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Die Gartenlaube (1858)/Heft 9

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[113]

No. 9. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Der gefangene Dichter.
Von Levin Schücking.
(Schluß.)


Minette jubelte über dies Auskunftsmittel der Landgräfin.

„Frohlocke nicht zu früh, thörichtes Kind,“ sagte diese; „weißt Du denn, ob der junge Goethe sich dazu bereitwillig finden läßt, in die Rekrutenjacke zu fahren?“

„Wenn er ein Paar Menschen dadurch glücklich machen, wenn er mir dadurch das Leben retten kann!“

„Es ist viel verlangt, Minette!“

„Ei, was wär’s denn – kann er jungen Mädchen mit Sträußen nachlaufen und mit ihnen schön thun, so mag er dann auch sehn, was er angerichtet hat und es wieder gut machen.“

„Du willst’s versuchen?“ sagte die Fürstin.

„Ob ich’s will! O, er muß, er muß!“

Caroline zog die Klingel.

„Dann will ich, das ist jetzt das Nöthigste, Dir Zeit zu verschaffen suchen, daß Du’s ausführen kannst; ich will verhindern, daß der Wilhelm dem Landgrafen vorgeführt werde.“

Ein Kammerdiener war aus dem Vorzimmer eingetreten.

„Louis,“ rief sie diesem entgegen, „ist des gnädigsten Herrn Carosse vorgefahren?“

„Zu Befehl, Durchlaucht, der gnädigste Herr wollen nach Kranichstein hinaus.“

„So laß augenblicklich hinübermelden, ich würde den Herrn begleiten; rufe mir die Gräfin Schwarzenau her und sende mir die Kammerfrau mit meinem Shawl – aber rasch, hörst Du!“

Der Kammerdiener eilte davon, die Befehlt der Landgräfin zu vollziehen; diese trat an ihren Schreibtisch, schrieb schnell einige Zeilen auf ein Blatt Papier nieder und reichte es Minette.

„Da, das für den Officier du Jour – und nun fort!“

Minette küßte der Landgräfin die Hand und flog mehr als sie ging, um aus dem Schlosse zu kommen und den Dr. Goethe aufzusuchen.

Die Landgräfin aber war im nächsten Augenblick für den Ausflug fertig und begab sich, gefolgt von ihren Hofdamen, in die Gemächer des Landgrafen hinüber. Da dieser seine Gemahlin nicht warten lassen konnte, so wurde sofort die Spazierfahrt angetreten; der Rekrut aber, der, von einem Corporal begleitet und bewacht, eben auf dem Wege zum Schlosse war, wurde bei seiner Ankunft vom dienstthuenden Flügeladjutanten heimgeschickt, bis der Landgraf ihn etwa später vorfordern lasse, nachdem die Herrschaften zurückgekehrt.




VII.

Ein paar Stunden waren verflossen und der Abend begann heranzukommen, als die vierspännige Carosse mit dem landgräflichen Paare von dem Lustschlosse Kranichstein her wieder durch die Stadt rollte und bald darauf im Schloßhofe hielt. Der Landgraf half seiner Gemahlin aus dem Wagen steigen und bot ihr den Arm, um sie in ihre Gemächer zu führen. Auf der Spazierfahrt hatte sie klug die Gelegenheit benutzt, das Gespräch nochmals auf den Dichter zu bringen und ihrem Herrn den Inhalt des Trauerspiels: „Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand,“ welches Merk ihr im Manuscripte hatte vorlesen müssen, mitgetheilt. Die Geschichte von dem mannhaften und derben alten Ritter hatte dem gnädigen Herrn recht gut gefallen.

„Seien Sie ganz ruhig über Ihren Dichter,“ hatte er lächelnd gesagt; „wollen ihn in Gottes Namen derartige Elaborationen und curiose Historien zur Ergötzung müßiger Leute weiter ausfindig machen lassen – könnten ihn ohnehin in unsern Militaircorps schlecht verwenden; solche Art Leute sind niemals gute Soldaten. Haben schon zum Oefteren unsern hellen Aerger an denen studirten Gesellen gehabt, wie sie so von den Universitäten den Werbern in die Hände laufen. Wollen ihn deshalb immerhin im Dienst der Musen lassen, wo weniger Subordination und reglementmäßige Pünktlichkeit gefordert wird!“

Nachdem sich dann oben im Schlosse der Landgraf von seiner Gemahlin in gnädiger Stimmung beurlaubt hatte, schritt Caroline ihren Gemächern zu. Als sie hier angekommen war, ließ sie den Kammerdiener kommen und erkundigte sich, ob Minette nicht da sei und Audienz verlange. Die Tochter des Gärtners war nicht erschienen.

„Und war nicht während unserer Abwesenheit ein Dr. Goethe aus Frankfurt im Schloß, um sich bei der Gräfin Schwarzenau zu melden, Louis?“ fragte die Landgräfin weiter.

Louis hatte ihn nicht gesehen; er ging, um sich näher zu erkundigen, und kam mit der Nachricht, daß kein solcher Herr erschienen sei, zurück.

„Nun dann,“ sagte die Landgräfin erfreut, „dann hat Minette ihn in der That vermocht, die Rolle des Rekruten zu spielen! Wie mich dieser Edelmuth freut! Welch’ schönes Zeugniß für seinen Charakter! Ich hab’ es nicht geglaubt – desto mehr rührt es mich! Aber wie nachlässig von der Minette, daß sie nicht da ist, es mir zu melden! Sie wird eben heute den Kopf verloren haben, das arme Geschöpf.“

[114] Die Landgräfin harrte nun auf die Erscheinung ihres Gemahls, der ihr versprochen, ihr persönlich anzukündigen, daß der Dichter in Freiheit gesetzt sei; aber statt seiner trat nach einer Weile der Kammerdiener wieder ein und meldete Minette an, die gleich hinter ihm mit allen Zeichen der Verzweiflung in das Gemach stürzte.

„O, gnädigste Durchlaucht, welches Unglück!“ rief Minette aus, „der Herr Goethe ist fort, ist in der ganzen Stadt nicht zu finden. Im Merk’schen Hause wußten sie nichts von ihm, seit dem Morgen sei er verschwunden – Niemand hatte eine Ahnung, wo er geblieben sein könne. Ich bin gerannt und bin gelaufen, wie toll, nach allen Thoren, um zu hören, ob er die Stadt verlassen habe, aber nirgends war eine Sylbe Auskunft über ihn zu erhalten; in den Anlagen war er nicht, in den Wirthshäusern nicht – o, mein Gott, ich bin so erschöpft, daß ich umsinke, und nun ist Alles wieder so schlimm, wie es war!“

Und dabei brach das arme Mädchen in ein ganz entsetzliches Schluchzen aus.

„Er ist verschwunden, seit dem Morgen, sagst Du?“ fiel die Landgräfin ein.

„Seit dem Morgen hatten Merk’s nichts von ihm gesehen noch gehört!“

„Und an den Thoren ist er nicht als abgereist gemeldet?“

„Und nirgends, gar nirgends ist er – –“

„Minette,“ rief die Landgräfin aus, „welcher Gedanke kommt mir da! – Das wäre ja schrecklich! Sag’ mir, wer hat die Thüre zu meiner Grotte gesperrt, als ich sie verlassen hatte?“

„Der Vater; als der Wilhelm von den Soldaten fortgeführt war, da ist er in’s Haus gegangen und da wird er gesehen haben, wie ich die Thüren hatte offen stehen lassen, und wird sie zugeschlagen haben – ja, ich erinnere mich, ich habe es oben in meiner Kammer gehört, wo ich hinaufgestürzt war, um mich vor seinem Zorne zu schützen; daß er die Grottenthüre offen finden mußte, das fehlte just noch, um ihn außer sich zu bringen! Dann ging er fort, in’s Wirthshaus!“

„Das ist eine schöne Geschichte!“ fuhr die Landgräfin fort. „Dein Vater hat die Thüren geschlossen, weil er weiß, daß ich einen Hauptschlüssel habe, mit dem ich die Grotte verlassen kann, und daß ich die Thüren immer geschlossen haben will, auch wenn ich in meiner kleinen Klause bin. Du hattest heute die Thüre hinter mir offen gelassen, Du Unglückskind, und die Folge davon war, daß der junge Goethe sich in die Grotte verirrte; ich verließ sie, indem ich ihm befahl, eine Weile zurückzubleiben; als ich heraustrat, stand die Thüre noch offen, aber Niemand war da, dem ich befehlen konnte, sie offen zu lassen, damit der junge Mann hinaus könne. Wahrscheinlich waret Ihr Alle gerade in dem Augenblicke mit Eurer stürmischen Familienscene in den Anlagen beschäftigt. So verließ ich Euer Haus, nicht anders denkend, als daß der junge Mann nach wenigen Augenblicken es eben so machen würde. Nun ist er aber seit dem Morgen nicht wieder gesehen worden – es ist also klar, daß er so lange in der Grotte geblieben ist und die Zeit verträumt hat, bis Dein Vater gekommen, ist und ihm den Ausgang versperrt hat. Der arme Mensch! Seit diesem Morgen gefangen! Gehen wir sofort hin, um ihm seinen Kerker zu öffnen. Folg’ mir, Minette!“

Die Landgräfin nahm rasch ihren Shawl, der noch neben ihr auf einem Tabouret lag, hüllte sich darein, bevor noch Minette Zeit gefunden, ihr zu helfen, und verließ dann auf demselben Wege, den sie vor kaum einer Viertelstunde gekommen war, das Schloß wieder, um sich eilig in den Park und in das Haus des Hofgärtners zu begeben.

Während die Fürstin leichten und elastischen Schrittes dahin eilt, wollen wir uns nach dem unglücklichen jungen Soldaten umsehen. –

„Gnädigster Herr,“ meldete der dienstthuende Flügeladjutant, als der Landgraf auf der Rückkehr von seiner Spazierfahrt in das Vorzimmer zu seinen Appartements trat. „Der Präsident Moser warten im Audienzsaal auf Ew. Durchlaucht; und hier ist auch der Rekrut, den heute der Hofgärtner Allgeyer eingestellt hat und den Durchlaucht vorzuführen befahlen.“

Er wies dabei auf den Gärtnergehülfen, der als ehemaliger Soldat in der stracksten militairischen Haltung dastand, aber innerlich nicht wenig von Sorge erfüllt war, zu welchem Ende er hierher beschieden und wozu der Landgraf ihn vor sein gestrenges Antlitz berufen.

„Der Moser ist da?“ entgegnete der Landgraf weiterschreitend, „dann haben wir keine Zeit für den Rekruten!“ Da aber zugleich sein Auge den Gärtnergehülfen streifte, hielt er den Schritt an und sagte:

„Hübscher Bursch das! Schad’ um ihn! Gute Haltung! Könnte Flügelmann im zweiten Glied werden. Hält sich, als wüßte er mit dem Gewehre umzugehen!“

„Zu Befehl, ja, Durchlaucht,“ fiel der Gärtnergehülfe hier ein, als ob in diesen Worten des Landgrafen eine Frage an ihn enthalten.

„Versteht Er wohl etwas vom Exerciren?“

„Zu Befehl, Durchlaucht!“

„Wie viel Schritt macht der Grenadier in der Minute beim Parademarsch?“

„Fünfundsechszig, zu Befehl.“

„Und Tempos beim Präsentiren?“

„Zu Befehl, fünf.“

„Sieh, sieh! Das ist sehr löblich von Ihm, daß Er sich solide Kenntnisse in allen Fächern angeeignet hat. Man sollte glauben, er müßte gern beim Militair bleiben! Gefällt Ihm die Trommel nicht besser, als der Apollo’s Leierkasten?“

„Die Trommel gefällt mir schon, gnädigster Herr, doch nicht das Hinterdreinmarschiren!“

Der Landgraf lachte.

„Da schlägt ihn der Poet in den Nacken!“ sagte er. „Geht lieber lustwandeln, müßig! Nun, ’s ist sein Metier! Sag’ Er mal, hat Er heute schon gedichtet? Reime geschmiedet?“

Der Rekrut antwortete nicht im ersten Augenblick auf diese überraschende Frage; dann aber fiel ihm das Gespräch von diesem Morgen mit dem Fremden ein und etwas erröthend versetzte er rasch:

„Zu Befehl, Durchlaucht.“

„Was hat Er zusammengereimt? – Sag’ Er’s ’mal her!“

„Auf: dunkelt, funkelt!“

„Ist das Alles?“

„Zu Befehl, Durchlaucht.“

„Es ist wenig genug, wenn das Sein ganzes Tagewerk ist. Unsereins hat’s schlimmer! Hör’ Er, wenn Er ’mal an Seinem, freilich nicht gar sauern Geschäft die Lust verliert und denkt auf einen guten praktischen Lebensberuf, der ehrenvoll ist und seinen Mann nährt, so laß Er sich bei mir melden; es soll immer ein Platz in meiner Leibcompagnie für Ihn da sein. Aber zwingen will ich Ihn nicht dazu. Versuch Er’s immerhin erst, ob Ihm die Poeterei Rosen bringt. Unterdeß leb’ Er wohl – bin pressirt – Er ist entlassen und frei – kann gehen und Reime machen, wo Er will – der Landgräfin dankt Er’s – Adieu!“

Der Landgraf nickte Wilhelm zu, schritt an ihm vorüber und war hinter der nächsten Thür verschwunden.

Wilhelm war begreiflicher Weise außer sich vor freudigem Erstaunen über diese Wendung, welche das Gespräch genommen. Er glaubte, seinen Sinnen nicht trauen zu dürfen, bis der Flügeladjutant ihm sagte:

„Ich gratulire Ihm! Er hat’s doch verstanden? Der gnädigste Herr gibt ihn frei. Komm’ Er, ich will’s dem Corporal sagen, der Ihn hergebracht hat!“

Der Gärtnergehülfe fühlte seine Wimper naß werden aus Freude und Dankbarkeit für den Landgrafen, dem er gerührt zu Füßen gestürzt wäre, wenn nicht längst schon der Fürst das Vorzimmer verlassen gehabt hätte. Halb wie im Rausch folgte nun Wilhelm dem Adjutanten, der mit ihm die Stiegen hinunterschritt und dem harrenden Corporal die Entschließung des gnädigsten Herrn ankündigte. Wilhelm hatte nur den Unterofficier noch zu begleiten, um seine Montur wieder abzulegen und seine Kleider zurückzunehmen. Das war schnell bewerkstelligt und keine Viertelstunde vergangen, als der junge Mann schon in seiner Gärtnerjacke dem Eingange zum Parke zustürmte, um Minette sein Glück zu verkünden – seine eifersüchtige Wuth hatte er im Freudenrausche bereits ganz vergessen; Minette hatte ihm ja auch während der Scene am Morgen, welche zu einer so tragischen Katastrophe für ihn geführt, oft genug betheuert, daß sie ganz unschuldig sei, und während seiner Gefangenschaft heute hatte Wilhelm hinreichend Muße gehabt, sich dieser Betheuerungen zu erinnern und darüber mit Ruhe nachzudenken.

Als er am Eingange des Parkes ankam, sah er zu seiner [115] Ueberraschung Minette und die Landgräfin, fast eben so eilig, wie er, vom Schlosse her desselben Weges kommen.

Minette erblickte ihn und stieß einen Schrei der freudigsten Ueberraschung aus.

„Der Wilhelm, der Wilhelm, da ist er!“

Die Fürstin blieb stehen und winkte ihn heran. Mit raschen Worten erzählte er sein Glück. Minette war außer sich vor Freude und vor Verwunderung darüber. Die Landgräfin ließ sich genau die Unterredung berichten, die Wilhelm mit dem Landgrafen gehabt. Lächelnd hörte sie zu, ohne ein Wort zu sagen.

„O, nun ist Alles, Alles gut!“ rief Minette ein Mal über das andere aus und hing sich an Wilhelms Arm, ohne die Nähe der Fürstin zu beachten.

Die Landgräfin eilte weiter. Nach wenig Schritten standen sie vor dem Gärtnerhause. Allgeyer saß auf einem Stuhle neben der Thüre; er sprang auf und ging der Landgräfin entgegen, während er halb verwunderten, halb zornigen Blicks auf die beiden jungen Leute starrte.

„Da bring’ ich Ihm Seinen Gehülfen wieder, Allgeyer,“ sagte die Landgräfin. „Die Minette ist des Wilhelm Braut, daß Er’s nur weiß. Sag’ Er nichts dawider oder ich bin seine gnädige Fürstin nicht mehr, böser, pflichtvergessener Mensch, der Er ist! – Wie kann er sich so von seinem Zorne hinreißen lassen, Seinen Gehülfen, der ein anstelliger, redlicher Mensch ist, unter die Soldaten schicken – seine Tochter unglücklich machen – hat Er denn gar kein Herz und kein Gewissen, Er böser Mensch?“

„Aber, Durchlaucht,“ stotterte Allgeyer, niedergedonnert von diesen Worten der sonst so gnädigen Fürstin.

„Nun, sei er nur still! Wie hat Er meine Grotte gehütet? Ich werde Jemand anderes damit betrauen müssen – soll ich Ihn fortsenden und den Wilhelm als Hofgärtner anstellen? Nehme Er sich in Acht, daß es nicht dazu kommt!“

Ueber Meister Allgeyers gewöhnlich hochgeröthetes Angesicht legte sich eine bronzefarbige, gar nicht näher zu beschreibende Blässe.

