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Die Gartenlaube (1858)/Heft 24

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[345]

No. 24. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Vorgesichte.

Strandnovelle von Ernst Willkomm.
(Fortsetzung.)

„Ich weiß nicht, ob ich dem Manne eine Antwort gegeben habe. Die Zunge klebte mir am Gaumen und ich glaube, meine Hand zitterte, als schüttelte mich ein Fieber. – Es war in der That das Gesicht, die Tracht, die ganze Figur des Mannes am Steuer. – Die drei Leichen trieben eine nach der andern längs dem Schiffe fort, etwas schneller als dieses segelte. Da rief der Mat auf Wache: Cap’tain! Wie ich mich umkehrte, sah ich den Mann am Bugspriet knieen und in die See hinabstieren. Ich ging zu ihm.“

„Kennt Ihr den Burschen, Cap’tain,“ sagte der brave Junge, „der sich jetzt gerade am Bug zu so unpassender Zeit im Salzwasser badet? Wenn’s nicht ein verfluchter Wechselbalg ist, bin ich’s – Gott verd– mich, selber!“

„Entsetzlich!“ lispelte Karen.

Eine neue Bö rüttelte an dem Hause und klappte mit der äußern, nicht fest schließenden Thür.

„Der Bursche sah recht, wie der Mann am Steuer,“ erzählte Nicol weiter. „Das Gesicht des dritten Mannes war mir nicht bekannt oder ich konnte die Züge desselben nicht deutlich erkennen. Wohl aber wußte ich, daß wir die Reise nicht ohne Unfall zurücklegen würden.“

„Es war ein Vorgesicht,“ sprach jetzt eine wohltönende Stimme, die von der Thür herkam, deren Oeffnen die aufmerksam Zuhörenden nicht bemerkt hatten. „Solche Zeichen gibt’s, ich weiß! Der Himmel schickt sie uns, daß wir uns bei Zeiten vorbereiten und unsere irdischen Angelegenheiten in Ordnung bringen sollen. Mein Vater und Großvater hatten bei allen wichtigen Vorkommnissen in ihrem Leben Vorgesichte.“

Karen war längst aufgestanden, um den späten Gast, einen jungen Mann, der eben vom Steuermanne zum Capitain avancirt war und noch vor Ende October die Führung eines holländischen Schiffes nach Ostindien übernehmen wollte, zu begrüßen.

„Du kommst spät, Geike,“ sagte das junge Mädchen. „Ich glaubte schon, Du würdest heute gar nicht nach mir fragen.“

Geike Woegens drückte Karen an seine Brust. Dann reichte er deren Eltern und Brüdern die Hand zum Gruße. Es war der Verlobte der Tochter des Hauses.

„Hast Du gelauscht?“ fragte Nicol lächelnd.

„Fast eine ganze Minute,“ erwiderte eben so Geike. „Deine Zuhörer verschlangen Deine Worte ja mit solcher Andacht, daß es grausam gewesen sein würde, hätte ich sie gestört. Nun fahr’ aber fort, Vater Nicol, damit wir hören, wie die Sachen ausliefen.“

„Du hast es schon ausgesprochen,“ erwiderte der alte Capitain. „Es war ein Vorgesicht und es erfüllte sich, ehe das Jahr zu Ende ging. Der „indische Nabob“, mein prächtiges Fregattschiff, kehrte mit reicher Ladung aus Brasilien zurück. Bei den Azoren überraschte uns mit Blitzesschnelle, mitten in der Nacht, der Orkan. Ehe es möglich ward, die Segel zu reffen, hatte die Wucht des Sturmes mein Schiff schon auf die Seite gedrückt. Eine fürchterliche Woge spülte darüber hin. Es hob sich zwar wieder, nun aber splitterte ein zweiter Stoß den Fockmast. Er brach und fiel über Bord mit allem Tauwerk, das ihn hielt. Da war keine Rettung mehr; der große Mast und der Besahn folgten mit sammt dem ganzen Schiffsrumpfe. Ihrer Zwölf retteten wir uns auf die strudelnden Trümmer. Wir wurden wunderbar erhalten. Während der ganzen ersten Nacht aber trieben auf dem wild brüllenden Meere drei Leichen mit uns, ganz so, wie ich sie gesehen hatte in der spanischen See. Die eine war mein Steuermann, der Ostfriese, die andere der Mat, der in jener Nacht die Wache hatte. Die dritte Leiche gehörte dem einzigen Passagiere an, den wir in Rio an Bord genommen. Es war ein Kaufmann aus Portugal, der in sein Geburtsland zurückkehren wollte. Wie er hieß, weiß ich nicht. Ich hatte nicht nach seinem Namen gefragt.“

Die Zuhörer saßen einige Minuten lang still, Nicol Mannis heftete seine blaugrauen klaren Augen auf das Wrack des Schiffes, bei dessen Untergange das eben Erzählte begegnet war. Taken brach zuerst das Schweigen.

„Ist Dir schon ein Wiedergänger[1] vor Augen gekommen?“ fragte er den ernst gewordenen Vater.

„In meinen jungen Jahren glaub’ ich deren zwei gesehen zu haben,“ versetzte dieser.

„Hier oder anderwärts?“ fiel Jens ein.

„Wiedergänger gibt’s nur in der Westsee,“ sagte Nicol. „Die junge Welt und die Festlandsmenschen spotten zwar darüber, aber die Sache hat und behält dennoch ihre Richtigkeit. Es lebt auf allen Inseln und Halligen kein Seemann, der nicht in seinem Leben einem Wiedergänger begegnet wäre. Mein Vater sah seinen eigenen Bruder nach vielen Jahren wieder, als er am Strande allein spazieren ging, und mich besuchte der treueste Freund meiner Jugend. Er kam um in einem Sturme, der das Schiff, auf dem er als Vollmatrose diente, an die Godwin-Sands schleuderte.“

„Wie begegnete er Dir?“ fragte Taken.

[346] „Ganz in der Gestalt eines Menschen, der eben aus dem Wasser gezogen wird. Seine Kleider trieften, die Haare hingen ihm feucht um’s Gesicht, die Augen sahen mich traurig und als ob er mich um etwas bitten wollte, an. Sein Gang war der eines gewöhnlichen Menschen, nur schwebender und geräuschlos. Als ich ihn anrief, zerrann das Bild in der Luft und ein Klageton zitterte das einsame Gestade entlang.“

„Dann sind uns heute Mittag vor Capitainsknob Wiedergänger begegnet,“ fiel Jens ein. „Ihr saht doch wohl die fahlen Gesichter mit den lang herabhängenden Haaren?“ fuhr er fort, seinen Geschwistern sich zuwendend. „Der Eine hing in den Wanten des Fockmastes, der Andere stand am Steuerrade. Ihre Kleidung triefte von Wasser und als das Schiff vorübersegelte, zerrannen sie zuerst in der matt nebligen Luft.“

„Es war so, wie Jens sagt,“ sprach Karen, ihren Verlobten fester umarmend und ihr Gesicht an seiner Brust bergend. „Das Auge des Mannes am Steuer war so fest auf mich gerichtet, daß ich vor Furcht laut aufschrie.“

„Und den Namen des Schiffes konntet Ihr deutlich erkennen?“

„Wir sahen ihn alle drei zugleich,“ versetzte Taken.

Nicel Mannis schüttelte den Kopf.

„Mich dünkt,“ nahm er nach einer abermaligen Pause das Wort, während welcher die ungläubige Mutter besorgte Blicke mit Karen wechselte, „mich dünkt, Euer Begegniß soll uns Allen eine Warnung sein. Wiedergänger bringen nichts Böses, sie zeigen sich uns, damit wir Vorkehrungen gegen ein drohendes Unglück treffen. Auch zeigen sie böses Wetter, hohe Fluthen, verheerende Stürme an. Am meisten müssen wir uns vor dem Orte hüten, wo sie uns begegnen. Solche Orte werden uns gefährlich. Wenn Ihr also wieder in See geht, dann legt Euch nicht im Angesicht der Amromer Dünen vor Anker! Die dortigen Gründe und Schwellen sind ein gefahrvolles Fahrwasser. Eine plötzliche Regenbö kann Euch rettungslos auf Sandbänke werfen, wo Ihr verhungert oder ertrinkt, eh’ ein anderer Schiffer Euch entdeckt. Das ist’s, was das Nebelschiff mit seiner stummen Bemannung, in der ich wohl meinen ostfriesischen Steuermann und meinen Mat vom indischen Nabob wieder erkannt haben würde, Euch hat andeuten wollen.“

Ellen machte einen Versuch, die Behauptung ihres Gatten zu bestreiten. Das war aber kein leichtes Unternehmen; denn Nicol Mannis hing an dem mit der Muttermilch eingesogenen Aberglauben seiner Landsleute so fest, wie an den Aussprüchen des Evangeliums. Auch stand die vorurtheilsfreie Festlandsfriesin mit ihrer Ansicht ganz allein. Ihre Kinder, desgleichen ihr künftiger Schwiegersohn schlossen sich, als echte Uthlandsfriesen, unbedingt dem Vater an. Und als Geike Woegens ziemlich spät die Warft verließ, waren die Zurückbleibenden fester denn je überzeugt, daß sie von mitleidigen Wiedergängern vor einem ihnen bevorstehenden Unfalle gewarnt worden seien.




IV.
Fahrt nach dem Wrack.

Am nächsten Morgen verließ Nicol Mannis schon mit Sonnenaufgang sein Haus. Der erste Blick des alten Seemanns war auf die Windfahne gerichtet, die er auf einem Giebel des Hauses in Gestalt eines segelnden Schiffes angebracht hatte. Sie zeigte dick West. Hierauf umschritt Nicol die ganze Warft, oft ausblickend nach der Binnen- und Außensee. Noch gewahrte man nirgends ein Segel. Der Wind hatte sich gelegt und da die Fluth eben erst aufzulaufen begann, lagen die endlosen Watten noch größtentheils trocken. Die Morgensonne warf glührothe Lichter über Sand- und Schlickwatten, so daß der Meeresboden stellenweise von dunkeln Feuerwogen durchfluthet zu sein schien. Den seltsamsten Anblick aber boten jetzt die Halligwohnungen dar. Manche der entfernter gelegenen glichen Zuckerhüten oder Bienenkörben, um deren Borde das Sonnenlicht in goldglitzernden Strahlen sich brach. Andere hoben sich zugleich mit ihren Warften wie breite Opferaltäre aus dem Meere, noch Andere konnte man für ungeheuere Bautasteine halten. Eine Reihe von der Sonne angeglühter Felszacken abenteuerlichster Gestalt schloß im Süden dies eigenthümliche Seepanorama.

Ganze Heere von Möven schwebten hier über grauen Wattenfeldern oder stiegen in Pausen über den Priehlen[2] auf und ab, die jetzt von den hereinbrausenden Fluthwogen mit silbernen Brandungen sich füllten.

Nicol Mannis beobachtete dies Leben auf dem Meere geraume Zeit. Obwohl es dem Capitain nichts Neues war, beschäftigte es ihn doch immer noch und erquickte sein Seemannsauge und sein Herz. Hörte er das Rauschen der Fluth, dann zog es ihn unwiderstehlich hinunter von der Warft. Er mußte das Rollen, Schäumen und Springen der dunkelgrünen Wogen sehen, die in ununterbrochener Reihe gegen den Grasbord der Hallig brandeten; der weiße Schaum einer springenden Welle mußte ihn benetzen, sonst war er nicht ruhig, nicht zufrieden. Hatte er aber den Duft der See mit vollen Zügen eingesogen, dann stieg er wieder die Warft hinauf, setzte sich an’s Fenster, nahm seinen Dolland und beobachtete durch das treffliche Fernrohr, ohne das er keine Stunde leben konnte, die verschiedenen Seepfade, die aus der Binnensee zwischen Halligen, Halliggründen, Sandbänken und Untiefen auf das hohe Meer hinausführen.

Nach seiner Gewohnheit lehnte sich Nicol Mannis an die Umfriedigung, die sein gut erhaltenes Haus umgab. Ihn fesselte nichts als das Meer, die Segel, die sich nah und fern zeigten, die Richtung, welche vom Süden herkommende Küstenfahrzeuge einschlugen, und ihre Bauart und Takelage.

Heute schien Nicol noch mehr als gewöhnlich in die Betrachtung des Bildes vertieft zu sein, das er seit Jahren jeden Tag wieder sah und so genau kannte. Die Stimme seiner jugendlichen Tochter störte ihn in seinem Sinnen und Träumen.

„Vater,“ redete Karen ihn an, „wenn Geike nach Tönningen reist, um sein Schiff zu übernehmen, darf ich ihn dann begleiten?“

Nicol bewegte kaum merklich das Haupt. Diese Bewegung war aber eine beistimmende.

