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Die Gartenlaube (1858)/Heft 29

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[413]

No. 29. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Der erste Fall im neuen Amte.
Vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
(Fortsetzung.)


Ein Verdacht gegen den Ehemann der Verstorbenen mußte unter den angeführten Umständen mindestens angeregt sein. Bei mir um so mehr, als ich immer wieder an den Fremden in dem Wirthshause an der hannoverschen Grenze denken mußte.

Die Leiche befand sich in einer auf den Hof führenden Kammer des Hauses.

Der Arzt hatte nur kurze Zeit gebraucht, mich herbeizurufen. Der Kreischirurg hatte unterdeß den Mahler in der Stube zu halten gewußt. Wie er nachher mittheilte, hatte Mahler sich zwar äußerlich ruhig gezeigt, ihn aber doch zweimal mit einer Gleichgültigkeit, die desto verdächtiger erscheinen mußte, gefragt, ob nichts Verdächtiges in der Leiche aufgefunden sei. Der Chirurg hatte es verneint.

Ich vergesse nie den Moment, als wir in die Stube eintraten. Als die Thür sich öffnete, fiel mein erster Blick auf den Fremden in jenem hannoverschen Wirthshause. Ich erkannte ihn auf der Stelle. Es war der Fleischermeister Mahler. Er stand am Fenster, und wandte sich nach der Thür, als diese geöffnet wurde.

Ich hatte absichtlich den Kreisphysikus zuerst eintreten lassen; ihm folgte ich. Ich konnte so besser beobachten.

Mahler sah mit unruhig forschendem Blick den zurückkehrenden Arzt an.

Dann sah er auf einmal mich.

Sein Gesicht wurde kreideweiß. Er griff mit der einen Hand nach seiner Brust, als wenn er den Tod dort fühle. Mit der andern faßte er nach der Fensterbank; er mußte sich fest halten, wollte er nicht umfallen.

Hinter mir traten die Beamten des Criminalgerichtes ein, die er kannte. Es konnte ihm auch nicht mehr zweifelhaft sein, wer ich sei. Er warf einen Blick fürchterlicher Wuth auf die Leiche, die mitten in der Stube auf einem Tische lag. Es war der Blick des Mörders, der seinem Verräther tödtliche, vernichtende Rache droht. So psychologisch merkwürdig und doch so psychologisch wahr!

Das Alles hatte keine drei Secunden gedauert. Ich hatte in diesen drei Secunden eine schreckliche Ueberzeugung gewonnen. Sie drückte mich doppelt, denn sie war meine menschliche Ueberzeugung; ich mußte mich hüten, sie dem Criminalrichter aufzudrängen. Das hält schwer.

Indeß, Mahler war kein gewöhnlicher, wenigstens kein schwacher, charakterloser Verbrecher. Er hatte sich in einer Secunde gefaßt. Sein Gesicht war nur noch weiß; bleich war es immer. Aber er stand aufrecht, fest und er sah mit seinem gewöhnlichen melancholischen Blicke auf die Leiche, auf uns. Ich mußte ihm das gerichtliche Einschreiten und dessen Grund ankündigen.

„Nach der Anzeige des Kreisphysikus haben in der Leiche Ihrer Frau sich Spuren gezeigt, die den Verdacht einer Vergiftung begründen. Dadurch wird die gerichtliche Section der Leiche und weitere gerichtliche Untersuchung, auch Ihre Vernehmung nöthig. Sie werden anwesend bleiben und über Alles, wonach ich Sie befragen werde, vollständige Auskunft geben.“

Er hatte sich einmal gefaßt, und blieb vollkommen gefaßt. Keine Miene seines Gesichts veränderte, kein Glied seines Körpers bewegte sich. Er blieb nur bleich und melancholisch, wie ich ihn schon in jenem Wirthshause gesehen hatte.

Ich begann die gerichtliche Handlung mit der äußern Besichtigung der Leiche, und ließ dann die Oeffnung derselben fortsetzen. Ueber die Vergiftung blieb kein Zweifel. Schlund, Magen und Darmcanal zeigten sich in einer Weise entzündet, selbst brandig, die bewies, daß die Verstorbene eine ungewöhnliche, wie der Arzt sich ausdrückte, eine „unsinnige“ Masse von Gift müsse genossen haben. Auch die Species des genossenen Giftes ließ sich schon bei der Section selbst erkennen. In der Regel kann sie bei mineralischen Vergiftungen erst durch die künstliche Anwendung chemischer Reagentien dargestellt werden. Allein in dem Körper der Frau fand sich das erkennbare Gift offen vor. Bei seiner Auffindung verrieth Mahler noch einmal die ungeheure Angst seines Innern. In dem Magen hatten sich mehrere feste Körnchen vorgefunden. Wir besahen sie genau, aber schweigend. Schon dies war ihm unheimlich; sein Blick verlor den melancholischen Eindruck, und schweifte desto unsicherer umher.

Um unseren, meist nur durch Gebehrden ausgedrückten Verdacht, daß die Körnchen reiner Arsenik seien, zu verstärken, ließ ich eine brennende Kohle herbeibringen; auf die wurde eins der Körnchen gelegt; in demselben Augenblicke entwickelte sich der schneeweiße Dampf und der bekannte Knoblauchgeruch des Arseniks. Unsere Mienen verriethen unsere vollständige Ueberzeugung,

Mahler hatte unsere Operationen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit verfolgt. Als er bemerkte, wie wir mit jener Ueberzeugung uns ansahen, erschien er wieder einen Augenblick innerlich vernichtet. Nur durch ein gewaltsames Aufschlucken konnte er sich Luft verschaffen.

Es war schon dunkel geworden, als die vollständige Obduction der Leiche beendigt war. Das zu Protokoll gegebene Gutachten der Aerzte sprach entschieden als Ursache des Todes der Ehefrau [414] Mahler Vergiftung durch Arsenik aus. Der Thatbestand des Verbrechens stand fest.

Es kam nun darauf an, den Thäter, den Verbrecher zu ermitteln und zu überführen.

Zu ermitteln? War nicht in dem eigenen Manne der Vergifteten der Thäter bereits ermittelt?

Ich mußte auch als Criminalrichter wenigstens an das anknüpfen, was auf meine menschliche Ueberzeugung so tief eingewirkt hatte.

Das Mahler’sche Hauspersonal bestand nur aus dem Manne, dem dreizehnjährigen Dienstmädchen und jener Nichte, die Mahler in der Nacht vor dem Tode seiner Frau heimgebracht hatte.

Durch die ausführliche, sorgfältige Vernehmung zunächst dieser Personen, und sodann der Nachbarin, der Wittwe Kühl, die während der Krankheit und beim Tode der Frau im Hause gewesen war, mußte der Weg zur Auffindung der Wahrheit betreten werden; ein ungewisser, dunkler, schwieriger Weg.

Mahler war ein kalter, besonnener, fester Mann und, wenn der Thäter, einer von jenen Verbrechern, an denen alle ehrlichen Mittel der Inquirenten zur Erforschung der Wahrheit scheitern. Zu unehrlichen konnte ich nicht schreiten.

Das Dienstmädchen war ein Kind, unbefangen, arglos, beschränkt. Die Nichte hatte ich noch nicht gesehen. Sie war, als ich in das Mahler’sche Haus kam, ausgegangen, man wußte nicht, wohin. Sie war während meiner Anwesenheit dort nicht zurückgekehrt.

Hatte ich sie wirklich noch nicht gesehen? Mahler hatte diese Nichte in der vorhergehenden Nacht mitgebracht. Er war in derselben Gegend gewesen, wo ich an der hannoverschen Grenze das hübsche Mädchen mit den schwarzen Augen von dem Burschen hatte Abschied nehmen sehen. Sie hatte von einer Reise mit ihrem Oheim gesprochen. War die Nichte Mahler’s jenes Gretchen? Der Bursche des Mädchens hatte sich vor dem Zuchthause zu fürchten.

Mit der Vernehmung der sämmtlichen genannten Personen mußte ohne allen Verzug verfahren werden, bevor sie unter sich oder mit anderen irgend eine Rücksprache nehmen konnten.

Den Mahler nahm ich sofort selbst mit zum Gebäude des Inquisitoriats. Das Dienstmädchen ließ ich durch einen Criminalboten hinführen. Andere Criminalboten ließ ich als Wache im Hause zurück mit der Anweisung, die Nichte, sobald sie zurückkehre, zum Gerichte zu führen. Die Nachbarin war schon vorher dahin bestellt. Sämmtliche Personen wurden dort getrennt und unter Aufsicht von Beamten untergebracht.

Ich begann mit der Vernehmung Mahlers. Je weniger ich bei seinem Verhör von der Sache wußte, desto unbefangener war ich dabei, desto mehr ließ er also auch sich gehen, desto eher war er, wenn schuldig, zum Vorbringen von Unwahrheiten geneigt; und jede Unwahrheit von seiner Seite war ein erheblicher Schritt zu seiner Ueberführung.

Er trat mit seiner vollen Ruhe, Kälte und Besonnenheit in das Verhörzimmer. Er hatte mir nicht viel zu sagen. Aber was er sagte, sprach er klar und dem Anscheine nach mit voller Offenheit, ohne allen Hinterhalt. So fast bis zum Ende des Verhörs.

Er war in der vorgestrigen Nacht von einer mehrtägigen Reise durch das Land zurückgekehrt. Seine Reise hatte den Ankauf von Schlachtvieh von den Bauern zum Zweck gehabt. Er war bis an die hannoversche Grenze gekommen. Bei seiner Rückkehr hatte er seine Frau unwohl gefunden. Wie schon seit Jahren öfters, hatte sie an Erbrechen gelitten. Sie hatte sich immer durch Hausmittel geholfen und durch Rhabarber, den sie aus der Apotheke holen ließ. Sie hatte dieselben Mittel auch diesmal angewandt, und auch er hatte den gewohnten Erfolg von ihnen gehofft. So war er schon des Morgens früh seinen Geschäften nachgegangen; um so weniger beunruhigt, da er sie unter der Pflege ihrer Nichte zurückließ. Auch auf die Hülfe der Nachbarin Kühl durfte er, wie in früheren Fällen, rechnen. Erst zu Mittag war er zurückgekommen. Der Zustand der Kranken hatte sich bedeutend verschlimmert. Er hatte davon gesprochen, zum Arzt zu schicken. Sie hatte es entschieden nicht gewollt. Nach Tisch hatte er wieder ausgehen müssen. Vor acht Uhr Abends hatte er nicht zurückkehren können. Sie hatte unterdeß fürchterlich gelitten. Bei seiner Ankunft aber war sie ruhig. Es war wohl nur Erschöpfung, wie er sich, aber erst später, überzeugen mußte. Seine Geschäfte erforderten sein nochmaliges Ausgehen. Als er um elf Uhr in der Nacht wieder kam, kämpfte sie schon mit dem Tode. Er hatte noch jetzt zum Arzt schicken wollen, obwohl er keine Hülfe mehr sah. Aber auch die Frau Kühl hatte ihm vorgestellt, wie völlig fruchtlos dies sei, und sie hatte ihn gebeten, die Sterbende nicht zu verlassen. Nach einer Viertel- oder halben Stunde war sie verschieden.

Am andern Morgen schon, gleich nach sechs Uhr, hatte er seinen eigenen und den Verwandten der Frau Mittheilung von dem Todesfalle gemacht. Um neun Uhr war sein Schwager, der Fleischermeister Kopp, zu ihm gekommen, hatte ihm gesagt, in der Stadt spreche man davon, daß seine Frau vergiftet sei, und hatte ihn aufgefordert, um die Sache klar zu stellen, die Leiche durch den Kreisphysikus seciren zu lassen. Er sei gleich dazu bereit gewesen, obwohl er die Entstehung des Gerüchts nicht habe begreifen können. Mit seiner Frau habe er immer in Frieden gelebt. Sie sei zwar älter gewesen, als er, auch schwächlich und sehr oft kränkelnd; ihre Ehe sei ohne Kinder geblieben. Er habe sie dennoch geachtet und geliebt, wie eine brave Frau das verdiene.

Das Alles erzählte er, wie gesagt, offen, mit allen Anzeichen der Wahrheit.

Ich fragte ihn nach der Nichte seiner Frau.