Er wollte antworten, aber die Fürstin winkte ihm zu schweigen, indem sie fortfuhr:

„Keine Entschuldigungen! Willigt Er darein, daß Minette den Wilhelm nimmt, so will ich Ihm diesmal verzeihen.“

Allgeyer verbeugte sich stumm und erleichtert aufathmend.

„Dann vorwärts und schließe Er eilig die Thüre zur Grotte auf.“

Das Letztere war bald geschehen. Die Fürstin winkte Allgeyer und Wilhelm, zurückzubleiben, Minetten, ihr zu folgen, und so stieg sie die Treppe in den Grottengang nieder, schritt rasch und mit jugendlicher Elasticität durch den letzteren hindurch und als sie in die kleine Rotunde am Ende desselben trat, rief sie bewegt aus:

„Mein Gott! Da sind Sie in der That!“

Goethe hatte sich von der Bank erhoben und schritt ihr entgegen, gemessen ruhig, sie groß und schweigend anblickend.

„Sie Aermster,“ fuhr die Landgräfin fort, „Sie waren einen ganzen Tag lang hier eingeschlossen!“

„Einen ganzen Tag?“ sagte der Dichter gleichmüthig und zerstreut.

„Nun freilich, seit diesem Morgen: sehen Sie denn nicht, daß das Licht aus diesem Raume zu weichen beginnt?“

Goethe fuhr mit der Hand über die Stirn.

„In der That,“ sagte er, „es will Abend werden.“

„Ohne Speise und Trank, wie in Ugolino’s Thurm, waren Sie eingeschlossen und Sie, Sie haben es am Ende gar nicht bemerkt?“ rief die Landgräfin verwundert aus.

„O doch, doch; ich erinnere mich, daß Niemand mich zu stören kam.“

Die Landgräfin lachte.

„In der That,“ sagte sie, „Sie nehmen das Ungemach, in welches Sie durch meine Schuld geriethen, so liebenswürdig auf, wie es nur irgend möglich ist. Doch ist es nichts desto weniger meine Schuld – ich wäre Ihre Mörderin, wenn Sie verhungert wären!“

„Wie Sie sehen, ich bin es nicht,“ antwortete Goethe, immer mit demselben Tone von eigenthümlicher Milde und gesammelter Ruhe.

„Sie sind es nicht, Gott lob, aber kommen Sie jetzt rasch aus diesem Gefängniß heraus – suchen Sie Ihren Gastfreund auf, und lassen Sie sich von ihm erquicken; es wird die höchste Noth sein,“ fuhr die Landgräfin in ihrer Lebhaftigkeit fort, welche einen so großen Contrast bildete mit dem seltsam einsylbigen, halb scheuen, halb wie gedankenvoll zerstreuten Wesen Goethe’s.

Da der junge Dichter am Morgen ein so ganz anderes Benehmen an den Tag gelegt, mit so viel Feuer und Lebhaftigkeit gesprochen und ihr gehuldigt hatte, so blickte die Landgräfin jetzt ihn forschend an; sprach aus dieser kühlen Ruhe Gereiztheit und Entrüstung über die fatale Gefangenschaft, in welche er gerathen? – war die Gleichgültigkeit, welche er zur Schau trug, nur eine erheuchelte? Jedenfalls hielt sie sich für verpflichtet, ihn durch irgend ein redendes Zeichen ihrer Huld zu entschädigen, und da die Gesellschaft jetzt die Grotte verlassen hatte und in der Hinterstube im Gärtnerhause angekommen war; wandte sich die Landgräfin, die voraus geschritten, zurück, und Goethe die Hand reichend, sagte sie:

„Hier sind Sie, Gott lob, der Freiheit wieder gegeben, mein junger Freund, und nun sagen Sie mir, was soll ich thun, damit der Gedanke an diesen Tag nicht von nun an stets Bitterkeit und Verstimmung in Ihnen hervorrufe? Es würde mich innig freuen, könnte ich Ihnen einen Wunsch gewähren, einen bleibenden Beweis meiner Theilnahme verleihen – oder nur ein Andenken mitgeben aus dem kleinen unterirdischen Reich, welches ich mir hier habe schaffen und bis heute auch vor jedem unberufenen Auge habe hüten lassen, um ein unnahbares Asyl zu besitzen, wo ich, ungestört von der Welt, nur mir selbst und meinen Gedanken leben kann! In der That, ein kleines Schmerzensgeld bin ich Ihnen schuldig!“

„Schuldig? Sie mir, durchlauchtigste Fürstin?“ fiel jetzt Goethe auf’s Lebhafteste ein – „o wüßten Sie, was ich diesem Tage, was ich Ihnen verdanke – denn wahrlich:

Was auch in meinem Liede wiederklingt,
Ich bin nur Einer, Einer Alles schuldig.
Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild
Vor meiner Stirne, das der Seele bald
Sich überglänzend nahte, bald entzöge.
Mit meinen Augen hab’ ich es geseh’n,
Das Urbild jeder Tugend, jeder Schöne –
Was ich nach ihm gebildet, das wird bleiben!“

Goethe verbeugte sich, während er diese Verse sprach, tief vor der Fürstin, die leicht erröthend fragte:

„Sind diese Verse die Frucht Ihrer unfreiwilligen Muße?“

„Sie und noch mehrere,“ antwortete er – „ich habe sie in dies Buch niedergeschrieben und – da meine gnädigste Fürstin mir einen Beweis Ihrer Huld lassen will, – so darf ich um das Geschenk dieses Buches bitten, damit ich vollende, was ich darin begonnen.“

Bei diesen Worten überreichte er der Landgräfin das Buch, welches er aus den in der Rotunde liegenden genommen, nachdem er es da geöffnet, wo die am Ende hineingebundenen weißen Blätter anfingen.

Caroline von Hessen warf einen Blick darauf. Sie las:

Torquato Tasso. Ein Schauspiel.“

Dann ließ sie ihr Auge über die nächsten Blätter gleiten, worauf in flüchtigster Schrift der Plan eines Dramas skizzirt, der Inhalt einzelner Scenen angedeutet, Bruchstücke des Dialogs hingeworfen waren. Endlich reichte sie dem Dichter das Buch zurück.

„Ich sehe,“ sagte sie, „die Muse hat Ihnen heute mehr gegeben, als ich je zu geben vermöchte. Aus Einer, die glaubt, gewähren zu können, werde ich zu einer Bittenden. Wenn Ihr Werk vollendet ist, so bringen Sie es mir, Sie selbst – darum bitte ich.“

Zugleich streckte sie ihm lebhaft ihre Hand entgegen, die er gerührt an seine Lippen führte.

„Und nun,“ fuhr sie mild lächelnd fort, „ängstige und kümmere sich noch Jemand um einen Dichter! Während unser Eins voll Mitleid und Sorge um sein Schicksal ist, hat er alle Noth der Erde und die Welt um sich vergessen und lächelnden Blicks, mit heiterer Stirn verkehrt er mit den Göttern und Heroen!“ –

„Dein Wilhelm aber,“ wandte sie sich dann weiter schreitend in demselben scherzenden Tone an Minette, „braucht auf diesen Herrn nie wieder eifersüchtig zu werden. Sein Herz gehört von nun an einer Andern, die, wenn sie auch längst todt ist, ihn ewig fesselt und abhält, je wieder seine Huldigungen sogleich beim ersten Anblick anderen Frauen entgegenzutragen! Sein Herz gehört Leonoren von Este … ist’s nicht so, mein Herr Doctor?“

[116] Der Dichter nahm mit einer Verbeugung die kleine in den Scherz gekleidete Zurechtweisung hin.

Die Landgräfin hatte die Schwelle der Gärtnerwohnung erreicht und wollte sie eben verlassen, als sie noch einmal den Schritt anhielt und, Goethe anblickend, sagte:

„Meine stille Grotte, deren Hüter bisher Minette und ihr Vater waren, und die außer diesen nur von meiner guten Schwarzenau gekannt wurde, ist nun nicht mehr ein Geheimniß für die übrige Welt …“

„O fürchten Sie nichts,“ versetzte Goethe, „was einem Dichter vertraut ist, das ruht auf einem tiefen, stillen Grunde, so sicher, wie auf dem Schooß des Meeres. Höchstens wird er seine Geheimnisse dem Liede anvertrauen, und da sind sie gerade am sichersten, weil die Welt des Dichters Lieder für gedichtet hält, nicht für gelebt. Ihr Geheimniß wird heilig und unverletzt bleiben, hohe Frau!“

Und Goethe hat Wort gehalten. Die Grotte selbst ist der edeln Landgräfin heimlicher Versteck, die stille Klause geblieben, wo sie ihren Träumen und ihren Gedanken lebte.

Als Caroline von Hessen, die ihrem Volke durch einen vorzeitigen Tod zu frühe entrissen wurde, ihr Ende herannahen fühlte, am letzten Tage ihres Lebens, schrieb sie ihrem Gemahle: „Noch einen Wunsch habe ich, den letzten auf der Welt. Lassen Sie mich mitten in der großen Baumgruppe des englischen Gartens beerdigen. Man wird dort eine Grotte finden, die außer mir nur wenigen vertrautesten Dienern bekannt ist. In ihr ist die Stelle, wo ich ruhen will, und die ich größtentheils mit eigener Hand zugerichtet, mit einigen Steinen bezeichnet. Hier an der Stelle, wohin ich mich vor dem Geräusche des Hofes flüchtete, wo sich meine Seele mit Gott unterhielt, dem ich bald von meinem Leben, das ich mit Ihnen, mein Gemahl, theilte, Rechenschaft geben soll, hier, wo ich so oft Sie und meine Kinder dem Herrn befahl, hier, wo der Allmächtige alle meine Wünsche erhörte, hier will ich auch ruhen!“ –

Die Landgräfin wurde nach ihrem Wunsche in ihrer Grotte bestattet. Noch heute erhebt sich über derselben, von hochwipfeligen Bäumen und dichtem Gebüsch beschattet, das kleine Denkmal, gekrönt von einer Urne aus weißem Marmor, welches Friedrich der Große, der königliche Freund der edlen Frau, ihr errichten ließ. Die Inschrift des Denkmals lautet: Femina sexu, ingenio vir!




Der sibirische Steinbock und die Bezoarziege.

Der Geschichtsforscher, welcher gläubig die bunte Mannichfaltigkeit des Menschengeschlechts von einem Paare ableitet, müht sich, für dieses eine Wiege zu finden. Der Zoologe sucht eben so vergeblich nicht nur nach der Wiege, sondern nach den Ureltern beinahe aller unserer Haus- und Zuchtthiere. Pferd, Esel, Stier, Schaf, Hund, Katze, ja das befiederte Völkchen unserer Hühnerhöfe – alle hüllen ihre Abkunft in ein urzeitliches Dunkel und Niemand weiß mit Sicherheit, von manchen selbst kaum mit einiger Wahrscheinlichkeit, wo ihr ursprüngliches Vaterland sei. Es beweist dieses wenigstens, daß die Allianz dieser Thiere mit dem Menschen älter ist, als die Geschichtswissenschaft, ja selbst als die Mythe, denn schon in dem mythischen Theile der Geschichte wird dieser Thiere, wenn ihrer Erwähnung geschieht, einfach als Genossen der Menschen gedacht. In den dunkelsten Partien der egyptischen Geschichte erscheint die Katze schon als hochgeschätztes Hausthier. Fügsam gegen die Macht der Einflüsse, welche Klima und Bodenbeschaffenheit, Zucht und Pflege, Arbeit und Fütterung ausüben, haben jene Thiere bald mehr, bald weniger von ihrem ursprünglichen Charakter der Gestalt und des Naturells aufgegeben und sind Andere geworden, Andere im Vergleich zu dem, was sie waren, so lange sie noch nicht unter dem Alles verändernden Einflusse des Menschen standen.

Wir sind geneigt, uns darüber ganz besonders zu wundern, daß wir nicht einmal Heimath und Abstammung des Pferdes, des Hundes und des Schafes kennen, weil uns jetzt gerade diese Thiere unentbehrliche Begleiter geworden sind. Aber gerade eben deswegen, weil sie dies sind, hat der Mensch schon lange vergessen, wie und woher sie ihm einst zugeführt wurden. Am meisten müßten wir uns eigentlich über die völlig dunkle Urgeschichte der Katze wundern, die trotz ihrer weiten Verbreitung über den ganzen Erdkreis doch überall in allen wesentlichen Kennzeichen wie in ihrem Naturell unverändert geblieben ist, so daß wir davon eben den Schluß ableiten dürfen, daß sie sich auch wenig von ihrem Urtypus entfernt haben möge, es also leicht sein müßte, diesen als solchen zu erkennen, wenn man ihn irgend vorfinden sollte – aber man hat ihn eben noch nicht gefunden, Denn die wilde Katze in unseren Waldungen ist in wesentlichen Merkmalen viel zu sehr verschieden von unserer Hauskatze, als daß sie die Stammmutter der letzteren sein könnte. Bei Hund, Schaf und Ziege ist das anders. Die zahlreichen, wenigstens bei den ersten Beiden, unter sich so sehr abweichenden Racen berechtigen zu der Vermuthung, daß sie auch ihren Urtypen sehr unähnlich geworden sein mögen und daß man daher ihre Abstammung von dem oder jenem wild angetroffenen Thieren vermuthen dürfe, wenn anders trotz der Racenabweichung eine Annäherung in wesentlichen Kennzeichen nachzuweisen ist. Das dritte der genannten Thiere, die Ziege, ist von unseren gewöhnlichen Haussäugethieren das einzige, dessen Urbild und Urheimath nur geringen Zweifel zulassen.

Wir erblicken das erstere auf der linken Seite unseres Bildes in einem Pärchen der Bezoarziege, Capra aegagrus Gmelin, welche von unserer Hausziege sich eigentlich nur dadurch unterscheidet, daß sie in ihrer Heimath sich nicht in Racen verläuft, wie es die Hausziege thut, sondern in Gestalt, Färbung und Naturell sich treu bleibt. In denjenigen Ländern, wo große Ziegenheerden in freier Haltung gezogen werden, auf rauhen Bergen herumkletternd sich ihr Futter suchen müssen, wie es z. B. im südlichen Spanien der Fall ist, da gewinnt aber auch sie schnell durch alle Generationen hindurch einen festen und unveränderlichen Typus in allen einzelnen Thieren, und nähert sich manchmal bedeutend ihrer Stammmutter, der Bezoarziege, welche wenigstens von der Wissenschaft als diese angesehen wird, wenn auch hierüber noch keine Gewißheit besteht. Die Bezoarziege lebt auf den rauhen Bergen des Kaukasus und Taurus, in Persien und im Lande der Kirgisen und Tataren. Sie gleicht in ihrer kräftigen Gestalt und ihrem Naturell sehr dem Alpensteinbock, gibt sich aber durch die an der Vorderseite nicht breit abgeflachten und knotigen, sondern scharf gekanteten knotenlosen Hörner als echte Ziege zu erkennen. Die beim Bocke über zwei Fuß langen Hörner krümmen sich in weitem Bogen, ohne nach oben weit auseinander zu treten, und nähern sich mit den Spitzen wieder etwas. Bekanntlich sind es die in ihrem Magen sich bildenden harten Ballen unverdauter Nahrungsreste, was der Bezoarziege den Namen gegeben hat. Die Zeit ist aber vorbei, wo man den Bezoar für ein kräftiges, ja fast für ein wunderbares Heilmittel hielt. Ist die Genealogie der Ziege richtig, so ist die Bezoarziege auch die Urquelle jener kostbaren Shawls, nach denen als letztem Zielpunkte das Sehnen der weiblichen Salonwelt gerichtet ist; denn die Kaschmir- und Angora-Ziege, Verwandte unserer Ziegen, sind dann auch Descendentinnen der Bezoarziege, wie sie den Stoff zu jenen kostbaren Tüchern liefern.

Neben dem so eben noch als so wichtig für den ehelichen Frieden vornehmer Neuvermählter erkannten Pärchen dehnt der sibirische Steinbock, Capra sibirica Pallas, seinen plumpen langgestreckten Leib aus, um von dem Felsen eine Spur des namentlich den Wiederkäuern so unentbehrlichen Salzes zu lecken. Wir sehen um so besser die fast mähnenartige Behaarung des Nackens und das auffallende Verhältniß der Beine, welche für den langen Leib fast zu kurz erscheinen, aber dafür mit besondere kräftigen Schenkeln begabt sind. Die mächtigen Hörner erreichen bei alten Thieren eine Länge von fast drei Fuß und haben dann 16 Knoten, die aber an den Seiten keine Wülste bilden. Vorn sind die Hörner platt, wie es allen echten Steinböcken zukommt. Man unterscheidet deren außer dem gemeinen Alpensteinbock und dem sibirischen noch sechs weitere Arten, von denen zwei in Spanien leben, der eine auf der spanischen Seite der Pyrenäen, da er auf der französischen Seite bereits ausgerottet ist, der andere auf der

[117]

Steinböcke.[1]

Sierra Nevada. Der sibirische Steinbock ist ungemein kräftig, fast plump gebaut, und nach seinen starken aber kurzen Beinen zu urtheilen, wahrscheinlich mehr ein geschickter Kletterer und Läufer auf seinen Heimathsbergen, als ein kühner Springer, wozu der hochbeinigere Alpensteinbock und die Gemse besser geeignet sind. Er ist wild und unbändig und gleicht in seiner Lebensweise im Allgemeinen dem Alpensteinbock. Die Heimath des sibirischen Steinbockes sind die Gebirge Sibiriens, der Tatarei und Kamtschatkas.

