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Die Gartenlaube (1858)/Heft 13

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 13. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Das Schachtgespenst.
Von Ludwig Storch.
(Schluß.)


VIII.
Die Schwestern.

Am andern Morgen saß die Familie Liebheld wieder erwartungsvoll zusammen; diesmal aber war es eine Jungfrau, deren Eintritt man mit Spannung entgegensah. Es war ein Bote an Caroline von Schönebeck mit dem Auftrage abgeschickt worden, sie unter jeder Bedingung mitzubringen. Und so erschien sie denn nach einiger Zeit mit schüchterner Neugierde in einfachem, fast ärmlichem Anzuge, ein reizendes Heckenröschen. Ihre Befangenheit in Mitte der ihr fremden Personen, deren Augen mit dem lebhaftesten Ausdrucke auf sie gerichtet waren, verwandelte Frau Liebheld schnell in die süßeste Verwirrung, indem sie, dem Drange ihres Herzens folgend, auf die holde Erscheinung zueilte, sie in die Arme schloß, an die Brust preßte und ihr Mund und Stirn mit Küssen bedeckte. Dazwischen rief die edle Frau bis zu Thränen gerührt:

„Meine theure Schwester! Meine theure, geliebte Schwester! Sei gesegnet, Du herziges Kind! Wie hab’ ich mich nach Dir gesehnt! Ich bin ja Deine Schwester Aurelie. Wir haben ja keinen Blutsverwandten weiter, wir sind die einzigen Geschwister.“

Lina schrie laut auf vor froher Ueberraschung, und nun gegenseitiges Herzen und Küssen. Dann führte Aurelie der Schwester ihren Mann, ihre Kinder, Lieschen und Eduard Kahlert zu und sagte:

„Sieh, lieb’ Schwesterchen, wie Du uns hier beisammen findest, bilden wir eine Familie. Ein ungewöhnliches Schicksal hat unsere Herzen miteinander verbunden. Lieschen ist mir Schwester, Tochter, Freundin, und sie wird auch Dir Schwester sein. Denn wir lassen Dich nicht wieder, Du bist ja ein so holdes Kind. Du gehörst zu uns und bleibst bei uns. Du gehst mit uns nach Deutschland.“

Lina brach in Freudenthränen aus. Als sie erst einige Worte halb geflüstert, halb gestammelt, wurde sie allmählich lauter und der Wonnestrahl ihres Auges, die Verklärung ihrer Züge fand in den Ergüssen ihrer Lippen einen vernehmbaren Ausdruck. Die Zuhörer fanden, daß sie dieselbe wohltönende und musikalische Stimme habe, wie Aurelie, und auf Befragen erklärte sie, daß Singen und Musik ihre größte Lust sei. Alle klatschten vor Freude in die Hände.

„Sieh, daß Du zu uns gehörst! Der Vater hat seinen musikalischen Sinn auch auf Dich vererbt. Du trittst in unser Concert.“

Man verglich die zusammenstehenden Schwestern, und Eduard war dabei am thätigsten und fand die Familienähnlichkeit in Zügen, Blicken, Bewegungen. Lina hatte dasselbe süße, unschuldige Auge, wie ihre Schwester, die Form der einzelnen Gesichtstheile war dieselbe, nur statt der reizenden Schalkhaftigkeit, welche aus Aureliens Zügen lachte, war über die Lina’s ein Hauch poetischer Schwermuth gebreitet. Eduard bat Lina, etwas zu singen, alle Andern unterstützten ihn, und sie sang ohne Befangenheit ein kleines schönes ungarisches Volkslied mit hinreißender Naivetät und Fertigkeit. Die Frauen umarmten sie jubelnd, Eduard küßte ihr, berauscht von Entzücken, die Hand, die Kinder umklammerten ihre Kniee und wurden nicht müde, sie zu liebkosen.

Die Veränderung, welche in einer Stunde, die Allen wie eine Minute verflossen, mit Lina vorgegangen war, hätte ihre Kremnitzer Bekannten in Erstaunen setzen müssen. Sie war verwandelt. Die Weihe eines höheren, seligen Lebens, das sie bis jetzt nur geahnt, nach dem sie sich unablässig gesehnt, zu dem sie aber geschaffen und berufen war, war ihr plötzlich, wie vom Himmel gefallen, zu Theil geworden. Die Hand eines Engels war über ihre holde, jungfräuliche Gestalt gestreift und hatte ihrem Auge reinern Glanz, ihrer Gestalt höhere Würde, ihren Zügen Erhabenheit, ihrem Wesen Poesie gegeben. Und nun hatte sie wiederum ein anderes Menschenkind im Familienkreise auf ähnliche Weise verwandelt, Eduard Kahlert. Auch er war nicht mehr der von Schwermuth niedergedrückte, zaghafte, schweigsame Mann, dem die Menschenwelt und ihr Thun gleichgültig, ja verächtlich erschien; er hatte sich emporgerichtet, sein Auge leuchtete vom Glanz, der in seiner Seele entglommen war, er sprach nur einzelne Worte, aber es waren die aufjauchzenden Stimmen erweckter Geister, die sich – früher unerkannt – in ihm kundgaben. Aurelie und ihr Gatte bemerkten mit hoher Freude zugleich diese Verwandlung des Freundes und verständigten sich durch Blicke darüber.

„Alles wird gut!“ jubelte Aurelie, faßte Eduards Arm und zog ihn zu Lina. „Seht Euch an, Ihr beiden theuern Menschen! Recht tief in die Augen! Noch tiefer in die Seelen! Erkennt Ihr Euch? Ja, Ihr habt Euch schon erkannt; Euer heiliges, keusches Erröthen verräth es. Nun denn, so ist auch schon die Ahnung in Euch aufgeblüht, daß Ihr für einander bestimmt seid. So wißt es denn, daß Ihr den schönen Familienkreis mit Hand und Herz schließen sollt und daß Ihr damit unsere höchsten Wünsche erfüllt.“

Das zarte Herzensgeheimniß, das sich eben erst gebildet, war [170] damit schon ausgesprochen und warf seinen Purpur über die selig zusammenzuckenden Betheiligten.

O, die glücklichen Herzen, welchen diese Stunde Lebenswürze reichte!

Lina fühlte sich in diesem Kreise so heimisch, als habe sie ihm immer angehört, und ihre gewinnende Naivetät wurde nun mittheilsam. Da flog denn freilich mancher Wolkenschatten über ihre Züge. Sie erzählte vom Leid ihrer Jugend, von der Rohheit und Gemeinheit ihrer Umgebung, von dem widerwärtigen Andrängen ungebildeter Männer, ja, ihr Auge füllte sich mit Thränen, als sie berichtete, wie sie von ihrer Mutter gezwungen worden war, den Einladungen zu Tanz und Spiel zu folgen. Jedes ihrer Worte war ein stiller Ankläger dieser gemeinen, selbstsüchtigen Frau, und doch gefiel es den Zuhörern, daß sie dieselbe nicht laut anklagte. Aber es war zu errathen, was die Arme gelitten hatte.

„Deine Leidenszeit ist vorüber, armes Kind!“ tröstete Aurelie. „Du kehrst nicht mehr zu Deiner Mutter zurück.“

„Sie wird mich aber zurückverlangen.“

„Das wird sie nicht. Du würdest sie nicht mehr zu Hause finden. Sie hat sich bereits entfernt. Frage nicht, Du sollst später das Nöthige erfahren. Jetzt sollst Du Dich nur freuen, daß ein neues Leben für Dich begonnen hat, und kein Mißton soll Dir diese Freude stören.“




IX.
Unthat aus Rache und Eifersucht.

Wenn es in Kremnitz noch einen glücklicheren Mann als Eduard Kahlert hätte geben können, so wär’ es unstreitig der Oberbergmeister von Hammerstein gewesen. Der führte seine Freunde in die schönen Berg- und Waldpartien, bereitete ihnen Überraschungen und bewirthete sie mit der liebenswürdigsten Ubertät. Freilich führte er bei solchen Ausflügen Lieschen stets und wich nicht von ihrer Seite, freilich verrieth er, ohne es zu merken, daß er eigentlich Alles nur ihretwegen thue; er componirte Nachts sogar Gesangstücke, in welchen er Lieschen und sich die zärtlichsten Duette gab, und wenn sie draußen auf einem Felsenplateau oder im Walde ausgeführt wurden, sang er das zarte Kind mit einer Gluth und Leidenschaft an, daß es Allen sonnenklar wurde, selbst Eduard und Lina, die doch mit sich selbst genug zu thun hatten, daß er in die schlanke Sängerin sterblich verliebt sei und ihr Herzchen zu erobern sich bestrebe. Bei solchen Ausflügen, die sich schier täglich wiederholten, führte Eduard Lina und Liebheld seine Frau, und alle drei Paare hielten sich in so anständiger Entfernung von einander, daß keins vom andern und vom dritten gestört wurde.

Zu Hause arrangirte Hammerstein Concerte und Bälle und immer war er Lieschens Partner, wie Eduard der Lina’s. Natürlich verbreitete sich unter den Bergleuten, wie unter den übrigen Bewohnern der Bergstadt, welche sich durch die gefängliche Einziehung des Obersteigers Ambrunn, der Wittwe Schönebeck und des Griechen Theodoro bereits in sehr aufgeregtem Zustande befand, schnell das Gerücht, mit den räthselhaften Fremden, welche diese außerordentlichen Maßnahmen der Behörde veranlaßt, seien für den Oberbergmeister eine Braut und für Lina von Schönebeck ein Bräutigam gekommen, und der Proprietär Tomanek machte zu letzterer Kunde ein sehr albernes Gesicht. Vom Steiger Leberecht Ambrunn dagegen sah und hörte man nichts. Auch hatte seiner Niemand sonderlich Acht.

Der Oberbergmeister hatte es zu seinem Entzücken endlich aus Lieschens kindlichem Herzen herausgelockt, daß er ihr nichts weniger als gleichgültig sei. Nach einigen Tagen vertraute Herr von Hammerstein den Freunden Liebheld und Kahlert mit geheimnißvoller Wichtigkeit, daß er eine ganz besondere Festlichkeit vorhabe. Da Liebheld merkte, daß der Oberbergmeister gefragt und gedrängt sein wollte, so that er ihm diese Gefälligkeit und erfuhr nun, daß es das zwiefache Verlobungsfest Eduards mit Lina und seiner selbst mit Lieschen sein sollte, auf entsprechende charakteristische Weise in einem Goldschacht gefeiert, in welchem er einen Saal decoriren und illuminiren lassen werde. Dort sollte am Festtage gespeist, concertirt und getanzt werden. Er war eifrig mit der Composition der Musikstücke zu diesem Tage beschäftigt. Nun bat er die Freunde, ihn beim Arrangement mit Rath und That zu unterstützen, aber um des ewigen Heils willen Alles geheim zu halten, damit die Frauen nichts erführen und ihnen eine volle großartige Ueberraschung bereitet werden könnte. Zum Vormittag des folgenden Tages lud er denn die beiden Freunde ein, ihn in den Schacht zu begleiten, um das Local in Augenschein zu nehmen und die Festeinrichtung zu besprechen.

Der Morgen war ungemein schön und zu Ausflügen in den grünen Bergwald verlockend. Als daher der Oberbergmeister kam, die beiden Freunde abzuholen, bestanden die Frauen darauf, sie bis zum Mundloch des Schachtes zu begleiten und dann, während die Herren im Berge wären, auf demselben sich zu ergehen. Dieses Verlangen wurde mit Freuden zugestanden, selbstverständlich ohne ihnen etwas von der eigentlichen Absicht des Besuchs im Bergwerk ahnen zu lassen. Heiter kosend gingen die drei Paare Arm in Arm die buschigen Pfade dem Eingange des großen Schachtes zu. Der Oberbergmeister hatte die Einfahrt schon vorbereitet und die dazu bestimmten Knappen warteten unter dem das Mundloch schützenden Dache. Die kleine fröhliche Gesellschaft war bereits in der Nähe desselben, als Caroline den Steiger Leberecht Ambrunn vorüberlaufen sah, einer Gegend zu, wo sich ein zweiter, aber weniger benutzter Eingang in die Grube befand. Der Mensch sah zum Erschrecken bleich und verwirrt aus und warf ihr einen scheuen Blick zu, der sie im Innersten der Seele erbeben machte, so daß sie sich unwillkürlich fester an Eduard Kahlert, gleichsam ihren natürlichen Beschützer, anschmiegte. Ehe der unheimliche Bergmann hinter der Waldecke verschwand, begegnete ihr geängstigtes Auge einem zweiten Blicke aus dem seinigen, welcher, Liebesraserei und Verzweiflung ausdrückend, ihr den letzten Rest von Heiterkeit raubte. Es war ihr, als wäre ein eisiger Hauch über ihr warmes Herz hingestreift und habe die jungen Triebe darin gemordet. Eduard befragte sie zärtlich über ihr plötzliches Verstummen. Zusammenschauernd versetzte sie:

„Es läuft mir wie eine bange Ahnung kalt durch die Seele. Wenn Ihnen im Berge nur kein Unglück zustößt.“

Eduard lachte.

„Nicht doch, süßes Kind! Die Sache ist gar nicht zum Unglück angethan. Aber Ihr Zagen entzückt mich.“

Er küßte sie begeistert auf die hohe, reine Stirn, denn sie waren beim Eingange und man schied mit der Verabredung, daß die Damen in einer Stunde wieder zur Stelle sein sollten, die zuerst angekommene Partei sollte auf die andere warten. Die Herren fuhren ein, die Damen erklimmten langsam und sich oft rückwärts der Aussicht auf das Thal zuwendend, den Bergpfad. Lina wurde immer stiller, aber auch Aurelie und Lieschen wurden von einer ernsten Stimmung befallen, gleichsam als wären sie von der Schwester angesteckt. Zuletzt gingen sie nicht mehr von der Stelle, und es kam zu Erklärungen.

„Mich überwältigt eine Angst,“ sagte Lina, „die ich Euch nicht mit Worten beschreiben kann. Sie schnürt mir die Brust zusammen und erschwert mir das Athmen, so daß ich nicht im Stande bin, den Berg weiter zu ersteigen. Mir ist, als müßte den Männern ein Unglück begegnen. Dieser Steiger Ambrunn ist ein böser Mensch.“ Die letztern Worte sagte sie leise in sich hinein.

„Seltsam!“ nahm Lieschen das Wort. „Du beschreibst meinen eigenen Zustand. Seit wir die Herren im Schacht haben verschwinden sehen, hat auch meine Seele eine sich steigernde Angst ergriffen. Das hat etwas Schlimmes zu bedeuten.“

„Ich will es Euch nicht verhehlen, Kinder,“ sprach Aurelie, „mir ist ganz ähnlich zu Muthe. Aber was können wir thun? Unter einer Stunde kommen die Herren nicht wieder zu Tag. Wir müssen eben warten und wollen uns niedersetzen. Vielleicht wird uns eine freundlichere Stimmung.“

Sie setzten sich an einem Raine, aber die Unterhaltung wollte nicht, wie früher, in Fluß kommen. Lina mußte immer an den düstern Steiger denken und erzählte einiges von den höchst leidenschaftlichen Bewerbungen dieses verschlossenen Menschen um sie. Oft schon hatte sie vor ihm geschaudert, nie aber noch so wie vorhin, als er mit dem eigenthümlich wilden und scheuen Blick an ihr vorübergeglitten war. Plötzlich stockte sie mitten in der Rede und fuhr schreiend empor; die beiden Andern folgten eben so rasch ihrem Beispiele. Der Boden zitterte unter ihnen, wie [171] von einem Erdbeben bewegt, ein dumpfes Rollen, ähnlich dem eines fernen Donners, erreichte ihr Ohr.

„Barmherziger Gott!“ schrie Lina. „Das ist’s! – Der’ Steiger! – Eduard! Die Männer!“

„Was ist’s?!“ hauchte Lieschen erbleichend.

„Was kann es sein?“ rief Aurelie außer sich.

„Sie sind verloren! Der schreckliche Steiger hat sie ermordet. Dieser Donner kam aus dem Schachte. Das ist eine Sprengung. Aber, jetzt darf nicht gesprengt werden. Es ist ein Verbrechen, eine Unthat des scheußlichen Menschen, ein höllisches Werk seiner Eifersucht, seiner Rache.“

„Schnell, Schwestern!“ sagte Aurelie. „Wir müssen der Gefahr in’s Auge schauen. Wir müssen uns rasch überzeugen, was geschehen und was zu thun ist.“

Und sie eilten, was sie vermochten, den Berg hinab bis zum Hauptmundloche des Schachtes am Abhange desselben. Hier war es schon lebendig geworden und wurde mit jeder Minute grauenhaft lebendiger. Eine Nothglocke nach der andern erhob ihren gellenden Ruf in’s Thal hinab, den Menschen zu verkünden, daß ein großes Unglück geschehen sei; Bergknappen und andere Leute stürzten bleich und mit Geschrei herbei; die Haspel im Mundloch rasselte und aus dem emporgestiegenen Kübel tauchten bleiche Häuer empor.

„Hülfe! Hülfe! Rettet!“ erscholl’s nun in wilder Verwirrung. „Was ist geschehen?“

„Der Steiger Leberecht Ambrunn hat den überhängenden Vorsprung der Fugger-Wand abgesprengt und die Herren drin im Elisabethenschacht verschüttet, lebendig begraben. Was Hände hat, muß arbeiten. Der Versuch, sie zu retten, muß mit der größten Anstrengung gemacht werden.“

„Es wird nichts helfen,“ ließ sich ein Anderer vernehmen. Das ist wenigstens eine vierzehntägige Arbeit, derweil’ sind sie zehn Mal erstickt und verhungert.“

„Wir müssen alle Kräfte anspannen.“

„Mündet nicht ein alter versperrter Stollen in den Elisabethenschacht? Wenn man dort einzudringen versuchte?“

„Das hat noch zehn Mal größere Schwierigkeiten; die alten Bauten sind meist zusammengestürzt, und wer kennt die allenfalls noch befahrbaren? Niemand von uns.“

„Wenn noch einer, so ist’s der alte Obersteiger Ambrunn. Der sitzt in strenger Haft.“

Keins dieser Worte ging den gemarterten Frauen verloren. Ihre Pulse flogen, ihre Spannung überstieg das Maß gewöhnlicher menschlicher Zustände bei weitem. Aber sie klammerten sich auch an jedes Wort, das vom leisesten Hoffnungsschimmer angehaucht war.

