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Die Gartenlaube (1859)/Heft 15

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1859
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[209]

No. 15. 1859.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.
Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Das Testament des Verrückten.
Erzählung von J. D. H. Temme.
(Fortsetzung.)

Der Secretair ließ sich das nicht zweimal sagen.

„Halt, Kutscher!“ rief er zum Wagen hinaus.

Der Kutscher hielt. Ich sah eine lange, dunkle Gestalt in einem langen, schwarzen Rocke, wie die katholischen Geistlichen ihn zu tragen pflegen, neben dem Wagen gehen. Der Secretair redete den Mann an. „Guten Abend, Herr Pater.“

„Guten Abend,“ antwortete eine schöne, etwas tiefe männliche Stimme, verwundert, wie es schien, aus einem fremden Reisewagen von einer fremden Stimme angeredet zu werden.

„Sie kennen mich wohl nicht, Herr Pater?“

„Nein,“ antwortete der Pater offen, aber freundlich.

„Ich bin der Secretair Hommel vom Land- und Stadtgerichte, und bin mit dem Herrn Assessor auf dem Wege nach Tiefendorf, um das Testament des alten Lohmann aufzunehmen.“

„Ach so.“

„Sie wissen davon?“ mußte der neugierige kleine Secretair noch fragen.

„Ja.“

„Ah, ah! Und wenn der Herr Pater nun auch nach Tiefendorf wollen –“

„Ich bin auf dem Rückwege dahin.“

„So – wir haben noch Platz im Wagen, so würden Sie uns eine Freude machen, wenn Sie zu uns einstiegen.“

Der Pater besann sich keinen Augenblick. „Das nehme ich ganz gern an,“ sagte er mit derselben Offenheit, mit welcher er vorher dem kleinen Secretair erklärt hatte, daß er ihn nicht kenne.

Ich hatte unterdeß die Gesichtszüge des Mönches betrachtet. Es war nicht so finster, daß ich sie nicht hätte unterscheiden können. Ich sah in ein schön geformtes, kluges, mildes und trotzdem sehr kräftiges Gesicht, auch noch trotz seines Alters. Ich stieg aus dem Wagen und wiederholte die Bitte des Secretairs.

„Ei ja,“ erwiderte er mit offener, zutraulicher Ungenirtheit. „Das Alter und weite Wege im Gebirge machen müde, und da ist ein solch’ freundliches Anerbieten doppelt willkommen. Ich war tief im Gebirge; die Gemeinde ist groß.“

„Aber daß Sie mich nicht mehr kannten, Herr Pater!“ rief der Secretair.

„Ich hatte Sie früher nur flüchtig gesehen, mein lieber Herr Hommel, und flüchtige Eindrücke verwischen sich. Dafür kann der Mensch nicht.“

Er hatte bei seiner Geradheit auch noch einen scharfen Blick, ebenfalls noch trotz seines Alters.

Ich hatte ihm in den Wagen hineingeholfen; er hatte meine Hülfe angenommen, auch meinen Platz im Fond des Wagens, ohne Widerrede, mit dem freundlichen Danke des Mannes von Bildung, der sich der Ehrwürdigkeit seines Alters und seiner Stellung bewußt ist, gegenüber einem jüngeren Manne, der gleichfalls der gebildeten Gesellschaft angehört.

Der Wagen hatte sich wieder in Bewegung gesetzt. In demselben Augenblicke hatte er, ungeachtet der Dunkelheit, die Fremde schon erkannt, die neben ihm saß. Ich hatte seit dem Gespräche mit dem Geistlichem wenig auf sie geachtet. Dennoch war es mir vorgekommen, als wenn unsere Absicht, ihn einsteigen zu lassen, sie beunruhige. Sie hatte ihren Reisehut tiefer in das Gesicht gezogen. Einmal meinte ich sogar, sie mache eine Bewegung, als wenn sie auf der entgegengesetzten Seite des Wagens aussteigen wolle; dann drückte sie sich tiefer in die Ecke. Sie wünschte offenbar, von dem Geistlichen nicht gesehen zu werden; aber sie konnte zu keinem Entschlusse gelangen. Ich wollte schon mißtrauisch gegen sie werden. Allein, so wie der Pater eingestiegen war, bog sie sich entschlossen aus ihrer Ecke vor und wollte sich ihm wahrscheinlich von selbst zu erkennen geben. Es entsprach ihrem entschlossenen, stolzen, für sich einnehmenden Wesen. Der Pater kam ihr aber zuvor; mit seinem scharfen Auge hatte er sie erkannt, bevor sie ihn anreden konnte.

„Marianne, Du hier?“

Er fragte es überrascht, verwundert; ob aber freundlich oder unfreundlich, konnte ich nicht unterscheiden. Sie antwortete ihm:

„Ich bin es, Herr Pater. Ich wollte Sie eben begrüßen und Ihnen sagen, wie ich mich freue, daß Sie noch immer so rüstig sind.“

„Ja, es geht ja noch. Aber woher kommst Du?“

„Aus –“ Sie nannte die Provinzialstadt.“

„Und Du willst zu – zu –?“

Er zögerte, das Wort auszusprechen. Das Mädchen hatte ihn dennoch verstanden.

„Ja, Herr Pater.“

„Jetzt? Heute?“ fragte er, beinahe vorwurfsvoll.

„Ich mußte,“ antwortete sie leise.

„Wir sprechen nachher davon,“ brach er das Gespräch ab.

Auch das Mädchen schwieg. Das Schweigen Beider über diese Angelegenheit benutzte der Secretair Hommel, um seine Fragen anzubringen.

„Ah, ah, Herr Pater, hat hier im Gebirge nicht einmal ein Treffen stattgefunden?“

[210] „Im Herbste des Jahres 1813,“ antwortete der Pater.

„Wir werden an der Stelle vorbeikommen?“

„Nach einiger Zeit, mehr in der Nähe des Dorfes.“

„Es war zwischen Franzosen und Kosaken?“

„Ja. Ein Haufe Franzosen hatte sich auf dem Rückzuge nach der Schlacht bei Leipzig verspätet. Die großen Straßen rund umher waren schon von russischen und deutschen Truppen besetzt. Jene suchten durch die Schluchten des Gebirges hier zu entkommen. Ein überlegener Trupp Kosaken hatte sie aufgespürt und überfiel sie hier. Ich glaube, es sind von den unglücklichen Verfolgten nur wenige mit dem Leben entkommen.“

Der Secretair hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. „Erzählt man nicht,“ fragte er, und er fragte mit einer gewissen lauernden Spannung, „erzählt man nicht noch von besonderen Geschichten, die bei jener Gelegenheit oder zu jener Zeit vorgefallen sein sollen?“

„Ich wüßte nicht,“ erwiderte der Pater.

Er suchte seiner Stimme einen gleichgültigen Ton zu geben.

Ich war dennoch aufmerksamer geworden. Hatte der Secretair mir vorhin doch noch nicht Alles gesagt, was er wußte oder wohl auch nur combinirte? Wollte er hier Näheres erfahren? Wußte der Pater das Nähere? Es schien beinahe so. Aber gewiß schien es mir auch zu sein, daß er keine Lust hatte, dem neugierigen Frager nur das Geringste zu verrathen. Indessen, der Secretair hatte mir vorhin ja nur seine Nachrichten und Combinationen über die Familie Lohmann mitgetheilt, und was berechtigte mich, jenes Kriegsereigniß mit dieser Familie in Verbindung zu bringen? War das nicht eine Combination von meiner Seite, die noch über die seinigen hinausging? – Er fuhr, durch die kalten Antworten des Geistlichen nicht abgeschreckt, in seinen Fragen fort:

„Ich meinte, man hätte von einem räthselhaften jungen Menschen gesprochen?“

„Ich erinnere mich nicht,“ war wiederum die kalte, kurze Antwort des Paters.

„Oder eigentlich soll es kein junger Mann gewesen sein.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Nämlich nur ein verkleideter.“

„Ich weiß in der That nicht, was Sie wollen, mein Herr.“

Der Geistliche sagte das zwar höflich, aber auch mit einer Entschiedenheit, die deutlich genug zeigte, daß ihm das Gespräch unangenehm war. Ich war im Begriffe, dem zudringlichen Frager einen derberen Wink zu geben. Er hatte aber schon rasch eine weitere Frage vorgebracht.

„Aber von einem Kinde müssen Sie wissen, Herr Pater? Sie selbst haben es noch getauft.“

„Ich taufe viele Kinder, mein Herr,“ erwiderte der Geistliche, noch ruhig. Aber unmittelbar darauf setzte er mit Strenge hinzu: „Und nun, mein Herr, bitte ich Sie, mich nicht weiter zu fragen.“

Dann wandte er sich an das Mädchen, das an seiner Seite weinte. Sie hatte während des Gespräches des Geistlichen und des Secretairs sich still verhalten. Der Geistliche, so war es mir vorgekommen, hatte von Zeit zu Zeit desto unruhigere Seitenblicke auf sie geworfen, als wenn das Gespräch, dem er nicht entgehen konnte, sie betreffe, als wenn er gerade um ihretwillen wünsche, es abgebrochen zu sehen. Auf einmal hörten wir sie heftig schluchzen. Um das Weinen zu bekämpfen, hatte sie sich wohl äußerlich still verhalten. Das Gespräch ging sie also in der That an? Berührte sie gar nahe, schmerzlich? Der Geistliche nahm ihre Hand.

„Weine nicht, meine gute Marianne; wir sprechen nachher zusammen.“

Er sagte das, wie ein liebender Vater zu seinem Kinde, und behielt ihre Hand in der seinigen. Ihr Schluchzen hörte auf. Der Secretair schwieg endlich, und im Wagen herrschte jetzt die größte Ruhe. So erreichten wir nach einer Weile das Dorf. Am Eingange des Dorfes bat der Pater, aussteigen zu dürfen.

„Du begleitest mich, Marianne?“ fragte er das Mädchen,

Sie warf plötzlich einen zweifelhaften, fragenden Blick auf mich; dann sagte sie entschlossen: „Ja, Herr Pater!“ Sie stieg mit ihm aus.

Was hatte sie von mir gewollt? Allein ich hatte jetzt meinerseits noch einige Fragen an den Geistlichen. Ich sollte ein Testament von einem Manne aufnehmen, von dem mit Bestimmtheit gesagt wurde, daß er nicht den Gebrauch seiner Vernunft habe. Es war eine Gewissens- und Amtspflicht für mich, über den Zustand dieses Mannes mir jede mögliche Aufklärung zu verschaffen zu suchen. Der Geistliche mußte von ihm wissen und schien ihn näher zu kennen. Sein klares, besonnenes, selbst würdiges Benehmen hatte mir andererseits Vertrauen zu ihm einflößen müssen. Ich stieg deshalb gleichfalls mit ihm aus.

„Herr Pater, erlauben Sie, daß ich Sie wenige Schritte begleite?“

„Es wird mir recht angenehm sein.“

„Auch daß ich einige Fragen an Sie richte? Nicht aus Neugierde.“

„Ich bin überzeugt davon. Fragen Sie.“

„Der alte Herr Lohmann will sein Testament machen; ich höre aber Zweifel hinsichtlich seines geistigen Zustandes.“

Er sann einen Augenblick nach; dann antwortete er, aber, wie es mir schien, nicht ganz mit seinem offenen und ungezwungenen Wesen: „Darüber kann ich Ihnen in der That keine Auskunft geben, denn ich habe den Mann seit langer Zeit nicht gesehen; die Welt nennt ihn freilich schon lange einen Verrückten.“

„Mit Recht oder mit Unrecht nach Ihrer Meinung?“ fragte ich ihn weiter.

„Auch darüber habe ich kein Urtheil. – Indeß –“

Er sah auf das Mädchen, die neben ihm ging, als wenn er sie fragen wolle oder ich sie fragen solle.

„Doch nein,“ fuhr er dann fort. „Aber Sie werden ja vorsichtig sein, Herr Assessor, wie Amt und Gewissen es von Ihnen fordern, und wozu noch ganz eigenthümliche Umstände, die auch Ihnen nicht entgehen werden, Sie noch besonders auffordern möchten. Ich sage Ihnen nicht mehr, um nicht Vorurtheile in Ihnen zu wecken, die der Wahrheit nachtheilig sein könnten. Wenn ich mir dann noch erlaube, Sie zur besonderen Vorsicht zu ermahnen, so werden Sie mir altem Manne das ja nicht übel nehmen.“

„Ich bin Ihnen vielmehr dankbar.“

„Und hoffentlich – Doch nein,“ unterbrach er sich wieder. Er hatte jedenfalls noch etwas auf dem Herzen; aber er schwieg. Ich hatte ihn nichts mehr zu fragen und verabschiedete mich von ihm. Etwas mußte er mir doch noch sagen. Er nahm meine Hand.

„Herr Assessor, ich hatte hier im Dorfe schon von Ihnen gehört; mein Blick bestätigt mir, was ich gehört hatte. Sie werden heute noch Manches erfahren. Was es auch sei, behalten Sie ein gerechtes, aber auch ein mildes Urtheil. – Leben Sie wohl. Es ist möglich, daß ich Sie bald wiedersehe, heute noch. – Komm, meine gute Marianne.“

Ich glaubte, das Mädchen wieder leise weinen zu hören. Er nahm ihre Hand und entfernte sich mit ihr. Er hatte in Räthseln gesprochen. Räthseln ging ich entgegen. Was sollte ich im Hause des Verrückten finden? Wie stand das Mädchen damit in Verbindung, das an der Seite des Geistlichen weinte? Wie stand sie wieder in Verbindung zu einer geheimnißvollen Geschichte jenes Treffens aus dem Jahre 1813? Wie also wieder die Geschichte mit dem, was ich in dem Lohmann’schen Hause finden sollte?

Mit diesen und ähnlichen Fragen machte ich mich auf den Weg nach dem Hause des Testators.

Der Secretair fragte mich nicht mehr. Er war auch, seit jener Zurechtweisung des Geistlichen, schweigsamer geworden. Auch in dem Wirthshause des Dorfes, in dem ich zunächst eingekehrt war, hatte ich mich nicht näher erkundigen mögen. Die Ankunft einer Gerichtsdeputation zur Aufnahme des Testaments des alten Herrn Lohmann war in dem Dorfe natürlich schon den ganzen Tag besprochen. Der Wirth, der den Secretair kannte, hatte mit diesem sofort ein Gespräch darüber angeknüpft. Beide hatten große geistige und gemüthliche Verwandtschaft mit einander.

„Sie wollen von dem Verrückten ein Testament aufnehmen, Herr Secretair? Na, da bin ich neugierig.“

„Ich auch, ich auch, Herr Wirth. Also, Sie halten ihn wirklich für verrückt?“

„Wer kann daran zweifeln?“

„Aber seit achtzehn Jahren soll ihn ja kein Mensch gesehen haben?“

„Seit achtzehn Jahren hat ihn kein Mensch gesehen, und auch kein Mensch einen Fuß in sein Haus setzen dürfen. Die Herren vom Gerichte werden heute die ersten sein. Aber folgt daraus, daß er nicht verrückt ist? Ich denke gerade im Gegentheil.“

Auch das war eine Logik.

[211] „Aber was für Leute wohnen denn in dem Hause?“ fragte der Secretair noch.

„Zuerst seine Alte.“

„Seine Alte? Wer ist die?“

„Na, Sie werden sie schon kennen lernen. Sie commandirt Haus.“

„Dann?“

„Dann eine Jüngere.“

„Und wer ist die?“

„Man spricht Allerlei davon, und darum sage ich lieber nichts. Ein Wirth muß sich in Acht nehmen.“

„Hat der Alte nicht einen Sohn?“

„Ja, der arme Mensch ist auch noch im Hause. Und das werden sie wohl Alle sein. Denn die Domestiken müssen in einem Nebenhause wohnen, und kommen in das Haupthaus nur, wenn die Alte sie ruft, und die läßt sie dann nicht aus den Augen. Es mag freilich mitunter in dem Hause curios genug hergehen, und Manches vorfallen, was nicht Jedermann hören und sehen darf. So zum Beispiel – Aber ein Wirth muß schweigen können.“

„So zum Beispiel, Herr Wirth?“

„Ich habe nichts gesagt, Herr Secretair.“ Er sagte in der That nichts mehr.

Ich brach mit dem Secretair nach dem Hause des Herrn Lohmann auf. Es war nach sieben Uhr Abends. Der Abend war völlig dunkel. Ein Knecht des Wirths mit einer Laterne führte uns hin. Als wir die letzten Häuser des Dorfes hinter uns hatten, kamen wir zuerst an einen weiten Platz, der nach mehreren Seiten von Gebäuden eingefaßt schien. In der Dunkelheit konnte man es nicht näher unterscheiden.

