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Die Eröffnung des eisernen Thores

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Textdaten
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Autor: Paul Lindenberg
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Titel: Die Eröffnung des eisernen Thores
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 744–746
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[744]

Die Eröffnung des Eisernen Thores.

Von Paul Lindenberg.0 Mit Originalzeichnungen von V. Schramm.


Dereinst suchten die Völker sich gegenseitig abzusondern und zwischen ihren Reichen Schranken aufzuführen, heute ist man bestrebt, diese Hindernisse fortzuräumen und die Länder mehr und mehr mittels des emsigsten Handels und Wandels und eines regsten Verkehrs zu verbinden. Als eine der Völkerschranken galt Jahrtausende hindurch das Eiserne Thor, jene gefährliche Stelle der südöstlichen Donau, welche bis vor kurzem noch die Grenze zwischen dem Orient und Occident bedeutete. Unheimliche Stromschnellen, spitze, unmittelbar unter dem Wasserspiegel verborgene Klippen, zackige, tief in den Fluß hineinreichende Vorsprünge waren die unzählige Opfer erheischenden Feinde der Schiffer, die schon in grauer Vorzeit diesen Teil der Donau fürchteten; bereits Julius Cäsar trug sich mit weitgehenden Plänen, die gefahrbringenden Hindernisse fortzuräumen, dann suchte Kaiser Trajan dieselben zu umgehen, indem er längs des rechten Ufers für seine Legionen eine Straße anlegte, deren Spuren noch heute erhalten sind und uns mit Bewunderung erfüllen ob der Ausdauer und Kühnheit der römischen Baumeister und Ingenieure, denn der Weg mußte zum Teil in die Felsen hineingehauen werden, zum Teil lief er auf schweren Balken dahin, die zur Hälfte in das Gestein getrieben waren. Auch später noch versuchte man mehrmals, die Tücken des Stromes, die größeren Schiffen nur bei hohem Wasserstande die Fahrt gestatteten, zu besiegen, aber es blieb bei wenig ersprießlichen Anfängen, bis 1878 infolge eines Beschlusses des Berliner Kongresses das am meisten mit seinem Handel und Verkehr hierbei beteiligte Ungarn die Beseitigung der obenerwähnten Hindernisse auf sich nahm und sie nach Erledigung der jahrelangen Vorarbeiten von 1889 bis heute mit einem Kostenaufwande von über acht Millionen Gulden, zu denen sich für die noch ausstehenden, letzten Arbeiten noch weitere vier Millionen gesellen werden, durchführte. Schon vor einigen Jahren (vgl. „Gartenlaube“, Jahrgang 1893, Seite 7) sind unsere Leser durch einen reich illustrierten Artikel über die landschaftliche Lage des Eisernen Thores und die Tragweite der damals rüstig fortschreitenden Regulierungsarbeiten unterrichtet worden. Es handelte sich dabei wahrlich um ein schwieriges Unternehmen, das nur mit Anspannung aller Kräfte zu einem guten Abschluß gebracht werden konnte; mußten doch viele Hunderttausende Kubikmeter Felsen unter dem Wasser im freien Strome und ebenso viele oberhalb desselben an den Ufern weggesprengt werden, galt es doch ferner, einen achtzig Meter breiten Kanal in die Felsen des Strombettes einzusprengen und ihn durch sechs Meter hohe und gegen zwei Kilometer lange Steindämme zu schützen! Ferner mußte man den Strom an anderen Stellen einengen und endlich eine ganze Landspitze abtragen. Besondere Maschinen, Fahrzeuge, Geräte etc. wurden zu diesem Behufe konstruiert, und nicht weniger als zehntausend Menschen waren unausgesetzt acht Jahre hindurch thätig, um den gewaltigen Plan verwirklichen zu helfen. Mit Anspannung aller Kräfte gelang dies, und als glänzendes Schlußstück der ungarischen Millenniumsfeierlichkeiten konnte die festliche Einweihung des Kanals am 27. September dieses Jahres stattfinden.

Die österreichische Grenzstadt Orsova, Hauptstation der Donaudampfschiffahrt und der Knotenpunkt des Handelsverkehrs mit den unteren Donauländern, bildete den Ausgangspunkt der Einweihungsfeste. Der Glanz derselben wurde durch die Gegenwart des Kaisers von Oesterreich und der Könige von Rumänien und Serbien erhöht, und so groß war der Fremdenandrang, daß viele der geladenen Gäste in den Häusern der Stadt keine Wohnung erhalten konnten, sondern in Eisenbahnwagen und auf den Schiffen der Donauflottille Nachtquartier nehmen mußten. Kaiser Franz Joseph kam bereits am Sonnabend den 26. September nach Orsova, wo er mit lautestem Jubel von den zahlreich herbeigeströmten Volksscharen empfangen wurde. Leider trübte das launische Wetter durch strömenden Regen diesen

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Die Feier der Eröffnung des Eisernen Thores: die Monarchen auf der Landungsbrücke in Orsova.
Nach dem Leben gezeichnet von V. Schramm.