Sie hieß Gretchen Kopp, war achtzehn Jahre alt, die Tochter eines verkommenen und in Armuth gestorbenen Bruders seiner Frau. Diese hatte das Mädchen als Kind zu sich genommen; allein das Mädchen hatte einen eigensinnigen und etwas trotzigen Charakter gezeigt, hatte sich daher mit ihrer Tante nicht vertragen können und vor etwa einem halben Jahre sein Haus verlassen, um in der Nähe der hannoverschen Grenze bei entfernten Verwandten in Dienst zu treten. Hinterher hatte es seiner Frau leid gethan, daß ihre Nichte doch eigentlich bei fremden Leuten dienen müsse, und als sie vor einigen Tagen gehört, daß er zu der Grenze verreisen müsse, hatte sie ihn gebeten, das Kind wieder mitzubringen. Dies hatte er gethan.

Er erzählte auch dies offen, wahr.

Ich theilte ihm jetzt mit, daß Gift, Arsenik, in dem Körper seiner Frau gefunden sei. Er hatte die Mittheilung erwartet, nach Allem erwarten müssen. Sie ließ ihn ruhig.

„Ich hatte es schon gemerkt,“ sagte er, „als Sie in die Stube traten. Ich sah auch ein, warum Sie es mir nicht gleich sagten. Sie müssen einen Verdacht gegen mich haben. Ich kann nur nicht begreifen, wie dieser hat entstehen können.“

„Hat Ihnen Ihr Schwager nichts darüber gesagt?“

„Wie konnte er? Er hat mir ja nicht einmal zu verstehen gegeben, daß man mich in Verdacht hätte; er sprach nur von einem Gerüchte der Vergiftung.“

„Haben Sie auf Niemanden Verdacht?“

„Auf keinen Menschen.“

„Könnte Ihre Frau nicht durch Unvorsichtigkeit Gift genossen haben?“

„Ich könnte mir auch das nicht erklären.“

„Haben Sie keinen Arsenik im Hause gehabt?“

„Niemals.“

Bevor ich durch Vernehmung anderer Personen neuen Anhalt hatte, konnte ich mit ihm nicht weiter verhandeln. Ich ließ ihn in ein besonderes Zimmer unter Aufsicht von Beamten abtreten. Es durfte dort Niemand zu ihm.

Sein Verhör hatte nicht das Geringste dazu beitragen können, meinen Verdacht gegen ihn zu bestätigen. Er hatte keinen Augenblick Unruhe oder Verwirrung gezeigt; ich konnte ihn keines unwahren, keines zurückgehaltenen Wortes zeihen. Dennoch konnte ich mich des Verdachtes nicht entledigen.

Ich vernahm hierauf das Dienstmädchen. Von dem arglosen und beschränkten Kinde erhielt ich nur geringe Auskunft, und was sie wußte, bestätigte fast nur die Aussage ihres Herrn.

Die Frau war öfters krank gewesen. Als Mahler abgereist war, hatte sie sich wohl befunden. Am Abende vor seiner Rückkehr hatte sich aber wieder einer ihrer gewöhnlichen Krankheitsanfälle, Erbrechen, eingestellt. In der Nacht war Mahler mit der Nichte zurückgekommen. Der Zustand der Frau war bis zum Morgen der gleiche geblieben. Schon um sechs Uhr hatte sie das Mädchen in die Apotheke geschickt, ihr ein Rhabarberpulver zu holen. Mahler selbst hatte dies der Kranken eingegeben.

Nach dem Genusse des Pulvers hatte der Zustand der Kranken sich plötzlich und sehr verschlimmert. Diese beiden Umstände waren die einzigen neuen. Wie unerheblich sie zu sein schienen, ich mußte sie unwillkürlich besonders festhalten.

[415] Das Mädchen diente seit einem halben Jahre im Hause und hatte nie Unfrieden zwischen den Eheleuten bemerkt.

Auch die Wittwe Kühl konnte mir nichts wesentlich Neues mittheilen. Um acht Uhr des Morgens hatte sie gehört, daß ihre Nachbarin, die Frau Mahler, wieder krank sei. Sie hatte früher die Frau gepflegt, wenn diese unwohl war; Mahler hatte fast den ganzen Tag außer dem Hause und das Mädchen genug mit der Wirthschaft im Hause zu thun gehabt; so hätte die Kranke ohne die Nachbarin ganz allein liegen müssen. Sie hatte sich zu ihr begeben. Die Frau hatte auch diesmal ihr gewöhnliches Unwohlsein, aber in weit höherem Grade; sie selbst schob es darauf, daß sie in Abwesenheit ihres Mannes Fische gegessen, die sie nicht vertragen könne. Zu Mittag sei Mahler nach Hause gekommen und habe zum Arzte schicken wollen; die Frau habe sich entschieden dagegen gewehrt; sie werde es aus dem Fenster werfen, was der Arzt ihr verschreibe.

Mahler war sehr gut gegen seine Frau gewesen; er hatte ihr des Mittags Suppe an das Bette gebracht und des Abends um acht Uhr, als er nochmals nach Hause gekommen, eine Tasse Kaffee. Die Frau habe auch beide Male das Gebrachte genossen; es sei ihr aber nicht gut bekommen; sie habe sich jedes Mal stärker darnach erbrechen müssen.

Wieder dieselben, dem Anscheine nach so unbedeutenden Umstände, wie in der Aussage des Dienstmädchens, und mir dennoch so schwer wiegend!

Die Frau hatte in dem Tode der Frau Mahler nichts Auffallendes gefunden. Die Kranke, schon lange sehr schwächlich, hatte, wie sie meinte, das viele Erbrechen zuletzt eben nicht mehr aushalten können. Das Erbrechen war aber nun einmal schon immer ihr Leiden. War die Frau wirklich an Gift gestorben, so war ihr dies unerklärlich, und sie wußte in der Welt keinen Menschen, auf den sie einen Verdacht werfen könne.

Die Frau war völlig unverdächtig und ehrlich.

Ich hatte jetzt nur noch die Nichte zu vernehmen. Sollte sie das völlige Dunkel, das um mich herrschte, mir erhellen können?

Daß sie jenes hübsche, frische, fröhliche, liebende und geliebte Gretchen war, an dem ich in dem hannoverschen Grenzwalde eine so herzliche Freude gehabt hatte, konnte mir kaum mehr zweifelhaft sein. In welches traurige, schreckliche Drama war sie hier mitten hineingerathen!

Sollte gerade sie das Mittel zu der Entdeckung des unzweifelhaft vorliegenden schweren Verbrechens sein?

Sollte sie gar – der Fleischer Mahler hatte sie eigensinnig, trotzig genannt; ihr Geliebter war ein Mensch, der das Zuchthaus zu fürchten hatte – sollte sie gar selbst eine Rolle in diesem schrecklichen Drama spielen?

Sie war schon im Gerichtslocal und wartete auf ihre Vernehmung, abgesondert, wie die Anderen.

Als ich sie gerade wollte vorführen lassen, meldete sich der Fleischermeister Kopp, der Schwager Mahlers, den ich schon am Morgen befragt hatte. Ich ließ ihn sofort eintreten.

„Herr Director, es hat sich Gift in der Leiche meiner Schwester gefunden?“

„Ja, Arsenik.“

Der Mann war sehr aufgeregt; er konnte, in sichtlichem heftigen Kampfe mit sich selbst, kaum auf einer Stelle stehen bleiben.

„Sie haben etwas auf dem Herzen, Meister Kopp!“

Er faßte einen Entschluß; vielleicht nur einen halben.

„Herr Director, ich habe Ihnen heute Morgen nicht die volle Wahrheit gesagt.“

„Ich hoffe, Sie werden sie mir um so mehr jetzt sagen.“

„Es soll geschehen. Heute Morgen wußte ich ja noch nicht, ob meine Schwester wirklich vergiftet war, und ich durfte Niemandem zu nahe treten. Jetzt darf ich nun aber nichts mehr verschweigen.“

Er hatte einen vollen Entschluß gefaßt; man sah es ihm an; es mochte ihm schwer genug geworden sein. Er fuhr fort:

„Ich hatte Ihnen heute Morgen gesagt, daß Mahler gleich auf mein Zureden sich entschlossen habe, die Leiche seiner Frau öffnen zu lassen.“

„Das war nicht der Fall?“

„Nein. Erst als ich ihm drohete, vom Criminalgerichte die gerichtliche Oeffnung der Leiche zu verlangen, entschloß er sich, zum Arzte zu gehen. Und auch dabei war er in großer Angst.“

„Sie haben mir noch mehr zu sagen.“

„Ja. Von dem Gerüchte, daß Mahler seine Frau vergiftet habe, hatte ich nichts gehört; ich habe es nur vorgegeben.“

„Sie? Und was bewog Sie dazu?“

„Ich muß Ihnen Alles sagen. In dem Hause meines Schwagers diente früher ein Mädchen, Namens Louise Schmid. Sie mußte das Haus verlassen.“

„Warum?“

„Meine Schwester hatte darauf bestanden; sie war eifersüchtig auf das Mädchen.“

„Hatte sie Grund dazu?“

„Ich glaubte das damals nicht.“

„Wann war es?“

„Schon vor zwei Jahren.“

„Und jetzt –? Nach so langer Zeit –?“

„Das Mädchen lebt seitdem hier bei ihren Eltern. Sie leben gut; im Hause ist beinahe Ueberfluß; das Mädchen hat sogar Putzsachen, und kein Mensch weiß, woher die Leute das Alles nehmen. Ich habe Verdacht, daß mein Schwager die Familie unterhält und daher noch immer mit der Person in einem Verhältnisse steht.“

„Und worauf gründet sich Ihr Verdacht?“

„Das ist es eben; ich habe eigentlich gar keinen Grund dafür. Das Mädchen ist hübsch und sehr verschlagen. Mein Schwager ist ein eben so entschlossener wie verschlossener Mann. Die Leute leben im Ueberfluß und ich wüßte von keinem Menschen in der Welt, außer meinen Schwager, der sie unterstützen könnte.“

„In welchem Rufe steht die Familie Schmid?“

„Man weiß nur das von ihnen, was ich sagte.“

„Und das Mädchen besonders?“

„Ehe sie zu meinem Schwager in den Dienst kam, soll sie leichtfertig gewesen sein; seitdem weiß man nichts mehr von ihr zu sagen.“

„Wie lange war sie in dem Dienste?“

„Kaum ein halbes Jahr. Da wollte meine Schwester Vertraulichkeiten zwischen den Beiden bemerkt haben, und das Mädchen mußte aus dem Hause. Mein Schwager hatte sie hineingebracht.“

„Sie haben seitdem nichts von einer Verbindung Ihres Schwagers mit dem Mädchen gehört?“

„Nichts.“

„Ihr Schwager besucht das Haus nicht?“

„Ich habe nichts davon erfahren.“

„Man hat die Beiden niemals beisammen gesehen?“

„Niemals.“

„Sie müssen gestehen, daß das Alles Umstände sind, die weit mehr gegen, als für Ihren Verdacht sprechen.“

„Ich weiß das, und doch kann ich mich nicht frei von ihm machen.“

Es ging mir beinahe, wie dem Manne.

Ich ließ ihn in ein anderes Zimmer abtreten; es konnte sein, daß ich seiner noch bedurfte.

So sollte es sein.

Ich wollte jetzt die Nichte Mahlers vernehmen, wurde aber nochmals daran verhindert. Ein Criminalbote meldete mir, der Fleischer Mahler wünsche dringend, mich auf der Stelle zu sprechen. Ich ließ ihn sofort vorführen.

Er trat ruhig, kalt, aber doch mit einem eigenthümlichen Ausdrucke eines festen Entschlusses ein.

„Herr Criminaldirector, ich habe über Alles nachgedacht, und ich muß Ihnen etwas anvertrauen, so schwer es mir auch wird.“

Ich sah ihn erwartungsvoll, aber auch forschend, mißtrauisch forschend an. Daß er mir kein Geständniß abzulegen habe, zeigte dieses völlig allen Gefühls, namentlich aller Reue baare Gesicht. Er begegnete indeß meinem Blicke mit voller Festigkeit.

Er fuhr fort:

„Sie haben Arsenik in der Leiche gefunden?“

„Ja.“

„In Preußen kann man nur schwer Arsenik bekommen; nur aus den Apotheken und dann nur gegen einen Schein von der Polizei.“

„So ist es.“

„Aber im Hannoverschen ist man nicht so strenge.“

Wohin wollte er mit dieser Einleitung? Ich rieth vergebens hin und her.

[416] „Woher ist Ihnen dies bekannt?“ fragte ich ihn.

„Ich habe oft davon sprechen hören.“

„Von wem?“

„Wir Fleischer sprechen oft davon. Sie wissen, man mengt dem Vieh Arsenik unter das Futter; es wird fetter davon, bekommt ein besseres Aussehen.“

Ich schwieg.