„Ihr Männer,“ redete Aurelie, „es gilt, Menschenleben zu retten, und das Eures Oberbergmeisters ist auch dabei. Alle Wege zur Rettung müssen versucht werden. Der Obersteiger muß die alten Bauten befahren; er muß zu diesem Behufe ohne Verzug in Freiheit gesetzt werden. Eilt in das Berggericht; wir drei Schwestern lassen die Herren des Gerichts um schnelle Losgebung des Obersteigers bitten.“

Unterdessen war die Menschenmenge und mit ihr Lärm und Geschrei und Verwirrung gestiegen. Das ganze Thal, alle Pfade zu den Bauten wimmelten von Menschen, viele mit Hacken und Schaufeln, aber Niemand wußte, was eigentlich Zweckdienliches zu thun sei. Ein Knappe trat zu den bebenden Frauen und sagte:

„Da kommt der Obersteiger schon, von den Gerichtsdienern begleitet. Auf sein eignes Verlangen läßt ihn das Gericht zur Hülfe herbeiführen.“

Die Frauen eilten mit Andern auf ihn los.

„Könnt Ihr helfen?“ fragte ihn Lina.

„Das wäre nicht geschehen,“ entgegnete er griesgrämlich, „wenn Deine Mutter – Ist Leberecht todt?“ unterbrach er sich selbst.

„Wir wissen’s nicht. Keiner hat ihn wieder gesehen.“

„Das hat er von dem Tage an vorbereitet, als ihm das Weib ihr Haus verbot,“ murmelte der Alte.

„Könnt Ihr helfen, Ambrunn?“ wiederholte Lina mit Nachdruck.

„Hier kann Niemand helfen, als – das Schachtgespenst,“ versetzte er mürrisch.

„Das Schachtgespenst!“ riefen hundert Stimmen mit allen möglichen Abstufungen des Entsetzens.

„Wenn’s nicht verhungert ist indessen,“ brummte der Obersteiger und ging ohne Zaudern weiter. Wenige, aber die drei Frauen folgten ihm. Auch sie waren von dem einem Worte erschüttert, aber nicht wie die Uebrigen. Endlich kamen sie bei einem alten Schachtloche an. Der Obersteiger haspelte den Kübel empor. Er war lange nicht gebraucht und seine Sicherheit erschien zweifelhaft. „Es hilft nichts!“ sagte der Alte. „Hinab, das ist der einzig mögliche Weg. Wer fährt mit mir ein?“

„Ich!“ riefen Aurelie und Lina zugleich, sonst kein Mann.

„Und ich begleite Euch!“ rief Lieschen muthig. Die drei Frauen umschlangen sich begeistert; ein göttlicher Strahl leuchtete aus ihren Augen.

„Durch Nacht und Schrecken, durch Noth und Tod!“ rief Aurelie. „Wohin auch, die Liebe führt und trägt uns.“

„Alles für den Geliebten!“ flüsterte Lina, und Lieschen umarmte Beide mit Thränen im Auge.

„Und wenn wir untergehen, so sind wir ja mit ihnen vereint. Ohne ihn könnte ich ohnedies nicht leben.“

„Hinab denn!“

„Ihr seid gerade die Rechten,“ sagte der Alte, ohne Verwunderung über die merkwürdige Begleitung. Er schnallte den Brodsack, welchen er trug, fester, zündete Grubenlichter an und gab jeder Dame eins, dann winkte er den Männern an der Haspel. Die Frauen traten mit ihm in den Kübel und umschlangen sich, und das Fahrzeug senkte sich langsam in die finstere Tiefe. Es war, als führe Charon mit den drei Grazien in die Unterwelt.




X.
Das hungrige Gespenst.

Nur begeisterte Liebe zur Rettung der theuern Häupter konnte den Muth finden zu dieser schauerlichen Fahrt. Nie hatten Frauen eine ähnliche Fahrt unternommen; aber wahre Liebe schreckt vor keiner Gefahr zurück. Der Kübel berührte den Boden. Der alte schweigsame Bergmann stieg aus und half seinen Begleiterinnen weiter. Aber welch’ ein Weg! Feuchter, unebener Boden, halb eingestürzte Wände und Decken, so daß sie zuweilen hintereinander herkriechen mußten, dann wieder weite, öde Höhlen und Hallen, Felsengestein, das überklettert werden mutzte, und dazu die schwere, verdorbene Luft, welche das Athmen erschwerte. Schweigend ging’s weiter durch immer andere Gänge, die abwechselnd stets dieselben Schwierigkeiten boten, eine Schreckensstraße. Kein Zagen wandelte die Frauen an. Liebe macht schwache Herzen stark. Endlich, auf einer freien Stelle, in welche mehrere Gänge mündeten, blieb der Bergmann stehen, steckte den gekrümmten Zeigefinger der rechten Hand in den Mund und ließ einen lauten, schrillen Pfiff ertönen, welcher seltsam an fernen Wänden wiederhallte. Unmittelbar darauf ließ er ein eigenthümliches Heulen, ähnlich dem eines wilden Thieres erschallen. Dann horchte er nach allen Seiten hin. Dieses Verfahren wiederholte er einige Male, bis von fernher ein schwacher Ton an ihr Ohr schlug. Der Obersteiger schlug die Richtung, woher dieser Ton gedrungen war, ein, indem er das Pfeifen und Heulen von Zeit zu Zeit ertönen ließ. Die Antworten wurden deutlicher und, sich mehr und mehr nähernd, nahmen auch sie den Charakter eines schauerlichen Geheuls an. Die Frauen erbebten vor diesen gräßlichen, kaum thierischen, geschweige denn menschlichen Lauten, aber ihr Muth wurde nicht dadurch erschüttert.

Plötzlich zuckte ein schwacher Lichtstrahl vor ihnen an der feuchten, dunkeln, von grünem Moder überzogenen Wand hin und gleich darauf erblickten die Frauen, welche einzeln hinter dem Bergmanne hergingen, ein phantastisches, gespensterhaftes, schreckliches Gebild in dem Gange. Grausiges Erstaunen fesselte ihre Füße an den Boden, ihre Augen in der außerordentlichen Erscheinung. Eine ungewöhnlich lange, spindeldürre Gestalt mit spinnebeinähnlichen langen Armen und Beinen, um welche, wie um dünne Stecken, ein armseliges, zerfetztes Bergmannskleid schlotterte, die dürren Hände mit den langen, fleischlosen Fingern wie spitze Vogelkrallen anzusehen, das Haupt von dünnem, langen, schneeweißen Haar in einzelnen Loden umflattert, von dessen unterer Partie ein langer, glänzend weißer Bart auf die Brust niederfloß, mit seiner scharf gebogenen, großen Nase, ebenfalls dem Kopfe eines Raubvogels ähnlich. Aber man vergaß diese Ähnlichkeit wieder [172] vor der erdfahlen, grauenhaften Farbe dieser Züge und vor dem wahrhaft gräßlichen Ausdruck des halb erloschenen, halb düster glimmenden Auges, dessen Blick aus tiefen Höhlen wie in Asche zerfallene Brände einer Ruine hervorstach. Die Erscheinung kam in rasender Eile heran, und da sie so wenig Stoff hatte, schien sie wirklich mehr zu schweben, als zu laufen. In der Nähe ging ihr Geheul in die deutlichen Worte: „Brod! Brod!“ über. Sobald das gespensterhafte Bild bemerkte, daß der Obersteiger Begleitung hatte, wich es schnell wieder zurück; der alte Ambrunn hatte aber ein mächtiges Stück Brod aus dem Sacke hervorgezogen, streckte es dem Schachtgespenste entgegen und schrie:

„Hier ist Brod, Rabe! Komm’, komm’ und fürchte Dich nicht! Hier sind Aurelie und Caroline! Die Erstere hat Dir den Ring der Königin gebracht, weither; er ist da, Du wirst ihn haben! und das geraubte Gold ist auch wiedergebracht. Du wirst’s mit dem Ringe versiegeln und dem Könige abliefern. Deine Unschuld ist erwiesen, Dein Name leuchtet als der eines Ehrenmannes. Kathinka wird Dich nicht vergiften; sie büßt ihr Verbrechen im Kerker.“

Das Gespenst stand eine Minute lang dem alten Bergmanne gegenüber still, unbeweglich, einem Schemen gleich, aber die kleinen Augen glühten wie Kohlen auf die vier Menschen, dann stieß es plötzlich einen so gellen, fürchterlichen Schrei aus, daß die drei, auf’s Höchste aufgeregten Frauen ebenfalls schreiend zusammenbebten und einer Ohnmacht nahe waren. Unwillkürlich umfaßten sie sich und starrten die gräßliche Gestalt an. Diese ließ mm die Worte erschallen:

„Den Ring! Her den Ring! Aurelie, Caroline, gebt den Ring! Gebt Brod! Brod! Brod! Ich verhungere!“

„Barmherziger Gott!“ raunte Aurelie Carolinen zu. „Es ist die Stimme, es ist die Gestalt unseres Vaters, wie sie mir wie aus einem Traume in der Seele auftauchen. Er lebt, er ist’s, dieser Unglückliche.“

„Das ist kein lebendes Wesen, das ist sein Geist!“ versetzte das Mädchen schier außer sich.

„Nicht doch, Kind! wie sollte ein Geist so nach Brod schreien? Wir gehen der Lösung dieses Räthsels entgegen.“

„Hier ist etwas Brod!“ sagte der Bergmann zu der Gestalt. „Und im Sacke hab’ ich noch mehr Brod und auch Fleisch und Wein. Das sollst Du im Elisabethen-Schacht haben, Rabe. Fort! Flattere voran, wir folgen Dir! Dann erhältst Du auch den Ring, hörst Du, den Ring der Königin! Und auch das Dir gestohlene Gold! Begreifst Du’s?“

Wiederum stieß das Schachtgespenst einen unheimlichen Schrei aus und wieder hörten die geängstigten Frauen das Geheul:

„Brod! Brod! Fleisch! Wein! Den Ring! Das Gold! Aurelie und Caroline! Im Elisabethenschacht! Fort, zum Elisabethenschacht!“

Und das Stück Brod dem Obersteiger entreißend und es verschlingend, wie ein Wolf, stürmte der unheimliche Schachtbewohner voraus und die Andern nach. Das war eine wilde Hetze in den schrecklichen Gängen! Das ging über Stock und Stein, bald durchgezwängt durch enge Spalten, bald auf allen Vieren gekrochen durch niedrige Löcher. Aber diese Frauen waren durch die Liebe zu Heldinnen geworden; sie folgten dem Gespenst und dem Bergmanne unverzagt durch Dick und Dünn, durch das schier endlose Labyrinth von einem Gange in den andern, immer vorwärts auf der grausigen Jagd.

„Kein Mensch auf der Welt fände diesen Weg,“ sagte der alte Bergmann zu den Frauen. „Wer sich hier hereinwagte, müßte ohne Gnade umkommen. Er allein kennt da jeden Schritt und Tritt.“

Endlich war der Gang vor ihnen mit Hölzern und Steinen versperrt.

„Wir sind am Ziel!“ sagte Ambrunn. „Jenseits dieser leichten Wand ist der Elisabethenschacht; dort sind die Verschütteten. Ruft jetzt aus Leibeskräften und legt zu gleicher Zeit Hand an.“

Die Frauen stürzten herzu und rissen Hölzer und Steine fort. Sie entwickelten Kräfte, wie Riesinnen aus der Götterzeit. Dazwischen stießen sie ein Helles Geschrei aus.

„Bernhard! Eduard! Karl! Hoho!“ so erschallte es von den schönen Lippen, und der alte Bergmann vereinigte seinen Ruf mit dem ihrigen, ja, das Gespenst schien zu wissen, um was es sich handelte, es stieß fort und fort jenes heulende Geschrei aus und entfernte eben so gut Hölzer und Steine, wie die Andern. Nicht, lange, und es wurden Stimmen von jenseits vernommen. „Hülfe’, Rettung!“ erscholl’s hüben und drüben. Die Versperrung wurde auch dort weggerissen und nach wenigen Augenblicken jubelten sie einander in die Arme, an die Lippen, an die Herzen zum seligberauschenden Kusse, Aurelie an des Gatten Brust, Lina von Eduard umschlungen, Lieschen ohnmächtig vom Oberbergmeister gehalten.

Die Stimme des Schachtgespenstes brachte die Seligen wieder in die wirkliche Lage der Dinge. „Brod! Fleisch! Wein! Den Ring! Das Gold! Aurelie und Caroline!“ heulte es.

„Was ist das?“ fragte Liebheld. „Wer ist diese schauderhafte Gestalt? Ein Wahnsinniger?“

„Unser, Euer Retter, mein lebender, offenbar wahnsinniger. Vater, das berüchtigte, so sehr gefürchtete Schachtgespenst.“

„Dein lebender Vater?! Wer löst dieses Räthsel?“

„Das vermag ich allein hier,“ sagte der alte Obersteiger, indem er dem gierig zugreifenden Wahnsinnigen die versprochenen Lebensmittel verabreichte. Dieser setzte sich seitab auf den Trümmerhaufen und verschlang die Speisen mit thierischer Gierde, ohne sich um etwas weiter zu bekümmern oder Aufmerksamkeit auf die um ihn geführten Reden zu verrathen.

„Was ich bereits im Berggericht bekannt,“ fuhr der Obersteiger fort, „brauche ich hier nur zu wiederholen, um Alles aufzuklären. Die verdiente Strafe kommt mir recht, zumal mein Verbrechen heute meinem armen Jungen das Leben gekostet hat. Derweil der Verrückte da seinen Hunger stillt, und der ist groß, denn er hat, seit ich in Haft bin, nichts zu essen bekommen und hätte verhungern müssen, wenn Leberecht nicht den tollen Possen gespielt hätte – derweil also erzähl’ ich, wie das Alles gekommen.

„Ich hatte mich mit der Kathinka, die im Hause des Oberbergmeisters Holdrat als Magd diente und aus diesem mit der Tochter Marie, als diese den Bergmeister Schönebeck heirathete, in dessen Haus zog, verlobt und war ihretwegen einem hübschen braven Mädchen, mit welchem ich Jahre lang Umgang gehabt, untreu geworden; denn diese Kathinka war ein verführerisches Geschöpf. Nachher geschah mir ganz recht, daß sie den Bergmeister heirathete, als dessen junge Frau aus Verdruß über die entdeckte Leidenschaft ihres Mannes zur Magd gestorben war. Der Bergmeister war aber mit der Slovakendirne auch betrogen; sie hatte mich und ihn hintergangen, und auch mit dem Georg Theodoro vertrauten Umgang gehabt, als sie noch mit ihm zusammen in des Oberbergmeisters Hause war, ja der Grieche hatte mehr Gewalt über sie, wie ein anderer Mann. Der Oberbergmeister gerieth über das falsche Weibsbild mit seinem Schwiegersohne in arge Feindschaft, welche Theodoro benutzte, um darauf seine eigenen Pläne zu bauen. Er beschwatzte das treulose Weib, dem Bergmeister das vorräthige Gold mit Hülfe seines Ringes zu stehlen; dann wollte er sie nachkommen lassen oder sie abholen. Von diesem Verhältniß Theodoro’s zu Kathinka wußte ich aber damals nichts; ich war eben mit Blindheit geschlagen, so gut wie Herr von Schönebeck, und so wurden wir denn beide betrogen. Eigentlich verdienten wir’s auch nicht besser. Denn wie ich meiner Braut, so war er seiner Frau des zauberisch schönen, schlechten Weibsbilds wegen untreu geworden, und der Gram über solche Untreue hatte mir die Braut und ihm die Gattin getödtet. Ich habe Gottes Strafgericht späterhin, als ich hinter die Schlechtigkeit Kathinka’s und Theodoro’s kam, wohl eingesehen, aber damals war mein Herz noch voll blinder böser Rachbegierde gegen meinen Vorgesetzten, Herrn von Schönebeck. Und das wußte Theodoro und verführte mich mit der Vorspiegelung, er handle im Auftrage des alten Herrn von Holdrat – ich war dumm genug, das zu glauben, weil er bei diesem Alles galt – daß ich ihn versteckte, als er heimlich hierher kam, ja ihm auf alle mögliche Weise zum Diebstahl des Goldes behülflich war, nur um Schönebeck in’s Verderben zu bringen. Das aber ahnte ich nicht, daß auch des Bergmeisters eigene Frau mit dem nichtswürdigen Griechen gegen ihren Mann verschworen war. Der Diebstahl wurde ,so geschickt ausgeführt, daß Niemand eine Ahnung vom Thäter hatte; nur Herr von Schönebeck muß – ich weiß nicht wie, dahinter gekommen sein, daß sein Weib, welchem er so viel geopfert, dabei betheiligt, sei, und er ist schwach genug gewesen, sie dessen in’s Gesicht zu beschuldigen. Darauf hat sie ihn vergiften wollen. Vielleicht hat er schon einen Theil des Giftes genossen und Argwohn geschöpft; denn er hat die vergiftete Suppe seinem Hund gegeben, welcher

[173]

In silentio et spe. Bunsen.


daran krepirt. Dieses Schicksal und der Gedanke, mit einem bescholtenen Namen leben zu müssen, raubte dem Bergmeister den Verstand.

