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Die Briefmarken-Sammlungen der Kinder

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: H. G.
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Titel: Die Briefmarken-Sammlungen der Kinder
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 416
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[416] Die Briefmarken-Sammlungen der Kinder. Man halte mich nicht für einen schulmeisterlichen Pedanten, wenn ich die geißelnde Hand an eine Sache lege, die zur Modesache, zur Sucht geworden ist. Der Geburtstag meines Knaben, meiner Tochter steht vor der Thür, und ich bin in Verlegenheit, was ich dem Kinde schenken soll! – So spricht der liebe Papa oder die liebe Mama. Mit Spielzeug ist das Kind zum Ueberdruß versehen und da erhält es denn, – die Mode will es so – ein Briefmarkenalbum. Der Grund ist gelegt! Wozu? Zu Schlichen und Schachereien! Und der Schauplatz dieser Kaupeleien und Schachereien ist – die Schule! Ueberzeugt Euch selbst, Eltern und Lehrer! Durchsucht den Bücherranzen Eurer Kinder und Schüler. Der unentbehrliche Begleiter der Schulbücher ist das Briefmarken-Album. Ist kein Album vorhanden, so durchblättert oder durchschüttelt die Schulbücher, zwischen jedem Blatt finden sich Marken, und der Boden der Schulstube ist nach einer derartigen Reinigung von Briefmarkcn übersäet. Als unschuldiger Begleiter möchte die Markensammlung passiren, trotzdem dieselbe, streng genommen, nicht in die Schule gehört; aber sie ist nicht immer ein solcher.

Welcher Platz ist aber auch geeigneter, die Briefmarken-Schacherei zu betreiben, als die Schule? Treffen sich doch hier Käufer und Verkäufer am bequemsten und in Masse. Von den Störungen, Verboten, Bestrafungen, welche dies in den Schulen veranlaßt, will ich hier nicht sprechen. Gewiß, jeder Classenlehrer könnte darüber capitellange Lamentationen schreiben. Aber des schlimmen Einflusses auf den Charakter des Kindes sei hier erwähnt. Der Knabe ist zu träge, seine Schularbeiten zu fertigen, oder hält sie für zu schwer. Einige Briefmarken – und er findet einen Helfer an einem Cameraden. Damit hat er einen Weg, seine Faulheit und Trägheit zu verdecken, kennen gelernt; aber nicht blos diesen, er hat auch leicht durch Unterschlagung den Weg zum – Diebstahl gefunden. Denn je nach Größe oder Schwere der Arbeit verlangt der Helfer gewiß eine seltene und theure Marke. Das Kind besitzt die Marke – den Kaufpreis für die Arbeit – nicht, muß dieselbe sich erst erwerben und schlägt – die Noth drängt – böse Wege dazu ein.

Einer gewissen Schulpolizei durch obere Schüler ist nicht immer auszuweichen. Ueber Vergehen gegen dieselbe helfen einige Briefmarken, und beide Theile haben den Weg der Bestechung kennen gelernt. Wie viele suchen sich die gegenseitige kindliche Zuneigung durch Markenspenden zu erkaufen, wie viele benutzen dies, diese Gefühle nur gegen Zahlung einer Marke zu erwidern und sich zu Heuchlern, heuchlerischen Speculanten heranzubilden!

Und liegt denn ein wirklicher Werth in einer derartigen Sammlung? Nur die Speculation oder die Sammlerwuth wird dadurch wachgerufen. Erstere, auf diese Weise beim Kinde angeregt, kann unmöglich zu Gutem führen, letztere aber doch wohl auf edlere Weise mäßig gepflegt werden.

Bietet die Natur nicht Gelegenheiten genug, sich schönere und werthvollere Sammlungen, die zugleich die geistige Ausbildung fördern, anzulegen? Hat das Anlegen eines Herbariums, einer Mineraliensammlung, das Aufsuchen von Versteinerungen u. dergl., zugleich mit dem Genuß der Natur, nicht einen edleren Einfluß auf den Geist und Körper des Kindes, als wenn dies in der Stube hinter dem Album hockt und todte, buntbeklexte, unappetitlich aussehende Marken begafft?

Länder-, Staaten-, Porto-Kunde und was sonst noch damit erzielt werden soll, sind bloße Beschönigungen.
H. G.