„Will Euch selber durch die Hallige steuern,“ versetzte er, „Hab’ zu lange still gesessen, wird mir eine Mütze voll Seewind gut thun. Wann gedenkt Geike zu reisen?“

„In zwei oder drei Tagen.“

„Sollte ein paar Tage länger warten.“

„Weshalb?“

„Es ist dann gerade Neumond. Da wechselt gern der Wind.“

„Das Schiff ist befrachtet und muß in See gehen.“

„Kenne das, mein Kind, werd’ also Geike nicht halten. Ein Seemann muß pünktlich sein. – Kiek’, ist das nicht ein Boot dort bei Hains Halliggrund?“

„Der schwarze Punkt?“

„Es treibt mit der Fluth und ist unbemannt.“

„Die heftige Bö gestern Abend wird es irgendwo losgerissen haben.“

Nicol ging in’s Haus, um sein Fernrohr zu holen. Zurückkommend, durchforschte er die Meerespfade, auf denen jetzt die Fluth wogte und wallte, mit großer Gewissenhaftigkeit.

„Es ist kein Boot von den Halligen,“ sagte er. „Seine Form ist anders; es muß von See hereingetrieben sein.“

So sprechend kehrte er sich um, ging nach der Westseite, lehnte sich hier an die Befriedigung und betrachtete die majestätische Nordsee, auf deren blaugrünen Woge» häufig breite Silberhügel aufstiegen und blitzend im Sonnenlicht zerrannen. Er suchte lange auf dem endlosen Meere, ohne etwas zu entdecken, das ihn fesselte. Endlich aber blieb sein Auge auf schattenhaften Umrissen haften, die ein Nichtseemann schwerlich beachtet haben würde. Auf der einförmig wogenden See entdeckte Nicol einen Gegenstand, der ungleich dunkler war als die wallende Wasserfläche. Es konnte der Schatten einer Wolke sein, deren viele langsam durch die Luft segelten. Der Halligbewohner bemerkte aber, daß der dunkele Punkt sich nicht bewegte und daß häufig blendend helle Lichter um ihn aufzuckten. Er wußte jetzt, was er vor sich hatte. Das Fernrohr rasch zusammenschiebend, rief er seinem jüngeren Sohne zu, der beschäftigt war, von einem der Heudiemen Futter herabzuholen:

„Jens, mach’ Dich fertig und rufe Taken! Draußen bei Engelssand sitzt ein Wrack. Bei nächster Ebbe zerschlägt es die Brandung. Wollen sehen, ob ’was zu bergen ist und ob die Mannschaft sich gerettet hat.“

Die schnell herbeispringenden Brüder fanden sogleich den vom Vater ihnen bezeichneten Punkt. Auch sie erkannten mit scharfen Seemannsaugen in dem dunkeln Schatten ein gestrandetes Fahrzeug. Auch Karen und selbst Ellen blickten durch das Fernrohr, und alsbald machte sich eine quecksilberne Lebendigkeit auf Nicol [347] Mannis’ Warft bemerkbar. Die drei Männer setzten ihre Südwester auf, warfen die Busseruntjen über, fuhren in schwere, weite Schifferstiefeln, beluden sich mit zusammengerollten Tauen und stecken kurzhalmige, handlige Beile zu sich. Dann winkten sie Mutter und Schwester einen flüchtigen Gruß zu und stiegen die Warft hinab.

Obwohl über diesen Zurüstungen kaum eine Viertelstunde vergangen war, hatte doch jetzt die ganze Scenerie eine veränderte Gestalt angenommen. Auf allen Warften sah man belebte Gruppen. Männer, vollständig zu einer Seefahrt gerüstet, eilten dem nahen Strande zu, wo die schweren Boote losgekettet, unter monotonem, unharmonischem Johlen in’s Wasser geschoben und sodann eiligst bemannt wurden. Aber auch auf der Binnensee ward es lebendig. Von Langeneß und Nordmarsch, von Gröde und Apelland, von den Deichrändern Pellworms her stießen Fahrzeuge in See, die offenbar einem und demselben Ziele zuzusteuern beabsichtigten. Die scharfen Augen fast aller Halligbewohner hatten zu gleicher Zeit das gestrandete Fahrzeug entdeckt und alle schickten sich an, die auf demselben etwa noch befindlichen Güter dem gierigen Meere zu entreißen.

Die große Eile, die sich überall kund gab, war übrigens unnöthig. Noch lief die Fluth auf, der Wind, obwohl schwach, wehte landwärts, und gegen Fluth und Wind anzusegeln, war auch dem trefflichsten Fahrzeuge und der geschicktesten Führung desselben nicht möglich.

Nichtsdestoweniger gingen die Halligmänner mit wenigen Ausnahmen ungesäumt an Bord ihrer stark gebauten seehaltigen Sloops. Durch geschicktes Laviren gewann man doch einen kleinen Vorsprung, und trat dann die Zeit der Ebbe ein, wo nicht selten auch der Wind kentert, so konnte mit Benutzung des Ebbestromes, der Segel und Ruder ein Fahrzeug das andere überholen.

Geike Woegens, der Verlobte Karen’s, gesellte sich seinem künftigen Schwiegervater zu und bestieg mit diesem und seinen Söhnen ein und dasselbe Boot.

„Ich vermuthete schon gestern Abend eine Strandung,“ sprach der junge Mann, mit Hülfe Taken’s und Jens’ die Segel richtend. „Es wehte hart gegen Mitternacht und die Böen waren ungewöhnlich heftig. Wahrscheinlich ist’s ein Neapolitaner oder ein Schiffer aus Smyrna, der zum ersten Male nach der Elbe steuert. Solche Schiffer trügt die doppelte Fluthströmung bei heftigem Winde und treibt sie östlich ab nach unsern Watten.“

Der alte Mannis pflichtete kopfnickend bei. Er saß am Steuer und beobachtete mit großer Seelenruhe jede Bewegung des Meeres, wie den Lauf der vielen andern Segelboote, die von Süd und Nord dem Orte zustrebten, wo das gestrandete Schiff fest im Sande saß.

„Die Pellwormer kommen uns zuvor,“ sagte Nicol nach einer Weile. „Die sind des Schiffes wohl etwas früher ansichtig geworden, auch begünstigt sie die Richtung des Windes.“

Auf diese Bemerkung machte Geike eine beistimmende Bewegung. Inzwischen erreichten die Segelnden tieferes Fahrwasser und bei der nächsten Wendung des Bootes zeigte sich der Rumpf des Wrackes bereits in größerer Deutlichkeit.

Nun entspann sich ein eigenthümlicher Wettkampf zwischen den verschiedenen Segelbooten, die einander mit jeder Minute näher kamen. Alle Führer derselben benutzten jeden kleinsten Vortheil, der sich ihnen darbot, und griffen nicht selten zu gewagter Segelstellung, um ein paar Fuß Wasser mehr zu gewinnen und wo möglich einen kleinen Vorsprung zu erlangen. Gesprochen ward während dieses Wettsegelns kein Wort, nur einzelne gurgelnde Kehltöne hörte man, die bald ein Commando vorstellten, bald als Zeichen der Anfeuerung gebraucht wurden.

Das Wrack zeigte sich jetzt schon deutlich. Die See brandete wild um den dunkeln Rumpf und überschüttete diesen bisweilen mit weißem Gischt. In den heransegelnden Booten war das Rauschen und donnernde Anprallen der breiten Wogen, die sich zerstörend am Schiffsrumpfe brachen, deutlich zu hören. Hunderte von schreienden Seevögeln umflatterten den Strandungsort und schwebten bald als breite Wolke in ziemlicher Höhe über demselben, bald fielen sie nieder auf die Wellenkämme, die weißhäuptig über den Sand rollten und an den Planken des Wrackes zum Bord hinaufstrebten.

Noch wenige Minuten vergingen und alle Boote zogen ihre Segel ein. Auf dem seichter werdenden Wasser konnte man sich nur noch der Ruder bedienen.

Nun galt es abermals, die Hände zu rühren und mit nicht ermüdender Ausdauer zu arbeiten, was denn auch redlich geschah.

Die Sloop des alten Mannis war die sechste, welche das Wrack erreichte, dessen Deck sich nunmehr schnell mit Menschen füllte. Das Schiff war verlassen und allem Anscheine nach hatte sich die ganze Mannschaft in den Booten gerettet. Die Schiffspapiere und Sachen von Werth hatten die Schiffbrüchigen mitgenommen. Im untern Raume, der schon zur Hälfte mit Wasser gefüllt war, rollte die nicht bedeutende Ladung hin und wieder, je nachdem eine hohe Woge den Rumpf umspülte, hob und ihn heftig stampfend wieder auf den sandigen Grund fallen ließ.

Nicol und seine Begleiter sahen ein, daß die zu machende Beute ihren Erwartungen nicht entsprach. Es war in der That ein von Smyrna kommendes Schiff, mit Südseefrüchten und etwas Wein beladen. Erstere, in Kisten verpackt, mußte man bereits verloren geben, da sie ganz von Salzwasser überfluthet waren. Die Weinfässer trieben im Schiffsraume auf und ab, und manches war durch die starken Schwankungen schon zertrümmert worden.

Um nicht mit den immer zahlreicher sich einfindenden Insulanern, unter denen manche überaus beutegierig waren, und bereits unter drohend klingenden Worten das Deck erklommen, in nutzlosen Streit zu gerathen, begnügten sich die Halligmänner von Hooge mit zwei kleinen Fäßchen, die Wein zu enthalten schienen. Vielleicht hätten sie auch diese nicht unbehindert in ihr Boot bringen können, wäre nicht gerade über einige andere auf Deck befindliche Gegenstände zwischen Mehreren, welche gleichzeitig ihre Hände darnach ausstreckten, ein heftiger Streit ausgebrochen, der durch das Bemühen derer, die ihn schlichten wollten, schnell in Thätlichkeiten ausartete.

Nicol Mannis und seine Begleiter, wohl wissend, daß auch ihr Wort ungehört verhallen würde, benutzten gleich manchen Andern diesen Moment, verließen das Wrack und stiegen ab. Der Lärm des Kampfes, an dem sich jetzt alle am Bord Zurückgebliebenen betheiligten, hallte weithin über das Meer, und ward von den heimwärts Steuernden noch vernommen, als sie das Watt von Engelssand bereits glücklich passirt hatten, und die Ruder wieder mit den Segeln vertauschen konnten. Auch die Rückfahrt dauerte lange. Wie vorher gegen die Fluth, mußten sie jetzt gegen die Ebbe kämpfen, d. h. sie waren gezwungen, fortwährend zu kreuzen, um sich langsam der Hallig zu nähern. So ward es beinahe Abend, ehe die Schiffer das Ziel erreichten.

Nicol blieb auch während dieser Rückfahrt sehr einsylbig. Sein Aussehen war ernst, ja düster, und als er endlich bei dicht aufbrodelndem Nebel das Boot in das Schlütt steuerte, sagte er, mit scharfem Auge rückwärts nach dem Meere blickend, das wie eine graue Wüste sich unter dem Nebel ausbreitete:

„Hab’ Acht, Geike, wenn Du in See stichst! Lichte die Anker an keinem Freitage! Der Leichenzug, den ich vorhin von der Reutertiefe über Backsand nach dem Jungejap mitten durch den Nebel streichen sah, verkündigt uns Halligleuten nichts Gutes! Mich dünkt, es waren viele Bekannte unter den Trägern.“[3]

Die Brüder wechselten sprechende Blicke mit einander, Geike aber reichte dem Alten die Hand und sagte:

„Werd’ Deiner gedenken, Vater Mannis, und an keinem Freitage lichten. Sollst selbst dabei sein, wenn ich ausclarire.“

Nicol schien beruhigt. Er befestigte die Sloop mit eigener Hand, während jeder seiner Söhne eins der geborgenen Fäßchen an’s Land trug, und Geike den kleinen Anker des Fahrzeuges mit kräftigem Druck in die Erde der Hallig bohrte.




V.
Die Nacht auf der Holmer Fähre.

Anderthalb Wochen später treffen wir den alten Halligmann mit Jens und Karen am Hafen von Tönningen. Es ist Nachmittags in der dritten Stunde. Graue Wolken bedecken den Himmel, und lassen nur selten die Sonne auf kurze Zeit durchbrechen. Die Wogen der Eider kräuseln sich unter der Einwirkung einer frischen Bries. Mehrere Schiffe, deren Raaen sich schnell mit Segeln bedecken, steuern hinaus nach der offenen See. Ihre Flaggen und [348] Wimpel wehen lustig im Winde, und wenn ein heller Strahl der Sonne, die Wolkenmauer spaltend, sie trifft, kann man die Farben und Zeichen der Flaggen noch deutlich vom Ufer aus erkennen.

„Gott gebe ihm eine glückliche Reise, und laß ihn im nächsten Frühjahr gesund und munter zurückkehren!“ sprach jetzt Nicol Mannis, seine Mütze abnehmend und sie nochmals grüßend gegen die schnell sich entfernenden Schiffe schwenkend. „Ich fürchte, ehe Geike den Canal passirt, macht der Wind ihm noch was zu schaffen.“

Karen, die auf den Arm des Vaters gestützt, unverwandten Auges den fortsegelnden Schiffen gefolgt war, richtete sich auf, um ein paar Thränen an ihren Wimpern zu trocknen.

„Laß uns gehen, Vater!“ sprach das junge Mädchen mit fester Stimme. „Ich habe nun weiter nichts mehr zu suchen.“

Nicol widersprach nicht. Er sah noch einmal nach dem wogenden Strome und dem grauen Himmel, dann erfaßte er die Hand der Tochter, und wendete sich der Stadt zu. Jens verweilte noch einige Minuten länger am Strande, dann folgte auch er den Vorangegangenen.