[118]
Die „Adriatica“ in Liverpool.

„Höchstens 2800 Pferdekraft! Das ist Alles!“

„Aber ’n feines Schiff doch, nicht?“

„Hm, wollen sehen! Mit der Persia kann sie’s vielleicht aufnehmen, aber mit’m großen Leviathan? Zehntausend Pferdekraft, eh! Siebenhundert Fuß lang, wie? Wie lang ist die „Adriatica?“

„Ich denke, 354 Fuß, 32 Fuß breit, 50 Fuß hoch. Aber wie klein sie aussieht! Macht die große Umgebung. Dort drüben liegt die Persia. Ich wette, unsere schlägt Bruder Jonathans neueste Anmaßung, diese „Adriatic“! Nächste Woche laufen sie beide aus, zu probiren, wer zuerst kommt. Was wetten Sie auf die Adriatic gegen unsere Persia?“

„Wollen sie uns erst ansehen, Sir! Sind gleich da!“

So discurirten zwei alte Herren mitten im dichtesten Gedränge des Dampfbootes, das uns eben zur Besichtigung an die ungeheure Treppe der „Adriatic“ heranschob. Eine unaufhörliche Wallfahrt der Liverpooler und der Umgegend per Dampfboot hin und her nach diesem neuen Liebling Bruder Jonathans, seinem neuesten, größten, vollkommensten Dampfschiffe „the Adriatic“, das vor einigen Tagen zum ersten Male in dem Masten- und Schlotwalde des Liverpooler Hafens angekommen war, wie die Londoner seit Monaten hinunter gedampft waren, um ihren „großen Leviathan“ endlich einmal auf dem Wasser zu sehen. Seit dem 3. November hatte man mit Tausenden von Pferdekräften an ihm gezuckt und gestoßen, und erst die große Themsefluth am 31. Januar hat ihn der Themse übergeben. Diese „Entstapelung“ kostet über 100,000 Pfund Sterling und das ganze doppeleiserne Ungeheuer blos sechs Mal so viel. In Petersburg steht die große Reiterstatue Peter’s I. auf dem Isaaksplatze mit einem Granitfelsen unter sich, der schwerer zu ent- und aufzustapeln war, als der Leviathan. Man hieb den Felsen in Finnland vom Gebirge los, brachte ihn auf’s Wasser und wieder hinauf aus der Newa auf den Isaaksplatz, ohne daß eine einzige Zögerung, oder ein einziger Unglücksfall das zweihundertmal wohlfeilere Werk störte (dies sagte die Times neulich den englischen Ingenieur-Größen der Leviathans-Entstapelung).

Der Stolz und Liebling Bruder Jonathans ist wenigstens gelungen, außen der feinste und kolossalste Dampf-Delphin, inwendig ein unsäglich prächtiger Feen-Palast.

Vierzigtausend Menschen fahren alle Tage hinüber von der Felsen-Fähre mit dem kolossalen neuen Anbau, um diese Adriatic zu sehen, hieß es. Wir waren auch eines Decembertages darunter, unter „gezogenen Drähten“ langer Yankees und „zweibeinigen Stieren“ dicker John Bulls, halbfashionablen bärtigen Juden, Polen und Franzosen, braunen, wackeligen Matrosen, an denen Alles flattert und wogt, olivenfarbigen Seecapitains mit goldenen Ringen in den Ohren, übergeputzten Lancashire-Damen, grimmigen, alten Irländerinnen mit Fischen auf dem Kopfe und kurzen, qualmenden Thonstummeln in den schmutzigen Mäulern und allen möglichen Racen- und Völkermischungen, wie man sie nur in der bewaldeten Unendlichkeit des Liverpooler Hafens finden kann.

Immer vor Schiffen vorbei, Mast bei Mast, Tau- und Takelwerk, wie ein damit bestrickter Himmel, Alles scharf abgezeichnet gegen das heute wolkenlose Blau! Auch an einem Schiffe gedrängt voll Menschen vorbei, mit Wäsche und Kohl in der Takelage zum Trocknen. „Emigrantenschiff für Australien!“ hieß es. Sie schrieen und winkten uns zu. Aber es klang schwach, traurig, kam nicht vom Herzen.

Natürlich, die Erde muß mit Menschen bedeckt, „civilisirt“ werden, und die, welche in Europa keinen Platz mehr für sich finden, müssen fort in die Welt hinaus, wo noch Platz ist. Wohin? Amerika sendet schon viele seiner Einwanderer zurück, besonders die gebildeten, die geistigen Producenten, die dort verhungern oder wieder zurück müssen (beides ist oft geschehen und geschieht noch immer). Also fort nach Australien! Glückliche Reise! Glückliche neue Heimath! Aber Jeder mit einem Herzen für den Boden, wo unsere Wiege stand, unsere Mutter starb, unsere Kinderjahre lachten, unsere Lieben leben, fühlt ein unendliches Weh beim Anblick eines solchen Auswandererschiffes. Alle Wochen diese Ueberfüllung mit diesem Exportartikel – Menschen! Menschen, Kinder, Söhne, Töchter eines Vaterlandes, eines Vaters, einer Mutter, von Brüdern, Schwestern, Freunden sich trennend – die an den Ufern winken, bis sie manchmal ohnmächtig hinsinken – das ist ein trauriger – Exportartikel, der unserer Production in der alten Welt Alles bringt, nur keine Ehre!

Und nun kamen wir an die Reihe, die Adriatic hinauf zu klettern! Erst so niedrig, und jetzt fünf bis sechs Treppen hoch, um nach Häuser-Etagen zu rechnen! Was gibt dem Ungeheuer ein so niedliches Ansehen? Die praktische, die meisterhafte Kunstform, die feinste Symmetrie ihrer Theile, der schwanenartige, leichte Sitz auf dem Wasser. Es war ein ästhetischer Genuß, die Harmonie ihrer graziösen Curven – dieses Geheimnisses aller wahren Schönheit zu betrachten. Wie die Niagara, die Muster-Dampffregatte der vereinigten Staaten, ist die Adriatic nach den Curven geformt, welche das von einem Schiffe durchpflügte und gespaltene Wasser bildet, dabei nach oben wundervoll graziös sich ausweitend und vorn schärfend und zuspitzend, wie ein Schwert, den widerspenstigen Ocean im Fluge zu spalten und seine andrängenden Wogen am Körper unten abgleiten zu lassen.

Wie kolossal die niedliche Schönheit war, merkte ich beim Aufsteigen und an den Menschenmassen oben, die wie Stecknadelknöpfe herunterguckten. Der Capitain, James West, der die erste Reise mit dem Stolze Jonathans gemacht hatte, sah gar nicht wie ein Capitain aus, sondern scharf, straff, dünn und Commando’s in einem Tone aussprechend, als seien’s bescheidene Wünsche, und dabei so aristokratisch-herablassend höflich gegen die Damen! Nun, es ist wahr, zwischen diesem Sammet und golden gerahmten Spiegeln und spiegelblanken Mahagoni und diesem Krystall und dieser fürstlichen Eleganz in den Sälen und in diesem Staatszimmer von Capitainscajüte (wir guckten hinein) kann man gar nicht grob werden, glaub’ ich. Selbst die Küche – ein heller, großer, glänzender Saal – sah wie ein Zauberpalast aus. Alles Porzellan weiß und golden, alles Glas geschliffen, jeder Kessel wie polirt, der Ofen wie ein lackirter Rahmen um goldenes, reines, rauchloses Feuer. Aber das versteht sich in Amerika von selbst, da schon die gewöhnlichsten Fluß- und Localdampfschiffe für Crethi und Plethi allenthalben besammetet und begoldet sind. Der Stolz der Adriatic sind ihre Maschinen. Also drängten wir uns schnell hinunter, vor dem Bureau der Wäsche-Directrice vorbei, die eben Ordre gab, bis morgen noch 460 Paar wollene Bettdecken zu besorgen, vorbei vor dem „Hold“, einer Untiefe von 50 Fuß in gerader Linie, hinunter in die Maschinen-Galerie.

Schon ein gewöhnliches Dampfmaschinenwerk hat etwas Imponirendes und Respecteinflößendes. Vor diesem stummen, über und über spiegelblank polirten Ungeheuer von Eisen und Metall fühlten die Leute eine radicale, Schweigen gebietende Ehrfurcht. Niemand sprach. Nur gehauchte Ausrufe des Erstaunens in der dichten, sich drängenden Menschenmasse. Diese furchtbaren, soliden, spiegelblanken Arme, welche von 2800 Pferdekraft getrieben die Räder draußen durch die atlantischen Wogen drehen, immer getrieben, Tag und Nacht, unaufhörlich aus acht Dampfkesseln und 46 Gluthöfen, die täglich 2000 Centner Kohlen verzehren, immer mit demselben unwandelbaren, rücksichtslosen, unerbittlichen Stoße auf und ab – das muß ein Anblick sein! Diese polirte Eisenfestung arbeitend, donnernd, dröhnend, zischend Tag und Nacht, ohne Athem zu holen, ohne Unterbrechung durch die Wogenmassen, die sich Hunderte von Meilen hindurch machtlos und wehrlos brechen in ihrer Wuth draußen, immer vorwärts rasend Tag und Nacht, ohne selbst zu wissen, wohin – diesen Riesen arbeiten zu sehen, das mag allein eine Reise über den atlantischen Ocean werth sein.

So groß und ruhig und selbstgefällig jetzt in seinem Glanze! Ein paar Pressungen des Dampfriesen und der ganze Koloß zischt und donnert dahin, wie ein von wahnsinniger Leidenschaft getriebener Mensch, lebendig, mächtig, aber willenlos als Sclave seiner Leidenschaft, hinaus in die Welt, wo er zum Nichts zusammenschrumpft, wie dieser Stolz Amerika’s auf dem Oceane zu einem einzigen Fleckchen, ohne Halt unter sich, in Finsterniß glühend und gepeinigt, arbeitend, getrieben, getrieben wohin und wozu? Der moderne Mensch und die Dampfmaschine!

Welcher Glanz, welche Eleganz in den Triebfedern! Aber welch unheimliche Dampfkraft in den modernen Maschinen und Menschen! Welcher Dämon lauerte in dieser Riesengrazie der Adriatica! [119] Drüben lag die englische Persia, der Stolz Englands. Diese sollte diesmal geschlagen werden. Alles maritime Amerika und England lauerte auf das Ergebniß der großen Wette, wer diesmal am schnellsten über den atlantischen Ocean jagen würde.

Wettfahrten mit 2–3000 Pferdekraft, Wettbahn der atlantische Ocean. Risico 5–600 Menschenleben – aber ein glänzender Sieg, ein glorioses Resultat, dann zu wissen, wer die Baumwollencourse zuerst in Neuyork oder Liverpool melden kann, England oder Amerika. Wer zuerst kommt, gehört der stärkeren, glorioseren, civilisirteren Nation an! Welch’ eine großartige, dämonische Hetzjagd um eine Lumperei! Moderne Maschinen und Menschen! Und nun einige factische Bemerkungen, die ich mir in der Eile aus einem Bericht über die „Adriatic“ abschrieb.

Sie hatte gegen 200 Mann Besatzung und Beamte zum Betriebe und zur Bewirthschaftung: 1 Commandeur, 4 Steuerleute, 1 Arzt, 1 Cassirer, 4 Quartiermeister, 2 Tischler, 1 Hochbootsmann, 36 Matrosen, 1 Ingenieur, 3 Assistenten desselben, 6 Aufseher über Feuer und Dampfkessel, 4 „Oeler“ (zum Einölen der Maschinen), 2 Ingenieurwärter, 24 Heizer, 36 Kohlenkärrner, 1 Steward, 3 Unterstewards, 36 Aufwärter bei Tische, 3 weibliche Stewards, 2 Ausgeber, 1 Schenk-Aufseher, 1 Barbier, 1 Hauptkoch, 1 Unterkoch, 1 Bäcker, 2 Pastetenbäcker u. s. w., zusammen 188 Mann, die aber noch vervollständigt werden sollten.

Die Musterung des neuesten amerikanischen Stolzes war flüchtig, denn kaum hatten wir uns in dessen Studium etwas verloren, schrie es durch’s Schiff: das Boot geht ab, wer will noch mit? Wir eilten hinauf und hinunter in unser Dampfboot, das wie eine Nußschale unten lag und 300 Menschen auf dem Deck gleichwohl wie eine Spielerei behandelte.

Auf dem Wege kamen wir dichter vor der englischen Persia vorbei, die sich bereits zur Wettfahrt rüstete. Es ist das bis jetzt größte englische Dampfschiff, halb so groß wie der Leviathan und dreimal länger, als das größte englische Kriegsschiff, der „Wellington“, der Hauptgrund, weshalb Amerika diese „Adriatic“ baute. Wetteifer zwischen civilisirten Völkern ist eben so schön und civilisirend, wie Wetteifer zwischen Menschen und Collegen; aber die Art, wie Amerika und England mit einander im Schiffsbau und im Schnellfahren rivalisiren, hat etwas Dummes und Dämonisches zugleich. Keine Fahrt über den atlantischen Ocean geschieht unter gleichen Verhältnissen. Wind und Wetter machen stets einen Unterschied, so daß eine Messung nationaler Ueberlegenheit nach solchen Fahrten zunächst abgeschmackt ist. Sie ist aber auch barbarisch, demoralisirend, weil dabei schon manches kostbare Schiff mit kostbaren Gütern und Menschen in den Grund gerannt ward. Abgesehen davon, ist das Arbeiten auf den äußerlichen, momentanen Effect der schlimmste Wurm im Innern des Gewerbfleißes und der Production, welcher namentlich in Amerika große Verheerungen anrichtet. Auswendig glänzt Alles, aber inwendig fehlt es immer merklicher an Halt und Solidität.




Ein gefiederter Frühlingsbote.
Thierzeichnung von Moritz Kloss.

In Deutschland und der Schweiz, hauptsächlich in Sachsen und Thüringen, pflegt sich im Februar oder, je nach Verlauf des Winters, im März ein Frühlingsbote einzustellen, der in Städten und Dörfern gar wohl bekannt ist und von Jung und Alt als ein lieber Gast freundlich begrüßt wird.

Luftige und muntere Gesellen sind überall willkommen, und so kann es uns nicht Wunder nehmen, daß man dem von uns gemeinten, welchen der berühmte Linné bei seiner großen Naturtaufe mit dem Familiennamen Sturnus vulgaris bedachte, gern das Quartier bereitet und ihn durch hölzerne Sommerwohnungen nach seinem Geschmack in Gärten und an Häusern zu fesseln sucht.

„Die Stahre sind da!“ – ruft ein Nachbar dem anderen freudig zu, wenn sich eines Morgens nach langem harten Winter der gefiederte Frühlingsbote einstellte. Ihr Erscheinen ist dann ein Ereigniß, das man sich von Haus zu Haus weiter erzählt. Es knüpft sich an diese Wiederkehr des Stahres aber nicht blos der liebliche Gedanke an den nun bald einziehenden Frühling; die freudige Erregung der Menschen hat auch ihren unmittelbaren Anknüpfungspunkt an den geselligen und sonstigen angenehmen Eigenschaften des auffälligen Vogels, der seines muntern, papageiartigen Wesens wegen so allgemein populär und beliebt geworden ist.

Denn kaum dürfte es unter unseren einheimischen Vögeln noch einen geben, der so wie der Genannte durch sein Naturell und seine Haushaltung unser Interesse in Anspruch nähme.

Mit seinem schwarzen, durch stahlblauen Schiller und hellbraune Spitzenfleckchen geschmückten Federkleide, mit dem gelben Schnabel und den braunrothen Füßen, verbindet der Stahr überhaupt ein recht angenehmes nettes Aeußere und weiß sich überdem durch seine munteren und drolligen Manieren bestens zu empfehlen. Seiner Größe nach hält er die Mitte zwischen Taube und Sperling.

Im Fliegen ist der Stahr sehr gewandt und flink, im Gehen reckt er stolz seinen kleinen spitzigen Kopf empor und weiß seinen wackelnden Gang durch freundliches Kopfnicken und munteres Umherschauen geschickt zu verbergen. Sitzt er ruhig auf einem Hausgiebel oder auf einem Baumwipfel, so pflegen seine Hinterkopf- und Halsfedern gesträubt zu stehen, was dem Vorderkopf ein um so spitzigeres und listigeres Ansehen gibt.

Daß er in auffallendem Grade gesellig ist und sich gern in der Nähe von Menschenwohnungen aufhält, zeigen unsere Stadt- und Dorfgärten, wo er fast überall gehegt und gepflegt wird. Man sieht seinem munteren Treiben gerne zu, wenn er unruhig und nie geschäftslos bald hier-, bald dorthin fliegt, und bald diese bald jene ihm zugedachte Holzmeste sorgfältig untersucht: ob sie für ihn auch comfortable sei und ein sicheres Domicil gewähre. Für gewöhnlich nistet er in hohlen Bäumen der Wälder und Wiesen, gibt aber den künstlich hergerichteten allbekannten „Stahrkästen“ den Vorzug, um sich darin im Freien förmlich hegen zu lassen. Haben wir an der Stahrmeste die Oeffnung zum Ein- und Ausfliegen größer gemacht, als er sie braucht, um sich hindurchzuzwängen (er zirkelt mit seinem Schnabel vorher ganz sachverständig ab, ob sie größer ist, als ein Thalerstück): so trägt er Bedenken: sich hier sein Nest zu bereiten, denn er denkt sorglich schon an seine Jungen, denen die gierige Nachteule oder die verschmitzte Elster den Garaus machen könnten. Denn das hat man schon beobachtet, daß sich die diebische Elster heranschlich an den Stahrkasten, durch Pochen mit dem Schnabel die jungen Stahre zum Emporrecken der Hälse verlockte und dann einen unbarmherzig herauszerrte, um ihre Mordlust daran zu weiden.