Er machte eine Pause. Dann fuhr er fort:

„Sie fragten mich vorhin nach der Nichte meiner Frau.“

Ich schwieg wieder, konnte aber noch immer nicht errathen, wohin er wollte.

„Das hat mich auf sonderbare Gedanken gebracht. Das Mädchen wohnt dicht an der hannoverschen Grenze und ist oft über diese gegangen; sie hat auch drüben eine Bekanntschaft.“

Ich ließ ihn immer sprechen, ohne ihm zu antworten. Was er mir auch zu sagen hatte, er sollte es einzig und allein aus sich selbst heraussagen; um so objectiver konnte ich meinerseits seine Angaben würdigen.

Er sprach immer pausenweise und schien eine Bemerkung, eine Frage von mir zu erwarten; aber um so mehr beobachtete ich jenes Schweigen.

Er sprach weiter:

„Sie hat eine Bekanntschaft mit einem schlechten Menschen, der nicht nach Preußen zurückdarf. Der Mensch ist ein Verbrecher. Er hat auch das Mädchen auf schlechte Wege gebracht; schon hier, als sie bei mir im Hause war.“

Er machte eine längere Pause.

Ich sah ihn fragend an. Er schien mit sich zu berathen, ob er weiter sprechen solle.

„Weiter!“ sagte ich kurz.

Und nun fuhr er rascher und ohne sich wieder zu unterbrechen, fort:

„Das Mädchen zeigte leider keinen guten Charakter; sie war hart, roh gegen meine Frau, die ihre Tante und Wohlthäterin war; darum mußte sie auch aus dem Hause. Sie schied damals in Haß und Zorn und mit der Drohung von uns, wir sollten noch an sie denken. Meine Frau behielt sie dennoch lieb. Sie hatte ihr in ihrem Testamente fünfhundert Thaler vermacht; sie hat dies nicht zurückgenommen.“

Noch einmal machte er eine Pause. Dann sagte er langsam und die Worte betonend:

„Das Mädchen wußte von dem Vermächtniß; meine Frau hatte es ihr selbst gesagt.“

Er schwieg und sah jetzt seinerseits mich fragend an. Ich mußte sprechen.

„Haben Sie mir noch mehr mitzutheilen?“

„Ich wüßte für den Augenblick nichts.“

„Sie halten nach dem, was Sie mir sagten, Ihre Nichte der Vergiftung verdächtig?“

„Ich habe von keinem Verdachte gesprochen, Herr Director; aber ich hielt es für meine Pflicht, Ihnen mitzutheilen, was ich wußte.“

„Warum haben Sie das Mädchen in Ihr Haus zurückgebracht?“

„Meine Frau hatte mich darum gebeten, und dann erfuhr ich auch, als ich in der Gegend war, wo sie diente, daß sie mit dem schlechten Menschen dort in einem fast täglichen Verkehr stehe.“

„Warum duldete ihre Herrschaft diesen Verkehr?“

„Sie mußte wohl, aus Furcht vor dem Menschen, der in der Gegend berüchtigt genug ist. An der Grenze ist solch’ Gesindel zu Allem fähig.“

„War das Mädchen bereit, Ihnen zu folgen?“

„Sogleich. Es ist mir hinterher aufgefallen.“

„Wie heißt jener Mensch?“

„Friedrich Beck. Er ist von hier.“

„Weiter haben Sie mir für jetzt nichts zu sagen?“

„Nein.“

Ich ließ ihn zurückführen.

Seine Angaben hatten doch Eindruck auf mich gemacht. Waren die Thatsachen, die er mittheilte, richtig, so berechtigten sie zu einem Argwohne gegen das Mädchen mindestens eben so sehr, als das Wenige, was gegen ihn vorlag, zu einem Verdachte gegen ihn.

Die Art und Weise, wie alle jene Verdachtsmomente vorgebracht waren, war zwar nicht geeignet. Vertrauen zu erwecken; aber das konnte überhaupt die Art und Weise dieses kalten, besonnenen, vorsichtigen Mannes sein.

Dazu kam: eine falsche Denunciation, nur eine falsche Insinuation gegen das Mädchen mußte sich leicht herausstellen und bildete dann sofort ein nicht unerhebliches Anzeichen gegen ihn. Als verständiger, sogar kluger und berechnender Mann, wie ich ihn nach Allem schon jetzt auffaßte, mußte er Beides sich selbst sagen.

Und dennoch, jenes frische, fröhliche Kind eine Giftmörderin? Es wollte und wollte mir nicht in den Sinn.

War ich aber in meinem vielbewegten Inquirentenleben nicht schon mehrfach in noch schlimmerer Weise ge- und enttäuscht worden? Ferner, mußte nicht der Mensch, der wider besseres Wissen das völlig unschuldige Kind als Mörderin anklagen konnte, ein so vollendeter Bösewicht sein, wie sie mir, was ich freilich auch schon davon gehört haben mochte, in jenem vielbewegten Leben noch nicht vorgekommen waren? Ich hatte wohl falsche Denunciationen erlebt, aber bis dahin nur entweder von sehr stupiden Verbrechern, oder von solchen, die durch die Kraft der gegen sie vorhandenen Verdachtsgründe und durch ihre eigenen Lügen und Widersprüche momentan völlig den Kopf verloren hatten. Ein Fall so vollendeter Bosheit, wie er hier vorliegen müßte, war mir bis jetzt fremd geblieben.

Ich mußte über das Mädchen nähere Auskunft haben, ehe ich zu ihrer Vernehmung schritt. Ich ließ ihren leiblichen Onkel, den Fleischer Kopp, wieder hereinkommen. Er war ein ordentlicher, einsichtiger Mann, von dem ich die Wahrheit erwarten konnte.

„Ihr Schwager Mahler hat bei seiner Rückkehr vorgestern Abend eine Nichte mitgebracht?“

„Ich habe es gehört.“

„Kennen Sie das Mädchen näher?“

Der Mann hatte die ersten Worte kurz, kalt gesprochen. Jetzt antwortete er mit einer gewissen scheuen Zurückhaltung.

„Ich habe das Mädchen wenig gesehen.“

„Sie ist doch auch Ihre Nichte?“

„Die Tochter meines verstorbenen Bruders. Aber mein Bruder führte kein gutes Leben; ich hatte deshalb keinen Umgang mit ihm; und nach seinem Tode nahm meine Schwester, die Mahler, das Mädchen zu sich.“

„Und wie betrug sie sich gegen Ihre Schwester?“

Es kostete dem Manne Ueberwindung, zu antworten.

„Es kommt mir sehr viel, Alles auf die vollständige Wahrheit an,“ bemerkte ich ihm.

Er überwand seine Bedenken.

„Wenn ich es Ihnen denn sagen muß – ich fürchte, auch das Mädchen ist aus der Art geschlagen, wie ihr Vater. Meine Schwester hat sich oft mit Thränen in den Augen über sie beklagt. Sie war ungehorsam, widerspenstig, wollte immer nur ihrem eigenen Willen folgen; dabei war sie heftig, jähzornig.“

„Sie mußte das Haus Ihrer Schwester verlassen?“

„Vor ungefähr einem halben Jahre. Es war nöthig, wenn endlich Friede im Hause sein sollte.“

„Das Mädchen hatte Bekanntschaft mit einem jungen Menschen gemacht?“

„Muß ich auch das sagen?“

„Es kommt mir auch gerade viel darauf an.“

Man sah es dem Manne an, wie er nur mit großem Widerstreben zu seinen weiteren Mittheilungen sich entschließen konnte.

„Ja, sie hatte eine Bekanntschaft. Hier lebte ein Bursch, der zu nichts Lust hatte, als zu unnützen Streichen; sein Vater war Executor beim Landrathsamte, darum ging dem Burschen auch Manches hin. Dieser fing mit meiner Nichte eine Liebschaft an, als er kaum neunzehn und sie noch nicht einmal vierzehn Jahre alt war. Das Mädchen war ganz vernarrt in den Jungen und nichts konnte sie von ihm abhalten; so wie sie ohne Aufsicht war, lief sie zu ihm, da er nicht zu ihr kommen durfte. Das war ein Hauptgrund mit ihres Ungehorsams gegen meine Schwester. Um Beide zu trennen, mußte sie fort. Der Zweck wurde aber nicht erreicht. Kaum war sie weg, so folgte er ihr. Hier machte er nichts, als dumme Streiche, und lebte aus seines Vaters Tasche. An der Grenze ist er ein berüchtigter Schleichhändler geworden.“

[417]
Album der Poesieen.
Nr. 18

Die Frauenhand.

Als der Herr der Welt den Menschen
Einst aus Edens Thal verstieß,
Ließ er ihm doch mild das Beste
Vom verlornen Paradies.
Denn auf seinem Lebensgange
Von der Wiege bis zum Grab,
Führt ihn mit der Liebe Scepter
Und der Anmuth Zauberstab,
Ordnend, bildend und verschönend,
Segnend, heilend und versöhnend,
Durch das ird’sche Pilgerland
Freundlich – zarte Frauenhand.

Hülflos, wie kein andres Wesen,
Tritt das Kind in’s Leben ein,
Und begrüßt das Licht des Tages
Mit des Schmerzes bangem Schrei’n.
Doch mit liebeglüh’ndem Walten,
Unermüdlich Tag und Nacht,
Hegt und nährt den schwachen Funken,
Pflegt und wartet, sorgt und wacht,
Zieht im Geiste und Gemüthe
Jeden guten Keim zur Blüthe,
Gründet ihm des Lebens Stand –
Mütterliche Frauenhand.

Keck mit ungestümem Drange
Stürmt der Jüngling in die Welt,
Probt im Lebenskampf die Kräfte,
Die kein sichrer Zügel hält.
Durch des Daseins Höh’n und Tiefen
Tobt er fort in wildem Lauf;
Doch in einer schönen Stunde
Geht des Lebens Stern ihm auf.
Und im grünen Zweig der Myrthe
Reicht ihm Maß und Ziel und Würde
Und des Glückes Unterpfand –
Eine holde Frauenhand.

Brütend über tiefen Plänen,
Von der Sorge hart bedrängt,
Finstre Wolken auf der Stirne,
Sitzt der Mann, das Haupt gesenkt.
Da mit unerhörbarem Schritte
Schwebt es leise zu ihm her,
Legt sich’s weich mit sanftem Drucke
Auf die Stirne, heiß und schwer.
Und magnetische Gewalten
Glätten schnell die düstern Falten;
Müh’ und Gram und Sorge bannt –
Eine liebe Frauenhand.

Müde von der Lebensarbeit,
Matt von schwerer Tageslast,
Sehnt am stillen Feierabend
Sich der Greis nach Ruh’ und Rast.
Da bewährt, gleich lauterm Golde,
Sich die Liebe wahr und echt;
Und es legt zum süßen Schlummer
Ihm das Kissen sanft zurecht.
Pflegt ihn bis zum letzten Hauche,
Drückt ihm zu das müde Auge,
Führt ihn bis an’s bess’re Land –
Eine treue Frauenhand.

Gustav Heubner.
[418]
Eine Seemannsfamilie.
Norddeutsches Küstenbild. Von A. v. Wickede.
(Schluß.)


Von den Söhnen waren die drei ältesten bereits verheirathet, und hatten in dem vorhin erwähnten Anbau des Hauses sich ebenfalls ihre Heimathsstätten gegründet. Große, feste Gestalten, ganz dem Vater nachgebildet, waren es, und wirklich ein Geschlecht von Riesen ging aus dieser entlegenen Wohnung hervor.

Der Aelteste, jetzt schon ein Vierziger, war in seinen jungen Jahren lange Steuermann auf einem Bremer Wallfischfänger gewesen, und hatte manches Jahr die ferne Südsee durchkreuzt. Seit er sich mit einer Schifferstochter aus einem benachbarten Dorfe verheirathet, gab er diese weiten Reisen auf, erbaute sich eine kleine schnellsegelnde Schaluppe, und trieb mit derselben während der guten Jahreszeit eine einträgliche Küstenfahrt auf eigene Rechnung. Ein halbes Dutzend Kinder, lauter frische, kräftige Geschöpfe mit rothen Backen, blauen Augen und hellblondem Haar, waren aus dieser Ehe hervorgegangen. Der Aelteste davon, ein derber zwölfjähriger Bube, half schon mitunter beim Fischfang, die drei nächstfolgenden gingen tagtäglich, mochte das Wetter auch noch so schlecht sein, regelmäßig zur Schule im nächsten Dorfe, während die Jüngsten noch im Sande herumkrabbelten, und sich kleine Schiffe aus Eichenborke schnitzten, die ihnen der Großvater dann in müßigen Augenblicken ganz regelrecht auftakelte.