„Der alte Klosterplatz,“ sagte der Knecht.

Wir betraten ihn. Ein schmaler Fußpfad führte uns zwischen Steingeröll, halb verdorrtem Grase, Disteln und ähnlichem Unkraut weiter. Man konnte jetzt jene Einfassung des Platzes genauer unterscheiden. Die Umrisse langer, hoher Gebäude zeichneten sich an dem dunklen Himmel ab. Sie selbst lagen völlig finster da. Auch auf dem ganzen weiten Platze herrschte tiefe Finsterniß. Kein Licht, keine Spur irgend eines Lebens war bemerkbar.

„Wo ist die Lohmann’sche Wohnung?“ fragte ich den Knecht.

„Sogleich, Herr!“

Er führte uns weiter. Der Pfad bog sich aus der Mitte des Platzes heraus, nach rechts. Wir kamen einem der langen, hohen Gebäude näher. Die Laterne warf ihr ungewisses Licht darauf. Wir gingen an einer kahlen, grauen, mitunter verfallenen Mauer. Hin und wieder waren Fensteröffnungen da, aber es waren keine Fenster, nicht einmal Fensterkreuze mehr darin.

„Das alte Kloster.“ sagte der Knecht.

Seine Worte hallten durch die Oeffnungen der Mauer, wie in einen weiten, leeren, wüsten Raum hinein.

Wir kamen an dem alten Kloster vorüber. Eine niedrige Mauer zog sich vor uns her. Der Knecht führte uns gerade auf sie zu. Sie hatte eine Oeffnung. Ehemals war eine Pforte hier gewesen. Sie mußte schon längst verschwunden sein. Nur noch der eine Pfosten stand da. Wo der zweite gestanden hatte, war sogar die Mauer eingefallen. Wir durchschritten die Oeffnung, und gelangten auf einen kleinen Platz. Der Schein der Laterne zeigte höheres, wilderes, üppigeres Unkraut; es stand in gewissen regelmäßigen Gruppen. Das waren alte Gartenbeete. Wir befanden uns nicht in einem alten, aber in einem ehemaligen, längst verwüsteten Garten. An seinem Ende, uns gegenüber, lag wieder ein Gebäude. Es war ungleich kleiner, als jenes alte Kloster, aber noch immer größer, als ein gewöhnliches bürgerliches Wohnhaus. Seine Umrisse schienen mir in der Dunkelheit ein herrschaftliches Landhaus im Style des siebzehnten Jahrhunderts anzuzeigen. Als wir näher kamen, zeigte das Licht der Laterne denselben grauen Mauerstein, mit dem das Kloster ausgeführt war, und auch hier waren die Mauern vielfach verfallen und beschädigt. Das Haus lag so dunkel und so still da, wie vorher das alte Kloster. Seine Fensteröffnungen waren von außen mit schweren Läden verschlossen, so dicht, daß keine Ritze die Spur eines Lichtes zeigte, wenn inwendig ein Licht brannte.

„Das Haus des Herrn Lohmann,“ sagte der Knecht.

„Die ehemalige Priorei des Klosters,“ setzte der Secretair hinzu.

Wir stiegen eine steinerne Treppe von fünf oder sechs Stufen hinauf. Sie war alt, die Steine waren schadhaft, lagen lose, ein Geländer war vielleicht einmal da gewesen. Wir standen vor einer Thür von schwerem, dunklem Eichenholz. In ihrer Mitte war ein verrosteter Klopfer.

„Klopfen Sie da nur an,“ sagte der Knecht, und er kehrte eilig mit seiner Laterne zurück, als wenn es anfange, ihm zu grauen.

Wir standen an dem Hause des Verrückten. Unser erstes Gefühl, wenn wir einem Menschen begegnen, dessen Geist ewige Nacht umfängt, ist Mitleiden; wir können uns aber auch eines gewissen Grauens nicht erwehren, vielleicht noch von den Kinderjahren her. Ich sollte in das Haus des Verrückten eintreten. Seit achtzehn Jahren hatte kein fremdes Auge den Mann gesehen; seit eben so langer Zeit hatte kein fremder Fuß das Haus betreten. Es lag so dunkel, so unheimlich vor mir, in der Abgeschiedenheit alter, verfallener, wüster Klostermauern, selbst alt, verfallen, wüst. Hier hausete der Unglückliche, in der Nacht des Geistes, in jener sonderbaren Umgebung, in der Nähe eines schweren, blutigen Verbrechens. War nicht auch von Verbrechen die Rede gewesen?

Was sollte ich in dem Hause finden? Aber was wußte ich denn von einem Verbrechen? War der alte Mann nur verrückt, geistesschwach? Dennoch, was sollte ich finden? –

Ich erhob den verrosteten Thürklopfer und klopfte. Der Schlag hallte dumpf wieder, wie durch das ganze Haus. Aber es regte sich nichts drinnen.

„Herr Assessor,“ sagte der Secretair neben mir.

„Sie sind neugierig, Herr Secretair!“

„Ach, ich weiß nicht – ich – Es kann Einem fast schauerlich hier werden.“

In dem Hause regte sich etwas. Es schienen leise und doch schwerfällige, langsame Schritte zu sein. Ein niedriges Fenster über der Thür wurde von einem matten Lichtstrahl erhellt. Die Schritte naheten sich. In dem Schlosse der Thür wurde ein Schlüssel gedreht. Dann wurde ein Riegel zurückgeschoben; darauf wurde an der Thür gezogen, um sie vollends zu öffnen. Alles geschah langsam, leise, wie um so wenig wie möglich Geräusch zu machen, aber auch, wie ich meinte, mit einer gewissen Unlust, Bequemlichkeit, Trägheit.

Wer mag da öffnen? Welche Figur mag gleich vor uns stehen?

Selbst der Secretair sagte wieder: „Da bin ich doch neugierig.“

Die Thür ging auf. Ein Frauenzimmer, mit einer Laterne in der Hand, stand unmittelbar an der geöffneten Thür vor uns. Sie trug bürgerliche Kleidung, etwas nachlässig. Sie war noch jung; sie konnte vier- bis fünfundzwanzig Jahre zählen; ihre Gestalt war schlank. Ihre Gesichtszüge waren nicht häßlich; sie zeigten sogar eine gewisse Regelmäßigkeit, aber sie waren von einer gelblichen Leichenfarbe bedeckt, und der Farbe entsprach der Ausdruck des Gesichts. Man konnte meinen, eine Todtenmaske zu sehen. In dem ganzen Gesichte bewegte sich nichts, es war todt und starr. Die Augen waren wie von grauem Glase. Von Geist war in dem Allem keine Spur zu sehen. So stand sie vor uns. Daß die Figur Leben hatte, zeigte eine Bewegung ihres Armes, womit sie die Laterne höher hielt, um uns besser sehen zu können, und ein Blick stumpfer geistloser Neugierde, mit dem sie uns betrachtete. Sie machte einen unheimlichen Eindruck. Aber ein anderer, widerwärtigerer Eindruck verdrängte ihn.

Wir befanden uns an einer kleinen Halle. Im Hintergründe derselben, uns gerade gegenüber, stand eine zweite weibliche Figur, mit einer Lampe in der Hand. Die Lampe beleuchtete ihr Gesicht, man konnte es voll sehen. Man glaubte kein häßlicheres Gesicht eines alten, bösen Weibes sehen zu können. Eine alte, schwarze Haube aus dem vorigen Jahrhundert umgab dieses häßliche, boshafte Gesicht. Ein weites Kleid von großgeblumtem Kattun umhüllte eine alte, magere Figur. Daß Haube und Kleid nicht eben sehr rein waren, ich konnte es in der Entfernung nicht sehen, aber ich hätte darauf geschworen, daß sie es nicht waren.

„Herrscht in diesem Hause der Blödsinn oder der Satan?“ mußte ich mich unwillkürlich fragen.

Den Secretair sah ich sich unwillkürlich schütteln.

Die Alte hatte nur sehen wollen, wer Einlaß in das Haus begehre. Sie warf noch einen flüchtigen Blick auf uns, dann verschwand sie durch eine Seitenthür. Wir waren mit der Jüngeren allein.

„Wir sind zur Aufnahme eines Testamentes hierher gekommen,“ sagte ich zu ihr.

Sie nickte mit dem Kopfe. „Ich weiß es, kommen Sie nur herein.“ Es war eine träge, schläfrige, geistlose Stimme, mit der sie das sprach.

Wir traten in die Halle. Aber sie führte uns nicht weiter. [212] Sie setzte ihre Laterne auf die Erde, trat näher an die Thür, faßte mit der einen Hand diese und mit der anderen den im Schlosse steckenden Schlüssel, und wollte so die Thür wieder zudrücken und abschließen. Sie that Alles langsam, schwerfällig, schläfrig. Darum kam sie auch nicht damit zu Stande.

Eine andere weibliche Gestalt, ein behendes, entschlossenes Wesen, kam ihr zuvor. Aus der Maueröffnung, durch die auch wir vorhin gekommen waren, kam sie schnell herangeflogen, mit wenigen Sprüngen war sie oben auf der steinernen Treppe. Als die Andere die Thür zudrücken wollte, stand sie mitten in dieser. Ehe die Andere sich besinnen konnte, war sie neben uns in der Halle. Es war unsere Reisegefährtin, die der Pater Theodorus seine gute Marianne genannt hatte.

„Guten Abend,“ sagte Marianne mit ihrem raschen, entschlossenen Wesen.

Auf einmal kam jene Andere zur Besinnung. Die Todtenmaske belebte sich; die geistlosen Züge bekamen Geist. Aber welch ein Leben war das, welch ein Geist! Tas Gesicht blieb bleich, die Züge veränderten sich nicht; nur die Augen bewegten sich, sie sprühten ein wildes Feuer.

„Was willst Du hier?“ rief sie der Fremden zu. Sie rief es in einem sonderbaren Tone, wie ein eigensinniges, verzogenes, schreiendes Kind von sechs oder sieben Jahren.

Wie ein solches Kind kam sie mir auf einmal überhaupt vor. Ihr Körper hatte die Ausbildung des Alters von fünfundzwanzig Jahren; vielleicht war sie noch älter. Ihr Geist war in der Entwickelung ihres siebenten Jahres stehen geblieben. Die Fremde, Marianne, stand ihr mit Ruhe, aber auch mit einem fest entschlossenen Muthe gegenüber. Welcher Gegensatz, jenes gelblich bleiche, wuthsprühende, kindisch schreiende, in diesem Augenblicke von dem Schreien verzerrte und so doppelt häßliche Gesicht, und dieses klare, ruhige, muthvolle, seine, von der Reise und der augenblicklichen Erregung etwas geröthete und jetzt wirklich schöne Gesicht, mit den dunklen, glanzvollen Augen!

„Was willst Du hier?“ hatte jene dem Mädchen zugeschrieen. „Ich will in dieses Haus,“ antwortete Marianne ruhig. „Zu wem, zu wem?“ „Zu meinem Pflegevater.“ „Du lügst, Du lügst. Du willst nicht zu ihm. Du sollst zu keinem Menschen. Du sollst aus dem Hause. Hinaus, hinaus!“

Sie rief immer in dem weinerlichen, schreienden Tone eines verzogenen, trotzigen, heftigen Kindes, das seinen Willen nicht bekommt. Das Geschrei hallte durch das ganze Haus.

Im Hintergrunde der Halle, dort, wo das häßliche alte Weib verschwunden war, öffnete sich eine Thür. Die Alte erschien darin. Sie blickte rasch umher. Das Geschrei der Tochter schien sie erschreckt zu haben. Auf einmal sah sie die Fremde, Marianne. Das häßliche Gesicht verzerrte sich in entsetzlicher Bosheit. Sie stürzte wie eine Furie näher. Aber mitten in der Halle schien sie sich auf etwas zu besinnen, und hielt ihren Schritt an. Sie sah zweifelhaft auf die Fremde, dann auf mich und den Secretair.

Marianne hatte sich auf unsere Seite gestellt; es konnte aussehen, als wenn sie unter unserem, der Gerichtsbeamten, Schutze stehe, als wenn sie gar mit uns gekommen sei. Die Alte stutzte sichtlich. Die Andere sah es nicht. Sie blieb das schreiende Kind von sieben Jahren. Sie hatte die Alte gesehen, und lief auf sie zu.

„Die Marianne ist hier, Mutter; sie will nicht wieder fort; sie will nicht aus dem Hause. Hilf mir. Sie soll fort, sie soll fort; sie soll nicht zu ihm.“

Sie war also die Tochter der Alten.

Die alte Frau stand zweifelhaft, in sichtbarer Unruhe. Marianne trat auf sie zu, ruhig, muthig, wie sie bisher war.

„Madame Langlet, mein Pflegevater liegt am Sterben. Sie werden mir doch erlauben, daß ich ihn noch einmal sehe.“

Aus den Augen der alten Madame Langlet schoß ein furchtbar wüthender Blick. Aber ein unruhiger Seitenblick auf uns, die Gerichtsbeamten, folgte ihm. Die Frau mäßigte sich.

„Wer hat Dir gesagt, daß er am Sterben liegt?“ fragte sie die Fremde.

„Ich habe es gehört.“

„Und warum bist du hergekommen?“

Das Mädchen besann sich.

„Jetzt, ja,“ antwortete sie dann, aber, wie es mir schien, nicht ohne einen Vorbehalt gegen sich selbst.

Auch die Frau besann sich.

„Du kannst bleiben.“

„Sie soll fort, sie soll fort!“ schrie die Tochter.

Aber die Alte brauchte ihr nur einen einzigen drohenden Blick zuzuwerfen. Sie schwieg, wie das an den strengsten Gehorsam gewöhnte Kind.

„Komm,“ sagte die Alte dann zu der Fremden. „Führe die Herren, Adrienne,“ befahl sie ihrer Tochter.

Marianne folgte ihr ohne Zögern durch die Thür, durch welche jene eingetreten war. Die Tochter der Alten, Adrienne Langlet, führte uns durch eine gegenüberliegende Thür in ein Zimmer; sie selbst trat nicht mit hinein. Es war ein hohes, geräumiges Zimmer; Decke und Gesimse zeigten kunstvolle und noch wohlerhaltene Stuckaturarbeiten. Das Kloster war reich gewesen. Auch die Möbel, die umherstanden, ließen dies erkennen; sie waren so alt und altmodisch, daß sie wohl noch aus den Zeiten der Prioren herstammten, die in diesem Hause wie kleine Fürsten gelebt hatten. Alles war gediegen, von braunem Eichenholze, fest gepolstert, mit schweren Goldleisten und Goldrahmen verziert. Auf einem Tische in der Mitte des Zimmers brannten zwei Wachskerzen.

(Fortsetzung folgt.)




Der Friedhof im Walde.

An einem der köstlichsten Morgen des vorigen Frühsommers, der durch seine Hitze zu Ausflügen in kühle Bergwälder und schattige Thäler einlud, stiegen zwei Männer in dem thüringischen Bergstädtchen Waltershausen aus dem Waggon der Zweigbahn, welche von der Bahnstation Fröttstedt zwischen Gotha und Eisenach von der thüringischen Bahn ab dem in jeder Hinsicht reizendsten Theile des Thüringer Waldgebirgs, dem nordwestlichen, zuläuft. Der Eine war ein hoher Fünfziger mit grauem Haar und edlen Körper- und Gesichtsformen, und der Ausdruck der letzteren wurde noch durch die Furchen erhöht, welche die tiefeinschneidende Pflugschar des Schmerzes und der bittersten Lebenserfahrung so bemerkbar gerade im Antlitz der besten und liebenswürdigsten Menschen zurücklässt. Der Andere mochte kaum in das vierte Jahrzehnt seines Lebensalters getreten sein, und zeigte ein volles, von Glück und Gesundheit geröthetes Gesicht. Sie bildeten noch einen anderen Gegensatz; der Aeltere hatte ein ruhiges, klares Auge, und seine Art sich zu bewegen und zu reden entsprach demselben; des Jüngeren Auge war groß mit einem unruhigen Ausdruck, der an Schwärmerei erinnerte, und in der That sprach er hastig und abgerissen, und sein Gang, seine Bewegungen waren rasch und oft heftig. Beide Männer waren geborene Thüringer und seit einer Reihe von Jahren persönliche Freunde, obgleich der Jüngere schon längst in einer großen Stadt außerhalb Thüringens seine Existenz gegründet hatte. Nichtsdestoweniger wetteiferte er mit seinem Freunde, der in einer thüringischen Hauptstadt wohnte, in Liebe und Begeisterung für das grüne, schöne Geburtsland, ja der Ausdruck seiner patriotischen Gefühle war seiner Charakter- und Temperamentseigenheit nach lebendiger und streifte nicht selten an’s Excentrische.

