser trennen ja nicht, so lange noch Thüren darin sind –“ schmachtete das schöne Mädchen in lächerlicher Naivetät, und neigte sich etwas gewagt zu ihm nieder.

„Ach, das wäre unbequem. Nein, mein süßes Helenchen muß hierbleiben, bis –“

Lenchens ganzer Körper erzitterte vor Wonne bei diesem „bis“. Unschuldige Thränen lösten sich von ihren holdgesenkten Wimpern – sie ahmte ganz gewiß jene Heldin nach, die das Glück gehabt hatte, einen Grafen zu begeistern. Aber „mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten“ – ein Schatten verdunkelte in diesem schicksalsschweren Augenblicke das niedrige Fenster, das schwarze, wassergetränkte Zelt eines Regenschirmes glitt daran vorüber, und Lord Felix sah zu seinem grenzenlosen Erstaunen eine leichte, elegante Frauengestalt in der Veranda erscheinen, die für den ersten Moment nur mit dem Schließen ihres triefenden Schirmes beschäftigt war.

Als würde er von einem bösen Geiste gejagt, so gewaltsam erhob sich der junge Herr von seinem gefährlichen Sitze, den Lenchen zu theilen Anstalten traf, und flüchtete mit den leisen Worten:

„Lassen Sie die Dame eintreten – ich komme sogleich zurück –“ durch eine Seitenthür in sein Schlafcabinet.

Rasch gefaßt, trat Lenchen nach der Veranda hinaus und hieß die Dame, in der sie sogleich die Assessorin von Dahlhorst erkannte, willkommen.

Frau von Dahlhorst wendete sich mit einigen Entschuldigungen zu ihr, überließ ihr aber Mit der Gelassenheit der Dame einer Dienerin gegenüber willig und gern die weitere Sorge für ihren Schirm. Das holde, blasse Gesicht der zarten Frau färbte sich mit einer ganz absonderlichen Röthe, als sie dabei fragte, ob sie Herrn Felix Mettling in Wolfenberg anträfe und ob sie ihn nicht sogleich allein sprechen könne.

Lenchen richtete sich mit einer gewissen Würde empor und bat sie, nur näher zu treten.

„Melden Sie mich,“ bat die junge Dame leise und richtete ihren Blick, in dem Wolken schwebten, suchend in dem Salon umher, der offen stand.

„Das ist nicht nöthig, gnädige Frau,“ antwortete Lenchen geziert. „Er hat sie gesehen, und wird sogleich wiederkommen!“

Nach einem ziemlich verwunderten Blicke über das „Er“ ließ sich Frau von Dahlhorst in einem der Fauteuils nieder, und dabei trat eine sichtliche Erschöpfung hervor, die sie auch zwang, ihre Stirn auf einige kurze Momente in die Hand zu stützen.

Natürlich sprach sie darüber nicht, und da Lenchen in der Voraussicht ihrer baldigen Ebenbürtigkeit sich nichts vergeben wollte, so fragte diese auch nicht darnach.


(Fortsetzung folgt.)

[453]

Originalmittheilungen vom Kriegsschauplatze.

IV. Eine Begegnung mit Garibaldi.

Man mag was immer für einer politischen Meinung in dem gegenwärtigen Kriege angehören, so wird man doch vom militärischen Standpunkte der kriegerischen Organisation und umsichtigen Leitung der franco-piemontesischen Armee gerecht werden müssen. Namentlich zeigt die Führung beider Armeen sowohl im großen wie im kleinen Kriege von vieler Umsicht, Kenntniß und Kühnheit, und die überraschenden Resultate, welche binnen zwei Monaten in Piemont, sowie auf den lombardischen Feldern erlangt wurden, sprechen mehr als alle Berichte und Gefechtsrelationen. Hinsichtlich des kleinen und Parteigängerkrieges, welcher in einem Kampfe mit politisch-nationaler Tendenz, wie der italienische, von besonderer Wichtigkeit ist, gebührt dem General Joseph Garibaldi ohne Widerrede der erste Rang. Wohl über keinen bedeutenden Mann der Neuzeit sind so widersprechende Ansichten und Urtheile, so verschiedene Gerüchte und Charakterschilderungen laut geworden, wie über Garibaldi. Während ihn die Einen als einen poetischen Helden Italiens mit allen Tugenden eines uneigennützigen Patrioten erheben, ihn ein militairisches Genie nennen, das nur die Werbetrommel zu rühren brauche, um in kurzer Zeit eine Schaar verwegener Bursche zu versammeln, jeden Augenblick bereit, für den geliebten Führer in den Tod zu gehen, – zeichnen ihn Andere mit den schwärzesten Farben, nennen ihn einen komödienhaften Abenteurer ohne Muth und Geschick, ja schieben ihm sogar die gemeinsten Verbrechen unter, obwohl hinsichtlich dieser Beschuldigung auch nicht der leiseste Schein der Rechtfertigung vorliegt. Mit einem Worte, es scheinen uns auf dieses sonderbare Gemisch von panegyrischen Urtheilen und Anschauungen, gehässigen Anklagen und Verdächtigungen ganz vornehmlich die Verse Schiller’s zu passen:

„Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ – –

Garibaldi’s Villa in Nizza. (Nach einer Originalzeichnung unseres Correspondenten.)

Es war im Monat December des verflossenen Jahres. Ich kehrte damals über Venedig, Mailand und Genua nach dem reizenden Nizza zurück, wo selbst in den strengsten Wintermonaten der Himmel blau und sonnig ist, während in den Orangen- und Citronenhainen die duftenden Früchte gleich goldenen Kugeln zwischen den hellgrünen Zweigen schimmern, und eine würzige Luft über die tiefblauen Wellen des Mittelmeeres weht. Die nette Stadt mit ihren weißen Häuserreihen am Meeresstrand, mit ihren koketten Villen auf den Olivenhügeln und der prachtvollen Alpenscenerie im Hintergrunde war schon mit Fremden überfüllt. Angehörige aller Nationen Europa’s geben sich hier jeden Winter ein freundliches Stelldichein, um sich im Immergrün dieser wundervollen Landschaft, an dem Wohlgeruch der Luft und an der milden Sonne des Südens zu laben, während zu Hause, im fernen Norden, der rauhe Wind durch die Straßen der Städte und über die traurigen, schneebedeckten Felder streift.

Eines Abend erhielt ich eine Einladung von einer mir schon aus früherer Zeit bekannten Familie, deren gastliches Haus einen ungezwungenen, freundlichen Mittelpunkt der Fremdencolonie bildete und Liebenswürdigkeit, Wohlstand und künstlerischen Sinn auf eine schöne, harmlose Weise zu verknüpfen verstand. Alles, was Nizza in künstlerischer Beziehung Interessantes bot, Sänger, Musiker, Maler, Schriftsteller, sowie andere hervorragende Männer der Gesellschaft und liebenswürdige Damen, fand man in diesem elegant und behaglich eingerichteten Salon vereinigt, wo die Dame und der Herr des Hauses, Beide Italiener, auf die zuvorkommendste Art die Honneurs machten. So war es auch an jenem Abend, an dem ich die erwähnte Einladung erhielt.

Am großen Kamin, in den Ecksophas und Fensternischen bildeten sich Gruppen und unterhielten sich in allen Sprachen Europa’s. Italienisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Schwedisch, Polnisch und Russisch klang in einem sonderbaren Gewirre durcheinander, aber überall herrschte die ungezwungenste Laune, der heiterste, gesellschaftliche Sinn; man sah es hier deutlich, daß die wahre Bildung kosmopolitischer Natur sei, die jedes nationale Vorurtheil, jeden absurden Racenhaß aus ihrem Kreise verbannt.

Mit einem Male öffneten sich die Flügelthüren des Salons und ein Diener annoncirte: „Il Signore Generale Garibaldi!“ Dieser Name durchzuckte wie ein elektrischer Schlag die Gesellschaft. Viele der Anwesenden, darunter auch ich, hatten den berühmten [454] Guerrilla-General noch nicht gesehen, denn er war erst wenige Tage in seiner Geburtsstadt Nizza[1], wohin er von der Insel Sardinien gekommen, wo er sich als friedlicher Bürger mit Ackerbau und Landwirthschaft beschäftigte. Durch die geöffnete Thür trat ein Mann im einfachen schwarzen Kleide, von mittlerer Größe. Das blonde, halblange Haar einfach zurückgekämmt, ließ eine hohe, edelgeformte Stirn sehen, während der freundliche Ausdruck der großen blauen Augen – eine Seltenheit bei den Italienern, namentlich bei den Bewohnern des südlichen Landestheiles, zu dem Nizza gehört – auf einen geraden, offenen Charakter schließen ließ. Oberlippe und Kinn beschattete ein blonder, in’s Graue spielender Bart, während sich um die Mundwinkel und an der Stirn einige leichte Falten zeigten, die wohl die verschiedenen Schicksale, Leiden und Gefahren, die er bestanden, ihm frühzeitig aufgedrückt haben mochten. Seine Landsleute, die ihn schon in früheren Zeiten, d. h. vor den bewegten Jahren 1848 und 1849 kannten, behaupteten, daß er sich im Laufe der letzten zehn Jahre merklich verändert hätte und jetzt älter aussehe, als er es wirklich sei. Er hatte aber auch in diesem Zeitraume die härtesten Schicksalsschläge zu bestehen. Seine mit aller Treue, Liebe und Aufopferung ihm anhängliche Frau, die selbst die gefährlichsten Expeditionen mit ihm theilte und, fortwährend zu Pferde, nie von seiner Seite wich, verlor er im Jahre 1849 auf seinem berühmten Zuge von Rom nach San Marino, wohin er sich mit 800 entschlossenen Leuten, darunter einem deutschen Officier, Namens Hofstetter, mitten durch die französische und österreichische Armee schlug, die ihm überall an den Fersen war, ohne ihn erhaschen zu können. Unfern von San Marino erlag seine edle Frau den Leiden, Entbehrungen und der brennenden Sonnenhitze, die ihr ein tödtliches Fieber zugezogen. Er mußte ihre Leiche zurücklassen, und begrub sie selbst in einem schattigen Olivenhain in der classischen Erde des alten Rom. Er nahm ein Stückchen dieser heiligen Erde mit und verwahrte es in einer Kapsel, die er bis heute als ein theures, schmerzliches Andenken wie ein Medaillon um den Hals trägt!

Im Jahre 1853 verlor er bei einem mexicanischen Bankhause einen bedeutenden Theil seines Vermögens, und vier Jahre später ging ein ihm zugehöriger Kauffahrer zu Grunde. Es blieb ihm fast nichts als eine bescheidene Villa an der Promenade „Vittorio Emanuele“ in Nizza, welche unfern des kleinen, aber malerischen Hafens beginnt. Wir geben von dieser Besitzung, welche von Orangen-, Oleander- und Olivenbäumen halb versteckt am Meeresufer liegt, anbei eine getreue Abbildung.

Diesen erschütternden Verlusten gegenüber mußte er auf eine neue Thätigkeit und Arbeit denken. Er hatte die Absicht, auf der höchst fruchtbaren, durch eine wundervolle Vegetation ausgezeichneten, aber noch im halbwilden Zustande befindlichen Insel Sardinien eine große landwirthschaftliche Colonie zu gründen, und durch diese Handelsbeziehungen mit Genua, Livorno und anderen Häfen des Mittelmeeres anzuknüpfen. Er war schon an die Ausführung seines Planes gegangen, als mit einem Male der italienische Krieg ausbrach. Er zögerte nicht, den friedlichen Spaten neuerdings mit dem Degen zu vertauschen, und bald rief ihn das Vertrauen des Königs Victor Emanuel als General-Major in das piemontesische Heer.

Im Umgange ist Garibaldi sehr freundlich und mittheilsam, ohne geschwätzig zu sein. Seine großen, hellen Augen, die er fortwährend auf Den richtet, mit welchem er gerade spricht, nehmen oft einen Ausdruck von Bonhomie und poetischer Schwärmerei an, der aber einen energischen Zug um den Mund nicht ausschließt. Seine Bewegungen sind leicht und ungezwungen, wie es die eines Mannes der guten Gesellschaft sein sollen. Bei Damen ist er besonders zuvorkommend, galant und ritterlich. Auch in jener Abendgesellschaft, wo ich ihn zum ersten Mal sah, unterhielt er sich mit feiner Liebenswürdigkeit längere Zeit mit der schönen, jugendlichen Hausfrau und andern Damen; ja als diese nach dem Thee in einem Nebensalon einen Contredanse arrangirten, schlug er eine lächelnde Einladung der Hausfrau, mit ihr in die Reihen der Tanzenden zu treten, nicht aus, und ich muß sagen, er entledigte sich auch dieser angenehmen Aufgabe mit Anstand und Grazie. Dies ist also der berühmte Guerrilla-General – oder wie ihn einige deutsche Journale zu nennen belieben – der „Räuberhauptmann“ Garibaldi!