Findet der Stahr jedoch das Häuslein nach seinem Sinne, gewährt es ihm Schutz gegen seine Feinde und findet er überdies noch ein rundes Stäbchen zum bequemen Anfliegen an dem Kasten, so ist sein „Hierbleiben!“ beschlossen.

Am frühen Morgen finden wir dann unsern Freund schon wach und mit allerlei Vorkehrungen zur Ordnung seines Hauswesens beschäftigt. Mit seines Gleichen liegt er in der ersten Zeit nicht selten im Streite um den erwählten Heerd; doch tritt unter ihnen bald Verständigung ein. Hartnäckiger ist der Kampf mit dem Spatz, welcher häufig in des Stahres Abwesenheit dessen Wohnung bezieht und wohl gar geschäftig ist, mit Stroh und Federn sich sogleich häuslich einzurichten. Dann entspinnt sich bei der Rückkehr ein oft mehrere Tage andauernder Krieg, an dem sich auch wohl des Spatzen und des Stahres Genossen in Masse betheiligen. Der unverschämte Spatz verfolgt den Stahr bis hoch in die Luft und verbeißt sich mit großer Heftigkeit. Aber er muß gewöhnlich doch den Kürzern ziehen. Es nimmt sich gar komisch aus, wenn dann Herr Sturnus nach kurzem Proceß das mühsam bereitete Bette des Spatzen sammt Bettstroh und Bettfedern zum Fenster hinauswirft, um sich nun nach eigenem Sinne wohnlich einzurichten. Die besiegten Spatzen sitzen dann von Weitem und lassen ärgerlich ihr durchdringendes: „Schelm! Schelm!“ ertönen, wenn eine Ladung Geniste aus dem Stahrneste herausfliegt.

In der ersten Zeit nach seinem Eintreffen zeigt sich der Stahr nur am Morgen in der Nähe seiner erwählten Wohnung; [120] den übrigen Theil des Tages schweift er hinaus, um in größeren Schaaren mit seinen Brüdern auf Hutungen, Wiesen und Feldern seiner Nahrung nachzugehen. Besonders gern besuchen sie die Viehweiden, wo sie bald rasch auf dem Boden herumlaufen und Würmer und Insecten zusammensuchen, bald sogar den Schafen und Kühen auf den Rücken fliegen, um blutsaugende Schmarozerthierchen, wie Zecken, Bremsen und Ungeziefer abzulesen.

Die Lebensweise des Stahres ändert sich schon, wenn die Nist- und Brutzeit herankommt. Dann wird er fein häuslich und verläßt seine Wohnung nur auf kurze Zeit, um Nahrung in den naheliegenden Gärten und Feldern einzusammeln. Melden sich endlich die jungen Schreihälse, so ist er der sorgsamste Vater, der ohne Unterlaß Insecten, Larven, Würmer, Engerlinge, kleine Schnecken und dergleichen Ungeziefer zusammensucht. Merkwürdig ist es, wie der futtertragende Stahr auch seinen Flug ändert. Fast scheint es, als glaube dieser Affe unter den Vögeln, die Würde des Familienvaters auch durch einen gravitätischen Flug ausdrücken zu müssen. Stolz wie der Adler schwebt er dann zu seinem Neste, seinen sonst raschen Flügelschlag hemmend.

Viele unter Grasblättern und Laub versteckte Thierchen finden die Stahre sehr leicht durch das zirkelartige Aufspreizen des langen Schnabels auf, indem sie damit die bergenden Umgebungen aufheben oder geschickt umwenden. Schon aus diesem Grunde gewähren die Feld-, Wiesen- und Gartenbesitzer diesen nützlichen Thieren allerlei Schutz. Der Nutzen durch das Vertilgen der schädlichen Insecten und Würmer ist gar hoch anzuschlagen, und man sieht es dem freundlichen und zutraulichen Thiere, schon seines munteren, papageiartigen und possirlichen Wesens halber, einmal nach, wenn es im Amtseifer etwa eine Hyacinthe oder eine andere zarte Pflanze aus dem Gartenbeete mit herauszieht oder unsere Kirschbäume plündert. Als Insectenvertilger ist der Stahr ein gar nicht unwichtiges Glied im Haushalte der Natur.

Doch er debütirt auch außerdem noch als nicht unbedeutender Gesangskünstler. Freund Sturnus ist ein Vetter der sangfertigen Drosseln, und übernimmt sehr gern als Buffone das Fach der komischen Gesangsrollen. Bekanntlich ahmt dieser sonderbare Kauz fast alle Thierstimmen nach, das Miauen der Katze, wie das Quaken des Frosches. Gewöhnlich um die Morgen- und Abendzeit läßt er seinen Gesang hören, welcher aus einem höchst wunderlichen Tongemenge von schnatternden, schnurrenden, leiernden, wetzenden, gacksenden, giebsenden, quäkenden, seufzenden und sprechenden Lauten besteht, zwischen denen er immer wieder seine Drosselnatur durch ein angenehmes Pfeifen, ähnlich dem des Pirol, zur Geltung bringt. In der Gefangenschaft lernt er deutlich sprechen. Als Merkwürdigkeit erwähnt Tschudi, daß eine Wittwe in St. Gallen einen Stahr besessen habe, der das als Tischgebet täglich vernommene „Unser Vater“ deutlich herzusagen verstand.

Namentlich bei Sonnenuntergang sammeln sich die Stahre aus der Nachbarschaft gern auf einem nahen hohen Baume, etwa auf der Spitze einer italienischen Pappel, auf deren schwanken Zweigen sie sich gern wiegen. Dann machen sie Chorus mit ihrem sonderbaren Geschrei, und es gewährt dem Beobachter besonderes Vergnügen, den lebhaften Wechselgesprächen der klugen Thierchen zu lauschen.

Der Stahr ist ein Strichvogel, der bei uns während des Sommers zwei Mal nistet; 4–6 Junge werden in einer Hecke aufgezogen. Hie und da beraubt man ihn seiner wohlschmeckenden Jungen, die unter verschiedenen fremdländisch klingenden Namen sogar als Delicatessen auf die Tafeln gebracht werden.

So wie die Brütezeit vorüber ist, lassen sich die Stahre nicht mehr in der Nähe ihrer Hegeplätze sehen. Sie schwärmen dann auf den Feldern in großen Schaaren umher, die wie schwarze Wolken unter donnerähnlichem Geräusch sich erheben, wenn man sich ihnen nähert.

Wie stark die Vermehrung dieser Vögel war, sieht man dann an dem jungen Volk, das sich durch ein hellgraues gesprenkeltes Gefieder von dem kohlschwarzen älteren Geschlechte unterscheidet. Kurz vor ihrem Abzüge nach wärmeren Gegenden besuchen die Stahre noch einige Mal ihre freundlichen Wirthe, um Valet zu sagen. Des Morgens und des Abends hört man ihren pfeifenden Ton noch einmal in der Nähe der Stahrmesten. Im October, oft auch erst mit den ersten Schneeflocken, verlassen sie uns still und geräuschlos. Dieselben Stahre, welche unsere Brutkästen in diesem Jahre inne hatten, besetzen sie auch im nächsten Jahre wieder, wenn sie glücklich von ihrer Wanderschaft heimkehrten.




Rosa Heisterberg.
Vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
(Schluß.)

„Ich bedauere,“ antwortete sie sehr ruhig und kalt, „daß ich Ihnen in dieser Beziehung nur das Nämliche wiederholen kann, was ich Ihnen heute Morgen sagte.“

„Ihre Weigerung würde jetzt ohne Erfolg sein. Mit diesem Zettel in der Hand wird der Polizei seine Entdeckung leicht werden.“

„Ich werde das abwarten.“

„Sie haben in der letzteren Zeit des Abends häufige Ausgänge gemacht?“

Sie wurde glühendroth im Gesicht.

„Werden Sie mir Auskunft darüber geben, wohin Sie gingen?“

Der Röthe folgte eine ängstliche Blässe.

„Ja, mein Herr, ich war seit einiger Zeit mehrmals des Abends ausgegangen; ich kann Ihnen aber nicht sagen, wohin; das Geheimniß gehört nicht mir allein. Aber um Eins bitte ich Sie; denken Sie dabei nicht an –“

Sie stockte.

„Woran nicht?“

Sie antwortete nicht. Sie war sehr verlegen.

„An jenen jungen Mann nicht?“

Auf einmal standen in ihren Augen wieder Thränen.

„O, mein Herr, ich selbst habe Ihnen zu einem ungerechten Verdachte Veranlassung gegeben; geben Sie ihn auf, ich beschwöre Sie, um des braven, des edlen jungen Mannes willen.“

Die Gefangene und ihre geheimen Beziehungen mußten mir immer räthselhafter erscheinen.

Ich schritt zu dem Verhör über die Diebstähle selbst.

Sie war wieder vollkommen ruhig.

„Ich habe die Majorin von Waldheim vernommen,“ begann ich.

Sie fiel mir schnell und ein wenig spöttisch in die Rede.

„Und die vornehme Dame hat Sie wohl von meiner Schuld überzeugt? Ich bin die Diebin?“

„Die Frau von Waldheim klagt Sie mehrerer Diebstähle an.“

„Ich weiß es.“

„Die Frau von Waldheim war vor mehreren Wochen auf kurze Zeit verreist?“

„Auf acht Tage nach Louisenhof.“

„Sie begleiteten sie nicht?“

„Ich war in ihrer Wohnung zurückgeblieben.“

„Allein?“

„Allein mit der Köchin.“

„Hatten Sie Zutritt zu allen Zimmern der Wohnung?“

„Ja.“

„Auch zu dem Wohn- und Schlafzimmer der Majorin?“

„Ja.“

„War Ihnen bekannt, wo die Majorin ihr Geld und ihre Kostbarkeiten verwahrt hielt?“

„Ihre Kostbarkeiten hatte sie mitgenommen; ich hatte sie ihr einpacken helfen. Ihr Geld pflegte sie an zwei Orten zu verwahren, in einem Schreibsecretair in ihrem Wohnzimmer und in einem Wandspinde in ihrer Schlafstube.“

„Woher war Ihnen dies bekannt?“

„Die Dame hatte mir nie ein Hehl daraus gemacht.“

„Wo befanden sich die Schlüssel zu dem Secretair und dem Spinde?“

[121] „Ich denke, die Frau von Waldheim hatte beide Schlüssel mit nach Louisenhof genommen.“

„Wo pflegten sie zu sein, wenn die Majorin zu Hause war?“

„Den Schlüssel zum Secretair trug die Frau von Waldheim immer bei sich; den zum Spinde legte sie gewöhnlich in das mittlere Fach des Secretairs.“

„Sollte dies nicht auch bei ihrer Abreise nach Louisenhof geschehen sein?“

„Ich weiß es nicht; ich habe mich nicht darum bekümmert. Ich meinte, sie habe auch ihn mitgenommen.“

„Ist Ihnen die innere Einrichtung des Secretairs bekannt?“

„Sehr genau, da ich der Majorin oft Geld und Anderes herausholen mußte. Er hat zwei Reihen Schubfächer und in der Mitte jenes Fach mit einem unverschließbaren Thürchen.“

„Kennen Sie auch die Einrichtung des Wandspindes?“

„Ich habe es im Auftrage der Majorin gleichfalls häufig öffnen müssen; es hatte mehrere offene Fächer über einander.“

„War nicht eins dieser Fächer defect?“

„Ich weiß es nicht.“

„Hatte die Frau von Waldheim bei ihrer Abreise nach Louisenhof Geld zurückgelassen?“

„Ich weiß das nicht. Sie hatte mir wenigstens nichts davon gesagt.“

„Sie hatte Geld zurückgelassen.“

„Es kann sein.“

„Etwa zweihundert Gulden.“

„Es ist möglich, sie behauptet es; sie hat gestern Abend sogar behauptet, und sie wird dies auch heute vor Ihnen wiederholt haben, daß ich ihr, während ihrer Anwesenheit in Louisenhof, das Geld entwendet hätte.“

„Sie hat dies in der That wiederholt.“

„Wie gesagt, ich bezweifle es nicht.“

„Und Sie haben den Diebstahl nicht begangen?“

„Nein, mein Herr!“

Alle ihre Antworten waren klar, bestimmt, offen, ohne alles Zögern, ohne irgend ein Zeichen von Verwirrung oder Verlegenheit gegeben. Sie hatte mich klar dabei angesehen.

Bei ihren letzten Worten sah sie mich zugleich stolz an; sie erhob ihre Gestalt; ihr ganzes Wesen drückte die Aufforderung, die Herausforderung aus: „Sieh mich an, ob Du einen einzigen Zug einer Diebin in mir entdecken kannst!“ Und in dem Allen lag eine so einfache, natürliche Wahrheit.

Ich mußte kalt und ruhig mein Verhör fortsetzen.

„Glauben Sie, daß die Frau von Waldheim gar nicht bestohlen sei?“

„Im Gegentheil, ich bezweifle den Diebstahl selbst nicht.“

„Haben Sie einen Andern wegen desselben in Verdacht?“

„Ich habe auf Niemanden einen Verdacht.“

„Wie erklären Sie sich dessen Verübung denn?“

„In der Residenz wird viel gestohlen, mit großer Frechheit, auch mit großer Schlauheit. Ich war nicht immer zu Hause; auch die Köchin nicht. Wie leicht kann während unserer Abwesenheit ein Dieb mit Nachschlüsseln eingedrungen sein!“

„Der Diebstahl setzte eine genaue Kenntniß der Einrichtung des Hauses und der Gewohnheiten der Frau von Waldheim voraus.“

Sie sah mich wieder mit einigem Spotte an.

„Das sagen auch Sie den Anderen nach? Und doch werden sicher Hunderte Ihrer Actenstücke ähnliche Diebstähle aufweisen, in ganz gleicher Art von Menschen verübt, die nie an dem Orte des Diebstahls gewesen waren und keinen einzigen Bewohner desselben kannten.“

Sie hatte nicht Unrecht. Ich war, mit der Bestohlenen, befangen gewesen, als ich annahm, der Dieb sei nur unter den Hausgenossen zu suchen. Ich hatte mich übereilt, als ich ihr dies vorhielt; ich konnte ihr auch nicht die besondere defecte Beschaffenheit des Spindes entgegenhalten; denn die Majorin hatte nur gerade darum, weil diese ihr allein bekannt war, das Geld auf dem untersten Boden des Spindes verborgen.

Die Angeschuldigte fuhr von selbst fort:

„Sollte aber auch jene besondere, genaue Kenntniß zur Begehung des Diebstahls erforderlich gewesen sein, warum muß denn gerade ich allein diese besitzen? Die Frau von Waldheim sieht viele Menschen, hat auch unzweifelhaft vor mir viele Leute in ihrem Hause gehabt; sie hat deren noch –“

Ich unterbrach sie.

„Sie erklärten so eben noch, daß Sie gegen Niemanden einen Verdacht hätten!“

„Und dennoch wollte ich jetzt die Leute der Majorin verdächtigen! Das wollten Sie mir ja wohl vorwerfen?“

„Ihre Worte deuteten es an.“

„Konnte ich sie nicht auch anders meinen? Die Leute der Frau von Waldheim können Bekannte haben. Wie oft werden durch einen Liebhaber, Bruder oder andern Verwandten der Köchinnen oder Hausmädchen Diebstähle verübt!“

Auch darin konnte ich ihr nicht Unrecht geben. Sie war eifrig geworden, und in diesem Eifer fuhr sie lebhaft fort:

„Und sodann, die Frau von Waldheim hatte zwar ihre Domestiken, mit Ausnahme der Köchin, mit sich nach Louisenhof genommen; aber Louisenhof ist nicht weit von hier; wie leicht kann der Eine oder der Andere von ihnen hier gewesen sein! – Und Einer war hier!“ setzte sie auf einmal mit großer Heftigkeit hinzu.

„Wer?“ fragte ich rasch.

Sie gab mir keine Antwort und blickte unruhig vor sich hin, in sich hinein.

„Wer? Wer war hier?“ wiederholte ich.

Sie sah mich an, als wenn sie, mit ganz anderen Gedanken beschäftigt, die Frage nicht verstanden habe. Ich wiederholte:

„Mein Fräulein, Sie sagten geradezu, während der Abwesenheit der Frau von Waldheim in Louisenhof sei einer von ihren Domestiken hier in der Stadt gewesen. Wer war dieser Eine?“

„Ich weiß es nicht, mein Herr,“ antwortete sie mir kurz und auf einmal wieder völlig ruhig und kalt.

Es mußte hier ein Geheimniß vorliegen; aber ich konnte in diesem Augenblicke nicht darauf rechnen, es zu ergründen. Ich ging zu dem gestrigen Diebstahle über.