Wir nennen den Aelteren Bernhard, den Jüngeren Otto.

Ohne sich aufzuhalten oder sich um die zahlreiche Gesellschaft zu bekümmern, die demselben Ziele zustrebte, Rheinhardsbrunn, Inselberg u. s. w., eilten sie in lebhaftem Gespräch der Gebirgspforte zu, welche offen vor ihnen lag. Als Otto nach einigen Minuten in dieselbe einbiegen wollte, hielt ihn Bernhard mit den Worten zurück:

„Lieber, überlaß Dich heute meiner Führung, und laß uns den kleinen Umweg über Schnepfenthal nicht scheuen; er wird sich belohnen.“

„Du willst mich in die Erziehungsanstalt führen?“ fragte Otto etwas verdrießlich. „Ich habe sie schon dreimal besucht und das letzte Mal erst vorigen Sommer, und kenne ihre äußere und innere Einrichtung und was irgend Merkwürdiges in und an ihr ist, für mich genügend genau. So sehr mich der Geist der Ordnung und Sauberkeit dort anspricht, so herabstimmend wirken geistlose Förmlichkeit und deutscher Pedantismus einer menschlichen Dressiranstalt

[213] auf mich ein. Ich kann das an Thieren nicht leiden, geschweige an der hoffnungsvollen männlichen Jugend des Vaterlandes. Schon die Uniformirung der Schnepfenthäler Zöglinge in rothen Jacken ist mir zuwider.“

„Es liegt gar nicht in meiner Absicht, Dich in die Erziehungsanstalt zu führen, obgleich ein köstliches, heimliches Plätzchen, das ich mit Dir aufsuchen will, in sehr naher und enger Beziehung zu ihr steht. Ich darf Dir versprechen, daß jenes Plätzchen voll der von Dir gesuchten Poesie ist. Und das trauliche Plätzchen ist nah, dort im Walde auf der sanften Anhöhe, über die sich die beiden zusammenhängenden Dörfchen Schnepfenthal und Rödchen hinziehen.“

Otto folgte dem Freunde.

„Diese Gegend des thüringer Landes,“ fuhr Bernhard im Weitergehen auf der schmucken Chaussee, die am Fuße des Geizenberges hinläuft, fort, „ist vor allen Ländern Deutschlands reich an Culturstätten; ich pflege sie mit einem dem Pflanzenreiche entnommenen Worte Knotenpunkte der Geistesentwickelung zu nennen. Es sind dies die gesegneten Localitäten, wo der heilige Geist der Menschheit oder, wenn Du lieber willst, des Deutschthums, sich offenbarte, um ringend und strebend, wie es seine Art ist, sich weiter zu entwickeln, zu wachsen in die Tiefe und Höhe und sich räumlich auszubreiten.

Der Schnepfenthaler Friedhof.[1]

„Nur kurz sei an die nahe Wartburg als wichtige Culturstätte des Mittelalters erinnert. Luther’s Stamm- und Zeugungsort Möhra, wo sein ehernes Standbild jetzt leuchtet, finden wir am südlichen Abhang des Gebirgs, nur wenige Stunden von hier; seine ersten Bildungsstätten, Eisenach und Erfurt, liegen uns westlich und östlich nur in geringer Entfernung. Dazwischen Gotha, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein glänzender Knotenpunkt des Geistes, und jenseits Erfurt, das einst eine der trefflichsten Hochschulen besaß, steht Weimars erhabenes Gestirn am deutschen Geisteshimmel. Eine Stunde nördlich von hier findest Du das ehemalige Lustschloß Friedrichswerth, den Lieblingssitz der herrlichen Herzogin Louise Dorothea von Gotha, wo alle Geistesblüthen der französischen Literatur dufteten, und dicht dabei liegt das alte Dorf Sonneborn, und in seiner Mitte das stattliche Gutshaus, in welchem der Dichter Thümmel zu Ende des vorigen und zu Anfang unseres Jahrhunders seinen berühmten Roman „Reise in die mittägigen Provinzen von Frankreich“ schrieb. Und so war auch die Erziehungsanstalt Schnepfenthal ein Pflanzgarten der Geistescultur und Humanität, was Du auch mit Andern gegen die eigenthümliche Gestaltung ihrer Formen einwenden magst, und die treuen, strebsamen und wahrhaftigen Sonnenpriester, die edlen Männer, die da eng verbunden zusammenstanden und als Lehrer, Erzieher und Schriftsteller an der Anstalt wirkten, haben jeder auf seine Weise redlich und unermüdlich das Gute, Wahre und Schöne nach Kräften gefördert und des Segens genug verbreitet, so daß es uns zukommt, ihrem Andenken eine dankbare Verehrung zu weihen, wenn auch der Geistesstrahl der Idee, welche die Anstalt in’s Leben rief, nicht mit der vollen Reinheit, Frische und Wärme, die wir wünschen möchten, zur Erscheinung kam. Aber, mein Freund, ist es nicht das Schicksal jeder großen Idee, daß sie nicht in ihrer reinen Vollkommenheit sich verkörpern kann? Enthält doch die Idee selbst das Göttliche und Ewige, aus dem sie hervorquillt, [214] niemals rein und vollkommen, wie viel weniger erst ihre Erscheinung in der Welt der Gestalten! Nichts auf Erden, das Reinste und Schönste nicht, kommt zu einem auch nur annähernd vollkommenen Dasein; darum ist auch nichts Irdisches unsterblich. Wenn die Idee als Erscheinung ihre Tragweite erreicht hat, wenn die der körperlichen Gestalt innewohnende Kraft verbraucht ist, sprossen aus dem nützlich gewesenem Bau, der nun allmählich verfällt, junge Geistesgebilde von neuer und höherer Kraft, von weitergreifendem, höher strebendem Inhalt. die das alte Mauerwerk vollends zersprengen und eine tiefe schöne Geistesschöpfung begründen. Diese allgemeine Wahrheit mag Dich mit den in ihrer ersten Anlage schon sichtbaren Unvollkommenheiten Schnepfenthals versöhnen.“

„Gewiß“ rief Otto feurig. „Dein vermittelnder, überall das Gute aussuchender und anerkennender Geist behauptet auch hier seine Eigentümlichkeit, und ich danke Dir für sein Bestreben, mich keine Ungerechtigkeit gegen verdienstvolle, ehrenwerthe Männer begehen zu lassen. Aber weder Deine sanfte Gemüthsart und Deine Bieneneigenschaft, aus jeder Blume Honig zu holen, noch die Wahrheit, daß alles Irdische unvollkommen sei, können der Kritik ihr Recht nehmen, abgelebte und noch bestehende Institute unter die Loupe zu nehmen.“

„Unbestritten, wenn sie die Mängel der Dinge nicht vergrößert, wie es doch der Loupe Natur mit sich bringt.“

„Das thut die meinige gewiß nicht, am wenigsten bei geachteten Namen unseres thüringischen Vaterlandes. Du wirst aber doch zugeben müssen, daß Christian Gotthilf Salzmann, der Gründer dieser Erziehungsanstalt, und seine Gehülfen und respective Schwiegersöhne – ich weiß ihre Namen nicht mehr –“

„Sechs der ersten Lehrer, die drei Brüder Ausfeld, Lenz, Weißenborn und Märker, wurden Salzmanns Schwiegersöhne, und die Lehrerschaft an der Anstalt bildete bald eine einzige einmüthige Familie, welcher eigentümliche Umstand zu ihrem Gedeihen nicht wenig beitrug.“

„In Bezug auf das materielle Gedeihen magst Du Recht haben, nicht so hinsichllich des ideellen, das doch bei einer Erziehungsanstalt von solcher Bedeutung vorzüglich in’s Auge zu fasse ist. Gerade dieses enge Verwandtschaftsband legte dem weiterlebenden Geiste Zaum und Zügel an, und die notwendige Folge davon war, daß er in einer gewissen ängstlichen und beängstigenden Förmlichkeit erstarrte. Was aber kann einer Erziehungsanstalt Schlimmeres begegnen? Genug, ich wollte nur sagen, daß jene Herrn Schwäger mit dem Schwiegervater doch nur sehr schwache Träger eine' großen Idee waren. Dies erhellt klar genug aus Salzmann’s zwar gut gemeinten, aber doch wahrlich schwachen Schriften. Wenn man daran denkt, daß zu derselben Zeit Weimars Sternenhimmel seine Strahlen ausgoß, daß Jean Paul’s prächtiger Komet seinen lichtsprühenden Schweif über des deutschen Geisteshorizont ausstreckte, kurz, daß Salzmann’s und seiner Schwiegersöhne schriftstellerische Wirksamkeit in die große Periode des Aufringens des deutschen Geistes zur vollsten Mündigkeit fällt, so –“

„Sprich kein bitteres Wort und bedenke, daß Salzmann ein Volksschriftsteller war und zwar gerade für seine Zeit, wo der Begriff Volk noch ein weit engerer war, als heut zu Tage. Von einer geistigen Mündigkeit dieses Volkes konnte um so weniger die Rede sein, da wir heute, 70 Jahre später, noch nicht davon zu sprechen wagen dürfen. Nur die höchsten Kreise der Gesellschaft waren für Herder, Goethe, Schiller, Wieland zugänglich, nur die feinsten Geister empfänglich für Jean Paul’s fesselloses Briliantenfeuer. Die großen Massen verlangten nach der ihnen angemessenen Kindernahrung, nach geistiger Milch, und diese gab ihnen Salzmann mit der wohlwollenden Gesinnung eines treuen Freundes, oder vielmehr eines besorgten Vaters, und mit dieser Milch hat er großen Segen gestiftet.“

„Wem sie nur weniger wässerig gewesen, nur mehr Zuckerstoff, d. h. Poesie enthalten hätte! Wenn ich Jean Jacques Rousseau’s Emile lese, der den ersten großen reformatorischen Wurf im unglückseligen, ganz trostlosen Erziehungswesen that, der das Zauberwort fand und aussprach, das die in todter Förmlichkeit eingeschlafene europäische Menschheit allmählich wieder zum Leben wach rief, wie da die praktische Erziehungsweisheit mit dem erfrischenden, verklärenden, erhebenden und stärkenden Hauche der Poesie überkleidet ist, so meine ich immer, der Salzmann’schen hausbacknen Verständigkeit hätte etwas Poesie doch auch Vorschub geleistet.“

„Wer weiß! Salzmann war kein Rousseau. Dieser ein anregendes Weltgenie, jener ein praktisch ausführendes Haustalent, wenn dieses Wort im Gegensatze zu jenem erlaubt ist, d. h. er verstand es vortrefflich und war dazu geboren, eine weltbefruchtende Idee in weiser Beschränkung im kleinen Kreise von und Hof bis in die kleinsten Details, die eben das wirklich häusliche Leben erfordert, auszuführen. Das hätte der wunderliche Gefühlsmensch Jean Jaques, wie er sich selbst schildert, nie vermocht. Der fürchtete sich ja vor der Erziehung seiner eigenen Kinder und schickte sie deshalb in’s Findelhaus. Ob nur je ein solcher Gedanke in unseres Salzmann’s Seele hätte aufsteigen können! Als dieser unser wackerer Landsmann – es war 1744 in Sömmerda bei Erfurt geboren und, wie Lessing und Jean Paul, der Sohn eins Pfarrers – schon eine Reihe von Jahren Prediger und Seelsorger mehrerer Gemeinden gewesen war, wurde er, der sich als praktischer Volksschriftsteller auszeichnet, schon als reifer Mann von Basedow zum Lehrer an dessen neuerrichtete Erziehungsanstalt nach Dessau berufen; aber er blieb nur wenige Jahre dort. Es ging ihm zu rousseauisch genial zu; es drängte ihn, die Sache nach seinen eigenen Einsichten und auf eigene Faust einzurichten. Er legte dem an Geist und Herz gleich hochgebildeten Herzog Ernst II. von Gotha seinen Plan vor, in welchem wohl die rousseauischen Principien beibehalten waren, weil diese ewige, aus der Natur des Geistes selbst entsprungene Wahrheiten sind; die Gestaltung der Idee aber war sein Werk. Und der Herzog, der doch ein großer. Verehrer Rousseau’s war und auf dessen Leben sogar dieser geniale Denker entschiedenen Einfluß ausgeübt, erkannte mit seinem Scharfblick den praktisch tüchtigen Mann und unterstützte ihn mit einer namhaften Geldsumme. Und so ist diese durch und durch zweckmäßige Schöpfung entstanden. Das Rousseau-Basedow’sche Institut ist längst wieder eingegangen, die Salzmann’sche Erziehungsanstalt besteht heute noch, ja, sie ist fast überall besetzt. Das ist der thatsächliche Beweis für Salzmann’s praktische Tüchtigkeit.“

„Das Alles ist sehr anerkennenswerth,“ versetzte Otto nach einer Pause, „und dich hat von vornherein der frei fluthende, stets in Wandlung und höherer Entwicklung begriffene Geist gefehlt, der nirgends nöthiger thut, als im Erziehungswesen. Das Salzmann’sche Institut hat am entgegengesetzten Fehler gelitten, wie das Basedow’sche, es ist zu praktisch, zu prosaisch steif und förmlich gewesen. Nichts hat mich an der ganzen Einrichtung mehr verletzt, als die Nachäfferei des Soldatenthums, die die Zöglinge sogar in rothe Uniformen steckt, wie die englische Armee.“

„Und Du billigst es doch, daß unsere Turner in Uniform gehen, wenn auch nur von grauer Leinwand!“

„Dem Turnwesen liegt auch die große Idee zu Grunde, daß es die Jünglinge zu Vaterlandsvertheidigern ausbildet. Turner sind künftige Krieger in der Vorschule.“

„Das sind ja aber eigentlich alle Knaben und die Schnepfenthäler Zöglinge in’s Besondere. Sie waren von Anbeginn der Anstalt Turner und war die Ersten in Deutschland. Jahn’s Turnerei stammt ja aus Schnepfenthal.“

Otto sah den Freund mit ungläubig verwundertem Blicke an. Sie waren während des Gesprächs an der auf der Bergterasse hochgelegenen Erziehungsanstalt zur Rechten vorübergegangen, ebenso im Thale am Salzmann’schen Gutsgebäude und den ersten Häusern des schmucken Dorfes und hatten auf traulichem Fußpfade bald den Wald der sanften Anhöhe auf der rechten Thalseite erreicht. Nach wenigen Minuten auf einer kleinen grünen Ebene dicht am Walde angelangt, sahen sie die hintere Seite des stattlichen Gasthofes in kleiner Entfernung vor sich. Hier war, von prächtigen Bäumen überschattet, ein Turnplatz wie die Einrichtung zeigte.