„Eines Nachts entwich er aus seinem Hause und begab sich in die alten, abgebauten und verfallenen Gruben. Einige Tage später trat er mir Abends, als ich noch allein im Schachte verweilte, verhungert entgegen, und schrie mich um Brod an. Mich schlug das Gewissen, ich erkannte, wie schwer ich mich an dem armen Manne versündigt hatte. So hab’ ich ihn denn treu mit Brod, Licht und Kleid versorgt bis jetzt. Ich hatte guten Grund, das Geheimniß zu bewahren; denn ich mußte fürchten, sogleich unter den strafenden Arm der Gerechtigkeit zu fallen, wenn es bekannt würde, wie es denn jetzt richtig eingetroffen ist, zum Beweis, daß kein Uebelthäter der Strafe entlaufen kann. Der Unglückliche irrte nun in den alten Bauen herum, und zeigte sich zur Nachtzeit zuweilen auch in den neuen, wo ihn manchmal Bergleute gesehen haben. Daher kam dann das Gerede vom Schachtgespenst, das bald genug in Aller Mund war. Der Arme schrie und seufzte immer nach dem Ringe, und da er selbst im Wahnsinne eine Erinnerung daran behalten hatte, daß sein treuloses Weib beim Verbrechen, das ihn zu Grunde gerichtet, stark betheiligt war, so ist er selbst im Laufe der Jahre einige Male Nachts aus dem Berge gegangen und in sein Haus gestiegen – Gott weiß wie! – um den Ring, zu suchen, oder ihn dem erschrockenen Weibe abzufordern. Wir wollen sehen, was geschieht, wenn er nun den Ring bekommt.“

Aller Augen ruhten auf dem unglücklichen Opfer einer thörichten Leidenschaft; die beiden Schwestern betrachteten mit Ehrfurcht und Wehmuth ihren Vater, der nun, da sein Hunger gestillt war, mit dem gellen Rufe: „den Ring! den Ring!“ aufsprang.

[174] „Den Ring erhältst Du oben im Berggericht,“ redete ihn der Obersteiger an. „Dort hat ihn der König für Dich niederlegen lassen. Ebenso das Dir gestohlene Gold. Auf denn und eile, daß Du hinauf kommst!“

Der Wahnsinnige trat ohne Verzug den Rückweg an, und Alle folgten ihm mit ihren Lichtern auf dem mühseligen und gefahrvollen Wege. Sie erreichten glücklich den Ausgangsschacht, und der Kübel förderte sie allmählich an’s Tageslicht. Dort wurden sie vom Jubel der versammelten Menge empfangen, deren Blicke sich mit bestürzter Neugierde auf das Schachtgespenst richteten. Man hatte dem Armen einen Mantel übergeworfen, und so ging er schweigend zwischen seinen weinenden Töchtern und gefolgt von allen Anwesenden, gleichsam im Triumphzug – einem sehr wehmüthigen – nach der Stadt hinab und in’s Berggericht. Ein sich immer wieder neu gebärender Jubel erschallte auf diesem Wege; denn die Geschichte des unglücklichen Wahnsinnigen lief von Mund zu Munde.

Im Berggericht wurde er in ein Zimmer geführt, wo in jenem Kasten, welchen Eduard Kahlert mitgebracht, Goldbarren in Masse lagen und daneben auf dem Tische der verhängnißvolle Ring der Königin.

Der Wahnsinnige betastete mit seinen langen, dürren Fingern das Gold, gleichsam um sich von dessen Existenz zu überzeugen; dann ergriff er den Ring, betrachtete ihn genau, steckte ihn rasch an den rechten Zeigefinger und stand einige Augenblicke still und unbeweglich wie eine Bildsäule, während sich seine Züge auf eigenthümliche Weise verklärten. Plötzlich stieß er einen Schrei aus und stürzte zu Boden. Die Anwesenden eilten ihm zu Hülfe, fürchtend, er sei todt; aber er athmete, nur schwere Ohnmacht hielt sein Bewußtsein in Banden.




XI.
Die letzte Aufklärung.

Am Abende dieses Tags sagte Aurelie zu ihrem Gatten:

„Da ich nun das Geheimniß weiß, welches über dem Leben meines armen Vaters gelegen, und wir nach der heutigen Katastrophe Hoffnung schöpfen dürfen, daß das getrübte Licht seines Geistes wieder klar leuchten wird, so wirst Du nun doch auch mir den Schleier heben, welcher über dem Zusammenhange Eduard Kahlert’s und Deiner selbst mit den hiesigen Ereignissen liegt. Nun werd’ ich doch erfahren dürfen, wie Eduard zu dem hier gestohlenen Golde und dem Ringe der Königin gekommen ist?“

„Gewiß, mein liebes Weib!“ entgegnete Liebheld ernst. „Ich habe Eduard nun mein ihm verpfändetes Wort gelöst, und Du sollst diesen Abend noch, wenn Lina und Lieschen zu Bette gegangen sind, aus Eduard’s und meinem Munde erfahren, daß nicht allein über Deines Vaters Leben, sondern auch über dem des meinigen und des seinigen der Schleier eines Geheimnisses liegt, und daß der letztere viel schlimmerer Natur ist, als der erstere. Deshalb darf er nur Dir gehoben werden und durchaus keiner Seele weiter. Selbst Lieschen, die, wie Du erfahren wirst, auch dabei betheiligt ist, darf die nähern Umstände nicht erfahren. Gerade deshalb Hab’ ich seither so große Vorsicht angewandt, daß dieser Schleier auf einer bösen That, welche nach unsers Dichters wahrem Worte fortwährend Böses gebären mußte, liegen bleibe und ihre schreckliche Fortzeugungskraft ersticke.“

Aurelie kam in eine feierlich ernste Stimmung, die sich steigerte, als ihr Gatte ihr später die Hand bot, und sie in Eduard’s Zimmer führte, welches nur matt erleuchtet war. Alle drei nahmen auf dem Sopha Platz, und Eduard begann mit hörbar bewegter Stimme:

„Wir sind Ihnen volles Licht über die Verhältnisse unserer Väter schuldig, aber gestatten Sie meinem Schmerze, daß es ein Blitzstrahl sei, der nur für einen Augenblick die grausigen Gestalten beleuchte, um sie dann für immer in Nacht versinken zu lassen. Und so lassen Sie mich denn gleich das entsetzlich bezeichnende Wort aussprechen: Ihres Gatten Vater und der meinige waren beide Mörder, Raubmörder und jeder hatte einen Doppelmord auf der Seele. Sie haben schwer dafür gebüßt und ihre Blutschuld beide mit dem Leben bezahlt. Aber eine wunderbare Fügung der Vorsehung, die wir mit staunender Demuth verehren müssen, hat gewollt, daß sie die Mörder jenes Griechen Georg Theodoro wurden, welcher an Ihrem Vater schwere Verbrechen verübt hatte. Hören Sie denn: Mein Vater hatte in der kleinen Stadt an der Donau, aus welcher Lieschen gebürtig ist, einen jener ordinären Gasthöfe gepachtet, wie wir sie meist in solchen Städtchen und Dörfern finden. Aber er hatte entschiedenes Unglück. Er mochte beginnen, was er wollte, es ging rückwärts mit ihm. Er selbst hatte kein Vermögen, und meine Mutter, die er aus Liebe geheirathet, die ihm aber auch nichts mitgebracht, lag Jahre lang an einem unheilbaren Brustübel darnieder. Es waren ihm schon einige Kinder gestorben, andere kränkelten. Ich selber hatte zu jener Zeit als Knabe alle erdenklichen Kinderkrankheiten zu überstehen. Mein Vater hatte schon ein paar Termine den Pachtzins nicht bezahlen können, und es war wieder ein solcher vor der Thüre. Zahlte er diesmal nicht, so wurde er ermittirt, seine Caution ging verloren; er war ein Bettler, wußte nicht, wohin, nicht was beginnen, und Frau und Kinder lagen krank. Die Verzweiflung raubte ihm fast den Verstand. Er hatte keinen Freund, als einen Musikanten, der Sonntags zum Tanze im Gasthause aufspielte, gern etwas Gutes aß und noch Besseres trank, aber stets Ebbe in seiner Casse hatte. Auch dieser Mann hatte Frau und Kind, die mehr Hunger litten, als dem Menschen zuträglich ist. Uebrigens war er, wie die meisten Musikanten, ein lustiges, leichtsinniges Blut, und mit seiner Moralität war’s nicht weit her. Sie haben schon errathen, daß er der Vater Ihres Gatten war. Schon hatte er dem meinigen einige verbrecherische Vorschläge gemacht, um Geld zu gewinnen, und wenn der arme, verzweifelte Gastwirth auch vor solchen Dingen zurückgebebt war, so war er doch durch des Musikanten Überredungskunst allmählich mit solchen verwegenen Gedanken vertraut geworden.

„Um diese Zeit hielt sich ein ungarischer Handelsmann einige Wochen im Gasthofe meines Vaters auf, und machte von da verdächtige Streifzuge in die benachbarten, auch wohl entferntern größern Städte. Der Musikant Liebheld, den er zuweilen mitnahm und zur Ausführung von Aufträgen gebrauchte, entdeckte, daß alle diese Wege nur einen Zweck hatten, rohes Gold bei Goldschmieden, Goldschlägern, Vergoldern, Bankiers zu verkaufen. Genug, die beiden Freunde kamen dahinter, daß der Ungar einen hohen Werth von ungemünztem Gold und viel Geld besaß.“ – Der Sprecher hielt einige Minuten an, und trocknete sich den Schweiß von der Stirne. Es wurde ihm schwer, fortzufahren. Als er wieder begann, zitterte seine Stimme.

„Lassen Sie mich schnell über die That hingehen. Die beiden Männer haben den Fremden erschlagen, und seinen Schatz an sich genommen. Liebheld steckte die Leiche in einen Sack, und trug sie in der Nacht des Verbrechens nach der Donau, um den noch mit Steinen beschwerten Sack hineinzuwerfen. Die Thäter hatten nicht daran gedacht, daß es die Osternacht war. Als der Musikant die Leiche versenkt, taucht neben ihm ein Weib auf, welches ihn beim Namen nennt und ihm geradezu Schuld gibt, er habe einen Menschen in’s Wasser geworfen. Die Folge war, daß Liebheld, rasch entschlossen, die Frau beim Kopfe nimmt, und sie schnell, wie ein Gedanke, köpflings hinterher stürzte. Er hörte Fußtritte in der Nähe und entfloh. Auf das Weib, welches Osterwasser schöpfen wollte, hatte eine Freundin gewartet. Liebheld war nicht von dieser erkannt, kein Verdacht fiel auf ihn, keiner auf meinen Vater. Sie benahmen sich vorsichtig. Der ungarische Handelsmann war natürlich abgereist. Der gemordete Mann war, wie Sie bereits wissen, Georg Theodoro, der Dieb des Goldes, der Verderber Ihres unglücklichen Vaters, das Scheusal, welches der ihm vertrauten Frau desselben das Gift gegeben und sie beschwatzt hatte, ihn damit aus dem Wege zu räumen. Das gemordete Weib war die Frau des Postschaffners und die Großmutter unseres Lieschens.“

Aurelie schlug die Hände vor Verwunderung zusammen, und drückte sie dann vor’s Gesicht. Es vergingen wieder einige Minuten der tiefsten Bewegung der drei Menschen, ehe Eduard fortfuhr: „War meinem Vater früher Alles zu Unglück gegangen, so ging ihm jetzt Alles zu Glück. Zwar starben meine Mutter und meine Geschwister und ich blieb allein übrig, aber er machte nach Jahr und Tag eine glänzende Partie in unserer Heimathstadt, kaufte den „grünen Baum“, brachte ihn empor und wurde mit der Zeit ein sehr reicher Mann. Aber die Entdeckung stand immer drohend vor seiner Thüre. Liebheld nämlich, der ihm auch nach dem neuen Wohnorte gefolgt war, hatte sich dem Trunke ergeben, wurde immer leichtsinniger, schwatzhafter und gewissenloser. Seinen Theil des Blutgeldes hatte er durchgebracht und dabei seine Gesundheit gründlich ruinirt. Plötzlich schlug er um und wurde von Gewissensbissen [175] gemartert. Das Schwert der Vernichtung hing fort und fort an einem Pferdehaar über meines Vaters Haupte. Dieser Zustand wurde ihm unerträglich. Er beredete den kranken, dem Grabe rasch zueilenden Liebheld, sich zu seiner Heilung mit Osterwasser zu waschen, aber damit es wirksamer sei, am Flusse selbst. Er begleitete ihn in der Osternacht dahin, um, wie er vorgab, ihm zu helfen, und stieß ihn in den Strom. Sie, meine Freundin, waren die Zeugin dieser That, und sie wurde die Veranlassung zu Ihrer Verbindung mit meinem armen Freunde. – Sie wissen, wie mein unglücklicher Vater seine Schuld in einer spätern Osternacht büßte. Auch er hat sich mit Osterwasser rein gewaschen. Er hatte nicht mehr so viel Kraft, nach der Donau hinabzugehen; er nahm die Reinigung im nahen Marktbrunnen vor. Er hinterließ mir ein umständliches Bekenntniß mit der Aufforderung, die Erben Theodoro’s aufzusuchen, und ihnen das geraubte Gut zurück zu geben. Wir fanden nach langer Mühe das – Schachtgespenst.“




XII.
Segen aus Fluch.

Nicht im illuminirten Goldschacht sollte die Verlobung der beiden Liebespaare stattfinden, wie der eitle Oberbergmeister von Hammerstein beabsichtigt und angeordnet hatte, das Schicksal hatte dazu ein den Verhältnissen angemesseneres und würdigeres Local bestimmt; auch sollte dabei nicht die rauschende Freude eine glänzende Rolle spielen, sondern die stille Wehmuth als ein schicklicherer Gast am Lager eines sterbenden Mannes knieen.

Zwanzig Jahre lang hatte der schwächliche Körper des Herrn von Schönebeck die feuchte, verdorbene Luft des Bergschachtes, ein elendes Lager in hartem Gestein, eine schlechte Kost und eine dürftige Kleidung ausgehalten, aber es war der Wahnsinn, welcher diesen armseligen Lebensfunken immer im Glimmen erhalten hatte. Jetzt, nach langer Ohnmacht, war der Wahnsinn von ihm gewichen, und er durfte sich mit erneuter Klarheit des Geistes seiner wiederhergestellten Ehre und der zärtlichen Liebe seiner Töchter erfreuen, aber der Lebensfunken wurde von dieser Freude um so sichtlicher aufgezehrt, und eilte rasch seinem Verlöschen entgegen. Es war die untergehende Sonne eines durch Leidenschaft getrübten Lebens, welche ihn auf einige Augenblicke mit dem vollen Glänze irdischer Seligkeit überstrahlte.

In feine Linnen gehüllt, lag der schwergeprüfte Mann im hellsten, schönsten Zimmer seines Hauses im reinlichen Bette, gepflegt von süßer Kindesliebe, die er bis jetzt hatte entbehren müssen, und sein mattes Auge glänzte von Wonne auf die edlen Gestalten, die vor ihm wandelten. Er hatte den Wunsch ausgesprochen, seine Kinder und Lieschen nebst den geliebten Männern zu segnen und die Hände der beiden Paare zusammen zu legen, und der Arzt hatte zur Eile getrieben; denn der Rest von Kraft schwand dem Kranken rasch. So waren sie denn um ihn, deren Liebe den Scheidenden mit dem erfahrnen Hasse versöhnt hatte; er winkte sie heran, und Eduard und Caroline, Hammerstein und Lieschen knieten in der vordern Reihe als die zu Verlobenden, Liebheld und Aurelie mit ihren beiden Kindern als die schon Verbundenen, die aber auch des Vaters Segen empfangen wollten, dahinter vor dem Bette. Mühsam, aber selig lächelnd, legte er die abgemagerte Hand auf ihre Häupter, und flüsterte einen Segensspruch. Alle weinten still; denn Jedes wußte, was nun folgen würde. Und er stand schon unsichtbar zu Häupten des Geprüften, der Engel der Vollendung, und strich jetzt mit leiser Hand über seine Züge hin. Sie verwandelten sich; das Auge brach. Er sank zurück in die Arme seiner Töchter, und hauchte an ihren Herzen die Seele aus.

Eine stille Minute ging vorüber. Dann sprach Liebheld:

„Gönnen wir ihm nach solch wirrem, trüben Leben und nach solchem verklärenden Abendschein den süßen Tod. Uns aber laßt der ewigen Liebe danken, die uns aus Fluch und Verbrechen die Segenssaat des Glücks und der Liebe hervorsprießen läßt. Seht, wie auch der geängstete Mensch irre, zuletzt siegt doch Gott, und führt gute Herzen zu Glück und Frieden.“

Die Paare umarmten sich. Trotz aller Rührung aber dachte Lieschen, als sie von dem schönen Verlobten an die Brust gedrückt wurde: „Das Osterwasser hat mir wirklich Glück gebracht, wie mir die Mutter gesagt, und ich hatte es noch nicht einmal geschöpft.“




Christian Karl Josias Freiherr von Bunsen.
(Mit Portrait.)

Daß der Flächeninhalt eines Landes und die Einwohnerzahl desselben in keinem nothwendigen Verhältnisse zu der Anzahl bedeutender Männer stehen, welche dem Lande ihren Ursprung verdanken, davon liefert ganz besonders das kleine waldecker Ländchen einen schlagenden Beweis. Einer der kleinsten deutschen Bundesstaaten, wenig über 50,000 Einwohner zählend, ist es dennoch die Wiege einer Anzahl von Männern geworden, deren Ruhm weit über die Grenzen des engeren und weiteren Vaterlandes hinausgedrungen ist, deren Name überall in hohen Ehren steht, wohin Bildung und Gesittung gedrungen ist. Wir nennen hier nur den Namen Christian Rauch’s, des größten Meisters der Bildhauerkunst in unserem Jahrhundert, den genialen Kaulbach, einen der ersten und berühmtesten Maler unserer Zeit, Franz Drake, den Schöpfer herrlicher Denkmäler, Baron Stieglitz (in Petersburg 1843 gestorben), den weitblickenden Finanzmann, und den Namen des Mannes, welcher als Staatsmann die Ehre der deutschen Nation gegen fremden Hochmuth und Uebermuth zu wahren bestrebt war, der auf dem Gebiete des Glaubens in einer Zeit pietistischer Kopfhängerei und zelotischen Dünkels das Banner der Gewissensfreiheit emporhielt und diesem doppelten Rufe den eines der tiefdenkendsten Geschichts- und Alterthumsforschers hinzugesellt hat: Josias Bunsen.