Heute streift er in den Bergen von Sondrio oder in den Thälern des Baltelingebiets umher, nachdem er in Sesto-Calende, Varese, Como, Bergamo, Iseo und Brescia mit seinen kriegsgeübten, verwegenen Schaaren als Sieger seinen Einzug hielt, und wird nächstens nach Mailand marschiren. Die Legion Garibaldi’s dürfte sich gegenwärtig auf ungefähr zwölftausend Mann belaufen, die größtentheils aus Infanterie und nur einer kleinen Abtheilung Reiterei (Guiden) besteht. Die Kleidung und Bewaffnung der erstern ist ganz die der piemontesischen Bersaglieri; nur die Farbe der Waffenröcke ist grau mit grünem Kragen und Vorstoß. Der runde Federhut, das Faschinmesser und die sichere Miniébüchse sind wie bei den Bersaglieri. Indessen tragen die Garibaldischen Jäger in der gegenwärtigen heißen Jahreszeit auch blaue, leinene Blousen, graue aus ähnlichem Stoffe gemachte Pantalons und eine leichte Mütze. In einer Jagdtasche verwahren sie die nothwendigste Wäsche, Munition und etwas Mundvorrath. Plötzliches, unverhofftes Erscheinen, Raschheit und Präcision bilden die Hauptbedingungen der Garibaldischen Manöver. Oft nehmen, wenn es einen Ueberfall oder eine rasche Expedition gilt, die 1300 Lanzenreiter, welche die Legion zählt, je einen Infanteristen hinter den Sattel und erscheinen, während das Gros aus Wagen und Maulthieren folgt, plötzlich in den Flanken oder im Rücken des Gegners. Glaubt Garibaldi einen Ort oder eine Position nicht halten zu können, so wählt er sich eigenthümliche Kundschafter, die ihm später auf seiner Rückzugslinie Nachrichten von den feindlichen Bewegungen bringen. Kommt er nämlich nach einer Stadt oder Ortschaft, aus der er wegen der feindlichen Uebermacht wieder bald zurück zu weichen glaubt, so nimmt er dahin aus den Dörfern und Flecken, welche auf seiner Rückzugslinie liegen, eine Anzahl Hunde mit, welche einigen Vertrauten in der zeitweilig besetzten Ortschaft übergeben werden. Erfolgt nun wirklich der Rückzug und das Einrücken des Feindes in die verlassene Position, so notiren jene Vertrauten mit größter Sorgfalt die Zahl und die Bewegungen der Oesterreicher, binden den betreffenden Zettel einem der Hunde unter das Halsband oder in die Wolle und lassen ihn laufen. Das Thier läuft natürlich schnurstracks nach seinem Heimathsorte, d. h. zu Garibaldi, dessen Leute den sonderbaren Boten einfangen und die mitgebrachte Depesche dem General übergeben. Die Oesterreicher haben zwar die Sache entdeckt und schießen auf alle Vierfüßler, welche über die Vorpostenlinie laufen, allein diese sind natürlich noch schwerer zu treffen, wie die Garibaldischen Jäger.

Einer andern Kriegslist bediente sich Garibaldi bei Varese, mit der wir unsere heutige Skizze beschließen wollen. Er hatte nämlich in Sesto-Calende erfahren, daß ihm die Oesterreicher in Varese wenigstens um das Dreifache überlegen seien und Miene machten ihn anzugreifen, um ihn über den Tessin oder den Lago maggiore zurückzuwerfen. Rasch war sein Entschluß gefaßt. Er schickte den Obersten Medici mit etwa 300 Reitern und 600 Jägern gerade gegen Varese, während Garibaldi selbst mit dem Gros in geringer Entfernung nachfolgte. Es brach eben die Nacht herein, als die Spitze der Colonne unter Medici unweit Varese auf den Feind stieß, der sehr lebhaft angriff. Ein heftiges Feuer entspinnt sich, die Garibaldischen Cacciatori fallen zur Freude der Oesterreicher wie Mücken, der Rest ergreift nach kurzem Widerstande die Flucht. Nun rücken die Oesterreicher hitzig nach und stoßen auf das Gros Garibaldis, das sich aber ganz verteufelt zur Wehre setzt. Plötzlich kracht im Rücken der Oesterreicher eine Décharge, während zugleich der Ruf: „Evviva Garibaldi“ ertönt. Die Oesterreicher, an eine Umgehung glaubend, wenden sich, jagen in wilder Hast querfeldein nach Varese zurück und berichten dem dort commandirenden General Urban von einer feindlichen Macht von „30,000 Mann!“ – Es waren aber blos die bei dem ersten Angriff gefallenen und todt geglaubten Jäger Garibaldi’s, welche, von der Dunkelheit der Nacht begünstigt, hinter dem Rücken der Oesterreicher wieder lebendig wurden und diese herzhaft angriffen. Der General Urban hatte nichts Eiligeres zu thun, als Varese über Hals und Kopf zu räumen, um sich nach Como zurückzuziehen, das er später auch verlor. Gegen 2 Uhr Morgens rückte Garibaldi mit nur 5000 Mann in Varese ein.

A. C. W.
[455]

Elemente der Naturwissenschaften.

Von Emil Th–en.

In unserer Zeit des Fortschritts, wo Wissenschaften und Künste einen so hohen Grad von Ausbildung erreicht haben, sind es von erstern besonders die Naturwissenschaften, die sich, neben einer Staunen erregenden Erkenntniß unter den Eingeweihten, einer sehr großen Verbreitung unter den Laien erfreuen.

Die meisten Jünger, auch im Volke, zählen zu denselben die Chemie und Botanik, wohl auch die Mineralogie, und wie es den Anschein hat, ist eine Zeit nicht zu fern, in welcher eine gewisse Kenntniß dieser Wissenschaften, der Chemie zumal, eben so zum guten Tone gehören wird, wie jetzt eine solche der Classiker, sowie eine Fertigkeit in Musik.

Bei der populären wissenschaftlichen Bildung macht sich aber besonders ein Uebelstand bemerkbar, welcher der weiteren Ausbildung oft hemmend in den Weg tritt, ich meine den, daß sie bei den Meisten einer einigermaßen soliden Grundlage entbehrt. Will man jedoch irgend eine Wissenschaft treiben und zwar mit einigem Erfolg, so muß man zunächst einen festen Grund legen; es ist unbedingt das Erste, daß man sich vollkommen darüber klar wird, was die betreffende Wissenschaft eigentlich bezwecke, worüber sie von vorn herein handelt, daß man sie überhaupt zuerst in ihren Elementen zu erlernen sich bestrebt. Unterläßt man dies, so ist ein festes Wissen nie möglich, es fehlt der Grund, und ohne diesen ist ein festes Fortbauen nicht denkbar.

Die vorliegende Zeitschrift hat ihren geehrten Lesern schon eine sehr große, reichhaltige Auswahl von Aufsätzen aus allen Reichen der Naturwissenschaften gebracht, aber sicher fehlt noch vielen der Leser die erwähnte nöthige Grundlage, um sich vollkommen darüber verständigen, darin orientiren zu können. Es dürfte deshalb auch diese Arbeit geneigte Aufnahme finden, deren Zweck es sein soll, Aufklärung über genannten Punkt zu verschaffen.

Die Naturwissenschaften bilden, zu einem Ganzen zusammengefaßt, die Lehre von der Natur. Unter Natur versteht man, in wissenschaftlicher Beziehung, nicht den Gegensatz von Kunst, sondern alles mit den Sinnen Wahrnehmbare auf unserer Erde, die gesammte Körperwelt unseres Planeten. Die Lehre von der Natur nun, also von all diesen Körpern, zerfällt zunächst in zwei Haupttheile, nämlich in:

1. Naturkunde oder Naturlehre und
2. Naturbeschreibung oder Naturgeschichte.

Die Naturkunde lehrt uns, in welcher Weise die Naturkräfte auf die Naturkörper, und die Naturkörper unter sich auf einander einwirken; sie betrachtet die Veränderungen, die dadurch hervorgerufen werden, die natürlich der verschiedensten Art sein können, und wird wiederum in zwei Theile zerlegt, und zwar in 1. die Chemie und 2. die Physik.

Die Chemie lehrt diejenigen Einwirkungen der Naturkräfte und Naturkörper auf andere Körper erkennen, die zugleich eine Veränderung der Bestandtheile der letztern zu Folge haben, die also in so energischer Weise erfolgen, daß der Körper, auf den sie einwirken, zersetzt, zerlegt, in andere, von ihm verschiedene Stoffe umgewandelt wird.

Die Physik hingegen macht uns mit den Einwirkungen der Naturkräfte, also der Wärme, des Lichts, des Magnetismus, der Elektricität und des Galvanismus auf die Körper bekannt, bei denen nur eine Veränderung der äußern, sogenannten physikalischen Eigenschaften, nicht der Bestandtheile, der chemischen Eigenschaften, erfolgt. Chemische Einwirkungen sind hiernach bedeutend energischer und durchgreifender, als physische; erstere zersetzen, während letztere nur verändern, modificiren. – Ferner lehrt die Physik die allgemeinen Eigenschaften der Körper, wie die Eigenschaften der Ausdehnung, Undurchdringlichkeit, Theilbarkeit, Ausdehnbarkeit und Zusammendrückbarkeit, Porosität, Trägheit und Schwere, welche sämmtliche Naturkörper gemein haben.

Chemie und Physik, obwohl vollkommen verschieden, gehen doch sehr oft Hand in Hand, chemische und physikalische Processe kommen oft vereinigt vor, und besonders häufig dienen chemische Processe dazu, um physikalische Veränderungen hervorzubringen. – Es findet z. B. ein chemischer Proceß statt, wenn Holz verbrannt wird, denn es werden hier ganz andere Körper, als das Holz ist, gebildet, die wir im Rauche entweichen, im Ruße sich absetzen sehen; aber das Eisen, welches im Feuer schmilzt, das Wasser, welches darin kocht, bleiben Eisen und Wasser, sie verändern sich nur äußerlich, nur physikalisch, ersteres wird flüssig, letzteres dampfförmig.

Die Naturgeschichte oder Naturbeschreibung nun, der zweite Theil der Lehre von der Natur, beschreibt uns die einzelnen Naturkörper, wie sie sich uns zeigen, wie sie uns erscheinen, und zwar sowohl in ihrer äußeren Form, als auch in ihrer innern Beschaffenheit, so daß wir sie unterscheiden lernen. Sie theilt dieselben in lebende und leblose, und lehrt die Lebens-, Ernährungs- und Fortpflanzungsweise der erstern, sowie die Bildungsweise der letztern.

Dieselbe zerfällt in drei Theile, da sämmtliche zu betrachtende Naturkörper dreierlei Art sind, und zwar in 1. Zoologie, 2. Botanik und 3. Mineralogie.

Die Zoologie ist die Lehre von den Thieren, die Botanik die von den Pflanzen und die Mineralogie die von den Steinen, Mineralien. Während also die beiden ersten Theile die lebenden, organisirten Wesen betrachten, beschäftigt sich die letztere mit den leblosen, unorganischen Körpern.

Selbstverständlich ist das Material dieser einzelnen Wissenschaften ein sehr großes, weshalb man Thiere sowohl wie Pflanzen und Mineralien, je nach ihrer äußeren und inneren Aehnlichkeit, also nach ihren Verwandtschaftsgraden, in Classen, Familien, Ordnungen etc. theilt, und die dadurch entstehenden Systeme zu lehren, ist, neben der schon erwähnten Beschreibung der einzelnen Individuen, eine Aufgabe der Naturbeschreibung und jedes Theils derselben.

Nun finden sich aber noch Körper in der Natur, die im Grunde zu den schon betrachteten gehören, aber doch auch wieder verschieden von denselben sind, nämlich die Versteinerungen oder Petrefacten. – Es waren dies ursprünglich Thiere oder Pflanzen oder Theile von diesen, welche aber bei vorzeitlichen und vorweltlichen Erdumwälzungen mit Felsmassen umgeben wurden, und deren organisirte Masse mit der Zeit durch unorganische, unter Beibehaltung der äußeren Form des betreffenden Körpers, verdrängt worden ist, die versteinert sind. – Die Wissenschaft, welche sich mit diesen Versteinerungen beschäftigt, heißt Versteinerungslehre, Petrefactologie.

Nach Vorstehendem hat man also folgendes System der Naturwissenschaften:

I. Naturkunde oder Naturlehre.
     1. Chemie.
     2. Physik.
II. Naturbeschreibung oder Naturgeschichte.
     3. Zoologie.
     4. Botanik.
     5. Mineralogie.
     6. Petrefactologie.

Nachdem ich nun diese Erklärungen mit der systematischen Zusammenstellung vorausgeschickt habe, werde ich etwas näher auf jede der obengenannten Wissenschaften eingehen. Natürlich muß ich mich stets sehr elementar halten, um einem möglichst allgemeinen Verständniß keinen Abbruch zu thun.

Die Chemie. – Die Chemie betrachtet die Naturkörper in den Veränderungen ihrer Bestandtheile, und da erstere zweierlei Art sind, entweder lebend, organisirt, oder leblos, unorganisirt, so zerfällt sie in zwei Haupttheile, in 1. die organische und 2. die unorganische Chemie, so daß sich also erstere mit den thierischen und pflanzlichen, letztere mit den mineralischen Stoffen beschäftigt.