„Fräulein, sind Sie noch im Besitz von Schlüsseln zu der Wohnung der Frau von Waldheim?“

„Nein, mein Herr.“

„Wo haben Sie den gestrigen Abend zugebracht?“

Auf einmal wurde sie roth, verwirrt, gerade wie vorhin, als ich sie nach ihren Abendausgängen gefragt hatte. Eine große Unruhe hatte sie wieder ergriffen.

Ich hatte allerdings die Frage plötzlich, unerwartet an sie gestellt; allein dies konnte nicht der Grund ihrer Verwirrung und Unruhe sein; denn das geringste Nachdenken hatte ihr seit dem Augenblicke ihrer Verhaftung sagen müssen, daß jene Frage unausbleiblich vor Gericht an sie werde gerichtet werden und sie mußte deshalb auch vollständig auf eine Antwort vorbereitet sein.

Gleichwohl diese Verwirrung! Sie war von ihrem Stuhle aufgesprungen, ging mit großen Schritten in der Stube umher, sah bald nieder, bald empor zur Decke, bald auf mich und kämpfte heftig mit sich, was sie mir antworten solle. Ich wartete ruhig das Ende ihres Kampfes ab.

Auf einmal trat sie rasch vor mich. Sie hatte einen Entschluß gefaßt. Sie warf nur noch einen unschlüssigen Blick auf meinen Protokollführer.

„Ich hätte Ihnen eine Mittheilung zu machen,“ sagte sie, „aber nur Ihnen allein. Nach den Gesetzen muß Ihr Herr Protokollführer bei dem ganzen Verhöre zugegen sein. Gestatten Ihnen Ihre Gesetze, für einzelne Fälle eine Ausnahme zu machen?“

Ich antwortete ihr offen:

„Sie gestatten mir das allerdings. Sie fordern aber zugleich, jede Erklärung, die Sie mir allein gemacht haben, insofern sie für die Untersuchung von Wichtigkeit ist, mir in Gegenwart des Protokollführers von Ihnen wiederholen zu lassen.“

Sie kämpfte wieder mit sich, zwar nur noch kurze Zeit; dann hatte sie wieder einen Entschluß gefaßt, aber ich sah ihr leicht an, daß dieser nicht ganz der vorhin gefaßte war.

„Mein Herr,“ sagte sie, „ich hatte am gestrigen Abende auf beinahe zwei Stunden meine Wohnung verlassen. Ich war erst wenige Minuten vor dem Eindringen der Frau von Waldheim bei mir zurückgekehrt. Das Dienstmädchen der Frau Generalin hat vollkommen die Wahrheit gesagt.“

„Und wo waren Sie gewesen, Fräulein?“

„Herr Criminalrath, das ist es, was ich Ihnen hier nicht sagen kann, auch nicht mehr Ihnen allein, seitdem ich weiß, daß Sie es zu Protokoll nehmen müssen. Und das müßten Sie, ich sehe es jetzt ein. Es würde Personen compromittiren, die ich unter keinen [122] Umständen compromittiren darf. Darum auch ließ ich mich gestern in der ersten Ueberraschung verleiten, die Unwahrheit zu sagen.“

Sie sprach mit großer Festigkeit und Entschiedenheit. Ich konnte um so weniger eine weitere Auskunft von ihr erwarten, als ich diese unwillkürlich mit ihrem schon vorhin erwähnten Geheimnisse in Verbindung bringen mußte. Ich mußte ihr dennoch meiner Pflicht gemäß vorhalten:

„Fräulein, durch die Verweigerung einer Antwort auf meine Frage werden Sie, eben bei der unwahren Angabe, die Sie gestern und zwar wiederholt gemacht hatten, in sehr hohem Grade verdächtig.“

„Ich muß das auf mich nehmen, mein Herr.“

„Sie steigern den Verdacht gegen sich gar in einer Weise, daß Sie darum allein zu einer außerordentlichen Strafe verurtheilt werden können. Bedenken Sie das wohl, Fräulein.“

Sie wurde sehr blaß, aber sie antwortete mit voller Entschiedenheit:

„Ich müßte auch das auf mich nehmen. Aber, mein Herr, ich kann nicht schlecht handeln.“

Sie sprach die einfachen Worte in einer sehr edlen Weise aus. Man glaubte bis auf den Grund ihres Innern zu sehen, wie sie, um nur nicht andere Personen in eine Verlegenheit zu bringen, lieber unschuldig eine schwere Schuld, die Schuld eines gemeinen Verbrechens auf sich nehmen wollte. War dies Wahrheit, so war sie ein edles Herz. War es Verstellung, so war sie eine durch und durch verdorbene, vollendete Heuchlerin,

Ich war als Mensch, wie als Richter zweifelhaft, was ich glauben sollte.

„Mein Fräulein,“ fuhr ich in meinem Verhöre fort, „in derselben Zeit, während Sie gestern auf geheimnißvolle Weise aus Ihrer Wohnung abwesend gewesen sind, ist wiederum in dem Hause der Frau von Waldheim ein Diebstahl verübt, dessen Umstände auch Sie wieder verdächtig machen.“

Sie hatte ihre völlige Ruhe und Kälte zurückgewonnen.

„Außer jener übereilten Unwahrheit kein einziger, mein Herr.“

„Ich fürchte doch. Sie waren gestern zu Mittag bei der Frau von Waldheim?“

„Ja, mein Herr.“

„Erfuhren Sie von ihr, daß sie ausfahren wollte?“

„Ja. Sie wollte eine Freundin auf dem Lande besuchen.“

„Um welche Zeit wollte sie zurückkehren?“

„Gegen acht Uhr Abends.“

„Die Majorin ist gegen acht Uhr zurückgekehrt. Kurze Zeit vor ihrer Rückkehr haben ihre Domestiken, der Bediente und die Kammerjungfer, deutlich gehört, wie die Flurthür zugeschlagen worden ist. Die Domestiken waren allein zu Hause. Die Thür hatte im Drückerschloß gelegen. Der Drücker war im Besitze des Bedienten. War also ein Dritter im Hause gewesen, so hatte er nur auf unbefugte Weise, mittelst eines falschen oder eigenmächtig nachgemachten Drückers hineingelangen können. Das Zuschlagen der Thür zeigte aber nothwendig an, daß Jemand da gewesen war. Die Domestiken konnten zwar bei sofortiger Nachforschung nichts entdecken, aber die Nachsuchung der gleich nachher zurückgekehrten Majorin bestätigte den Verdacht, daß ein Dieb im Hause gewesen war. Der Schreibsecretair in der Wohnstube der Frau von Waldheim war mit einem Nachschlüssel geöffnet gewesen und bestohlen worden.“

Sie hatte mich mit ihrer vollen Ruhe und Kälte angehört.

„Es waren dreißig Gulden daraus entwendet,“ sagte sie, als ich meine Vorhaltung endigte. „So hat man mir gestern Abend gesagt. Und man hat hinzugesetzt, was auch Sie, mein Herr, mir jetzt wahrscheinlich noch werden vorhalten wollen, daß wieder nur ich die Diebin sein könne, weil ich die Gelegenheit des Hauses gekannt, weil ich mich leicht in den Besitz eines nachgemachten Drückers hätte setzen können, weil ich die Abwesenheit der Majorin und die Zeit ihrer Rückkehr gewußt, weil in dem Secretair auch der Schlüssel zu dem Spinde und in diesem noch mehr Geld und die Juwelen der Majorin gelegen und ein anderer, gewöhnlicher Dieb das genommen haben würde. Vielleicht hat man mir noch mehr gesagt, ich habe es vergessen. Vielleicht wissen Sie noch mehr.“

„Vorläufig nicht.“

„Ich darf mich also verantworten?“

„Sie dürfen.“

„Wohlan, mein Herr, lassen Sie uns dem Gange jener Indicien folgen. Daß auch andere Leute die Gelegenheit des Hauses kennen, darüber haben wir schon gesprochen. Dieselben Leute können ebensowohl unberechtigt im Besitz des Drückers gewesen sein. Die Abwesenheit der Majorin wußten auch ihre Domestiken, von diesen können es deren Bekannte weiter erfahren haben. Uebrigens fuhr sie noch bei hellem Tage aus; viele Menschen können das gesehen haben. Wenn die Diebe die Zeit ihrer Rückkehr nicht kannten, so brauchten sie nur eine Wache auf die Straße zu stellen. Daß sie dies wirklich gethan, dafür spricht sogar jenes Zuschlagen der Thür und Entfernen des Diebes so kurz vor der Rückkehr der Majorin. Glauben Sie, mein Herr, daß ich, wenn ich die Diebin gewesen wäre, bei meiner Kenntniß von der Zeit der Rückkehr der Frau von Waldheim mich bis so nahe vor dieser Rückkehr in ihrer Wohnung würde aufgehalten haben? Und wenn endlich der Umstand mich verdächtigen soll, daß nicht auch das Spinde bestohlen ist, ei, mein Herr, trauen Sie mir in der That so wenig Verstand und Einsicht zu, daß ich nicht, um einen solchen Verdacht von mir abzulenken, eben Alles genommen hätte, was ich nehmen konnte? – Indeß die Frau von Waldheim konnte in ihrem Eifer, in ihrer Leidenschaft, in ihrer –“

Sie stockte, während ein wilder, feindseliger Blitz aus ihrem Auge hervorzuckte. Rasch fuhr sie fort:

„Jene Dame konnte in ihrer Verblendung diese Umstände mir entgegenhalten. Aber Sie, mein Herr, halte ich für viel zu verständig und einsichtig, als daß Sie in Wahrheit solche Indicien gegen mich geltend machen könnten. Und welche andern hätten Sie mir vorzuhalten? Ich sagte Ihnen schon gestern Abend, es werde mir leicht sein, Ihnen Beweise für meine Unschuld zu liefern. Aber ich bedarf deren nicht. Bringen Sie zuerst Beweise für meine Schuld gegen mich vor.“

Ich konnte mir wieder nicht verhehlen, sie zerstörte mit scharfer, klarer Logik alle Argumente, die man aus den Thatsachen für ihre Schuld hätte entnehmen können. Sie vertheidigte sich vielleicht besser, als der gewandteste Vertheidiger es gekonnt hätte. Ich hatte ihr nur noch einen einzigen Umstand entgegenzuhalten. Er hatte freilich nicht viel Gewicht.

„Die beiden genannten Diebstähle sind nicht die alleinigen, deren Sie angeklagt werden. Während Ihrer Anwesenheit im Hause der Frau von Waldheim sind dieser mehrfach allerlei Kleinigkeiten entkommen, Taschentücher, Spitzenkragen, ein seidenes Nadelkissen, eine feine Scheere. Die Scheere hat sie später, als Sie schon bei der Generalin wohnten, bei Ihnen wiedergesehen, Sie hat daraus um so mehr geschlossen, daß Sie ihr auch die andern Sacken entwendet haben.“

Sie konnte sich auch hier leicht vertheidigen. Sie that es mit einem feinen, verächtlichen Lächeln auf den Lippen.

„Entwendet! Mein Herr, wenn zwei Damen in demselben Zimmer, an demselben Tisch, oft bei derselben Arbeit gemeinschaftlich beschäftigt sind, glauben Sie nicht, daß da nothwendig manchmal ihr beiderseitiges Eigenthum durcheinander kommen müsse, daß die Eine in dieser Confusion für ihr Eigenthum hält, was der Andern gehörig, und so umgekehrt? Und wollen Sie nun die Eine, und nur die Eine für eine Diebin und die Andere für eine Bestohlene halten? Haben Sie die Güte, Herr Criminalrath, bei der Frau von Waldheim nur halb so sorgfältig nachsuchen zu lassen, wie sie am gestrigen Abend meine Sachen durchsucht hat, und Sie werden bei ihr eine Menge von Sachen finden, von denen sie selbst wird gestehen müssen, daß sie mein Eigenthum sind. Und dann, mein Herr, werden Sie unter zwei Dingen nur eine Wahl haben: entweder Sis stecken auch die Frau Majorin als Diebin ein, oder Sie werfen mir nicht mehr vor, ich hätte ihr ihre Scheere gestohlen.“

Hatte sie nicht Recht?

Von allen Verdachtsgründen, die in Betreff der Diebstähle sich gegen sie erhoben hatten, blieb, wenn man sie näher betrachtete, verzweifelt wenig bestehen. Konnten durch Vernehmung der Hausgenossen der Majorin nicht noch neue Verdachtsmomente herbeigeschafft werden, und wäre nicht jenes Dunkel über das bisherige Leben der Beschuldigten vorhanden gewesen, das durch die objectiv vorhandene Fälschung ihres Passes als ein zweifelhaftes sich darstellte, ich hätte kaum ihre fernere Verhaftung rechtfertigen können. So war diese einstweilen noch geboten, und ich hatte sie nur noch über jene Paßfälschung zu vernehmen.

Ich legte ihr den Paß vor.

„Sie nennen sich Rosa von Heisterberg?“ fragte ich sie.

[123] „Sie fragten mich schon heute Morgen so.“

„Und Sie bejaheten meine Frage.“

„So ist es.“

„Auch dieser Paß nennt Sie so.“

„Ich weiß es.“

„Aber er ist verfälscht.“

„Ich glaube nicht.“

„Ueberzeugen Sie sich selbst.“

Ich bezeichnete ihr die gefälschte Stelle. Sie lächelte unbefangen.

„Nun?“

„Das Wörtchen von ist später zugeschrieben.“

„Gewiß.“

„Von wem?“

„Einfach von dem guten alten Herrn selbst, der den ganzen Paß geschrieben hat. Er hatte in der Zerstreuung Rosalie Heisterberg geschrieben. Als er das Geschriebene durchlas, überzeugte er sich von dem Fehler. Ich legte kein Gewicht darauf. Aber er bestand darauf, den Paß so zu ändern, wie Sie ihn hier sehen, schon darum, weil die Beglaubigung meines Standes mir eine bessere Aufnahme in meiner neuen Stellung verschaffen werde. Ich konnte ihm nicht wehren.“

„Sie erzählen,“ erwiderte ich ihr, „allerdings mit einem gewissen Scheine von Glaubwürdigkeit. Allein, da Sie einmal von einem Passe Gebrauch gemacht haben, der offenbare Spuren einer Fälschung an sich trägt, so werden Sie den Beweis liefern müssen, daß eine Fälschung in der That nicht vorhanden sei. Jene Erzählung ersetzt diesen Beweis nicht.“

Sie blieb ruhig.

„Der Gesandte ist todt, mein Herr. Ich weiß, wie diese einfache Thatsache gegen mich sprechen kann. Sie kann aber auch eben so viel zu meinen Gunsten wiegen. Bei richtiger Erwägung aller Umstände wird es indessen gar nicht darauf ankommen können. Ich habe sofort diesen Paß, so wie er hier vor Ihnen liegt, der Polizei übergeben. Würde ich dies, wenn er gefälscht war, bei Lebzeiten des Gesandten gewagt haben?“

Auch darin hatte sie Recht.

Mein resultatloses Verhör war zu Ende. Ich erklärte ihr, daß ich sie bis zur Erschöpfung der sämmtlichen Beweismittel noch einstweilen in Haft behalten müsse.

Sie hörte mich mit der größten Ruhe an. Sie sah auf die Bücher, die für sie da lagen.

„Sie werden mir doch diese Bücher mit in meine Haft geben?“ fragte sie.

„Gewiß.“

„Werden Sie mir auch eine zweite Bitte gewähren?“

„Wenn ich darf, gern.“

„Ich bitte um Schreibmaterial.“

Ich konnte ihr diese Bitte nur ausnahmsweise, auf meine Verantwortung gewähren. Ich zögerte einen Augenblick.

„Ich werde keinen unerlaubten Gebrauch von Ihrer Erlaubniß machen,“ fuhr sie fort. „Sie können mich controliren. Ich werde Ihnen jede Zeile vorzeigen, die ich geschrieben habe.“

Ich genehmigte ihre Bitte. Und nun war sie auf einmal wieder glücklich wie ein Kind.

„O, mein Herr, wenn ich schreiben und lesen kann, dann können Sie – ja wahrhaftig, dann können Sie mich noch ein ganzes Vierteljahr in Ihrer Haft behalten. Darf ich?“

Sie zeigte nach den Büchern, ob sie sie gleich mitnehmen dürfe?

Ich bejahete.

Sie nahm sie unter den Arm, so viel sie tragen konnte. Die andern ließ ich ihr durch den Gefangenwärter nachtragen.

So entfernte sie sich, triumphirend, glücklich.

War sie eine Verbrecherin? Konnte sie es bei solchen Gefühlen sein? War das Alles Verstellung?

Am unklarsten war mir das eigenthümliche Verhältniß, in welchem sie nothwendig zu der Frau von Waldheim stehen mußte. Sie hatte einen wahrhaft feindseligen Haß gegen diese Frau. Einzelne Aeußerungen hatten offenbar gezeigt, daß dieser Haß älter als seit gestern war, daß er auch auf etwas ganz Anderes, als die Diebstähle sich bezog. Beides hatte ich auch aus den Worten der Frau von Waldheim entnehmen müssen, die ihrerseits von nicht minder lebhafter Abneigung gegen die Angeschuldigte erfüllt war. Dennoch hatten die Beiden bis zu dem letzten Tage, bis gestern, in einem äußerlich freundlichen Verkehre mit einander gestanden, sich sogar gegenseitig besucht. Was lag da vor?

Ich vernahm am folgenden Tage die Domestiken der Frau von Waldheim, ferner die Generalin und deren Dienerschaft. Ich erhielt nicht die geringste neue Auskunft; nur überall Bestätigungen dessen, was schon zu den Acten gebracht war.