Der Lebensgang Bunsen’s legt durch sich selbst Zeugniß von dem charakterfesten und ausdauernden Sinne eines Mannes ab, dessen hervorragende Eigentümlichkeit in dem tiefen, sittlichen Ernste besteht, welcher alle seine Handlungen beseelt. Darum werden wir selbst da, wo seine Richtung, namentlich in religiöser Hinsicht, uns Bedenken einflößt, dieselbe achten müssen, weil sie als die Consequenz eines Standpunktes erscheint, welcher unzweifelhaft frei ist von allen Nebengedanken und Nebeninteressen menschlicher Art.

Bunsen ist am 25. August 1791 zu Korbach im Fürstenthum Waldeck geboren. Neigung und äußere Verhältnisse bestimmten ihn bei frühzeitig entwickelten bedeutenden Anlagen, sich dem Studium der Philologie und Geschichte zu widmen. Bereits im Jahre 1806 bezog er die Universität Marburg, vertauschte sie jedoch bald mit Göttingen, wo damals Heyne im höchsten Ansehen stand. Nach Beendigung seiner Studien nahm Bunsen eine Lehrerstelle an dem Gymnasium zu Göttingen an und bekleidete das Amt eines Collaborators an demselben bis zur Occupation des Landes durch die Franzosen. Obgleich mit Glücksgütern keineswegs gesegnet und ohne Aussicht auf eine andere Stellung, gab er doch im Jahre 1813 sein bisheriges Amt auf, um nicht unter der Fremdherrschaft des neugeschaffenen westphälischen Königthums dienen zu müssen. Er begann zuerst eine Studienreise nach Holland und Dänemark, um den großen germanischen Sprachstamm in allen seinen Verzweigungen auf das Genaueste zu studiren, und begab sich sodann im Jahre 1815 nach Berlin, wo die Bekanntschaft mit Niebuhr für die Gestaltung seiner ferneren Lebensschicksale entscheidend wurde. Denn nachdem er sich in Paris eine geraume Zeit hindurch dem Studium der orientalischen Sprachen gewidmet hatte, führten ihn zufällige Umstände im Jahre 1816 nach Rom, woselbst Niebuhr preußischer Minister-Resident war. Die früher angeknüpfte Bekanntschaft führte zwischen beiden Menschen zu einem regen Verkehr, der in gemeinsamen Studien und Arbeiten immer neue Anregung fand. Auf Niebuhr’s Veranlassung wurde Bunsen im Jahre 1818 zum Gesandtschaftssecretair ernannt und behielt neben seinem Amte Muße zur Fortsetzung seiner literarischen Arbeiten, welche sich in jener Epoche vorzugsweise auf die römische Alterthumskunde bezogen. Doch hatte ihn ein angeborener religiöser Sinn frühzeitig angeregt, [176] sich mit der Kirchengeschichte im weitesten Sinne, insbesondere mit der Geschichte des Christenthums in seinen frühesten Epochen auf das Genaueste vertraut zu machen, und diesen gründlichen Kenntnissen verdankt Bunsen, in Verbindung mit den oben angedeuteten Eigenschaften des Charakters und Geistes, die hervorragende Stellung, welche er bis vor Kurzem im preußischen Staatsdienste bekleidete.

Im Jahre 1822 kam Friedrich Wilhelm III. nach Italien und nach Rom. Es ist bekannt, mit welcher Ausdauer und Gewissenhaftigkeit der König sich mit der Umgestaltung der preußischen Agende und des Gesangbuchs Jahre lang beschäftigte. Bunsen war nach beiden Richtungen hin unausgesetzt sammelnd, sichtend und in selbstständigen Entwürfen thätig gewesen. Als daher in Gegenwart Bunsen’s das Gespräch des Königs diese Fragen berührte, hatte ersterer Gelegenheit, seine tiefe Kenntniß des Gegenstandes und geistvolle Auffassung der entscheidenden Punkte auf eine den König überraschende Weise an den Tag zu legen. Und obgleich die Ansicht Bunsen’s von der bisherigen des Königs entschieden abwich, so that diese Meinungsverschiedenheit dem bedeutenden Eindruck, welchen Bunsen machte, keinen Abbruch, und es fehlte ihm nicht an mannichfachen Bekundungen königlicher Gnade.

Als Niebuhr im Jahre 1824 aus dem Staatsdienste ausschied, verwaltete Bunsen bis zum Jahre 1827 die Geschäfte der Gesandtschaft und wurde sodann zum Minister-Residenten ernannt. Im Jahre 1829 kam der Kronprinz (jetzige König Friedrich Wilhelm IV.) von Preußen nach Rom, und auch zu Diesem trat Bunsen bald in eine nähere Beziehung, welche im Laufe der Zeit den Charakter eines fast freundschaftlichen Verhältnisses annahm.

König Friedrich Wilhelm III. bediente sich zwar mehrfach des Rathes Bunsen’s rücksichtlich der Agenden-Angelegenheit, konnte jedoch die mancherlei Bedenken nicht überwinden, welche aus der principiellen Verschiedenheit der beiderseitigen Auffassung wesentliche, Punkte hervorging. Bunsen führte deshalb für den Gottesdienst in der Gesandtschaftscapelle in Rom eine von ihm selbst umgestaltete Liturgie ein, welche später von dem Könige gutgeheißen und mit einer eigenhändig geschriebenen Vorrede versehen wurde.[1]

Die gesandtschaftliche Stellung Bunsen’s fiel in eine Zeit, welche überaus reich an schwierigen Verwickelungen war. Da die päpstliche Regierung sich nach der blutigen Unterdrückung des Aufstandes im Kirchenstaate jeder Einführung der allernothwendigsten Reformen, trotzdem dieselben zugesagt waren, enschieden abgeneigt erwies, so nahmen sich die europäischen Großmächte der Sache an und beauftragten eine zu Rom niedergesetzte Conferenz mit der Ordnung der inneren Angelegenheiten des Kirchenstaates. Bunsen erhielt den Auftrag, den Entwurf dieser Reformen auszuarbeiten, und seine einsichtsvollen Vorschläge für die Neugestaltung der inneren Verfassung des unglücklichen Landes sind in dem bekannten „Memorandum del Maggio 1832“ enthalten. Leider hatten seine redlichen Bemühungen nicht den angestrebten Erfolg; Papst Gregor XVI. wußte zu genau, auf welchen Schutz er jederzeit rechnen konnte und wie wenig Gefahr ihm von der lügnerischen Politik des Juli-Bürgerkönigthums in Frankreich drohte.

Erfolgreicher waren Bunsen’s Bestrebungen auf einem anderen Gebiete, namentlich ist die Regelung der Differenzen wegen der gemischten Ehen eines seiner wesentlichen Verdienste. Die inzwischen eingetretenen Kölner Wirren, welche bekanntlich zur Verhaftung des Erzbischofs geführt hatten, erschwerten Bunsen’s Stellung außerordentlich, denn die Politik Gregor’s XVI., eines ehemaligen Camaldulenser-Mönches, der von Staatsgeschäften eigentlich niemals Kenntnis; genommen hatte, verfolgte hartnäckig nur das eine Ziel: lediglich seinen Willen durchzusetzen. Unter solchen Umständen mußten alle Versuche Bunsen’s zur friedlichen Beilegung dieses Handels scheitern, und da hierdurch seine Stellung eine unbehagliche geworden war, so kam er selbst um seine Abberufung ein.

Das Jahr 1839 findet ihn als preußischen Gesandten bei der schweizerischen Eidgenossenschaft in Bern. Doch sollte seines Bleibens hier nicht lange sein, denn nach dem im Jahre 1840 in Preußen eingetretenen Thronwechsel trat er in nähere persönliche Beziehung zu König Friedrich Wilhelm IV. und ging im Auftrage desselben nach England, um die Verhandlungen wegen der Einrichtung eines preußisch-englischen Gesammtbisthums zu Jerusalem zu leiten. Kurze Zeit darauf wurde er zum Gesandten in London ernannt und hat diese Stelle bis zum vorigen Jahre bekleidet. „Ritter Bunsen“ (Knight Bunsen) war eine der hochgeachtetsten Persönlichkeiten der diplomatischen Kreise in England, nicht allein wegen seiner staatsmännischen Eigenschaften, sondern durch die Lauterkeit seines Charakters, die seltene Tiefe seiner Gelehrsamkeit und einen humanen Sinn, welcher trotz einer strengreligiösen Richtung Gerechtigkeit und Duldung für die Meinung und die Richtung Andersdenkender behielt.

Daß Bunsen auf dem politischen Gebiete ein energischer Vertreter nicht allein preußischer, sondern deutscher National-Interessen war, ist bekannt; wenn es ihm nicht gelang, die offene Wunde Deutschlands zu schließen, Schleswig-Holstein sein nationales Dasein wiederzugeben, so ist sicherlich seinem patriotischen Eifer keine Schuld des Mißlingens beizumessen. Der Abfassung des Londoner Protokolls hatte er sich mit aller Kraft entgegengesetzt; bei der energielosen Politik Preußens und der deutschen Mächte blieb ihm, als er dennoch zu Stande kam, nichts übrig, als der Protest gegen dasselbe.

Obgleich Bunsen an den innern Verfassungsangelegenheiten Preußens keinen offiziellen mitthätigen Antheil hatte, so ist es doch bekannt, daß er bereits in den ersten Regierungsjahren König Friedrich Wilhelm’s IV. mehrfach und dringlich auf die Nothwendigkeit von Verfassungsreformen hingewiesen, und seine Ansicht von den vorzunehmenden Erweiterungen des schwächlichen, auf die einzelnen Provinzen beschränkten ständischen Lebens in mehrfachen Denkschriften an den König niedergelegt hat.

Wie sich nach dem Vorstehenden Bunsen’s politischer Standpunkt als ein ehrlicher, wenn auch gemäßigter Liberalismus kennzeichnet, so ist auch seine Stellung zu den religiösen Fragen eine wesentlich vermittelnde. Aus den Septemberverhandlungen der evangelischen Allianz, welche im vorigen Jahre in Berlin abgehalten wurden, ist der Auftritt noch in lebhafter Erinnerung, welchen ein Herr Pastor Krummacher aus Duisburg (einer von der Gattung der neu-patentirten protestantischen Kirchenheiligen) deshalb herbeiführte, weil Herr Merle d’Aubigné von Genf den Doctor Bunsen umarmt und geküßt habe! Denn in den Augen dieser ehrwürdigen Herren erschien Bunsen als ein Abtrünniger von der wahren Lehre, weil er in seinen letzten Werken sich angeblich dem Rationalismus und dem Romanismus zugeneigt erwiesen habe! Die Weisheit dieser Anschauung konnte nur aus einem kurz zuvor erschienenen Pamphlet geschöpft sein, in welchem Bunsen gleichfalls mit logischer Begriffsverwirrung als Pantheist und Ketzer dargestellt wurde. In der That ist dieser Vorwurf nur ein Beweis von dem blinden Eifer dieser neuen Secte von Heiligen, von denen jeder an die Stelle der freien Forschung am liebsten seine eigne unfehlbare Auslegung mit Zwangscours in die Welt setzen möchte.

Es ist wahr, Bunsen hat nichts gemein mit dem herben und sauertöpfischen Rigorismus der theologischen Juristen, Verketzern und schmähenden Gottesknechte, denen es auf Radicalmittel, wie die Absäbelung von sechzigtausend Menschenköpfen – natürlich in majorem Dei gloriam – nicht ankommt, um den ungläubigen Pöbel die Wege des Heils zu führen. Bunsen stellt aber ebensowenig auf der Seite jener Rationalisten, welche die Fundamente des Glaubens mit dem bloßen sogenannten gesunden Menschenverstände zerlegen und aus Mangel jeder wissenschaftlichen Einsicht, jeder philosophischen Grundlage das Einzelne wie das All, den Gottesbegriff wie den Inhalt jeder Glaubenslehre mit ihren wässerigen Gemeinplätzen auflösen zu können vermeinen. Bunsen ist ein strenggläubiger protestantischer Christ, und wenn er in der Auffassung der christlichen Lehre den dogmatischen Gehalt derselben stärker betont, als den ethischen, rein menschlichen, so entspringt diese Richtung aus seiner ganzen Individualität, welche von seiner frühesten Entwickelung an entschieden den Charakter einer stark ausgeprägten subjectiv - religiösen Innigkeit bekundet. In Zeiten, wie die gegenwärtigen, wo im protestantischen Deutschland eine einflußreiche Partei das gesunkene religiöse Leben, welches nur durch volle Gewissensfreiheit und religiöse Duldung erstarken kann, durch Gewaltmaßregeln wieder erwecken möchte, müssen die Grundlehren des protestantischen Glaubens dem Volke wieder zum lebendigen Bewußtsein gebracht werden, damit der letzte Hort, für den unsere [177] Vorfahren Jahrhunderte gekämpft: die Freiheit der Forschung und die Freiheit der Gewissen, nicht gänzlich zu Grunde gehen.

Von diesen Anschauungen geht auch Bunsen aus, welcher namentlich die Idee des allgemeinen Priesterthums in der protestantischen Kirche in den Vordergrund drängt.

Wir haben noch mit einigen Worten der wissenschaftlichen Thätigkeit Bunsen’s zu gedenken. Seine Leistungen auf dem Gebiete der Sprachforschung, Alterthumskunde, Philosophie und der gesammten Wissenschaft der Theologie reihen ihn den ersten der jetzt lebenden Gelehrten an. Seine Werke sämmtlich hier aufzuzählen, enthalten wir uns und erwähnen nur, außer den oben angeführten, das bedeutende historisch-philosophische Werk: „Egyptens Stelle in der Weltgeschichte“, ferner: „Ignatius von Antiochien und seine Zeit“, „Hippolytus und seine Zeit“, „die Zeichen der Zeit“ und „Gott in der Geschichte.“

Seit dem vorigen Jahre hat sich Bunsen aus dem Staatsdienste zurückgezogen, um ganz der wissenschaftlichen Muße leben zu können. Wir glauben jedoch nicht zu irren, wenn wir vermuthen, daß seine politische Laufbahn noch keineswegs abgelaufen ist, daß ihm vielmehr noch ein bedeutender Wirkungskreis vorbehalten bleibt, sobald die herrschende Strömung auf dem politischen und religiösen Gebiete sich erst verlaufen hat. Die Gnade des Königs (welcher es ausdrücklich wünschte, daß Bunsen den Septemberverhandlungen beiwohne), hat den verdienten Staatsmann und Gelehrten vor kurzem in den Freiherrnstand erhoben. Möge die neue Würde, welche seinem innern Werthe nichts hinzuzufügen vermag, eine neue Gewähr dafür sein, daß er niemals aufhören wird, ein besonnener, aber charakterfester Kämpfer für die Freiheit des Gewissens und für die Freiheit der deutschen Nationalität zu sein!





Die nervenkranken Damen.
Von einem gesuchten Damenarzte.

Kürzlich saßen wir einmal, zwölf befreundete Aerzte gleicher Schule (eine seltene, aber erfreuliche Erscheinung!), bei einem gemeinsamen Picknick beisammen. Die Unterhaltung drehte sich begreiflicherweise, da wir „unter uns Mädchen“ waren, viel um die Freuden und Leiden der Praxis. „Weiß der Himmel,“ sing einer an, „alle nervenschwachen Frauenzimmer hiesigen Orts hängen sich an mich!“ „Nein, an mich! – an mich! – an mich!“ rief es von allen Seiten der Tafel. Der Streit endete mit der Schlußfolgerung, daß die Zahl der Nervenpatientinnen wohl dutzendfach größer sein müsse, als sich die beschäftigtsten Aerzte selbst eingebildet hatten.

Wenn der geneigte Leser daraus schließen wollte, daß die Aerzte dieser Classe von Patienten überhoben zu sein wünschten, so würde er sich aber gewaltig irren. Denn dieselben machen die Würze der ärztlichen Praxis aus, welche ohne sie gar zu schaal oder handwerkerisch ausfallen würde. Dieser Wechsel von Klage und Freude, Hoffnung und Verzweiflung, Verehrung und Schmollen, Vergötterung und Hassen, diese immer neuen und immer gleichbedeutenden Zufälle und Anfälle gehören zu den Gemüthsbewegungen, welche dem praktischen Arzte endlich zum Bedürfniß werden und ihm seinen täglichen Rundlauf pikant machen. Dazu bilden diese Nervenkranken den lucrativeren Theil der Praxis und diese Damen selbst die Avantgarde zur Weiterempfehlung des Arztes, namentlich so lange sie im Stadium des ersten Enthusiasmus sind, wo sie ihren Arzt fast jeder Andern aufzwingen möchten. – Beide Theile sind einander gegenseitig unentbehrlich, mögen sie auch manchmal auf einander schmollen. Das kleine Gezänk erhöht ja die Liebe.

Was versteht man denn unter einer nervenschwachen Dame?“ fragt der Leser.

Eine nervenschwache Dame ist –ist – nein, so geht es nicht! Der Begriff ist nicht schulmäßig definirbar.

An den nervenkranken Frauenzimmern beobachtet man alle möglichen Nervenzufälle, welche überhaupt als Erscheinungen der gestörten Nervenfaser und in Nervenkrankheiten erfahrungsmäßig vorkommen können (also die verschiedenartigsten Störungen der Empfindung, der Bewegung und des Denkens), – und zwar an jeder Einzelnen solcher Nervenkranken ein gutes Theil von dergleichen Symptomen in den mannichfachsten Gruppirungen und Abwechselungen, – aber wohlgemerkt, ohne daß dabei ein wirkliches organisches Leiden des Nervenmarkes nachweisbar wäre. Das Gehirn, das Rückenmark, die Nervenstämme selbst, in der Regel auch alle zum Lebensbestand nöthigen Organe, sind dabei völlig oder verhältnißmäßig gesund. Die Nervenzufälle entstehen also hier durch bloße Nervenleitung, – durch Sympathie, wie man ehedem, durch Reflex und Irradiation, wie man jetzt sich ausdrückt.