„Sieh Dir diesen eherwüdigen Raum an“ sprach Bernhard; „er ist der erste Turnplatz in Deutschland, von Salzmann gegründet und vom trefflichen Guts Muths eingerichtet, der Jahn’s bedeutender Vorläufer und Vorarbeiter war. In der Vorrede zu seinem „Turnbuch für die Söhne des Vaterlandes“ erzählt Guths Muths (und er zog auch dieses Buch hervor und las): Im Jahre 1785 betrat ich als Jüngling Schnepfenthal, da führte mich Salzmann auf einen hübschen Platz mit den Worten; hier ist unsere Gymnastik. Auf diesem Plätzchen, am Rande des Eichenwäldchens, entwickelte sich nach und nach die deutsche Gymnastik; ein erzdeutscher Mann – das war Salzmann – gewährte ihr da Schutz, und nur wenige Schritte davon ruht der irdische Theil des Vortrefflichen. Hier belustigen wir uns täglich mit fünf Uebungen in ihren ersten ungeregelten Anfängen. Diese stammen von Dessau, wo Salzmann zuvor gewesen. Ob dort Basedow oder sonst Jemand den Gedanken gefaßt hatte, die Körpererziehung der [215] Griechen ein wenig in Anwendung zu bringen, ist mir unbekannt. Salzmann übertrug mir bald die Leitung dieses ersten Anfanges der Uebungen. Ihre Bedeutung kannte ich. Was ich aus dem uralten Schutte, aus den geschichtlichen Resten des früheren oder späteren Alterthumes herausgrub, war das Nachsinnen und bisweilen der Zufall an die Hand gaben, wurde hier nach und nach zu Tage gefördert zum heiteren Versuche. So mehrten sich die Hauptübungen, spalteten sich bald so, bald so in neue Gestaltungen und Aufgaben, und traten unter die oft nicht leicht auszumittelnden Regeln. So entstand nach sieben Jahren in der ersten Ausgabe meiner Gymnastik die erste neue Bearbeitung eines sehr vergessenen, nur noch in geschichtlichen Andeutungen vorhandenen Gegenstandes.“

„Das ist herrlich!“ rief Otto mit leuchtenden Augen, „und um so mehr, da es mir neu und im Allgemeinen gewiß wenig bekannt ist. O, sei gesegnet, stiller Platz am Rande des Eichenwäldchens, wo die Sonne neuen deutschen Lebens und frischer Kraft zuerst aufgegangen ist! Was ist doch Alles Großes, Gutes und Schönes von diesem Thüringen, dem Herzen Deutschlands, ausgegangen! Einst werden Deutschlands frei kräftige Söhne zu dieser Stelle in langen Zügen wallfahrten, singend im brausenden Chor, hier werden sie Salzmann und Guts Muths ein würdiges Denkmal errichten, hier werden sie ihre Festspiele feiern, wie die Griechen auf der Landenge von Korinth.“

„Damit wird’s freilich noch lange Zeit haben,“ sagte Bernhard, schmerzlich lächelnd, „und noch Viele werden für ihr ehrliches, der großen Zukunft Deutschlands zugewendetes Streben Noth und Pein, Kummer und Jammer erdulden müssen, wie Du und ich. Um Dich aber geistig und seelisch zu erheben und Dich zu überzeugen, daß auch in Schnepfenthal nicht jede Erhabenheit poetischer Anschauung des Erziehungswesens fehlte, so lies des verdienstvollen würdigen Guts Muths „Gymnastik für die Jugend“ in der zweiten 1804 erschienenen Auflage. Darin wirst Du so viel Treffliches, echt Deutsches in idealer Auffassung finden, daß Du, davon entzückt, mit mir den Wunsch hegen wirst, dieses Buch möchte in einer neuen wohlfeilen Ausgabe dem jetzigen deutschen Volke zugänglich gemacht werden.“

„Ich werde es in den nächsten Tagen lesen. Aber was sagt Guts Muths, Salzmann’s irdisches Theil ruhe nur wenige Schritte von diesem Plätzchen?“

„So komm denn, mein Freund, diese wenigen Schritte in den stillen, schönen, schattigen Wald herein zu der heiligen Ruhestätte dieser treuen Arbeiter im Weinberge des Herrn und siehe zu, ob die Poesie, die Du an ihrem praktischen Wirken und in ihren Schriften vermissest, nicht in ernster und stiller Majestät über ihren Gräbern schwebe. Ja, frage Dich, ob diesen Priestern des deutschen Geistes, die sich so begraben ließen, wirklich der heilige Hauch der Poesie abgehen konnte.“

Und sie wandelten Arm in Arm eine kleine Strecke am lieblichen Waldrande hin, links die alten hohen Bäume mit ihren weit gewölbten prächtigen Kronen, die, ineinandergreifend, ein grünes Dach bildeten, rechts der kleine grüne Platz und weiter ein paar Giebel von Dorfhäusern. Plötzlich zog Bernhard den Freund in den Wald hinein. Ein paar Schritte, und sie standen mitten unter einfachen, am Boden über den Wurzeln der Bäume liegenden Grabsteinen, auf welchen Otto überrascht die bekannten werthen Namen Salzmann, Ausfeld, Lenz, Guts Muths las.

„Wir stehen auf der Ruhestätte der trefflichen Männer,“ sagte Bernhard, nicht ohne sichtbare innere Bewegung. „Wie sie das helle Haus drüben an der entgegengesetzten Thalwand in treuem Wirken und Schaffen an der Geistesarbeit unseres Jahrhunderts und im engen Verwandtschaftsbande vereinte, so hier wieder der stille Wald ihre Asche. Da liegen sie, ausruhend von der Tagesarbeit, unter den Bäumen und keine Mauer, kein Zaun schließt diesen in seiner Art einzigen Friedhof ein. Im freien offenen grünen Walde schlafen die nach Geistesfreiheit strebenden, Geistes- und Körperbildung fördernden Männer mit ihren keuschen, tugendhaften Hausfrauen, und diese schlichten Steine nennen nur ihre Namen, ihre Geburts- und Sterbetage, keine wohlfeile Lobpreisung, keine sentimentale Phrase. Wohnt unter diesen Stämmen, auf diesen Gräbern nicht die erhabene Schwermuth der Poesie, wie sie der hier modernden Menschenreste würdig ist und die unseren gewöhnlichen, mit kostbaren Denkmälern voll pomphafter Inschriften überladenen Gottesäckern so gänzlich fehlt?“

„Wahrlich!“ rief Otto tief ergriffen, während es feucht in seinen Augen schimmerte, „die wahre Lebenspoesie, die da sittlich erhebt und stärkt, hat ihren vollen Glanz über diesen heiligen Todten hain gegossen und die Grabsteine dieser ehrenwerthen Familie bekränzt. Mochte der poetische Aufschwung ihres Lebens und Wirkens nicht ganz meinen Wünschen entsprechen, die Poesie ihrer Gräber übertrifft sie. Durch die Wipfel dieser Bäume streut ein Abendroth sein Gold auf diese Hügel herab, das selbst das Wirken ihrer Insassen noch rückwärts verklärt. Nie sah ich einen Friedhof, der mich seelisch mehr befriedigt hätte. Ja, hier wohnt Gottes wahrer Frieden.“

„Und keinen gibt es wohl,“ setzte Bernhard hinzu, „der geeigneter wäre, uns aufzurufen zu männlicher That und Arbeit zu des Vaterlandes geistiger und leiblicher Weiterförderung. Die hier ruhenden Männer sollen uns Muster sein, nicht, daß wir in ihre Fußtapfen treten, sondern auf ihre Schultern. Das Salzmann’sche Erziehungsinstitut hatte und hat den Fehler, daß es nur für die Söhne reicher und vornehmer Eltern bestimmt ist. Der talentvolle Sohn des Volkes, für den Niemand bezahlt, ist davon ausgeschlossen. So lange die höheren Stände für Jean Jacques und Jean Paul schwärmten, mochte man diesen Mangel übersehen. Heutiges Tages tritt er grell hervor. Auch den seltsamen Widerspruch in Salzmann’s Wirken bemerken wir heute, daß das Publicum, welches er erzog und bildete, von dem Publicum, für welches er schrieb, wesentlich verschieden war; jenes war das Publicum unserer Classiker, die dieses nie in die Hand nahm. Friedrich Fröbel, auch unser thüringischer Landsmann, auch ein ebenso ehrenwerth strebender Lehrer und Kinderfreund, that schon einen tieferen Griff in der Schöpfung der Kindergärten, die er eigentlich für alles Volk bestimmt hatte. Aber auch er war, gleich Salzmann, nur ein schwacher Träger einer großen Idee. Der Messias der deutschen Volkserziehung muß noch kommen, und er wird kommen. Rousseau, Pestalozzi, Salzmann, Guts Muths, Fröbel, Diesterweg waren nur seine Propheten und Vorläufer.“

„So ist’s!“ rief Otto begeistert. „Wir stehen auf heiligen Prophetengräbern, die geistig weit in die Zukunft hineinragen. O, mein Thüringen, möchtest Du auch den Messias gebären!“

„Laß uns von diesem Orte noch eine schöne Ermuthigung mit hinwegnehmen!“ sagte Bernhard. „Dieser Hain führt den alten deutschen Namen die Hard, auch Hart und richtiger Harth geschrieben, der in Deutschland an manchen Wäldern und Waldgebirgen hängen geblieben ist, wie am Harz (Harths) und am Spessart (Specktsharth). Es ist das alte Wort für Wald. Sei also unser Streben echt deutsch, wie der Name der Ruhestätte dieser, „erzdeutschen“ Männer, und erwarten wir nichts von Franzosen und Russen, von Engländern und Amerikanern. Sodann lehre uns der an diesen Friedhof grenzende Turnplatz, daß die Erziehung und Bildung des deutschen Volkes nicht allein eine geistige, sondern auch eine körperliche sei. Nur im gesunden kraftgewandten Körper entwickelt sich ein gesunder, kräftiger, gewandter Geist, eine edle schöne Seele. Dem körperlichen Aufschwunge entspricht der geistige. Wir müssen ein starkes Volk werden, vor dessen Waffenkraft die übrigen Völker des Erdbodens eben solche Ehrfurcht haben, wie vor unserer hohen Geistesbildung.“

„Amen!“ rief Otto. „Der erste Wurf in die große Zukunft hinein ist hier geschehen. Alea jacta es! Ich danke Dir für diese schöne Stunde!“

L. St.




Wanderungen im südlichen Rußland.
Von Dr. Wilhelm Hamm.
3. Jagdfahrten. – (Schluß.)

Die Wachtelbeize mit dem Habicht ist eine Hauptlust der Tataren und mehrere Male war ich später so glücklich, diesem interessanten Schauspiele beizuwohnen, welches um so mehr in die alten Zeiten des höfischen Ritterthums zurückversetzen konnte, als die kleidsame Tracht dieser Steppensöhne dem idealen Jagdgewande der Edelknaben mit dem Falken auf der Faust, die uns die Maler schon in allen möglichen Stellungen gezeigt haben, ziemlich ähnlich ist. Die Jagd geschieht zu Pferde, gerade wie die Falkenjagd. [216] Eine Anzahl tatarischer Jäger, auf’s Trefflichste beritten, vertheilt sich über die Steppe, jeder hat einen kleinen, langhaarigen Wachtelhund bei sich, welcher weiter nichts zu thun hat, als in möglichst ruhigem Tempo die Vögel aufzustöbern und emporzujagen. Auf der Hand, ohne Handschuh, trägt der Jäger einen Habicht mit der Lederkappe über den Augen; sobald die Wachtel auffliegt, reißt er jene dem Vogel ab und wirft ihn nach; der Habicht steigt nicht empor, wie der Edelfalke, sondern schießt sofort im Bogen auf das Wild, welches zwar sogleich einfällt und sich zu verbergen sucht, allein selten dem gierigen Auge des Räubers entgeht, der sich darauf stürzt, aber es mit den Fängen gewöhnlich so säuberlich packt, daß er es seinem Herrn lebend und unversehrt überbringt. Nur junge, noch unerfahrene Habichte stoßen so scharf nieder, daß sie die Wachtel verletzen oder tödten. Der Jäger führt, ein seltsamer Anblick, einen hölzernen Käfig neben sich, in welchem er das erbeutete Wild verwahrt; er fängt nicht selten an einem Tage fünfzig bis sechzig Stück Wachteln auf solche Weise. Dieselben werden gewöhnlich noch eine Zeit lang gemästet und dann lebendig zu Markte gebracht; man verkauft sie nach dem Gewicht, das Pfund etwa zu einem halben Thaler; sehr viele davon werden in Tonnen eingepökelt und geräuchert, oder auch mit Fett übergossen aufbewahrt.

Die zur Beize bestimmten Habichte müssen ganz jung aus dem Neste genommen werden; der Jäger füttert sie stets nur selber und sie gewöhnen sich frühzeitig so an ihn, daß sie seinem Locken gehorsam folgen. Sobald sie mit der Kappe und der Faust vertraut sind, kann man unbedenklich wagen, sie fliegen zu lassen. Die Tataren besitzen überhaupt eine höchst merkwürdige Geschicklichkeit in Zähmung und Abrichtung der Thiere; sie beizen nicht nur mit dem Habicht, sondern auch mit dem Steinadler, dessen Junge sie von den riesigen Gebirgen der Krim holen, und mit dem Edelfalken, den sie aus Persien und dem Kaukasus beziehen. – Wachtelfang mit Stellnetzen und Laufgarnen wird ebenfalls vielfach betrieben und ist ziemlich einträglich.

Einige Abwechselung in das einförmige Wachtelschießen, dessen Ausbeute durch den liebenswürdigen Monsieur, so hieß der Hund, um ein Drittheil mindestens decimirt ward, boten die kleinen Suppenhühner, die sich überall fanden, dann die hübschen Zwergtrappen (Otis tetrao) von der Größe einer Wildgans, fast gerade so gefiedert, wie die große Trappe; ich traf dieselben stets einzeln in der Steppe liegen, sie lassen den Jäger nahe herankommen, und fliegen dann plötzlich mit merkwürdig tönendem Flügelschlag empor aus ihrem Versteck im Burian. Die Raubvögel, von welchen die Steppe wahrhaft wimmelt, lernten bald die Flinte kennen, und wichen ihr im scheuen Respect aus, obgleich sie als nützliche Naturpolizei vor ihr vollkommen sicher waren; die Hasen lagen alle wohl geborgen tief im Getreide, und überdies war es nicht ihre Zeit; so mußte denn manchmal nur des Schusses wegen ein unglückliches Ziesel herhalten, das vor seinem Loche sich sonnte, und die mit gestohlenen Körnern gefüllten Backen kratzte. Aber nach und nach ward dies Alles langweilig, zumal die furchtbare Hitze, die schon mit dem frühen Morgen begann, jeden Jagdzug zu einer Art von Martyrium, langsamem Braten auf dem Roste vergleichbar, machte.

Da kam eines Tages der Schäfer Stepan, ein Bündel unterm Arm, das er mit gar betrübter Gebehrde vor den Füßen seines Herrn ausbreitete; es waren drei blutgetränkte Lämmerfelle.

„Der Wolf hat sie zerrissen, o Herr!“ so klagte der Getreue, und die hellen dicken Tropfen rollten ihm unaufhaltsam in den krausen Bart, während sich plötzlich die ganze Atmosphäre des Zimmers mit Spiritus vollgesogen zu haben schien; „wir haben gewacht, Herr, und die Hunde haben ihn gejagt, aber er ist wiedergekommen und hat die drei besten Stücke geholt aus der Heerde, sieh hier ihre Felle, die Leiber haben wir verscharrt. Hilf, Herr, und gib uns den Leo, denn unsere Hunde trauen sich nicht an den Wolf.“

Leo war ein ungeheurer Neufundländer, von merkwürdiger Tapferkeit und Stärke, aber träg und verwöhnt, nur Wächter des Hauses und Hofes, doch hatte er schon manchen Wolf im Kampfe gar rühmlich bezwungen. Der Gutsbesitzer wiegte bedächtig den Kopf, antwortete aber weiter nichts als:

„Geh’ zuvor, Stepan, und schlafe Deinen Rausch aus!“ worauf sich der Schäfer entfernte unter den fürchterlichsten Eiden, daß er gar nicht mehr wisse, wie Branntwein aussehe, nur der Kummer, nur die tiefe Betrübniß um die fortwährenden Verluste des geliebten Herrn habe ihm die Beine geknickt. Als er fort war, sprach mein Freund: „Ich weiß zwar ganz bestimmt, daß die Spitzbuben selbst die Lämmer geschlachtet und verzehrt haben, aber was will man machen? Beweisen kann ich es ihnen nicht, Einer ist wie der Andere, und sie haben für sich, daß Wölfe wirklich in der Nähe sind, also muß ich es hinnehmen. Aber um ihnen auf ein paar Wochen mindestens die Ausrede abzuschneiden, sollen die angeblichen Räuber verjagt werden. Morgen in der Frühe der Erste!“

Wer war froher als ich über die willkommene Kunde!

Spät am Abend sprangen Sergei, Wassilei und Sacha, drei erprobte Reiter und Wolfsjäger, von den Gäulen; sie waren den ganzen Tag auf der Streife gewesen.

„Der Wolf ist gefunden, Väterchen,“ sagte der riesige Wassilei schmunzelnd, „morgen wird er zu Deinen Füßen kriechen.“

Und sie schmunzelten alle Drei immer energischer, und leckten die bärtigen Lippen, und kratzten sich hinter den Ohren, bis der Gebieter, wohlbekannt mit dieser Zeichensprache, einem Jeden ein mäßiges Wasserglas voll des geliebten Wodka kredenzte. Es floß hinab wie Wasser, immer schmunzelnd wischten sie den Mund mit den weiten Aermeln und verneigten sich tief, dann gingen sie, die nöthigen Anstalten zu treffen.

Um drei Uhr früh sollte Jedermann fertig zur Stelle sein; ich war schon eine Stunde vorher munter und bereit. Aber endlos dehnten sich noch die Zurüstungen, das Hin- und Herlaufen, der Thee, nachdem meinem ungeduldigen Rumoren gelungen war, männiglich zu erwecken. Einigermaßen verwundert war ich, als ich von dem gewohnten Apparat der Flinten, Waidmesser, Jagdtaschen, Pulverhörner durchaus nichts gewahrte, von welchen sich der Deutsche, dessen Erbtugend die Lust am Schleppen zu sein scheint, noch immer nicht losmachen kann.