Eben so konnte die Polizei mir zu dem bereits Bekannten keine neuen Momente liefern. Auch eine nochmalige genaue Durchsuchung der Sachen der Angeschuldigten hatte nichts Verdächtiges gebracht. Selbst die Nachforschungen nach dem unbekannten jungen Manne waren vergeblich gewesen.

Ich war im Begriffe, die Angeschuldigte ihrer Haft zu entlassen und dem Criminalgericht, nach dessen einmal bestehender, allerdings nicht zu billigender Praxis, die Acten zur einfachen Zurücklegung einzureichen. Auf einmal, schon am frühen Morgen, dem dritten nach der Verhaftung der Heisterberg, kam die Majorin von Waldheim bei mir vorgefahren. Sie war in großer Aufregung.

„Jetzt kann ich die Diebin vollständig überführen. Die Person hat mich entsetzlich bestohlen. Fast mein ganzer Juwelenschmuck ist fort.“

Sie mußte sich zusammennehmen, bevor sie im Zusammenhange erzählen konnte. Sie gab dann unter dem wiederholten Erbieten zur eidlichen Erklärung folgende Thatsachen zum Protokoll:

Sie hatte einen nicht unbedeutenden Schmuck. Derselbe war, wenn sie ihn nicht gebrauchte, in jenem Wandspinde in ihrer Schlafstube verwahrt, zu welchem der Schlüssel in dem mittleren Fache des Schreibsecretairs in der Wohnstube lag. Sie hatte den Schmuck in neuerer Zeit selten getragen, seit ihrer Rückkehr von Louisenhof, wohin sie ihn mitgenommen hatte, gar nicht. So war es gekommen, daß sie wenig auf ihn geachtet hatte. Dies auch nicht in der ersten Zeit nach der Verhaftung der Heisterberg, zumal da sie bei der Entdeckung des zweiten Gelddiebstahls das Spinde unberührt und auch namentlich die Juwelen darin, wie sie meinte, unversehrt gefunden hatte. Eine eigenthümliche Unruhe hatte sie am gestrigen Abende zur nähern Besichtigung ihres Schmuckes veranlaßt, und nun hatte sie zu ihrem Schrecken entdeckt, daß in einem großen Theile desselben sich nur falsche Steine ohne allen Werth befanden, durch welche die herausgenommenen echten, mitunter sehr werthvollen Steine ersetzt waren. Die falschen Steine waren völlig kunstgemäß eingesetzt und gefaßt, so daß der Schmuck täuschend dem echten glich, und nur ein Kenner die Fälschung entdecken konnte. Die Majorin war Kennerin. Sie war so sehr Kennerin, daß sie bei genauerer Betrachtung an der Fassung eines der gefälschten Stücke den Juwelier erkannte, durch den sie geschehen sein müsse. Ihr Verdacht fiel sofort auf die Heisterberg. Sehr natürlich. Hatte sie einmal diese wegen der anderen Diebstähle in Verdacht, so konnte sie auch den jetzt entdeckten nur ihr vorwerfen. Sie fuhr auf der Stelle zu dem Juwelier, sie zeigte ihm den Schmuck, den er nach ihrer Meinung gefaßt haben sollte. Er hatte ihn gefaßt.

„Auf wessen Bestellung?“

„Eine fremde junge Dame brachte mir den Schmuck mit den echten Steinen und verlangte die Einsetzung und Fassung falscher, aber so, daß die Aehnlichkeit mit den echten eine täuschende sei.“

„Wann war das?“

„Vor etwa fünf Wochen.“

„Wie sah die Dame aus?“

Der Juwelier beschrieb genau die ehemalige Gesellschafterin der Majorin.

„Nannte sie sich?“

„Sie verweigerte die Nennung ihres Namens und die Angabe ihrer Verhältnisse. Sie gab einen plausiblen Grund dafür an. Der Schmuck gehöre ihrer Familie; ihre Mutter sei in großer Geldverlegenheit; es handle sich um eine Ehrenschuld, deren Berichtigung nicht aufgeschoben werden könne. Weder ihr Vater, noch die Gesellschaft, in der ihre Mutter erscheinen müsse, dürfe die echten Steine bei ihr vermissen. Die Dame gehörte nach ihrer ganzen Erscheinung unstreitig den höheren Ständen an. Aehnliche, in voller Wahrheit beruhende Mittheilungen waren mir schon oft gemacht. Ich hatte nicht die geringste Veranlassung, an der Richtigkeit auch dieser Angabe zu zweifeln, und die verlangte Arbeit abzulehnen.“

Dem Juwelier war in der That kein Vorwurf zu machen. Auch mir waren ähnliche Vorfälle bekannt. Wie viele falsche Steine [124] wurden als echte in den höchsten Cirkeln der Residenz getragen, nicht blos aus Eitelkeit; die Etikette legt so manchen Zwang auf.

Der Juwelier hatte der Frau von Waldheim, die ihren gesammten Schmuck ihm vorzeigte, nach der Verschiedenheit der Fälschung, auch die anderen Werkstätten, aus denen diese hervorgegangen waren, angegeben. Sie begab sich dahin. Ueberall wurde die Arbeit anerkannt. Ueberall war fast zu derselben Zeit dieselbe junge Dame gewesen, die das Herausnehmen der echten und die täuschend ähnliche Wiedereinsetzung der falschen Steine bestellt hatte, unter denselben lügenhaften Angaben; nur hatten diese manchmal zwischen einer Mutter und einer Tante abgewechselt. Man hatte ihr überall Glauben geschenkt.

Auffallend war es nur gewesen, daß sie die echten Steine, anstatt, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, sie sofort dem Juwelier zu verkaufen oder verkaufen zu suchen, zurückgenommen hatte.

Der Bestohlenen waren auf solche Weise entwendet die Steine aus einem goldenen Stirnbande, einem Halsschmuck, einem Armbandschlosse und drei Ringen. Den Werth der entwendeten Steine gab sie nach den Schätzungen der Juweliere selbst auf mehr als dreitausend Thaler an.

Die Angaben der Bestohlenen waren um so wichtiger und erheblicher, je mehr, wenn sie richtig waren, diesmal ein klarer Ueberführungsbeweis gegen die Angeschuldigte herzustellen war.

Die Juweliere, nicht blos Einer, bei dem noch möglicher Weise eine Täuschung hätte angenommen werden können, mußten die Angeschuldigte, wenn sie ihnen wirklich die Juwelen gebracht hatte, mit Bestimmtheit wieder erkennen. Sie war dann eine überwiesene Diebin. Und nicht blos für diesen Diamantendiebstahl. Der Beweis, der für ihn erbracht war, mußte nothwendig auch für die anderen Diebstähle mit großer Kraft zurückwirken.

Freilich konnte ich noch an eine sonderbare Eventualität denken. Aber auch, wenn diese eintrat, hatte ich klares Licht; allerdings nach einer ganz anderen Seite hin.

Ich ließ zuerst die sämmtlichen Juweliere vorladen, durch welche die falschen Steine eingesetzt waren. Sie bestätigten die Angaben der Bestohlenen in allen Punkten, die sie betrafen, auch hinsichtlich des Werthes der echten Juwelen. Die Dame hatte, wie leidenschaftlich sie auch wieder gewesen war, diesmal nicht übertrieben. Sie beschrieben ebenso ganz genau und übereinstimmend Figur und Wesen der Angeschuldigten. Ich konnte mich freilich mit dieser Beschreibung nicht begnügen; ich führte die Zeugen einzeln an die Zelle der Heisterberg. Die Thür der Zelle hatte, wie auch die übrigen Gefangenenzellen, eine kleine Glasscheibe, um durch sie unbemerkt von außen die Gefangene in ihrer Zelle beobachten zu können. Ich ließ die Zeugen hindurchsehen. Alle erkannten sie auf der Stelle mit der größten Bestimmtheit. Keinem einzigen war nur der geringste Zweifel über die Identität der Person.

Ich ließ dann nochmals eine genaue Haussuchung in der Wohnung der Beschuldigten vornehmen. Diese führte allerdings nicht zu dem geringsten Resultate.

Ich schritt zu ihrem Verhör.

Ich war im höchsten Grade gespannt. Durch dieses Verhör mußte die Wahrheit herauskommen. Nach der einen oder nach der anderen Seite.

Die Angeschuldigte konnte, als ich sie zu diesem neuen Verhöre vorführen ließ, von der Entdeckung des Diamantendiebstahls nicht die leiseste Ahnung haben, wenn nicht ihr eigenes böses Gewissen sie immer darauf vorbereitet hielt.

Ich begann das Verhör nicht sofort mit Fragen darüber.

„Fräulein, es dürfte sehr wahrscheinlich nothwendig werden, Ihre früheren Lebensverhältnisse zu erforschen. Können Sie sich auch jetzt noch nicht entschließen, mir darüber Mittheilungen zu machen?“

„Nein, mein Herr,“ erwiderte sie mit ihrer gewöhnlichen Ruhe.

„Ich habe Ihnen schon früher bemerkt, daß Sie durch diese Weigerung sehr weitaussehende Nachforschungen veranlassen.“

„Ich bedauere, daß ich Ihnen Mühe mache.“

„Ihre Haft kann sich dadurch Monate lang hinziehen.“

Sie lächelte.

„Herr Criminalrath, pflegen Sie die moderne Inquirententortur anzuwenden?“

„Nein.“

„Ich meine selbstredend nicht die ungesetzliche; aber die von dem Gesetz gestattete, nach der Ansicht manches Inquirenten gar befohlene: Entziehung von eingeräumten Bequemlichkeiten, einsame Einsperrung oder, wenn man keine Gesellschaft wünscht, die Gesellschaft von Dieben und anderem schlechten Gesindel, und ähnliche Mittel.“

„Ich wende auch solche Mittel nicht an.“

„Sie werden mir also meine Zelle für mich allein lassen?“

„Ja.“

„Sie werden mir auch meine Bücher, meine Schreibmaterialien lassen?“

„Ja.“

„O, mein Herr, sagen Sie Ihr Ja nicht so kalt, so verletzt und verletzend. Wenn Sie wüßten, wie glücklich, wie wahrhaft glücklich mich Ihre Versicherungen machen, Sie würden sich mit mir freuen, und wenn Sie auch eine so vollkommen verhärtete und verknöcherte Inquirentenseele hätten, wie Sie sie so vollkommen nicht haben.“

Durch ihr Lächeln, mit dem sie mich anblickte, drangen Thränen, die sie vergeblich zurückzuhalten suchte.

Wirkliche, echte Thränen kommen nur aus dem Herzen. Keine Verstellung, keine Heuchelei kann sie aus den Augen pressen. Vielleicht tausend Mal habe ich als Inquirent die gewaltsamsten und immer vergeblichen Anstrengungen der Verstellung wahrnehmen müssen.

„Kann dieses Herz wirklich einer gemeinen Diebin angehören?“ mußte ich mich wieder unwillkürlich fragen. „Und doch, wie kalt, wie spöttisch für gewöhnlich und in solcher Lage!“

Ich setzte mein Verhör fort.

„Aber, Fräulein, Sie erzielen durch Ihre hartnäckige Weigerung am Ende nichts. Glauben Sie, daß bei der Lebendigkeit und Leichtigkeit des gegenwärtigen internationalen Verkehrs meine Nachforschungen nach Ihnen resultatlos bleiben können?“

„Sie werden es bleiben,“ sagte sie sehr sicher.

„Auch nachdem Sie selbst den Weg gezeigt haben, den ich zu nehmen hätte?“

„Ich?“

„Sie haben bei der Frau von Waldheim über Ihre Verhältnisse Manches erzählt.“

Ich sah sie scharf an.

Sie erwiderte meinen Blick frei, wieder mit einem etwas spöttischen Lächeln.

„Mein Herr, wenn Ihnen damit gedient sein sollte, Sie haben nur zu befehlen.“

„Sie haben freilich meist in Räthseln gesprochen.“

„Ganz richtig.“

„Sie haben sich absichtlich in ein gewisses geheimnißvolles und vornehmes Dunkel zu hüllen gesucht.“

„Ah, ich höre die Frau von Waldheim.“

„Allein, mein Fräulein, auch aus den dunkelsten Geheimnissen läßt sich ein klarer Kern herausschälen, in dessen Mitte, wenn man ihn öffnet, zuletzt die Wahrheit zu Tage erscheint.“

„Mein Herr, versuchen Sie Ihr Glück; aber sollten Sie Ihre Nachrichten über meine geheimnißvollen Andeutungen blos von der Frau von Waldheim haben, so möchte ich Sie doch bitten, vorher noch Andere darüber zu befragen. Sie könnten dabei zugleich interessante Mittheilungen über die eigenthümliche Wahrheitsliebe der genannten Dame überhaupt erhalten.“

„Und welche Personen würden Sie mir vorschlagen?“

Sie stutzte.

„Ah, lassen wir das. Sie gehören Alle zu ihrer Gesellschaft und mir liegt nicht daran.“

„Aber mir.“

„So müssen Sie so gütig sein, sich bei der Frau von Waldheim selbst zu erkundigen.“

„Fräulein, im Besitze von welchen Schmucksachen war die Frau von Waldheim?“

Ich hatte die Frage unmittelbar, rasch, wie ganz zu dem verhandelten Gegenstande gehörig, an sie gerichtet. Die Angeschuldigte war also völlig unvorbereitet auf sie.

Sie wurde in der That überrascht. Aber diese Ueberraschung war eine durchaus sonderbare.

Sie sah mir scharf, tief, mit eimem ahnenden und plötzlich [125] hell und wild aufflammenden Blicke in das Auge, als wenn die Frage auf einmal einen entsetzlichen, kaum zu fassenden Gedanken in ihr geweckt hätte.

„Wie?“ rief sie dann heftig. „Auch ihre Juwelen soll ich ihr gestohlen haben? Auch das hat diese Frau zu behaupten gewagt? Auch dazu hatte sie die Frechheit? Antworten Sie mir, mein Herr, antworten Sie!“

Ihr Gesicht war leichenblaß geworden. Sie zitterte; aber vor Zorn, vor wilder Leidenschaft, vor Wuth.

Das waren keine Aeußerungen eines schuldbewußten Gewissens. Ich hätte in diesem Augenblicke auf ihre Unschuld schwören mögen.

Ich mußte meine ganze Inquirentenkälte zusammennehmen.

„Ja, die Frau von Waldheim beschuldigt Sie, ihr den größten Theil ihrer Diamanten entwendet zu haben.“

Auch sie hatte sich, und gewiß nicht ohne große Anstrengung, wieder gefaßt. Ruhig sagte sie:

„Erzählen Sie mir, mein Herr, was sie gesagt hat.“

Ich fuhr in meinem Verhöre fort:

„Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet. Kannten Sie den Juwelenschmuck der Frau von Waldheim?“

„Ja, mein Herr.“

„Wo hielt sie ihn verwahrt, wenn sie ihn nicht trug?“

„In dem Wandspinde ihrer Schlafstube.“

„Haben Sie selbst ihn dort gesehen?“

„Oft genug. – Aber, mein Herr, wozu sollen wir diese Komödie noch länger fortsetzen? Sie mögen nach Ihrer Inquirentenmaxime nicht sofort und geradeaus zu Ihrem Ziele vorangehen wollen oder dürfen. Mich hindert nichts, Ihnen ohne Weiteres die Wahrheit zu sagen. Und sie ist diese: Die Frau von Waldheim liebt den Aufwand. Sie liebt ihn über ihre Kräfte und ist nicht vermögend. Ihre Pension ist unbedeutend; dies ist bekannt. Sie war ein armes Fräulein; auch das ist bekannt. Sie hat ausgestreut, von ihrem verstorbenen Manne ein ansehnliches Vermögen geerbt zu haben. Sie hat nur wenig geerbt; das aber ist nicht so bekannt. Ihr Aufwand hat schon lange den größten Theil ihres Vermögens verzehrt. Ihr Ehrgeiz, ihr Hochmuth leiden nicht, ihn zu beschränken. Sie kann es auch aus einem anderen Grunde nicht. Die Thörin verfolgt einen Plan –“

Sie stockte plötzlich, aber mit einem Blicke, in dessen Brennen sich der tiefste Haß, die tödtlichste Feindschaft zeigte.

Welches Geheimniß lag zwischen diesen beiden Frauen?

„Fahren Sie fort,“ forderte ich sie auf.

„Ich werde. Nach ihrer Rückkehr von Louisenhof war sie in großer, dringender Geldverlegenheit. Sie sagte es mir nicht; aber sie erhielt versiegelte Billete, die wie Rechnungen, wie Mahnbriefe aussahen und die sie auf das Sorgfältigste vor mir zu verbergen suchte. Sie war in auffallender Verlegenheit, in großer Verstimmung. Schon am dritten Tage mußte sie mich zu ihrer Vertrauten machen, freilich in ihrer falschen, hinterlistigen, heuchlerischen Weise. Sie habe von einem theuern Verwandten die Nachricht erhalten, daß er eine besonders vortheilhafte Gelegenheit habe, sein Gut durch einen bedeutenden Zukauf zu verbessern; es fehlen ihm dazu nur einige Tausend Thaler. Er sei sie angegangen, ihm das Geld in der Residenz zu verschaffen, und sie habe sich entschlossen, selbst es ihm vorzuschießen. Sie habe nun zwar nicht die baaren Mittel liegen; aber ihr Schmuck liege als völlig zinsloses, todtes Capital da; falsche Steine thäten dieselben Dienste; drei Viertel der Damen am Hofe trügen falsche Steine, warum nicht auch sie? Es komme nur darauf an, daß die falschen Steine für echte gehalten werden, und dazu sei erforderlich, daß ihr Schmuck äußerlich ganz der bisherige bleibe und die neue Fassung für Jedermann ein Geheimniß sei. Dazu solle ich ihr behülflich sein. Sie selbst sei in der Residenz bekannt, auch bei den Juwelieren; mich aber kenne Niemand. Ich möge daher mit den einzelnen Stücken ihres Schmuckes zu verschiedenen Juwelieren gehen und unter Vorbringen von Märchen über Noth, Ehrenschulden und so weiter das Herausnehmen der echten Steine und die Wiederherstellung der Schmucksachen in ganz gleicher Fassung wie bisher durch falsche Steine veranlassen.