Die Uthlandsfriesen blieben noch eine Nacht in Tönningen, und machten nöthige Einkäufe für den Winter, um in keine Verlegenheit zu kommen, wenn etwa böses Wetter sie für längere Zeit an allem Verkehr mit dem Festlande verhindern sollte. Am andern Morgen erst verließen sie die belebte Hafenstadt, um auf einem offenen Wagen durch die Landschaft Eiderstedt nach Husum zu fahren. Hier nämlich lag des alten Mannis Ewer im Hafen.

(Fortsetzung folgt.)




General Seydlitz.
Ein Soldatenbild aus früherer Zeit.

In der Stadt Kalkar, im rheinischen Kreise Kleve, wird im September nächsten Jahres, zum zweihundertjährigen Jubiläum der Vereinigung dieses Kreises mit Preußen, das Steinbild des dort gebornen Generals von Seydlitz enthüllt werden, das seine Vaterstadt durch den Bildhauer Julius Bayerle in Düsseldorf ausführen läßt. Es ist uns vergönnt, den Lesern der Gartenlaube schon jetzt eine Abbildung nach dem Entwurfe des Denkmals zu liefern, was, nach den bisherigen Leistungen des Künstlers zu schließen, jedenfalls eine große Zierde der kleinen Stadt werden wird.

Seylitz’ Denkmal in Kalkar.

Unter den Heerführern Friedrichs des Großen ist Seydlitz eine der hervorragendsten Persönlichkeiten. Es kann nicht in der Absicht der Gartenlaube liegen, eine Verherrlichung seiner kriegerischen Thaten zu geben, wir müssen diese, so wie überhaupt seine Lebensgeschichte, als bekannt voraussetzen und haben deshalb mit Bezug auf seine hervorragende militairische Stellung nur zu erwähnen, daß nicht mühvolle Studien, nicht jahrelange Dienste im Generalstab ihn zum Heerführer gemacht, sondern daß, wie man sagt, ihm die Feldherrneigenschaften angeboren waren. Große strategische Combinationen auszusinnen und durchzuführen, dazu war Seydlitz nicht herangebildet und dazu hat ihn auch Friedrich nie verwendet, aber Niemand verstand, wie er, bedeutende Reitermassen von 50–60 Schwadronen auf engen Raum zu concentriren, zu bewegen und dieselben im entscheidenden Moment, den sein Scharfblick stets richtig erkannte, zu unwiderstehlich einherbrausendem Angriffe zu führen, kurz, er war ein Schlachtengeneral, wie es deren nur wenige gegeben hat, und dem z. B. Murat keineswegs an die Seite zu stellen ist. Als solcher rettete er die preußische Armee bei Collin vor gänzlicher Vernichtung, als solcher entschied nur er allein die Siege bei Roßbach und Zorndorf. Aber nicht minder groß ist sein Verdienst, das er sich um die Heranbildung der preußischen Cavallerie erworben hat. Diese Waffe war unter Friedrich WIlhelm I. sehr vernachlässigt worden. Man hat Colosse auf Kameele gesetzt, wie sich Friedrich der Große ausdrückte, und so die Reiterei zu einem schwerfälligen Unding gemacht. Friedrich erkannte in den schlesischen Kriegen bald, wie sehr, besonders der vortrefflichen ungarischen Cavallerie gegenüber, eine Umgestaltung dieser Waffe nothwendig sei. Wenn nun Ziethen hierbei sich das Verdienst erworben hat, zuerst den richtigen Weg betreten zu haben, so übertraf doch Seydlitz bald seinen Meister in allen technischen und taktischen Kunstfertigkeiten. Er wußte der preußischen Reiterei jenen Heldengeist einzuhauchen, der sie zu dieser Zeit charakterisirt, er machte durch unermüdliche Thätigkeit und Umsicht aus den Colossen – Centauren.

Mit 17 Jahren in einem Cürassierregiment als Cornet angestellt, zog Seydlitz bald die Blicke seiner Vorgesetzten und die Aufmerksamkeit des Königs auf sich, der ihn mit richtiger Würdigung seiner glänzenden Eigenschaften in rascher Folge zum Commandeur einer Husarenschwadron, zum Chef eines Cürassierregiments und dann zum Inspecteur der schlesischen Cavallerie ernannte. Dieses schnelle Aufrücken mußte seinen Ehrgeiz mehr stärken, als befriedigen; er fühlte, daß es galt, nicht nur das Errungene zu behaupten, sondern auch fernere Fortschritte zu machen. Das Bewußtsein seines persönlichen Werthes bewirkte bei ihm eine Haltung von Ernst und Würde, die später zu wortkargem, ja schroff abgeschlossenem Verhalten in solchen Gesellschaften führte, wo er, wie bei Hofe, nur ungern erschien. Durch und durch Soldat, und Reiter insbesondere, fand er volle Befriedigung in seinem Dienstberufe; nie strebte er, aus diesem Kreise herauszutreten. Am liebsten war er in Gesellschaft seiner Officiere, denen er der aufmerksamste, liebenswürdigste Camerad war, und mit diesen besonders auf Spazierritten, auf der Jagd, die er leidenschaftlich liebte, und in Gesellschaft schöner Damen, denen er nicht weniger zugethan war, blieb er keineswegs ernst und schweigsam. Er hielt auf geschmackvolle, vornehme Einrichtung und eine gute Tafel, wobei er, sowie des Abends, gern seine Officiere erscheinen sah. Bei solchen Abendzusammenkünften [349] wurde stark Tabak geraucht, aber wenig getrunken und nie gespielt. Man sprach lebhaft über Gegenstände des Dienstes oder Erlebnisse aus den verflossenen Kriegsjahren.


Seydlitz in der Schlacht bei Roßbach.


Während seiner militairischen Laufbahn hat er die beiden schlesischen und den siebenjährigen Krieg, also die Ruhmesepoche Friedrich’s, mitgemacht. Besonders der 1756 ausgebrochene siebenjährige Krieg gab der nach seinen und Ziethen’s Lehren gebildeten preußischen Cavallerie Gelegenheit, ihren großen Meistern Ehre zu machen. Seydlitz selbst wurde durch den Krieg in den Stand gesetzt, seine glänzenden Talente als Reitergeneral leuchten zu lassen. Obgleich die Schlacht bei Collin verloren war, so erkannte doch der König Seydlitz’ Verdienste in derselben durch die Ernennung zum Generalmajor an. Als ihm Ziethen, der zwanzig Jahre älter war, hierzu Glück wünschte, gab er lächelnd zur Antwort: „Wenn etwas [350] aus mir werden soll, so war es Zeit, denn ich bin schon sechsunddreißig Jahre alt.“

Seine Affaire mit dem General Soubise in Gotha ist zu bekannt, als daß wir sie nochmals erzählen sollten, wir erwähnen deshalb auch nur noch seiner glänzenden Waffenthat bei Roßbach, die unser Künstler auf so würdige Weise zur Darstellung gebracht.

Die Kriegsereignisse hatten den König bestimmt, mit seinem höchstens 22,000 Mann starken Heere bei Roßbach ein Lager zu beziehen. Hier, so beschloß Prinz Soubise, sollte der „Marquis von Brandenburg mit seiner Berliner Wachparade“, womit man die im Verhältniß zu der 64,000 Mann starken verbündeten Armee geringe Anzahl seiner Truppen verspottete, gefangen werden. Der Prinz beschloß, den König in seiner linken Flanke zu umgehen, und ihm den Rückzug über die Saale abzuschneiden. Vom Janushügel aus sah Friedrich ruhig die Bewegung des Feindes an, und erst zwei Uhr Nachmittags ließ er die Truppen aufbrechen, und marschirte hinter dem Höhenzuge ungesehen dem Feinde entgegen. Seydlitz erhielt, obgleich jüngster Generalmajor, das Commando der sämmtlichen Cavallerie. Seine Stellung den älteren Generalen gegenüber war eine sehr schwierige, aber mit dem ihm eignen Talent, sich in jede Lage zu schicken, erklärte er den versammelten Generälen, als er die Disposition zu seinem Angriff ausgab, kategorisch: „Meine Herren, ich gehorche dem Könige und Sie gehorchen mir!“ Vorwärts ging es im Trabe bei der Infanterie vorbei bis hinter das Ende des Höhenzuges; hier ließ er aufmarschiren, 15 Schwadronen im ersten, 18 im zweiten Treffen, 5 zur Seite. Kein Signal, kein lautes Wort verrieth der immer noch sorglos vor ihrer Infanterie vorantrabenden feindlichen Cavallerie die Nähe ihres furchtbaren Feindes. Noch waren die Säbel nicht gezogen, da erscheinen die 52 Schwadronen des Herzogs von Broglio. Seydlitz sprengt vor die Front seiner Linien. Hoch empor wirft er die bis dahin noch nicht verlöschte Tabakspfeife, und reißt den Pallasch aus der Scheide. Da schmettern sämmtliche Trompeten, da klirren die Säbel der Reiter, Marsch! Marsch! und mit gellendem Hurrah stürzen sie sich auf den verwirrten, ungeordneten Feind. Kaum berühren die Hufe der Rosse den Boden. Hier die Quartierbillets für den Winter in Berlin, die ihr so sicher zu haben glaubtet, hier der Gruß der Berliner Wachparade! Niedergeworfen und zersprengt sind die 52 Schwadronen, die fast eine Meile weit verfolgt werden. Als die Cavallerie abgefertigt war, wendet er sich zur Infanterie. Ihr Loos war dasselbe, und in wenigen Stunden waren 3000 Feinde getödtet, 5000, darunter 5 Generäle und 300 Officiere, gefangen. Von den 17 preußischen Bataillonen waren nur 7 zum Schuß gekommen, der Sieg also fast nur das Verdienst der Cavallerie, und hier wiederum fast nur das ihres ausgezeichneten Führers. In ganz Deutschland wurde die Demüthigung der verhaßten übermüthigen Franzosen mit dem größten Frohlocken aufgenommen. Deutsche Tapferkeit und Umsicht hatte die Fremdlinge niedergeworfen, und man vergaß darüber die eigne traurige Uneinigkeit. Seydlitz war bei der Schlacht in den linken Arm geschossen worden, und mußte vier Monate lang in Leipzig seine Genesung erwarten.

Im Dienste war Seydlitz ein unerbittlich strenger Vorgesetzter, doch erweckte die Art, mit der er Fehler rügte, stets den guten Willen, solchen abzuhelfen, die Verweise, die er gab, kränkten nie das Ehrgefühl, sondern waren stets dem Charakter des Fehlenden angemessen. Rohheit und Grausamkeit in der Behandlung Untergebener litt er nie, und so kam es, daß die körperlichen Züchtigungen, welche damals noch durchweg gebräuchlich waren, in seinem Regiment nach und nach ganz in Wegfall kamen. Seine hervorragende Persönlichkeit war allein hinreichend, das Große zu vollbringen. Groß waren die Forderungen, die er an seine Reiter stellte; aber was er verlangte, leistete er stets selbst in höchster Vollkommenheit. Noch oft hat er als General die Wagstücke seiner Jugend, das Ueberspringen hoher Hindernisse, das Reiten durch umlaufende Windmühlenflügel u. dgl. wiederholt. Einst traf er beim Spazierenreiten eine Landkutsche, in welcher ein Landprediger mit seiner Familie langsam auf dem Sandwege dahinfuhr. Das langgestreckte Vordertheil des Wagens erweckte in ihm die Lust, darüber hinwegzuspringen. Ein Spornstoß und er war auf der andern Seite des Wagens. Sein ganzes Gefolge schlug zum großen Schrecken der Fahrenden denselben Weg ein. Nicht weniger geübt war er im Pistolenschießen und oft mußte der Glöckner zu Ohlau, der eine kleine am Rathhaus hängende Glocke täglich drei Mal läutete, zu seinem Aerger diese Beschäftigung aufgeben, da der General Seydlitz ihm von seinem Fenster aus mit der Pistole den Strick entzwei schoß.

