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Die Eröffnung des Kaiser Wilhelm-Kanals

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Paul Lindenberg
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Titel: Die Eröffnung des Kaiser Wilhelm-Kanals.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 472–473, 474-475
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bericht über die Eröffnungfeier des Kaiser-Wilhelm-Kanals.
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[472–473]

Die Einweihung des Kaiser Wilhelm-Kanals.
Nach dem Leben gezeichnet von W. Pape.

[474]

Die Eröffnung des Kaiser Wilhelm-Kanals.

Von Paul Lindenberg
(Mit dem Bilde auf S. 472 und 473.)

Die festfrohen Tage in Hamburg und Kiel sind vorübergerauscht, die bunten glänzenden Bilder, die sie brachten, sind verschwunden, aber ihr farbenreicher Zauber wird nicht nur bei denen, die sie an sich vorbeiziehen lassen konnten, haften bleiben: sie sind allüberall im weiten Vaterlande miterlebt worden. Tage des Glanzes und der Freude waren es in Hamburg wie in Kiel, Tage, die neben einer stolzen Versammlung der deutschen Fürsten und Volksvertreter, auch die maritimen und offiziellen Vertreter sämtlicher großer Kulturnationen vereinigt sahen, um der Einweihung des bedeutsamen Friedenswerkes beizuwohnen, Tage, in denen der Ruhm deutschen Geistes und deutscher Arbeit, die beide vereinigt in erster Linie die großartige Verbindung von Ost- und [475] Nordsee geschaffen, ein lautes Echo in der gesamten civilisierten Welt gefunden hat.

Bildete der seitens des Hamburger Senats und der Stadt in prunkvoller Weise veranstaltete Empfang des Kaisers und der übrigen offiziell geladenen Gäste in unserer größten Handelsstadt die stimmungsreiche, wenn auch in engerem Rahmen gehaltene Einleitung zu den Festlichkeiten, so fanden dieselben in Kiel und Holtenau eine nicht minder prächtige, aber doch weit volkstümlichere Fortsetzung. Hinter diesen Hunderttausenden, die sich am 21. und 22. Juni in dichten schwarzen Massen von dem lieblichen grünen Ufersaume an der Kieler Föhrde lebhaft abhoben, konnte man sich ganz gut eng und brüderlich geschart das gesamte deutsche Volk vorstellen, dessen weitaus größerer Teil mit warmem Empfinden und hohem Interesse, wenn auch nur im Geiste, der Eröffnung des Kanals beigewohnt hat.

Unvergeßlich jener Augenblick, als um die Mittagsstunde des 21. Juni, nach der vollendeten Durchfahrt durch den Kanal, die weißschimmernde „Hohenzollern“, das herrliche Kaiserschiff, gleich einem riesigen Schwane in der Kanalmündung auftauchte und langsam in die blaugrüne Flut der Föhrde auslief, während vom Deck die ersten Töne des von der Matrosenkapelle gespielten „Nun danket alle Gott“ in die klare, sonnenglanzerfüllte Luft hinausklangen und der Kaiser in Admiralsuniform ganz allein hoch oben auf der Kommandobrücke stand! Welch ein Jubelgebraus am Ufer, in das sich jetzt mit donnerndem Dröhnen die Salutschüsse der deutschen und fremden Kriegsschiffe mischten, die in doppelter, kaum übersehbar langer Reihe, in ihrem Flaggenschmucke wie umrankt von buntwimpeligen Guirlanden, die weite Bucht beherrschend ausfüllten. Das große Unternehmen hatte nunmehr die Probe bestanden und mit der Genugthuung darüber vereinigte sich die Vorstellung, was der Kanal unserem Handel, unserem Wohlstand, was er als Organ des friedlichen Weltverkehrs und als Mittel unserer Landesverteidigung bedeutet.