So viele Körper es nun auch in der Natur gibt, so werden sie doch alle von einer verhältnißmäßig ungemein kleinen Anzahl einfacher Stoffe, sogenanter Elemente gebildet. Unter Element, auch Grund- oder Urstoff genannt, versteht man einen Körper, der durch kein uns zu Gebote stehendes Mittel in mehrere andere zerlegt werden kann, der ein einziges, unzersetzbares Ganzes bildet. Solcher Elemente kennt man bis jetzt 63, doch will ich hier nur einige nennen, als: Sauerstoff, welcher einen Theil der Luft und des Wassers ausmacht; Wasserstoff, der im Wasser enthalten ist; Stickstoff, Kohlenstoff, Schwefel, Phosphor, Eisen, Blei, Quecksilber, Kupfer, Zinn, Zink, Silber, Gold etc. Die Grundstoffe vereinigen sich in der mannichfaltigsten Weise unter einander [456] und bilden so die Masse verschiedenartiger Körper der Natur. Einige allgemein bekannte Stoffe sind z. B. in folgender Weise zusammengesetzt: das Wasser besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff; die Kohlensäure, welche in reicher Menge in den Mineralwässern enthalten ist, aus Kohlenstoff und Sauerstoff; die Schwefelsäure (Vitriolöl) aus Schwefel und Sauerstoff; der gebrannte Kalk aus Calcium und Sauerstoff; das Leuchtgas aus Kohlenstoff und Wasserstoff; das Holz, der Zucker, die Stärke etc. aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff; das Fleisch aus Kohlen-, Wasser-, Sauer- und Stickstoff; das Eiweiß aus Kohlen-, Wasser-, Sauer-, Stickstoff und Schwefel, und so fort.

Zunächst scheidet man alle unorganischen Verbindungen, die durch Vereinigung von zwei Elementen entstanden sind, in drei Classen, und zwar in 1. Säuren, 2. Basen und 3. indifferente Stoffe. Eine derartige Verbindung ist eine Säure, wenn sie einen sauren Geschmack zeigt und verschiedene blaue Pflanzenfarben, besonders Lackmusblau, röthet; basisch oder eine Base ist sie, wenn sie laugenhaft, ätzend schmeckt und die durch Säure geröthete blaue Farbe wieder bläut; zeigt sie jedoch keine dieser Eigenschaften, ist sie geschmacklos, wie das Wasser, wirkt sie weder auf blaue, noch auf geröthete Farbe, so heißt sie indifferent.

Säuren und Basen besitzen eine mehr oder weniger große Verwandtschaft zu einander, suchen sich zu verbinden, und liefern dann ein Salz, wie die Soda, die Pottasche, das Glaubersalz, das Bittersalz etc. In der Soda haben wir als Säure die Kohlensäure, als Base das Natron; in der Pottasche ebenfalls Kohlensäure und Kali; im Glaubersalz Schwefelsäure und Natron; im Bittersalz Schwefelsäure und Bittererde (Magnesia).

Von den organischen Verbindungen gilt nicht ganz dasselbe. Diese werden zwar sämmtlich nur von den wenigen Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und in seltenen Fällen noch Schwefel oder Phosphor gebildet, aber sie sind complicirter zusammengesetzt, als die unorganischen Verbindungen, und obgleich es auch organische Säuren und Basen gibt, ist doch die größte Zahl derselben indifferenter Natur, und die Art und Weise, wie die Elemente darin verbunden sind, ist uns meist noch ganz unbekannt, denn es sind eben keine Salze, in denen wir eine Säure und eine Base nachweisen könnten.

Es wird Manchem unerklärlich scheinen, wie die wenigen Elemente die Masse der Naturkörper bilden können, aber leichter erklärlich wird es, wenn man weiß, in wie mannichfacher Weise, in wie verschiedenen Verhältnissen sich diese Elemente verbinden und wie sie so ganz abweichende Eigenschaften annehmen. Einige einfache Versuche mögen das eben Gesagte bekräftigen. Die Soda besteht, wie erwähnt, aus Kohlensäure und Natron, sie bildet ein festes Salz, löst sich aber leicht in Wasser auf. Nimmt man solche Sodalösung in ein Gläschen und gießt zu ihr etwas starken Essig, so bemerkt man ein Aufbrausen, es entweicht eine Gasart, und dies ist die Kohlensäure. Vorher in der Soda festgebunden, entweicht sie jetzt als Gas, hat also ihre Eigenschaft, gasförmig zu sein, in der Soda, also in Verbindung mit der Base Natron, ganz verloren, ist fest geworden. – Oder übergießt man in einem Fläschchen einige Messerspitzen gelöschten Kalks mit reinem Wasser, schüttelt es mehrmals durch und läßt es dann sich absetzen, so erhält man über dem Bodensatze eine klare Flüssigkeit, die Kalk gelöst enthält. Gießt man nun das Klare ab und bringt einige Tropfen Schwefelsäure hinzu, so entsteht eine weiße Trübung, denn der erst im Wasser lösliche Kalk ist mit der Schwefelsäure eine darin unlösliche Verbindung eingegangen.

Derartige Fälle zeigt die Chemie noch ungemein viele und beweist damit, wie oft ein Element und ein zusammengesetzter Stoff seine Eigenschaften ändert; man findet darin die Erklärung, wie es möglich ist, daß 63 Elemente die Menge der verschiedenen Stoffe der Erde bilden können.

Es ist nun die Sache der Chemie, die Elemente in allen ihren physikalischen und chemischen Eigenschaften zu beschreiben. Sie gibt uns an, wie selbige aussehen, ob sie fest, flüssig oder gasförmig sind, welches specifische Gewicht sie besitzen, unter welchen Verhältnissen sie sich mit einander verbinden, welche Eigenschaften die entstehenden Verbindungen haben, sodaß man sie unter allen Umständen erkennen kann, und wodurch und in welcher Weise letztere wieder in ihre Bestandtheile oder andere, besonders auffallend charakterisirte Verbindungen zerlegt werden.

Die durch genannte Beobachtungen gesammelten Erfahrungen werden dann in der verschiedensten Weise angewendet. Dem Arzte und dem Apotheker müssen die Zusammensetzungen und chemischen Eigenschaften der Arzneimittel bekannt sein, um sie in geeigneter Weise zusammenstellen oder andre aus ihnen darstellen zu können. Der gerichtliche Chemiker muß bei Vergiftungen das Gift im Körper nachweisen; er muß untersuchen, ob Nahrungsmittel, die zum Verkauf kommen, echt oder verfälscht sind. Der Ackerbau-Chemiker bestimmt die Tragfähigkeit des Bodens und die Frucht, die am geeignetsten auf ihm zu erbauen sein wird; er prüft die Düngmittel, künstliche wie natürliche, auf ihren Gehalt an wirksamer Substanz. Der technische Chemiker muß in Färbereien als Colorist die Farben, in Soda-, Pottasche-, Bleiweiß-, Chlorkalk-Fabriken die betreffenden Präparate bereiten u. s. f.

Soviel jedoch die Chemie auch leistet, so birgt die Natur, besonders die organische, noch immer viele Geheimnisse für dieselbe, und sicher kann sie noch lange Jahre in der rüstigen Weise, wie sie es jetzt thut, fortschreiten, ohne zum Ziele zu gelangen. Wir sind z. B. noch keineswegs im Stande, organische Verbindungen künstlich darzustellen, denn die Kraft, unter deren Einfluß die Bildung derselben nur möglich zu sein scheint, die sogenannte Lebenskraft, ist uns noch gänzlich unbekannt und wird es vielleicht auch bleiben.

Die Physik. – Die Physik fragt zunächst: was ist ein Körper? und antwortet: alles das, was einen Raum einnimmt. Sie gibt dann die allgemeinen Eigenschaften der Körper an, die wir schon kennen lernten und die also allen gemein sind, natürlich diese oder jene dem einen in höherem oder minderem Grade, als dem andern. Da jeder Körper einen Raum einnimmt, so besitzt er eine gewisse Ausdehnung; wo ein Körper ist, kann ein andrer nicht sein, er ist undurchdringlich; man kann jeden Körper in kleinere Theile zerlegen, er ist theilbar; jeder Körper ist durch Wärme ausdehnbar, durch Kälte und Druck zusammendrückbar, also zusammengenommen elastisch; die Körper lassen zwischen ihre Theilchen Luft und Flüssigkeit mehr oder weniger eindringen, sie sind porös; Trägheit oder Beharrungsvermögen zeigt sich bei den Körpern dadurch, daß sie sich bestreben, in dem Zustande zu verbleiben, in welchem sie sich befinden (ein ruhender Körper ruht, ein sich bewegender bewegt sich fort, solange, bis äußere Kräfte ihn zwingen seinen Zustand zu ändern); endlich besitzen alle Körper ein Gewicht, eine bestimmte Schwere.

Nachdem die Physik hierauf die Gesetze über Gleichgewicht und Bewegung fester, flüssiger und gasförmiger Körper, über Wellenbewegung des Wassers, des Schalles etc. abgehandelt hat, wendet sie sich zur Betrachtung der Naturkräfte, also der Wärme, des Lichts, des Magnetismus, der Elektricität und des Galvanismus.

Vom Wesen all dieser Kräfte oder Materien kann man sich bis jetzt nur ungenügende Erklärungen geben, denn sie sind eben keine Körper, sie besitzen nicht die allgemeinen Eigenschaften derselben, und da sie in Folge dessen auch ohne jedes Gewicht sind, so heißen sie Gewichtslose, Imponderabilien.

Wärme. – Wir besitzen verschiedene Wärmequellen, doch ist es besonders die Sonne, von der wir sie in größter Menge erhalten. Ferner erzeugen wir uns durch den chemischen Proceß der Verbrennung große Wärmemengen, im thierischen Körper selbst entwickelt sich vermöge der Lebensthätigkeit Wärme, und außerdem entsteht solche in geringer Menge bei Reibung, bei chemischen Verbindungen und Zersetzungen.

Sie pflanzt sich strahlend fort, theilt sich den Luftschichten und den übrigen Körpern nach und nach mit, es gleichen sich abweichende Temperaturen aus. Bekannt ist es, daß verschiedene Körper die Wärme verschieden schnell aufnehmen und abgeben, verschieden gut oder schlecht leiten. Pelz z. B. leitet die Wärme schlechter, hält sie mehr an den Körper, als Tuch oder Leinwand, und deshalb kleiden wir uns im Winter mit ersterem, im Sommer mit letzteren.

Die Wärme wirkt sowohl physikalisch, also nur äußerlich verändernd, als auch chemisch, zersetzend. Ihre physikalischen Wirkungen sehen wir in der Ausdehnung der Körper und in der Veränderung der Zustände derselben, denn sie macht feste Körper flüssig und flüssige gasförmig, und wie wichtig diese Wirkung der Wärme in Bezug auf die Umwandlung des Wassers in Wasserdampf ist, zeigen uns die Dampfmaschinen in hohem Maße. Chemisch wirkt sie insbesondere bei jedem Verbrennungs- oder Verkohlungsproceß, sowie außerdem bei einer Menge chemischer Verbindungen und Zersetzungen, die nur unter dem Einfluß der Wärme vor sich gehen.

[457] Licht. – Auch das Licht erhalten wir hauptsächlich von der Sonne, wie überhaupt Licht und Wärme sehr eng verbunden sind und meist vereinigt vorkommen. Man denkt sich das Leuchten der Sonne dadurch bedingt, daß selbige die Theilchen einer unwägbaren Lichtmaterie mit ungeheurer Geschwindigkeit nach allen Richtungen hin aussendet. – Licht entsteht bei jeder Verbrennung mit Flamme, jedoch unter der Bedingung, daß ein Stoff, meist fein zertheilter Kohlenstoff, in ihr glüht. Die Spiritusflamme leuchtet nicht, weil sich beim Verbrennen desselben kein Kohlenstoff abscheidet, der in der Flamme glühen könnte, wie dies bei der Leuchtgas-, Oel- und Talgflamme etc. der Fall ist. In geringer Menge entwickeln im Dunkeln noch verschiedene lebende Thiere (die Johanniswürmchen) und faulende organische Körper (faules Holz), sowie beim Reiben, Zerdrücken oder Zerschlagen mehrere Mineralien, Zucker und einige andre Stoffe Licht, doch ist man nicht im Stande, diese Erscheinungen genügend zu erklären.

Auf der Wirkung des Lichts, der physikalischen nämlich, beruhen zunächst die Begriffe über Durchsichtigkeit und Undurchsichtigkeit, sowie über die verschiedenen Farben. Ein Körper ist durchsichtig, wenn er alle auf ihn fallenden Lichtstrahlen frei durch seine Masse läßt, undurchsichtig, wenn er keinen Strahl hindurch läßt, sondern alle in sich aufnimmt, absorbirt, und halb durchsichtig oder durchscheinend, sobald er nur einen größern oder kleinern Theil derselben absorbirt, die übrigen aber durchläßt. – Der Sonnenstrahl erscheint uns weiß, ist aber aus den sieben Regenbogenfarben: roth, orange, gelb, grün, blau, indigo und violett zusammengesetzt. Ein Körper zeigt sich uns nun farbig, wenn er nur einen Theil der im auffallenden Lichte enthaltenen farbigen Strahlen durchläßt, die andern absorbirt. Roth ist ein Körper, wenn er nur die rothen, grün, wenn er nur die grünen, blau, wenn er nur die blauen Strahlen durchläßt etc. – Chemisch wirkt das Licht ebenfalls, denn unecht gefärbte Kleidungsstücke verschießen, sobald sie längere Zeit dem Sonnenlichte ausgesetzt sind, und eine Anzahl chemischer Verbindungen und Zersetzungen werden durch den Einfluß desselben bedingt. Wir sehen dies z. B. beim Photographiren, denn dieses besteht im Wesentlichen darin, daß ein chemisches Präparat, Jodsilber, welches auf Glas- oder Metallplatten in feinem Ueberzuge dargestellt ist, durch die Wirkung des Lichtes, welches der zu photographirende Gegenstand hineinwirft, zersetzt wird.

