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Die Bernwardssäule in Hildesheim

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Textdaten
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Autor: A. Röder
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Titel: Die Bernwardssäule in Hildesheim
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 747
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Bernwardssäule in Hildesheim.

Inmitten des sagenumflossenen Domhofes der alten niedersächsischen Kulturstadt Hildesheim erhebt sich auf einem modernen steinernen Unterbau eine vierzehn Fuß hohe hohle Kupfersäule, die durch ihre eigenthümliche Form und die gewindeförmig um die Säule sich herumziehenden Reliefbilder die Aufmerksamkeit des Beschauers fesselt. Wir haben hier die sogenannte Christus- oder Bernwardssäule vor uns, deren Schöpfer der Bischof Bernward von Hildesheim (gest. 1022) ist.

Die Bernwardssäule auf dem Domplatze in Hildesheim.
Originalzeichnung von Carl Grote.

Wo immer die Forschung des Archäologen und Kulturhistorikers in vergangenen Geschichtsepochen unseres Vaterlandes einsetzt, wird sie die künstlerische und allgemein kulturelle Wirksamkeit des Bischofs Bernward, des „Künstlers unter dem Bischofshut“, als einen maßgebenden Entwicklungsfaktor seiner Zeit in Berechnung ziehen müssen. Das 10. und 11. Jahrhundert kann man wohl mit Recht den Ausgangspunkt unserer historischen Entwickelung in künstlerischer Beziehung nennen, und sie wurde bedingt in der Hauptsache durch die bahnbrechende Thätigkeit des Bischofs und Fürsten von Hildesheim. Der Boden für eine solche Thätigkeit war in dieser niedersächsischen Kulturstätte allerdings schon recht wirksam vorbereitet, denn unter den Karolingern und sachsischen Kaisern galt Hildesheim, wie Otte[WS 1] in seiner „Geschichte der deutschen Baukunst“ hervorhebt, „als der Hauptsitz der mannigfaltigsten Kulturthätigkeit“. Durch eine Anzahl kunstliebender Fürsten und Bischöfe waren in Hildesheim die Vorbedingungen für eine schöpferische künstlerische Thätigkeit geschaffen worden; aber erst dem Bischof Bernward sollte es vorbehalten bleiben, jene Epoche des künstlerischen und gewerbthätigen Aufschwungs zu schaffen, als deren charakteristisches Merkmal neben den wunderbaren gußeisernen Flügelthüren im Dom zu Hildesheim eben die Christus- oder Bernwardssäule angesehen werden kann. Bernwardus hielt sich lange am kaiserlichen Hofe als Erzieher des Prinzen (Otto III.) auf, er hatte Rom und die Kunstschätze Italiens kennen und bewundern gelernt. Voll von diesen mannigfachen Eindrücken, kehrte er in sein Vaterland zurück und begann mit der Energie des schöpferischen Geistes den Samen auszusäen, der so herrliche Früchte tragen sollte. Ein damaliger Geschichtschreiber sagt von ihm:

„Im Schreiben glänzte er besonders hervor, die Malerei übte er mit Feinheit, er war ausgezeichnet in der Kunst, Metalle zu bearbeiten und edle Steine zu fassen.“ Und weiter: „Die Kunst, in Metallen zu arbeiten, ließ er nie vernachlässigen … Er wußte auch an überseeischen und schottischen Gefäßen, die der königlichen Majestät als besondere Gaben dargebracht wurden, das, was er selten und ausgezeichnet fand, zu benutzen. Er führte talentvolle, vorzüglich begabte Jünglinge mit sich an den Hof oder auf längere Reisen und trieb sie an, sich in allem dem zu üben, was in irgend einer Kunst sich als das Würdigste darbot.“

Wenden wir uns nun zu der Säule selbst. Sie hat, wie Eingangs bemerkt, jetzt einen steinernen Unterbau von 8 Fuß Höhe. Eiserne Inschrifttafeln besagen, daß sie im Jahre 1810 durch die Fürsorge des Fürstbischofs Franz Egon aus der Vergessenheit hervorgezogen sei.