Der Leser erinnere sich aus früheren Nummern der Gartenl. (1855. Nr. 4. ), daß das Nervensystem ein großartiger, den elektrischen Telegraphen ähnlicher Leitungsapparat ist, in welchem Millionen von feinen Röhrchen die Eindrücke der Außenwelt und die eigenen Körpergefühle nach einem Central-(Sammel-)Organe hinleiten, während ebensoviel Millionen wieder die im Centralorgane (Hirn und Rückenmark) aufgespeicherten und verarbeiteten Anstöße hinausleiten in die Bewegungsorgane, die Muskeln, wo sie sich in der Form von Reden oder Handlungen oder in der weniger auffälligen Bewegung des Herzens, der Athmungs-, Verdauungs- und anderer innerer Werkzeuge entladen, gleichsam Luft machen oder austoben. Dieser Entladungsvorgang kann zum Theil gehemmt oder verzögert werden durch die Macht des Gehirns, durch Willkür. Zum Theil aber macht er sich trotz derselben Luft in den der Willkür entzogenen Bewegungen des Herzens, der Därme etc., oder auch in unwillkürlichen, sogenannten krampfhaften Bewegungen äußerer Muskelgruppen. Ein in’s Auge geflogenes Körnchen bewirkt Zusammenkneipen der Augenlider mit Thränenfluß, eins dergleichen im Kehlkopf heftigen Husten, ein Stich in den Finger macht den Arm zucken, und wer sich die Hand verbrannt, zappelt mit dem ganzen Leibe. Das sind Beispiele dieses „Nervenreflexes“, wie die ärztliche Sprache es nennt; sie lassen sich leicht zu Dutzenden vervielfältigen. In diesen Fällen springt ein Nervenreiz, der die Empfindungsnerven betroffen hat, durch Vermittelung der Centralorgane auf gewisse Bewegungsnerven über und erregt in den dazu gehörigen Muskeln Krampf. Dies ist der gewöhnlichste und bekannteste Fall. – Es kann aber der Reiz auch von einem Empfindungsnerven auf den andern dergleichen überspringen: ein heftiger Stoß gegen das Knie oder einen noch empfindlicheren Theil macht, daß wir die Ohren klingen und „die Engelchen singen“ hören; eine Gallenerregung oder Magenverderbniß weckt einen schlummernden Zahnschmerz; ein Gallensteinkranker fühlt Schmerzen in der Schulter; der Spulwurm im Dünndarm bewirkt Kribbeln in der Nase. – Ja, der Reiz kann sogar zur Hemmung und Lähmung für gewisse Bewegungen oder Empfindungen werden, wie wir sehen, daß eine heftige Angst unempfindlich gegen äußerliche Schmerzen macht oder ein heftiger Schreck das Herz zum Stillstehen bringt.

Diese vier genannten Grundformen der unwillkürlichen, durch Nervenreflex (Ueberstrahlung, Irradiation) bedingten Nerventhätigkeiten: Reizung der Empfindungen (Schmerz u. ähnl.) oder der Bewegungen (Krampf), Lähmung der Empfindungen (Unempfindlichkeit) oder der Bewegungen (Lähmung im engeren Sinne), sind es nun auch, welche bei den sogenannten nervenkranken Frauen auftreten, theils in den niederen, theils in den höheren (dem Denken dienenden) Gebieten des Nervensystems. Das Wesen der sogenannten Nervenschwäche besteht eben darin, daß diese unwillkürliche Nervenleitung, dieser Nervenreflex allzuleicht, allzurasch, allzuheftig erfolgt.

Die Ursachen und Quellen dieser krankhaft erhöhten Reflexreizbarkeit vieler Damen können sehr verschieden sein. An sich ist der weibliche Organismus geistig und körperlich (was wir Mediciner bekanntlich nicht trennen) zarter und empfindsamer eingerichtet und durch seine sociale Stellung gefühlvoller, d. h. mehr daran gewiesen, seine Gefühle in sich zu bergen und anzuhäufen. Bei den europäischen, sogenannten civilisirten Völkern ist die gesammte Erziehung und Lebensbahn der Frauen, wenigstens der gebildeteren und städtischen, dahin gerichtet, diese Empfindungsfähigkeit [178] über das natürliche Maß zu steigern und auf Kosten der Thatkräftigkeit zu überfeinern. Man will die Frauen und Mädchen einerseits so feinfühlend und empfindsam wie nur immer möglich machen und verhindert andererseits durch die übertriebenen Begriffe vom geselligen Anstand, besonders durch das unglückliche „es schickt sich nicht,“ die natürliche Ausströmung und Ableitung dieser Empfindungen in Bewegungsacte, d. h. in freie Tätigkeiten und Handlungen. Man verwechselt Thatkraft mit Rohheit, nützliche Beschäftigung mit erniedrigender Arbeit. Eine Menge der heutigen Frauen sind genöthigt, ihr Leben mit Unthätigkeit oder nutzlosen Tändeleien hinzubringen. Schon das Mädchen wird gewöhnt, die natürlichsten Regungen, sogar die unabweisbarsten Körpertriebe zu unterdrücken, während der Knabe, Jüngling und Mann immer (wenn er nur will und nicht von Haus aus feige ist) reiche Gelegenheit findet, sich auszuarbeiten, seinen Gefühlen Luft zu machen und seine Triebe (sogar bis zum schädlichsten Uebermaß) austoben zu lassen. Eine Menge Frauen sind genöthigt, zeitlebens der Ehe zu entsagen oder sich erst spät oder ohne Theilnahme des Herzens, oft ohne Aussicht auf Kindersegen zu verheirathen, also gerade in derjenigen Lebensaufgabe, welche das ganze Sein des Weibes beherrscht, zeitlebens unbefriedigte Gefühle in sich zu verschließen. Darf man sich nun wundern oder darüber spötteln, wenn man eine Unzahl von Frauenzimmern unserer Zeit und unserer Lande mit krankhaften Empfindungen (wie eine elektrische Batterie) überladen findet und diese Empfindungen sich beim leisesten Anstoß in krankhaften Nervenreflexen, in Krämpfen, Schmerzen, Lähmungen oder geistigen Verkehrtheiten Luft machen? Gewiß nicht!

Sehr oft aber ist die Quelle der übertriebenen Reflexreizbarkeit einer Nervenkranken örtlicher Art, indem ein Kranksein eines einzelnen Organes im Körper, gleich einem insgeheim fortwährend stachelnden Dorne oder Splitter, im Innern des Körpers die Nerven reizt, welche diese Eindrücke dem Centralorgan (Hirn und Rückenmark) zuströmen lassen. Man denke sich Jemand, der eine wunde, fortwährend schmerzende Stelle an sich hat und doch jede Schmerzensäußerung verbeißen muß, – oder ein Roß, das streng im Zügel gehalten wird, während ihm das lockere Geschirr fortwährend an die Beine schlägt oder ein Hufnagel in’s weiche Fleisch drückt; – wundert man sich, wenn in solchen Fällen die belästigende Empfindungsfülle plötzlich in Toben oder Krampf ausbricht? Nun, ähnlich ist der Zustand mancher Hysterischen, die ihr eigentliches Körperleiden nicht zur Schau tragen oder bekennen dürfen oder können.

Besagtes Körperleiden betrifft nun sehr häufig (aber keineswegs allemal) das innere Gebärorgan (den Uterus, die Hystera) und dessen Anhänge. Insofern hat die älteste Medicin nicht Unrecht, wenn sie die fragliche Nervenkrankheit Hysteria, d. h. die Mutterkrankheit, Mutterstaupe nannte, daher diese Classe von Damen noch heute allgemein den Namen „Hysterische“ erhalten. Die Art der organischen Krankheit kann hierbei eine sehr verschiedene sein: Blutanschoppung, schleichende Entzündung und deren Ausgänge (Katarrhe, Schleimflüsse, Geschwürchen, Verdickungen, Verhärtungen), Umbeugungen und Form- oder Lageveränderungen dieses Organes kommen am häufigsten und in den mannichfachsten Combinationen vor. Das Uebelste dabei ist, daß diese organischen Erkrankungen sämmtlich nur durch gewisse technische Untersuchungen, welche natürlicherweise jedem Frauenzimmer im höchsten Grade zuwider sind, erkannt werden können. Deshalb vertrauen sich solche Patientinnen gewöhnlich erst Jahre lang den Hebammen an, welche doch von diesen Krankheiten und ihrer Erkenntnis nicht das Geringste verstehen, ja sogar mit Willen in den Hebammenschulen darüber in Unwissenheit erhalten werden, um sie am Pfuschen zu verhindern; oder sie gehen erst zu jenen gewissenlosen Charlatanen (mit oder ohne Doctorhut und Titel), welche curiren, ohne untersucht zu haben. Natürlich wird dabei ihr organisches Uebel immer schlimmer und auch das Nervensystem immer reizbarer, da sowohl das Verfehlen der weiblichen Lebenszwecke, als das Grübeln darüber und die Notwendigkeit, dies Alles geheim zu halten, eine immer höher steigende Anhäufung von Empfindungsreizen in den Centralorganen herbeiführen muß.

Von anderen Organen, welche zu hysterischen Zufällen Anlaß geben, sind am häufigsten die der Verdauung schuld; mancherlei Störungen derselben, am häufigsten Obstruction, Gasanhäufung (woher der alte Name Vapeurs für diese Nervenzufälle), Würmer, manchmal Magengeschwüre, Leberschwielen, Gallensteine und andere Leberübel. – Sehr oft sind die ausbrechenden Krämpfe nur durch allzulange, willkürlich zurückgehaltene Ausleerungen hervorgerufen! – Seltener geben die Brustorgane Anlaß: Herzübel, Lungentuberculose. – Daß das Rückenmark selbst mit jenen Nervenzufällen in inniger Beziehung steht, wurde schon oben erwähnt. In neuerer Zeit fand man, daß bei solchen nervenkranken Damen in der Regel ein oder mehrere Wirbel (am häufigsten der vierte bis sechste Rückenwirbel) beim Druck auf dessen Dornfortsatz schmerze: man nannte dies Spinalirritation und hielt es für ein Zeichen einer bestimmten Art von Rückenmarksaffection, welche mit Hysterie gleichbedeutend sein sollte. Letzteres hat sich nicht bestätigt, aber die Thatsache der Wirbelempfindlichkeit kann man fast bei allen Hysterischen auffinden. – Ein unkräftiges, wässeriges Blut (Bleichsucht) ist hier oft vorhanden und beeinträchtigt jedenfalls die Ernährung und Kraft der Nervenmasse selbst.

Die Zufälle, durch welche sich jene übermäßige Reflexreizbarkeit äußern und entladen kann, sind, wie schon oben berührt, äußerst mannichfach. Sie ahmen eine Menge anderer, wirklicher Krankheiten nach. Derartige „hysterische Scheinkrankheiten“, wie man sie wohl mit gewissem Rechte nennen kann, sind z. B.: fallsüchtige oder starrkrampfartige Krämpfe, Athemnoth und Stillstand der Athmungsmuskeln, Zuschnürungen in der Kehle (dahin die allbekannte „hysterische Kugel“ im Hals, der Globus hystericus), schlagähnliche Anfälle, Ohnmächten bis zu Scheintod, Lähmung einzelner Glieder (oft von großer Hartnäckigkeit und später doch einer Bagatelle weichend), Unempfindlichkeit der Haut (oft auf großen Strecken und so völlig, daß man selbst Nadeln durchstechen[2] und starke elektrische Funken hindurchschlagen kann, ohne den geringsten Schmerz zu erregen), geistige Verzückungen und somnambule Zustände, Schmerzen in den verschiedensten Organen (so daß selbst der geübte Arzt in Zweifel gerathen kann, ob nicht z. B. ein Magengeschwür, eine Brust- oder Bauchfellentzündung im Entstehen sei), hartnäckige, krampfhafte Hustenanfälle bis zur Schwindsuchtsähnlichkeit (die Wahnschwindsüchtige, Gartenlaube 1857. Nr. 19.), Herzklopfen und andere Herzzufälle bis zur täuschenden Ähnlichkeit eines organischen Herzfehlers u. dgl. m. Um diese hysterischen Zufälle, und besonders die häufigsten derselben, die hysterischen Krämpfe, von den ihnen täuschend ähnlichen wirklichen Krankheiten (z. B. wirklicher Fallsucht, wirklichem Brustleiden) zu unterscheiden, achtet man darauf, daß selten bei ihnen alles Bewußtsein ganz fehlt („der Hecht war blau!“ und die Scheintodte erwacht mit einem Male!), daß schon beim Eintreten des Anfalles Bewußtsein und Ueberlegung (z. B. mit Anstand zu fallen) deutlich obwaltet, daß die Pupille gegen Licht, die Nase gegen Riech- und Niesmittel empfindlich bleibt (darum hält man verbrannte Federn vor die Nase, zur Abkürzung des Krampfanfalles), daß trotz des allgemeineren Krampfes einzelne Muskeln (und wären es auch nur die der Augäpfel) dem Willen noch gehorsam bleiben, daß die Symptome oft schnell wechseln, ohne solch’ eine regelmäßige Reihenfolge, wie bei den ähnlichen Krankheiten nichthysterischer Personen, daß heute Krämpfe, morgen Nervenschmerzen obwalten, daß Gemüthsstimmungen (der verweigerte und der gekaufte Kaschemirshawl!), Witterung, Körperdisposition (z. B. Eintritt oder Vorhandensein gewisser Ausscheidungen) vom entschiedensten Einfluß auf das Entstehen und das Vergehen dieser Anfälle sind – und dazwischen Tage, Wochen und Monate lang treffliche Gesundheit bestehen kann. Ueberdies merkt jeder Geübte, auch außer den hysterischen Anfällen, einer solchen Person wohl an, daß sie sehr reizbar und impressionabel, mit Krankheitsgefühlen oder Gemüthserregungen überladen und zu ausführlichen Beschreibungen ihrer verschiedenen Leiden geneigt ist. In der That ist das sich Ausklagen, auch wohl sich Ausweinen das beste Mittel, womit solche Patientinnen sich Luft machen können; daher ihr Arzt auch große Geduld im Zuhören besitzen muß. Schreibt man die gehörten Klagen Tag für Tag auf, so gelangt man oft schnell zu der Ueberzeugung, daß es immer neue und unbeständige, daher unmöglich auf ein bestimmtes Einzelleiden zurückführbare sind. Wenn überhaupt nach dem Ausspruche eines alten Dichters Wandelbarkeit [179] der Charakter des Weibes ist (varium et mutabile semper femina!), so besitzen die Hysterischen diese Eigenschaft jedenfalls in gesteigertem Maße.

Wie heilt die Hysterie? Sie verschwindet in der Regel von selbst nach erreichtem Schwabenalter, d. h. um das 45. bis 50. Lebensjahr. Wenn Frauen in Lebensverhältnisse kommen, die sie nöthigen, sich tüchtig in praktischen Geschäften abzuarbeiten, oder wenn sie in befriedigender Ehe reichen Kindersegen haben und damit die Nothwendigkeit eintritt, Tag für Tag für Erziehung, Kost, Kleidung und Zusammenhalten des Hausstandes zu sorgen, so hören die Nervenzufälle gewöhnlich auf. Auch auf kürzere Fristen schweigen dieselben, z. B. wenn die Patientin eine Reise, bezüglich Badereise macht, von außergewöhnlichen Ereignissen in Anspruch genommen wird, einen neuen Doctor angenommen, ein neues Logis be- oder ein neues Kleid angezogen hat. Reichlicher dargebotene Gelegenheit, sich auszusprechen (z. B. eine Kaffeegesellschaft) oder sich durch Schelten Luft zu machen (z. B. gegen ein Dienstmädchen, das keine schnippischen Antworten bereit hat), erleichtern gleichfalls das Uebel, weil sich die Nerven durch die Sprache Luft machen können. Wo ein bestimmtes Einzelorgan durch seine Krankheit jene Nervenzufälle veranlaßte, da verschwinden dieselben begreiflicherweise, sobald das Organ wieder in gesunden Zustand zurückgekehrt ist.