Der zweite Sohn, der ein ruhigeres und bequemeres Temperament hatte, war nur wenige Jahre Matrose gewesen, dann aber wieder zu der Fischerei zurückgekehrt, die er mit großem Eifer und Geschick betrieb. Auch er hatte eine derbe, stattliche Frau aus der Nachbarschaft genommen, und hatte bereits mehrere gesunde Kinder.

Eigenthümlicher war das Leben des dritten Sohnes, der, früh zu Schiffe gekommen, größtentheils im mittelländischen Meere seine Fahrten gemacht hatte. Einer der schönsten Männer, die man nur sehen konnte, war er, und die Herzen der feurigen Südländerinnen mußten ihm, dem stattlichen, blauäugigen, blondhaarigen Deutschen, mit einer Gestalt, wie ein Bildhauer sie zum Modelle einer Statue des Mars sich nur wünschen kann, in Menge zugeflogen sein. Ganz gegen die Sitte seiner Landsleute, die solches fast niemals thun, hatte Carl, so hieß er, sich in der Ferne verheirathet. Großer Kummer war im elterlichen Hause gewesen, als ein Brief von dem Sohne ans Cadix meldete, daß er die Tochter eines spanischen Seemannes zur Frau genommen, und eine Heimath daselbst sich gegründet habe. Während mehrerer Jahre hatten weder Eltern noch Geschwister etwas von ihm vernommen und es hieß nur, er bekleide die Stelle eines Steuermannes auf einem spanischen Schiffe. Der Tod seiner Frau hatte dem deutschen Seemann Spanien bald verleidet, und ein mächtiges Heimweh nach dem alten Vaterhause auf der öden Landzunge war in seine Brust gezogen. Gewaltsam hatte er sich aus seinen Verhältnissen in Cadix losgerissen, seine beiden Zwillingskinder, einen Knaben und ein Mädchen, mit sich auf das Schiff genommen, und war so nach zehnjähriger Abwesenheit wieder in die deutsche Heimath zurückgekehrt. Eine alte Schwester seines Vaters, die kinderlose Wittwe war, vertrat Mutterstelle an den beiden Kindern, und sorgte mit treuer Pflege für sie. Gar feine, zierliche Gesichter mit echt andalusischem Charakter zeigte dies Zwillingspaar, und die schwarzen Locken und dunklen feurigen Augen desselben stachen seltsam von den Flachsköpfen der übrigen Buben- und Mädchenschaar, die in dem Hause und um dasselbe herumkrabbelte, ab. Alle Bewegungen derselben waren schneller und graziöser, und so freundlich auch die übrigen Hausgenossen, Jung wie Alt, sich der beiden kleinen „Spaniolen“ – so wurden die nunmehr neunjährigen Kinder allgemein genannt – annahmen, so schien es doch, als würden sie hier am deutschen Ostseestrande niemals die wahre Heimath finden, so verschiedenartig zeigte sich ihr ganzes Wesen noch immer von dem der Uebrigen. Besonders das kleine Mädchen, eines der reizendsten Kinder, das ich jemals sah, sprach nur aus Nothwendigkeit deutsch, und als ich einige spanische Redensarten ihr sagte, sprang sie mit echt südländischer Freudigkeit mir um den Hals, und weinte bei meinem Abschied bitterlich.

Der Vater dieser beiden Kleinen schien durch den Verlust seiner geliebten Frau in tiefe Schwermuth, wie solche bei einem Seemann sonst nicht gewöhnlich ist, verfallen zu sein. Er diente jetzt als Steuermann auf einem Dampfer, der zwischen Stockholm und Stettin seine Fahrten machte, und war nur während der rauhen Wintermonate, wo in der Ostsee des Eises wegen jegliche Schifffahrt aufhört, zu Hause.

Die drei jüngeren Söhne des alten Ehepaares waren noch unverheirathet, und fast immer von der Heimath entfernt. Der Eine von ihnen fuhr bereits als Untersteuermann auf einem holländischen Ostindienfahrer, und hatte zuletzt aus einem chinesischen Hafen geschrieben. Ein zweiter diente in der preußischen Kriegsmarine, und war gewöhnlich am Bord der Fregatte Thelis stationirt. Um das Schicksal des Dritten aber hatte die Familie mehrere Jahre großen Kummer gehabt, und ihn bereits verloren gegeben.

Beim Ausbruch des letzten orientalischen Krieges war er zufällig in England gewesen, und hatte aus Lust zu kriegerischen Abenteuern als Matrose Dienste auf der englischen Flotte genommen. Als solcher war er mit nach der Krim gekommen, dort aber bei irgend einer Gelegenheit verwundet und von den Russen gefangen genommen worden. Von seinem ferneren Schicksal hatte die Familie fast drei Jahre lang nicht das Mindeste gehört, und selbst alle Nachforschungen der englischen Gesandtschaft in Rußland waren fruchtlos geblieben. So hatte man denn endlich den Wilhelm, so hieß er, für todt gehalten, und die alte Mutter, deren besonderer Liebling dieser jüngstgeborne Sohn zu sein schien, schon viele bittere Thränen um seinen Verlust geweint. Desto größer sollte nun auch die Freude sein, die sie über sein plötzliches Wiedererscheinen empfand. Im letzten Monat November, zwei Tage zuvor, als ich diese mir längst bekannte wackere Familie wieder besuchte, war der Vermißte an einem dunklen Regenabend ganz unerwartet in das Zimmer getreten. Die alte Mutter, die sich allein darin befand, war mit einem hellen Freudenschrei dem geliebten Sohne sogleich um den Hals gefallen, und ihr lauter Jubel hatte alsbald alle übrigen Familienglieder herbeigerufen. Noch standen der wackern Alten die Freudenthränen in den Augen, als sie mir in ihrer schmucklosen Weise dies Wiedersehen treuherzig schilderte.

Auch der wiedergefundene Sohn wußte seine Erlebnisse während der Gefangenschaft in Rußland auf zwar schmucklose, aber dabei ganz interessante Weise zu schildern, und seine ganze Erzählung trug dabei den Stempel der größten Wahrheit. Daß seine Eltern keine Nachricht von ihm erhalten, war nicht sein Verschulden, da er seiner Angabe nach dreimal Briefe aus dem Innern von Rußland an sie abgesandt hatte, die somit entweder verloren gegangen oder auch absichtlich unterschlagen ein mußten.

Nach seiner Verwundung hatten Kosaken ihn gefangen genommen und zwar, ihrer Gewohnheit nach, bis auf das Hemd ausgeplündert, sonst aber nicht schlecht behandelt. Die Heilung seiner Wunden war in einem von Verwundeten aller in der Krim kämpfenden Heere überfüllten, elenden Feldhospitale geschehen, in dem, seiner Erzählung nach, sich viele grausige Scenen ereigneten und Hunderte von Menschenleben aus Mangel an geeigneter Pflege zu Grunde gehen mußten. Ueberhaupt soll die Lage des russischen Heeres in der Krim keine beneidenswerthe gewesen sein und die Soldaten desselben mußten ungleich größere Strapazen ertragen, als selbst die Engländer in dem Winterlager vor Sebastopol. Die Schwierigkeit des Transportes aller Bedürfnisse durch die weg- und wasserlosen Steppen der Krim, wobei viele Tausende von Zugpferden zu Grunde gingen, habe diese Entbehrungen, welchen abzuhelfen selbst die russische Regierung trotz aller Anstrengung nicht vermochte, hauptsächlich herbeigeführt, lautete die Erzählung des ehemaligen Gefangenen.

Ein höherer russischer Militairarzt, ein geborner Preuße, hatte sich mit eifriger Sorgfalt seiner angenommen, und mit dem Ausdrucke der innigsten Dankbarkeit versicherte er mir, daß er diesem wackeren Manne die Erhaltung seines Lebens besonders mit verdanke. Von seinen Blessuren wieder geheilt, war er mit anderen Gefangenen in das Innere von Rußland abgeführt und dann in ein kleines Städtchen an der Wolga internirt worden. Die Behandlung aller Gefangenen von Seiten der Russen sei stets sehr milde gewesen, nur habe die dürftige Beköstigung nicht immer ausgereicht, einen ordentlichen deutschen Matrosenmagen gehörig zu sättigen, wie Wilhelm lachend hinzufügte. Ihm, dem geschickten Seemanne,

[419] sei indessen bald ein besseres Schicksal geworden, da er noch als Gefangener die Erlaubniß erhalten habe, auf einem Regierungsdampfer auf der Wolga und später im caspischen Meere Dienste zu leisten. Auf diese Art habe er sich eine gute Zulage verdient, auch den Verhältnissen nach gar nicht schlecht gelebt.

An der entferntesten Stelle des caspischen Meeres stationirt, hatte der Gefangene erst mehrere Monate nach erfolgtem Friedensschlüsse seine Freiheit und die Erlaubniß zur Rückkehr erhalten. Als ein abgerissener Bettler wollte er auch nicht gern in der Heimath wieder erscheinen und da gute Seeleute in Rußland sehr selten und daher auch verhältnißmäßig gut bezahlt sind, so ließ er sich verleiten, noch ein Jahr in Odessa zu bleiben und als Steuermann auf einem Dampfschiffe zu fahren. Länger duldete es ihn aber nicht in der Fremde und gar die Besorgniß um das Schicksal seiner Eltern, die ihm auf alle seine – nicht angelangten – Briefe keine Antwort gegeben hatten, trieb ihn zur Rückkehr in das Vaterhaus. Gegen freie Ueberfahrt ließ er sich auf einem von Odessa nach England segelnden Kauffahrer als Matrose annehmen, hatte in London die rückständigen Gelder, die er noch aus seiner Dienstzeit auf der englischen Flotte zu fordern berechtigt war, eincassirt und war dann zu den lang entbehrten Eltern geeilt.

So lautete die Erzählung des wiedergefundenen Sohnes, die ich in aller Kürze hier mitgetheilt habe, da sich aus ihr so recht wieder ergibt, in welche verschiedenen Lebenslagen das Schicksal unsere norddeutschen Seeleute mitunter führt uns mit welcher tüchtigen Energie sie sich dann gewöhnlich zu benehmen pflegen. Der zurückgekehrte Sohn wollte übrigens die Wintermonate ruhig in der Heimath verbringen, zum Frühjahr aber wieder nach Odessa reisen, da er dort, wie er sagte, sichere Hoffnung habe, ein Kauffahrteischiff als Capitain führen zu können.

„Dann noch sechs bis acht Jahre umhergefahren, und hab’ ich nur etwas Glück, so verdiene ich mir in dieser Zeit so viel Geld, daß ich mir an dem Hause hier noch einen Anbau machen lassen und meine eigene Wirthschaft gründen kann. Für immer möchte ich nicht in Rußland bleiben und wenn ich alle Jahre auch eine ganze Tonne Gold verdienen könnte. Wo man als Junge gespielt hat, da lebt es sich doch als alter Mann auch am Besten,“ sagte er mit – trotz aller Wanderlust – echt deutschem Heimathsgefühl, da ich ihn um seine ferneren Pläne befragte. Alle anderen Brüder, die daneben standen, stimmten dieser Aeußerung mit bei, und der Aelteste von ihnen fügte noch hinzu:

„In der ganzen Welt bin ich in meinen jungen Jahren gewesen, habe viel Geld verdient und lustig gelebt, aber so schön, als es hier oben bei uns auf dem „Danst“ sich lebt, ist es doch nirgends. Und wenn sie auch anderwärts mich gar zum König machen wollten, ich ginge doch nicht wieder von hier mehr fort.“

So lautet aber fast durchgängig die Ansicht aller bejahrten Seeleute in diesen norddeutschen Stranddörfern.

Noch an dem Abende des Tages, an dem ich diese Familie besuchte, hatte ich so rechte Gelegenheit, die Handlungs- und Denkweise der Männer kennen zu lernen. Es war gerade ein Sonntag und so hatte der Alte seine Schwiegersöhne und die Brüder und Verwandten seiner Schwiegertöchter, die fast Alle in den nächsten Dörfern lebten, zu einem Familienfeste eingeladen, dadurch die Wiederkehr seines Sohnes gebührend zu feiern. Zwölf bis fünfzehn Seeleute und Fischer hatten in der eigentlichen Wohnstube Platz genommen, während ihre Frauen und Töchter in einem geräumigen Nebenzimmer eine Kaffeegesellschaft abhielten. Riesige Kaffeekannen von feinem Porzellan, deren Inhalt wahrhaft unerschöpflich zu sein schien, standen auf dem mit einer sehr feinen Decke belegten Tische, wo außerdem eine silberne Zuckerdose und schwere Silberlöffel glänzten.