Auf dem steinernen Postament erhebt sich die eherne Säule bis zu einer Höhe von 14 Fuß. Auf der viereckigen Grundplatte (Plinthe) ruht die sogenannte attische Basis, gebildet aus zwei starken Rundstäben, die durch eine Hohlkehle verbunden sind. Ueber ihr steigt der runde, 6 Fuß im Umfang haltende Schaft empor. Um ihn winden sich, von unten nach oben, in achtmaliger linksgewandter Drehung die Darstellungen von 28 Scenen aus dem Leben Christi. „Die achtmalige Windung,“ sagt Wiecker[WS 2] in seiner Beschreibung der Säule, „scheint nicht zufällig zu sein. Dem jüdischen, heidnischen und christlichen Alterthume war die Acht eine heilige Zahl. Auf die Vorliebe der byzantinischen, romanischen und gothischen Kunst scheint die öftere Anwendung des Achtecks bei Taufsteinen, Säulen Pfeilern, ja ganzen Kirchen hinzuweisen.“ Auch die schon genannten Bernwardinischen Bronzethüren im Hildesheimer Dome haben auf jedem Flügel acht Scenen. Die Achtzahl wurde gewissermaßen als das Symbol der Vollendung und Vollkommenheit angesehen.

Ueber die Reihenfolge und Bedeutung der Bilder sagt die erwähnte Beschreibung: ‚Das Leben der Erlösten beginnt mit der Taufe, schließt mit dem Einzug ins himmlische Jerusalem. Die zwischen den Taufwassern und den Zinnen der heiligen Stadt liegenden Scenen dienen aber dem Christen als Vorbild, Ermuthigung, Warnung und Tröstung bei seinem Emporsteigen zum Himmel … die Oktav von des Christen Taufe ist sein Eingang ins himmlische Jerusalem.‘ Derartige Gedanken mochte Bernward in der That bei dem Beschauer der Säule haben wachrufen wollen. Gleichzeitig wollte er aber auch Christus eine Siegessäule setzen, ähnlich wie den Imperatoren des Alterthums Siegessäulen gesetzt wurden. Denn es darf als gewiß angesehen werden, daß Bernward die Vorbilder seiner Säule in der mit Reliefs geschmückten Trajanssäule fand, die er in Rom kennen und bewundern gelernt hatte.

Sämmtliche Scenen sind stark vom Grunde emporragende Reliefs und beweisen sowohl in der Wahl des Stoffes, wie in der Anwendung und der Ausführung Geist und Hand des bewußt schaffenden Künstlers. Die Scenen stehen ideell zweifellos in Verbindung mit den Scenen der beiden Flügelthüren des Doms, sie können gewissermaßen als Ergänzung gelten. Die Relieffiguren sind – nach modernen Begriffen – roh und plump, die Augen starr und glotzend, die Bewegung ungelenk; aber trotzdem ist schon in denselben eine Befreiung von den starren Formen des Byzantismus bemerkbar.

Wir haben es in der Bernwardssäule mit dem Ausgangspunkt einer Kunstepoche zu thun, die für die deutsche Kultur eine so fruchtbringende und großartige war, daß wir heute noch mit Bewunderung auf sie zurückblicken. – Uns Modernen ziemt es, den Pulsschlag des Schaffens an solchen Werken einer verflossenen Kultur zu studiren, nicht nur aus Gründen der Pietät und Hochachtung, vielmehr noch, um zu erkennen, daß ein wahrer Fortschritt in der Kunst ist der zielbewußten Ausgestaltung jener Ideen liegt, die, anknüpfend an das Alte, für die hochentwickelte Form einen entsprechenden geistigen Inhalt fuchen. Denn das müssen wir uns bei aller technischen Unvollkommenheit der Kunstwerke des Mittelalters eingestehen, daß es Ideen waren, künstlerische Ideen, die in künstlerischer Form Verkörperung suchten.

A. Röder.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Otto
  2. Vorlage: Wieker