„Mein Herr, dies habe ich gethan. Ich habe ihr die alten, echten Steine zurückgebracht; sie hat durch mich ihren Schmuck mit den neuen, falschen Steinen zurückerhalten. Und nun – nun will sie mich zur Diebin ihrer Juwelen machen? Nun soll ich ihr ihre Steine gestohlen haben? Ich weiß nicht, soll ich auch dies mehr empörend oder mehr lächerlich nennen?“

Da war jene Eventualität da, an die ich gedacht hatte.

Ich hatte aber auch jenes Licht, das sie mir bringen mußte. Eine von den beiden Frauen mußte nothwendig eine durchaus verworfene Person sein, entweder die Angeklagte oder Anklägerin, bei der hier blos von einem falschen Verdachte gegen jene nicht mehr die Rede sein konnte.

Allein welche von ihnen war es?

Die Frau von Waldheim hatte ihre Anklage mit dem vollen Tone, mit dem ganzen Wesen der Wahrheit vorgebracht.

Die Angeschuldigte hatte nicht minder ihre Vertheidigung mit einer Ruhe und mit einer Sicherheit geführt, daß man zu der Ueberzeugung von der Wahrheit ihrer Worte mit einer fast nicht zurückzuweisenden Gewalt gezwungen wurde.

Und dennoch mußte nothwendig eine von diesen Aussagen unwahr, falsch, erlogen sein!

Es mußte ein anderer, äußerer Beweis herbeigeschafft werden. Aber wie und von wem?

Die Aussagen der Juweliere waren dafür unerheblich. Sie konnten nur bestätigen, und sie hatten schon bestätigt, was beide Theile angegeben hatten, ohne in die eine oder andere Wagschale ein schwereres Gewicht zu legen.

Der sogenannten moralischen, rein menschlichen, lediglich den einzelnen Fall mit seinen Persönlichkeiten und Haupt- und Nebenumständen festhaltenden Ueberzeugung gegenüber, konnte der Fall so liegen, daß jeder Theil seine Angaben zu beweisen habe und bis dahin keine von ihnen als wahr angenommen werde. Vor der richterlichen Beweistheorie war jedoch die Angeklagte, welche fremdes Eigenthum unter unwahren Angaben und heimlich producirt und dann wieder eben so in ihren Besitz genommen hatte, zunächst in der Lage, die Rechtmäßigkeit ihrer an sich als ungerechtfertigt sich darstellenden Handlungen, also die Wahrheit ihrer Aussage nachzuweisen; allerdings nicht zum directen Beweise ihrer Unschuld, aber zur Vernichtung des durch die vorhandenen Thatsachen selbst einmal gegen sie begründeten Verdachts. Ich eröffnete ihr das.

„Fräulein, haben Sie Beweismittel für die Wahrheit Ihrer Behauptungen?“

„Kann die Majorin vorher ihre Behauptungen beweisen?“ fragte sie zurück.

„Die Sache steht für die Majorin anders, als für Sie.“

„Ich wäre begierig.“

„Sie sind im Besitze fremder Sachen gewesen, ohne beweisen zu können, daß Sie diesen Besitz in redlicher Weise erlangt hatten.“

„Man beweise mir den unredlichen Erwerb.“

„Die Majorin wird beschwören, daß jene Sachen ihr ohne ihr Wissen und Wollen entkommen, also entwendet sind.“

„Das kann sie nicht.“

„Sie hat sich schon bereit dazu erklärt. Sie wird es, mit Uebereinstimmung des Gesetzes.“

„Sie wird falsch schwören.“

„Sie ist eine unbescholtene Frau. Ihr Eid wird beweisen, daß die Steine ihr wirklich gestohlen sind; so bestimmt es ausdrücklich das Gesetz. Dann bildet, gleichfalls nach ausdrücklicher Vorschrift des Gesetzes, der Besitz des gestohlenen Gutes ein dringendes Anzeichen des Diebstahls gegen Sie, bis zu jenem Nachweise des ehrlichen Erwerbes. Zu diesem Anzeichen kommen die an sich gleichfalls erwiesen unwahren Angaben, die Sie selbst den Juwelieren über den Besitz der Sachen gemacht haben, bis Sie wiederum den Beweis liefern können, daß Sie diese Unwahrheiten nur im Einverständniß mit der Frau von Waldheim vorgebracht haben. – Ueberzeugen Sie sich, daß die Sache anders für Sie und anders für die Frau von Waldheim steht?“

Sie war schon längst überzeugt. Man sah es ihr an, wie sie leichenblaß, in tiefes, unruhiges Grübeln versunken da saß und mir kein Wort erwidern konnte.

Ich mußte mit unerbittlicher Strenge fortfahren.

„Damit bringen Sie, ebenfalls nach der ausdrücklichen Aufforderung des Gesetzes, in Verbindung, daß Sie selbst, theils durch Ihre geheimnißvollen Erzählungen über Ihre früheren Lebensverhältnisse, theils durch Ihre hartnäckige Weigerung, auch jetzt noch über diese Auskunft zu geben, den Verdacht einer vagirenden Abenteurerin, auf der vielleicht gar Verbrechen haften, der man jedenfalls wenig Glauben schenken kann, gegen sich erweckt haben.“

[126] Sie war mit jedem meiner Worte unruhiger geworden.

Und dies war eine Unruhe, die für meine individuelle Ueberzeugung immer mehr zu ihren Gunsten sprach. Es war die Unruhe, die Angst der von dem Scheine der Schuld erdrückten Unschuld.

Aber meine individuelle Ueberzeugung war nichts und galt nichts, gegenüber der Ueberzeugung des Gesetzes. Und das Gesetz sah diese Unruhe und ihren besondern Charakter nicht, sondern zählte nur jene Indicien auf.

„Mein Gott,“ rief sie in ihrer Angst, „was soll ich denn beweisen?“

Ich sann nach.

„Kann Jemand von den Leuten der Frau von Waldheim irgend einige Auskunft geben?“

„Niemand. Sie sprach nur mit mir und nur heimlich.“

„Auch Niemand von ihren Bekannten oder Freundinnen?“

„Sie hielt die Sache im höchsten Grade geheim.“

„Hat die Kammerjungfer nicht etwa eine Veränderung an dem Schmuck wahrgenommen oder darüber gesprochen?“

„Niemals.“

„Hat die Majorin den Verwandten genannt, dem sie das Geld leihen wollte?“

„Sie hütete sich.“

„Können Sie einen der Gläubiger bezeichnen, die Sie nach Ihren Annahmen mit dem für die Juwelen erhaltenen Gelde befriedigt hat?“

„Ich bin dazu nicht im Stande,“

„Sie wissen auch nicht, wo sie die Juwelen verkauft haben mag?“

„Auch das nicht.“

„Ihre Sache steht schlimm, um so schlimmer, als man nur zu geneigt sein muß, von diesem Diamantendiebstahle zugleich auf die übrigen Diebstähle zurückzuschließen.“

Sie hatte keine Erwiderung hierauf.

Sie saß wieder grübelnd, unruhig, ängstlich, wie vernichtet.

Auf einmal sprang sie auf. Aus ihrem flammenden Auge leuchtete ein fester Entschluß hervor.

„Mein Herr,“ sagte sie, rasch die Worte hervorschleudernd, „fragen Sie den Prinzen Ottokar.“

„Wen?“ rief ich.

Sie antwortete nicht.

„Den Prinzen Ottokar?“

„Ja.“

„Und was soll er Ihnen bezeugen?“

„Er weiß –“

„Sprechen Sie sich bestimmt aus.“

Sie antwortete mir nicht mehr.

So wie sie den Namen des Prinzen ausgesprochen hatte, war sie wieder leichenblaß geworden. Sie mußte sich schnell auf einen Stuhl setzen, wenn sie nicht umsinken sollte. Sie konnte mir nur noch mühsam jene wenigen, kurzen, weiteren Antworten geben. Dann fiel sie, völlig erschöpft, ineinander, schloß die Augen und schien einer Ohnmacht nahe zu sein.

Ich ließ ihr Zeit, sich zu erholen.

Sie schlug die Augen wieder auf.

„Darf ich mit Ihrer Vernehmung fortfahren?“ fragte ich sie.

Sie nickte mit dem Kopfe.

„Was soll der Prinz Ottokar bekunden?“

Als ich den Namen aussprach, zuckte ihr ganzer Körper zusammen.

„Habe ich den Namen genannt?“ rief sie. „Nein, nein! Ich habe im Wahnsinn gesprochen. Fragen Sie ihn nicht, er weiß nichts. Fragen Sie auch mich nichts mehr; ich weiß nicht mehr, was ich sage. Es ist mir Alles wirr im Kopfe. Ich beschwöre Sie, brechen Sie das Verhör ab. Seien Sie menschlich.“

Ich brach das Verhör ab und ließ sie in das Gefängniß zurückführen.

Was war das gewesen? Welche neue Phase? War es eine neue Phase unmittelbar für die Untersuchung? Oder nur für die Kenntniß des Innern, des Herzens der Angeschuldigten?

Der Prinz Ottokar war ein entfernter Anverwandter des Hofes, nicht so häufig am Hofe selbst, als in den höchsten Adelsgesellschaften der Residenz gesehen. Er war hier, wie überall, gern gesehen, denn er war ein schöner, sehr angenehmer Mann in der Mitte der dreißiger Jahre, und Wittwer. Seine Gemahlin hatte ihm zwei Kinder hinterlassen. Er hatte ein selbst für seinen hohen Stand bedeutendes Privatvermögen und lebte auch unabhängig vom Hofe. Er machte gern den Damen den Hof. Zur Regierung konnte er nie gelangen, auch schwerlich seine etwaige fernere Nachkommenschaft, So war ihm eine anderweite, auch unebenbürtige Vermählung nicht verwehrt. Manche schöne adlige Dame mochte sich in dem süßen Traume wiegen, als Prinzeß Ottokar am Hofe wie eine Cousine empfangen zu werden.

Das war von dem Prinzen Ottokar allgemein bekannt.

Aber in welcher Beziehung stand er zu der Angeschuldigten? Oder der Frau von Waldheim? Oder zu Beiden? Ich hatte nie etwas davon gehört; auch nicht das Geringste. Ich wußte nicht einmal, daß er die Gesellschaften der Frau von Waldheim besuche, obwohl ich es voraussetzen konnte.

In irgend einer Beziehung mußte er zu einer von Beiden stehen; wahrscheinlich zu Beiden, weil er über Thatsachen Auskunft geben sollte, welche Beide betrafen; jedenfalls zu der Angeklagten oder aber sie zu ihm. Und jedenfalls mußte wenigstens auf ihrer Seite das Verhältniß ein durchaus eigenthümliches sein, weil es ihr eine so große Anstrengung gekostet hatte, seinen Namen zu nennen. Er sollte, er konnte ihre Ehre retten; aber wie heftig hatte sie mit sich kämpfen müssen, bevor sie ihn als Zeugen benannte! Und nur erst, als sie gar kein anderes Mittel mehr sah, und nur in einem Zustande halber Verzweiflung war der Name mehr unwillkürlich plötzlich ihren Lippen entfallen, als daß sie ihn mit klarem Vorsatze ausgesprochen haben mochte.

Hier lag ein neues Räthsel vor, das freilich mit manchem bisher beobachteten Geheimnißvollen in Verbindung stehen konnte. Ob es sich aufklären, vollständig aufklären werde, stand dahin. Auf alle Fälle mußte durch die Vernehmung des Prinzen sich herausstellen, ob die Angeschuldigte eine Diebin oder die Frau von Waldheim eine falsche Anklägerin war.

Ich konnte gleichwohl sofort nichts weiter veranlassen. Den Prinzen konnte ich nicht wohl vernehmen, bevor die Angeschuldigte bestimmte Thatsachen, über die er Auskunft ertheilen solle, angegeben hatte. Erst, wenn sie diese verweigerte, durfte ich ihn blos allgemein befragen. Ich mußte sie also vorher noch einmal verhören, und dies sofort zu thun, erlaubte ihr Zustand nicht. Ich beschloß daher, für den heutigen Tag in der Sache nichts mehr zu veranlassen.

Aber es kam anders.

Ich hatte sie des Vormittags verhört. Ich hatte darauf meine übrigen Arbeiten auf dem Criminalgericht erledigt und stand im Begriff, mich zu Mittag nach Hause zu begeben, als mir noch die Majorin von Waldheim gemeldet wurde. Sie konnte mir neue Mittheilungen für die Untersuchung zu machen haben. Es kam mir auch auf einmal der Gedanke, ihr in Betreff des Prinzen eine Frage vorzulegen, um zu beobachten, welchen Eindruck die Nennung des Namens auf sie machen werde, um danach meine weiteren Fragen an die Angeschuldigte einrichten zu können.

Ich ließ sie vorkommen.

Sie trat mit einer Ruhe ein, die mir mehr eine gemachte zu sein schien.

„Ich komme blos,“ hub sie an, „mich zu erkundigen, ob die Person auch jetzt noch kein Geständniß abgelegt hat?“

Feines Gefühl zeigte diese Frage nicht. Zu einer weiteren Conjunctur konnte sie mich nicht berechtigen, einen wie unangenehmen Eindruck sie auch auf mich machte.

„Nein,“ antwortete ich kalt.

„Was hat sie denn gesagt?“ fragte die Dame nun rasch weiter.

„Gnadige Frau,“ erwiderte ich ihr, „meine amtliche Stellung verbietet mir, wenigstens für den Augenblick, Ihnen darüber Auskunft zu ertheilen.“

Sie blieb ruhig.

„Ah, entschuldigen Sie, Herr Criminalrath.“

„Indeß,“ fuhr ich fort, „einen Punkt darf ich Ihnen jetzt gleich mittheilen. Die Angeschuldigte hat sich auf das Zeugniß des Prinzen Ottokar berufen.“

War vorhin die Angeschuldigte, als sie den Namen aussprach, einer Ohnmacht nahe gewesen, so flog die Frau von Waldheim, als sie den Namen hörte, plötzlich in die Höhe, gleich einer wüthenden Schlange, die auf ein Opfer losstürzen will.

[127] „Ha, die freche Person!“ rief sie.

Dann wurde aber auch sie leichenblaß.

„Was hat sie von dem Prinzen gesagt?“ fragte sie dringend, heftig, unruhig. „Was soll er ihr bezeugen?“

„Ich erwartete von Ihnen Auskunft darüber.“

„Von mir? Sie hat also noch nichts gesagt?“

„Können Sie mir in der That keine Auskunft geben?“

Sie sann über etwas nach.

„Nein,“ sagte sie dann schnell. „Mein Herr, ich empfehle mich Ihnen.“

Ehe ich weiter ein Wort an sie richten konnte, war sie zur Thüre hinaus.

Auch diese Frau so aufgeregt, blos bei der Nennung jenes Namens!

Eins glaubte ich klar zu sehen: eine weibliche Herzenseifersucht war im Spiele.

Desto neugieriger war ich auf die Lösung der übrigen Räthsel durch den Mund des Prinzen.

Ich sollte auf sie verzichten.

Noch an demselben Abende wurde mir durch den Präsidenten des Criminalgerichts ein Cabinetsschreiben zugestellt, welches kurz den Befehl enthielt:

„Das Verfahren gegen die Rosalie Heisterberg wegen Diebstahls wird niedergeschlagen. Die Angeschuldigte ist Angesichts dieses aus der Haft zu entlassen.“

Ich vollzog auf der Stelle die Entlassung der Angeschuldigten.

Amtlich hatte ich keine Veranlassung, sie noch zu sprechen. Außerordentlich mochte ich es um so weniger, als es wie eine unpassende Neugierde ausgesehen hätte. Wollte sie mich sprechen, etwa in Beziehung auf die Begünstigungen, die ich ihr während ihres Arrestes hatte zu Theil werden lassen, so konnte sie sich zu mir führen lassen; ich war auf dem Criminalgerichte.

Sie kam nicht zu mir.

Ich hörte auch längere Zeit nichts wieder von ihr.

Die Residenz hatte sie sofort am folgenden Morgen verlassen.

Auch die Frau von Waldheim hatte ich später nicht wieder gesehen; und gehört habe ich nur von ihr, daß sie bald nach jenen Begebenheiten gleichfalls die Residenz verlassen habe, aus welcher Veranlassung, ist mir nicht bekannt geworden.

Gleichwohl sollte ich später über Manches noch Auskunft erhalten. Zuerst Folgendes:

Die Heisterberg hatte die Bücher, welche am Morgen nach ihrer Verhaftung jener kränkliche junge Mensch mir für sie übersandt hatte, bei ihrer Entlassung durch den Gefängnißinspector zu mir in meine Wohnung geschickt, mit dem Bemerken, sie würden von mir abgeholt werden. Sie waren nicht abgeholt worden.

