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Die Bedeutung der akademischen Seminarien für die Geisteswissenschaften

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Autor: Wilhelm Wundt
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Titel: Die Bedeutung der akademischen Seminarien für die Geisteswissenschaften
Untertitel:
aus: Handbuch der Politik Dritter Band: Die Aufgaben der Politik, Fünfzehntes Hauptstück: Bildung, 80. Abschnitt, S. 143−145
Herausgeber: Paul Laban, Adolf Wach, Adolf Wagner, Georg Jellinek, Karl Lamprecht, Franz von Liszt, Georg von Schanz, Fritz Berolzheimer
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Dr. Walther Rothschild
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Erscheinungsort: Berlin und Leipzig
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[143]
b) Die Bedeutung der akademischen Seminarien für die Geisteswissenschaften.
Von
Wirkl. Geh. Rat Dr. Wilhelm Wundt,
o. Professor der Philosophie an der Universität Leipzig.


Die ältesten akademischen Seminarien sind in Deutschland den Geisteswissenschaften, freilich nur einem sehr beschränkten Umkreis derselben gewidmet gewesen. Die Übungen der klassischen Philologen bildeten in Göttingen schon im 18. Jahrhundert, in Leipzig und anderen Orten vom Anfang des 19. an die ersten Anfänge. Sie verfolgten zuerst nur den Zweck, den Studierenden die auf der Schule gewonnene praktische Übung in den beiden klassischen Sprachen zu bewahren; sie waren also reine Übungsinstitute. Erst als sich vom dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts an der Seminargedanke auf die Naturwissenschaften und die Medizin übertrug, gewann er eine andere und wesentlich erhöhte Bedeutung. Die chemischen, physikalischen, physiologischen Laboratorien wurden Anstalten, die neben der praktischen Übung der Studierenden auch ihre Vorbildung für die selbständige Ausführung von Untersuchungen erstrebten. So gewann das zunächst ebenfalls der Übung bestimmte Laboratorium allmählich zugleich den Charakter eines Forschungsinstituts [144] für die älteren Mitglieder. Dabei war teils das Vorbild der klinischen Institute bestimmend, bei denen das praktische Bedürfnis, brauchbare Ärzte heranzubilden, einen ähnlichen Wandel schon seit längerer Zeit hatte eintreten lassen; teils und hauptsächlich aber wirkte hier das unter dem Einfluss der wirtschaftlichen Entwicklung immer dringender werdende Begehren nach wissenschaftlich geschulten Leitern technischer und industrieller Unternehmungen vor allem auf die Entwicklung der chemischen und dann auch der physikalischen Laboratorien im gleichen Sinne zurück.