„Hier Ihre Waffe!“ sagte der Edelmann, und übergab mir eine vortreffliche Reitpeitsche aus einem Stück ungegerbten Leders.

„Wollen Sie mir denn nicht die Ehre gönnen, einen Wolf erlegt zu haben?“ gegenfragte ich halb gedemüthigt.

„Die Ehre ist so klein,“ entgegnete mein Freund lächelnd, „daß ein Sportsman darauf verzichtet. Wissen Sie nicht, wie man in England den Fuchs jagt? Gerade so werden wir es mit seinem Vetter machen. Und nun zu Roß!“

Vor der Veranda scharrten vier Pferde ungeduldig den Boden. Das stattlichste darunter war eine englische Vollblutstute, welche bei den Rennen zu Cherson, Wosnesensk und Jekaterinoslaw schon mehrmals gesiegt, eines der werthvollsten Thiere aus dem bedeutenden Gestüte meines Freundes. Sie war von dessen Güte für mich bestimmt; aber neben ihr schäumte und stampfte ein tatarischer Rapphengst, dessen prachtvolle Mähne, überhaupt sein ganzes Wesen mich augenblicklich dergestalt einnahm, daß ich mir die Gunst ausbat, ihn reiten zu dürfen. Sie ward mir, wie ich glaube, mit einiger Genugthuung gewährt, denn die englische Stute war zehnmal werthvoller, wie das eingeborene Thier. Wassilei und Sacha waren unsere Genossen, sie ritten starke Ponies der Steppenrace, der Letztere trug einige Stricke am Sattel, und darin bestand unsere ganze Ausrüstung; nicht einmal Hunde wurden mitgenommen.

Im scharfen Trab ging’s hinaus in die thauige, stille Steppe, die beiden Leibeigenen etwa um funfzig Schritte voraus. Wie herrlich war’s in dieser Morgenfrische, überwölbt vom blauen, ungetrübten Himmel, dahin zu reiten durch die Wüste, ohne Weg und Bahn! Nicht lang und die Pferde fielen von selbst in die gewohnte Gangart, den Galopp, denn Trab laufen in Rußland nur die Orlow’schen Traber aus Chränowoi, und es hält schwer, Steppenpferde an diese dem Thier nicht natürliche Bewegung zu gewöhnen. Wir mochten ungefähr drei Werst zurückgelegt haben, als Wassilei sich umwandte und die Hand hoch empor hielt; es war ein Zeichen größerer Vorsicht, wir warfen die Cigarren weg, und befleißigten uns des Schweigens. Aber lang noch dauerte der Ritt, viel zu lang für meine fieberhafte Ungeduld. Plötzlich wandte sich der Vorreiter zum zweiten Male mit eindringlicher Gebehrde.

„Halt!“ commandirte mein Begleiter, „wir sind dem Lager des Wolfes nahe; die beiden Burschen werden ihn aufjagen; lassen wir unsere Pferde etwas verschnaufen, damit sie sich zeigen können, wenn es wirklich gilt.“

Wassilei und Sacha hatten mittlerweile sich getrennt und ritten nunmehr im Schritt einer Bodensenkung zu, die von wildem Buriangestrüpp erfüllt war, das hier und da seine stacheligen Häupter über das Niveau der umliegenden Fläche erhob. Nach einigen Minuten waren sie unseren Blicken entschwunden. In athemloser Erwartung harrten wir – wenigstens ich – eine ziemliche Weile; da, auf [217] einmal erscholl ein so durchdringender Schrei, daß ich erschreckt zusammenfuhr, und mein gutes Thier, nicht gewohnt an so rüde Hülfen, sich bäumte und mich bügellos machte.

„Vorwärts, dort läuft der Wolf!“ rief mein Freund und flog voran. Ohne Antrieb folgte mein Renner. Uns gerade gegenüber, am jenseitigen, flach abgeböschten Hang der Mulde streifte ein Ding durch die Burianbüsche, wie ein grauer Schatten; es mochte 800 bis 1000 Schritte von uns entfernt sein. Gleichzeitig aber tauchten auch Wassilei und Sacha ihm zu Rechten auf, in ziemlichem Abstand von einander; der Erstere voraus, augenscheinlich bestrebt, dem Wolf die Richtung zu verlegen und ihn nach unserer Seite, die wir den linken Rand der Vertiefung umritten, zu wenden. Es gelang ihm vortrefflich, das geängstigte Thier ließ sich von der anfangs eingeschlagenen Linie seiner Flucht abbringen, und es war nunmehr an uns, die wir die Sehne seines Bogenlaufes ritten, die Hetze aufzunehmen. Alle Aufmerksamkeit, die ich vorher dem Gegenstand derselben gewidmet, concentrirte sich bald auf die Pferde. Als wüßten sie, was es gelte, flogen die edlen Thiere dahin, es bedurfte nicht des mindesten Antriebes durch Zügel und Peitsche, um sie zu reizen oder zu leiten; in ihnen schien dieselbe Aufregung zu gähren, die ihre Reiter ergriffen hatte. Die Vollblutstute mochte aber noch so gewaltige Sätze machen, mein Tatar war ihr stets zur Seite, und, was mich am meisten verwunderte, ehe man sich’s versah, ritten Wassilei und Sacha, welche doch weit hinter uns geblieben waren, auf ihren kleinen struppigen Kleppern mit uns auf einer Linie; nach und nach schwenkte der Letztere zur Linken, so daß wir Beiden im Abstand von ungefähr hundert Fuß die Mitte einnahmen. Bald waren wir dem Wolf auf 3–400 Schritte nahe, und nun galt es, das Tempo zu mäßigen, sonst würden wir dem Raubthier zu früh, ehe es seine Kräfte verloren, auf den Nacken gekommen sein, und der Erfolg wäre problematisch gewesen. Es kostete aber große Mühe, die Rosse zu zügeln, und besonders mein Hengst machte mir mehr zu schaffen, als mir lieb war. Einige Worte des mir zur Seite gerückten Jagdherrn erklärten mir auch jetzt das Manöver der Vorreiter. Man hetzt den Wolf nur mit dem Winde, niemals gegen denselben; im letzteren Fall hält er die Verfolgung noch einmal so lange aus, während die Pferde übermäßig angestrengt werden. Die Direction war gelungen und der Erfolg schon sichtbar.

Deutlich war zu gewahren, daß der Wolf an Kräften mehr und mehr verliere. Wir waren etwa seit einer Stunde auf seinen Fersen und kamen ihm, trotz der nunmehr gemäßigten Gangart unserer Pferde, mit jedem Schritt näher. Er lief in einer Art von kurzem Galopp, den Kopf tief niederhängend, den Schweif eingeklemmt, von Zeit zu Zeit fiel er in einen Trott, wie um sich zu erholen, zuweilen wandte er sich nach rechts und links, aber überall waren die Verfolger. Allmählich kamen wir ihm so nahe, daß wir die scharfe Witterung des Thieres bekamen; immer unbändiger wurden die Pferde, sie hackten im Lauf mit den Vorderfüßen, als gierten sie darnach, den grimmen Feind zu treffen. Schon ritt Wassilei ihm dicht zur Seite, der Augenblick der Entscheidung nahte. Immer langsamer lief das verfolgte Thier, manchmal raffte es noch alle seine Kräfte zusammen zu einem paar verzweifelten Sätzen, aber endlich erlahmte seine letzte Anstrengung. Im Bestreben zu enteilen, schoß es einige Mal noch eine Strecke weit vorwärts, dann versuchte es, einen Haken zu schlagen – umsonst! Endlich stand es – wir waren dicht hinter ihm. Es gibt keinen scheußlicheren Anblick, wie den des mattgehetzten Wolfs. Die Zunge hing ihm fußlang aus dem geifertriefenden Maule, die weißgelben Zotteln des Sommerpelzes standen vom Körper ab, und ein abscheulicher Geruch vergiftete ringsum die nächste Atmosphäre. Wie es im Reinecke Fuchs beschrieben: „es brach ihm vor Schmerzen über und über der Schweiß durch seine Zotten, er löste sich vor Angst.“ Das Thier war eine Wölfin, wahrscheinlich dieselbe, der man die Jungen geraubt, hager und verwahrlost zum Entsetzen. Mit eingeknickten Hinterläufen machte es nunmehr Kehrt gegen die Verfolger, denen es kaum gelang, die wüthenden Pferde zu pariren. Wie ein Blitz war der starke Wassilei aus dem Sattel, er riß seinen alten Filzhut vom Kopf, stülpte ihn um die linke Faust und trat, diese vorgehalten, furchtlos der erschöpften Wölfin entgegen. Treulich folgte ihm sein wilder Klepper, mit den Vorderbeinen hauend und die Zähne bleckend, als wolle er helfen, den grausamen Räuber zu fangen. Dieser sah allerdings noch gefährlich genug aus, aber doch war schon in seiner ganzen Stellung nicht mehr zu verkennen, daß mit der Entkräftung die Feigheit über ihn gekommen sei.

Jetzt stand der Mann einen Schritt vor dem Raubthiere, weit riß dieses den schäumenden Rachen auf, die Faust mit dem schützenden Filz fuhr ihm zwischen die Fangzähne, aber die gewaltigen Kiefern hatten ihre Stärke verloren, nur unschädlich schlossen sich dieselben, gleichzeitig aber packte Wassilei’s kräftige Rechte das Genick der Wölfin und preßte ihr den Kopf an den Boden. In dem nämlichen Augenblicke war auch Sacha zur Hand mit Stricken, eine Schleife ward um die Schnauze geschlungen, mit einer gleichen jedes Paar der Pranken unschädlich gemacht – und in einer Secunde lag die Wölfin gebändigt und gefangen zu unseren Füßen. Die echten Jäger der Steppe halten es für unwaidmännisch, den Wolf sofort zu tödten; passionirte Freunde der Hetze setzen sogar eine harte Strafe darauf, wenn einer ihrer Leute sich vom Eifer dazu hinreißen läßt, gleich als wollten sie zeigen, wie wenig furchtbar ihnen ein solch’ blutdürstiger Feind sei. Waffen zu tragen ist daher niemals dabei erlaubt; will man kurzen Proceß machen, so wird der Wolf mit den Kantschu’s erschlagen. Wir sparten ihn für einen ebenbürtigen Gegner auf; Sacha warf den Gefesselten vor sich auf’s Pferd und dann ritten wir fröhlich heimwärts, ich um ein merkwürdiges Jagdabenteuer reicher. Unsere Pferde waren und blieben so frisch, als kämen sie eben von der Weide.

Zwei Tage Galgenfrist wurden der gefangenen Wölfin verstattet; man hatte sie, ihrer Bande entledigt, in einer Scheune eingesperrt und mit Futter versehen, wovon sie aber wenig Notiz zu nehmen schien. Am dritten Tage schlug ihre Stunde. Wir waren von der Seite her auf das Gebälke gestiegen, um das Schauspiel mit anzusehen; die Wölfin hockte in einer Ecke und blickte ingrimmig finster umher und hinauf. Da öffnete sich die schmale Pforte der Einfahrt und herein schob Wassilei den edlen Neufundländer Leo, rasch wieder hinter ihm schließend. Kaum erblickte der wackere Hund die gefährliche Feindin, so richtete er sich mit dumpfem Knurren majestätisch empor, langsamen Schrittes, die Läufe hoch gehoben, schritt er näher und näher auf sie zu. Die Wölfin drückte sich ganz dicht an den Boden, nur den Kopf mit dem geöffneten Rachen in die Höhe reckend, als wolle sie einen Sprung nach dem Halse des Widersachers wagen. Aber dieser war ein erprobter Held, der nicht dem ersten Wolfe gegenüber stand. Sobald er nahe genug war, machte er eine Bewegung, als wolle er sich auf die Feindin stürzen, rasch fuhr diese knappend vorwärts, aber gleichzeitig hatte Leo mit berechnender Behendigkeit eine Wendung zur Seite ausgeführt, und mit gewaltigem Satze lag er nun über der Wölfin – ein Biß, ein Krachen der Halswirbel, und sie streckte sich zuckend, verendet. Stolz und unversehrt, gehobenen Schweifes, mit Befriedigung leise knurrend, umschritt der edle Hund den besiegten Gegner, von Zeit zu Zeit still stehend, als sei er darauf gefaßt, ihn wiederum erwachen zu sehen. Aber er war sehr todt.

Dies war eine Wolfshetze im Sommer. Im Winter, der gewöhnlichen Jahreszeit für solches Vergnügen, ist sie gefahrvoller und interessanter, theils wegen des schlimmeren Terrains für den Reiter, theils weil die Wölfe dann gewöhnlich in Rudeln zusammen gehen und es dann oft heißt: Auf den Mann ein Vogel! Die dem Lager entnommenen jungen Wölfe werden großentheils blos zur Winterhatz auferzogen, wie man es in Britannien auch theilweise mit Füchsen zu halten pflegt. Eine andere Art Wolfsjagd ist die im Schlitten; sie gibt Gelegenheit, Geschicklichkeit in der Handhabung der Büchse zu zeigen. Mit einem tüchtigen Dreigespann fährt der Jäger hinaus, er hat mehrere Gewehre zur Hand, vielleicht noch einen Büchsenspanner neben sich, und sitzt rückwärts im Schlitten, an welchem mittelst eines langen Strickes ein Stück Aas angebunden ist, welches im Schnee nachschleift. Sind die Wölfe zahlreich in der Gegend, so bekommen sie bald die Witterung der Lockspeise und beginnen, derselben zu folgen; anfangs in scheuer Entfernung, dann aber, von Hunger und Gier angestachelt, sich immer näher und näher wagend. Ein guter Schütze kann auf diese Weise ein ganzes Rudel nach und nach vertilgen, denn der Fall eines Cameraden schreckt die Anderen nur höchstens auf so lange ab, bis dessen magerer Leichnam zerrissen und verschlungen ist. Nur muß er ein scharfes Auge und eine sichere Hand haben, um die Wölfin nicht zu tödten, welche gewöhnlich den Kern eines Rudels von vier bis sieben Wölfen bildet. Ist diese gefallen, so werden die letzteren toll und scheuen keine Gefahr mehr, so daß oft nur schnelle Flucht vor ihrer Wuth erretten kann. Die Tataren jagen den Wolf mit dem Adler, welcher dazu abgerichtet wird, indem er stets sein Futter auf dem Schädel eines oberflächlich ausgestopften Wolfes empfängt. Der Vogel umflattert [218] das aufgejagte Wild so lange, bis es ihm gelingt, sich auf dessen Halse einzukrallen und ihm mit scharfem Schnabelhiebe die Augen zu treffen.