Ich hatte auch durch mehrfache Erkundigungen, die ich freilich nicht mehr amtlich und nur noch unter der Hand anstellen konnte, von dem jungen Mann nichts weiter in Erfahrung gebracht.

So war etwa ein Vierteljahr nach jener Untersuchung verflossen, als ich eines Tages den Besuch einer entfernten Verwandtin aus der Provinz erhielt. Es war eine ältliche Dame. Sie war in tiefer Trauer, denn sie war vor wenigen Wochen nach der Residenz gekommen, um nach kurzem Wiedersehen ihren einzigen Sohn zu begraben, der hier seinen Studien gelebt hatte und an der Auszehrung gestorben war. Sie besuchte mich hauptsächlich in der Absicht, bezüglich einiger seinen Nachlaß betreffenden Punkte meinen Rath einzuholen.

Während der Unterhaltung hatte sie zufällig einen Blick auf jene Bücher geworfen, die uneingepackt in meiner Stube auf einem Tische lagen. Sie hatten alle den gleichen Einband.

Sie wurde unruhig, stand auf und besah die Bücher näher. Sie öffnete eins, ein zweites, die andern und sah vorn nach dem Blatte, auf welchem der Name des Eigenthümers zu stehen pflegt. Das Blatt war aus allen Büchern herausgeschnitten.

„Wie kommen die Bücher hierher?“ fragte sie mich.

„Sie kennen sie?“

„Wenn mich nicht Alles täuscht, so haben sie meinem verstorbenen Sohne gehört. Er hat sie von Hause mit hierher genommen.“

„Wie sah Ihr Sohn aus?“

Sie beschrieb mir ganz den jungen Mann, der am Abend der Verhaftung der Heisterberg bei mir gewesen war.

Ich erzählte ihr, wie die Bücher zu mir gekommen waren. Es war kein Zweifel mehr, jener junge Mann war ihr verstorbener Sohn gewesen.

Und –

Der Sohn hatte der Mutter noch kurz vor seinem Tode ein Geheimniß entdeckt.

Wie die meisten Schwindsüchtigen, hatte er, je näher dem Tode, je mehr Lebenszuversicht gehabt. Alle seine Gedanken waren auf eine theure Geliebte gerichtet gewesen. Rosa von Heisterberg hatte sie geheißen. Er hatte sie mit der heißesten Liebe geliebt. Sie hatte ihn geliebt. Ihre Liebe habe, durch eigenthümliche Verhältnisse der Geliebten, die er auch der Mutter nicht entdecken dürfe, vor der Welt ein Geheimniß bleiben müssen. Die Geliebte habe ihm deshalb, nachdem sie plötzlich die Residenz verlassen, nicht einmal Nachricht von sich geben dürfen. Aber binnen Jahresfrist noch werde er, ihrem festen Versprechen gemäß, Briefe von ihr erhalten, und die Erlaubniß, zu ihr zu kommen, um sich auf immer mit ihr zu verbinden.

Das erzählte mir die Mutter; mehr wußte sie nicht.




Zwei Jahre später erhielt ich eines Tages ein Schreiben mit dem Poststempel Amsterdam. Ich öffnete es. Es war aus Batavia und mußte von dort in einem Paquet nach Amsterdam geschickt sein, um es hier an mich auf die Post zu geben.

Es war „Rosa Heisterberg“ unterzeichnet. Ich erkannte ihre Schrift. Eine schwache, vielleicht zitternde Hand hatte sie geschrieben. Das Schreiben lautete:

 „Mein Herr!

„Ich schreibe Ihnen aus meiner Heimath. Hier, wo meine Wiege stand, werden sie mir in wenigen Tagen auch mein Grab graben. Die Krankheit dieses Klima’s rafft mich dahin.

„Aber ich kann nicht scheiden, ohne eine schwere Pflicht erfüllt zu haben. Theils legt die Dankbarkeit mir diese auf; Sie, mein Herr, haben in schweren Stunden mir wohlgethan, während ich Sie betrog, mich nicht einmal verdammt, während ich selbst mich verdammen mußte. Noch mehr fordert mein Gewissen ein Bekenntniß der Wahrheit von mir.

„Mein Vater war hier einst ein sehr reicher und sehr angesehener Kaufmann. Ich genoß, bei glücklichen Anlagen und großem Lerntrieb, eine ausgezeichnete Erziehung hier, später in einer Pension zu Paris. Als ich hierher in mein elterliches Haus zurückgekehrt war, starb bald nachher meine Mutter, dann mein Vater. Mein Vater starb arm. Großer Aufwand einerseits und unglückliche Speculationen andererseits hatten ihn banquerott gemacht.

„Ich war an ein großartiges Leben gewöhnt. Ich hatte meine Zukunft nur voll glänzender Aussichten geträumt. Auf einmal war ich eine Bettlerin und in dem Lande, in dem nur Geld einen Werth hat, eine verachtete Bettlerin. Als solche wollte eine hochmüthige Tante mich aufnehmen. Ich konnte nicht hier bleiben. Meine ehrgeizigen Pläne, jetzt gebaut auf meine Gestalt, meine Kenntnisse und besonders auf die Unbekanntschaft mit meinen Verhältnissen überall anderswo als auf Java, trieben mich wieder nach Europa. Ich suchte dort mein Glück. Aber ich hatte nicht auf die Wahrheit und auf ein einfaches, reines Herz gerechnet. Ich fand keine Existenz, als die einer fahrenden Abenteurerin.

„Als solche kam ich auch nach –. Nicht ohne Absicht. Ich hatte von dem Prinzen Ottokar gehört, daß er ein liebenswürdiger Mann mit einem leicht entzündlichen Herzen sei. Ich dachte nicht an die Anknüpfung eines ehrlosen Verhältnisses, aber ich leugne es nicht, ich wollte Eindruck auf ihn machen und durch ihn mir eine Stellung in der Gesellschaft erringen. Um in seine Nähe zu kommen, trat ich als Gesellschafterin in das Haus der Frau von Waldheim. Ich entdeckte hier bald ein geheimes Verhältniß zwischen dem Prinzen und der Waldheim. Mein Verlangen, den Prinzen zu fesseln, wurde dadurch um so lebhafter. Es gelang mir. Der Prinz durfte mit der Waldheim nicht sogleich brechen, Sie ahnte gleichwohl. So wurden wir Rivalinnen, die eine der andern den Rang abzulaufen suchten, die sich auf den Tod haßten, die sich gegenseitig vernichten mußten.

„Zur Durchführung meiner Rolle gehörten mehr Mittel, als mir rechtmäßig zu Gebote standen. – Ich wurde Verbrecherin, gemeine Verbrecherin.

[128] „Aber nicht in jenem Umfange, in welchem die Waldheim gegen mich denuncirte. Auch ihre Mittel waren erschöpft. Sie hatte Schulden: sie wurde von ihren Gläubigern gedrängt. Um sie zu befriedigen, mußte sie ihren Schmuck veräußern. Sie selbst durfte das nicht, ohne compromittirt zu werden. Von keinem ihrer Bekannten erwartete sie Verschwiegenheit. Nur mir glaubte sie vertrauen zu dürfen. Sie hatte darin Recht. War ich auch ihre Nebenbuhlerin, sie wußte, daß mein Stolz es nie zugeben werde, mich zu ihrer Verrätherin zu machen.

„Aber mein Stolz konnte mich nicht verhindern, sie zu betrügen. Sonderbarer Widerspruch! – Ich brachte ihr nur die Hälfte von dem Erlöse für ihren Schmuck.

„Sie entdeckte das bald. Sie gerieth in Wuth; aber sie war in meiner Gewalt. Sie durfte keinen Eclat machen. Bei Gelegenheit eines neuen Rencontre vergaß sie die Klugheit. Sie rief die Hülfe der Polizei herbei, und denuncirte mich wegen der Juwelen. Freilich durfte sie, um sich nicht auch jetzt noch zu compromittiren, mich immer nur als Diebin darstellen.

„Sie hatte indeß eins dabei vergessen oder nicht beachtet.

„Der Prinz Ottokar hatte sie eines Abends überrascht, als sie eben ihren – schon falschen – Schmuck besichtigte. Er hatte scherzend die Steine in die Hand genommen, um sie damit zu schmücken; dabei war ihm ihre Unechtheit aufgefallen. Sie hatte seinen mißtrauischen Blick gewahrt und ihm rasch den Schmuck entrissen. Aber es war eine peinliche Stille eingetreten.

„Der Prinz hatte mir das mitgetheilt und seinen Verdacht, daß die Waldheim die echten Steine veräußert habe.

„Ich berief mich in der Untersuchung, um die falsche Denunciation der Waldheim gegen mich klar zu stellen, auf das Zeugniß des Prinzen. Es war peinlich für mich; der Prinz wurde dadurch blosgestellt und auch mein Verhältniß zu ihm wurde dadurch vernichtet. Aber ich mußte. Durch das Zeugniß war auch die Waldheim als falsche Denunciantin gebrandmarkt. Daher für alle Theile das Interesse, daß die Untersuchung niedergeschlagen wurde.

„Ich mußte von – scheiden.

„Ich schied mit schwerem Herzen, aber auch gebessert.

„Ich hatte in – die Liebe kennen gelernt. Sie war es auch, die die Verbrecherin rein von jeder sinnlichen Unthat hielt. Ein edler junger Mann liebte mich, ich liebte ihn wieder. Er liebte mich mit der ganzen Reizbarkeit des Unglücklichen, dem das Herz in einer kranken Brust schlägt.

„Ich liebte ihn mit jener eigenthümlichen Macht der Liebe zu einem Unglücklichen. Und dann – seine edle, reine Liebe zog mich zu ihm empor, hob mich empor. Er konnte nicht lange mehr leben. Er hielt mich für gut, für eben so edel und rein, wie er selbst war. Mit diesem Gedanken mußte er sterben.

„Wie glücklich machte mich der Gedanke! Wie glücklich war ich bei ihm!

„Meine Liebe hatte früher meinen Leichtsinn und meine abenteuerlichen Pläne nicht besiegen, selbst jene Verbrechen nicht verhindern können. Der Haft entlassen, der Gefahr, als Verbrecherin gebrandmarkt zu werden, entronnen, kam ich zu einem festen Entschlusse. Ich wollte des braven jungen Mannes würdig werden. Besitzen konnte ich ihn nicht. Aber die Buße macht würdig.

„Ich kehrte in meine Heimath zurück, als Bettlerin, als demüthige Bettlerin zu meinen stolzen Verwandten.

„Das ungesunde Klima hat den Körper, dessen Lebenskeim längst zerstört war, rasch verzehrt. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, habe ich ausgelitten.

„Empfangen sie nochmals meinen Dank, mein Herr, und schenken Sie mir Ihre Verzeihung.

Rosa Heisterberg.“ 




Blätter und Blüthen.


Der von Christian Schad herausgegebene deutsche Musenalmanach für 1858 verdient wegen seiner innern und äußern Ausstattung warme Empfehlung. Die Liebhaber der deutschen Lyrik – und ihrer sind verhältnißmäßig immer viele in unserm eigentlich verherrschend lyrisch gestimmten Volke – werden vielfache Befriedigung und Erhebung darin finden. Es fehlen wenige von den besten Namen, und Alle haben sich würdig betheiligt. Allgemeine Unterstützung derer, welche ein volles Herz für deutsche Dichtkunst haben, verdient der große und schöne Zweck dieses Musenalmanachs: den allezeit im Volke ruhenden poetischen Schatz in Sang und Sage zu heben, in volksthümlicher Weise zum Bewußtsein und zur Darstellung zu bringen, und damit der ganzen Nation nicht nur einen intellectuellen Gewinn zu sichern, sondern auch einen lautern Genuß zu bereiten und fortzuerhalten. Und mit welchem Eifer strebt das schöne Buch von Jahr zu Jahr mehr der Erreichung dieses erhabenen Zweckes zu!




Zeichen der Zeit. Ein Petersburger Buchhändler fordert alle Verleger von Schriften über: Bauernverhältnisse – Bauernrechte – Aufhebung der Leibeigenschaft und besonders über den historischen Gang der Leibeigenschaft etc. dringend auf, ihm Probeexemplare einzusenden – der Bedarf für die nächste Zeit werde ein nicht unbedeutender sein. Gott sei Dank – endlich!




Gerstäcker bedient sich bei seiner Correspondenz eines den Reisenden sehr bezeichnenden Petschaftes. Sein Siegel trägt die Inschrift: „Rast’ ich, so rost’ ich.“ – Deshalb auch alle vier oder fünf Jahre eine Weltfahrt.




Von Adolf Schults’ Gedichten, aus denen wir neulich das sinnige Gedicht entnahmen: „Abends, wenn die Kinder mein,“ ist vor Kurzem die dritte Auflage erschienen.




Allgemeiner Briefkasten.

H. B. K. in Mgdbg. Als Scherz nicht witzig genug und als ernsthaft gemeinte Reclame – zu spaßig!

C. K. in Krems. Mit Prämien befassen wir uns nicht. Wenn Sie selbst fühlen, daß unsere Zeitschrift dergleichen naive Vertriebsmanipulationen nicht bedarf, weshalb petitioniren Sie um ein „Bildchen“?

C. v. G. in Berlin Bedauere, keinen Gebrauch davon machen zu können.

Ludw. Wittig in ? (Nordamerika). Ihr Artikel über die „Negerpoesie“ ist im „Magazin für Literatur des Auslandes“ abgedruckt und bitten wir nunmehr um Ihre genaue Adresse, damit Abdruck und Honorar Ihnen zugehen können.

A. v Stg. in Dr. Wann erhalten wir die versprochenen Mittheilungen?

W. in W. Also nur wenn wir ein Gedicht aufnehmen, werden Sie der Gartenlaube gedenken? Sehr gütig! Wir danken für diese Lobhudel-Assecuranz auf Gegenseitigkeit gegründet!

Htkp. in Elberfeld. Wir haben weder im Märzheft eine Mittheilung über Münchner Preisaufgaben gebracht, noch können wir Ihnen Auskunft über den Namen des Preisgekrönten geben.

Moritz Herzog in Pesth. Wenigstens franco hätten Sie doch Ihre gereimten Beiträge für den Papierkorb senden können! Wenn man über die Namenschiffre (W. J.)des Briefpapiers eine Grafenkrone setzt, sollte man doch so bürgerlich anständig sein und die Maculaturproben frankiren.

H. A. in Chemnitz. Ihre Bestrebungen sind sehr löblich und werden sicher auch reussiren.

H. v. G. in B. Ihre Vermuthung ist richtig: Rosa Heisterberg ist keine erfundene Geschichte, sondern beruht auf Thatsachen, die im Jahre 184* die ganze Residenz in Aufregung versetzten. Wenn der Herr Verfasser aus Rücksichten für gewisse Persönlichkeiten dem Schlusse die Pointe abbrach und Manches verschwieg, was zur Aufklärung des Ganzen dienen konnte, so werden Sie am allerwenigsten diese Rücksichtsnahme verdammen, selbst wenn die Befriedigung Ihrer Neugierde darunter leiden sollte. Ob die letzte Zuschrift des jedenfalls geistreichen und interessanten Mädchens wirklich aus Batavia oder aus dem – Zuchthause kam – wir haben kein Recht, darüber Auskunft zu geben, und dürfen nur versichern, daß Rosa Heisterberg weniger schuldig war, als es den Anschein hat.




Die plastische Kohle
und deren Verwendung für wissenschaftliche, industrielle und Gesundheitszwecke.

Die in Nr. 43 der Gartenlaube vorigen Jahres gemachte Mittheilung über diese deutsche Erfindung in London hat so viel Interesse in allen Theilen Deutschlands erregt, daß eine große Menge Briefe und Anfragen darüber eingingen, die nicht alle einzeln beantwortet werden konnten. Wir bitten daher Interessenten, sich behufs geschäftlicher Angelegenheiten über chemische und mechanische Wasser-, Oel- u. s. w. Filtrirung im Großen oder Kleinen mit den plastischen Kohlen-Apparaten des Herrn Bühring in London, wegen galvanischer Platten, Schmelztiegel, Desinfections-, Kühl-, Ventilations- und sonstiger Apparate aus plastischer Kohle an den Erfinder in London zu wenden. Seine Adresse ist:

„Mr. Bühring, 91 Pratt street, Camden Town, London N. W.“

Einige Apparate sind an den Verleger der Gartenlaube, Herrn Ernst Keil in Leipzig, unterwegs, wo sie von Interessenten, die in der Nähe wohnen oder Leipzig besuchen, besichtigt werden können. Nähere Mittheilungen über die Bedeutung und den Umfang dieser Erfindung für allerhand wissenschaftliche, industrielle, technische, künstlerische und Gesundheitszwecke werden bald in der Gartenlaube gemacht werden.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Wir freuen uns, den Lesern der Gartenlaube eine wirklich gute und getreue Abbildung der Steinböcke bieten zu können. Die bis jetzt existirenden sind fast sämmtlich nach ausgestopften Exemplaren gezeichnet, und lassen alles Charakteristische dieser kräftigen Geschöpfe vermissen, die übrigen aber nach den lebenden Exemplaren copirten Abbildungen sind in der Ausführung mehr als mangelhaft.
    D. Red.