In der Männerstube konnte man bald vor den dichten Tabakswolken die Ausschmückung nicht mehr erkennen. Feine Havanna-Cigarren, die einer der Anwesenden direct aus Westindien mitgebracht hatte, wurden von den jüngeren Männern in Menge geraucht, während ein halbes Dutzend der älteren ihren holländischen Thonpfeifen, mit zierlich geschnittenem Knaster gestopft, treu blieben. Das viele Rauchen erzeugte starken Durst und die großen Punschbowlen mit einem so trefflichen Punsch, wie man ihn im deutschen Binnenlande nur äußerst selten finden wird, mußten wiederholt gefüllt werden. Holländischer Käse, russischer Caviar und spanische Sardellen standen nebst Heringen und geräucherten Seeschollen auf dem Tische und wurden in Menge verzehrt, um den Durst noch mehr zu reizen. Welche wirklich ungeheuere Portion des starken Punsches konnten aber auch manche dieser alten Seebären vertragen, ohne daß man ihnen die allermindeste Spur irgend einer Trunkenheit anmerkte!

Neben mir zur Linken saß ein recht verwetterter Steuermann eines „Grönland-Fahrers“, der seit achtzehn Jahren jeden Frühling und Sommer im nördlichen Eismeere mit dem Wallfisch- und Robbenfange beschäftigt war und im Herbste dann regelmäßig noch eine Fahrt nach Petersburg machte, bis er zur Winterrast nach Hause ging. Fünfzehn große Viertelgläser mit Punsch sah ich selbst den Alten trinken und doch war äußerlich nicht die mindeste Spur irgend einer Veränderung bei ihm bemerklich. Nur die Nase ward nach und nach röther und die kleinen Augen zwinkerten nach jedem neuen Glase noch lebendiger, im Uebrigen blieb er sich stets völlig gleich.

Eine Freude war es übrigens, dem ruhigen und verständigen Gespräche aller dieser erprobten Seemänner zuzuhören, besonders als erst der genossene Punsch ihre oft etwas schweigsamen Zungen lebendiger machte. Nur Alter und Erfahrung berechtigten hier zum Sprechen, die Jugend mußte bescheiden schweigen, bis sie gefragt wurde. Um Vorfälle aus dem Seeleben drehte sich beinahe ausschließlich das Gespräch Aller, aber fast durchgängig waren die Ansichten so vernünftig und wohlgegründet, daß man Vieles, sehr Vieles daraus lernen konnte.

Die mitternächtliche Stunde hatte schon lange geschlagen, da trennte sich erst die frohe Gesellschaft, um den Rückweg anzutreten, und auch ich bestieg im nächsten Dorfe den Leiterwagen, der mich aus der Stadt in diese abgelegene und doch so heimische Gegend geführt hatte. So oft ich auch an dieser deutschen Ostseeküste weilte, immer schied ich mit wohlthuenden Eindrücken von dort und lernte den kernhaften Sinn ihrer Bewohner immer mehr schätzen. Nicht reiche Gaben spendete die Natur dieser Gegend, denn mühsam mußte des Menschen Fleiß ringen, um sich hier eine behagliche Heimath zu gründen. Dank sei es der festen Ausdauer, es gelang dies Streben vollkommen, und selbst in den üppigsten Gauen Deutschlands wohnt keine glücklichere und tüchtigere Bevölkerung, als hier oben am sandigen Dünen-Strande des baltischen Meeres.




Eine Reise im Apenninengebirge – – des Mondes.
Ein Beitrag zur Verbreitung naturgemäßer Ansichten von H. Wendel.
Zweiter Artikel.
Streifzüge im Apenninen-Gebirge selbst.
(Der Bergcomplex des Huygens und der erste Eindruck, den eine Mondlandschaft auf den Erdbewohner macht.)

Schon mit blosen Augen sieht man bei Vollmond große, dunkle Flecken in der Mondscheibe. Dies sind große Ebenen, die früher für Meere gehalten und deshalb auch so genannt wurden. Die hell glänzenden dagegen sind die Erhöhungen. (Man erinnere sich dessen, was ich in der Einleitung dieser Schilderung sagte, als ich damals auf die Abbildung der Mondscheibe verwies.) – Ziemlich in der Mitte der Scheibe, zwischen den beiden größten dunklen Flecken, ist die Gegend, wohin wir uns stellen. Es ist das Apenninen-Gebirge.

Wir wollen nun zunächst Platz nehmen auf einem Punkte, von dem aus wir uns am leichtesten orientiren können und der somit am schicklichsten der Ausgangspunkt unserer Mondreisen sein wird. Hierzu wählen wir einen hohen Bergrücken, der vom Astronomen Schröter den Namen des berühmten Mathematikers Huygens erhalten hat. Vergebens zwar suchen wir uns einen bequemen Sitz, vergebens die grünen Polster, die die Natur den Reisenden auf der Erde so freigebig gemeinhin gestattet und die Tausende von elastischen Stahlfedern haben – ich meine einen Rasensitz mit seinen [420] elastischen Grashalmen – jedoch laßt uns vorlieb nehmen mit dem nackten Gestein; laßt uns vergessen, wie rauh und hart[1] unser Lager, die Felsecken des Huygens, sind; denn wir haben jetzt Gelegenheit, hineinzuschauen in ein so ganz fremdes Land! Wo wäre da wohl Jemand, dessen Sinne und Gedanken nicht ganz gefesselt würden von Wißbegierde nach dem, was sich unserem Blicke zeigen werde?

Schon der Knabe, wenn sein Geist nicht irgendwie gelähmt ist, möchte wissen, wie die Gegenden aussehen, die hinter den Bergen, hinter den Wäldern und Dörfern liegen. Und den Jüngling ergreift Sehnsucht in die Ferne, wenn er an den Schienen einer Eisenbahn steht, die uns jetzt so schnell fremde Länder sehen läßt. Stürmische Gefühle regen sich in seiner Brust, deren er sich selbst nicht recht klar wird, und drängen ihn mit geheimnißvoller Kraft fort, weit fort in die Ferne, ohne oft zu wissen, warum und wohin. Der Mann, der nicht durch Lüfte abgelebt ist oder dessen Nerven nicht durch Sorgen erschlafften, – er ergreift begierig den Wanderstab, erklettert Höhen, scheut nicht Schweiß, nicht Mühen; wie sind all’ seine geistigen Sehnen gespannt, wie peinigt ihn schon die Ungeduld, indem er sich fragt: was für eine Landschaft wird sich dann wohl dem Auge darbieten?

Wenn uns aber schon bei Reisen auf der Erde der Reiz der Neuheit und die Wißbegierde so gewaltig erfaßt, wie viel mehr muß dies geschehen, wenn uns gestattet wird, thatsächlich fremde Länder zu sehen, die fern, gar fern in dem Himmel liegen und in die wir wohl nie, so lange wir an unsern irdischen Leib gebunden sind, eintreten können!?

Die Giganten der alten Griechen thürmten Felsblöcke auf Felsblöcke und Berge auf Berge, um in den Himmel zu gelangen. – Die alten Babylonier bauten einen riesigen Thurm, von dem aus sie die Landschaften des Paradieses sehen wollten, – sie mühten sich vergeblich ab. Uns dagegen ist’s vergönnt, wirklich zum Theil zu schauen, wie es im Himmel aussieht; wir sehen da Reiche aus gebreitet, so deutlich, so klar, daß wir meinen, wir könnten darin schon herumspazieren. Wer konnte da wohl so weit dem gleichgültig dahinlebenden Thiere gleichen, daß er ruhig fort essen und trinken könnte!

Wenigstens muß ich es von mir gestehen, wie ein Gefühl, welches sich mit keinen irdischen Worten beschreiben läßt, – das nur nachgefühlt werden kann, mich erfaßte, so oft ich die Landschaft des Mondes mit ihren Bergen und Thälern und Sonnenglanz und Schattengestalten vor mir ausgebreitet sah, ausgebreitet vor mir so schön, so zauberhaft, daß ich meiner sterblichen Hülle, meiner irdischen Verhältnisse vergaß, daß Betrübniß mein Gemüth erfüllte, wenn ich meinen Geist, der schon gekostet die süße Freiheit hinauszuschweifen weit über die Grenzen der Erdnatur, da draußen, zwischen den Bergen und Ebenen eines Theiles des Himmels, – ich sage, wenn ich meinen Geist wieder gewaltsam herabziehen mußte, zurück in die oft verschränkten und beengenden Stellungen zur menschlichen Gesellschaft; ja, ich gestehe, oft hätte ich weinen mögen, weinen so heiß, wie ein junger Wanderer, der längere Zeit im fernen Lande geweilt und dort so tief in ein schönes Augenpaar geschaut, so tief, daß er dort nur seinen Himmel wähnt, – wenn die kalte Nothwendigkeit ihn dann zwingt, weiterzuziehen, und er sich nur dadurch trösten kann, daß er hofft, bald, recht bald wieder dahin zurückzukehren. Und wie mich, so wird es gewiß Alle ergreifen, sobald sie noch ein frisches Herz und einen frischen Geist sich bewahrten. –

So laßt uns denn von unserem hohen Felssitze aus den Blick genießen, den Mondlandschaften gewähren!

Wir fühlen, indem wir hier auf dem Huygens sind und hinausschauen in die wundersame Natur des Mondes, die ganze Großartigkeit einer fremden Welt. Der Eindruck, den das Panorama der Apenninenlandschaften auf uns macht, ist jedoch nicht der liebliche eines irdischen; nicht schweift das Auge über saftiges Grün von Auen und Wäldern; nicht findet es den reizenden Farbenschmuck einer Blume; nicht sieht es des Himmels Blau sich spiegelnd in fernen Seen; nicht glänzt ein in fruchtbaren Geländen dahin sich schlängelnder Fluß; nicht hüpft plätschernd ein munterer Felsbach oder murmelt über glatte Kiesel ein helles Bächlein, an dessen schwellendem Herzen weiches Moos ruht oder an dessen Rande ein bescheidenes Vergißmeinnicht träumt; keine Biene summt über Rosenhecken, über duftigen Levkoy; kein Gesang eines Vögleins tönt und nicht ziehen Kraniche hinaus in blaue Fernen. Vergebens suchst Du den zarten Zauberschleier, womit auf der Erde die Natur die fernen, von Schnee silbern erglänzenden Berge feenhaft umhüllt und der als blauer Duft, oder zu Wolken phantastisch zusammengeballt, so oft den Erdenlandschaften jenen unbeschreiblichen Reiz gibt.

Das Rauschen der Wipfel alter Bäume, das unheimlich und doch so eigen süß die Seele erschauert, – es durchzittert nicht das ahnungsvolle Gemüth. Nicht ruft das idyllische Geläute eines benachbarten Dorfkirchleins, nicht eines ferneren Stadtthurms Glocke, die weithin ihre dumpfe und feierlich ernste Stimme sendet, nicht ruft eines Gott geweihten Priesters Wort uns zu erhebender Andacht frommer Gefühle, zu tröstendem Gebete – – – Eine ewige Grabesstille hält die Natur des Mondes in Fesseln! Gesang und Sprache ist unbekannt. Der Mensch hat hier einen Sinn zu viel, umsonst. Er bedarf hier nie des Ohres!

Stumm sitzen wir auf dem nackten Felsen des Huygens und stumm ist ringsum Alles. Dagegen brennt heiß die Sonne und die Helligkeit ihrer Strahlen vermag unser Auge kaum zu ertragen. Doch – nicht können wir den Durst löschen: Wasser gibt es nicht! – nicht fächelt ein kühlender Wind uns an: Luft gibt es nicht! – Wer also die Genüsse liebt, die eine Symphonie gewährt, oder die das Gemälde eines furchtbar blitzenden Gewitters, eines wilden Seesturmes oder einer Landschaft mit lieblichen Gruppierungen malerischer Laubhölzer bietet, – oder wer seine Sorgen zu vergessen gewöhnt ist, sobald er das ängstliche Drängen des Herzens ausströmen läßt in der Sprache eines Flehens zum Allvater, laut aufrufend zu ihm, – diejenigen, die es verwandeln in die so leicht aneinander sich schmiegenden Töne und den muntern Rhythmus eines lustigen Reigens, – sie alle würde auf dem Monde ein Heimweh nach der Mutter Erde erfassen, wie den Schweizer nach seinen Bergen, das junge Gemüth nach seinen fernen, geliebten Eltern.