So feig der Wolf allein und zur Sommerszeit ist, wo er überall in der weiten Steppe Nahrung zur Genüge findet, so gefährlich und blutdürstig wird er in der Periode des Mangels, in der er viribus unitis jagt und selbst dem gewissen Tode stier entgegenrennt, wenn ihn der unbezähmbare Hunger treibt. Dann kommt er von weit her aus den Wäldern gewandert und umschleicht allnächtlich mit grausigem Geheul die Ansiedelungen; nicht selten wagt er sich sogar in deren Mitte und holt, trotz des Gebells der Hunde, ein Kalb, ein Schaf, ein Huhn aus den schlecht verwahrten Winterstallungen. Vor den Hunden der gewöhnlichen Race fürchtet er sich nicht, wohl aber diese vor ihm, sie setzen, wenn auch in noch so großer Ueberzahl, seinen Angriffen nur ein wüthendes Bellen entgegen, ohne ihn selber zu fassen. Erst wenn sie einen sicheren Rückhalt an den erweckten Bewohnern haben, lassen sie sich zuweilen zur Offensive bewegen, ziehen jedoch gewöhnlich dabei den Kürzeren. Aber nicht allein Hausthiere in großer Zahl, auch Menschen fallen alljährlich den grausamen Raubthieren als Opfer. Noch ist in Odessa die Erinnerung wach an einen entsetzlichen Fall aus dem Winter von 1857 auf 1858. Die Gattin eines der Redacteure des Odesskii Wjästnik (Odessaer Bote), der gelesensten Zeitung in Neurußland, Madame Troinizky, fuhr an einem schönen Sonntagmorgen mit ihrer erwachsenen Tochter im Schlitten auf’s Land, 24 Werst weit, ich glaube, um einer Hochzeit beizuwohnen. Nachdem sie ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, veränderte sich das Wetter und ein heftiges Schneegestöber schlug den Reisenden in das Antlitz. Bald darauf wurden plötzlich die Pferde des Dreigespanns seltsam unruhig, die Damen wandten sich besorgt um – da waren die Verderber über ihnen, ein großes Rudel Wölfe jagte wie rasend hinter dem Gefährte drein, deutlich gewannen ihre schwarzen Leiber auf dem weißen Schnee stets einen größeren Vorsprung. Mit gellendem Angstschrei riefen die Frauen dem Iswostschik zu, dieser, betäubt, voll Furcht, vielleicht auch betrunken – wer weiß es, aber es ist zehn Mal eher möglich, als das Gegentheil – hieb mit rasender Wucht auf die Pferde ein, daß sie, mit plötzlichem Anzuge sich in das Geschirr werfend, dahinstoben, gleich dem Sturmwinde. Aber der leichte Schlitten schlug bei dem heftigen Anpralle halb um, Mutter und Tochter wurden herausgeschleudert, entsetzlich scholl ihr Hülfegeschrei dem dahinjagenden Kutscher nach – umsonst, der sah sich nicht um, der hörte nicht, er fuhr davon, wie toll, bis in’s nächste Dorf. Als er sich da zum ersten Male wandte, erblickte er nur den geleerten Schlitten hinter sich. Freilich warfen sich sofort einige muthige Männer auf Pferde und ritten zurück, um zu retten, wenn Rettung möglich sei – aber sie kamen zu spät. Noch erblickten sie die enteilenden Wölfe, aber auf dem blutgetränkten Wahlplatze fanden sie nichts, als einen Damenhut und einen Schuh. Und doch war noch ein Wunder dabei. Denn während die Männer wieder langsam heimritten, erscholl auf einmal ein Hülferuf, wie aus den Tiefen der Erde, vorsichtig naheten sie sich der Stelle – da lag in einer Grube, ganz vom Schnee bedeckt, dem Tode nahe vor Schrecken und Frost, die jugendliche Tochter der unglücklichen Mutter. Beide Frauen waren ein Stück dem Schlitten nachgelaufen, die ältere war aber bald zusammengebrochen, während die jüngere plötzlich durch die Schneedecke in eine tiefe Höhlung stürzte, gewiß zu ihrem Heil; die Stimmen der Vorbeireitenden erweckten sie zum Leben. – – –




Ein internationaler Congreß der Zukunft.

Von E. A. Roßmäßler.
– nicht vergessend, daß der größere Theil des Klima’s nicht an dem Orte selbst, wo die Entholzung vorgeht, sondern viele hundert Meilen davon gemacht wird.
Alexander von Humboldt, brieflich den 6. März 1858.

Mehr als Eisenbahnverkehr und Zolleinigung, mehr als Post- und Telegraphenverbindung scheint für die Zukunft das Wasser berufen zu sein, die internationale Freundnachbarlichkeit der Staatsverwaltungen über weite Grenzen hin auszudehnen und zu einem Schutz- und Trutzbündniß gegen die größten Gefahren zu gestalten.

Der Wald wird dabei die Vermittler-Rolle übernehmen.

Es ist mindestens eine auffallende Erscheinung zu nennen, daß bereits seit Jahrzehenden in mehr oder weniger ausgeführter Weise auf den klimabedingenden Einfluß der Waldungen hingewiesen wird, unter Anführung der erschreckendsten Beispiele von den Folgen der Entwaldung, und daß dennoch diese Frage, unseres Wissens wenigstens, noch von keiner Seite praktisch zu einer internationalen erhoben worden ist.

Man spricht von Privat-, Gemeinde- und Staats-Waldbesitz, aber von internationalem spricht man nicht, d. h. von solchem, an welchem nicht blos diejenige Nation oder derjenige Staat ein Eigenthumsrecht hat, auf dessen Gebiete er liegt, sondern an dem auch andere, und zwar nicht immer blos die unmittelbar benachbarten, Staaten ein klimatisches Nutznießungsrecht geltend zu machen haben, oder wenigstens geltend machen sollten.

Der Wald hat das Unglück, von aller Welt geliebt und dabei von aller Welt verkannt zu werden. Von der poetischen Waldliebe an, zu der sich Jedermann bekennt, bis zu der staatsweisen Waldbewirthschaftung treffen doch weder diese beiden Endpunkte, noch eine der zahlreichen dazwischenliegenden Abstufungen das Wahre, den Kernpunkt in der Beurtheilung des Werthes der Waldungen. Diese Behauptung wird nicht widerlegt durch die Tausende, denn Viele sind deren allerdings bereits, welche den Schwerpunkt des Waldes an die richtige Stelle legen: in seine klimatische Bedeutung. Einzelne, und wären ihrer Hunderttausende, zählen nicht, so lange die Ueberzeugung von dieser Bedeutung des Waldes die Regierungen nicht durchdrungen, und mehr noch, so lange nicht ein gemeinsames, von gleichem Sinne beseeltes Vorgehen in diesem Punkte verbündeter Regierungen thatsächlich besteht.

Es ist hier nicht die Veranlassung, wenn auch nur von den deutschen Waldungen, von Julius Cäsar’s Zeit an bis heute die Wandlungen aufzuzählen, welche die Auffassung von dem Werthe und der Bedeutung des Waldes durchlaufen hat. Bis vor nicht langer Zeit galt es als höchste und staatsweiseste Auffassung, den Wald so zu bewirthschaften, daß er eine nachhaltige Quelle der Befriedigung des Holzbedarfes der Staatsangehörigen sei und bleibe.

Heute stehen wir an dem Punkte, von wo an die klimatische Bedeutung des Waldes als die höchste und am meisten maßgebende erkannt zu werden anfängt; und ich trage keinen Augenblick Bedenken, es auszusprechen: wir sind höchst wahrscheinlich auf dem Punkte bereits angekommen, von welchem aus jede wesentliche Verminderung unserer mitteleuropäischen Waldbestände ein Verbrechen an der Zukunft ist.

Ich sage mitteleuropäischen, nicht deutschen; denn das „international“ soll sich nicht auf die 36 Staaten des Bundesstaates Deutschland beziehen, sondern auf die Nationen, welche im Mittelpunkte Europa’s aneinander grenzen und, wenn nicht mit den Waldungen mehrgenannter Auffassung gemäß verfahren wird, mit allen Continentalklima’s von ihrem Gebiete abzuhalten, während jezt die geringe Festlandsmasse Europa’s sich beinahe eines Küstenklima’s erfreut. Allerdings ist Deutschland am meisten betheiligt, weil es als Mittelpunkt dieses Gebietes bei dieser Veränderung am meisten zu leiden haben würde.

Die klimatischen Zustände des bezeichneten Gebietes, für welches ich die südlichen und westlichen Gebirgszüge, Nord- und Ostsee und die russisch-polnische Linie als Begrenzung annehme, sind ein zusammenhängendes Ganze und machen daher als solches auch jenes Gebiet selbst zu einem Ganzen.

Es ist daher der Mittel- und Norddeutsche am Fortbestande der Gebirgswälder im Süden betheiligt, alle Rheinanwohner sind mit ihren Interessen, so weit dieselben mit dem Rheinstrome zusammenhängen, an die Waldungen des Quellgebietes des Rheines gefesselt. Also nicht blos der Deutsche, sondern auch der Franzose und Holländer ist von dem Gebahren des Schweizers abhängig.

Und das ist nur die handgreifliche Seite der Frage, die Auffassung der Waldgebirge als Heger und Pfleger der Quellen, aus [219] denen sich Bäche, Flüsse und Ströme zusammensetzen. Es bleibt die wichtigere, wenigstens die weniger in die Augen springende Seite übrig: der Einfluß der Waldungen auf die atmosphärischen Niederschläge in den umliegenden Landstrichen.

Man darf hier vielleicht jetzt schon an das Bevorstehen eines Ereignisses erinnern. Wenn nämlich die deutsche Ostgrenze an mehreren Punkten durch Eisenbahnen durchbrochen sein wird, so werden neue Ansiedelungen an der russisch-polnischen Seite nicht ausbleiben und Urbarmachungen und Holzbedürfniß werden die vorhandenen Waldungen bedeutend lichten.

Daß übrigens der Wald in der angedeuteten Weise eine wichtige Bedeutung habe, dafür redet bereits eine kleine besondere Literatur und in anderen dafür geeigneten Schriften eine große Anzahl eingehender Aufsätze. Wie in so vielen Fragen der physischen Geographie, so hat auch in dieser Humboldt zuerst in eingehender Weise aufmerksam gemacht und zwar bereits im dritten Bande seines Reisewerkes. Neuere sind ihm gefolgt, von denen ich nur Boussingault, Dove, Blanqui, Marschand, Petersen, Fraas, Sendtner, Wessely, Michelsen, von Lattorff, Rentzsch nenne. Die Schrift des Letztgenannten ist eine von den landwirthschaftlichen Vereinen Sachsens gekrönte Preisschrift, die den Urhebern der Preisaufgabe zu hohen Ehren gereicht.

Von besonderem Interesse ist das kleine Schriftchen von dem Berner Kantonsforstmeister Marschand (Bern, bei Jenni. 1849. 6 Ngr.), weil es die Schweizer Gebirgswaldungen im Auge hat, welche für Deutschland eine große Wichtigkeit haben.

Die physischen Vorgänge, durch welche der Wald diese große Bedeutung gewinnt, mögen immerhin in einigen Punkten noch nicht aufgeklärt sein, so daß selbst ein Alexander von Humboldt in dem Briefe, aus welchem obiges Motte entnommen ist, sich darüber in den etwas zurückhaltenden Worten ausspricht: „Ich glaube, daß der Einfluß des Waldes auf die drei wechselnden Processe der gegenseitigen Strahlung, der Ausdunstung und des Schutzes vor Insolation (Besonnung, Einstrahlung) nicht genug berücksichtigt worden ist.“

Neben diesen Einflüssen ist besonders derjenige sehr hoch anzuschlagen, den ich den sparenden nennen möchte. Der auf einem bewaldeten Gebirge niederfallende Regen wird großentheils in der aus Moos und Flechten und andern Pflanzen mancherlei Art, so wie aus dem Laub- und Nadelfall gebildeten Bodendecke festgehalten und so in der Nähe der Baumwurzeln angesammelt. Von da kommt nur das Wasser, was nicht von den Baumwurzeln aufgesogen und von den Moderbestandtheilen des Bodens gebunden wird, den Quellen zu Gute, und es muß lange und anhaltend geregnet haben, ehe die aus dem Waldgebirge abfließenden Quellen eine merkliche Wasserzunahme zeigen. Die Wasserverdunstung der Laubkronen, deren Betrag überraschend große Zahlen gibt, versorgt die Luft mit Wasserdampf und vermittelt sonach die atmosphärischen Niederschläge. Denken wir uns dasselbe Waldgebirge kahl abgeholzt, so werden zunächst die des Waldschattens beraubten Bodenpflanzen absterben und ehe sich andere, den freieren Standort vertragende, eingefunden haben, werden die Regengüsse die Bodendecke und allen beweglichen Boden selbst hinwegschwemmen. Was der Wald aufgespart und mit nachhaltigem Nutzen allmählich der Ebene zum Nießbrauch zukommen ließ, das überschwemmt diese in jähen Fluthen, Erde und Schutt auf lachende Fluren wälzend. Der oben genannte Blanqui entwirft ein trauriges Bild von den Verwüstungen der Regenströme, welche von den während der ersten französischen Revolution entwaldeten Gebirgen der südöstlichen Departements der Alpengrenze alljährlich sich ergießen. Er sagt: „Wer die Thäler von Barcelonette, von Embrun, von Verdun und das steinige Land der Oberalpen, Devoluy genannt, besucht hat, der weiß, daß keine Zeit mehr zu verlieren ist, oder aber, daß binnen funfzig Jahren Frankreich von Piemont getrennt sein wird, wie Egypten von Syrien – durch eine Wüste.“

Die Ueberschwemmungen, welche 1857 Lyon und seine Umgebungen verwüsteten, scheinen ähnlichen Ursprungs zu sein, denn Herr von Humboldt macht auch in jenem blos diese Angelegenheit betreffenden Briefe auf ein Werk von Vallès aufmerksam, was ich mir noch nicht verschaffen konnte, des Titels: Etudes des inondations, leurs causes et effets: 1857, und hebt dabei die Capitelüberschrift: Incertitudes du deboisement et du reboisement besonders hervor.

Diese Anführung aus einem Privatbriefe des Altmeisters der Naturforscher, der darin in seinem neunzigsten Lebensjahre diese hochwichtige Angelegenheit mit aller ihm eigenen geistigen Frische behandelt, wird eben hierdurch vollständig gerechtfertigt sein.

Man wird sich erinnern, daß nach den Verwüstungen von Lyon Napoleon III. selbst Hand an das Werk legte, um – ein System von Deichbauten zu entwerfen. Dort liegt die Wurzel des Uebels nicht. Auf kahlen, einst bewaldeten Höhen muß er sie suchen.

Aber – und das ist eben das Verhängnißvolle – des Menschen Gewalt ist dann in der Regel nicht im Stande, das „reboisement“, die Wiederbewaldung, zu bewerkstelligen. Ein „zu spät“ rächt sich in der Forstwirthschaft fürchterlich.

Die Unkenntniß von dem Forstwesen, an dem doch Alle, Alle betheiligt sind, und zwar tiefer, als man ahnt, ist ein Unglück. Man bilde sich nicht ein, daß der Wald aus hingestreuten Samen und eingesetzten Pflänzchen immer gutwillig wächst und gedeiht. Der Beruf des Forstmanns ist ein sorgenvoller, und unter dem grünen Rocke schlägt oft ein bekümmertes Herz. Danken wir es ihm, indem wir sein Werk würdigen. Er bedarf mittelbar der Unterstützung Aller. Darum ist es hohe Zeit, den Wald unter den Schutz des Wissens Aller zu stellen.

Die stets wachsenden Ansprüche an die Leistungsfähigkeit des Waldes, die zu Urbarmachungen verlockende steigende Bodenrente, die durch die jährlich zunehmenden Transportmittel erleichterte Umwandlung eines Waldbestandes in flüssiges Capital, die in manchen Ländern, z. B. in den österreichischen Alpenländern nach Wesselys Mittheilungen zur Zeit noch gangbare unheilvolle Form des Holz-Großhandels – das Alles muß die einzeln ihrer Landesgesetzgebung gegenüber mehr oder weniger machtlosen Regierungen zu gemeinsamen Schutzmaßregeln aufrufen. Ein „deutsches Forstculturgesetz“ wäre eine würdige, ja ist eine dringend nothwendige Aufgabe des Bundestages. Die Waldbehandlung in den Bundesstaaten ist keine versechsunddreißigfachte, sondern eine einige deutsche, ja eine mitteleuropäische Frage.

Ein Eingriff in das freie Gebahren mit dem Eigenthum ist hinsichtlich der Privat- und Gemeindewaldungen mehr als erlaubt, ist geboten; ja der Waldbesitz des Einzelstaates wird in demselben Sinne verpflichteter Privatbesitz gegenüber der oben angedeuteten klimatischen Union Mitteleuropa’s.

Wohl möglich, daß manche, daß viele meiner Leser bis hieher über „unzeitigen Eifer“ gelächelt haben werden. „Man merkt ja noch nichts!“

Wenn man es merken wird, nicht nur die Verarmung der Flüsse, denn die merkt man bereits, sondern auch die Veränderung des Klima’s, dann wird es zu einem Einschreiten wahrscheinlich zu spät sein. Es wird leichter sein, den großen Waldbesitzer zu zwingen, seine Waldungen zu erhalten, als die einstigen kleinen Besitzer seines urbar gemachten, parcellirten Bodens zu bewegen, ihre Parcellen wieder herzugeben, oder in Wald umzuschaffen.

Man wird es nicht dahin kommen lassen. Mein „internationaler Congreß der Zukunft“ steht vielleicht nahe bevor. In Frankfurt a. M. wird er tagen. Es wird eine schöne Aufgabe sein, an der Hand der Wissenschaft für des Wohl der kommenden Geschlechter zu sorgen.[2]




Das Künstlerfest in Leipzig am 19. März.

Das Leben der Künstler in der Handels- und Buchhandels-Stadt Leipzig hat oder hatte wenigstens bisher sein eigenthümliches Gepräge. Eigentlich war von einem Künstlerleben – wobei wir in diesem Augenblicke die bildende Kunst im Auge haben – in Leipzig bisher nicht die Rede, insofern man darunter ein geselliges und – im edleren Wortsinne – zünftiges Zusammenhalten versteht. Leipzig hat zwar, gegenwärtig unter dem in der vorjährigen Münchener allgemeinen Ausstellung vielgefeierten Professor Jäger, [220]

Chronik der Stadt Leipzig von H. Leutemann.