Und nun erst der nächste Tag mit seiner Fülle wechselnder Eindrücke! Früh, sehr früh erwachte diesmal zu rauschendem Leben das sonst ziemlich stille Kiel, welches sich zum Empfang der Gäste festlich geschmückt, und in sich immer aufs neue ergänzenden Scharen zogen all diese ungezählten Tausende und Abertausende hinaus gen Holtenau, die Tribünen und benachbarten Höhen besetzend, von denen man einen herrlichen Rundblick hatte auf die glitzernden Wellen der Bucht, die unserer Marine ein so stolzer Kriegshafen ist, auf die Hunderte von Schiffen aller Art und den Festplatz selbst mit seinem prunkenden Durcheinander von hohen Würdenträgern, Offzieren, Diplomaten und Beamten, über deren goldgestickte Uniformen und Ordenssterne die Sonnenstrahlen funkelnd huschten. Auch die historischen hohen Blechmützen der Leibcompagnie des ersten Garderegiments zu Fuß, die sich mit einer Compagnie Marine-Artillerie in den Ehrendienst teilte, blitzten im strahlenden Lichte des festlichen Tages.

Diese Truppen säumten teilweise den Weg ein, den das Kaiserpaar und die Fürstlichkeiten vom Ufer her zu dem für sie errichteten offenen Festzelte nehmen mußten; letzteres war von in goldenen Greifen endenden Flaggenmasten gebildet, die untereinander durch frische Guirlanden und Wimpelreihen verbunden waren, und im Verein mit seinen reichen Flaggen- und Wappendekorationen wirkte dieser Aufbau überaus lustig und anmutig. Für das Kaiserpaar standen auf dem rotausgeschlagenen Podium zwei reichgeschnitzte Sessel, von denen man mit wenigen Schritten zu dem Schlußsteine des Kanals gelangen konnte, der als solcher zwar nur sinnbildlich gedacht ist, dafür aber die Bestimmung hat, den Grundstein für das neben dem Holtenauer Leuchtturm zu errichtende Denkmal Kaiser Wilhelms des Ersten zu bilden.

Bald nach zehn Uhr war der unter diesem Leuchtturme sich befindende Landungssteg das Ziel vieler schmucker Gigs, welche von den Schiffen her die Fürstlichkeiten, die Admirale der Geschwader und Kommandanten der einzelnen Kriegsschiffe ans Land brachten. Da sah man die ehrwürdige, doch nicht vom Alter gebeugte Gestalt des Königs von Sachsen, dort tauchte das sonnenverbrannte Antlitz des Prinzen Heinrich, des Bruders des Kaisers, auf, die hohe, stattliche Figur des Prinzen Albrecht wurde sichtbar, mit kräftigen Händedruck begrüßten sich der Prinzregent von Bayern und der König von Württemberg, elastischen Schrittes ging auf sie der Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha zu, der in der nächsten Minute dem Großherzog von Sachsen-Weimar behilflich war, ans Land zu steigen. Wieder naht ein schlankes Boot, die Marineposten präsentieren und mehrere Flügeladjutanten eilen hastig heran; aber schon sind die vier ältesten kaiserlichen Prinzen munter auf den Steg gesprungen, sich sogleich zu einigen Generalen wendend und ihnen die Hände reichend; der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich tragen die Uniform des ersten Garderegiments zu Fuß, Prinz Adalbert diejenige eines Unterlieutenants zur See, Prinz Waldemar noch Matrosenkostüm; heiter und zwanglos schreiten die vier Prinzen auf die Fürstlichkeiten zu, mit ihnen herzliche Begrüßungen austauschend.

Elf Uhr ist’s gleich; von der „Hohenzollern“ dröhnt ein Schuß herüber, als Zeichen, daß der Kaiser soeben seine Jacht verlassen hat. Dort schießt schon, von nervigen Seemannshänden gerudert, das Kaiserboot heran, der Kaiser, in der Garde-du-Corpsuniform mit dem Orangebande des Schwarzen Adlerordens, neben seiner Gemahlin sitzend, die zu dem heliotropfarbenen Seidenkostüm und dem zierlichen Frühjahrshütchen ein kostbares dunkelrotes Sammetmantelet mit breiten Goldstickereien trägt. An der Landungsbrücke harren der Reichskanzler Fürst Hohenlohe, Staatsminister von Bötticher, der Chef der Marinestation der Ostsee und der Direktor der Kanal-Kommission des Kaiserpaares, das mit den Herren einige freundliche Worte wechselt. Dann reicht der Kaiser seiner Gemahlin den Arm und führt sie unter dem klingenden Spiel der Truppen und dem rauschenden Jubel der Tausende, die auf den Festtribünen Platz gefunden haben, die Front der präsentierenden Ehrencompagnie entlang hin zu dem Kaiserzelte, wo sich die deutschen und fremden Fürstlichkeiten bereits in weitem Halbbogen aufgestellt haben.