Dem gegenüber haben sich die Seminarien der Geisteswissenschaften, von denen diese ganze Bewegung ausgegangen war, lange Zeit nicht oder nur wenig über ihr primitives Anfangsstadium erhoben. Ihnen standen alle jene Motive nicht zur Seite, denen besonders die chemischen Laboratorien, aber dann nach ihrem Vorbilde auch die anderen naturwissenschaftlichen Institute ihre von der öffentlichen Meinung unterstützte Förderung von Seiten der Regierungen verdankten. Während ein einziges Laboratorium dieser Art gegenwärtig den dreifachen Aufwand erfordert, der vor kaum einem Jahrhundert für die Unterhaltung einer ganzen Universität genügte, sahen sich bis vor kurzem und sehen sich zum Teil noch heute die geisteswissenschaftlichen Seminarien auf die Unterkunft in einem Auditorium der Universität und auf eine minimale Summe für die Anlegung einer kleinen Bibliothek angewiesen. Da begann in neuerer Zeit von einer anderen Seite her ein Motiv wirksam zu werden, welches die Leiter solcher Seminarien zu weiteren Forderungen antrieb. Dieses Motiv bestand in der Verfertigung einer Dissertation, mit welcher der die Universität verlassende Kandidat als einem Zeugnis seiner eigenen wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit seine Studien abzuschliessen pflegt, um mit ihr den Doktorgrad zu erwerben. Indem sich auch in den Geisteswissenschaften das Seminar als die in manchen Fächern unentbehrliche Einrichtung für die Abfassung einer solchen Arbeit erwies, wandelte es sich so von selbst allmählich in ein Institut um, welches Übungs- und Forschungszwecken zugleich dient. Der Erfüllung dieses doppelten Zweckes stehen jedoch noch heute Hindernisse im Wege, die nur zum Teil, und auch das nur an einzelnen Universitäten hinweggeräumt sind. Erstens ist es selbstverständlich, dass ein Institut, das der wissenschaftlichen Arbeit dient, der Räume bedarf, in denen diese ungestört von den Hemmungen einer studentischen Privatwohnung und besonders im Anfang unter dem beratenden Einfluss akademischer Lehrer geleistet werden kann. Zweitens bedarf ein solches Institut notwendig einer grösseren Handbibliothek, die zu jeder Zeit unbeeinträchtigt von der Konkurrenz um die Benutzung der allgemeinen Universitätsbibliotheken zur Verfügung steht. An unseren grösseren Universitäten und zum Teil auch an den kleineren haben sich nun, diesem fortan wachsenden Bedürfnisse nachgebend, allmählich Seminarien entwickelt, die sich mehr und mehr über fast alle Gebiete der Geisteswissenschaften erstrecken. So schliessen sich an die Seminarien für klassische Philologie archäologische Institute, ferner germanistische, romanistische, anglizistische an. Dazu kommen, abgesehen von den der juristischen und theologischen Fakultät angehörenden, staatswissenschaftliche und nationalökonomische, historische Institute, die meist wieder in verschiedene Abteilungen zerfallen, endlich philosophische und an einigen grösseren Universitäten indogermanistische, semitologische, assyriologische, schliesslich zum Teil in das naturwissenschaftliche Gebiet hinüberreichend, psychologische Laboratorien. Hinter der Fülle der Anforderungen, die diese zahlreichen Institute stellen, bleiben aber die Mittel zu einer auch nur annähernden Befriedigung ihrer Bedürfnisse selbst an den meisten der grösseren Hochschulen immer noch weit zurück. Nun lässt sich freilich die Frage aufwerfen, ob eine der Pflege der praktischen Arbeiten im Gebiete der Naturwissenschaften auch nur annähernde Gleichstellung hier überhaupt zu erstreben sei. Gewiss würde ja die Wissenschaft keine sonderliche Schädigung erfahren, wenn sich die Anzahl der Dissertationen, die alljährlich unsere philosophischen Fakultäten produzieren, statt fortwährend zu wachsen, erheblich vermindern sollte. Aber dem ist doch entgegen zu halten, dass dieser Zudrang zur wissenschaftlichen Arbeit genau dem Zudrang zum akademischen Studium parallel geht, und dass sich dieser mit der allgemeinen Entwicklung des öffentlichen Lebens in engem Zusammenhänge stehenden Bewegung unmöglich Halt gebieten lässt. Vielmehr macht sich auch hier ein nationales Bedürfnis nach erweiterter und vertiefter Bildung geltend, dem sich die Universitäten, wenn sie nicht ihren Beruf verfehlen sollen, unmöglich entziehen können. Dazu kommt noch ein anderes Moment, das schliesslich als die treibende Macht, die hinter dieser Ausbreitung [145] des seminaristischen Unterrichts steht, mehr noch als jenes Bedürfnis anerkannt werden muss. Es besteht darin, dass eine gründliche Bildung auf irgend einem wissenschaftlichen Gebiet überhaupt nur durch eigene, soviel als möglich selbständige Arbeit erworben werden kann, dass aber zu dieser Arbeit zunächst eine Anleitung erforderlich ist, wie sie nur in dem Verkehr zwischen Lehrern und Schülern, den die akademischen Seminarien gewähren, möglich ist. Dabei handelt es sich keineswegs darum, dass diese wissenschaftliche Selbsttätigkeit sich auf alle Gebiete erstrecken müsse, in denen der Studierende so viel als möglich ein selbständiges Urteil gewinnen soll. Vielmehr wohnt auch hier der eigenen Arbeit die Kraft inne, dass sie über ihr engeres Gebiet hinaus in die Methode wissenschaftlicher Untersuchung überhaupt einführt und dadurch zur Kritik der Leistungen anderer befähigt. Gerade dies kann aber durch das bloss rezeptive Studium niemals erreicht werden. Man muss eben in der Wissenschaft wie in der Kunst bis zu einem gewissen Grade selbst produzieren können, um die Erzeugnisse fremder Tätigkeit zureichend zu würdigen.

Schliesslich ist noch eine Seite der praktischen Seminararbeit hervorzuheben, die, während die vorige der Gesamtheit der Heranzubildenden zugute kommt, der Ausrüstung der Hochschule selbst mit tauglichen Lehrkräften dient. Je grösser die Zahl der Studierenden wird, die in den Seminarien die Anleitung zu eigener wissenschaftlicher Arbeit suchen, um so mehr bedarf der Leiter eines solchen Seminars selbstverständlich der Hilfskräfte, der Assistenten, die ihn unterstützen. Indem die Assistenten im allgemeinen aus den älteren Studierenden hervorgehen, aus deren Zahl naturgemäss wieder die am meisten Befähigten zu solchen Stellungen gesucht werden, bilden die letzteren die einzig richtige Vorschule zu künftiger eigener Dozententätigkeit. Sie bieten dabei zugleich dem Einzelnen eine Gelegenheit, seine Befähigung zum akademischen Beruf zu erproben, wie sie durch kein anderes Mittel ersetzt werden kann, während doch dabei den Enttäuschungen vorgebeugt wird, die nur zu oft gerade in den Geisteswissenschaften jungen Männern bevorstehen, die sich, ohne in dieser Weise ihre Kräfte erprobt zu haben, den Wechselfällen der akademischen Laufbahn anvertrauen.