Gründung der Stadt Leipzig durch die Fischer-Innung. Entlassung der Götzen. Bekehrung durch Mönche. Entwickelung der Gewerbe: Schneider. Hutmacher. Die erste Brezelfrau.
Einwanderung der Prager Professoren und Studenten. Bekanntschaft mit den Einwohnern. Entdeckung eines angebundenen Thieres. Faust’s Ritt aus Auerbach’s Keller. Aufschwung des Handels.
Auswanderung der Mönche und Nonnen. Ein Leipziger Angelsachse. Gellert, dem alten Fritz seine Fabeln declamirend. Goethe’s Studien in Leipzig. Einführung des Tauchaer Jahrmarktes. (Schluß folgt.)

[221] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [222] seine Kunstschule und eine Anzahl daraus hervorgegangener Künstler, aber beide, Schule und Jünger, haben bisher noch nicht eben sehr von sich reden gemacht, was zu thun auch hier nicht unsere Absicht sein kann.

Leipzig ist auch in keiner Hinsicht dazu angethan, eine Pflanzstätte der bildenden Kunst zu sein und zwar wesentlich aus zwei Gründen. Erstens ist die große Zahl unserer „reichen Leute“, mit sehr wenigen rühmlichen Ausnahmen, nicht sehr mäcenatisch gegen dieselbe gesinnt, namentlich seit der Mann, der als Vorbild leuchtete, Schletter, nur noch in seinem schönen Vermächtniß an die Stadt lebt, unsterblich lebt. Die alljährlichen Bilderschauen, in denen unser großer Aquarellist C. Werner den reichen und vornehmen Leipzigern seine Bilder vorführt, haben nur noch sehr wenige von jenen verführt, den reichen Engländern etwas von den Arbeiten ihres Mitbürgers vorwegzunehmen. Der Leipziger sagt: „das liegt nicht drin“. Was in ihnen, in der haute volée von Leipzig liegt, das ist eine einseitige Vergötterung der Musik.

Ein zweiter Grund, weshalb Leipzig keine Pflanzstätte der Kunst ist, liegt im Buchhandel. Der riesige Verlags- und Commissionsbuchhandel bemächtigt sich sofort jedes halbwegs fertig gewordenen Kunstjüngers. Schon manche vielversprechende Kraft ist erlahmt sitzen geblieben bei dem täglich frisch gebackenen Brode der – Illustrationsbestellungen. Bleistift und Holz werden von den Leipziger Künstlern mehr verbraucht, als Pinsel und Malertuch. Die kaum zu befriedigenden Bestellungen des Buchhandels hemmen den Flug nach dem Höchsten. Das soll freilich nicht sagen, daß Leipzig nur mittelmäßige Künstler besäße; wir wollen zur Abwehr dieser Auffassung unserer Worte nur noch zwei nennen: Knauer und Sichling. Wir reden in dieser Beurtheilung des drückenden Verhältnisses des Buchhandels zur Kunst nicht allein aus eigener Auffassung, sondern noch ganz kürzlich äußerte sich hierüber eine unserer tüchtigsten Kräfte in einer solchen Weise, daß es geradehin ein Ringen nach Befreiung war. Um so verdienstlicher wäre es, wenn der Reichthum Leipzigs dieser Befreiung etwas beispringen wollte.

Aber um so nothwendiger war es auch, die zahlreichen Leipziger Kunstjünger gegenseitig unter die Kräftigung der von jeder Vereinigung ausstrahlenden Wärme zu stellen, und darum begrüßte jeder Freund der Kunst die Gründung des „Leipziger Künstlervereines“ mit Freuden. Der lange unter dem Herzen der Muse getragene Spätling fühlte bald sein Blut keck durch die Adern pulsiren. Mancher hielt es für zu keck; denn nach kaum halbjährigem Bestehen ein großartiges Künstlerfest zu feiern, sah fast aus, wie ein va banque. Der junge Verein wagte es, er setzte Alles auf Eine Karte und siehe da, er gewann seinen Einsatz. Denn man kann es gewiß ein Gewinnen nennen, daß sich Leipzig zu dem am 19. März in den schönen Räumen des Schützenhauses abgehaltenen Feste drängte, im buchstäblichen Sinne drängte.

Um Carl Werner, den Präsidenten des Vereins, schaarten sich opferbereite Hände, mit Pinsel und Farben zu produciren und durch lebendige Bilder bekannte oder sonst sich eignende Kunstwerke zu reproduciren. Die Musik, als gleichberechtigtes Glied des Vereins, verband sich in etwas unschwesterlicher Weise, wie wir gleich sehen werden, mit der Malerei.

Wochenlang war das angekündigte Fest des Leipzigers Taggedanke und Traum; viele Hunderte, die mißtrauend zugewartet hatten, konnten sich zuletzt keine Eintrittskarten mehr verschaffen. Es war eine namenlose Spannung auf den Gesichtern zu lesen, denn so etwas war in Leipzig „noch nicht dagewesen.“ Das Nachfolgende soll keine Beschreibung sein, denn eine Festbeschreibung ist doch nur ein post festum; es soll nur unseren Holzschnitten als Legitimation dienen.

Vor einem heringsmäßig zusammengeschichteten Publicum entfalteten sich die zwei Hauptabtheilungen des Festes, von denen die erste eine rein musikalische war, weil sicherem Vernehmen nach die Musik sich geweigert hatte, mit den Vorführungen ihrer Schwester abzuwechseln. Dies nannten wir eben, und gewiß nicht mit Unrecht, unschwesterlich. Es brachte dies eine grundfalsche Stimmung in das Publicum, welches gewiß nicht gekommen war, um fast zwei volle Stunden die Augen vor dem geschlossenen Vorhange warten zu lassen. Die Ohren hatten jedenfalls kein Vorrecht bei einem Künstlerfeste, wobei man an München und Düsseldorf und nicht – an das „große Concert“ von Leipzig gedacht hatte. Um die Ungeduld der schaulustigen Menge recht auf die Folter zu spannen, nicht etwa in heiterer Weise anzuregen, gab es nur, ausnahmslos nur ernste Musik.

Mit um so günstigerem Vorurtheil sah man endlich den Vorhang sich theilen.

Nach einer eigens von Maczewski componirten Ouverture begann das, wir glauben vom Maler L. Clasen gedichtete Festspiel. Der Humor empfahl den Herrn Schacherich und Frau Prosa, Leipziger Kinder, der Gönnerschaft der daherschwebenden Kunst, und diese that jenen den Gefallen, das Nachfolgende ihnen zu zeigen. Der Humor verdiente seinen Namen nicht vollständig.

Es folgten sechs lebende Bilder: 1) das Abendgebet auf dem See von Ruben; 2) Don Quijote im Amadis lesend von Schrödter; 3) Lindaraja von Werner; 4) Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser von Souchon; 5) Paolo Veronese den Besuch des Dogen empfangend von Hammann und 6) des Sängers Fluch von Foltz.

Sämmtliche Bilder fanden den wohlverdienten Beifall. In die langen und langweiligen Pausen zwischen den Bildern hätten die Musikstücke gehört. Aber die Musik hatte keine „Lückenbüßerin“ sein mögen! Die Musikbegleitung der Bilder von Maczewski war größtentheils sehr entsprechend; ausgezeichnet war die zu Don Quijote, dessen höchst passender Darsteller in Spanien sich dazu die Weihe geholt hat.

Nun zeigte der Humor den beiden kleinbürgerlich angeputzten Leipzigern Schacherich und Prosa (doch auch den echt pariser-imperialistisch angeputzten Leipzigerinnen des Zuschauerraums) eine „Chronik der Stadt Leipzig“, einen transparanten Fries von Leutemann, den wir unsern Lesern vorführen. Die Erklärung dazu war nicht sehr humoristisch und am Ende durch einen zum mindesten äußerst taktlos zu nennenden politischen Ausfall – denn es war mehr als blos eine Anspielung – „gekrönt“, was je nach Parteistellung verstimmte oder in’s Fäustchen lachen ließ. Die sehr glücklich aufgefaßte und ausgeführte Idee des talentreichen Künstlers hätte eine bessere Interpretation verdient, als die gegebene.

Den Schluß der Schaugebungen machte die Enthüllung von zwei großen von Clasen gemalten Transparents: allegorische Gestalten der Poesie, Architektur, Sculptur, Malerei und Musik.

Eine nun folgende Verlosung von kleinen Kunstgaben an die Damen mußte wegen des großen Andrangs der Hoffenden aufgegeben werden.

Wenn der erst nach sechsstündigem Hören und Schauen und – Warten folgenden Festtafel der geistige Schaumwein fehlte, so war dies wahrlich kein Wunder. Einen einzigen Tropfen spendete Werner durch ein in Wiener Mundart und in echter Leopoldstädter Färbung vorgetragenes Lied, welches die imperialistischen Kriegsgelüste geißelte und eine durchschlagende Wirkung hatte. Man war mehr als müde, man war ermattet. Es waren von dem Festausschuß mancherlei Formfehler begangen worden, die dies verschuldeten, aber nach unserer Meinung auch nur Formfehler, und die kann und muß man einem Erstlingsversuche nachsehen. Ein Festball machte natürlich den Beschluß.

Das Fest war jedenfalls eine würdige Inauguration des Leipziger Künstlervereins. Leipzig hat Ursache, sich des Vereins zu freuen; und die wohlthätigen Rückwirkungen des Festes auf die Leipziger und auf die Festgeber selbst werden sicher nicht ausbleiben. Der Verein selbst hat Erfahrungen gesammelt, und Erfahrungen bezahlt man nie zu theuer.



Pariser Bilder und Geschichten.
3. Sonderbare Existenzen.

Alltäglich begegnet man in Paris einer großen Anzahl von Individuen, deren Antecedentien und Urgeschichte schwerer festzustellen sind, als die Urgeschichte irgend eines Völkerstammes, dessen Ursprung sich in der dunkelsten Nacht der Zeiten, hinter den Vorhängen vieler Jahrtausende verliert. Man begegnet ihnen in den Salons reicher Bankiers, bei Institutsmitgliedern, an der Privatspielbank zweideutiger [223] Frauen, in der großen Oper, auf dem Boulevard des Italiens zwischen vier und fünf Uhr, im Café de Paris und – während der letzten Jahre meist in den Salons und auf den Bällen der Minister oder der Persönlichkeiten, welche, mächtiger als die Minister, oft durch anerkannte oder unerkannte Bande des Blutes mit der herrschenden Familie und den Tuilerien zusammenhängen. Man erkundigt sich endlich nach diesen Individuen, da sie denn doch etwas Auffallendes, die Neugierde Reizendes an sich tragen, und man erfährt ihre Namen und sonst nichts. – Aber wer ist er? was treibt er? woher stammt er? – Man zuckt die Achsel und antwortet mir: ich habe ihn bei Herrn von Morny, bei Troplong, bei Mirès, bei Millaud, bei Delamare gesehen! Das ist Alles.

Wir müßten sehr irren oder Herr Napoleon B. ist ein solches problematisches Individuum. Er tauchte mit dem neuen Kaiserthume auf, wie so viele Andere; wir sahen ihn in einem höchst eleganten Coupé vor soliden und reichen Häusern halten; wir sehen ihn heute in abgeschabter, fadenscheiniger Tracht mit einer Mappe unter dem Arme von Bankier zu Bankier laufen und Projecte und Pläne feilbieten und sehr unterthänig um Unterstützung seiner großen Ideen bitten. Von Zeit zu Zeit scheint ihm Manches zu gelingen; dann ist er plötzlich auf Reisen, taucht da und dort in industriellen Gegenden auf, verzehrt viel in den Hotels – um einige Wochen später wieder mit der Mappe unter dem Arme von Bankhaus zu Bankhaus zu laufen.

Wir kennen, wie gesagt, die Urgeschichte Herrn Napoleon B.’s nicht; wir wissen nicht einmal, ob er vor Einführung des neuen Empires wirklich Napoleon geheißen; wir kennen nur eine Episode aus seinem höchst wahrscheinlich bunten Leben, und diese Episode schließt sein „Rise and Fall“, seine Blüthe und seinen Verfall in sich. Darum können und wollen wir nur diese Episode erzählen.

Kaiser Napoleon III. hatte sich proclamirt; Napoleon B. stand mit einem Male auf der Scene. Diese zwei Erscheinungen sind nicht ohne Zusammenhang; ihre Gleichzeitigkeit ist in den Umständen begründet. Napoleon B. war verheirathet. Wer war seine Frau? Auch das ist ein Räthsel, aber ein durchsichtiges, das nur aus Delicatesse und aus Rücksicht für eine sonst unbescholtene Frau nicht gelöst wurde. Mad. Napoleon B. hat ihre Mädchenjahre in einer Pariser Pension zugebracht; die Pensionsgelder bezahlte ihre Pathe, eine Prinzessin des kaiserlichen Hauses (nicht die Prinzessin Mathilde), die sich des verlassenen Kindes überhaupt mit mütterlicher Sorgfalt annahm. Von einer Mutter war nirgends eine Spur zu entdecken, aber es war kein Geheimniß, daß die Pathin die Mutter war. Die junge Pensionärin war eine außereheliche, nicht anerkannte Tochter der Prinzessin. Diese Prinzessin können wir nur bedauern, daß es ihr die Umstände nicht erlaubten, ihr Kind nicht anzuerkennen und sich den schönsten Pflichten ohne Rückhalt hinzugeben; sie hätte dieses Trostes so sehr bedurft, sie, deren eheliche Kinder auf so unbegreifliche Weise hinstarben oder verschwanden. Sie stattete ihre Tochter aus und verheirathete sie, immer als Pathin, an Herrn Napoleon B.

Ist es nun ein Wunder, daß Herr Napoleon B. eine Rolle zu spielen anfing, als sich der neue Hof constituirte und die Prinzessin herbeieilte, um in diesem Glücke ihrer Anverwandten sich zu freuen, und als sie in den Tuilerien als eine der geachtetsten Persönlichkeiten der Familie mit Auszeichnung empfangen wurde? – Sie kam oft herbei aus dem fremden Lande und wohnte jedes Mal in den Tuilerien. Herr Napoleon B., der mit dem Heirathsgute seiner Frau fertig geworden, war nicht der Mann, diesen günstigen Umstand, die sogenannte Pathin in den Tuilerien zu haben, unbenutzt zu lassen. Es wäre ihm leicht gewesen, sich eine Stelle zu verschaffen; aber heutzutage geht der Ehrgeiz nicht mehr auf Stellen aus. Die Ehre ist das Geld. Das ist die Ansicht mehrerer Minister, warum sollte es nicht die Ansicht eines Glücksritters sein?

Die Protegirten heutigen Tages machen ihr Glück meist dadurch, daß sie sich von der Regierung eine „Concession“ geben lassen: eine Concession zur Eröffnung von Bergwerken, zur Errichtung einer neuen Omnibuslinie durch Paris, zur Aufstellung von hundert neuen Fiakern oder Petites Voitures, zur Erbauung einer Eisenbahn etc. etc. Diese Concession verkaufen sie dann an einen reichen Bankier, erhalten sofort eine große Summe, dann, wenn die Gesellschaft constituirt ist, eine gewisse beträchtliche Anzahl Actien und werden außerdem noch in den Verwaltungsrath, wenn nicht in die Direction der neuen Actiengesellschaft gewählt. Man ist so über Nacht ein reicher und einflußreicher Mann geworden. Manchmal gehen die Dinge auf noch einfachere Weise vor sich. Ein Bankier, ein großer Unternehmer, ein Erfinder hat eine gute Idee; er will sie in Ausführung bringen; er wendet sich an die Regierung und bittet um eine Concession, aber nur unter der Bedingung, daß Herr X., ein Begünstigter der Regierung oder des Hofes, mit so und so viel Hunderttausenden oder Millionen dabei betheiligt werde, oder daß man ohne Umschweif an diesen Hern X. diese oder jene bedeutende Summe auszahle.

Herr Napoleon B. war der geheime Schwiegersohn einer Prinzessin des kaiserlichen Hauses, die in den Tuilerien viel vermochte; sollte er diesen Umstand nicht benutzen, sich zu einem jener Begünstigten zu machen? Bessere als er hätten dieser Verlockung zu Nepotismus nicht widerstanden.