In seinem Benehmen gegen den König und gegen Vorgesetzte wußte Seydlitz bei aller Bescheidenheit doch stets seine Würde zu wahren. Dies war auch so allgemein anerkannt, daß der Oberstallmeister, Graf Schwerin, den der König bei Tafel nach seiner Gewohnheit zu schrauben suchte, einmal unerwartet mit den Worten losbrach:

„Mir können Ew. Majestät wohl so etwas anthun, aber da sitzt Einer“ – und er zeigte auf Seydlitz – „versuchen Sie’s doch mit dem.“

So sehr der König auch den General Seydlitz achtete, so suchte er doch oft bei ihm etwas zu tadeln. Einst machte er nach der Musterung seines Regiments die Bemerkung:

„Mein lieber Seydlitz, ich dächte, Sein Regiment ritte mit viel längern Bügeln, als meine übrige Cavallerie?“

Seydlitz, der das für richtig Befundene nicht gern als übertrieben tadeln lassen wollte, antwortete:

„Ew. Majestät, das Regiment reitet noch ebenso, wie bei Roßbach.“

Einstmals regte der König die Frage an, ob es besser sei, der Reiterei zweischneidige oder Rückenklingen zu geben. Seydlitz hörte eine Zeit lang dem Streite zu und machte ihm dann, als es ihm zu langweilig wurde, mit den Worten ein Ende:

„Wenn die Reiterei nur eher an den Feind kommt, bevor dieser Zeit hat, die Klingen zu besehen, so wird sie siegen, und wenn sie Spießgerten in der Hand hat.“

Nie aber war Seydlitz furchtloser und freimüthiger, als wenn es galt, einer Ungerechtigkeit zu steuern oder für Jemand die verdiente Belohnung zu fordern. So drängten sich einmal die Invaliden in Breslau zu nahe zum König, so daß sie diesem lästig wurden und er befahl, sie wegzuschaffen. Da sagte Seydlitz:

„Das sind die braven Männer, die ihr Leben und ihre Knochen daran gegeben haben, um Ew. Majestät Sieg und Ruhm zu gewinnen, und die nun betteln gehen mögen.“

Der König wurde gleich freundlicher und entließ die alten Krieger mit Geschenken.

Eine eben so treffliche Antwort gab er in der Schlacht von Zorndorf, als ihm der König den Befehl zuschickte, mit seiner Cavallerie bis zu einer gewissen Stelle vorzurücken. Seydlitz bemerkte mit scharfem Blick, daß dadurch seine Reiter unnütz dem Kanonenfeuer ausgesetzt wurden, und weigerte sich, selbst den wiederholten Befehlen des Königs zu gehorchen. Friedrich sandte nochmals und ließ ihn wissen, er werde es nach der Schlacht mit seinem Kopfe zu verantworten haben, worauf Seydlitz ruhig mit einem Blicke auf seine geschützten Reiter erwiderte:

„Sagen Sie dem Könige, nach der Schlacht steht ihm mein Kopf zu Befehl, in der Schlacht möge er mir noch erlauben, daß ich davon für seinen Dienst guten Gebrauch mache.“

Und er machte einen guten Gebrauch davon, denn nie hat er mit solcher Kühnheit angegriffen, nie unter so ungünstigen Verhältnissen mit solcher Geschicklichkeit die bedeutendste Reitermasse gehandhabt. Der König umarmte nach erfochtenem Siege den Helden mit den Worten: „Auch diesen Sieg habe ich Ihnen zu danken,“ worauf dieser, stets bescheiden und gerecht, antwortete: „Nicht mir, gnädigster König, sondern diesen braven Leuten, die ich anführte.“

Dergleichen kleine Streitigkeiten pflegten wohl dann und wann eine kleine Verstimmung zwischen dem Könige und seinem Reitergeneral zu veranlassen, die jedoch Seydlitz nie in seiner unerschütterlichen Treue und Liebe zu dem großen Friedrich irre machen konnte. Als der Kaiser Joseph II. den König 1769 bei seinen Musterungen in Schlesien aufsuchte und hierbei auch Seydlitz und sein berühmtes Cürassierregiment sah, war er so entzückt von der Ausbildung der schlesischen Cavallerie und insbesondere des Seydlitz’schen Regiments, sowie von der glänzenden Persönlichkeit des Generals, daß er diesem die größten Lobeserhebungen machte und mit den Worten schloß:

„Wenn die Verhältnisse es mir erlaubten, so käme ich zu Ihnen, um den Reiterdienst zu lernen, allein da dies nicht sein kann, so wünsche ich, Sie kämen in meine Dienste,“ worauf Seydlitz erwiderte:

„Ew. kaiserl. Majestät würden an mir eine schlechte Acquisition [351] machen, denn ich weiß nur einem Herrn zu dienen, und das ist mein gegenwärtiger.“

Edelsinn und Großmuth waren hervorragend in dem Charakter unseres Helden; stets hinderte er Grausamkeiten, schützte den Wehrlosen, strafte den Frevler. Dem Landmanne war er besonders freundlich zugethan und schützte ihn, wo er konnte. Nie hat Seydlitz seinen Ruf durch Eigennutz befleckt, obgleich ihm oft Gelegenheit wurde, durch Plünderung und Bedrückung sich zu bereichern. Als ihm der König die Plünderung des Jagdschlosses Hubertusburg, eine Repressivmaßregel für die Verwüstungen der Sachsen in Charlottenburg, übertragen wollte, wies er dieses entschieden von sich, und so kam es, daß er nie mit der Beitreibung von Kriegssteuern u. dgl. in den eroberten Ländern betraut wurde. Die preußischen Verstärkungen, welche der Fürst von Neuwied nach der Schlacht bei Freiberg dem Prinzen Heinrich zuführte, hatten ihren Weg in Sachsen überall durch die größten Ausschweifungen bezeichnet. Seydlitz empfing den General und seine Officiere mit der strengen Anrede, daß ihr Zug dem einer Räuber- und Diebesbande, aber nicht dem einer geordneten Kriegsschaar geglichen habe.

Wenn er auch im Dienste streng und unerbittlich war, so wußte er doch auch wieder einzulenken, zumal wenn es sich um Vergehen handelte, die weniger den Militair als den Menschen angingen.

In Ohlau war eine Familie, deren Kreis durch hübsche, anziehende Töchter belebt wurde, und für eine derselben hatte Seydlitz, aber zugleich einer seiner Officiere, die entschiedenste Neigung gefaßt. Dem General war der Nebenbuhler unbequem und er versetzte ihn deshalb an einen entfernteren Ort. Allein der Verliebte kam nun heimlich um so öfter, wagte sich ohne Urlaub Abends in Bürgerkleidung nach Ohlau und kehrte vor Tage unbemerkt in sein Standquartier zurück. Die Sache wurde jedoch verrathen und Seydlitz ritt an einem nebligen Herbstmorgen sehr früh auf die Jagd, wählte aber den Weg, auf welchem jener heim reiten mußte. Nichts ahnend, galoppirt der Sorglose, in Pikesche und Mütze gekleidet, heran, findet sich unerwartet dem General gegenüber, dem er nicht mehr ausweichen kann, und fängt in größter Zerknirschung Entschuldigungsworte zu stammeln an; doch Seydlitz, begnügt durch diese Verlegenheit und im Gefühl, daß auch seine eigene Rolle hierbei nicht die ganz richtige sei, fällt ihm in die Rede und sagt:

„Reiten Sie nur weiter, ich kenne Sie nicht; aber nehmen Sie sich in Acht, daß es der General nicht erfährt, es möchte sonst nicht gut ablaufen.“

Von dieser Zeit ab gab Seydlitz seine Bewerbungen auf und der Officier heirathete nicht lange darauf das Mädchen.

Unerschütterlich hat sich bei Seydlitz von frühester Jugend an die Achtung vor Gottesverehrung erhalten, und wenn diese auch nicht seine Leidenschaften vollständig zügeln konnte, so hielt er doch viel auf andächtige Gottesverehrung. Er sorgte, so gut es ging, dafür, daß vor jedem vorauszusehenden Gefechte die Soldaten durch den Feldprediger zur Tapferkeit und Ausdauer ermahnt wurden und daß den Sterbenden und Verwundeten der Trost des Geistlichen und der Genuß des heiligen Abendmahls nicht fehlte.

In gleicher Weise, wie bei Roßbach und Zorndorf, hat der berühmte Reitergeneral seinen Namen noch bei Kunnersdorf, Freiberg u. s. w. verherrlicht, so daß er für immer das Muster und Vorbild aller Cavalleristen sein wird, eine Wahrheit, die sein königlicher Herr, als er die Nachricht vom Tode des Helden erhielt, für alle Zeiten durch die Worte feststellte: „Seydlitz ist das schönste Loos geworden, das ein Soldat erreichen kann; er lebte unübertroffen und stirbt, ohne ersetzt werden zu können.“

3 3 3.




Sclavenhandel in Amerika.
Nr. 2.
Die Maßregeln gegen Sclavenschiffe. – Manupulation auf hoher See. – Dreihundert Sclaven an der Ankerkette versenkt. – Niggerzüchterei und Pferdezüchterei. – Die Sclavenmärkre. – Eine Sclaven-Auction. – Preise. – Spanische und französische Herren.

Wie kommt es nun aber, daß dieser Handel doch noch besteht, während doch die Regierung der Vereinigten Staaten sich verpflichtet hat, denselben mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu unterdrücken? Konnte England in seinen Staaten und Colonien dies thun, warum Nordamerika nicht? Die Antwort ist einfach: einmal geschah es nicht, weil die Mittel der Vereinigten Staaten nicht ausreichten, die betreffenden Gesetze durchzuführen, und das andere Mal, weil die betreffenden Beamten sie nicht durchführen wollten. Die Küste der Staaten, wo Sclavenschiffe willkommen sind, ist eine außerordentlich ausgedehnte, und es würde eine mehr als fünf Mal so große Seemacht dazu gehören, als die Union besitzt, um allen Schmuggel zu unterdrücken. Soll man der paar Sclaven wegen das viele Geld ausgeben? Soll man wegen des Bischen Schmuggels das ganze Regierungssystem, welches eine so kleine Militair- und Seemacht, als nur irgend möglich ist, verlangt, um dem Präsidenten nicht zu viel Gewalt in die Hände zu geben, – umändern und ummodeln? Gott bewahre! Die bisherigen Bestimmungen müssen ausreichen. Können sie es etwa nicht? Hat man nicht in den letzten Jahren etwa fünfzig Schiffe weggenommen, die auf den Sclavenhandel auslaufen wollten? Allerdings, und immer sind sie in dem Seehafen, von dem sie abfahren wollten, gecapert worden; allein mehr als der zwanzigfachen Anzahl gelang es, ungehindert zu entkommen, und – einmal aus dem Hafen, einmal auf hoher See, ist es schwer, sogar fast unmöglich, des Schiffes noch habhaft zu werden! Allerdings hat die Unionsregierung in jedem Seehafen einen Beamten, der diesen gesetzlosen Handel zu unterdrücken die Pflicht hat. Es hat sogar dieser Beamte, der United States-Marshal, die ausgedehnteste Macht, jedes verdächtige Schiff wegzunehmen und den Capitain nebst Mannschaft vor Gericht zu stellen, wo sich dann bald zeigt, ob das Schiff zum Sclavenhandel ausgerüstet war oder nicht. Der Marschall hat sogar ein – echt amerikanisches – Anspornmittel, dies zu thun, denn das Schiff, wenn überwiesen, wird für gute Prise erklärt und sein Verkauf trägt den Officianten nicht wenig Geld ein. Allein wie oft drückt der Marschall die Augen zu, wenn man ihm ein goldenes Pflaster darüber legt! Wie oft wird ihm von seinen von der Gegenpartei erkauften Spionen das Geheimniß eines Sclavenschiffes erst verrathen, wenn dieses längst den Hafen verlassen hat! Wie selten wird es nur überhaupt den Behörden bekannt, daß ein Sclavenschiff ausgerüstet wird! Und wird ja einmal ein Fang gemacht, wird ein Schiff confiscirt, ist damit der Ausrüster des Schiffes, der Capitain desselben auch entdeckt? Gott bewahre; das Schiff führte falsche Papiere und der wahre Capitain mit den echten Papieren war noch nicht an Bord, als das Schiff vom Marschall weggenommen wurde. –

Der echte Capitain besteigt sein Schiff immer erst außerhalb des Hafens, wo die Jurisdiction des Marschalls aufhört, und folgt dem Clipper in einem unschuldigen Fischernachen von Weitem, bis er weiß, daß er sicher ist. Darum hat man auch gar kein Beispiel, daß ein Sclavenhändler (Rheder oder Capitain) je dieses Handels wegen gestraft worden wäre. Ja sogar die Matrosen, die man in den gecaperten Schiffen fand, sind noch immer oder wenigstens fast immer frei ausgegangen, weil sie nicht überwiesen werden konnten, wohl auch, weil man sie nicht überweisen wollte. Geld ist eine Macht in Amerika! So ist also nichts gecapert, als das Schiff, und – was macht das? Eine glückliche Fahrt bringt so viel ein, daß zwei oder drei Schiffe verloren gehen können, und gewöhnlich geht unter vierzig Schiffen nur eins verloren! Gehört doch der Fang eines solchen Schiffes (wie oben schon angedeutet) auf hoher See oder an den Küsten von Afrika oder beim Anlanden in Cuba oder an den südlichen Staaten des amerikanischen Continents zu den größten Seltenheiten. Die Schiffe sind gute Segler, die Capitaine sind verwegene Seeleute, so entkommen sie den Kreuzern meistens. Ueberdies darf ein englischer Kreuzer kein Schiff untersuchen, das unter amerikanischer Flagge (und eben so umgekehrt) segelt. So hissen denn die amerikanischen Sclavenschiffe die amerikanische Flagge auf, wenn sie einem Engländer begegnen, und die englische, wenn sie von einem amerikanischen Kreuzer verfolgt [352] werden. Zwar führen auch die Kreuzer oft falsche Flaggen, bis sie nahe genug an dem Sclavenschiffe sind, daß dasselbe ihnen nicht mehr entgehen kann, und ziehen dann erst ihre nationale Flagge auf. Allein die Sclavenschiffe lassen sich durch ein solches Manöver nur selten täuschen, sie kennen die Kriegsschiffe schon an der Bauart, ob’s englische oder amerikanische sind. Ueberdies, wenn alle Stränge reißen, so versenken sie lieber alle ihre Sclaven in’s Meer, ehe sie sich auf hoher See als Sclavenschiffe capern lassen, denn dann ginge es um den Kopf. Man hat daher mehr als ein Beispiel, daß dreihundert und mehr Sclaven an der Ankerkette in’s Meer versenkt wurden, ehe der Kreuzer den Sclavenhändler bekommen konnte, und – wie kann dann der Sclavenhandel erwiesen werden, wenn das Corpus delicti fehlt? Sind die Sclavenhändler aber erst an der heimischen Küste und haben ihre Sclaven gelandet, dann ist vollends eine Abfassung und Entdeckung unmöglich, denn dann verlassen die meisten Capitaine ihr Schiff und verbrennen es, damit alle und jede Spur ihres Handels vertilgt ist. Nur Wenige wagen es, Tabak und Cigarren in Cuba einzunehmen und damit als „ehrliche Kauffartheischiffe“ nach Newyork oder Boston zu fahren. Sie fürchten die Untersuchung ihrer Schiffspapiere und ziehen es vor, das Schiff zu vertilgen. Es trägt sich ja aus!