Die ärztliche Behandlung der weiblichen Nervenschwäche folge diesen Fingerzeigen der Natur. Zuvörderst versteht es sich vor Allem, daß untersucht, auf’s Genaueste untersucht werde, ob nicht ein bestimmtes Organ, insbesondere im Uterus-System krank sei, und wenn dies der Fall, daß es auscurirt werde. Dies dauert aber, wohlgemerkt, oft Monate lang, ehe man bei eingewurzeltem Uebel zu Stande kommt. Und weil eben so viele Frauenzimmer sich den dazu nöthigen unerläßlichen Proceduren (Instrumenten, Aetzmitteln etc.) nicht unterwerfen oder doch derselben sehr bald überdrüssig werden, eben deshalb gibt es soviel Hysterische, mit ungeheilten, widerwärtigen Uebeln innerer Theile behaftete und dadurch zu ewiger Welkheit, Siechheit und Gemüthsverstimmtheit verdammte Frauenzimmer. An dieser Behauptung ist nicht ein Pünktchen übertrieben! – Gestörte Darmfunctionen fordern ebenfalls stete Berücksichtigung bei solchen Kranken. Dazu dienen besonders die Klystierspritze (s. Gartenlaube Jahrg. 1855. Nr. 21.) und eine geeignete Körperbewegung. Den Damen, welche an Vapeurs leiden, pflege ich anzurathen, daß sie nach Tisch ein Stündchen spazieren gehen, aber ohne Begleitung. – Auch für die andern Ausscheidungen ist regelmäßig Sorge zu tragen. – Eine Hauptsache ist und bleibt sicherlich die psychische (seelische) Behandlung der Hysterischen. Man muß daher streben, solchen Frauenzimmern einen inneren moralischen Halt, einen Lebensmuth und eine Willensenergie zu verschaffen, damit sie die krankhaften Gefühle und allmählich die krankhafte Empfindlichkeit darnieder halten und sich des ewigen Bimbelns und Erbärmlichthuns (welches zuweilen förmlich zur Monomanie wird) schämen lernen! Dies ist freilich leichter gesagt, als gethan. Das bloße Predigen: „Sie müssen Selbstbeherrschung lernen!“ thut es nicht. Wo eine innere Hohlheit zu Grunde liegt, die eben kein anderes Mittel kennt, um sich der Welt bemerklich und merkwürdig zu machen, als das ewige Kranksein und Klagen, da scheitern wohl alle Besserungs-Versuche des Arztes, welcher hier gleichsam als zweiter Erzieher, Nacherzieher auftritt. So lange noch innere organische Krankheitszustände (am gewöhnlichsten Uterinkatarrhe) das Nervenleiden unterhalten, wie ein steter innerer Dorn, da ist es auch schwer, Selbstbeherrschung auf die Dauer zu erzielen. Aber bei Frauen, welche noch einigen Kern und Fond in ihrem Geiste besitzen, vielleicht nur durch fehlende oder unpassende Beschäftigung nervös wurden und deren organische Uebel ganz oder größtentheils beseitigt sind, da vermag das consequente Zureden und Ermuthigen eines Arztes, welcher ihr Vertrauen genießt, doch recht sehr viel. Und wenn es auch eine schwere Arbeit ist, so erscheint sie mir doch lohnender und die Patientinnen selbst liebenswürdiger, als die Aufgabe, die hypochondrischen Männer (welche das Analogon der hysterischen Frauen bilden) von ihrer unleidlichen Selbstsucht und dem steten ängstlichen Beobachten ihres lieben körperlichen Ichs zu curiren! Vor Allem sorge man, daß die Patientin reichliche und regelmäßige praktische Beschäftigungen habe: im Hauswesen oder mit Garten- und Blumencultur, Landwirthschaft, Fegen, Räumen, Ordnen u. dgl.; zur Vermehrung der körperlichen Bewegung sind auch (falls nicht etwa Uterinleiden es verbieten) Turnen, Schwimmen, Schlittschuhlaufen, Ball- und Reifenspiele, selbst ein Tänzchen, weniger gern Reiten zu empfehlen. Aber auch der Geist muß sich austurnen; sei es, auf der niederen Stufe, durch’s Ausschwatzen, Scherzen und Lachen, auch wohl Schelten unter die Dienstboten hinein, sei es, in höherer Sphäre, durch Beschäftigung mit Kunst (Singen vor Allem, auch wohl Clavierspielen, was jedoch leicht übertrieben wird, oder Malen, am liebsten Landschaftszeichnen in der freien Natur u. s. w.) oder mit der Wissenschaft (praktische Botanik und andere Naturwissenschaften, Geographie, Astronomie, Geschichte u. s. w.). Stets aber muß dies auf ernste Weise, nicht tändelnd geschehen. Es ist ganz falsch, unsere Damen durch das Schreckwort „Blaustrumpf“ davon abzuhalten; denn bei dem heutigen Bildungsgrade sind viele derselben befähigt zu solchen Studien, namentlich wie sie heutzutage popularisirt sind, und fühlen durch dieselben eine heilsame geistige Befriedigung. Auch Sprachstudien (besonders mit vorwaltender Conversation) sind zu diesem Zwecke zu empfehlen. Noch mehr oft Reisen, welche den Menschen geistig wie körperlich ausarbeiten und verjüngen, mit neuem Stoff füllen. (Freilich taugt das Fahren und Klettern nicht für Uterinkranke!) – Die Hauptsache bleibt immer, eine solche Thätigkeit für unsere Patientinnen zu finden, welche das Gemüth befriedigt, daher die beste eine solche ist, welche der Welt oder der Familie Nutzen bringt und Freude am eigenen Tagewerk hinterläßt!

Ebenfalls aus psychischen Gründen ist es nothwendig, daß der Arzt auch gegen die hundertfältigen Beschwerden und Zufälle solcher Nervenkranken immer lindernde Mittelchen bereit hat; denn er erhält sich damit im Vertrauen und darf nur nach und nach dazu schreiten, sie entbehren zu lehren. Und es müßte ein Arzt (von welcher Schule er auch sei) doch ganz ohne Erfindungsgabe und Routine sein, wenn er nicht immer etwas – und am liebsten immer wieder etwas Neues – für seine Hysterischen zu verordnen wüßte! –

In diesem Umstände liegt auch der große Einfluß, welchen die Homöopathie bei solchen Kranken gewonnen hat. Abgesehen von der sublimen Idee, Krankheitsnullitäten durch Arzneinullitäten (Aehnliches mit Aehnlichem) zu bekämpfen, so bringt die Art der homöopathischen Praxis mit sich, daß auf jedes Symptom großer Werth gelegt wird, was der wissenschaftliche, mit der Diagnose „Hysterie“ sich begnügende Arzt oft verabsäumt, und daß für jedes Symptom auch wieder ein besonderes Mittelchen gefunden wird. Da nun die meisten hysterischen Zufälle früher oder später von selbst verschwinden: so hat hier das Mittelchen „geholfen.“ Treten nun auch neue Zufälle ein, nun, so paßt eben wieder ein anderes Mittelchen! Und so kann es Jahre lang fortgehen, ehe beide Theile es überdrüssig werden. Die Homöopathie ist für diese (und manche ihnen entsprechende) Kranke eine ganz weltkluge, schier geistreiche Erfindung. Sie gehört freilich nicht zur wissenschaftlichen Medicin, sondern zur praktischen Anthropologie (angewandten Menschenkunde), als eine Kunst, mit kranken Menschen umzugehen und sie zu trösten und hinzuhalten. Aber so lange nicht alle Menschen so vernünftig sind, wie sie Herr College Bock haben will, und wie etwa die meisten Leser der Gartenlaube sein mögen; – so lange neunzig vom Hundert mehr von Gemüthseindrücken und Einbildungskraft, als von verständigen Erwägungen sich leiten lassen; – so lange noch Unzählige das Kranksein als etwas von Außen Angeflogenes ansehen, was durch einen ärztlichen Bonzen und Sündenabnehmer hinweggezaubert werden soll: – so lange hat die Homöopathie gerade so viel Recht, wie jede andere Kunst, die Leute an der Nase herumzuführen. Nun, und solcher Künste gibt es heut zu Tage noch viele andere. Wer ihnen nicht verfallen will, der muß sich selbst zusammennehmen und auf eigenen Füßen stehen lernen!

Nun lebe wohl, geliebter Leser. Ich schreibe nicht gern anonym, aber heute muß ich es. Denn wenn meine Damen erführen, daß Ich es bin, der so aus der Schule geschwatzt hat: da möchte mir’s übel ergehen!

Dr. –r.



[180]
Ein dem Meere entrissenes Erzbild.

Ein heftiger Sturm wühlte die Nordsee auf. Der Fallm der rothen Klippe war dicht belagert mit jungen und alten Lootsen, die ihrer Gewohnheit nach die See, den Zug der Wolken und das Rollen der langen Wogen beobachteten, welche sich am Bollwerk des Unterlandes in mattrothen Schaumsäulen unter lautem Donnern zerschlugen. Alsbald ward es lebendig unter den Auslugenden. Die Fernrohre der Helgoländer richteten sich alle auf einen Punkt, den nur ein Seemannsauge entdecken konnte. Es war ein Schiff, das, vom Nordweststurm gepackt, sich mehr und mehr jener gefahrvollen, unter den Wellen verborgenen Klippenreihe näherte, die in der Sprache Helgolands das Witt-Klaww (weiße Kliff) heißt, in ihren einzelnen Ausläufern aber noch eine Menge anderer Namen führt, welche jeder tüchtige Seemann genau kennt. Dem Schiffe drohte offenbar Gefahr, wenn es nicht von sehr kundiger Hand gesteuert wurde. Damit es an solchen Pfadfindern auf der Meereswoge niemals fehle, hat Gott die Felsenkanten der rothen Klippe in der Nordsee aufgerichtet und ihr eine Bevölkerung von unerschrockenen Lootsen gegeben, die immer gern mit ihrer Hülfe bei der Hand sind, wenn diese begehrt wird. Wer sie nicht verlangt, der erhält auch keine. Der echte Sohn Helgolands ist Fatalist; er sagt mit allen Starkgläubigen: „Hilf Dir selbst und Gott wird Dir helfen!“

Jenes Fahrzeug, dessen die Lootsen am Fallm des Oberlands ansichtig wurden, führte die schwedische Flagge. Wir wissen nicht genau, ob es in seiner Bedrängniß durch ein paar Nothschüsse den Wunsch nach Hülfe zu erkennen gab, oder ob es sich auf die Kenntniß seines eigenen Führers und Steuermanns verließ. Gewiß ist nur, daß kein Lootse der rothen Klippe das Fahrzeug betrat, daß es in der Nähe der Düne scheiterte und zu Grunde ging. Die Mannschaft ward unseres Wissens gerettet, und von ihr erfuhren die Helgoländer, daß sich am Bord des Schiffes ein unschätzbares Kleinod befand, die eherne Statue des größten schwedischen Königs Gustav Adolphs, jenes auch Deutschland so theuer gewordenen Mannes, dessen Thatkraft, Charakter und Glaubensstärke die kernige Inschrift auf dem ihm errichteten einfachen Denkmale bei Breitenfeld so wahr in die Worte zusammenfaßt:

„Glaubensfreiheit für die Welt
Rettete bei Breitenfeld
Gustav Adolph, Christ und Held.“

Die Gustav-Adolph-Statue in Bremen.

Das erzene Standbild des großen Schwedenkönigs, nach einer meisterhaften Zeichnung des schwedischen Bildhauers Benedict Foggelberg modellirt, und in der königlichen Gießerei zu München in seltener Vollendung verfertigt, war ein Raub des Meeres geworden. Kaum aber hatte der Sturm ausgetobt, so belebte sich auch der Strand Helgolands mit rührigen Männern. Die starken Fischerboote, mit denen sie das Meer in der Nähe der Klippe befahren und auf den Fischfang gehen, wurden von dem röthlichen Steingetrümmer in die wieder sanft brandende See geschoben. Man wollte das Wrack besehen, und etwa noch darauf befindliche Gegenstände nach altem Strandrechtsbrauch bergen. Da fanden die froh erstaunten Lootsen Helgolands das prachtvolle Erzbild, überschüttet von sandigem Geröll, mit Seetanggewinden von dem Meergotte umkränzt. Wenn die Ebbe eintrat und der blaue Himmel bei stiller Luft die Meereswellen nur wie einen Baldachin von dunkelgrünem Sammet erzittern ließ, lag die versunkene Statue, das edle Gesicht mit den schönen ernsten Zügen nach oben gekehrt, Allen sichtbar da. Die Rechte mit dem ausgestreckten Zeigefinger hob sich oft über die Fluth, als wollte sie den Helgoländern winken, sie sollten herbeikommen. Und sie kamen, die speculirenden Söhne des wunderbaren Felsen-Eilandes, an dessen Gestade die [181] kranke Civilisation nicht umsonst ihre schmerzenden, siechen Glieder trägt, um sie in den Umarmungen Amphitrite’s wieder erstarken zu lassen. Sie kamen und mühten sich ab, bis es ihnen gelang, das völlig unversehrt gebliebene Bild aus goldschimmernder Bronze glücklich den Wogen zu entreißen.

Die Nachricht von der unerwarteten Rettung der schon verloren gegebenen Königsstatue ward in Schweden mit großer Freude vernommen. Man wollte sich wieder in deren Besitz setzen, und trat mit den Rathleuten der Insulaner in Unterhandlung wegen des zu bezahlenden Bergelohnes. Hier nun stieß aber die schwedische Regierung auf ein nicht voraus berechnetes Hinderniß. Die Summe, welche die Helgoländer für die Statue verlangten, [3] die nach den eigenthümlichen Gesetzen des sogenannten Strandrechtes jetzt ihnen zu eigen gehörte, war so hoch gegriffen, daß sich Schweden mit gutem Rechte weigerte, um solchen Preis das Erzbild sich wieder zu erkaufen. Helgolands bisweilen außerordentlich eigensinnige Söhne ließen aber nicht mit sich handeln. Sie beharrten fest auf ihrer Forderung, und da ihnen diese von Seiten Schwedens nicht bewilligt ward, befanden sie sich plötzlich im Besitz eines Kunstwerkes, dessen Werth sie großentheils wohl nicht völlig zu würdigen wußten. Die meisterhaft gelungene Statue hätte sich zwar auf der einsamen Klippe in der stürmischen Nordsee wohl aufstellen lassen, und würde sich dort wahrscheinlich gar nicht übel ausgenommen haben, vielleicht sogar auch ein Magnet geworden sein, welcher zahlreiche Fremde dem Eilande zugeführt hätte. Indeß die Helgoländer beabsichtigten lieber, einen guten Handel mit dem vom Schicksal ihnen zugeworfenen Funde zu machen. Um einen bedeutend ermäßigten Preis boten die Insulaner die Gustav-Adolphs-Statue der Stadt Hamburg an. Weshalb die Bürger dieser Stadt das Anerbieten von der Hand wiesen, wissen wir nicht; genug, man lehnte es ab.

Der Zufall führte bald darauf einige kunstliebende und reichbegüterte Bremer Kaufleute nach Helgoland. Sie sahen die herrliche Statue und die Lust, dieselbe ihrer Vaterstadt zu erwerben, ward in den patriotischen Bremern lebendig. Das Schiffer- und Lootsen-Völkchen der rothen Klippe war inzwischen zu der Ansicht gekommen, daß es hohe Zeit sei, sich billig zu zeigen, wenn überhaupt Erz sich in Gold verwandeln solle. Schweden, von der Forderung der Helgoländer unangenehm berührt, hatte bereits Anstalten getroffen, sich eine andere Statue gießen zu lassen, die indeß bei Weitem nicht so trefflich gelungen sein soll, wie die bei Helgoland gescheiterte. Das Gebot der Bremer ward daher nach kurzer Unterhandlung von den Insulanern angenommen. Die kunstsinnigen Handelsherren bezahlten einige tausend Thaler, und machten das so erworbene Standbild, eins der herrlichsten, welche Deutschland überhaupt besitzt, ihrer Stadt zum Geschenk.

Anfang September 1856, als eben der Gustav-Adolfs-Verein seine jährliche Hauptversammlung in Bremen hielt, ward das eherne Bild auf dem unregelmäßigen Platze „Domshaide“ aufgestellt, ohne daß sich eine großartige Enthüllungsfeierlichkeit mit dieser Aufstellung verknüpfte. Was bei dieser Gelegenheit der Staat nicht für zweckmäßig erachtete, holte der genannte Verein nach. Die Repräsentanten desselben begaben sich am Tage der Aufstellung nach der Domshaide, und nachdem man das kräftige, zum Herzen dringende Lied Luthers: „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr'“ gesungen hatte, hielt Dr. Mallet, Pastor zu St. Stephani, eine ansprechende, alle Zuhörer befriedigende Rede, nach deren Beendigung der Gesang: „Lobet den Herrn, den mächtigen König der Ehren" die kurze Feierlichkeit schloß.

Die Gustav-Adolphs-Statue erhebt sich auf einem Sockel schön polirten Gabbro's, der aus einem einzigen Stück im Gewicht von 23,000 Pfund besteht, und auf dem Harzgebirge gebrochen wurde. Das Erzbild hat eine Hohe von 25 Fuß. Die Stellung, welche der schwedische Künstler der Statue gegeben, ist würdevoll und doch völlig ungezwungen. Der linke Fuß schreitet vor, die linke Hand ruht über dem Knauf des breiten Schwertes, und während das edle, frei blickende Antlitz nach links sieht, deutet die Rechte nach der andern Seite, als wolle sie die Aufmerksamkeit des Beschauers dahin lenken. Der Zufall wollte es, daß diese Rechte des ehernen Bildes, das uns den protestantischen König, Held und Sieger in solcher Vollendung vor Augen führt, gerade nach dem uralten, ehrwürdigen Dome Bremens, der Hauptkirche der Protestanten jener Stadt, hinweist. Und so scheint denn dieser eherne Zeigefinger der schwedischen Königsstatue allen Verehrern und Angehörigen Luthers immer und immer zuzurufen: „Hier lasset uns Hütten bauen", und diesem Zuruf das Feldgeschrei des Siegers in mancher heißen Schlacht noch hinzuzufügen: „Gott mit uns!"




Amerikanische Skizzen.
Von B. Dalei.
II. Ein Kinder Friedhof.

Schon in der Zeit meines Aufenthalts in New-York wurde mir da und dort, wenn von Lustpartieen in’s Freie, Ausflügen in die schönsten Umgebungen New-Yorks die Rede war, der Name „Greenwood“ (wie die gewöhnliche Abkürzung lautet) mit besonderer Auszeichnung genannt, und die meisten, die den Ort von eigener Anschauung kannten, sprachen mit wahrer Begeisterung von dessen Herrlichkeiten. Kein Wunder daher, wenn sowohl der denkende Naturfreund, wie der bloße Müßiggänger, gleich lüstern gemacht wurden, und in überraschend verstärktem Grade, wenn sie auf einmal vernehmen mußten, der in Rede stehende Ort sei im Grunde kein Lustgarten, sondern ein – Kirchhof.

Selbst die Urtheile viel- und weitgereister Personen, Schriftsteller und Künstler, die auch die Begräbnißstätten fremder Länder gesehen, wo der Todtencultus sich als ein wichtiger Theil der Volksreligion entfaltet und die Gräberpoesie einheimisch ist, stimmen sämmtlich darin überein, daß an harmonischer Einheit des Planes wie in der Großartigkeit der Ausführung das amerikanische Greenwood nicht seines Gleichen habe.