Der Reichskanzler tritt heran, er bittet um die Erlaubnis zum Beginn der Feier und verliest dann die Urkunde, die dem Schlußsteine eingefügt werden soll. Sie hebt den lebhaften Anteil hervor, den Kaiser Wilhelm der Erste, der am 3. Juni 1887 im Namen des Reiches den Grundstein zu dem Kanale legte, an diesen Werke genommen. Sie weist auf den nationalen und völkerverbindenden Charakter seiner Bestimmung hin und spricht den Wunsch aus, daß er, ein Friedenswerk, allezeit nur dem Wettkampfe der Nationen um die Güter des Friedens dienstbar sein möge. Sie schließt mit dem Hinweis, daß der Akt der Eröffnung des Kanals zugleich ein solcher der Grundsteinlegung für ein Denkmal des großen Kaisers sei, der vor nunmehr 25 Jahren die deutschen Stämme zu einem ewigen Bunde geeint und in weiser Voraussicht das jetzt vollendete Werk begonnen habe.

Unter den schmetternden Musikklängen des ersten Garderegiments schritt nach dieser Verkündigung der Kaiser, in den Mienen die Bedeutung des wichtigen Momentes ausgeprägt, auf den Stein zu, dem zu seiten neben dem Stenographen des Kaisers die Minister von Bötticher und Köller und, diesen gegenüber, Meister des Baugewerkes standen. Der bayerische Ministerpräsident von Crailsheim überreichte dem Kaiser mit einer kurzen Ansprache die Kelle, mit welcher dann der Herrscher den Mörtel auf den Stein warf. Dann gab ihm der Reichstagspräsident von Buol namens der deutschen Volksvertretung den Hammer, indem er den vaterländischen Charakter des Baus hervorhob, und wuchtig fielen, während die in Parade aufgestellten Truppen präsentierten, die drei von der Hand des Kaisers geführten Hammerschläge auf den Stein unter den Worten: „Zum Gedächtnis Kaiser Wilhelms des Großen taufe ich den Kanal Kaiser-Wilhelm-Kanal. Im Namen des dreieinigen Gottes, zur Ehre Kaiser Wilhelms, zum Heile Deutschlands, zum Wohle der Völker!“ Die Kapellen stimmten das „Heil dir im Siegerkranz“ an, von den Schiffen rollte Kanonendonner herüber und die vielen Tausende von Zuschauern brachen in stürmische Hochrufe aus. Diesen Augenblick stellt unser Bild dar. Auch die Kaiserin, der Kronprinz, der Prinzregent von Bayern, die Könige von Sachsen und Württemberg sowie die anderen deutschen Fürsten vollzogen den Hammerschlag; der Reichskanzler brachte alsdann das Hoch auf den Kaiser aus, welches von neuem jubelndes Echo erweckte; dieser selbst verneigte sich dankend und geleitete dann die Kaiserin zu dem Boot zurück, welches nach wenigen Minuten bereits der „Hohenzollern“ zusteuerte – – die denkwürdige Feier war zu Ende.

Der Nachmittag und Abend sowie die nächsten Tage brachten noch viele andere mannigfach festliche Eindrücke, aber der großartigste war doch jene Grundsteinlegung, mit welcher in würdigster Weise das in acht Jahren angestrengter Arbeit zur Vollendung gebrachte Friedenswerk seine Weihe und Krönung fand. Möchte der Wunsch der kaiserlichen Urkunde immerdar in Erfüllung gehen, möchte der Kaiser-Wilhelm-Kanal allezeit nur dem Wettkampfe der Nationen um die Güter des Friedens dienstbar sein, bis in die fernste Zukunft hinein!