Trotz allem Dem bleibt der Sclavenhandel zu See, der Import derselben unmittelbar aus Afrika immer ein gefährlicher Handel. Nur die verwegensten Gesellen lassen sich mit demselben ein, fast immer nur solche, die ebenso gut bereit wären, das Piratenhandwerk zu ergreifen. Es ist ein Mischmasch aus aller Herren Länder, diese Handvoll Matrosen, die sich zum Sclavenhandel gebrauchen lassen, Portugiesen wie Schweden, Deutsche wie Spanier, Engländer wie Dänen, Amerikaner wie Europäer, ja sogar Weiße wie Schwarze! Es ist eine erhärtete Thatsache, Nigger selbst geben sich dazu her, Nigger einzufangen; aber jeder dieser Bursche hat vielleicht einen Mord auf dem Gewissen, jeder ist eines weiteren Mordes fähig. Darum wagen es nicht Viele, sich mit ihnen einzulassen, und eben darum ist die Zufuhr aus Afrika nicht hinreichend, um den Bedarf an Sclaven für die südlichen Staaten Nordamerika’s zu decken. Man mußte daher an andere Auskunftsmittel denken, und hat in neuester Zeit den Versuch damit gemacht, sogenannte „freie“ Neger als „Tagelöhner“ aus Afrika zu importiren. Zu diesem Zwecke organisirte sich vor Kurzem in Louisiana eine Compagnie, welcher die Legislatur jenes Staates die Erlaubniß ertheilte, vor der Hand zur Probe 2500 solcher „freiwilligen“ Tagelöhner mit einer „unwiderruflichen Dienstzeit von fünfzehn Jahren“ herbeizuschaffen; allein – die Probe dürfte schlecht ausfallen, denn die Bundesregierung muß diese Art von Handel nothwendig für Sclavenhandel erklären, da der Ausdruck „freiwillige Tagelöhner“ offenbar nur ein nomineller ist, und die „Miethe“ dieser Leute in nichts anderem besteht, als in deren Ankauf von den afrikanischen Händlern. So erweist sich auch dieses Mittel nur als ein Palliativmittel, und die Amerikaner greifen daher immer wieder zu ihrem Hauptmittel: „der Sclaven- und Niggerzüchterei.“

„Niggerzüchterei?“ – Unsinn, Wahnsinn! – Und doch existirt dieser Wahnsinn in der Wirklichkeit! – Der Leser begebe sich gefälligst in die Staaten Virginia, Maryland, Nordcarolina und Kentucky, und er wird sogleich von dem Factum der „Züchterei“ überzeugt sein. Die genannten vier Staaten haben zu Bebauung ihrer Felder bei weitem nicht so viel Neger nothwendig, als die südlicher gelegenen, und dennoch halten sie deren, wenn nicht mehr, doch gleich viel. Sie halten sie aber nicht wegen ihrer Nothwendigkeit zum Feldbau, sondern wegen ihrer – Nachkommenschaft! Dies ist im Augenblicke ersichtlich, wenn man ihre Plantagen besucht, denn sie pflanzen nur ganz wenig Baumwolle, sondern vielmehr Tabak, Mais und fast alle Erzeugnisse der gemäßigten Zone. Sie könnten die Sclaven daher leicht ganz entbehren, und würden weit wohlfeiler und besser zurecht kommen mit weißen Arbeitern, wenn es ihnen blos um die Bebauung ihrer Felder zu thun wäre. Dem ist aber nicht so, sondern es ist ihnen hauptsächlich um die Nachkommenschaft ihrer Sclaven zu thun, und – hierfür eignen sich die genannten vier Staaten hauptsächlich. Das Klima ist hier sehr gesund, wenigstens weit gesünder, als weiter südlich, und eignet sich besonders gut für die Nigger. Die Art der Arbeit, die diese hier verrichten müssen, bringt es mit sich, daß sie sich nicht allzusehr anzustrengen brauchen, denn je mehr der Pflanzer von Virginien und Kentucky Bauer und Landmann wird, um so mehr nähert sich der Zustand seines Sclaven dem Zustand des freien weißen Knechtes oder Tagelöhners. Dazu kommt noch, daß die Nahrung eine weit kräftigere und gesündere ist, als weiter unten in Georgia und Florida, weil der Virginier u. s. w. sein Fleisch, seine Kartoffeln, seine Frucht, seine Milch nicht zu kaufen braucht, sondern selbst erzeugt, und daher nicht sparsam damit umgeht. Somit kann es nicht fehlen, daß die Negerheirathen in den genannten vier Staaten schon von Natur aus sich weit productiver erweisen, als in den übrigen Sclavenländern. Außerdem aber trägt der virginische und kentucky’sche Pflanzer alles Mögliche dazu bei, daß diese Productivität eine nachhaltige werde. Nicht blos sieht er auf gute Nahrung, große Reinlichkeit, mit einem Worte auf Alles, was die Gesundheit, das Wohlsein des Körpers befördert und erhält, sondern er sorgt auch dafür, daß die jungen Mädchen und Bursche unter seinen Negern zur rechten Zeit das Band der Ehe eingehen, wenn man überhaupt das Zusammenleben dieser Menschenclasse eine Ehe nennen kann. Negerinnen, die viel Kinder gebären, werden bevorzugt und besonders gut gehalten, damit sie Andern zur Aufmunterung dienen. Sie werden nie verkauft, sondern bleiben auf der Plantage ihr Leben lang, während die Unfruchtbaren sicher sein dürfen, so schnell als möglich fortgeschafft zu werden, weil sie dem Pflanzer nutzlos sind. Die Kinder, namentlich die Neugeborenen, werden gut abgewartet. Bei dem geringsten Anzeichen von Krankheit wird der Arzt zu Rathe gezogen. Auf diese Art und durch noch andere Mittel, deren specielle Aufführung mir erlassen bleiben möge, weil die Sprache keine decenten Worte dafür hat, wird es möglich, daß in Virginia allein jährlich über 30,000 Sclaven mehr geboren werden, als sterben. Diese 30,000 werden exportirt und verkauft. Eben so machen es Maryland, Kentucky und Nord-Carolina. Diese vier Staaten zusammen führen jährlich gegen 100,000 Sclaven mit einem Gesammtwerth von mehr als 100 Millionen Dollars aus. Somit kann der Ausfall des Südens (verursacht durch Klima und harte Arbeit) von diesen vier Staaten fast gänzlich gedeckt werden. Der Leser wird nun einen Begriff davon haben, was wir unter Niggerzüchterei verstanden wissen wollen. Er muß sich die Sache etwa gerade so denken, als wie eine Pferdezüchterei in Mecklenburg. Wie dort die Rosse gehegt und gepflegt werden, so in Virginien die Schwarzen. Wie dort der reiche Bauer oder der Edelmann sein Haupteinkommen vom Verkauf seiner herangezogenen Füllen erhält, so der halbsüdliche Pflanzer vom Verkaufe seiner überzähligen Sclaven!

Die Art und Weise des Verkaufs geschieht auch auf ähnliche Art, wie bei den Mecklenburger Pferden; denn wie der Pferdehändler die großen Pferdemärkte besucht, um seine Waare an den Mann zu bringen, so bezieht auch der Sclavenhändler die großen Sclavenmärkte, um seine lebende Waare so theuer als möglich zu verwerthen.

Natürlich ist der „Unterderhandverkauf“ ebenfalls in allen südlichen Staaten zu Hause. Wie in Deutschland der Nachbar vom Nachbar eine Kuh kauft, so kauft in Amerika der Nachbar vom Nachbar einen Sclaven. Allein der Ankauf im Großen ist nicht auf diese Art zu bewerkstelligen. Der südliche Pflanzer kann nicht im Lande herumziehen, um auf den einzelnen Plantagen die verkäuflichen Sclaven in Erfahrung zu bringen. Darum gibt’s nicht blos eine eigene Classe Menschen, eine Art Zwischenhändler, die sich mit diesem Handel beschäftigen und ein förmliches Geschäft daraus machen, sondern wir finden auch auf der andern Seite verschiedene Städte, welche sich dieses Handels bemächtigten, Städte, die besonders gut gelegen sind und denen daher natürlich Alles daran liegen muß, den Verkehr des Sclavenhandels in ihre Mauern zu ziehen. In diesen Städten blühen förmliche Sclavenmärkte, welche von den Händlern mit ihrer „Heerde“ oder ihrem „Trupp“ bezogen werden. Früher war ein solcher Hauptmarkt in Washington selbst, dem Sitze der Centralgewalt dieses „freien und glücklichen Landes“, wie der Amerikaner sein Vaterland gewöhnlich nennt. Allein seit 1850 hat doch der Schicklichkeitssinn des Congresses so weit gesiegt, daß dieser öffentliche Scandal endlich beseitigt werden konnte. Von jener Zeit an fanden in Washington keine öffentlichen Märkte, keine öffentlichen Sclavenversteigerungen mehr statt, es müßte denn bei einem Concurse sein, wo natürlich der Sclave eben so gut unter des Auctionators Hammer kommt, wie ein Stück Land, ein Haus, ein Pferd oder ein werthvolles Stück Möbel. Die [353] Hauptmärkte sind jetzt in Richmond in Virginien, in Charlestown, Nashville, Raleigh, Neworleans und andern südlichen Städten. Es sind meist schöne bedeckte Locale, große Säle, in welchen diese Märkte stattfinden, so z. B. in Neworleans im Saale der Börse, in der großen runden Halle der St. Louis-Exchange, die mit ihren luftigen griechischen Säulen an ein Baudenkmal der alten Zeit erinnert. Auch in Richmond ist das Local ein fast prachtvolles, in welchem mehr als 1000 Menschen mit Bequemlichkeit Platz finden. Die Ankäufe können unter der Hand mit dem Sklavenhändler abgeschlossen werden; gewöhnlich aber geschehen sie in öffentlichen Auctionen. Besehen wir uns einmal ein solches Schauspiel, von dem man sich in der alten Welt nur schwer einen Begriff machen kann.

Wir treten in den Saal ein durch das Schenkzimmer, die sogenannte Bar, wo auf einem außerordentlich langen Schenktische Getränke aller Art und auch einzelne Speisen zu haben sind. Während der Verkaufszeit hat die Bar mit fünf oder sechs Kellnern den ganzen Tag vollauf zu thun. Inmitten des Saales, gerade vor uns, befindet sich eine Art Katheder oder Kanzel. Auf dieser steht der Auctionator, ein lebhafter, beweglicher, listig aussehender Mann, dessen Zunge wie ein Rad schnarrt und dessen Kehle die Eigenthümlichkeit hat, nie heiser zu werden. Links von ihm in langer Reihe stehen die weiblichen Sclaven, rechts in noch längerer Flur die männlichen. Die Sclaven sind alle frisch gewaschen, nett und reinlich in Leinwand und Callico gekleidet und haben sämmtlich ein sauberes, zum Theil sogar, besonders was die weiblichen Prachtexemplare betrifft, geputztes Aussehen. Ein Pferd, welches dem Kaufliebhaber vorgeritten wird, ist ebenfalls frisch gestriegelt und hinlänglich gut gefüttert! Es mögen im Ganzen wohl sieben- bis achthundert Sclaven anwesend sein. Die Käufer, meist Männer (doch kann man auch einzelne Damen in vollkommenem Putze sehen), sind im Saale zerstreut. Sie schwatzen, sie plaudern, sie besehen sich die Nigger, sie trinken eins in der Restauration! Sie treten wieder ein, stehen in Gruppen, gehen auf und nieder, lachen, scherzen und sind guter Dinge! Die Nigger stehen schweigsam, aber sie lassen die Köpfe nicht hängen. Ihre großen Augen rollen immerwährend im Kopfe herum und doch sieht es so aus, als ob die Meisten ganz unbekümmert um ihr Schicksal seien. Nur einige Weiber haben ihre Augen auf den Boden gerichtet und einige Männer schauen finster. Sie gedenken vielleicht ihrer Kinder, ihrer Eltern oder sonstiger Verwandten, die sie in ihrer früheren Heimath, auf der Plantage, auf der sie geboren und erzogen wurden, zurückgelassen haben.