Gleich als die Prinzessin das erste Mal am kaiserlichen Hofe erschien, setzte er seine Frau in Bewegung, „il la mettait en campagne“, er begann mit ihr den Feldzug, wie die Franzosen sagen würden. Madame Napoleon B. war ein gutes Geschöpf, das in der Pension wenig Welterfahrung gesammelt hatte, und sich auf dergleichen Geschäfte schlecht verstand. Aber ihr Gatte wurde gegen seine Gewohnheit zärtlich und liebend; sie war dankbar, hörte seine Instructionen aufmerksam an und wirkte bei ihrer Mutter mit großem Erfolge. Bald kehrte sie zu ihrem Gatten mit dem Versprechen zurück, daß er die Concession zum Bau der Orleans-Epernay-Eisenbahn erhalten solle. Orleans-Epernay! eine ungeheure Strecke, ein herrliches Unternehmen! Ob einträglich oder nicht, darauf kam es in jener Zeit des Schwindels, der Fusion und des Steigens auf jeden Fall ganz und gar nicht an. Mit jeder Concession konnte man bei einiger Börsengeschicklichkeit ein ungeheuer reicher Mann werden und zwar in wenigen Tagen; dies um so leichter in diesem Falle, da mit der Concession von Orleans-Epernay noch eine Garantie von 5 Procent von Seiten des Staates versprochen wurde.

Napoleon B. umarmte seine Frau, eilte, sich als reichen Mann und großen Industriellen einzurichten, kaufte ein elegantes Coupé und ein schönes Pferd, und begann seine Fahrt zu den großen Bankiers.

Mit solchen Hoffnungen, solchen Versprechungen in der Tasche fand er überall offne Thüren, hie und da selbst bis zu einem gewissen Grade offene Cassen; er war lancé! Alles ging vortrefflich; man drängte sich um ihn; man fand ihn in allen Salons; er selber fing an zu protegiren und machte ein großes Haus. Seine Frau lebte, wie die Frauen der großen Männer des Momentes leben; in herrlichen Stuben, in Sammet, Spitzen, Diamanten, Pelzen etc. etc.

Sie war darum nicht glücklicher, ihr Mann stand hinter ihr, wie ein treibender böser Geist, denn hinter ihm standen die Bankiers, die auf seine Unternehmung einzugehen bereit waren und die ihm teilweise schon Vorschüsse gemacht hatten. Er lebte von der Zukunft; seine Schulden wurden immer größer, und das Versprechen wurde nicht zur Wirklichkeit. Wenn das so fort ging, wurde er bankerott an der Schwelle des Reichthums, im Angesichte der Schätze. Unglücklicherweise lebte die Prinzessin im Auslande; wirksam konnte ihr Einfluß nur während ihrer kurzen Aufenthalte in den Tuilerien benutzt werden. Napoleon drängte seine Frau, und diese mußte Briefe auf Briefe an ihre Mutter schreiben. Diese tröstete auf ihre Rückkunft nach Paris und wurde manchmal ungeduldig; sie hatte höhere Interessen in den Tuilerien zu vertreten und wollte ihren Einfluß nicht ganz zu Gunsten von Orleans-Epernay verbrauchen. Da sie im Auslande, in einer kleinen Stadt, in kleinen Verhältnissen, fern von diesem ganzen Actien-Unternehmungs- und Protectionsschwindel lebte, verstand sie sich vielleicht auch nicht auf die Pariser Zustände und Persönlichkeiten und wußte ihren Einfluß nicht fruchtbringend genug auszubeuten. Zu feurig durfte sie für Frau Napoleon auch nicht auftreten, wenn sie nicht verrathen wollte, daß sie mehr als das Interesse einer Pathin an ihr nahm. Dafür mußte Frau Napoleon büßen. Sie wurde von ihrem Manne mit Vorwürfen überhäuft; sie mußte an ihre Mutter beleidigende Briefe schreiben; sie wurde von ihrem Manne darauf aufmerksam gemacht, welch ein Unterschied zwischen einem ehelichen und unehelichen Kinde sei, und wurde bei solchen Gelegenheiten geradezu Bastard genannt. Diese Veränderung in ihrem häuslichen Verhältniß fiel der jungen Frau um so schwerer auf’s Herz, als die Zärtlichkeit, deren Gegenstand sie eine Zeit lang nach Erlangung des Versprechens war, sie etwas verwöhnt und ein glückliches Leben hatte hoffen lassen. Sie wurde schwermüthig, schweigsam und war ganze Wochen lang in ihrem Geiste wie gelähmt. Desto erbitterter wurde ihr Gatte gegen sie, da er sie in diesen Zeiten der Apathie nur mit Mühe zu seinen Zwecken gebrauchen konnte und ihre Trägheit, so wie den Mißerfolg seiner Unternehmung ihrem bösen Willen zuschrieb. Die Mißhandlungen wurden immer schlimmer. Da empörte sich die junge Frau; es kam manchmal zu sehr heftigen Scenen, in denen Herr Napoleon B., wenn er für dergleichen ein Auge gehabt hätte, das Erwachen eines gründlichen Hasses in der Brust seiner Frau [224] bemerkt haben würde. Nur wenn die Prinzessin nach Paris kam, war einiger Waffenstillstand; einmal, weil Napoleon neue Hoffnungen schöpfte, dann, weil er die Anklagen seiner Frau vor dem Forum der Schwiegermutter fürchtete. Madame Napoleon erkannte sehr wohl die Gründe dieses Waffenstillstandes, lächelte verächtlich und freute sich in dem Bewußtsein, daß das Schicksal ihres Mannes von ihr abhänge und daß sie ihn, wenn sie wolle, verderben könne.

Die schlimmste Zeit für Madame Napoleon war die des orientalischen Krieges. Die Prinzessin war zu delicat, um in dieser aufgeregten, sehr beschäftigten Zeit den Kaiser mit solchen Kleinigkeiten zu behelligen, und da von diesem kein directer Befehl zur Ertheilung der Concession Orleans-Epernay ausging, und die Minister bei dieser Protection weiter nicht betheiligt waren, fanden sie in den wichtigeren Angelegenheiten Vorwand genug, die ganze Sache in den Hintergrund und auf die sogenannte lange Bank zu schieben. Herr Napoleon B. sah das Alles ein, aber er konnte nicht warten; sein Unmuth mußte sich Luft machen, und seine arme Frau litt durch den orientalischen Krieg vielleicht mehr, als irgend ein Krieger in der Krim durch Entbehrung, Mangel und Frost gelitten hat.

Es kam der Frieden; der Congreß versammelte sich in Paris. Auch die Prinzessin kam in die Tuilerien. Napoleon B. schöpfte neue Hoffnung; er athmete auf; endlich mußte die definitive Concession erobert werden können. Es war hohe Zeit. Die Gläubiger drängten; bereits Jahre langer Luxus hatte ihre Schaar vermehrt. Die Bankiers, die sich mit Napoleon eingelassen, fingen an, ihn als Charlatan zu betrachten, und gaben ihm nur noch eine Galgenfrist. Aber, wie gesagt, nun schien Alles wieder gut gehen zu wollen. Napoleon behandelte seine Frau wieder rücksichtsvoller.

„Nun,“ sagte er eines Tages, „nun, mein geliebtes Kind, ist es an Dir, unsere Zukunft zu sichern; die Zeit des definitiven Glückes ist jetzt gekommen.“

„Ist diese Zeit gekommen?“ fragte sie mit eben so viel Trauer, als Bitterkeit im Herzen; doch lächelte sie und gutmüthig, wie sie von Natur war, ließ sie sich auf’s Neue instruiren und ging zu ihrer Mutter. Sie kam mit neuen Hoffnungen zurück, doch vertröstete sie ihren Mann auf den Schluß der Conferenzen. Napoleon war der Vertröstungen müde, und unbezahlte Rechnungen und Mahnbriefe lagen auf dem Tische. Er brach in Verwünschungen gegen seine Frau und ihre Mutter aus. Madame hatte sich längst gewöhnt, zu antworten; sie antwortete und zog sich dafür die brutalsten Mißhandlungen zu.

Einige Tage darauf war Herr Napoleon B. wieder zärtlich. Er hatte sich erkundigt und erfahren, daß Alles reif war; es bedurfte nur noch eines einzigen Wortes von Seiten der Prinzessin, und die Congreßacten wurden unterzeichnet. Er kündigte das seiner Frau an, sagte ihr, ihrer beider Glück sei nun gemacht, und bat sie wieder, ihre Mutter zu besuchen und sie nur noch um den letzten kleinen Schritt zu bitten.

„Ist nun wirklich Alles fertig?“ fragte Madame.

„Es ist.“

„Nun,“ sagte Madame, „werde ich das Meinige thun.“

Herr Napoleon B. fährt aus, um seinem Bankier den Abschluß dieser Angelegenheit anzukündigen. Als er Abends nach Hause kam, war seine Frau eine Leiche. Neben ihr lag ein Giftfläschchen. Sie hatte sich vergiftet und zwar, wie sie es in einem Briefe sagte, um sich an ihrem Manne, den sie haßte, für alle Unbill, die sie in diesen Jahren hatte ertragen müssen, zu rächen, um die Concessionsertheilung, die nur ihrer Person gelte, zu Nichte zu machen, um ihn in Elend und Verachtung, die er verdiene, zu stürzen.

Die Frau hat ihren Zweck erreicht. Orleans-Epernay ist stückweise verschiedenen Gesellschaften zugetheilt worden; die Prinzessin hat Napoleon B. von ihrer Schwelle gejagt – all’ sein Luxus ist dahin, und nun läuft er als abenteuerlicher Projectenmacher mit der Mappe unter dem Arme von Comptoir zu Comptoir.




Blätter und Blüthen.

Die Verbannten Neapels in England. Nach dem Gesetze, welches auf Schiffen gilt, kamen die 69 Verbannten Neapels durch ein mit Tode bestraftes Verbrechen auf den freien Boden Englands. So groß ist aber die Gewalt der Humanität und edler Herzensregungen, wenn sie einmal durchbrechen und sich allgemein geltend machen, daß in England Jeder vom Höchsten bis zum Geringsten über den nobeln Gewaltstreich der Verbannten jauchzte und seiner Sympathie vollen Ausdruck gab, ohne daß Einer an den todten Buchstaben des Gesetzes nur dachte. Ein Verein der Nobelsten und Angesehensten Englands (Lord John Russel, Palmerston, Minister, Bischöfe etc.) hat bereits mehrere Tausende von Pfunden zusammengebracht, um die durch lange, entsetzliche Kerkerleiden Verkommenen zu erquicken und Sympathie durch That zu bekunden. Demonstrationen und Meetings großer Massen, welche zu deren Ehre beabsichtigt waren, unterblieben auf dringendes Gesuch der Befreiten selbst, welche öffentlich durch die Zeitungen erklärten, daß sie nach einem mehr als zehnjährigen Leben in Kerker und Kette nicht im Stande sein würden, sich öffentlich ihrer Dankbarkeit würdig zu zeigen.

Die 69 Verbannten (über 300 liegen noch gefesselt in neapolitanischen Kerkern – als politische Opfer) sollten auf Befehl des Königs von Neapel in einem amerikanischen Schiffe in die Vereinigten Staaten gebracht werden. In Cadix nahm das Schiff einen Fremden auf, der sich bald als der Sohn des Märtyrers und Patrioten Settembrini erwies. Durch ihn und die Einstimmigkeit der anderen Verbannten wurde der Capitain genöthigt, das Schiff ihnen zu übergeben. Unter Leitung des fachkundigen Raffaelo Settembrini lief nun das Schiff in Queenstown, Irland, ein. Als sie landeten (Baron Poerio, ein Bischof, Priester, Gelehrte und der Mehrzahl nach gebildete Männer vom Stande), entwickelte sich am nassen, sandigen Gestade ein Lebensbild, das als ein historisches festgehalten und noch in frischen Farben betrachtet werden wird, wenn unzählige Mächtige dieser Tage verschollen und vergessen sein werden. Sie knieten nieder in den Sand, einige küßten die Erde, Andere breiteten die Arme gen Himmel empor und beteten mit entblößten Häuptern, Thränen flossen an sonst harten und braunen Backen herunter. Die ganze Stadt gerieth in freudige Bewegung und obrigkeitliche wie unterthanliche Personen vereinigten sich im Wetteifer, ihnen wohlzuthun. Einige wurden hier, Andere da (die Meisten in dem benachbarten Cork) häuslich aufgenommen. Jetzt sind mehrere Gelehrte von ihnen Gäste angesehener Engländer in London.

Aus dem eigenen Berichte der Verbannten entnehmen wir folgende Thatsachen:

„Wir sind Alle aus neapolitanischen Gefängnissen und Galeeren gekommen. Ein Gnadenact sendet uns in ewige Verbannung, die sich nicht mit unsern Gesetzen verträgt: Transportation nach Amerika. Wir wurden plötzlich auf’s Schiff gebracht, ohne daß wir unsere Familien vorher einen Augenblick sehen oder sonst persönliche Angelegenheiten ordnen durften, und fuhren am 17. Januar ab. In der Bai von Cadix wollten wir an’s Land, aber 25 Tage dort aufgehalten durften wir Niemand sehen. Briefe an verschiedene Behörden blieben ohne Erfolg. Endlich wurden wir für 8500 Dollars an den amerikanischen Capitain Stewart von Baltimore verkauft, die Summe, wofür er uns gegen unsern Willen nach Amerika zu transportiren versprach. Wir protestirten Alle durch ein Document, worin wir erklärten, daß wir, wenn frei, die amerikanischen Gesetze gegen diese Gewaltthat anrufen würden, und baten den Capitain, uns nach dem nächsten Hafen von England zu bringen. Er weigerte sich lange, bis er am 21. Februar zu der Ueberzeugung gebracht worden war, uns zu gehorchen und uns nach England zu bringen.

„Gefragt, warum wir nicht vorgezogen, in das freie Amerika zu gehen (wo Jedem von uns 130 Dollars ausgezahlt werden sollten), müssen wir mit verschiedenen Gründen antworten. Seht auf unsere Gestalten! Die meisten von uns sind alt und verfallen in Kraft und Gesundheit. Nach zehnjährigem, lebendigem Begräbniß in Kerkern und Galeeren und 35tägiger Seereise im Dampfschiffe – wie konnten wir erwarten, eine Reise im Segelschiffe nach Amerika zu ertragen? Wer verbannt wird von einem theueren Vaterlande, für welches er gestritten und gelitten, möchte wenigstens möglichst nahe bleiben. Vielleicht werden auch unsere noch zurückgebliebenen leidenden Brüder, nach dem Beispiele, das wir gegeben, nicht so fern verbannt. Endlich frei, gebrauchten wir unsere Freiheit zuerst dazu, uns nicht der Gewalt zu fügen. Deshalb baten wir um englische Gastfreundschaft. Die englische Regierung that vor zwei Jahren einige Schritte für unsere Freiheit, aber auf Bitten ward nicht gehört, so daß die diplomatischen Verhältnisse zwischen Neapel und England abgebrochen wurden. Wir hoffen deshalb, daß das englische Volk diesen Beweis seiner Selbstachtung auch auf Die ausdehnen wird, welche für die Freiheit ihres Vaterlandes gefochten und gelitten.“

Dieser Beweis ist bis jetzt glänzend und nobel geführt worden.

Sie sind frei, 69 von ihnen. Ueber dreihundert schmachten noch in neapolitanischen Kerkern. Politische Verbrechen sind keine in der Natur der Menschen wurzelnden, sondern Producte staatlicher Einrichtungen und deshalb von Zeit und Umständen bedingt. Aus diesem Grunde haben sich die Sieger in politischen Kämpfen auch meist veranlaßt gefunden, hier sehr nahe liegende und sich als gerecht erweisende Gnade zu üben. Wir finden den König Ferdinand von Neapel unter Denen, die eine solche Regung fühlten und wenigstens Einigen zu Gute kommen ließen. Hoffen wir, daß der jetzt angebahnte Congreß auch den übrigen Eingekerkerten die heißersehnte Freiheit bringen und auch hier vergessen und vergeben wird, wo noch so viele leiden.


Bock’s Buch vom Menschen. 2. Lieferung wurde vor acht Tagen ausgegeben.

Ernst Keil.

Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Die berühmte Erziehungsanstalt feierte vor einigen Wochen ihr 75jähriges Jubiläum, wozu von allen Seiten Freunde und ehemalige Zöglinge derselben herbeigeeilt waren. Wie wir hören, erfreut sich das Institut seit 1848, in welchem Jahre der jüngere Ausfeld dasselbe übernahm, eines bedeutenden Aufschwunges.   D. Redact.
  2. Die Augsburger Allgemeine Zeitung wieß diesen seinem Wesen nach sehr wichtigen Artikel zurück. Obgleich die Haltung desselben mehr auf die Leser der genannten Zeitung berechnet ist, so glauben wir doch, daß er Beitrag auch in dieser Fassung das Interesse unserer Leser in Anspruch nehmen wird.
    D. Red.