Magnetismus. – Der Magnetismus, dem wir die bekannte anziehende Kraft der Magnete verdanken, findet sich zuerst natürlich in einem Mineral, dem Magneteisenstein, und kann von diesem aus auf jedes Stück Eisen übertragen werden, wodurch dann künstliche Magnete entstehen. Auch die beiden Metalle Nickel und Kobalt lassen sich magnetisch machen, und vom Eisen nimmt das weiche den Magnetismus nur vorübergehend an, das gehärtete aber, der Stahl bleibend. Jeder Magnet hat die Eigenschaft, je nach seiner Größe und Stärke, Eisen in kleinerer oder größerer Menge anzuziehen und festzuhalten, und zwar findet man diese Kraft an seinen beiden Enden am stärksten, während sie nach der Mitte zu mehr und mehr abnimmt, bis man, ganz in der Mitte, einen Punkt erreicht, der keinen Magnetismus zeigt. Die beiden Enden eines Magneten nennt man seine Pole, und zwar das eine den Nordpol, das andere der Südpol. Diese Pole zeigen einen verschiedenen Magnetismus, denn während sich je zwei Nord- oder zwei Südpole nicht anziehen, sondern abstoßen, ziehen sich Nord- und Südpol zweier Magnete an und es gilt überhaupt der Satz: gleichnamige Pole stoßen sich ab, ungleichnamige ziehen sich an. – Stellt man eine Magnetnadel in ihrer Mitte auf eine feine Spitze, so bleibt sie, nach einigen Schwingungen, in einer gewissen Richtung stehen, und zwar zeigt das eine Ende, der Nordpol derselben, nach Norden, das andre, der Südpol, nach Süden, weil der Erdmagnetismus auf sie einwirkt. Hierauf beruht die Anwendung des Compasses, der nichts Anderes ist, als eine derartig über einer Zeichnung der Windrose aufgestellte Magnetnadel, sodaß nach der Stellung derselben die Seefahrer stets wissen, in welcher Richtung sie segeln.




Ein eidgenössisches Schützenfest.

Von J. D. H. Temme.
Zürich, im Juli 1859.     

Heute beginnt hier das eidgenössische Schützenfest. Gewähren Sie einer Schilderung desselben einen bescheidenen Platz in Ihrer Gartenlaube. Ich muß sie Ihnen ohne Illustration senden; dafür erzähle ich Ihnen denn Manches dazu, was, streng genommen, nicht zu dem Feste gehört, und doch Fest und Land und Leute illustrirt. Ein wahres Volksfest ist etwas so Bedeutendes, daß man eigentlich nicht zuviel darüber sagen kann, zumal nach Deutschland hin, wo die Volksfeste immer mehr abhanden kommen – sollen und wirklich abhanden kommen. Und doch ist Deutschland das eigentliche Land und das deutsche Volk das eigentliche Volk der Volksfeste. Der Franzose hat seine gemachten Rosenfeste; der Italiener seine Barcarolen; der Spanier seine Stiergefechte; der Engländer, seitdem ihm die Hahnenkämpfe und das Straßenboxen ausgegangen sind, gar nichts mehr; denn die Pferderennen, wie das Parlament gehören nur seiner Aristokratie. Deutschland hat seine Volksfeste. Zwar auch nicht überall mehr. Wo Centralisation und Bureaukratie schon seit Generationen das freie Gemeindeleben, mithin den besten Theil des Volkslebens niedergehalten oder gar bei Seite geschafft haben, da sind auch keine Volksfeste mehr zu Hause.

In Berlin haben sie in der zweiten Hälfte des Monat August den Stralauer Fischzug. Es kommen da jährlich an funfzig- bis sechzigtausend Menschen zusammen, im Dorfe, auf freien Wiesen, auf breitem Strome, auf noch breiterem See, an den Ufern von Strom und See. Da könnte wohl ein Volksfest, ein schönes, großes, herrliches Volksfest daraus werden, trotzdem daß die Ufer von Strom und See nicht besonders grün, vielmehr sandig gelb genug sind. Aber – alle die funfzig- bis sechzigtausend Menschen kommen nur hin, um Jeder zu sehen, wie die Anderen sich amüsiren. Da freut sich denn Keiner und Keiner sieht eine Freude, und das nennen sie ein Volksfest, und sie haben keinen Gedanken davon, was ein Volksfest sei.

Im südlichen Deutschland und im Nordwesten unseres schönen Vaterlandes, da sind die Volksfeste noch zu Hause, da sind sie immer zu Hause gewesen, besonders am Rhein und in meiner lieben Heimath Westphalen. Man möchte sie auch da gern ausrotten, finstere, zelotische geistliche Herren, die blasser im Gesichte werden, wenn sie zwei fröhliche Gesichter beisammen sehen, strenge Herren von der Polizei, die meinen, der Staat müsse zu Grunde gehen, wenn die Leute einmal auf der Kirchmesse einen Polizeidiener schief ansehen. Doch ich wollte ja von einem schweizerischen Volksfeste erzählen.

Ja, diese schweizerischen Volksfeste sind etwas Bedeutendes. Sie geben und erhalten dem Volke seine Frische, sein Volks- und sein Nationalitätsbewußtsein; sie sind unersetzlich für Weckung, Erhaltung und Hebung des kräftigen Volksgeistes. Ich bin Zeuge manches dieser Feste hier in der Schweiz gewesen. Jedes neue hat einen neuen erhebenden Eindruck auf mich gemacht. Auch einen anderen.

Im vorigen Jahre – gleichfalls im Juli – wurde das eidgenössische Sängerfest hier in Zürich gefeiert. Das eigentliche Fest war am Sonntag. Früh am Sonntagmorgen ging ich in die Stadt. Sie wissen, lieber Keil, ich wohne etwa sieben bis acht Minuten draußen vor der Stadt. Es war ein schöner, klarer, stiller Sonntagmorgen. Sänger und Gesang ruheten noch; denn es war noch sehr früh. Die Bewohner der Stadt waren noch in ihren Häusern. Fremde kamen nur erst sparsam an. Sie gingen still in der Stille, wie auch ich mit meiner Begleitung.

So traten wir in die alte, ehemalige Kaiserstadt, jetzt freie Schweizerstadt Zürich ein. Kein Mensch, kein Laut in den Straßen. Und doch keine Straße leer. Aus jedem Hause hingen Fahnen, aus jedem Fenster Teppiche und Fähnlein heraus; über jeder Thür grünte und blühte Laubgewinde mit bunten Blumen. Man konnte in den krummen und engen Straßen manchmal den Himmel nicht sehen. Und überall diese feierliche Stille. Auf einmal hörte ich neben mir ein leises Weinen. Eine Schweizerin war in meiner Begleitung, eine junge, gebildete, gefühlvolle Frau. Sie weinte.

„Ich kann nicht dafür,“ sagte sie. „Diese Fahnen alle, dieser klare Sonntagmorgen, diese feierliche Stille, der Gedanke, daß ein freies Volk hier waltet, daß es mein freies Schweizervolk ist, das Alles ergriff mich, überwältigte mich einen Augenblick und trieb mir die Thränen in die Augen.“

[458] Es waren keine bittere Thränen. Aber andere Thränen mußte ich dann gleich sehen, und diese waren bittere. Es war auch eine deutsche Frau bei mir, verbannt mit Mann und Kindern aus ihrem Vaterlande.

„Warum können wir solche Feste nicht haben?“ weinte sie. –

Heute beginnt hier das eidgenössische Schützenfest. Heute Morgen um sechs Uhr verkündeten zweiundzwanzig Kanonenschüsse von dem alten Lindenhofe seinen Anfang.

Die Schweiz hat zweiundzwanzig Cantone. Die Schützenfeste sind die ältesten schweizerischen Volksfeste, sie sind die ureigensten Feste des freien, wehrhaften Volkes. Jede größere Gemeinde, jeder Canton hat sie. Die gesammte Schweiz hat ihr eidgenössisches Schützenfest. Auch dieses eidgenössische Schützenfest besteht schon seit vielen Jahren, immer in ungeschwächter Kraft und Frische. Viel trägt dazu bei seine Bedeutung als eine politische Macht in der Eidgenossenschaft, und das klare Bewußtsein dieser Macht im Schweizervolke.

Wenn alle zwei Jahre – alle zwei Jahre wird das eidgenössische Schützenfest gefeiert – an dreißigtausend freie, wehrhafte Männer, die besten Schützen aus allen Theilen der Schweiz, der Kern der Wehrkraft des Landes, mit ihren Waffen, mit ihrer von keinem Volke der Welt übertroffenen Geschicklichkeit in deren Handhabung, mit ihrem Bewußtsein, daß, wenn es gilt, das Vaterland überall zuerst auf sie blickt und sie die Ersten zu dessen Hülfe und Vertheidigung sind, wenn die zusammenkommen, dann muß nothwendig manches ernste und gewichtige Wort fallen über das Vaterland, über dessen Lage, über das, was das Volk will, darüber, wie die Herren in Bern, die eidgenössischen Räthe, den Willen des Volkes auch treu und richtig aussprechen und ausführen; und das Wort, das so fällt, bleibt nicht vereinzelt; es wechselt in gemeinsamer Besprechung; aus der gemeinsamen Besprechung wird gemeinsame Berathung; aus dieser gehen Beschlüsse hervor. Still und ruhig und anspruchslos, nicht mit Ostentation und Demonstration, nicht um sofort und als Nationalbeschlüsse zu wirken oder nur sich geltend zu machen. Aber Jeder trägt sie in seinen Heimathscanton, in seine Heimathsgemeinde zurück, und dort sagt er: „Das haben die Männer auf dem eidgenössischen Schützenfeste beschlossen.“ Und so wird es das ganze Land und alles Volk gewahr, was die Schweizermänner auf dem Schützenfeste wollen, und wenn es gut und recht ist, so billigt es das ganze Land und alles Volk, und auch die Bundesräthe müssen es billigen und ausführen. So ist das eidgenössische Schützenfest eine Macht in der Schweiz, eine große Macht; schon seit vielen, sehr vielen Jahren; und Herren der Bundesräthe, wenn sie mitunter kein gutes Gewissen haben möchten, was Einzelnen ja auch in einer Republik wohl passiren kann, denken gewiß nicht ohne Angst an das eidgenössische Schützenfest.

Desto mehr freut sich alle andere Welt darüber. Das zeigt Zürich heute und zeigte es auch schon gestern. Den ganzen Tag über war gestern rühriges Leben in Stadt und Umgebung. Ueberall wurde noch die letzte Hand angelegt, um Häuser, Plätze und Straßen zu dem Feste zu schmücken. Unterdeß rückten die ersten Gäste ein. Es waren Deutsche, diese ersten Gäste, die Bremer Schützen. Gegen halb fünf Uhr Nachmittags kamen sie auf dem Bahnhofe an. Tausende von Menschen erwarteten sie da; die Comités des Festes standen zu ihrem Empfange bereit, an ihrer Spitze der Magistrat der Stadt Zürich. Ein Hurrah empfing sie, dann eine Rede des Stadtpräsidenten (Heß); dann, nachdem H. v. Heimann, eidgenössischer Consul in Bremen, eben so herzlich geantwortet, ein auf dem Bahnhofe errichtetes Zelt mit Erfrischungen; und es ist ein vortrefflicher Wein, der Schloß-Winterthurer, den der Magistrat von Zürich in seinen Kellern führt. Da ging wohl Manchem das Herz auf. Auch mir ging es auf, aber über etwas Anderes. Sieben Jahre lebe ich jetzt hier in dem fremden Lande, und wenn auch in dieser Zeit manch’ liebes und freundliches Gesicht aus der Heimath zu mir hergekommen war, ich hatte sie doch nur vereinzelt gesehen. Da standen gestern auf einmal sechzig bis siebenzig Männer aus dem deutschen Norden auf dem schweizerischen Boden vor mir. Und Alle herrliche, kräftige Gestalten und so blond und doch so frisch und selbst so stolz. Sie kamen ja aus einer deutschen Stadt, die mehr Freiheit hat, als irgend eine andere Stadt Deutschlands, und sie standen auf befreundetem freiem Schweizerboden.

Eine Stunde später traf, gleichfalls auf dem Bahnhofe, die eidgenössische Schützenfahne ein.

Das eidgenössische Schützenfest wird, wie ich vorhin sagte, alle zwei Jahre gefeiert; Stadt und Canton wechseln. Zuletzt war es, im Juli 1857, in Bern gewesen. Bei dem dortigen Schützenverein war damals die eidgenössische Schützenfahne zurückgeblieben. Heute mußte der Verein, bei Eröffnung des Festes, sie dem hiesigen Verein überliefern. Gestern kamen sie damit an. Andere, Berner Schützenfahnen, begleiteten sie. Es war ein stattlicher Zug. Alle jene Tausende von Menschen, die die Bremer empfangen hatten, waren auch zu dem Empfange der Berner noch da; auch jene Comités und der Züricher Magistrat. Eine Compagnie Züricher Scharfschützen hatte sich zu ihnen aufgestellt. Musikchöre standen zu den Seiten.

Als die Fahne aus einem Eisenbahnwagen ersichtlich wurde, dröhnte ein Kanonenschuß in das Thal hinein, die Musikchöre spielten. Der Berner Zug hatte sich unterdeß auf der einen Seite geordnet. Auf der anderen Seite standen in langer Linie die Züricher Schützen, die Scharfschützen, die Bremer und die verschiedenen Empfangscomités. Vor der Mitte der Linie das Centralcomité des Züricher Schützenvereins, an seiner Spitze dessen Präsident. Zu ihm hin begab sich der Zug der Berner; ihm gegenüber machte er Halt. Die Musik und das Hurrah all der Tausende von Zuschauern schwieg. Aus der Reihe der Berner trat eine hohe, starke, kräftige Gestalt hervor. Es war der Oberst Kurz aus Bern, seines eigentlichen Zeichens ein tüchtiger Advocat, nebenbei einer der tüchtigsten Generale des schweizer Heeres, Präsident des Berner Schützenvereines. In seiner besonderen Verwahrung war seit zwei Jahren die eidgenössische Fahne gewesen. Er hatte sie an Zürich abzuliefern.