Wenn Ihr, die Ihr mit mir jetzt auf dem felsigen Huygens weilet, mich fragt:

„Sind denn überall die Mondlandschaften so kahl, so dürr, so ganz des Schmuckes entblößt, den die Natur den Erdlandschaften verlieh?“ – so muß ich sagen:

„Ja. Nirgends auf der ganzen Weite der Mondländer ist ein Baum, nirgends ein Strauch oder dergl.“

Doch urtheilt deshalb nicht gleich, daß der Anblick des Mondpanorama’s nur abstoßend sei; nein, er hat auch seinen Zauber.

„Aber welchen?“ höre ich Euch fragen.

Man muß sich erst an den Mond gewöhnen, gleichsam sich in ihn hineinleben, ihn erst genauer kennen lernen, dann wird die Seele für seine Eigenheiten empfänglicher. Auf das Eine nur will ich hier aufmerksam machen.

Wer hinausgeschaut hat in die Weite des Meeres, wo kein Baum, keine Insel dem Auge als Ruhepunkt sich bietet; wo das ermüdende Auge vergeblich die fernen Grenzen zu erreichen sucht; – oder wer ergriffen wurde von dem bangen Eindrucke, den eine gewaltige, öde Ebene, eine Wüste, auf unser Menschenherz ausübt; – der wird am meisten die Großartigkeit unserer Mondlandschaft verstehen. Denn auf der furchtbaren Höhe des Huygens stehend, haben wir eine Fernsicht, die wir wohl nicht so leicht auf Erden finden würden.

Wir sind auf dem höchsten Theile der Mond-Apenninen und diese sind das größte aller Mondgebirge. Schon das breite Hochland dieses Gebirges ragt hier weiter hinein in den Himmel, als die von Schnee ewig bedeckten Pyrenäen Europa’s; denn während der Maladetta in Spanien nur 10,700 Fuß hoch ist, beträgt die Höhe des Mondhochlandes 11,700 Fuß. Nun denke man sich: auf diese furchtbare Höhe thürmt sich noch ein Koloß von 5100 Fuß, mithin beinahe 11/2 Mal so hoch, als der Brocken (im Harzgebirge). Von dieser erstaunlichen Höhe des Huygens aus übersieht man nach W und nach S hin die zahllosen Gipfel der Mond-Apenninen. Dieses Gebirge erstreckt sich von NW nach SO in einer Länge, die um 9 Meilen größer ist, als die Entfernung von Straßburg nach Wien, und bedeckt einen Flächenraum, der 1000 Quadratmeilen mehr in sich faßt, als Sachsen, Schlesien, Böhmen und Mähren zusammen (nach den Ausmessungen von Mädler beträgt [421] es 3500 Quadratmeilen). Wie das Erzgebirge nach der einen Seite (nach Sachsen) mehr terrassenartig, dagegen nach der andern (nach Böhmen) steil abfällt, so werden auch die Berge der Mond-Apenninen nach der einen Seite (und zwar nach S, also auf der entgegengesetzten Seite, als beim Erzgebirge) immer niedriger, bis sie sich in einer Entfernung von 15 bis 20 Meilen zu der Ebene mare vaporum verflachen. Dagegen stürzt es nach N ungemein schroff ab, wie kein irdisches Gebirge, mag es noch so furchtbares Felsengezack und schauerliche Tiefen von Schluchten haben, ein ähnliches Schauspiel zu bieten vermag. Unmittelbar an jener schwindelnden Höhe sehen wir die gewaltige Ebene mare imbrium vom Fuße des Huygens nach O und N sich ausbreiten. Unser Blick reicht von unserer Felsenhöhe aus 181/2 Meilen in gerader Entfernung, und wir sehen den Horizont sich in einem gewaltigen Bogen von circa 116 Meilen Länge um uns herumziehen. Ueberhaupt liegt vor unsern Blicken eine Fläche ausgebreitet, die (in runder Zahl) 1000 Quadratmeilen ist, ungefähr ein Land, so groß wie ganz Baiern und Sachsen vereint.

Specialkarte vom Apenninengebirge des Mondes.[2]

A. mare imbrium (Meer der Platzregen): B. sinus aestuum (Busen der brausenden Fluthen): C. mare vaporum (Meer der Dämpfe): D. mare serenitatis

(Meer der Heiterkeit): E. palus putredinis (Sumpf der Fäulniß); – I. Huygens (höchster Berg); II. Bradley (ein Berg); III. Hadley (westlicher Berg); IV. Aratus (ein Krater); V. conon (ein Krater); VI. Manilius (ein Ringgebirge); VII. Eratosthenes (ein Ringgebirge); VIII. Wolf (östlicher Berg); IX. Archimedes (ein Ringgebirge); X. Autolycus (ein Ringgebirge).

Nachdem wir uns nun orientirt haben, wollen wir die Gebirgspartien durchstreifen. Man erwarte aber ja nicht schöne, glatte Wege, die es uns auf der Erde möglich machen, bequem, sogar in Wagen Gebirge zu besuchen; – ja, man erwarte nicht einmal schmälere Bergpfade; denn Felssteige (wie z. B. in der Schweiz), welche nur die kühnsten der Gemsjäger zu betreten wagen, – sie sind hier auf dem Mondgebirge diejenigen, die noch den meisten Comfort im Verhältniß zu den übrigen gewähren. Davon überzeugen wir uns sogleich beim ersten Blick, den wir zu dem Behuf über die Felsecken suchend senden. Denn wir sehen, daß der Rücken des Mondgebirges durchaus nicht dem Rücken eines Kameels ähnelt, also nicht wellenförmig ist, vielmehr bieten uns alle die Gesteinsformationen, die wir so reich und mächtig um uns her gestellt sehen, einen Anblick, der eher verglichen werden kann mit den Häusermassen einer schon in der Zeit des Mittelalters erbauten großen Stadt, wo die viele Stock hohen Häuserfronten oft nur durch schmale, finstere Gäßchen getrennt werden. Hie und da sehen wir größere Erweiterungen, breitere Straßen und freie Plätze, aber gerade an solchen Stellen befinden sich, wie wir von unserm Huygens aus trefflich bemerken können, gewöhnlich die großartigsten Gesteinsaufthürmungen mit vielen Tausenden jäher Felszacken. Sie erscheinen uns bald wie ein altes Residenzschloß, bald wie ein mächtiger Dom in gothischer Bauart, der auch mit seinem reichen Schmuck an Spitzthürmchen, Spitzbögen, schlanken Säulen, einzelnen himmelstrebenden Hauptthürmen emporstarrt. Mit dieser Großartigkeit verglichen, wie armselig sind da die romantischen Gegenden der Erde! Der Mond hat zwar nicht die Reize einer irdischen Vegetation, – sein Schmuck ist ganz anderer Art, der mehr, ich möchte sagen, architektonischen Charakter trägt. Wie würde ein Mondbewohner, wenn er zum ersten Mal in einer Erdlandschaft sich befände, über das Reizlose derselben klagen, da ihre Felsgestalten doch so monoton seien! – Der Grönländer sehnt sich aus Italien zurück zu seinen Eisbergen; der Italiener aus des Nordens Schneefeldern hin an „Neapels goldnen Strand.“

[422] Versuchen wir irgendwo aus unserer Höhe herabzuklettern. Nach Ost und West scheint es am allerwenigsten möglich; nach allen diesen Seiten hat der Huygens das wildeste Ansehen. Er zeigt rabenschwarzen Abgrund, aber fast keinen Felsvorsprung, keine sanftere Biegung, auf die unser Fuß sich stützen könnte. Wenigstens sind jene zu sehr von einander entfernt. Wir versuchen deshalb ein Herabsteigen nach dem Norden. Doch die Frucht dieser unserer mühsamen Wanderung ist, daß wir das weitere Vordringen auch nach dieser Seite hin gleichfalls aufgeben müssen. Denn bald bemerken wir, daß, je weiter wir herabzusteigen versuchen, desto mehr die Felsmasse des Huygens sich verengt, bis wir zuletzt auf einem bedeutend in die nördliche Ebene hinausragenden Felsvorsprung angelangt sind. Es ist dies das sogenannte „Cap Huygens“, das zwar viel niedriger, als der Rücken des Felscomplexes ist, aber dafür so schnell und schroff endigt, daß uns der Muth vergeht, noch ferner Versuche zum Herabsteigen zu unternehmen. Gezwungen treten wir also den Rückweg an. Wieder angelangt bei den Partien, die die höchsten Theile des Huygens sind, entdecken wir da oben nebenbei eine ringförmige Einsenkung. Jene kraterförmige auf Vulcanismus hindeutende Bildung ist überhaupt der Typus aller Mondflächen, besonders des Südens, der ganz davon übersäet ist. Selbst die Ebenen, namentlich ihre Grenzen, selbst die wenigen Längengebirge haben diesen Charakter, so daß der ganze Mond von unzählig vielen Kratern, meist dicht aneinander gereiht, nach allen Richtungen hin völlig bedeckt erscheint, ähnlich einer Menschenhaut voll Blattergruben. Dies letztere Ansehen hat die Mondfläche dann besonders, wenn die Sonne gerade über ihr steht, so daß die Lichtstrahlen ziemlich senkrecht auf die Flächengebilde des Mondes fallen, mithin in letztere fast gar keinen Schatten werfen, und so nicht die Größe ihrer Erhebungen zeigen können. – Häuften sich diese Gebilde an einer Stelle sehr, so ward ein Gebirg daraus, also so, wie eine Stadt entsteht, wenn viele einzelne Häuser neben einander erbaut werden. Auch unser Apenninen-Gebirge ist in der That nichts anderes, als eine starke Menge von einzelnen, isolirt neben einander stehenden Bergcomplexen.

Wir wenden uns nach dem Süden des Huygens, mit dem festen Vorsatz, um jeden Preis unser Herabsteigen auszuführen. Wir klimmen von Felszack zu Felszack, von einen, Vorsprung zum andern. Wir sehen, wie sich die Bergmassen des Huygens bald rechts, bald links biegen und dadurch weite, großartige Thaleinschnitte bilden. Oft droht uns die Gefahr, in die schauerlichsten Tiefen hinabzustürzen, und zu beiden Seiten gähnen uns Schlünde entgegen, als lägen zu unsern Füßen furchtbare Ungeheuer, die hungrig ihren Höllenrachen heraufstreckten. Aber regungslos liegen sie da; ganz so, als wollten sie ruhig unsere verzweifelte Anstrengung abwarten, als wären sie gewiß, daß wir ihnen nicht entrinnen könnten, als wären wir ihre sichere Beute. Wir sehen, eine zu starke Bewegung unseres Körpers, vielleicht schon ein Zucken der Glieder, wie es oft vom Erschrecken hervorgerufen wird, reicht hin zum Uebergewicht, reicht hin, uns rettungslos in den finstern Abgrund zu werfen! Würde unser Fuß nicht wie rankender Epheu mit den geringsten Anhaltepunkten vorlieb nehmen, er glitte – um wohl nie mehr uns zu tragen. Denn, wenn wir auch krampfhaft den Boden erfaßten, um uns noch etwa im Halmengewirre festzuklammern, vergebens wär’ es. Unser ängstlich spähender Blick sagt uns ja: keinen Baumstamm, keinen zähen Strauch, selbst keinen morschen Ast, keine schwache Wurzel, nicht einmal das dünnste Gestrüpp würden wir im Fallen finden, um daran als letztes Wrack zur Rettung uns etwa festzuhalten; – wir würden nur scharfen Kanten und Felsecken begegnen. Ja nicht einmal merken würden wir, daß einer unserer Reisegefährten eben an unserer Seite auf immer verschwand, denn nicht würde ein Getöse seines Sturzes sein Unglück uns verrathen, nicht ein Hülferuf könnte uns darauf aufmerksam machen, was neben uns vorgeht, – es ist ja ewig stumm Alles in der Natur des Mondes, und lautlos geschieht ja jede Bewegung darin!– Also plötzlich, ohne auch nur das geringste Geräusch verschwindet der gleitende Gefährte; vergebens lauschen wir, ob der Unglückliche irgendwo hängen bleibt, – wir hören ihn weder, noch sehen wir ihn; denn die Schwärze des Abgrundes verwehrt unserm Blicke, dem Fallenden hinab zu folgen! Kein Wunder also, wenn die Freude, die beim Eintritt in die interessante, fremde Gegend unsere Gesichtszüge belebte, bei dem Anblick dieser Umgebung zu todesbleichem Schrecken erstarrt, wie winterlicher Nordwind das muntere Wellengekräusel eines Baches zu steifem Eis erstarren läßt. „Wie!“ rufen wir aus, „ist’s unter solchen Verhältnissen möglich, vom Huygens herabzusteigen? Sollen wir unser Vorhaben wirklich durchführen?“ Doch auf, laßt Bangen, laßt Zagen! Wir wollen keck und rastlos abwärts klettern. Gilt’s, über die Treppe einer Reihe schroffer und scharfkantiger Felsecken zu steigen, – muthig schreiten wir darüber hinab; gilt’s, eine große, schiefe Felsebene zu passiren, blitzschnell rutschen wir auf ihr herunter.