Jetzt ruft der Auctionator einen Sclaven mit Namen auf. Es ist wahrscheinlich ein berühmter Name, etwa ein Name aus der römischen Geschichte: ein Cäsar, ein Brutus, ein Cicero, oder ein Name aus der Idyllenwelt: eine Doris, eine Phyllis oder dergleichen. Möglicherweise ist’s auch ein Göttername: ein Jupiter, ein Neptun, eine Juno, eine Venus; denn der Neger liebt prunkhafte Namen. Der aufgerufene Sclave tritt vor; er stellt sich auf eine Art Plattform, welche hart vor dem Katheder des Auctionators errichtet ist. Der erhöhte Raum ist deshalb da, damit man den Sclaven von allen Seiten sehen kann. Nun geht’s an ein Anpreisen der Waare. Alle guten Eigenschaften des Niggers werden von dem Auctionator hervorgehoben, – die schlechten bleiben natürlich verschwiegen. Die Jugend, die Schönheit, die Geschicklichkeit, die Kraft, der Fleiß, die Folgsamkeit, der Verstand, die Treue, – ein ganzes Lexikon von Tugenden! Alles wird hervorgesucht, um den Sclaven so werthvoll als möglich hinzustellen. Der Auctionator vergißt auch nicht einen Umstand, der für den Verkauf günstig wirken könnte. „Es ist ein wahrer Spottpreis, für den dieser „Trajan“ oder jene „Semiramis“ losgeschlagen werden soll!“ – Allein die Kaufliebhaber gehen nicht so blindlings drein. Sie besehen sich ihre Waare, ehe sie ein Angebot machen. Sie wollen vorher prüfen, darum mustern sie! Dem Leser ist es vielleicht noch erinnerlich, es schon gesehen zu haben, wie es die Metzger auf dem Lande machen, wenn sie einen Ochsen, eine Kuh oder auch nur ein Kalb im Handel haben. Gerade dieselben Manipulationen wendet auch der Sclavenankäufer an. Der Sclave weiß es schon, daß er sich eine solche „Musterung“ gefallen lassen muß; er ist an die Sache gewöhnt, weil er’s bei seinen Mitsclaven schon gesehen hat, und es kommt ihm daher auch nicht sonderbar vor, wenn ihm möglicherweise zugemuthet wird, sich seiner Kleider gänzlich zu entledigen, damit man seine etwaigen Körpermängel entdecken könne! Ein solcher Befehl ergeht auf ganz gleiche Weise an einen weiblichen, wie an einen männlichen Sclaven, ohne daß irgend Jemand Anstoß daran nimmt. Sogar die unter den Kaufliebhabern anwesenden Damen geniren sich durchaus nicht, eine solche Musterung mit durchzumachen. Eine bloße „Sache“ kann man schon ohne Schamgefühl in ihrer Nacktheit besehen und mehr als eine „geschlechtslose Sache“ ist ein Sclave in den Augen einer Südländerin nicht. In neuester Zeit ist übrigens auf das Decorum in so fern Rücksicht genommen, als solche „nackte Musterungen“ nunmehr meist in einem besonderen Locale vorgenommen werden.

Nun endlich hat Einer draufgeschlagen.

„Zwölfhundert Dollars zum Ersten!“ ruft der Auctionator. „Ein Prachtexemplar von einer Sclavin! Ist ihre fünfzehnhundert Dollars Werth!“ Jetzt schlägt ein Anderer drauf.

„Zwölfhundert und fünfzig!“ schreit der Auctionator. „Sehen Sie den straffen Körper, die volle Brust! Eine wahre Venus! Kann’s unter vierzehnhundert Dollars nicht thun!“

So geht’s fort und fort, bis endlich der Zuschlag kommt. Der erkaufte Sclave wird dem neuen Eigenthümer sofort übergeben und eine Urkunde darüber ausgestellt, welche der Sheriff, der den Verkauf als Magistratsperson überwacht, unterschreibt. Die nicht verkauften „Stücke“ werden in die „Sclavenställe“ zurückgeführt. Diese sind nichts Anderes, als ein langes hölzernes Gebäude in der Nähe der Marktlocale, wo die Sclaven zu Hunderten, übrigens bei guter Verpflegung, aufgestapelt bleiben, bis sie endlich an den Mann gebracht sind oder auf einen andern Markt weiter geführt werden.

Der Preis für einen kräftigen Burschen von 18 bis 24 Jahren oder für eine tadellose Dirne von 16 bis 22 Jahren ist 1500 bis 1600 Dollars. Junge Schlingel von 12 bis 18 oder Mädchen von 10 bis 16 Jahren gelten von sechshundert Thalern an. Aeltere Sclaven in gleichem Verhältnis;. Ueber vierzig Jahr alte, zur Arbeit nicht mehr gut taugliche Exemplare können nicht mehr leicht verkauft werden, und man sieht daher nur wenige bejahrte Sclaven auf den Märkten, es müßten denn solche sein, die wegen einer Erbschaft oder dergleichen à tout prix verkauft werden müssen. – Auffallend ist die oft fast ganz weiße Farbe der Sclaven. Es gibt welche, die sogar einem Europaer nichts nachgeben, wenn dieser etliche Sommer unter der heißen Zone Georgia’s oder Alabama’s gelebt hat. Es sind dies Sprößlinge von Weißen und Halbmulatten, sogenannte Quadronen, die in Europa für ebenbürtig gelten würden. Oft sind’s aber auch wirkliche Weiße, die irgendwo in einer großen Stadt des Nordens als Kinder geraubt wurden, und nun, nachdem man sie bis in’s zwölfte Jahr groß gefüttert, als Sclaven verkauft werden. Kidnapping heißt man diese Art Handel, und derselbe kommt öfter vor, als man glaubt. Auch wirklich „freie“ Neger, die entweder sich selbst längst losgekauft haben, oder von ihren Herren freigelassen waren, kommen oft unter den Hammer, wenn sie sich nicht „documentarisch“ als frei ausweisen können, oder wenn sie Schulden halber verhaftet sind. Mit dem Preise ihres Körpers zahlen sie ihre Gläubiger! – Das Schändlichste aber bei diesem schändlichen Handel ist die oft gewaltsame Trennung zwischen Mann und Weib, Vater und Sohn, Mutter und Tochter. Der Süden erkennt keine „Familie“ unter den Sclaven an. Die Ehe des Niggers ist nur ein geduldetes Zusammenleben, nicht aber ein gesetzliches, geheiligtes Bündniß. Sogar die Kinder gehören nicht den Eltern, sie werden blos der Mutter gelassen, bis sie im Stande sind, ihre Nahrung selbst zu sich zu nehmen. So verkauft also der Sclavenhalter die Mitglieder einer Sclavenfamilie ganz getrennt von einander, den Sohn nach Louisiana, die Mutter nach Carolina, den Vater nach Texas, die Tochter nach Arkansas. Findet einander wieder, wenn ihr könnt! Jetzt ist solche gewaltsame Trennung in den meisten Staaten verboten, kommt aber trotz aller der unmenschlichen Grausamkeit, die darin liegt, noch oft genug vor. Wer soll denn den Pflanzer verklagen, wenn es ihm beliebt, das Gesetz nicht zu beobachten? Etwa der betheiligte Nigger? – Er hat kein Klagrecht. Nur der Weiße hat’s, der sich seiner vielleicht aus Mitleid annimmt.

Die meisten Einkäufe auf den Sclavenmärkten machen die Pflanzer von Louisiana und Mississippi. Dort werden die meisten Nigger „verbraucht.“ Der Neger fürchtet sich auch, an einen solchen Pflanzer verkauft zu werden. Man sieht es der Verzweiflung in seinem Gesichte an, was er fühlt, wenn er dem Eigenthümer einer Zuckerplantage zugeschlagen wird. Es ist, als ob man ihm sein Todesurtheil vorläse!

Noch mehr als das Klima von Louisiana fürchten die Sclaven den Verkauf an einen Plantagenbesitzer französischer oder spanischer [354] Abkunft. Zwar ist ohnehin auf allen ganz südlichen Pflanzungen eine weit härtere Disciplin eingeführt, als auf den mehr „gemäßigt“ gelegenen, weil jene Plantagen viel großer sind, daher mehr Neger erfordern und eben deswegen, um alle Meuterei schon im Keime zu ersticken, eine größere Strenge nothwendig machen; allein dennoch findet auch auf solchen Pflanzungen ein großer Unterschied statt und die Sclaven ziehen die Abkömmlinge der angelsächsischen Race als „Herren“ den Creolen bei weitem vor. Das Non plus ultra der Disciplin haben französische Sclavenaufseher eingeführt. Deswegen hat man schon Beispiele erlebt, daß Sclaven sich nach stattgehabter Auction selbst zu entleiben versuchten, um auf diese Art der langsamen Tortur creolischer Plantagenbesitzer und ihrer französischen Aufseher zu entgehen!

Im Allgemeinen genommen aber geht der Nigger, wenn er verkauft ist, seinem Schicksale mit stoischem Gleichmache oder vielmehr mit thierisch stumpfer Ergebenheit entgegen. Er hat nicht gelernt, sich über sich und seine Zukunft Gedanken zu machen. Die Tage, so lange die Auction dauert, sind ihm die liebsten, denn während dieser Zeit hat er nichts zu arbeiten und bekommt Essen, sogar zu trinken im Vollauf. „Wenn diese Zeit nur ewig währte!“

Th. Grsgr.




Eine Luftschifffahrt.
Ausgeführt und beschrieben von August Silberstein.

Ich bin auf stürmischem Meere gefahren und auf leise hingleitendem Nachen im Strome; ich habe das Dampfroß benutzt in seinem rasendsten Ertrafluge und den schleichenden Bauernwagen im melancholisch murrenden Sande; ich habe auf elendem Klepper humpelnd mich fortgebracht und bin auf weitausholendem Rosse, dem Sturme gleich, über Haiden gejagt.

Nur Eins war mir neu und wie ein süßes Geheimniß räthselhaft, wie ein verschlossener Gral zu entsiegeln und den zauberischen Kelchduft in mich zu saugen – das war eine Fahrt in den Lüften, eine Reise hoch über allen Häuptern der Menschheit, allen Giebeln und Thurmzinnen, allen Bergspitzen und horizontumschließenden Nebeln dieser Erde!

Eine Verbindung mit dem eben in Wien anwesenden Luftschiffer ‘‘Berg‘‘ ermöglichte mir die Erfüllung dieser pulserregenden Sehnsucht, und am 19. Mai trug mich endlich und wirklich sein Ballon mit ihm in die Lüfte, in den großen Gotteshimmel hinein, dorthin, wo noch äußerst wenige Menschen waren!

Frage mich Keiner erst, wie so ein Ballon aussieht, wie er eingerichtet ist und ob er, wohl nicht für „Balken im Wasser“, aber in der Luft sorgt. Das sind Dinge, die man in einem technischen oder andern Lexikon nachsehen möge. Auch erlasse mir Jeder die Beschreibung der Vorbereitungen. – Da stand der fast ovalrunde, in seiner Form eigenthümlich elegante „Sack voll Luft“ in mächtigem Umfange, heute nicht weniger als 18,000 Kubikfuß Gas fassend und von strotzender Fülle zeugend. Bei dem leisesten Luftstoße schüttelte und rüttelte er die Arbeiter, die ihn bändigend zur Erde halten.

Es war in der Arena an der Schönbrunner Straße. Die Menge guckte ihn neugierig an und da ich mich bis zur Abfahrt von ihm entfernt hielt, thaten mir Freunde und Bekannte im Hintergründe den Gefallen, fortwährend zu fragen: „Haben Sie keine Angst?“ – „Haben Sie für Ihr Testament gesorgt?“ – „Wenn Sie fallen?“ und derlei liebliche Fragen mehr, die äußerst geeignet sind, den Muth zu erhöhen, auf mich aber glücklicherweise den Eindruck machten, wie der Schaum einer Welle auf den Matrosen.

Die losgelassenen kleinen Probeballons zeigten eine nordöstliche Richtung, nach dem Gewirre der Stadt zu, und ging der große Ballon ihnen nach, so war unsere Fahrt voraussichtlich eine – wie ich sie nur träumerischst ersehnt – über dem Babel, in dessen wirrem Gewinde mein Fuß bereits eine Reihe von Jahren herumgeirrt.

Freund Berg tummelte sich wacker um die Peripherie des Ballons, regulirte die Gasröhre, legte und hob die Ballastsäcke, prüfte und knüpfte die Taue, schalt und ermunterte die Arbeiter, ließ das Ungethüm endlich um mehr als eine Klafter heben, um das Fahrzeug daran zu binden – ich sah einen runden Korb von circa drei Fuß Durchmesser, bis zur Hüfte reichend und aus Tauen so durchsichtig und so luftig gefügt, wie etwa die Stahlkugeln, in denen die Damen ihre Strickwolle tragen. Das war das Nest der neuesten Frühlingsvögel, und es sah in der That luftiger aus, als irgend ein Vogelnest.