Ihm gegenüber stand eine andere hohe Gestalt, feiner, mit einem geistvollen und klugen Gesichte, der Präsident des Züricher Schützenvereins, der erste Präsident der Regierung des Cantons Zürich, Dr. Dubs. Er hatte die Fahne für die nächsten zwei Jahre in Empfang zu nehmen. Aber noch nicht gestern. Mit einem kräftigen Handschlage begrüßten sich die beiden Männer.

Sie hatten sich schon öfter gegenüber gestanden, aber anders, als Gegner, manchmal als heftige Gegner, und doch zuletzt, wenn es galt, als Männer desselben Landes, als Söhne eines Vaterlandes. Beide gehören der eidgenössischen Bundesversammlung an. Bern und Zürich haben manchmal auseinandergehende Interessen; Rivale sind sie immer. Bern ist der größte Canton der Schweiz, Zürich, so sagen die anderen selbst, der intelligenteste. Dazu nehmen jene beiden Männer verschiedene politische Standpunkte ein. Kurz gehört zu der aristokratischen Partei Berns, Dubs ist durch und durch Demokrat; aber treue, ehrliche, brave schweizer Männer sind sie Beide.

So standen sie auch heute einander gegenüber, und so begrüßten sie sich mit dem kräftigen Handschlage und mit eidgenössisch brüderlichen Worten. „Wir bringen Euch die eidgenössische Fahne nach Zürich,“ sagte Kurz. „Aber für heute halten wir Berner sie noch in unseren Bärentatzen. Erst morgen liefern wir sie an Euch ab.“ Die kräftigen Worte klangen gut von dem Munde des kräftigen Soldaten.

„Die Fahne,“ erwiderte ihm der feine Dubs, „die von Bern zu uns nach Zürich kommt, wird ein neues Pfand dafür sein, daß Zürich und Bern stets einig gehen, wo es das schweizerische Vaterland gilt.“

Zweiundzwanzig Kanonenschüsse hatten unterdeß zur friedlichen Begrüßung der eidgenössischen Fahne durch das Limmatthal gedonnert. Die Musik geleitete einen einzigen großen, schönen und imposanten Zug der Bremer, Berner und Züricher Schützen in die Stadt. Das schönste Wetter hatte die Feierlichkeit begünstigt.

Das schönste Wetter, die klarste Sonne begrüßte heute den ersten eigentlichen Festtag.

Wie im vorigen Jahre zum Sängerfeste, so ging ich auch heute am sehr frühen Morgen von meiner einsamen Wohnung vor den Thoren Zürichs wieder in die Stadt. Ruhe und Stille war auch heute noch überall umher. Wir haben auch heute wieder Sonntag. In dieser Sonntagsruhe lag unten im Thale vor mir das schöne Zürich da; hinter ihm der klare, blaue See; rechts vom See das grüne Uetli; hinten in weiter Ferne die ganze Reihe der ewigen Schneeberge, vom Glärnisch mit seinem leuchtenden Vrenelis Gärtlein, bis weit rechts zu dem kühn emporragenden Titlis hin. Ueber Allem der tiefblaue Himmel.

Ich trat in die Stadt. Es war so still darin, denn die Menschen ruheten noch; sie hatten vielleicht bis spät in die Nacht an dem Festschmucke der Häuser gearbeitet. Manche Andere hatten auch [459] wohl anders arbeiten müssen, nicht für das Fest, aber für das tägliche Brod. Nicht Allen ist das Fest ein Fest. Wie Mancher auch mochte bis über die Mitternacht hinaus blos gejubelt und geschwärmt haben, ohne an Arbeit oder Arbeitende, an Noth und Elend zu denken!

Kein Mensch in den Straßen, aber alle Häuser wieder in ihrem vollen festlichen Schmucke, wie im vorigen Jahre beim Sängerfeste, Laub-und Blumengewinde sich von Haus zu Haus ziehend. Ueberall das weiße, eidgenössische Kreuz in rothem Felde, Teppiche fast in jedem Fenster, Fahnen und Flaggen aus jedem der alten Giebelfenster, aus jedem Erker, aus jedem Stockwerk in die Straße hinausflatternd, bald klein und bescheiden, wenn der kleine Bürgersmann sie ausgesteckt hatte, bald riesig groß, wenn sie an dem Hause des reichen Patriziers prangten. Und alle in den hellen Farben des Vaterlandes, roth und weiß, die Farben der Eidgenossenschaft, oder blau und weiß, die Farben Zürichs. Mitunter auch ernsteres schwarz und weiß, Berns, oder weiß und schwarz, des alten Appenzells Farbe.

So waren sie alle geschmückt, frisch und bunt und hell, die alten, engen, krummen Straßen Zürichs. Man konnte manchmal unter all dem Schmuck wieder den Himmel nicht sehen, und die Sonne nicht, in der Alles glänzte. Das Herz wurde Einem wieder enge.

Jene Schweizerfrau war diesmal nicht an meiner Seite; aber die deutsche Frau, die seit so manchem Jahre die Heimath nicht mehr hat sehen können, war wieder meine treue Gefährtin, wie immer. Und heute weinte sie nicht.

„Wir werden die Heimath wieder sehen!“ sagte sie, freudig, gewiß.

An die Heimath, die theure, hatte sie gedacht.

Wir traten aus den engen Straßen der Stadt heraus, und kamen an den freien, breiten Quai. Ueberall derselbe Schmuck der Häuser, aber im klarsten Sonnenlichte und in den grünen Wellen der Limmat und den blauen Fluthen des Sees sich wiederspiegelnd. Eine riesige, blauweiße Fahne hing von dem Kaiserthurme des Großmünsters herunter.

Sie kennen, lieber Keil, die beiden, einander gleichen Thürme des Großmünsters. An dem südlichen, in seiner Mitte, aber doch schon in einer Höhe, die das Größte klein erscheinen läßt, befindet sich das Bild Kaisers Karl des Großen. Davon heißt er der Kaiserthurm. Der große Kaiser sitzt dort, aus Stein gehauen, auf seinem Thronsessel, die goldene Krone auf dem ernsten, bärtigen Haupte, das blanke Schwert mit großem goldenen Knopfe vor sich auf den Knieen. Bis fast auf den alten Kaiser herunter hing die ungeheuere Fahne. Nicht schwarz-roth-golden. Eine schwarz-roth-goldene Fahne sah der alte Kaiser nicht, wie weit er auch auf seiner Höhe über Stadt und Land, auf Berg und Thal, auf Strom und See hinausschauen konnte. Er sah sie auch nachher nicht, als ein langer Festzug mit fast unzähligen Fahnen in allen Farben tief unten an ihm vorbeischritt. Auch die Bremer hatten keine deutsche Fahne mitgebracht, doch hing eine schwarz-roth-goldene Kordel an ihrer Fahne herunter. Und auch aus zwei deutschen Flüchtlingswohnungen wehete die deutsche Fahne; der deutsche Kaiser konnte sie nur nicht sehen. Er sah heute griesgrämig aus, der große alte Kaiser.

Vor vier Jahren – gerade vor vier Jahren – sah ich ihn eine Zeit lang oft lächeln, wehmüthig, aber doch freundlich. Er saß steif und gerade da, wie immer, die goldene Reichskrone auf dem Haupte, das tapfere Schwert auf den Knieen. Zwischen seinen Füßen hatte sich damals ein Taubenpaar sein Nest gebaut, und in dem Neste waren Junge, und wenn die beiden Alten ausflogen, um Futter für die Brut zu holen, dann behütete derweil der große deutsche Kaiser mit seinem großen Schlachtenschwerte die jungen Tauben zwischen seinen Füßen. Ich habe manchen Tag und manche Stunde das Bild betrachten müssen.

Vor tausend Jahren behütete er das deutsche Reich, jetzt ein Taubennest. Nach vier Wochen war auch das Taubennest verschwunden, wie lange vorher das deutsche Reich, und der deutsche Kaiser hatte gar nichts mehr zu thun. Ich habe ihn seitdem nicht wieder lächeln sehen, weder freundlich noch wehmüthig. Er blickt ja nach Süden hin, und nur hinter ihm, im Norden und im Osten, liegt sein ehemaliges deutsches Reich und auf seinem steinernen Throne, und selbst von Stein, kann er sich nicht umdrehen.

Wohl ihm! Er kann ja auch nicht hin. Ha, könnte er, wie würde er mit gar Manchem bald ein Ende machen! Wie würde das blanke Schwert nicht mehr auf seinen Knieen ruhen, wohl aber einem großen tapferen Volke vorglänzen im Kampfe mit dem französischen Civilisationskaiser, der ihn, Gott erbarme es, ihn, den großen deutschen Kaiser, seinen Vorfahren nennen darf! Aber er sitzt fest auf seinem steinernen Throne am Kaiserthurme des Domes zu Zürich in der Schweiz. –

Von den Thürmen schlug es sechs Uhr. Die Stadt belebte sich. Vom Lindenhofe verkündeten zweiundzwanzig Kanonenschüsse den Beginn des Festes. Von der Terrasse des Großmünsters ertönte ein feierlicher Choral, festlich gekleidete Menschen durchzogen die Straßen, bunte Gondeln mit hellen rothen oder blauen Zeltdecken fuhren auf dem See hin und her, und zwischen ihnen brausten Dampfboote heran. Sie brachten Gäste, Schützenvereine von beiden Ufern des Sees, Zuschauer. Die Schützen zogen mit Musik und Fahnen vom Landungsplatze in die Stadt ein. Andere Schützenvereine, gleichfalls Musik und Fahnen voran, kamen aus der Nachbarschaft von anderen Seiten herbei. Die Straßen füllten sich immer mehr mit Zuschauern.

Es wurde neun Uhr, die Zeit für Versammeln und Ordnen des großen Zuges, der von der Stadt aus zu der Feststätte sich begeben sollte. Der Lindenhof war der Ort der Versammlung. Er liegt mitten in der Stadt, hoch, unmittelbar am linken Ufer der Limmat. Er ist der älteste Platz der Stadt, und war schon vor tausend Jahren der Gerichtsplatz. Manche für Zürich bedeutende geschichtliche Erinnerung knüpft aus jener wie aus späterer Zeit sich an ihn. Der alte steinerne Gerichtstisch befindet sich noch auf seiner Mitte, und rund um ihn her stehen die uralten Linden.

Aber die Linde und der Vehmetisch an der Mauer zu Dortmund in Westphalen sind doch noch älter.

Um halb zehn Uhr begannen die Züge zum Lindenhofe. Von allen Seiten, aus allen Straßen strömten sie herbei; überall rauschende Musik, flatternde Fahnen, blankgeputzte Stutzen, Vereins- und Comitémitglieder mit bunten Schärpen und Bändern.

Um zehn Uhr rückte der geordnete Zug vom Lindenhofe aus. Voran ein Peloton Scharfschützen, dann ein Zug von fast hundert Mann in weißen Beinkleidern und hellrothen Blousen und Mützen. Es waren die „Zeiger in (eidgenössischer) Amtstracht.“ Dann die Festmusik; dann ein Zug Feldschützen. Darauf die eidgenössische Schützenfahne, zu ihren beiden Seiten die Cantonal-Schützenfahnen von Bern und Zürich. Ihnen folgte die Schützenfahne der Stadt Zürich; hinter dieser kamen die Fahnen der anwesenden auswärtigen Schützen-Vereine. Jeder Verein war bei seiner Fahne. Voran gingen die Bremer, geführt von ihrer weiß und gelben Fahne mit dem Schlüssel darin. Sie waren, wenn sie auch mit ihren blonden deutschen Gesichtern nicht der schwarz-roth-goldnen deutschen Fahne folgten, doch wieder so schmuck und schön und kräftig und gewandt in ihren grünen Blousen, den grauen, mit grüner Feder gezierten Schützenhut auf dem Kopfe, den sicher zielenden Stutzen im Arm. Wie viele Hunderttausende solcher Männer zählt das deutsche Volk, und doch sollte ein französischer, nein, ein corsischer Thronräuber ihm Gesetze vorschreiben?

Den Schützen folgten die Festcomité’s, Abordnungen der Cantonal- und Stadtbehörden, Feldschützen, Musik; zuletzt in hellblauen Blousen die „Warner“. Ein Peloton Scharfschützen schloß das Ganze. Sie zogen durch die halbe Stadt überall zwischen dichten Reihen von Zuschauern, in jeder Straße, in jedem Fenster. Selbst auf den breiten Quais standen die Leute so gedrängt, daß der Zug manchmal nur eine enge Gasse zum Durchkommen behielt.

Sie zogen aus der Stadt zum „Seefelde“. Dort, nicht weit vom Seeufer, etwa zehn Minuten von der eigentlichen Stadt entfernt, ist die Festhütte aufgebaut, und zu deren Ende befinden sich die Schießstände. Die Festhütte beschreibe ich Ihnen nachher.