Weil der Zutritt in Greenwood kein unbedingt freier ist, so hat sich Jeder, der die Partie zu machen gedenkt, vorerst nach einem sogenannten „Ticket“ (Karte) umzusehen, oder an eine Familie anzuschließen, die in Greenwood bereits eine Art Heimathsrecht, d. h. ein einzelnes Grab oder einen ganzen Familienbegräbnißplatz eigenthümlich besitzt, und sich durch ein förmliches Zeugniß als solche auszuweisen im Stande ist. Wer eine solche Familie nicht kennt, die ihm die Karte borgt oder mit welcher er zugleich den Spaziergang machen kann, der verschafft sich ein Ticket gewöhnlich erst in Brooklyn (das am Wege liegt), und zwar einfach dadurch, daß er in den nächsten besten Sargladen an der Straße tritt, und für so und so viele Personen sich eine Karte erbittet, die er gewöhnlich unentgeltlich und zuvorkommend erhält, weil er ja möglicherweise durch diese Gelegenheit einmal selbst ein Kunde für den Sarghändler werden, oder eine andere Kundschaft ihm zusenden kann. Die Kärtchen, die blos die Gültigkeit des Besuches für so und so viele Personen, ohne Namen enthalten, sind alle von grauer Farbe, und müssen in Greenwood an den Thorhüter abgeliefert werden.

Der deutschen Familie R. war im Winter 1853 ein gar liebliches, kaum einjähriges Knäblein gestorben, das der Vater und etliche Bekannte bei Regen und Schnee in einer eigenen Miethkutsche nach Greenwood gebracht und dort beigesetzt hatten. Das Kind war ein Liebling der Mutter, die zur Zeit durch Krankheit gehindert war, es zur Ruhestätte zu begleiten. Sie sprach darum öfter davon, im nächsten Frühling an einem schönen Maitag das Grab des Kindes besuchen zu wollen, um ihm vorläufig, bis ein passendes Denkmal gefertigt sei, ein Rosenstöckchen zu pflanzen. Dies gab mir die beste Gelegenheit, dem Ziel eines lange genährten Wunsches nahe zu kommen, und im Interesse des Lesers beginne ich mit der Abfahrt von New-York.

Der berühmte Friedhof liegt weit außerhalb der Stadt über dem Hudson, etliche Meilen hinter Brooklyn, auf der Insel Long-Island, und um dahin zu gelangen, muß man über’s Wasser, wozu man sich beliebig der Fultonfähre, oder jener an der sogenannten [182] Battery, am obern Ende des Castle-Gardens (eines anmuthigen Parks an der New-Yorker Bai) bedienen kann.

Vater und Mutter R., ein etwa achtjähriges Töchterlein, das einen frischen Rosenschößling in einem weißen Handkörbchen verwahrte, und ich setzten uns an einem schönen Maitage gegen zehn Uhr Vormittags in einen Omnibus, der uns von der Zweiten Straße aus durch die Bowery, Chathamstreet, am freundlich gelegenen Park der City-Hall vorüber, auf die New-Yorker Paradestraße, den Broadway, brachte, und von da an die Brooklyner Fähre in der Nähe von Castle-Garden.

Nahe am Landungsplatz in Brooklyn stehen gleich ganze Reihen Omnibus, die, extra für die Greenwood-Passagiere bestimmt, ihren Fahrplan etc. an beiden Seiten des Dachgesimses mit großen Buchstaben in Oelfarben aufgeschrieben haben. Wir waren bald eingestiegen und fuhren in Gesellschaft von Amerikanern, Männern, Frauen und Kindern, theils schon durch Trauergewänder, mitgeführte Blumenkränze, Blumenscherben etc. als Wallfahrer der Gräber bezeichnet, theils mit andern, die blos zu ihrem Vergnügen denselben Weg zu machen schienen. Auf der schönen breiten Straße, die rechts an niederem etwas ödem Sumpfland des nahen Hudsons über etliche Holzbrücken, und links an grünem Garten- oder Hügelland vorüberführt, rauscht und wogt ein frisches Leben von Wagen, Reitern und Lustgängern; ein Omnibus begegnete dem andern, oft vollgeladen bis auf’s Dach, und die meisten im Hinweg Blumen und Blumengefäße, Baum- und Strauchsetzlinge mit sich führend, zum Schmucke irgend eines geliebten Grabes bestimmt.

Angekommen am Standplatz der rückfahrenden Omnibus, steigt weitaus die Mehrzahl aus dem Wagen, um die kurze Strecke bis zum wirklichen Eingang des Friedhofs zu Fuß zu machen, vorerst aber, nach einer allgemeinen Sitte der Greenwood-Wallfahrer, sich an der frischen krystallreinen Quelle in der Nähe der Straße zu laben, im Schatten der Bäume und des auf Säulen ruhenden Brunnendaches etwas zu rasten.

Ganz nahe sind Restaurationen geöffnet; aber selten gibt ihnen ein Pilger den Vorzug vor der luft- und kostenfreien Naturbewirthung am Brunnen, als stände diese Quelle und der Trank daraus in irgend einer geheimnißvollen Beziehung zum heiligen Gang auf den Friedhof. Es führen offene Stufen zum Brunnenstock, und fortwährend stehen Gläser bereit für die Gäste, wo Einer dem Andern, namentlich Frauen und Kindern gegenüber, gern gefällig ist zu dienen durch etliche Züge am leichtbeweglichen Pumpwerk.

Die Straße links leitet zum Friedhof, und im Vorüberwandeln erblickt man am rechten Stand des Weges eine Werkstätte mit etlichen Steinmetzhütten, wo gleichsam ein offener Markt von Grabsteinen in allen möglichen Formen, je nach Bedürfniß und Geschmack, die Vorübergehenden zum Kaufe ladet. Noch wenige Schritte an ein paar Gärten und Gartenhäusern vorüber, so stehen wir am eigentlichen Eingang zum Friedhof. Hier erhebt sich ein dunkelbraunes massives Gebäude, das in der Mitte seines unteren Theiles von einer Durchfahrtshalle gleichsam durchbrochen ist, zur Passage für Wagen und Reiter.

Das Erste, was uns in die Augen fiel, nachdem wir den Thorweg durchschritten und dabei unsere Karte abgegeben, waren rechts frische Grasflächen und sanft ansteigende laubgrüne Hügel, und hoch auf einer hervorstechenden Waldhöhe eine Art Villa, das Wohnhaus des Inspectors; links eine Thalfläche, in deren Mitte ein klares, stilles, kaum merklich fließendes Wasser, an dessen Ufer das an ein Kirchengebäude mahnende Maschinenhaus, um zeitweise die zerstreuten Springbrunnen zu speisen. Ganze Schaaren von weißen Tauben flogen hin und wieder, und fielen wie große glänzende Schneeflocken oder fliegende Lilienkelche zwischen das Laub- oder Wiesengrün, zum kurzen Rasten und Spielen.

Wir hielten uns links und passirten etliche Ueberbrückungen, und je weiter wir vordrangen, öffnete sich unsern erstaunten Augen, die immer den „Kirchhof“ suchten, eine wunderbare Parkanlage der mannichfaltigsten An- und Aussichten, im lieblichsten Wechsel von Thal und Hügel, Gras- und Blumenoasen, Bächlein und Seeteichen. Sonnenfreie und dunkelschattige Stellen, Fernsichten und heimliche Blätterklausen, offene Lustwäldchen und labyrinthische Baumgänge, Rosen- und Fliederbüsche, Trauerweiden und Cypressen, Linden und Cedern mischten ihr reizendes Formenspiel, tauschten ihre erfreuenden Lichter und erquickenden Schatten, und mitten aus dem Baum» und Blumengewimmel, bald von der Höhe herab, bald von der Tiefe herauf, zerstreut oder dichter aneinander gereiht, schimmerten und glänzten die blendendweißen Marmordenkmale mit ihren Spitzen und Kuppelformen, mit ihren vielfarbigen Glaskugeln und Goldkreuzen, gleich den Gebilden eines Feentraums.

Gelbsandige Fahr- und Reitwege, Lustpfade laufen nach allen Richtungen, auf und ab, in allen denkbaren Schlangenwindungen, bald in düsteres Waldesdunkel, bald auf sonnenbestrahlte Grasflächen, zu versteckten geheimnißvollen Flüsterstellen, zu freien weiten Aussichtspunkten führend; und von diesen wieder herab in’s engfriedliche Thal, wo Grabstätten der Menschen wie ewige Blumengärten und die Schrecken des Todes alle, in der Wirklichkeit wie im Gedanken, unter tausend Rosen und poetischen Zauberlichtern so wunderbar verhüllet liegen.

Der in Amerika sonst so seltene Vogelgesang, hier in den stillen Räumen des Friedhofs ist auch er wieder heimisch, und die hellen wie die zwitschernden Stimmen fließen doppelt lieblich in’s deutsche Herzohr, das sie besonders im Anfang des fremdgestalteten Lebens, in den Stunden des Heimwehs oft schmerzlich vermißt.

Die mich begleitende Familie hatte vor Allem ein Interesse, die Kindergräber zu besuchen, und so stiegen wir mit dem Vorhaben, Alles nur flüchtig Gesehene und bei Seite Gelassene, auf dem Rückwege um so besser zu genießen, links eine Anhöhe hinan, an deren Fuß ein silberner Wasserspiegel ausgebreitet lag, zu dem sich eine ganze Allee von Trauerweiden hinab und unten im Kranz um das Ufer des Teiches zog. Ruhesitze, im Schatten der Trauerweiden zerstreut, luden zur Rast, zu elegischen Betrachtungen und Stimmungen unwillkürlich ein. Doch wir weilten nur flüchtigen Blickes darauf.

Angelangt auf einer großen Hügelfläche, nach den Seiten etwas dachförmig sich neigend, standen wir vor den unzähligen Reihen der Kindergräber, eins an’s andere, wie Pflanzen- und Blumenbeete in einem weiten Gartenfelde, sich anschließend. Wo keine vorragenden Grabzeichen oder leicht unterscheidbare Merkmale zu dem gesuchten Grabe leiten, kann allein die Lotnummer, die einen ganzen District umfaßt, neben der einzelnen Grabnummer zum Ziele führen. Und doch hat man oft lange zu suchen, denn die Nummern steigen in die Tausende. Neben den alten Abtheilungen entstehen immer wieder neue und erschweren das Suchen, so lange weiter Nichts als kleine Nummerpfähle oder Nummerbretchen die einzelne Schlummerstätte bezeichnen. Das Grab, das wir suchten, lag innerhalb der Lotnummer 4558 und seine Reihennummer in einer ganz neuangelegten Gräberreihe war 148. Der Vater hatte sich die Stelle wohl gemerkt und bald war das Rosenstöckchen auf dem kleinen Hügel dem todten Liebling zu seinen Häupten gepflanzt, und es fehlte ihm, dem ersten Opfer aus der Familie in der fremden Erde, zur ersten Weihe nicht an Thränen der Mutter und des Schwesterleins.

Allgemein gelten die Kindergräber, die doch äußerst selten mit Denktafeln und Grabschriften verziert sind, für das Interessanteste und Schönste in der meilenweiten Todtenstadt, und wer blos das gewöhnliche amerikanische Marktleben aus der täglichen Erfahrung kennt, fühlt sich über alle Maßen überrascht, hier auf den Kindergräbern soviel Herzwärme und Phantasie, ein tiefpoetisches Gemüthsleben entwickelt zu sehen. Mancher findet es fast unglaublich und möchte gern an bloße Nachäffung einzelner seltener Beispiele denken, oder sieht sich auf einmal in eine Welt versetzt, von der er schwören wollte, sie könne Alles, nur nicht amerikanischen Ursprungs sein. Aber was wir sehen, ist ja hauptsächlich ein Ausdruck des Muttergemüths, und die nähere Erwägung dieses Umstandes mag allmählich auch den Ungläubigsten auf die Spur einer natürlichen Erklärung führen. Abgesehen von der kranken Sectenschwärmerei, die wie eine Art religiöser Hektik das amerikanische Volk und namentlich seine Frauen beherrscht, – oft bis zum Grade einer wehthuenden Entstellung eines sonst verständigen und liebenswürdigen Weibes, – hat Amerika ausgezeichnete Mütter, wie ganz besonders im wohlhabenden Farmerstande, so wie auch in mittleren Bürgerkreisen der Handwerker, Kaufleute und Geistlichen, namentlich Quäker, Unitarier, bis hinauf in die höchsten Regionen der Großhändler und Staatsmänner. Es ist eine bekannte Thatsache, daß in Amerika im Allgemeinen, wie verkehrt es auch in mancher Hinsicht geschehen mag, bei Weitem mehr Geld, Zeit und Sorgfalt auf die geistige und sittliche Ausbildung der Mädchen verwendet wird, als auf jene der Knaben, wo schon früher das einseitige, praktisch geschäftliche Interesse jedes andere absorbirt.

[183] Halten wir eine flüchtige Musterung und heben nur einige zur näheren Betrachtung besonders hervor.

Hier ein Kindergrab mit einem Blumenrasen bedeckt, wo zwischen Gras und Blumen eine ganze kleine Heerde weidet, schneeweiße Lämmlein, von knieenden, sitzenden oder stehenden Engeln und Genien bewacht, die blendendweiß aus den flüsternden Gräsern und den nickenden Blumen ragen, von goldenen Bienen umschwärmt, von farbigen Schmetterlingen umgaukelt. Es sind Figürchen aus Gyps, wie wir sie oft bei hausirenden Italienern sehen, nicht selten wirkliche Kunstwerke der edelsten Formen und Stellungen und nehmen sich im dunkeln Grün und Blumenlicht allerliebst als Grabfiguren aus, die entweder betend die schön gebildeten Händchen falten oder Hirtenstäbe, verschiedene Attribute und Symbole tragen. Hier ein die Fackel senkender Genius, dort ein Engel, der ein Täubchen an’s Herz drückt; ein anderer, der eine Weiheschale ausgießt; dieser einen Kranz oder eine Krone niederlegend, jener ein ganzes Nest voll zappliger Vögelchen mit dem niedlichen Fingerlein ätzend oder mit Seifenblasen spielend. Nebenan eine für jedes zarte Menschenherz fast hörbare Himmelsmusik auf dem Blumengrab: Harfen und Flöten spielende Engel, während ein holdes Kinderpärchen sich küssend einander in den schön gerundeten Armen liegt. – Wie sinnvoll Alles, nicht auszusprechen auf so mildschöne und dennoch so tief eindringliche Weise durch die kostbarsten Mausoleen und Goldschriften!

Dort ein anderes Grab. Das bunte Spielzeug des Kindes, womit es in den kurzen Rosentagen seines Lebens sowohl sich selber, als das Auge der zartliebenden Mutter, des treusorglichen Vaters, der theilnehmenden Verwandten und Bekannten spielend erquickte, ist rings auf dem grünsammetnen und blumengestickten Hügelchen zerstreut. Fast will es unser Herz gemahnen, als ob das kein Grab, sondern der frühlingshelle Spielplatz des Kindes sei, das eben kurz vorher denselben heiter verlassen hätte, um in Bälde und noch heiterer wiederzukehren zur Fortsetzung seiner unendlichen Freuden im engsten und doch so himmelweiten Räume der Kinderstube, worin die Mutterliebe die erste Gottheit und der schönste Engel in tausend Verwandlungen ist, unter immer neuen Hüllen immer himmlischer strahlend. Die Art der Spielsachen verräth es sogleich, daß der kleine Todte ein Knäblein gewesen. Die kleine Trommel, roth und weiß im Zickzack bemalt, die winzigen, in zierlicher Rundung gedrechselten Schlägelchen daneben gestreut. Wem schweben dabei nicht augenblicklich auch die noch zierlicher gerundeten Aermchen und Händchen des Mutter- und Vaterlieblings vor den Augen, der einst mit diesen Schlägelchen die Trommel gerührt und das einsame Stubenleben der Mutter mit einem lebendigen Wiederhall des Markt- und Straßenlebens unterbrochen, und es manchmal vielleicht nur zu lebendig betrieben hat? Das feuerfarbene Uhlanenmützchen mit dem blutrothen Lanzenfähnlein, ein gelbglänzendes Waldhörnchen und eine mit baumelnden Quasten verzierte Kriegstrompete liegen durch- und übereinander gewürfelt, während etliche Miniaturen von Sternenbannern in aufrechter Stellung eine Art Fahnenwache halten. Das braunröthliche Flintchen mit weißem Blechrohr, das Säbelchen in der Messingscheide sind an den Sattelknopf des federbuschigen Schaukelpferdchens gehängt, dessen niedliches silberhelles Halsgeschell man mitten aus dem Freudenlärm heraus noch zu hören glaubt, als der kleine Republikaner sein wildes Schlachtroß in der Parade getummelt vor den Augen seiner Lieben und Mitgespielen. Die gelben Steigbügelchen an rothen Lederriemen hängen noch immer blank herab, in gespannter Erwartung, dem muthigen Reiter zu einem neuen Ritte in’s Paradies der Kindheit zu dienen.