Freilich, mancher kühne Sprung muß gewagt werden! Ein Glück ist’s, daß wir diese Wanderungen nicht mit unserem irdischen Leibe auszuführen haben; nicht blos, daß unsere Hände und Füße zerrissen und mit Blut bedeckt sein würden, – denn die Felsränder des Mondes sind gar nicht sehr sanft, oft wohl scharf wie Glas, – nein, es dürften auch die nothwendigen Sprünge, die wir nur zu oft von thurmhohen Felswänden herab riskiren müßten, – ich sage, diese Sprünge dürften wohl selbst dem hartnäckigst kranken Unterleibe eines stubensitzenden Gelehrten doch zu arge Erschütterungen bringen.

Auch abgesehen von allen diesen doch wohl ein wenig zu beschwerlichen Reiseabenteuern würden wir nicht sobald vom Huygens herabgelangen, denn dieser Felscomplex hat eine so große Ausdehnung, wie der Thüringerwald. Nach Schröter’s Ausmessung ist der Huygens 10 Meilen lang. Gut ist’s, daß auf der südlichen Seite der Fuß dieses Gesteinriesens nicht ganz so tief liegt, wie nach den andern Himmelsgegenden hin.

Endlich sind wir am ersehnten Ziele angelangt. Reiche Erholung finden wir nach diesen überwundenen Schwierigkeiten. Eine schöne, hellgraue, ebene Landschaft nimmt uns auf.[3] Indem wir nun zunächst Rast hier machen, wird unsere Ruhe, die unsere ermatteten Glieder jetzt genießen, von dem prächtigen Anblicke dieser romantischen Gegend gewürzt. Zwar ist auch diese von himmelhohen Felsbergen umgürtet, aber sie trägt doch im Ganzen weit mehr den Charakter des Milden, Sanfteren. Um so wohlthuender, einladender muß sie uns erscheinen. Froh blicken wir deshalb zurück auf die tückischen Felsblöcke des Huygens, die bis zu unabsehbarer Höhe mürrisch aufeinander gelagert breit daliegen; es ist uns, als wenn wir den markigen Fäusten wilder, breitschultriger Giganten und Cyklopen entronnen seien. Hinter ihnen anscheinend hervorkriechend sitzen keck auf deren riesigen Schultern und dickköpfigen Schädeln Tausende von heimtückischen, schadenfrohen Berggnomen – die scharfschneidigen Felszacken, die uns so viele Possen spielten und manches traurige Andenken hinterlistig uns mitgaben.

Rechts und links von unserer flachen Landschaft treten die Felsriesen bescheidener zurück, wie die gewaltigen Recken der alten Deutschen, ungeachtet ihres trotzigen Ansehens, doch ehrfurchtsvoll abstehen von ihrem starken Herzog, um den sie sich schaarten und dem sie Gehorsam weihten. Kein einziger der dem Huygens nahestehenden Berge, obgleich oft gar wilde Gestalten, wagt, ganz an den hohen Huygens heranzutreten, noch viel weniger etwa vertraulich sich an ihn anzulehnen; kerzengerade und schweigend stehen sie da, wie die eisernen Krieger eines scharf disciplinirten alten Garderegiments, anscheinend nach Süden hin in 2 lange Fronten aufgestellt.




Aus meiner Pilgertasche.[4]
Von Freiherrn v. Biedenfeld.
Eine Begegnung mit General Radowitz.

Es war in der Zeit des tiefsten Schmerzes und der innersten Entrüstung aller Deutschen. Nachdem für die edle Sache von Schleswig-Holstein unter der Aegide der deutschen Regierungen und der Nationalehre viel kostbares deutsches Blut vergossen worden, hatte [423] die unglückselige Gewohnheit des Sichbeugens vor auswärtigen Einflüsterungen und Drohungen, die Verblendung der rückwärts strebenden Partei eine plötzliche Angst vor dem Wiedererwachen eines 1848 in der Phantasie mancher Gewalten erweckt, in Schleswig-Holstein eine Revolution erblickt, dessen heilige Sache aufgegeben und die Pacification über das Land verhängt. Gleichviel ob mit Recht oder mit Unrecht, das Nationalgefühl erkannte darin eine viel schmachvollere Erniedrigung des Vaterlandes, als jene unter dem Joche des allmächtigen Franzosenkaisers gewesen. Und dieser giftige Wurm nagt noch heute an dem Herzen der Deutschen.

Bei der Heimkehr von einer glänzenden Hühnerjagd auf den Grenzen zweier Staaten beredete mich mein vieljähriger Jagdfreund, General von K., bei ihm einzukehren, wo ich ein schlesisches Fräulein comme il faut finden würde, die vor Begierde brennte, den Verfasser des Buches der Rosen persönlich kennen zu lernen. So geschah denn auch. Nachdem mein unbezahlbarer Caro mit Futter, Trank und einem trefflichen Strohlager versorgt war, wie es ein Reiter seinem Rosse und ein echter Waidmann seinem Hunde schuldet, labten wir uns selbst mit einer kühlen Abwaschung von Kopf und Hand und zogen dann im vollen Jagdhabit hinauf in den Salon der Damen.

Wir fanden nur drei Personen: die Hausfrau, ein Fräulein und einen Herrn, der in einer Ecke des Salons sich auf einem Stuhle schaukelte. General K. war so von der Sehnsucht nach dem Imbiß befangen, daß er, sogar die allergewöhnlichste Ceremonie der gegenseitigen Vorstellung vergessend, sich zu Tische setzte und mir winkte, ein Gleiches zu thun. Nachdem die edle Weinsuppe glücklich hinunter war, richtete sich der General wie neu belebt auf und begann, an das Fräulein sich wendend:

„Schönen Dank, Milchen, für die köstliche Suppe. Hättest heute bei uns sein sollen, ein Prachtjunge, der in Holstein tüchtig mitgefochten hat, war von der Gesellschaft – das wäre ’was für Deinen Schnabel gewesen, Du hättest ihm secundiren können, als er in der Ruhestunde für sein Schleswig-Holstein so glühend schwärmte, daß er darüber fast Händel bekommen hätte mit denen, welche Alles nur nüchtern mit officiellen Augen zu betrachten gewöhnt sind und sogar unsern lieben Gott nur anerkennen, weil er in dem „Von Gottes Gnaden“ officiell anerkannt wird.“

Die Hausfrau meinte, man solle doch endlich wieder an Anderes denken, als an das ewige Lied von Schleswig-Holstein. Das Fräulein ergrimmte fast über diese Anmuthung und antwortete mit Leidenschaftlichkeit:

„Das wäre abscheulich, beste Tante! Nein, so lange noch ein einziger Deutscher lebt, muß er mit seinem Morgen- und Abendgebet diesen Namen und diese Geschickte sich laut wiederholen, den Schmerz darüber in seine Seele zurückrufen, zum heiligen Zorn darüber sich entflammen und auf den Knieen flehen: Allmächtiger, hilf Du zu unserem Rechte, da wir selbst zu verblendet, zu uneinig und feig dazu sind!“

Emilie hatte sich dabei unwillkürlich von ihrer Stickerei erhoben und stand unbeweglich, den begeisterten Blick der großen blauen Augen zum Himmel gerichtet: sie war sehr schön in diesem Augenblicke, sie schien wirklich zu beten.

Der seltsame General in der Ecke schaukelte nicht mehr auf seinem Stuhle, er saß wie unbeweglich, den Blick zu Emiliens Antlitz emporgerichtet. Die in sich selbst gekehrte schwärmerische Träumerei, welche seinen scharfen Zügen mit der feingeschnittenen Nase, den schwarzen Augen und der hohen Stirn ein so eigenthümlich anziehendes Gepräge verliehen hatte, war nun plötzlich verschwunden: um den Mund zuckte ein ironisches Lächeln, sein Auge blitzte fast schalkhaft heiter; er fuhr mit der Hand langsam über die Stirn, als wollte er die letzten Wölkchen von Ernst und Träumerei beseitigen, und sagte in einem Tone, warm und gefühlvoll, aber doch voll Sarkastik:

„Liebes Fräulein, Sie ereifern sich stets so edel über diese traurige Geschichte, daß es wahrlich Schade ist, daß Sie nicht alle Ihre hinreißenden Gedanken zu Papier bringen, Sie würden die Nation damit feuriger begeistern, als es Friedrich Hecker jemals gekonnt hat.“

Nicht ohne die Empfindlichkeit einer edlen Entrüstung erwiderte Emilie:

„Herr General, schon öfters hatte ich die Ehre, Ihnen zu bedeuten, daß ich niemals anders schreibe, als Briefe an meine Verwandten und Freundinnen, den Wäschzettel und zuweilen ein Recept für die Küche.“

„Wohlan, bestes Fräulein,“ fiel der General lachend ein, „so schreibe Ihre Güte mir endlich das oft versprochene Recept zu dem polnischen Karpfen, welchen Sie so vortrefflich bereiten.“

Emilie stickte wieder ruhig fort.

„Friede, Friede!“ predigte die Hausfrau.

General K. meinte, sein Freund sollte doch nicht immer die liebe Nichte mit dem Störenfried Hecker zusammenstellen.

„Du hast Recht,“ entgegnete der Andere in der Ecke lachend, „die holde Emilie hat mit diesem stürmischen Ferment nicht das Mindeste gemein, in ihr lebt der höhere Beruf zu einer Jungfrau von Orleans, und Gott weiß, ob wir nicht einst als solche sie brauchen werden.“

Bei den letzten Worten war alles Lachen und alle Ironie von den Zügen des Mannes plötzlich verschwunden, sein Auge haftete einen Moment schmachtend am Himmel, als erflehte er Trost von oben, der Schleier düsterer Träume verbreitete sich über sein Gesicht und er schaukelte wieder monoton mit seinem Stuhle.

Offenbar in dem Sehnsuchtsdrange, sich den beengenden Gefühlen des Momentes zu entheben und den General in eine heitere Stimmung zu versetzen, erwiderte Emilie mit der heitersten Affectation von Begeisterung:

„Wohlan, Herr General, ich nehme die Jungfrau von Orleans für mich an, um so getroster, weil ich darauf rechnen zu dürfen glaube, daß Sie in jeder ernsten Stunde als Dunois mir zur Seite stehen und auch gegen jeden Lionel mich schirmen werden.“

„Ich Ihr Dunois? Unmöglich, ich bin ja kein Bastard.“

„Um Vergebung, Sie sind einer und zwar in mehrfacher Beziehung: Bastard zwischen Hohn und Herz, Bastard zwischen Verstand und Phantasie, Bastard zwischen Liebenswürdigkeit und – Abscheulichkeit –“

„Halten Sie inne, mein Fräulein, Sie machen sonst aus mir eine förmliche Bastarden-Colonie. Und – was würde Ihnen meine Dunoisschaft helfen, käme ich nicht in Betreff eines Lionel allenfalls jetzt schon zu spät?“

„Ausflüchte, Herr General Chamäleon, leere Ausflüchte. Sie wissen vollkommen, daß es bei mir mit einem Lionel noch nichts ist.“

„Was wüßte der sterbliche Mensch vollkommen? In der That nichts, als daß er sterben muß.“

„Doch noch etwas weiß der vernünftige Mensch vollkommen.“

„Und das wäre?“

„Daß er Grundsätze haben und festhalten soll, daß er die Hoffnung niemals aufgeben darf.“

„Grundsätze, Hoffnungen? – Liebes Kind, die Grundsätze sind so wandelbar, wie die Zeiten und Menschen selbst. Es gibt nur einen unwandelbaren, unbestreitbaren und ewigen, den des wahren Christenthums, der zum Glück erhaben über alle confessionelle Zweifel und Wirren, allen Christusgläubigen gleich verständlich, überzeugend und wann zum Herzen spricht: fürchte Gott und liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst. – Aehnlich verhält es sich auch mit der Hoffnung: jeder Sterbliche hofft anders und Anderes durch alle Phasen seines Lebens; aber wenn dann hienieden Jedem die letzte irdische Hoffnung entschwunden ist, wenn Dante’s: „qui cessa ogni speranza“ die Nichtswürdigen mit der Höllenqual der Verzweiflung erfaßt, alsdann erwacht erst in den Seelen aller wahren Christen eine und dieselbe Hoffnung mit einer Lebendigkeit und beseligendem Schwung, die Hoffnung auf ein ewiges Jenseits, auf ein höheres Dasein, auf eine Seligkeit der unmittelbaren Anschauung alles dessen, was wir hier kaum zu ahnen vermögen und in unseren gebenedeiten Augenblicken als Höchstes anbeten.“