Gerade vor ihr liegt frei ein zierliches, tempelartiges Gebäude mit hellen, breiten Fenstern auf allen Seiten. Es ist der „Gabentempel“. Durch die hellen Fenster sieht man die darin ausgestellten „Gaben“, Preise für die besten Schützen. Bis heute sind für 104,407 Franken Gaben darin. Alle Welttheile haben dazu beigesteuert. Wo in einem Erdwinkel nur drei oder vier Schweizer beisammen sind, haben sie mit einer Ehrengabe des nationalen und patriotischen Festes gedacht.

Und die Deutschen im Auslande?

Aber wir haben ja auch keine nationale, patriotische Feste.

Aber warum haben wir sie nicht?

An dem Gabentempel machte der Zug Halt. Die Berner mußten jetzt die eidgenössische Fahne aus ihren „Bärentatzen“ lassen; sie mußten sie den Zürichern übergeben. Der Präsident des Berner Schützenvereins [460] gab sie in die Hände des Präsidenten der Züricher Schützenvereins.

„Liebe Freunde, schweizerische Schützen,“ sprach der Oberst Kurz dabei unter anderem, „als vor zwei Jahren das eidgenössische Freischießen in Bern statt fand, da war Friede ringsum, und unser Vaterland hatte so eben glücklich eine Krisis überstanden, welche, wie noch nie, die Schweiz vor der ganzen Welt einig gezeigt hatte (die Neuenburger Angelegenheit). – Was wir in Bern Alle sehnlich wünschten, ist eingetroffen. Wir konnten die Schützenfahne, das Banner des bedeutendsten Vereins der Schweiz, an den schönen blauen See bringen, der die liebe Schwesterstadt bespült. Es war uns Bernern ein Leichtes, sie zu bewahren. Wer weiß, ob es Zürich so gut werden wird, und ob die neuen Führer des Vereins sie nicht in Kurzem hoch aufpflanzen müssen als Zeichen, um das sich alle Schützen den Landes sammeln, welche nicht anderwärts verwendet werden! Rings um uns her herrscht der Krieg. – Liebe Freunde in Zürich, Ihr habt auch diesmal wieder das Herz auf dem rechten Flecke gehabt. Als die Gewitterwolken den Horizont trübten, als die Blitze einschlugen in der Runde, da ließ sich billig fragen: Soll das Fest nicht verschoben werden? Ist es angemessen, sich zu freuen, zu genießen, wenn nebenan Tausende fallen, und das Land durch die Hufe der Pferde und die Räder der Kanonen verheert wird? Ihr habt nicht gewankt. „Wir halten das Fest ab!“ rieft Ihr. Der Ernst der Zeiten soll sein Recht behalten; die schweizerischen Schützen haben denselben zu allen Stunden zu würdigen gewußt.“

Der Dr. Dubs erwiderte in einer glänzenden Rede, in der er auch auf das Herzlichste die hochachtbaren und lieben Freunde aus der nordischen Schwesterrepublik Bremen willkommen hieß, unter anderem: „Der Ernst der Zeit wird uns auch die ernsten Zwecke unseres Festes wieder zum Bewußtsein bringen. Es wird sorgen- und gedankenvoller werden, aber dadurch an Bedeutung nicht verlieren. Ja, es ist fast, als ob ihm in diesem Augenblicke die Vorsehung eine höhere Sendung angewiesen hätte! Welche merkwürdige Erscheinung entrollt sich vor unseren Blicken! Hart neben uns ringen drei Länder und Völker in blutigen Schlachten mit einander, um das Princip der Sonderung der Nationalitäten zur Verwirklichung zu bringen; und hier auf diesem Festplatte finden sich die nämlichen drei Nationalitäten unter einem Panier zusammen in Frieden und Freundschaft zu festlichen Spielen. Klingt das nicht fast wie ein wunderbares Märchen? und es ist doch thatsächliche Erscheinung. Wie aber wurde denn hier diese Einigung der dort kriegführenden Nationalitäten möglich? Dadurch, aber auch nur dadurch, daß keine Nationalität die andere unterdrückt und eigensüchtig ausbeutet; daß jede die Eigenthümlichkeit der anderen schont; daß jede die Gleichberechtigung der anderen anerkennt und achtet. Auf diesem Grunde ist im Schweizerland der Bund verschiedener Nationalitäten groß geworden!“ Sind das nicht goldene Worte, mein lieber Freund?

Sie weiheten das Schützenfest ein. Ein Mittagsmahl empfing zunächst die Schützen in der Festhalle. Mit dem Glockenschlage Eins verkündete ein Kanonenschuß den Beginn des Schießens. Und was Schütze war, drängte sich zu den sechsundneunzig Schießständen. Dort schießen sie noch, und es wird die ganze Woche dauern, vom frühen Morgen, bis des Abends die letzten Strahlen der Sonne hinter dem Uetli verschwinden. Nur über Mittag macht das Geknatter der Büchsen eine Stunde lang eine Pause.




Ein Zweikampf.


Obwohl jetzt in officiellen und officiösen Wiener Blättern erklärt wird, daß der Frieden von Villafranca nicht Oesterreich, sondern „seinem ältesten Bundesgenossen“, Preußen, zur Last falle, so hat sich letzteres durch offene Bekanntmachung der von ihm ausgegangenen diplomatischen Actenstücke über die beabsichtigte „Mediation“ doch genügend gerechtfertigt, wenn auch damit sein Schwanken und Zaudern noch nicht entschuldigt ist. Das sonst so gewandte österreichische Cabinet wird endlich eingestehen müssen, daß es sich von dem „Retter der Gesellschaft“, dem neuen „Civilisator“ hat überlisten lassen, der den Frieden nöthiger brauchte als Oesterreich. Unter solchen Verhältnissen, wo Thatsachen mehr als alle Raisonnements sprechen, überlassen wir den politischen Zeitungen, über die Tragweite dieses Factums schlußfolgernde Erörterungen anzustellen, und bedauern von unserm Standpunkte aus nur die dem Gewerbfleiße, der Industrie, den Künsten und der Wissenschaft entzogene, vergeblich hingeopferte Milliarde Goldes, den tausendfachen, durch den Krieg zu Grunde gerichteten Wohlstand, vor allem aber die Ströme Blutes, die in diesem Kampfe so gut wie nutzlos hingeflossen sind. Nur wenig Einzelne, die eine hervorragende Stellung im Leben eingenommen und auf den italischen Schlachtfeldern gefallen sind, zeichnet die Geschichte in ihren Büchern mit Namen auf, die Massen, die Tausende und Abertausende, die ein unbekanntes Grab in fremder Erde umschließt, – sie werden nur mit stiller Wehmuth in ihren Familien genannt, und wie tief auch jetzt die Hinterlassenen ihren schmerzvollen Verlust bedauern, so verweht doch schon eine kurze Reihe von Jahren mit dem Staube ihrer Gebeine ihr Gedächtniß.

Sicher war den meisten der Gefallenen die Sache, für welche sie in den Tod gegangen, eine gleichgültige, wenn nicht gar eine fremde; sie folgten eben dem Machtgebote ihrer Herrscher und wurden vom unerbittlichem Schicksale ereilt. Wie ließe sich nicht ein solcher Krieg vereinfachen, der sich ja so nicht mit den einfachsten Geboten des Christenthums vereinbaren läßt, wenn man die Schlichtung des Streites nach der Anschauungsweise des Mittelalters einem „Gottesurtheile“ überließe, um die Sache in einem Zweikampfe zu beendigen! Mag man auch noch so streng über die Rohheit des Zweikampfes urtheilen, schließlich wird man doch unter solchen Verhältnissen ein ritterliches Abkommen darin finden und ihn jedenfalls dem grauenhaften Hinschlachten von Hunderttausenden vorziehen müssen. Eine solche Anschauung mochte wohl den jungen, achtzehnjährigen Grafen Lippe aus München, der vom Gymnasium weg, erst seit vier Wochen in österreichische Dienste getreten, bewogen haben, einen sardinischen Officier, den Anführer einer Reiterschwadron, während des Gefechts bei Montebello zum Zweikampf herauszufordern. Der Gegner stellte sich während des Handgemenges ungesäumt, fiel aber durchbohrt von dem Degen des Grafen, der freilich durch diese Waffenthat dem weiteren Blutvergießen nicht Einhalt thun konnte. Der tapfere Jüngling ward noch auf dem Schlachtfelde zum Oberlieutenant ernannt und mit einem Orden geschmückt.


Unser Illustrateur hat diese für die österreichischen Waffen ruhmvolle That in vorstehendem Bilde dem Leser veranschaulicht, und er würde noch viele ähnliche glänzende Waffenthaten durch seinen Griffel verewigen können, denn mit jeder Zeitungsnummer mehren sich die Berichte über Heldenthaten Einzelner, die den Beweis liefern, welche vortreffliche Elemente die österreichische Armee in sich hatte.




Die Prairien.

Erlebnisse eines deutschen Flüchtlings von C. B.


Was für Abenteuer soll man auf dem Washington erleben können? Wir gebrauchten 16 Tage bis New-York und waren dort angelangt, ohne daß ich Gelegenheit genommen, meine Reisegesellschaft näher kennen zu lernen. Sie interessirte mich nicht. Ich hatte mein Vaterland verloren. Der Schmerz war zu neu, zu gewaltig. Da saß ich stundenlang in der Cajüte, nahm das Schachspiel vor und bot Schach dem Könige. Ich opferte die Königin und konnte doch nicht Matt setzen. Dann lachte ich laut auf. Während meiner Haft hatte sich meine Geliebte verheirathet und war vielleicht schon glückliche Mutter. Zuweilen hatte ich auch eine sentimentale

[461]

Graf zur Lippe erlegt im Zweikampf einen sardinischen Rittmeister.

[462] Stimmung. Dann setzte ich mich an den Flügel und spielte. Wie ich aber auch anfing, bald waren meine lieben Volkslieder mir unter den Fingern und zauberten mir meine Heimath in ihrer ganzen Schöne vor die Seele. Ich schwamm den Rhein herunter, lag an dem Strande der Saale; ich wanderte durch das liebe Thüringen oder am Fuße des Odenwaldes. Wen nimmt es Wunder, daß ich, erwachend aus diesen Träumereien, oft mit beiden Händen auf die Tasten schlug und durch diese Dissonanz mich wieder in die platte Wirklichkeit versetzte? Wenn ich dann aufstand, bemerkte ich, daß ich nicht ohne Zuhörer gewesen war. Ich bezog das nicht auf mein Spiel. Ich wußte ja, welche Gewalt das einfache deutsche Lied auf jeden Menschen ausübt. Und so war ich allein geblieben inmitten einer glänzenden Gesellschaft und ordnete mein Gepäck – leicht Gepäck –, um mit ihm in New-York einzuziehen.

Die Rücksichtslosigkeit, mit der die Amerikaner bei einer Landung verfahren, ist nur zu bekannt, und unbegreiflich ist es, daß nicht größere Unglücksfälle sich ereignen. Mit einem Male fluthete der Strom der Aussteigenden nach der Landungsbrücke; rücksichtslos drängten die vom Lande dagegen, und ich sah, wie eine Dame in das Wasser fiel. Neben mir stand ein Eimer an einem Strick befestigt. Mit ihm wurde Wasser heraufgezogen. Ich befestigte den Strick und ließ mich hinunter. Es gelang mir die Verunglückte zu erreichen, ihre Kleider hatten sie über Wasser gehalten. Vergebens schrie ich um Hülfe, Niemand hörte mich. Das arme Mädchen war ohnmächtig geworden; ich glaubte schon, sie hinge leblos in meinen Armen. Es war ein Glück, daß ich den Eimer mit heruntergeworfen hatte. Meine Arme erlahmten. Ich kehrte den Eimer um, und setzte das Mädchen darauf. Diese Arbeit hatte mich so beschäftigt, daß ich aufgehört hatte zu rufen. Es war die höchste Zeit, daß ich mir diese Erleichterung verschaffte, denn ich hielt nur noch im Krampfe den Strick. Da erwachte die Unglückliche.

„Halten Sie diesen Strick!“ rief ich ihr zu, und instinctartig ergriff sie ihn mit beiden Händen.

Ich hörte nur noch, wie sie rief: „Harry, Harry!“ dann verließ mich auf einige Augenblicke das Bewußtsein. Ich ließ den Strick mit der einen Hand los, hatte aber glücklicherweise mit der andern Hand den Eimer gefaßt und war so vor dem Untergehen bewahrt. Nur durch meine Kleider behindert, wurde es mir nicht schwer, mich über dem Wasser zu erhalten, und bald hatte ich den Strick mit der andern Hand wieder ergriffen. Als ich aufsah, ließen sich schon Mehrere über das Verdeck herunter, und nachdem die junge Dame heraufgeholt war, ward auch ich glücklich heraufgezogen. Vergebens sah ich mich nach meinem Gepäck um. Es war verschwunden.

Todmüde, durch und durch naß, betrat ich den amerikanischen Boden. Sogar meine Kopfbedeckung hatte ich eingebüßt. Um mich bekümmerte sich Niemand. Der mich herausgezogen hatte, mochte es mir übel genommen haben, daß ich so ungütig ein kaltes Bad genommen hatte. Genug, ich stand auf amerikanischem Boden, durchnäßt von seinem Wasser, gefärbt von seinem Schlamm. Durch seinen Schlamm habe ich eine lange Zeit hindurchwaten müssen!

