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Die Erdgeister in Greifswald

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Textdaten
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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
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Titel: Die Erdgeister in Greifswald
Untertitel:
aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen. S. 254–256
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1840
Verlag: Nicolaische Buchhandlung
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[254]
216. Die Erdgeister in Greifswald.

In der Stadt Greifswald und der Umgegend hielten sich in früheren Zeiten viele unterirdische Erdgeister auf, von den Leuten gewöhnlich nur die Zwerge genannt. Sie haben sehr lange dort gehauset, bis sie zuletzt auf einmal ganz aus dem Lande gezogen sind. Zu welcher Zeit und bei was für Gelegenheit dies geschehen ist, weiß man nicht mehr; aber man weiß noch recht gut den Weg, den sie genommen, und daß sie bei Jarmen aus Pommern gegangen sind. Von da sollen sie sich weiter in das gebirgige Land begeben haben.

Diese Erdgeister hatten Gewalt über alles Gold und Silber, und über die edlen Steine, die in der Erde verborgen liegen; sie waren auch im Ganzen gutmüthig und halfen den Menschen gern, und thaten ihnen Gutes. Dabei trugen sie aber manchmal ein sonderbares Verlangen nach hübschen Menschenkindern, so daß sie die den Leuten oft aus der Wiege stahlen und ihre häßlichen Wechselbälge dafür hinlegten. Oft auch verliebten sie sich in hübsche Mädchen und begehrten ihrer zur Ehe. Der Weg zu ihren unterirdischen Wohnungen ging gewöhnlich durch einen schmutzigen Ort, z.B. unter dem Gußloche des Spülichts oder unter einer Tranktonne her. Des Tages krochen sie in Gestalt von Fröschen oder anderem häßlichen Ungeziefer umher, des Nachts aber zeigten sie sich in ihrer eigentlichen Gestalt; besonders tanzten sie gern im Mondschein, und waren dann vergnügt und lustig.

Man erzählt sich viele sonderbare Geschichten von ihnen. So war einmal in Greifswald eine Frau, die verwünschte eines Abends, wie es schon spät war, ihr Kind, weil es so arg schrie, und die Frau nicht schlafen konnte. Da that sich auf einmal die Thür leise und behende auf, [255] und es schlich sich ein Zwerg herein, der riß ihr schnell das Kind vom Schooße und lief damit fort; die Frau hat das Kind niemals wieder gesehen. Einer anderen Frau glückte es eines Abends noch eben, ihr Kind an der Ferse fest zu halten, als sie eingeschlafen war, und ein Zwerg es ihr vom Schooße hatte stehlen wollen.

Ein andermal kam zu einer Köchin eine große dicke Kröte in die Küche. Die Köchin nahm einen Spaten, um das Thier todt zu schlagen, dieses aber kroch geschwind unter eine Tranktonne und rettete so mit genauer Noth sein Leben. Nicht lange danach wurde das Mädchen von den Zwergen zu Gevatter gebeten, und wie sie zugesagt hatte, des Nachts unter dem Backtroge in die Erde geführt. Sie mußte viele Treppen heruntersteigen, bis sie in das Zimmer der Kindbetterin kam. Hier war Alles von Gold und Silber, und die Wöchnerin selbst war über und über mit Juwelen bedeckt. Nachdem das Kind getauft war, setzte man sich zu Tische; der Tisch war gedeckt mit lauter golddurchwirkten Laken, und mit vielen köstlichen Speisen besetzt, die in silbernen und goldenen Schüsseln standen. Aber über dem Kopfe der Köchin hing auf einmal ein großer schwerer Mühlstein an einem seidenen Faden. Darüber erschrak die Köchin sehr und wollte in ihrer Angst geschwinde aufstehen. Die Kindbetterin sagte aber zu ihr: Fürchte dich nicht, dir wird nichts geschehen; ich wollte dir nur zeigen, wie angst mir war, als du mich vor Kurzem in der Küche mit dem Spaten verfolgtest, und mein Leben auch an einem seidenen Faden hing. Das Mädchen konnte aber doch seine Furcht nicht verwinden, bis es zuletzt mit vielen Geschenken entlassen wurde.

Wieder ein ander Mal hatte sich ein vornehmer Zwerg in ein schönes Mädchen verliebt, und begehrte sie mit Gewalt zur Frau. Das Mädchen hatte zwar einen großen [256] Widerwillen gegen ihn, weil er so klein und gewiß nicht schön war, und sie konnte sich nicht dazu entschließen, ihn zu heirathen. Er steckte sich aber hinter ihren Vater, und weil er diesem viel Geld und Gut versprach, so mußte sie ihm zuletzt ihre Hand zusagen. Nun kam sie aber mit ihm überein, daß sie ihrer Zusage los seyn solle, und er wolle von ihr abstehen, wenn es ihr gelinge, seinen Namen zu erfahren. Das Mädchen kundschaftete lange Zeit vergebens. Zuletzt half ihr der Zufall. Es fuhr nämlich in einer Nacht ein Fischhändler die Straße nach Greifswald. Wie der an einer Stelle viele Zwerge lustig im Mondschein tanzen und springen sah, da hielt er verwundert an, und nun hörte er auf einmal, wie einer der Zwerge in seiner Freude laut rief: Wenn meine Braut wüßte, daß ich Doppeltürk heiße, sie nähme mich nicht! Das erzählte der Fischhändler des anderen Tages im Wirthshause zu Greifswald, und von der Wirthstochter hörte es die Braut. Diese dachte gleich, daß das ihr Liebhaber gewesen sey, und wie derselbe wieder zu ihr kam, nannte sie ihn Doppeltürk. Da verschwand der Zwerg in großem Aerger, und die Liebschaft hatte ein Ende.

Mündlich.