Dies sprach der seltsame Mann ohne alle priesterliche Emphase natürlich, einfach, warm, und aus seinem schönen Auge leuchtete dazu Glauben und Liebe so erwärmend und überzeugend, daß wir Alle, vom Ernste seiner Stimmung unwillkürlich ergriffen, zu wahrer Andacht uns erhoben fühlten und stumm der Fortsetzung seiner Rede harrten. Er schaukelte sich wieder behaglich, wie in Träume versunken. Der luftige General von K. konnte in so ernster Stimmung nicht lange beharren; um sich selbst und uns herauszuhelfen, ergriff er hastig sein Glas Burgunder, stieß mit mir an und rief:

„Waidmanns Heil für übermorgen! – Apropos, Bruder, Du bist mir noch etwas schuldig, trage Deine Schuld jetzt ab, damit mein Mädchen nicht ganz melancholisch werde.“

[424] „Ich verstehe Dich nicht und entsinne mich auch nicht.“

„Nun, Du hast doch sonst ein Riesengedächtniß, womit Du uns Allen gelegentlich aushilfst. Besinne Dich: habe ich Dir nicht schon vor ein paar Wochen das neue Buch über den badischen Aufstand und Feldzug gegeben und Dich gebeten, mir Dein Urtheil zu sagen, ob es der Mühe Werth ist, es zu lesen?“

„Ja so, allerdings – ich habe das Zeug über den badischen Jammer durchgeblättert –“

„Nun, heraus mit der Sprache, her mit Deinem Urtheil.“

Mir wurde unheimlich zu Muthe und aus Besorgniß, vielleicht Aeußerungen hören zu müssen, die mir wehe thun würden, fiel ich mit den Worten in die Rede:

„Vor allen weiteren Erörterungen glaube ich hier daran erinnern zu dürfen, daß ich Badenser bin und der Bruder jenes unglücklichen Commandanten von Rastatt, der von preußischen Kugeln gefallen ist.“

„Ja, Donnerwetter!“ rief der General v. K. „Ich habe die gegenseitige Vorstellung vergessen. Also: Herr General von Radowitz, – Herr Baron von Biedenfeld!“

Hundert Mal hatte ich eine Bekanntschaft mit diesem interessanten Freunde des Königs gewünscht und jetzt, da sie mir so nahe geboten war, stand ich in der Ueberraschung ihm verlegen gegenüber und starrte ihm fast unartig in’s Gesicht. Auch er betrachtete mich einen Augenblick starr, dann flog es plötzlich wie ein Hauch von Mitleiden verklärend über seine Züge, mit herzgewinnendem Blick eilte er zu mir herüber, faßte meine Hand zwischen seine beiden Hände, sah mir mit unbeschreiblicher Wehmuth Auge in Auge und sprach mit bebender Stimme des innigsten Gefühles:

„Ich habe die Minerva gelesen, ich habe alle Ihre Schmerzen mitgefühlt und alle die schweren Kämpfe mit durchgerungen, welche Ihre Seele zu bestehen hatte, bevor jene Biographie des Bruders fertig auf dem Papiere stehen konnte. Herzlichst freut es mich hiernach, Ihre persönliche Bekanntschaft gemacht zu haben, und hoffentlich sehen wir uns recht oft wieder.“

Und als wäre er froh, über die badische Geschichte schnell hinwegzukommen und die Anregung des Mitgefühls los zu werden, wendete er sich rasch an das Fräulein, ließ meine Hand mit einem Druck frei und sagte in der heitersten Laune:

„Nun, mein schönes Fräulein, haben Sie endlich Ihren Rosenmann; hoffentlich verfahren Sie mit ihm gnädiger, als mit Ihren Freunden. – Aber Sie, Herr Baron, warne ich von vornherein, unserer künftigen Jungfrau von Orleans ja nicht etwa zu glauben, wenn sie viel Schönes über das Rosenbuch sagen sollte, denn sie hat in der That nur die Beigaben, die Gedichte und besonders die Fleurette gelesen.“

Mit einer leichten graziösen Verbeugung trat er einen Schritt zurück, kreuzte die Hände auf dem Rücken, stellte sich breit in die Positur eines eifrigen Zuhörers, seine Stirn, dieser Thron des Verstandes und des raschen, entschiedenen Urtheils, war offen und heiter, sein Blick lauschte erwartungsvoll, um seinen Mund spielten Sarkasmen. Nach den gewöhnlichen zierlichen Eingangsphrasen bemerkte Emilie:

„Es ist doch sonderbar, daß die Phantasie der Leser sich gewöhnlich ganz andere Bilder von den Schriftstellern vorspiegelt. So habe auch ich in Ihnen mir etwas ganz Anderes gedacht –“

„Natürlich,“ fiel Radowitz ein, „die edle Jungfrau dachte sich irgend einen Mauerbrecher von Dunois oder einen herzenerstürmenden Lionel und verwundert sich nun, eine Art von Duchatel zu finden, dem die heilige Liebe zum Vaterland keine Zeit mehr zum Courschneiden läßt …“

Wir saßen wieder und auch Radowitz hatte seinen Schaukelplatz in der Ecke aufgegeben und an dem runden Tische Platz genommen. Die Hausfrau bereitete den Thee und Emilie zierliche Butterschnittchen. Die Conversation wogte von Gegenstand zu Gegenstand hin und her. General K. kam wiederholt auf sein Buch über Baden zurück, aber mit feinstem Takte glitt Radowitz stets darüber hinweg und wußte stets unmerklich wieder Anderes auf das Tapet zu bringen, neckte die Hausfrau, weil das Theewasser nicht kochen wollte, und Emilien wegen der unsäglichen Mühe unsichtbare Butterschnittchen zu Stande zu bringen, den Bruder General, weil er die Parade versäumt habe, um eine schöne Portion Hühner zu fehlen, mich wegen meiner Geschichte der Mönchs- und Nonnenorden, woran ich ein paar Lebensjahre gesetzt habe, nur um mit einer solchen General-Uebersicht andern Historikern eine bequeme Eselsbrücke zu bauen und à la Talleyrand seligen Andenkens die Sprache zu gebrauchen, um meine Gedanken über mancherlei Dinge zu verstecken. Meine Geschichte der Ritterorden habe er, ähnlichen Erscheinungen analog, für einen Sehnsuchtswalzer nach einigen Ordensbändchen gehalten, bis er nach Durchlesung der Vorrede von solcher Sehnsucht mich habe freisprechen müssen. Mit meinem Buch der Rosen habe er sich den Magen nicht verderben wollen, weil er eine Menge demagogischer Stacheln und Dornen darin vermuthet, indem so viele demagogische Herren und Damen (mit einem Seitenblick auf Emilie) ihm so emphatisch Lob gespendet. Er war prächtig im Zuge und trug die Kosten der Conversation fast allein.

Wir kamen, ich weiß selbst nicht wie, im Verfolg dieses Herumhüpfens durch allerlei Lappalien, unversehens in die ernsteren Gebiete von Abbé Chatel, Ronge, Röhr, Bretschneider, Hengstenberg etc. Da floß kein Scherz mehr über seine Lippen, seine ganze Physiognomie hatte ein anderes Gepräge angenommen, seine Stirn erschien mir höher, glätter, glänzender, seine Blicke wurden eindringlicher, stechender, während sein Auge oft so seltsam verdüstert in die Welt hinaussah, wie die Sonne, wenn sie hinter einem Schleier von Wolken blutroth erscheint. Der Mann war wieder ernst geworden, er sprach weniger, aber um so entschiedener. In solchen Momenten beherrschte indessen offenbar seine stets leicht aufregbare Phantasie den sonst so klaren und prägnanten Verstand, und riß ihn häufig zu kategorischen Urtheilen hin, welche mit seiner eigentlichen Ansicht der Dinge und mit seinen Schriften nicht wohl in Einklang zu bringen sind, mitunter ihnen geradezu widersprechen. Dergleichen hat Manchen über den Geist, das Wollen und Streben dieses merkwürdigen Mannes irre gemacht, und ihm manche schiefe Beurtheilung zugezogen.

Emilie äußerte in einem Anfall von Unmuth:

„Diese Reformation ist das größte Unglück, welches jemals über uns verhängt worden; seit jener Zeit hat Deutschland aufgehört, Deutschland zu sein –“

„Sie irren, mein Fräulein,“ fiel er mit didaktischem Ernste ein, „Sie irren nicht nur, sondern Sie lästern geradezu die Vorsehung. Diese Reformation ist die mächtigste und furchtbarste providentielle Erscheinung des letzten Jahrtausends. Mag sie immerhin Deutschlands politische Kraft für geraume Zeit gebrochen, die äußere und innere Einheit zerrissen haben, so hat sie doch Deutschland erst zum eigentlichen Hebel und Mittelpunkt, zum providentiellen Ferment der allmählichen Civilisation der ganzen Welt erhoben, was auch dagegen Franzmanns Eitelkeit und Englands Stolz einwenden möge. Der durch die edeln Söhne St. Benedicts von Nursia aus den Trümmern der Barbarei geretteten Wissenschaft und Literatur der alten Welt wurde durch die Reformation ein neues fruchtbares Leben verliehen, ihr allein verdanken sie alle Tiefe, Hoheit und Würde, und ohne sie wären ein Lessing, ein Goethe und Ihr Schiller unmöglich, nein undenkbar. Sogar die Kirche, die Religion –“

Da verstummte er plötzlich, als wäre er über sich selbst erschrocken, bedeckte mit der flachen Hand Stirn und Augen, fuhr dann langsam über das Gesicht herab, starrte einen Moment seine Theetasse an, erhob dann den Blick weit geöffnet, und fuhr fast im Ton eines Träumenden fort:

„Nun ja, auch die Kirche, durch die verhängnißreiche Appellation an die Vernunft blutig in zwei Kirchen zerrissen, hat sich zu Gedanken und Prüfungen erhoben, wozu sie niemals gelangt sein würde, wenn sie nur eine Kirche geblieben wäre. Und dieses häufig so heillos mißverstandene und falsch gedeutete „prüfet Alles“ wird am Ende der Prüfungen zu der allgemeinen Ueberzeugung führen, daß nur eine wahrhaft christliche Kirche möglich ist, und die zwei Kirchen werden wieder in eine Kirche zusammenfließen. Wann? Das weiß nur der, der Alles weise und gnädig lenkt – –“

Offenbar hatte er nicht Alles ausgesprochen, was er dachte und fühlte; aber ich hielt es für unbescheiden, ihm Weiteres zu entlocken, durch Widerspruch ihn zur vollen Offenheit zu reizen. Die Uhr erinnerte uns, daß es Zeit zur Trennung geworden.

Oft habe ich diesen merkwürdigen Mann besucht, oft dabei des „Generals Chamäleon“ von Fräulein Emilie mich lebhaft erinnert, aber stets schied ich von ihm mit höherer Achtung und Liebe.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Obgleich die Steinmassen des Mondes härter als unsere Kalk- und Kreidefelsen sind, so erreichen sie doch nicht die Dichte unserer Metalle. Die Bergmassen des Mondes haben nämlich 2,8 als specifisches Gewicht; nach andern Angaben sind sie noch etwas dichter; – mithin sind die Mondfelsen unsern Marmorfelsen ganz gleich, da bekanntlich die Dichte unsers Marmors ebenfalls 2,8 beträgt.
  2. Noch muß bemerkt werden, daß vorstehender Holzschnitt die Karte so gibt, wie man auf einer Sternwarte das Mondgebirge durch einen Refractor sieht, also verkehrt; demnach ist der untere Theil der Karte der nördliche, der obere ist der südliche; links ist Westen, rechts Osten.
  3. Siehe Nr. 65 der Abbildung.
  4. Unter diesem Titel wird der obengenannte bekannte Verfasser eine Reihe Erinnerungen aus seinem vielbewegten Leben geben, die besonders durch die charakteristischen Streiflichter, welche sie auf bekannte Persönlichkeiten des neunzehnten Jahrhunderts werfen, für viele unserer Leser von großem Interesse sein werden. D. Red.