„Wenn Sie nur Einen Amerikaner für Sich interessirt hätten!“ sagte mein Freund zu mir. „Lehrer können Sie nicht werden, dazu passen Sie hier in Amerika nicht, und als Professor, wie ich, werden Sie nie angestellt, wenn Sie keine Fürsprache haben.“

„Und Sie?“

„Ich kann gar nichts thun. Ich bin ein Fremder und bleibe ein Fremder. Meine Collegen achten und schätzen mich, aber ich bin ein Fremder und habe keine Stimme. Das Collegium sollte einen Namen haben, deshalb haben sie mich von Göttingen hierher berufen. Meine Kinder werden keine Fremden mehr sein, und deshalb harre ich aus, sonst –“

Du guter, lieber Mensch! In Göttingen hatte ich ihn kennen gelernt. Er hatte damals schon einen Ruf nach Amerika. Man hatte ihm 50 Thaler Gratification gegeben, statt seinen Gehalt von 300 Thalern auf 600 Thaler zu erhöhen, und so hatte er die Professur in Amerika angenommen und war doch nicht zufrieden mit 2000 Dollars Gehalt. Amerika war ihm kein Ersatz für das Vaterland. Wir hatten uns zufällig wieder getroffen. Ich übergehe absichtlich meine Schicksale in Amerika. Sie sind so oft erzählt. Eins gleicht dem andern, wie ein Ei dem andern. Jetzt unterrichtete ich seine Kinder und war nebenbei Hausknecht bei einem Kaufmanne.

Wir waren auf einem Spaziergange. Als mein Freund eine lange Pause machte, fuhr gerade ein Wagen an uns vorbei, und ich hörte, wie ungewöhnlich laut und erregt eine Dame rief:

„Das ist er! Wahrlich, wahrlich, Harry!“

Ein junger Mensch bog sich aus dem Wagen und schien uns zu beobachten. Ich wollte meinen Freund aufmerksam machen, als Beide sich erkannten und freundlich begrüßten.

„Wenn der sich für Sie interessirte! Wenn ich das bewirken könnte, so wäre Ihre Zukunft gesichert! Sie wären herausgerissen aus dem gewöhnlichen Leben und würden der Wissenschaft wieder gehören.“

„Der?“ fragte ich erstaunt und spöttisch.

„Ich kenne Amerika, wie mein Griechenland!“ fuhr mein Freund fort, und er hatte Recht, denn er studirte es von seiner Studirstube aus, wie seine Alten in derselben, das wußte ich. „Er gehört zu den Regierenden im Lande, obgleich er noch zu jung ist, um ein öffentliches Amt zu bekleiden, und wohl nie eins bekleiden wird, weil er es nicht nöthig hat. Präsidenten und Gouverneure sind nur die ersten Commis dieser Aristokraten. Es ist nicht ihre Sache, sich um Politik zu kümmern, das thut kein Gentleman, aber dafür geschieht um so sicherer, was sie wollen. Sie lassen die Beamten Geschäfte machen, wenn sie ihnen zu Willen sind, und das sind die Beamten jeder Partei. Der Einfluß dieser Aristokratie, verborgen und unscheinbar, ist mächtiger als in irgend einem Lande. Sie haben Bureaukratie, Heer, Flotte und Presse in ihrer Gewalt; wenn sie wollen, können sie davon Gebrauch machen.“

„Dieser junge Mensch –“

„Wenn der Herzog von Weimar sich für Sie interessirte, würden Sie lange Hausknecht bleiben? Nun, dieser junge Mensch verwaltet mit Umsicht und Geschicklichkeit ein Vermögen, das ihm ein Einkommen von fast einer Million Dollars gewährt, vielleicht weit darüber. Das weiß Niemand, sieht ihm Niemand an, denn er lebt nicht besser und anders als Andere, hat keinen Hofstaat, keine Paläste. Reich will hier Jeder scheinen. Wer aber reich ist, will es nicht mehr scheinen. Er hat das, was hier Macht gibt, und muß sich daran begnügen lassen. Um ihrer selbst willen darf die Aristokratie dem Einzelnen nicht erlauben, mit seinem Reichthum die revolutionären Elemente zu reizen, sich zu überheben. Wer es wollte, den lassen sie fallen. Und bei der Rechts- und Gesetzlosigkeit hier fällt er sicher. Sein Reichthum zerrinnt ihm unter den Händen. Er ist ein Verlorner!“

Mein Freund ging noch tiefer ein auf die socialen Zustände Amerikas, und diesen Unterhaltungen verdanke ich viel. Ich schenkte ihnen um so größere Beachtung, als ich fand, daß Harry mit großer Aufmerksamkeit den Bemerkungen meines Freundes folgte.

Ich fand Harry – den jungen Mann aus dem Wagen – eines Abends bei meinem Freunde, wurde ihm vorgestellt, und seit der Zeit traf es sich mehrmals, daß er und ich uns dort zu der selben Zeit einfanden. Harry war sein Schüler gewesen, und mein offener Freund behandelte ihn als solchen und that sich in keiner Weise Zwang an. Von einer Freundschaft zwischen Harry und mir konnte keine Rede sein. Ich fühlte mich zuweilen zu ihm hingezogen, dann trennte uns wieder etwas Fremdes. Die meiste Schuld mochte ich haben. Mit Gewissenhaftigkeit und Treue erfüllte ich meine Pflichten als Hausknecht, aber hätte ich meinen Freund nicht gehabt, nicht seine Kinder – wer weiß, ob ich es ausgehalten. Eins machte mir große Freude, aber verdüsterte mich noch mehr.

Harry hatte gleich am ersten Tage mich gefragt, ob ich schon lange in Amerika sei. Ich erwiderte: „Nur einige Monate!“

„Die Fahrt mit einem Segelschiffe ist beschwerlich.“

„Deshalb zog ich das Dampfschiff vor.“

„Hatten Sie gut gewählt?“

„Ich kam mit dem Washington.“

Darauf hatte sich das Gespräch auf das deutsche Lied gelenkt.

„Kennen Sie Longfellow?“ fragte Harry mich. Ich bejahte es.

„Sehen Sie, wir verstehen Sie; Sie uns nicht!“ sagte er ernst und fügte dann wie begütigend hinzu: „Sie spielen auch die Lieder, die Longfellow übertrug?“

„Ja!“ sagte ich kurz, überrascht, wie er das wissen konnte.

„Dann –“ er sah sich im Zimmer um und lenkte darauf das Gespräch auf einen anderen Gegenstand.

Als ich nach einigen Tagen zu meinem Freunde kam, sprangen mir die Kinder jubelnd entgegen. Harry hatte einen prächtigen Flügel geschickt.

„Warum er nur nichts für Sie thut!“ sagte mein Freund nachdenklich zu mir. „Er kommt doch nur Ihretwegen.“

[463] „Lassen Sie mich – lassen Sie mich vergessen!“ rief ich und riß den Flügel auf. Ich spielte und spielte – und vergaß alles um mich. Seit Monaten hatte ich keine Taste angerührt. Erschöpft hielt ich inne.

„Was spielten Sie?“ fragte mich Harry, der während des Spieles eingetreten war.

„Wer nie sein Brod mit Thränen aß!“ antwortete ich düster.

„Das Lied ist schlecht!“ sagte heftig Harry.

„Dies Lied?“ fragte ich verwundert.

„Gott führt Niemand in Versuchung!“ antwortete Harry ernst.

„Teuflische Mächte lassen den Menschen schuldig werden, nicht die himmlischen. Doch das verstand Goethe nicht!“ fügte er hinzu. „Bitte, spielen Sie ein heiteres Lied, eines der schönen Liebeslieder.“

„Ich kann nicht mehr!“ sagte ich verstimmt und stand auf.

Harry schien unangenehm berührt, doch hatte er sich zu sehr in der Gewalt, um empfindlich zu werden. Er sprach mit meinem Freunde von der deutschen Lyrik, und dieser hielt ihm bald einen gelehrten Vortrag über Anakreon und seine Schule. Ich sah zum Fenster hinaus. Nur eine Aeußerung Harry’s fiel mir auf. Er ging bald, und ich fragte meinen Freund:

„Ist es wahr, daß Harry nie Wein getrunken hat?“

„Gewiß! Auch sein Vater trank nie Wein.“

„Dies nüchterne Geschlecht!“

„Wie falsch Sie urtheilen! Dieser junge Mann versagt sich den Genuß, weil er durch sein Beispiel dem Mißbrauche steuern will. Seine Beurtheilung des Goethe’schen Liedes, seine Mäßigkeit haben eine edle Quelle.“

Mein Freund hatte Recht, und der Amerikaner stieg in meiner Achtung. Ich spielte ihm gern vor, aber mein Spiel machte mich trauriger. Meine Arbeit als Hausknecht bildete einen zu schroffen Gegensatz. Er wurde mir unerträglich, da Harry durch eine Bemerkung darauf hinzudeuten schien.

„Eure Ideale sind Träumereien,“ sagte er. „Wir nehmen die Wirklichkeit, wie sie ist, und suchen sie zu veredeln; Ihr baut Euch Eure Ideale auf, um die Wirklichkeit, das Reelle zu vergessen, und kommt so stets in Zwiespalt mit der Wirklichkeit. Eure Fürsten sind überirdische Wesen, Eure Geliebten Engel, und findet es sich nun, daß sie nichts mehr und weniger sind als gewöhnliche Menschen, so ist Euer Unglück im Staate und Hause fertig. Mit unseren Zuständen könnt Ihr nun erst recht nicht zu Stande kommen. Es tritt Euch die krasse, ungeschminkte Wirklichkeit überall entgegen, und Ihr verzerrt unsere Zustände zum Ungeheuerlichen, weil Euch überall Menschliches begegnet.“

„Wir verstehen uns nicht!“ sagte ich.

„Lernen Sie uns erst kennen, dann werden Sie uns verstehen!“ sagte Harry mit Wärme. „Ich habe so heute eine Bitte an Sie. Meine Geschäft sind hier zu Ende. Ich will einen Jagdausflug machen, da könnten sie mich begleiten.“

„Ich bedaure, daß ich dazu keine Zeit habe,“ erwiderte ich.

„Nun, überlegen Sie es sich, übermorgen reise ich ab,“ sagte Harry, indem er sich empfahl.

„Gott sei Dank!“ rief mein Freund, „er wird warm! Menschenskind, Du wirst Dein Glück doch nicht mit Füßen treten?“

„Dein Herzog von Weimar, reizt mich nicht, jetzt aus dem Geschäfte zu gehen. Mein Herr will mich im Laden beschäftigen.“

„Liebster, bester Freund, nur jetzt keinen Eigensinn!“

„Ich muß an meine Zukunft denken und nicht an Jagdpartien!“

„Aber liebster Junge, Du bist ja in Amerika! Denken Sie sich nur nicht, daß ein Fürst Sie zu einer Jagdpartie einladet. Der könnte vergessen, daß Sie Hunger haben, aber ein Amerikaner vergißt das nicht. Er nimmt Sie in seinen Dienst! Bester, liebster Junge, Du bist aus aller Noth! Verlaß Dich auf mich. Wenn Du von der Reise zurückkehrst und Du sagst, Du willst ein Geschäft anfangen, so kannst Du über Tausende gebieten, und er steht unter Dir um seinem Credite. Willst Du eine Professur, Du kannst Dir das Collegium auswählen!“

„Ich weiß nicht –“

„Nur um das Eine bitte ich Dich: Noch keinen Entschluß!“ fuhr mein Freund fort. Und war es Eins, was mich in meinem Vorsatze schwankend machen konnte, so war es diese herzliche Dringlichkeit, die ihn sogar das Du und Sie in einem Athem verwechseln ließ. Ich sah wohl, er konnte Recht haben, allein dieser junge Mensch, dieser Kaufmann, dieser sollte über mein Schicksal bestimmen können? – es schien mir überspannt.

„Sprechen Sie mit Ihrem Herrn, und was der Ihnen räth, das thun Sie!“

„Das will ich!“

Am andern Tage ging ich zu meinem Herrn und fragte ihn, ob es noch sein Wille wäre, mich in sein Geschäft aufzunehmen.

„Ihr könnt die Stelle bekommen, aber erst in künftiger Woche.“

„Dann möchte ich Euch um Erlaubniß bitten, bis dahin eine Jagdpartie mitmachen zu dürfen.“ Mein Herr sah mich groß an.

„Seid Ihr Jäger?“

„Nein, ich bin nur eingeladen.“

„Da könnt Ihr machen, was Ihr wollt, aber Jäger kann ich in meinem Geschäft nicht gebrauchen.“

„So bleibe ich bei Euch, mir liegt nichts daran.“

Mein Entschluß schien ihm zu gefallen.

„Mann, wie kommt Ihr nur auf diesen Einfall?“ sagte er, indem er aufsah, denn bis jetzt hatte er mich kaum angesehen.

„Mr. Harry hat mich dazu eingeladen, und –“

„Wer?“ rief er erstaunt, und die Feder fiel ihm aus der Hand. „Mr. Harry von Harry und Comp., Mr. Harry, den kennt Ihr?“ und er sah mich an, als wenn ich ein Wunderthier wäre.

„Ja, Mr. Harry von Harry und Comp.“

„Den kennt Ihr? Der hat Euch eingeladen? Und Ihr wollt die Einladung nicht annehmen?“

„Wenn Ihr es nicht erlaubt, daß ich so lange aus dem Dienste trete –“

„Ich, es nicht erlauben, Mann! Wo denkt Ihr hin? Könnt gehen, wenn Ihr wollt, könnt kommen, wenn Ihr wollt. Ein Freund von Mr. Harry ist mir immer eine Ehre –“ Er wäre noch lange fortgefahren, wenn ihm nicht Bedenklichkeiten aufgestoßen wären. „Und wovon kennt Ihr ihn?“ Mit dieser Frage machte er sich Luft.