[746] Vorabend der Festlichkeiten. Doch der nächste Morgen brachte hellen Sonnenschein und prachtvolles Herbstwetter, so daß der Glanz der zahlreichen Uniformen und die bunte Pracht der in ihrem Nationalkostüm erschienenen Ungarn zur vollen Geltung gelangen konnten.

Um 8 Uhr 20 Minuten fuhr König Alexander von Serbien in einem Extrazuge in den Bahnhof ein, wo er von Kaiser Franz Joseph herzlich begrüßt wurde. Eine Viertelstunde später wurde der Zug des Königs Karl von Rumänien signalisiert. Kaiser Franz Joseph umarmte und küßte zweimal seinen hohen Gast, und auch bei dieser Begrüßung kam es deutlich vor aller Welt zum Ausdruck, wie herzliche und freundschaftliche Bande die ruhmreichen Häuser Habsburg und Hohenzollern zum Glück der Völker und Schutz des Weltfriedens aneinander knüpfen. Nun waren die drei Monarchen vereint und fuhren in Hofequipagen zur Landungsbrücke. Unsere Abbildung anf S. 745 stellt dieselben dar, wie sie sich zu dem Dampfer „Franz Joseph I.“ begeben. Voran schreitet der Kaiser von Oesterreich in der ungarischen Kavalleriegeneralsuniform mit dem Bande des Savaordens; neben ihm erblicken wir König Karl von Rumänien in der Oberstuniform seines österreich-ungarischen Infanterieregiments mit dem Großkreuze des Stefansordens; König Alexander von Serbien, der den beiden Monarchen folgte, trug die serbische Generalsuniform.

Der Dampfer „Franz Joseph I.“ eröffnet den Kanal am Eisernen Thor.

Um halb 10 Uhr setzte sich das kaiserliche Schiff in Bewegung und ihm folgte eine ganze Flotte anderer Fahrzeuge. Vom rumänischen und serbischen Ufer dröhnten grüßend Böller und Kanonen, während zahlreiche Menschenmassen in Jubelrufe ausbrachen. Der Himmel zeigte sein freundlichstes Gesicht und die mächtigen Berge waren vom goldigen Sonnenlicht überflutet. Am Anfang und Ende des neugesprengten Kanals erhoben sich vier weiß schimmernde, fahnengeschmückte Säulen, die über das Wasser hinweg durch Ketten verbunden waren. Dieselben sollten durch das kaiserliche Schiff zerschnitten werden. Unsere obenstehende Abbildung zeigt das Zerreißen der Kette am Eingang des Kanals. Nachdem dieselbe erfolgt war, weihte Bischof Dessewfy, der sich an Bord des Monarchenschiffes befand, den Kanal in lateinischer Sprache ein. Darauf hielt Kaiser Franz Joseph eine kurze Ansprache, und mit goldenen Pokalen, die zu diesem Zwecke von der ungarischen Regierung gewidmet waren, stießen die drei Monarchen auf das Glück und Wohl ihrer Völker an. Donnernd grüßten von den Ufern die Batterien herüber, in deren Dröhnen sich die brausenden Hurras der am linken Ufer aufgestellten rumänischen Truppen und der das rechte einsäumenden Tausende und Abertausende von Ungarn, Serben, Walachen mischten. Einen besonders günstigen Eindruck machte eine Division rumänischer Dorobanzen oder Landwehrtruppen. In einer Stärke von sechs Regimentern war sie auf einer Strecke von zwei Kilometern am Ufer aufgestellt. Auch sechs rumänische Kriegsfahrzeuge waren zur Begrüßung der Monarchen erschienen. Von allen Anhöhen wehten österreichische, ungarische, rumänische und serbische Flaggen. Nur drei Minuten währte die pfeilschnelle Fahrt durch den Kanal, während die Zurückleguug derselben gegen den Strom über eine halbe Stunde in Anspruch nahm. Die Schiffe durchmaßen dann noch den oberhalb Orsovas liegenden Kasanpaß, in welchem sich in großartigen Formationen die Felsen dicht an den Fluß heranschieben, dessen Wogen wirbelnd und strudelnd dahinschießen in brandender Hast, als ob sie möglichst schnell der gefährlichen Umarmung der Gebirgskolosse entrinnen wollten. Die Ufer sind an dieser Stelle von höchstem malerischen Reiz und überraschen durch immer neue Ausblicke infolge der Schlangenwindungen der Donau, deren landschaftliche Schönheiten hier ihren Gipfelpunkt erreichen.

Die drei Herrscher kehrten zur Mittagsstunde nach Orsova zurück und begaben sich von dort nach dem nahen Herkulesbad, wo Kaiser Franz Joseph nochmals in markigen Worten des großen Werkes gedachte, welches unter den friedlichen Thaten der Völker stets seinen bedeutsamen Platz behaupten wird!

Eine Illumination beschloß den Festtag. Der Badeort schimmerte in tausend Lichtern und auf den Berggipfeln verkündeten lodernde Feuer die hehre Freude der Menschen über eine Großthat der Kultur, über einen Sieg friedlicher Arbeit!