„Jetzt!“ rief Berg mir zu. „Kommen Sie!“

Es war die bestimmte Stunde – halb sieben Uhr Abends – ich sprang rasch ein – wir zogen die Taue an uns – ein Klingeln der Signalglocke – ein Schuß - und „Hurrah!“ schrie die Menge, denn, wie ein Pfeil in die Höhe geschossen, waren wir schon über ihr in den Lüften!

Ob ich zitterte? Ob ich Angst hatte? fragt gewiß Einer oder der Andere. Heute ist es vorüber und ich könnte, wie der junge Soldat nach der Schlacht, gestehen: „anfangs ist’s mir schlimm gegangen.“ Aber nein, meine Brust schwellte nur Sehnsucht, den großen Anblick zu genießen, und die Menge, der ich zum Abschied zugrüßte, ja Freunde, denen ich mich noch in der ersten Sehweite zuneigte und mit dem weißen Tuche ein besonderes Valet zuwinkte, werden mir bezeugen, daß nur die Freude mich bewegte.

Klingeln, Schuß, Hurrahgeschrei und Hochschweben in der Luft waren gleichzeitig das Werk eines Augenblickes. Wir stiegen wie die Flamme eines ruhig brennenden Lichtes gerade in die Höhe und das entzückte die Menge so sehr, daß sie in gewaltiges Schreien ausbrach. Im ersten Augenblicke suchend, wohin ich über all’ diese Weite mein Auge wenden sollte, fiel der Blick unwillkürlich auf die schreiende Menge; sie umstand uns nach einer Seite in weitem Halbkreise, bis über die breite Straße und tief hinein in die Felder. Als ich aus dem schwarzen Kreise diese emporgereckten weißgelben Gesichter, eins an dem andern, und die Totalität der tausend offenen Mäuler, aus denen das Schreien kam, das mir in der Höhe vielleicht zehn Mal stärker und sonderlicher klang, als unten, durch meine scharfen, eigens für den Zweck vorgesehenen Augengläser sah, mußte ich unwillkürlich in Lachen ausbrechen.

Und nun nahm ich einen vollen Athemzug der reinen Luft und sah weit, weit hinaus!

Mein schönstes Hoffen war erfüllt, der Zufall, der mir hätte hundert Mal ungünstig sein können, begünstigte uns diesmal, denn wir trieben nicht in's Feld, sondern nach Wien zu.

Die Luft war ruhig, majestätisch schwammen mir dahin, wie ein Schwan, der nur unsichtbar leise rudernd durch die klaren Fluthen langsam vorwärts kommt. Wir versuchten vorerst die Schnelligkeit; die ausgeworfenen Papierstreifen entfernten sich verhältnißmäßig nur langsam von uns; wir begannen, den Ballastsand auszuwerfen, und höher, immer höher stiegen wir dem Himmel zu, der sich immer weiter über uns breitete.

Was mich zuerst oben überraschte, war das Tosen, Sausen, Surren, Schnurren, Klappern, Brummen und Rollen unter uns. Sie haben sicherlich schon aus geringer Entfernung zwei aneinander vorbeifahrende Eisenbahnzüge gehört; denken Sie sich dieses schauerliche Lärmgewirre fortgesetzt, immer fort und fort von unten herauftönend, und Sie haben die Sprache der Menschheit, das Thun einer großen Menge, die Harmonie einer Groß- und Culturstadt genau in den Ohren.

Es gewinnt an Verständniß, wie da unten Einer den Andern nicht versteht, nicht erhören mag und nur sich selbst gehorchen will.

Es ist ferner ein schlechter Witz, wenn ich sage, daß die Allmacht Gottes da unendlich gewinnen muß, im Bedenken, daß er aus all’ diesem schauerlichen Lärm nicht nur Wiens, sondern aller Städte und Dörfer – auch Leipzig – den Einzelnen heraushören soll!

Freund Berg wollte haushälterischer mit den Sandsäcken umgehen, als ich; aber ich benutzte die volle Gelegenheit, dieser Gleiches gewohnten Menge einmal Sand in die Augen zu streuen und dadurch emporzukommen – und herab mußte eine Portion nach der andern – wir stiegen und stiegen!

Es war ein über alle Beschreibung entzückender, erhabener Anblick! – Es war ein zweifelhafter Tag gewesen und die Abendsonne zerstreute die Nebel, die heute nicht so dicht stiegen, weil eben der Tag nicht heiß war. Dies ließ uns Alles klarer erscheinen. Die ganze große Stadt mit ihrer meilenweiten Umgebung lag vor und unter mir, wie ein aufgeschlagenes Buch, dessen Zeilen ich mit einem Blicke übersah. Eine auslaufende Straße war mir [355] eine Pause und ein Dorf ein Strich- oder Schlußpunkt. – Die Leute erzählten mir später, der Ballon hätte ein lange nicht gesehenes, prachtvolles Schauspiel geboten, indem er geraume Zeit, scheinbar unbeweglich, eine Handfläche groß über der Stadt schwebte.

Ich selbst kam mir vor, wie ein Falter, der über einer farbenreichen Blume schwebt – jede Häusergruppe war mir ein Blatt in der Zentifolie und die Thürme und Zinnen waren mir die begehrenden emporgestreckten Staubfäden! – Mir war wohler, als dem Falter, ich durfte nicht einmal die Schwingen regen.

Wien ist weit schöner, wenn man darüber hinweg, als wenn man darin ist. – Die kleinlichen Krümmungen für den Gehenden und Fahrenden bestehen da oben nicht, da liegt fast Alles gerade, in rechten Winkeln; und denken Sie sich nun diese, ich möchte fast sagen, Harmonie der Confusion! – Die größten Baudenkmale, zu denen ich unten den Hals emporreckte, schienen mir nun unten vom Zuckerbäcker gefertigt; ich hätte mögen das Dragant-Burgthor oder die Stephanskirche mit ihrem Papiermache - Bijouthurm in den Korb hereinheben.

Ich hatte vor Jahren ein Modell Wiens gesehen, das ein Invalide in einer Bude zur Schau stellte und das er in langen Mußejahren – Haus für Haus getreu – gefertigt. – Da lag wieder das Modell des Invaliden vor mir – gleichgültig, ob die ganzen Generationen, die daran bauten und kleisterten und klebten, invalid waren oder nur der Eine – oder ob ich da war gegen eine kurze Reihe Groschen oder eine kurze Reihe Lebensjahre!

Und doch war das Alles so schön, so herzig und entzückend, daß ich es nicht hätte in Ewigkeit verlassen mögen!

Der Lärm von vorhin verminderte sich, er ward immer schwächer und schwächer, er drang immer weniger empor, ich hörte endlich gar nichts – wir waren über alle Schallwellen und alles Tonreich von unten, wir zogen nur selig dahin; und das so leise, o unfühlbar gleitend, daß nicht einmal die Taue zitterten oder beim Durchschneiden der Luft wie nachhallende Saiten hauchend sich regten.

Ich zeigte meinem Gefährten, der die Gegend nicht so kannte, wie ich, die einzelnen Häusergruppen, Gebäude etc. Er freute sich über diesen „Guide de Voyage“ und erkannte nun ebenfalls die Orte. Die großen Parke und Gärten erschienen uns da erst harmonisch, wie auf einer Planzeichnung, und namentlich der ungeheuere Prater und Kaiser Joseph’s Augarten, wie die etwas größern grünen Spielzeuge eines Knaben.

Wir waren, den Fußweg in gerader Richtung gerechnet, eine halbe Stunde vom Stephansplatze entfernt, ich sah doch mitten hinein auf das Thürmlein und Kirchlein; und die schwarzen Fleckchen noch tiefer, das waren unzweifelhaft Gruppen von Hunderten im Gucken so vielfach geübter, nimmermüder Wiener.

Wir sahen gleichzeitig das silberne Band des kleinen Donauarmes in seiner stundenweiten Ein- und Ausmündung, dann das große, silberschimmernde, breite Toison Brustband Oesterreichs, die große Donau, Brücklein und Schifflein aller Arten, die nahen ragenden Berge mit ihren kleinen Burglein, die nach Ungarn sich erstreckende, weite grüne March-Ebene – alles das mit einem einzigen Ueberblicke – recht niedlich da unten.

Der Eisenbahntrain kroch mühsam dahin und der schwarze Wurm, Waggonzug geheißen, mochte mich so dünken, als ein von einem müden Gaule geräderter Omnibus oder eine längere Droschke. Von einem Pferde oder gewöhnlichen Wagen, die sich tummelten, will ich gar nicht reden – das war vergebliches Wälzen, vorwärts zu kommen.

Ueber das Alles breitete sich nun der Thalnebel und begann es grau zu machen. Wir selbst strichen durch eine Nebelschicht, von unten als Wolke gesehen. Was ich sah? – Ich habe schon nichts gesehen in meinem Leben! Ich habe eine Menge neuer Journale und Romane gelesen – das ist sicher nichts; ich habe Preisstücke aufführen sehen: auch nichts; ich habe unsere greise Hofschauspielerin Z. eine junge Dame darstellen sehen – das ist auch noch nichts; ich habe geschriebene Betheuerungen, auch gedruckte – ganz gewiß nichts; aber so total nichts, so klar und deutlich nichts – das ist mir noch nicht vorgekommen!

Wenn dieses Nichts nicht einmal vorhanden war, als das Nichts in der Welt gewesen, so kann ich mir erst einen Begriff machen, warum das Alles in der Welt so nichtig ist, was aus jenem Nichts gemacht wurde!

Doch nur eine kurze Zeit und der entzückende, ungehemmte Ausblick kehrte wieder – wir waren durch und über die Nebel weggekommen. Die Abendsonne, die längst schon unten verschwunden war, verglühte purpurn noch für uns hinter den Bergen und unsere Augen waren die einzigen, die sie scheidend noch grüßten.

Fortwährend Ballast hinaus, um, trotz der in den Ballon dringenden atmosphärischen Luft, auf gleicher Höhe zu bleiben. – Wir zogen leise und selig über die Gewässer – kein Vogel in unserer Nähe, sie waren in ihrem höchsten Fluge unsichtbar unter uns. Ich holte das Meßinstrument hervor und wollte genau bestimmen – da rann mir das Quecksilber in die Hand, ich hatte es wahrscheinlich beim Einsteigen zerbrochen. Wir waren nach beiläufiger Berechnung 5000 Fuß hoch, tief in der Schneehöhe. Kälte empfand ich trotzdem wenig; ich war warm gekleidet und der Himmel über uns war bedeckt – das, wissen Sie, hält wärmer, als ganz lichte Witterung.

Ein herrlicher Zufall hielt uns in der Nähe des großen Donauzuges. Links der Kahlen- und Leopoldsberg mit Schlössern; am Fuße der Berge, an dem Donauufer, Stadt und Stift Kloster-Neuburg, dessen Klosterburg fast jede Residenz deutscher Fürsten beschämt; rechts abermals eine Bergkette und dahinter die unabsehbaren Ebenen des grünenden sprossenden Marchfeldes, des Schauplatzes unzähliger Schlachten, das Siegesfeld des deutschen Löwen, Held Karl’s von Aspern und Wagram; zwischen der beiderseitigen Berggasse hindurch das breite Demantband der Donau – ich sah wie ein gewaltiger Condor hinein in die Windungen und Bergschlängelung bis nach Ungarn – da sind keine Worte, das Entzücken dieses Schwebens und Schauens zu schildern!

Es darf sich Niemand über mich wundern – ich war sicherlich in gehobener und getragener Stimmung!

Wir bogen nun wieder, von sanftem Zuge geleitet, nach rechts in das Marchfeld ab. Was ich sprach und nur leise sprach, klang so hell und laut und rein – ach Gott, warum gibt man den Tenors nicht kleinere Gagen und pumpt lieber Luft aus den Theatern, um dieselbe dünner zu machen – ich versichere, ein Tenor singt drei Mal so lange, zu fünfundachtzig Jahren den Melchthal oder Papageno, auch den Tannhäuser, ja, er braucht nur leise zu tremuliren und es klingt wie Ander und Roger in Schreifloribus!

Ich versuchte zu schreien – ich glaubte in der That, ich sei ein hoher Tenor – kein Echo, kein Wiederhall! – Es schauderte mich einen Augenblick an, mir war’s, als sänke der Ton vor meiner Lippe todt nieder, als stürbe er daselbst. Und wahrlich, ich weiß nicht, was mich überkam, mir war’s, als müßte ich mein Echo haben, als wäre ich so etwas von dem traurigen Peter Schlemihl ohne Schatten, und ich erkannte das Süße des Wiederhalles – in der Menschenbrust! – Ich sang nochmals zur Probe. Ich sang – was glauben Sie?

„Was ist des Deutschen Vaterland!?“ So hoch hat das sicher noch kein Mensch in der Welt gesungen; auch ohne Wiederhall in den höheren Schichten; und gibt es einen bessern Ort, das zu singen, als in der Luft? So in die Luft hinein – das ist das Allerbeste, eigentlich das Gewöhnlichste. Vielleicht war ich auch so närrisch, zu glauben, da ich nun dem lieben Gott so viel näher sei, daß er mir eine Antwort auf diese sonderbare Frage geben und, besonders da wir so allein und sicher ohne Zeugen waren, etwas darüber anvertrauen werde.