„Ich lernte ihn bei meinem Freunde, dem Professor, kennen.“

In diesem Augenblicke fuhr ein Wagen vor, und Mr. Harry, Chef des Hauses Harry und Comp., trat in das Comptoir.

Von einer äußern Devotion war keine Spur zu merken. Harry hatte mir die Hand geschüttelt, dann sie meinem Herrn gegeben, der mit aller Ruhe von seinem Sessel gestiegen war, aber es war doch zu merken, daß etwas Außerordentliches sich ereignete. Keine Feder rührte sich, man hörte kaum den Athem.

Die geistige Ueberlegenheit Harry’s erkannte ich hier erst auf seinem Boden. Hier war er zu Hause, über diese Menschen hatte er Gewalt. Er schien überrascht, mich noch in meinem Arbeitscostüm zu finden, noch mehr, daß ich um Erlaubniß und daß ich eben erst darum gebeten. Er wandte sich aber mit aller Herzlichkeit zu mir und sagte deutsch:

„Wir werden uns schon verstehen! Fahren Sie mit zu mir, ich habe schon für Alles gesorgt, es ist die höchste Zeit, daß Sie sich zur Reise vorbereiten.“

Ich war so überrascht, daß ich an meinen Anzug nicht dachte und ruhig stehen blieb.

„Wie steht’s Geschäft?“ fragte Harry.

„Es geht, nur fehlt die Waare.“

„Weiß wohl! Habe noch für Euch fünfhundert Centner. Habt bei mir ein Conto.“

Das waren zwei Prisen auf einmal. Aber der Amerikaner kam nicht außer Fassung.

„Sehr wohl, Mr. – Notiert’s, John,“ wandte er sich zum ersten Commis. Nur ich sollte die Nachwirkung erfahren, denn auf den Wink des Herrn hatte es der zweite Commis nicht unter seiner Würde gehalten, mir Rock und Hut zu holen, wofür ihm auch ein anerkennendes Nicken von Harry wurde – so gut als eine Stelle in dessen Comtoir, wohl nächst dem eigenen Geschäft das Ideal des armen Burschen.

Ich saß im Wagen bei Harry und hatte meine Gedanken noch nicht gesammelt.

„Sie fahren mit zu mir, ich muß Sie erst mit meiner Schwester bekannt machen,“ sagte Harry.

„So wie ich hier bin?“ fragte ich und sah auf meine Hände und Beinkleider, beschmutzt und voll Staub.

Harry lächelte.

„Sie sollen heute mein Haus als das Ihrige betrachten, denn an Vorbereitungen zur Jagd haben Sie wohl nicht gedacht und nicht denken können.“

[464] Wir hielten vor einer einfachen aber reizenden Villa. Harry faßte mich unter den Arm und führte mich in ein Zimmer.

„Dies ist Ihr Zimmer. Nun kleiden Sie sich um; in einer halben Stunde hole ich Sie ab.“

Alles, was zu einem vollständigen Anzuge nöthig war, fand ich hier. Ich war unwillig über mich selbst, aber ich sah ein, daß ich zu weit gegangen war, um umzukehren – und ich zog mich ruhig an. Es war mir, als zöge ich die Livree eines Fürsten an. Wehmüthig sah ich auf meine alten Kleider und dachte, mit ihnen meine Unabhängigkeit zu verlieren.

Harry trat ein. So hatte ich ihn noch nie gesehen. Ein ungemein weicher, milder Ausdruck lag über seinem ganzen Gesichte.

„Meine Schwester erwartet Sie schon!“ sagte er. „Es ist meine einzige, liebe Schwester!“ fügte er hinzu mit einem so tiefen, eigenen Gefühle, wie er kaum von seiner Geliebten hätte sprechen können. Sie kam uns schon an der Thüre entgegen.

„Das ist er!“ sagte sie, indem sie mir ihre Hand reichte. „Ja, das ist er! O, wie dank ich Dir, lieber Harry!“

„Er wird Dir auch seine schönen Lieder vorspielen, meine Ella!“ unterbrach sie Harry, „dann wirst Du Dich freuen, wie Dein Bruder sich freute.“

Das war dieselbe Stimme, die aus dem Wagen gerufen: „das ist er!“ Also hatte mir das gegolten? Aber diese Sylphengestalt, war sie mir schon im Leben begegnet? Das Gesicht kam mir bekannt vor, aber vergebens suchte ich in meinen Erinnerungen nach einer Erklärung.

Bald kam mein Freund, der Professor, mit seiner Frau, die Harry in seinem Wagen hatte holen lassen. Ich sah, wie glücklich sie über diese Einladung waren; aber wir bildeten einen so heimischen trauten Kreis, daß ich nicht reflectiren mochte.

Ella hatte eine kindliche Freude, uns überall herumzuführen. Wir sahen die kostbaren Gewächshäuser, mit Vogelhäusern, Springbrunnen u. s. w. Sie waren reich und geschmackvoll, aber nicht prunkend. Dann saßen wir am einfachen Theetische. Ella war eine wunderholde Erscheinung. Die Amerikanerinnen sind meist schön. Ella hatte keineswegs diese stolze Erscheinung, sondern vielmehr Weichheit. Sie war so eben erst zur Jungfrau erblüht, und hatte das ganze kindliche Wesen mit hineingenommen in ihre Entwickelung. Was sie auszeichnete, das war die Anmuth. Sie war es, die mich zu Hause sein ließ.

Ich spielte nicht allein, ich sang sogar zum ersten Male auf amerikanischem Boden. Mein Freund fuhr ab, und auch wir wollten uns von Ella empfehlen, da wir morgen bei Zeiten abzureisen gedachten.

"Nun singen Sie uns noch ein deutsches Abschiedslied!" bat Ella.

Ich setzte mich hin und sang:

"Morgen muß ich fort von hier!"

Ella war tief ergriffen von dem Liede. Sie hatte ihre Arme um Harry geschlungen, und Thränen standen ihr in den Augen.

     




Blätter und Blüthen.

Ein Volksfest in London. Gestern sprangen im Krystallpalast zum ersten Mal in diesem Jahr alle Fontainen bei einem Schilling Eintrittspreis. Es fand zu gleicher Zeit ein Gesangsfest von 6000 Kindern der Armenschulen statt. Ich nenne dies eben ein Fest, sollte es aber auch als Volksfest bezeichnen, da der Zweck nicht allein der war, der größeren Menge des Publicums einen Genuß zu bieten, der sonst z. B. in der St. Paulskirche nur einer sehr beschränkten Anzahl Personen verschafft werden kann, sondern auch die Kinder von dem dort nothwendigen Zwange zu befreien und ihnen wirklich eine Erholung zu bereiten.

Das Wetter war herrlich, obgleich es am Morgen mit Regen gedroht hatte. Der Krystallpalast ist so oft beschrieben worden, daß es hier nicht am Orte sein kann, von den Einzelnheiten der ganzen großartigen Anlage zu sprechen. Es soll nur versucht werden, annähernd eine Vorstellung von dem herrlichen Anblicke zu geben, der sich bei dem musikalischen Theile des Festes im großen Mittelschiffe darbot.

Stelle man sich im großartigsten Maßstabe die Hälfte eines Amphitheaters vor, auf zahllosen Stufen 6000 Kinder, in der Mitte derselben eine mächtige Orgel, der Hintergrund von einem wirklichen Künstler als der Himmel dargestellt; Knaben und Mädchen immer strahlenförmig getheilt, unten, näher dem Mittelpunkte, in Kreisen abwechselnd; dabei mit vielem Geschick die blauen, weißen, rothen, schwarzen Anzüge der einzelnen Schulen mit Berücksichtigung des Effectes benutzt, so daß das Ganze – schließlich wie übersäet mit den weißen Häubchen, Schürzen und langen Handschuhen der kleinen Mädchen, einen überaus pittoresken Anblick darbot. –

Gegenüber den Kindern befanden sich unter dem Krystalldache 21,793 Personen, jede in einem bequemen Sessel.

Als die 6000 Kinder zuerst in Masse den 100sten Psalm wie aus einem Gusse anstimmten, da ist sicher unter Allen kein Herz ungerührt geblieben. Tausende standen unwillkürlich auf, Tausende nahmen die Hüte ab, Vielen rannen Thränen herab. Schreiber dieses gehört zu denen, die auf’s Innigste gerührt wurden.

Eine mächtige Wirkung brachte das vierte Stück, das Mendelssohn’sche „Sleepers, wake! A voice is calling“ hervor, namentlich wenn die Kinder am Ende beim „to meet Your Lord“ das d über fünf Takte aushielten, und das unterhalb der Orgel aufgestellte Trompeterchor mit den Stimmen und den sanften Tönen der Orgel vereint zum pianissimo verschwammen.

Die sehr schwierige Aufgabe wurde mit großem Geschick gelöst und das Ganze mit einer bewunderswerthen Präcision von einem einzigen Herrn, Mr. Bates, dirigirt, der sich in der That großen Ruhm dabei erworben hat. Die Orgel wurde durch Mr. Cooper meisterhaft mit Berücksichtigung der Verhältnisse gespielt.

Als der letzte Ton des National-Anthem’s: „God save our gracious Queen“ kaum verhallt war, erhoben sich die Tausende von Knaben, Tücher wehend, der Königin viele Hochs auszubringen, in das 21,000 Zuschauer jubelnd, mit Hüten und Tüchern wehend, mit einstimmten.

Es war ein schönes, lebendiges Bild.

Schreiber dieses saß auf erhöhter Tribüne, gerade der Mitte der Orgel gegenüber. Der Zufall führte neben ihn einen Farmer der bessern Classe aus Kent, mit seiner eleganten Frau und Tochter. Das Gespräch kam auf den Gottesdienst und das Schulwesen in England. Dieser einfache Mann stimmte, wie man das überall hört, auch damit überein, daß hier in der Kirche zu viel, für die Schule zu wenig geschehe. Es müsse das anders werden. Thatsächlich gab er durch eine Frage für das Letztere einen schlagenden Beweis. Er hatte nämlich mit Vergnügen und Aufmerksamkeit zugehört, als ich ihm von unserem einfachen Kirchendienste erzählte, meinte dann, ja das wäre recht schön, aber ich möchte ihm die Frage verzeihen: „ob wir denn in Deutschland die griechische Religion hätten?!“ –

Nach dem Springen aller Fontainen, die durch ihre vielen Millionen Tropfen bei der im Westen rückwärts herabsinkenden Sonne über die weiten Rasen hin viele Regenbogen schufen, begannen die zahlreichen Schaaren sich mehr zu vertheilen und sich ihren verschiedenen Vergnügungen hinzugeben. Nichts war eigenthümlicher, als die einzelnen Schulen in Reihen zu zwei, ihren Lehrer oder die Lehrerin voran, die kleinen weißen oder schwarzen, blauen oder rothen Häufchen geordnet, in den verschiedensten Richtungen den Park nach ihren Spielplätzen durchkreuzen zu sehen.

Dergleichen Feste sind uns in Deutschland unbekannt, und wo einzelne Schulen verunglückte Versuche gemacht haben, da ist es nie ein wirkliches Volksfest geworden, nie ein Fest, das den Charakter einer großen harmlos heiter versammelten Familie trägt.

Hier bildeten sich Hunderte von Kreisen zum Spiel; auf Criquetspielplätzen wimmelte es; auf den Büchsenständen, oder beim Bogenschießen, oder auf den vielen Gondeln überall frohe, glückliche Menschen. Wo nur ein Schattenplätzchen zu finden war, hatten sich Familiengruppen im Grase liegend gebildet, unter ihnen stets mehr oder weniger von den kleinen uniformirten Kindern. Man konnte nichts Anziehenderes sehen, als wie ohne Unterschied die Kinder als gemeinschaftliche Gäste angesehen wurden, wie man sich freute, ihnen irgend etwas bieten, sie erquicken zu können. Als Curiosum will ich nur erzählen, daß 200 Dutzend große Schweinepasteten mit Eiswasser ad libitum von ihnen vertilgt wurden. Dabei habe ich mit der größten Aufmerksamkeit auch kein einziges Kind weinen oder mit einem anderen sich streiten sehen. –

Ein solches Fest, für einen geringen Preis allen Classen der Gesellschaft zugänglich, verliert zuvörderst den ausschließlichen Charakter einer Schaustellung, feuert die Kinder an und trägt entschieden zur sittlichen Hebung des Volkes bei. –




Für Naturaliencabinete.

Der Unterzeichnete hat von Java ein Stück jenes merkwürdigen Holzes caju—tai (lignum excrementarium) erhalten. Das Holz wächst in den Javanischen Bergen, ist im frischen Zustand weiß und geruchlos, nimmt aber, wenn älter, auch ohne in Fäulniß überzugehen, eine bräunliche Farbe und jenen entschieden penetranten Geruch an, der ihm seinen Namen verschafft hat. – Sollte irgend ein Naturaliencabinet ein Stück davon wünschen, so bin ich gern erbötig, es, soweit es reicht, (natürlich gratis) zu vertheilen, und bitte, nur sich deshalb an mich zu wenden.

Rosenau bei Coburg, den 4. Juli 1859. Friedr. Gerstäcker. 


  1. Viele Biographen, namentlich deutsche, lassen Garibaldi in Genua geboren sein. Es ist dies ein Irrthum, denn er so wie seine ganze Familie sind aus Nizza gebürtig. Eine ausführlichere Biographie Garibaldis werden wir später geben.      D. Red.