Neben diesem, in ein eigenes Rosen- und Liliengärtchen mit silberweißen Stacketen eingeschlossen, hebt sich ein anderes Grabhügelchen, auf dem uns das umhergestreute Spielzeug sogleich beim ersten Anblick das Bild eines etwa dreijährigen Mädchens vor die Seele zaubert. Auf einem Spieltischchen ist das Nürnberger Küchengeräth in allerliebster Unordnung zur Schau gestellt: ganze und zerbrochene Porzellantellerchen und Täßlein, mit Blumen und Goldrändern verziert; buntfarbige Schälchen und Schüsselchen, ein blaukrystallenes, gold- und rosengeschmücktes Trinkgläschen, in dessen Mitte ein geflügeltes Engelsköpfchen schwebt, aus strahlendem Lichtgewölk selig lächelnd. – Auf einem winzigen Küchenkästchen in Reihe und Glied gestellt paradiren Zuckerhütchen, aus ihren blauen Packpapieren wie halbvermummte silberhaarige Zwerglein aus blauen Mäntelchen lugend oder als fernblaue Miniaturalpen mit beschneiten Gipfeln. – Die hübsche Puppe, mit einem schimmernden Brautkränzchen geschmückt, als wäre sie des Hochzeitsfestes eben gewärtig oder mitten darin unterbrochen worden, ruht einsam und traurig in der Ecke ihres rothsammetnen Sopha’s. Ersehnt sie vielleicht mit Ungeduld den Anfang oder die Fortsetzung der Feier, die holde Rückkehr der Brautmutter erwartend, ihre Gespielin und Herrin, Mütterlein und Mitpuppe in einer Person? – Zu ihren Füßen sammelt eine Gluckhenne mit rundgebauschten Flügeln ihre trippelnden Hühnchen um ein niedliches Porzellanfigürchen, ein allerliebstes, rundgegliedertes Kind im kurzem Silberhemdchen, mit einem Händchen lockend, mit dem anderen Futter streuend.

Ueber ein himmelblaugepolstertes Tabouretstühlchen ist ein Rosakleidchen geworfen, ein Paar schneeweiße Strümpflein darüber gestreut und daneben am Boden stehen zwei rothsaffianene Schühlein, als wären sie so eben durch Mutterhand vom runden Kinderfüßlein abgelöst und zur Seite gestellt, bis auf morgen, wenn der Liebling, den sie so eben mit Muttersegen in’s Wiegenbettchen gelegt, an ihrem Herzen wieder auf’s Neue zum Licht erwacht. – Auf einem zweiten Tischchen neben einer Kinderhaube mit Rosaband liegt eine lange, reiche Locke goldenen Haares, eine Naturblüthe des Kinderhauptes.

Und blicken wir länger und länger in brütenden Gedanken auf diese Denkzeichen der Kinderwelt, so füllt sich das leere Röcklein und sichtbar wächst die ganze liebliche Kindesgestalt, wie sie leibte und lebte, aus den rothen Saffianschühlein bis zum blühenden Lockenhaupt vor unseren Augen empor.

Ich sah eine Mutter an dem Grabe ihres Kindes knieen, sie hatte die Puppe ihres unter dem Rasen ruhenden Lieblings in der Hand, und legte ihr unter zahllosen Thränen ein neues Kleidchen und neue Strümpfe an, als könnte in der nächsten Minute der blonde Lockenkopf ihr entgegenspringen, und beim Anblick der neugeputzten Puppe das so oft gehörte liebe Wort flüstern: „Danke Mama – meine gute liebe Mama!“

Diese eben geschilderten Reliquien ruhen unter Schutzdächern von Glas, in Form von etwa drei bis vier Fuß hohen Zelthütten. Manche – augenscheinlich die Kindheitsschätze der Aermeren – liegen völlig frei, der Unbill jeder Witterung ausgesetzt, und bieten natürlich nach einiger Zeit einen traurigen Anblick: Tod unter dem Hügel und auch Tod über demselben im Erbleichen und Verwittern all’ der Symbole und Zeichen, die an ein Liebes und Theures auf freundschaftliche Weise noch für längere Zeit erinnern sollten. Die von Gypsfigürchen belebten Gräber können gar leicht von Zeit zu Zeit wieder auf’s Neue bevölkert werden, so lange noch ein lebendiges Herz daran hängt, sie geschmückt zu sehen. Andere sind wieder, statt durch geschlossene Glashüllen, blos durch offene Schirmdächer geschützt, aus Holz oder Blech verfertigt, mit dunkler oder lichter Farbe bemalt.

So in der größten Mannichfaltigkeit geziert, reihen sich zu Tausenden die Kindergräber, manche mit geschmackvollen Holz- und Eisengittern eingefaßt oder ganz frei zwischen Blumen- und Grasrabatten ruhend; in Rahmen von Wintergrün, Rosen- oder Hollunderhecken, von Trauerweiden, Cypressen u. s. w. beschattet. Einige haben neben der Reliquienzier auch noch andere Denkzeichen, meist aus blendend weißem Marmorstein gebildet, in Kreuz-, Pyramiden-, Säulenform u. s. w. mit kurzen und langen Inschriften. Jene Gräber mit Glasgehäusen, denen weitere Denkmäler fehlen, haben mitunter innen an den Glaswänden auf lange und breite Papierstreifen Sprüche oder Nachrichten aufgeschrieben, die mehr oder weniger interessiren.

Bei einigen zeigt der Spielmarkt neben Katze und Pudelhündchen sehr niedliche und künstlich gearbeitete Eisenbahn- und Dampfschiffmodelle; dort ein schnäbelndes Taubenpaar, hier ein volles Lerchennest und die sorgliche Lerchenmutter eben bemüht, die kleinen Schreihälse mit Leckerbissen zu stillen. In dem einen und andern der Glaskästen waren sogar die Lichtbilder der Verblichenen aufbewahrt: also die ganze Kinderseele im offenen Angesicht. Ein Blick in ein liebes Menschenantlitz, überhaupt das Bild eines Geliebten: gewiß das schönste und umfassendste Denkmal, das in: Reiche der Erinnerung ein liebender Mensch dem andern, sogar der Todte noch bieten kann!



[184]
Blätter und Blüthen.


Vierzig Millionen Centner reines Silber! Vierzig Millionen Centner reines Silber? Ja. Und zwar flüssig für Jedermann. Neugroschen oder Silbergroschen davon geschlagen – und jedes Mitglied der traditionell auf 1,000,000,000 Stück geschätzten Menschheit hat alle Taschen voll kleines Geld, das Jeder hübsch gleichmäßig in die rechten und linken Taschen vertheilen mag, sonst lernt er schief gehen. Auf jeden Menschen kommen zwar blos etwas über vier Pfund dieses reinen Silbers, aber gehörig zu Silbergroschenmasse gemischt und dann gemünzt, gibt es alle Taschen voll und noch mehr. Und zwar reine Zuthat zu den jetzt schon flüssigen Groschens der Menschheit! Freilich müßte es erst gefischt werden, und das hat seine Schwierigkeiten.

Die Sache ist, daß in den erdumgürtenden Oceanen vierzig Millionen Centner gediegenen Silbers umherschwimmen und sich Heringe und andere Fische ihre Panzer damit plattiren, auch Pflanzen davon naschen, Menschen aber aus dieser ungeheueren, unverschlossenen, wenn auch feuerfesten Geldspinde keine besonderen Zahlungen leisten. Wenigstens ist der Profit aus dieser entdeckten größten Silbermine bis jetzt nur ein wissenschaftlicher.

Den Naturforschern von Profession ist längst bekannt, daß drei Chemiker hinter einander, Malaguti, Dürocher und Sarzeaud, metallisches, reines Silber in dem Meerwasser entdeckten und daraus gewannen. Das Ergebniß der genauesten und zahlreichsten chemischen Analysen von Meerwasser, an der Küste von St. Malo geschöpft, war, daß je 100 Kilogramms dieses Wassers ein Milligramm reines Silber enthalten. Mit anderen Worten: unter hundert Millionen Tropfen Seewasser ist erst ein Stück reines Silber so schwer wie ein Wassertropfen. In einer geographischen Kubikmeile Seewasser sind ungefähr zwölf Pfund Silber. So weit man die Tiefe und Ausdehnung aller Oceane kennt, müssen darin, nach Berechnung ihres Kubikinhaltes, mindestens 40,000,000 Centner reines Silber enthalten sein.

Das ist ein Gegenstand. Das ist mehr, als man jemals wird aus der Erde bergwerken können, nur daß wir bis jetzt keine Netze erfunden haben, es mit Profit herauszufischen. Chemisch immer hundert Millionen Tropfen zu besteuern, um ihnen Alles abzunehmen und dann nur einen Tropfen zu gewinnen – das verlohnt sich nicht der Mühe. Wir müssen also dem Meere seinen Reichthum lassen und gestehen, daß die Bewohner des Salzwassers im Ganzen reicher sind, als wir auf dem Trocknen. Die Dichter, welche von silbernen Wogenkämmen und vom silbernen Schaum des Meeres – echtem Meerschaum – singen, machen damit dem alten Ocean nicht blos kein leeres Compliment – im Gegentheil, er klimpert mit viel tausend Millionen Zweithalerstücken – sondern sprechen damit auch eine naturwissenschaftliche Thatsache aus.

Als diese hat die Entdeckung allerdings schon Werth genug. Man hat schon unzählige Male die Bestandtheile des Meerwassers auf das Genaueste und Feinste chemisch analysirt und die kleinsten Proportionen gefunden, gewogen und gemessen, aber erst neuerdings die ersten Spuren von den vierzig Millionen Centnern Silber darin entdeckt. Wie viele andere Centnerlasten von Kraft und Stoff mag bis jetzt die Naturwissenschaft übersehen, goldene und silberne Schätze und Wahrheiten, die noch Niemand ahnt und die sich plötzlich ein Mal mit Millionen-Centner-Wucht aus der ewigen Schöpfung hervordrängen und die ganze Wissenschaft revolutioniren mögen!

Aber wo hat Urvater Ocean alle diese Casse her? Haben’s die Flüsse ihm aus den Taschen der Menschen zugespült? Faule Hypothese! Diese haben selber nichts übrig. Außerdem ist uns nicht bekannt, daß die Flüsse durch die Taschen der trocknen Menschen laufen, die Geld haben und sich vor Nässe und Rheumatismus sehr in Acht nehmen. Das Weltmeer hatte eher Casse, als Eva vom Apfel biß. Chemiker entdeckten Silber in vorsündfluthlichen Steinsalzlagern. Silber kommt auch in Steinkohlen vor. Und als diese wuchsen, war noch lange nicht an Menschen zu denken.

Noch interessanter ist, daß nicht blos Fischschuppen von echtem Silber sind (wenigstens echt plattirt), – sie wurden also damit nicht „beschuppt“ – sondern auch Thiere und Pflanzen manchen Silbergroschen ohne Kupfer in ihren Adern und Zellen-Täschchen verbergen. Ein Chemiker analysirte reines Silber aus dem Blute eines ganz gemeinen Ochsen. Aus der Asche der Eiche, Birke, Espe, Esche u. s. w. gewann man Silber. Die Silber-Birke ist kein leerer Wahn. Silber in Thieren und Pflanzen, die fern vom Meere wuchsen. Daraus folgt, daß die Natur überall mit echtem Gelde spielt, nicht mit werthlosen Spielmarken. Im Meere geht’s nur etwas höher her. Es ist mehr Wohlstand, mehr Reichthum verbreitet im größten Königreiche der Erde, dem des Neptun. Die Seegewächse bereichern sich, während sie wachsen. In deren Asche findet man viel mehr Silber, als ihnen nach der Vertheilung im Meere zukommen würde, besonders in fucus serrats, fucus ceranoides u. s. w. Sie enthalten sechsundzwanzig Mal mehr Silber, als die Luft, in der sie leben, nämlich das Seewasser. Sie entstehen, wurzeln, wachsen im Wasser, haben also den Trieb und die Kraft, sich aus der gemeinschaftlichen Casse zu bereichern. Und wie der höhere Staatsbürger trotz aller allgemeinen Bruder- und Schwesterliebe sich lieber an Zeitgenossen anschließt, die mehr Geld haben, als an die mit wenig Geld und Gut, könnte es auch kommen, daß der Beherrscher der Meere und Länder sich weniger um das zu weit und breit im Meerwasser verwässerte Silber bekümmert, als um die sechsundzwanzig Mal reicheren Seegewächse. Diese mögen sich mit tausend zarten Fäserchen abmühen, dem Meere die Silber-Atome abzufischen. Der Mensch kommt hernach, schließt Freundschaft mit ihnen und nimmt ihnen die gesammelten, wenigstens sechsundzwanzigfach concentrirten Schätze ab. Das Aussilbern der Meeresgewächse (dieser Silberfischer im Meere für den Menschen) könnte sich schon lohnen, wie man auch neuerdings beim Reinigen des Blei’s die ungemein geringen Beimischungen von Silber mit Nutzen nebenbei mit concentrirt. So ist wenigstens eine Besteuerung des Meeres für die Herren des Trocknen nicht unmöglich. Und in dieser Bedeutung gilt’s immer in des Wortes verwegenster Bedeutung: „Was gemacht werden kann, soll gemacht werden.“

Die Engländer mit ihrem praktischen Sinn für’s Solide (und was gäb’ es Solideres, als vierzig Millionen Centner Silber, wenn sie hübsch beisammen wären?) sind übrigens bereits auf dem Wege, ein paar Tausend oceanische Steuereinnehmer anzustellen. Professor Faraday hielt neulich in der „Royale Society of London“ einen Vortrag über die Analysen Frederik Field’s, die er mit alten äußeren, metallischen Beschlägen der Schiffskiele vorgenommen. Field fand Folgendes: „Da eine Auflösung von Silber-Chlorid[4] und Sodium-Chlorid sich durch Berührung mit Kupfer zersetzt, indem sich Kupfer-Chlorid bildet und Silber niederschlägt, hielt ich es für wahrscheinlich, daß Kupfer und das sogenannte „gelbe Metall“, womit Schiffsbäuche außen beschlagen werden, an alten, vielgebrauchten Schiffen mehr Silber enthalten könnten, als gewöhnliches Kupfer, da lange Berührung mit dem Seewasser das Silber-Chlorid darin zersetzen und Silber ansetzen müßte. Der Capitain eines sieben Jahre lang gebrauchten Schiffes gab mir einige Unzen gelbes Metall vom Kiele außen. Es war so bröcklig, daß man es in der Hand zerdrücken konnte.

Ich löste 5000 Gran auf und analysirte 2,01 (2 1/100) Gran Silber daraus. Das gäbe aus der Tonne (20 Centner) über 34 Loth Silber. Kupfer und „gelbes Metall“ enthält selten so viel. Ich fand auch, daß dieselbe Metallmasse im Innern der Kajüte, wo es nicht dem Seewasser ausgesetzt, aber eben so lange im Schiffe war, acht mal weniger reines Silber enthielt."

Nun das ist der Weg, oceanische Steuereinnehmer[WS 1] unter den Schiffsbäuchen anzustellen. Während diese die Wogen Pflügen, müssen die Kupferbeschläge chemische Ernten sammeln.

Mr. Field hat vorläufig einige stille Einnehmer der Art im stillen Oceane auf Probe angestellt: hölzerne, von allen Seiten durchlöcherte, mit reinem Kupfer gefüllte Kasten, durch welche das silberreiche Meer nun ziehen muß, um unbewußt ein silbernes Scherflein in die Büchse zu werfen, und dann weiter zu ziehen und anderen Almosenspendern Platz zu machen. Nach einer Weile will Mr. Field die Büchsen wieder herausziehen und zusehen, ob die reichen Meereswogen dem armen, stillen Bettler Kupfer erklecklich viel atomistische Silbermünze in die Büchse geschmissen haben. Findet er, daß das reiche Meer nicht knickerig gewesen, und sich diese stille Bettelei der Mühe verlohnt, will man mehr plebejes Kupfer in’s Meer schicken, um es versilbert wieder herauszuziehen, ihm dann den Bettelkorb auszuleeren und als kupfernen Bettelstreicher zu entlassen. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan. Der Mohr kann gehen.“

Im Ganzen haben wir nichts gegen diese versuchten Attentate auf die Schätze des Meeres. Es hat zu leben und kann von den 40 Millionen Centnern abgeben, ohne zu verderben. Diese chemisch-praktische, wissenschaftliche Besteuerung ist honoriger, als die Indiens mit Tortur. Sie ist nobel, da der alte Ocean nicht in Ketten gelegt, nicht mit Daumen-Schrauben mißhandelt, sondern ein freiwilliger Steuerzahler bleiben wird.


Allgemeiner Briefkasten.

K. L. in Dr. Ist das Scherz oder Ernst? Uebrigens enthält Ihre Zuschrift auch eine Unwahrheit. Seit fünf Monaten brachte die Gartenlaube sieben Novellen von sechs verschiedenen Autoren.

L. v. K. in St. Wir bescheinigen Ihrem Wunsche gemäß, daß wir die Gedichte empfangen und nicht aufnehmen werden.

L. v. St. in Ros. Bitten dringend, keine Einsendungen mehr zu machen. Die Fehrbelliner Affaire ist eine zu – alte Affaire.

M. L. in Hdbg. Etwas Emancipation, schöne ? Dame, aber jedenfalls fest und sicher. Das Sonett ist sehr gelungen.

L. St. in Frbg. Die junge Dame, welche Ihnen vor Kurzem geschrieben, hat uns mit ihrem Besuche erfreut.

L. W. in L. Auch die zweite Skizze ist gelungen – bis auf den Schluß, der uns gesucht erscheint. Wir werden noch darüber mit Ihnen conferiren.

G. H. in P. Das Gedicht ist dem Künstler zur Illustrirung übergeben.

Th. Grsgr. in St. Bitten, die beiden avisirten Artikel zu senden.

D. Red.

Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt das 1. Quartal, und ersuchen wir die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das 2. Quartal aufgeben zu wollen.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. - Druck von Alexander Wiede in Leipzig.


  1. Sie ist ihrem wesentlichen Inhalte nach in das „Allgemeine evangelische Gesang- und Gebetbuch“ aufgenommen, welches im Jahre 1846 in Hamburg (im Rauhen Hause) erschien.
  2. Hierher jene mehrfachen berühmten Fälle von Betrügerinnen, welche sich Hunderte von Nähnadeln unter die Haut einbrachten.
  3. Irren wir nicht, so waren es 30,000 Bankthaler.
  4. Ich übersetze die englischen Bezeichnungen, die mit den in der deutschen Chemie-Sprache nicht wörtlich übereinstimmen. Chemiker mögen das Uebersetzte übertragen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Steuereinehmer