Aber so weit die deutsche Zunge auch da reichte – o nein! nein! nein! – Ich empfand nur ein Drücken in den Ohren, als ob mir etwas in den Ohren oder an den Ohren läge – wer weiß, was es bedeutete! Warf auch Sand hinunter.

Einige Minuten schwebte ich lautlos dahin, an alle die erstorbenen Töne und auch dieses Liedes denkend; – da sagte ich plötzlich, nach der lautlosesten Stille, rasch zu meinem Begleiter: „Was ist das?“ – Es rollte wie ein rascher Wagen über eine kurze hölzerne Brücke – es hatte in der That in der zweiten Wolkenschicht, die im weiten Kreise hoch über uns stand, ein wenig gedonnert. Zur Erde ist wahrscheinlich davon nichts gedrungen. Galt es mir? Es klang so wie eine recht brummige Grobheit für mich! Etwa wie das bekannte „ich bitte mich Ruhe aus.“ War ich doch ein Eindringling in diese Privatgegend der Schöpfung, in das Elisee, auf dessen Pforten im Allgemeinen stand: „Hier ist der Eintritt verboten!“

Ich mußte doch wieder mein Auge von den weiten Aussichten nach Osten zurückwerfen nach Südwest. Ich sah nach Wien. Mein Gott! ist jene tieflagernde, fahlgraue, schmutzige, flache, fast an der Erde klebende Staubwolke Wien?

Denken Sie sich die zweimalige Länge eines ovalen Familientisches – die Gestalt der fahlen, flachen Wolke – mitten durch [356] blos ein Spitzlein herausragend – das war, sammt Umgebung, Wien und seine stolze Riesendomzinne.

Mein Eindruck war wahrhaft Bangen und Schrecken. In jener Atmosphäre athmen siebenmalhunderttausend Menschen, lebte auch ich! In jener qualmdicken Luftschicht wachsen Hunderttausende kleiner Wesen groß – sollen und mögen all werden – lechzen Tausende von Kranken um Genesung und herzerquickende Luft! – Es war wahrhaft peinlich; das Bild des Tisches mit dem Spitzlein blieb mir – ein „besteckter“ Tisch im großen Gasthof der Schöpfung, auf dem die Gäste allmählich den Tod zehren. – In dieser Pein schwellte ich doppelt so stark meine Brust, um den reinen, herrlichen Aether, in dem ich schwamm, mit vollen Sehnsuchtszügen in mich zu saugen. Ich konnte mein Auge lange nicht von dem länglichen, dicken, flachen Dunstkreis wenden.

Das waren siebenmalhunderttausend Herzen – Menschenherzen! – Das trieb und drängte im selben Augenblicke nach seinen hohen Zielen, da unten; das gebar eben und starb, hochzeitete und begrub, sah neidisch auf ein Kleid, auf ein Equipage-Würmchen, ein Haus – haha! Gelächter! Gelächter! Herr Berg thut gut, zwei geladene Taschenpistolen vor der Fahrt zu sich zu stecken – er weiß nicht, was aus seinem Gefährten für ein toller Geselle wird, und ihm eine Kugel in’s wirre Hirn ist besser, als mit ihm zerschmettert zur Erde gehen, in dem Glauben, wir seien Alle nur schrecklich komische Ameisen in einem verdammt muffligen und ekligen Ameisenhaufen!

Und denken Sie sich etwa – so ein blutiges, klaffendes Haupt, so eine wundgerissene, aufgeschlitzte Brust da oben in den Lüften hoch hinschweben, leise, lautlos über Allen hingetragen, vom Ballon wie von einer Riesenhand zum Himmel stumm klagend hinaufgezeigt – die blassen Wangen, die erbleichten Lippen, die eingesunkenen Augen – denken Sie sich diesen Sommerfaden eines vergangenen Lebens, den Sterbenden oder die Leiche überhangend da hinziehen nach den Sternen und den hereinhangenden Wolken – das heiße Blut rieselt in schweren, langen Tropfen da hinunter auf die Erde – ein rother, brennender Thau – vielleicht auf eine Hand, die zuckt und erbebt und …

Doch fürchte Niemand – ich lebe und bin gesund, und die Taschenpistolen haben wir sehr gemüthlich mit einander auf Erden entladen.

Wollte ich einen schlechten Witz machen, würde ich sagen: von ganz Wien sah ich da nur ein „Spitz’l.“ – Aber wahrhaftig, die Zeit ist vorüber, wo das träfe, und indem ich dies dachte, lächelte ich wieder über mich selber und alles Andere, und breitete segnend über das geliebte Vaterland die Hände!

Ueber der grünen Saat des ewig theuern Kampffeldes war nur schwer unser Fortkommen zu bemerken; nur ein verschwindendes Dorf, eine große, grüne entronnene Fläche, das waren unsere Kennzeichen und Wegezeichen. Ich hatte schon lange einen Druck in den Ohren empfunden, wollte aber nichts sagen, und hatte nur immer „noch höher! noch höher!“ gerufen und Sand ausgeworfen. Ich hätte gar zu gern wenigstens die Bekanntschaft der „Venus“ gemacht.

Doch der Ballon hegte irdische Neigungen, und begann endlich allmählich etwas tiefer zu gehen. – Plötzlich, nach einiger Zeit war es mir als wie im Bade, wenn sich das wasserverhaltene Ohr von seinen Banden löst, das Wasser sinkt und man mit Vergnügen wieder, wie in einer neuen Welt, zu hören beginnt. Das war ganz ähnlich, nur ohne jene begleitende Wärmeempfindung. Ich lauschte fast mit Entzücken – und horch! wir schwammen über einem Meere von Gesang – erst leise ziehender, dann immer deutlicherer, hellerer, reinerer Töne!

Es war Abend, und die Lerchen gingen zu Neste. Jedermann weiß es, daß sie den trauten Ort lange umschwirren, sich abermal und abermal erheben, und hoch in den Lüften ihr Lied schmettern. Der Wandelnde auf Erden sieht in die staunenswerthe Höhe empor, und bemerkt einen zitternden Punkt, die Lerche. Wie oft that ich das! Hier aber hatte ich nun die gefiederten Sänger tief, tief unter mir, und so wie ich dahinzog über ein förmliches Netz von Sängern, über einen wahren See von entzückenden Klängen – dazwischen schlugen auch Wachteln den Takt – und so viel ich mir dabei Mühe gab, einen Vogel zu entdecken, es war vergebens.

Entzückender, seliger Augenblick! Ein Märchen von tausend und einer Nacht, ein unsichtbarer, paradiesisch tönender Sängerchor, ein schmerz- und müheloses Gleiten über diese Sangeswogen dahin – jetzt erst erfaßte ich die ganze Wonne des Vogelsanges – ich vergesse das mein Lebelang nicht! Vielleicht hört man im Himmel aus allem Gewirre der Welt blos diese Lieder, und läßt sie darum dauern. Und das Alles tönte über dem Grunde, den Deutsche, den Heimathshelden mit ihrem Blute gedüngt. Es war mir, als würden die Liederseelen wach, und zögen die Sangesgeister leise, sanft klingend über den grünenden, üppigen, seligen Gräbern.

Langes, entzücktes, überseliges Dahingleiten. – Ich empfand wahrhaft, wie in höhern Regionen.

Und nun endlich – nach geraumer Weile – tiefer. Und nun deutlicher Häuser und Saaten und die Menschen und die frühern Wagenpunkte. Dorfbewohner zu Wagen fuhren von ihren Feldern schon in aller möglichen Eile der Gegend zu, wo sie unser Niederkommen vermutheten. Die Guten hatten vergebens ihre Gäule anzustrengen, der Horizont täuscht gewaltig.

Aber was mich bald in aller höhern Stimmung lachen machte – waren die Hasen. Wir waren noch in solcher Höhe, daß wir die hohen Fruchthalme sahen wie aus der Erde gekeimte Saatspitzen, und schon hatten die Hasen das hoch über ihnen schwebende Ungethüm erblickt, und liefen die Meister Lampe in merkwürdiger Menge und Verwirrung kreuz und quer durch die Gauen, im buchstäblichsten Sinne das berühmte Hasenpanier ergreifend!

Da wir aber sahen, daß wir in Saatfelder kämen und bedeutenden Schaden anrichten würden, warfen mir den letzten Ballastsack aus – wir hoben uns blitzschnell wieder – noch ein entzückendes Aufleuchten der Wonneflamme – wir schwebten in Kurzem in der Nähe eines Dorfes und sahen nicht fern eine brach liegende Fläche. Ein bedeutender Wind fing an, sich zu heben; wir durften nicht lange laviren – glücklicher Weise trug er uns dem erwünschten Ziele entgegen, und aus dem Ventil entbrauste das frei gemachte Gas. Wir strichen quer über die große Landstraße – ich entdeckte einen Wanderer, der mir noch immer keine Beine zu haben schien, höhlte meine Hände und schrie mit aller Kraft festgefügter Lungen: „Wo – sind – wir!?“ Nach mehrmaligem Rufen verstand der gute Mann oder errieth, was wir wollten und freuete sich, so seltsamen Reisenden Auskunft geben zu können. Er schrie mehrmals mit aller Anstrengung, und ich hörte endlich „Gerasdorf!“ Das war vier Stunden von den, Orte unserer Ausfahrt.

Nochmalige zahlreiche Hasenretraite – der günstige Wind trieb uns weiter in’s Brachfeld. – Den Anker hinaus! – Er strich am langen Seile dahin, und faßte endlich an einem Rain. Zwei Bauern, die schon eine geraume Strecke nachliefen, faßten unsere ausgehängten Seile – wir zogen mit aller Kraft am Ventile - die Dorfbewohner, die schon eine Viertelstunde ihre Beine tüchtig ausgeholt hatten, gelangten endlich in’s Feld hinaus, griffen nach den ausgeworfenen Seilen, und hielten das Ungethüm. Wir waren im Menschenkampfe und – erschrecken Sie nicht, wenn ich es sage, denn ich schreibe ja noch hinterher – auf dem Schlachtfelde von Aspern und Wagram gefallen! – Seliges Zugrundegehen!

Was soll ich die Leser mit der Beschreibung unserer nun beginnenden Arbeit auf Mutter Erde, mit der Zähmung des Ballonungethüms und der Landleute Hinhalten, die erschreckt losließen und davonliefen, wenn sie der seidene dickleibige Koloß ein wenig in die Höhe riß?

Kaum waren wir auf der Erde, so erhob sich ein heftiger Wind, und fünf Minuten länger hätten uns wer weiß wohin getrieben, das Niederlassen auf unbestimmt unmöglich gemacht, und in der Stadt hegte man bereits Besorgnisse. Der Ballon lag nach einer guten halben Stunde, wie ein Wäschbündel zusammengerollt, schwer auf dem Boden; – es war bereits dunkel, die Dorfbewohner gingen mit ihrer Entschädigung in’s Wirthshaus, und brachten einen Leiterwagen auf, der uns aus der unabsehbaren, bereits sternbedeckten Ebene zur Erquickung nach dem Dorfhotel und dann nach der Stadt führte.

Denken Sie: mit einer so seltenen, stolzen und hohen Equipage hinaus und mit einem Leiterwagen herein! Ja, ja, wir waren tief gesunken und ganz herabgekommen! Anderthalb Stunden hatten wir uns süß in der Luft gewiegt, vier volle Stunden stolperte uns der Wagen über die Erde und rüttelte uns vollends auf dem Pflaster die schwelgerischen Seelen hübsch prosaisch zusammen.

Aber wenn das ganze Lebensgeschick an mir rüttelt und zerrt und meine Seele zerarbeitet, im letzten Momente wird mich die Erinnerung ganz und wonnig heben und entzücken. – Wie wär’s - sterbend in dem Ballon und emporgetragen, hinauf, hinauf in den Aether, dahinschwebend - - höher – höher!

Doch der Wagen rüttelt und zerrüttelt mir fast den Witz: so hoch hat es noch kein deutscher Schriftsteller gebracht und noch weniger durch Parteinahme mit dem „Berg!“ – Das Alles ist ganz oder auch nicht im mindesten aus der Luft gegriffen, wie Sie wollen!

Der Ballon, zur Krönung des russisches Kaisers gefertigt, hieß „Moskau“; ich und Napoleon hatten durch Kaiser Alexander also einen ganz gleichen Rückzug von Moskau!




Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Wiedergänger nennen die Uthlandsfriesen Ertrunkene, welche dem Volksglauben zufolge ihren Anverwandten und Freunden, triefend von Wasser, später und oft erst nach Jahren, begegnen.
  2. Schmale Stromrinnen zwischen und auf den Watten.
  3. Nach dem friesischen Volksglauben wird der Tod naher Angehöriger den Ueberlebenden oft dadurch angezeigt, daß sie bei Abenddämmerung im Nebel einen vollständigen Leichenzug der Gegend zugleiten sehen, wo die Leiche später der Erde übergeben werden soll. Die Friesen nennen sclche Erscheinungen Vorspuk oder Vorgesicht.