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Die Anschauungen von den Alpen im Wechsel der Zeiten

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Textdaten
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Autor: Julius Löwenberg
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Titel: Die Anschauungen von den Alpen im Wechsel der Zeiten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 611
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Anschauungen von den Alpen im Wechsel der Zeiten.

Unter den Tausenden, die alljährlich im Spätsommer von ihren Ausflügen in das Gebirge, namentlich in die Alpen, heimkehren und in schwärmerischer Begeisterung an die Schönheiten und ästhetischen Genüsse, die sie hier in reichster Fälle gehabt haben, zurückdenken, sind sicher nur wenige, die sich dessen bewußt sind, daß der Mensch in früheren Zeiten diese Genüsse nicht gekannt und am allerwenigsten sie in solchen Gegenden erwartet und gesucht hat.

Der ästhetische Genuß an den Schönheiten der Alpenlandschaft ist erst ein Kind der neuesten Zeit. Ja, in früheren Jahrhunderten waren die in Alpenlandschaften aufgenommenen Eindrücke gerade die entgegengesetzten, und es ist nicht uninteressant, den historischen Gang dieser Wandlung zu verfolgen.

Schon die Römer hatten durch Hannibal, die Cimbern und Teutonen, die helvetischen Kriege Kunde von den Alpen. Aber diese Welteroberer kamen nie über ein unheimliches Grauen hinaus, welches die Hochgebirgswelt ihnen einflößte. Die Anschauungen der Römer von Grauen und Finsterniß in den Alpen gingen auch auf das Mittelalter über.

Schneegebirge fand man unschön und abschreckend; man bewunderte sie nicht, sie erfreuten auch nicht – man staunte sie nur als etwas Ungeheuerliches mit Entsetzen an. Es fehlte die ästhetische Freude an der Natur, und wer die Pässe und Uebergänge benutzen mußte, machte vorher sein Testament. Die Thäler und Höhen des Gebirges glaubte man mit menschenfeindlichen, geisterhaften Wesen bevölkert, und spukhafte Sagen knüpften sich an einzelne Berghöhen an, wie z. B. an den Pilatus.

Erst Konrad Gesner war es, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bei den Wanderungen im Hochgebirge freudigen Naturgenuß empfand. Diese neuere Anschauung begeisterte einzelne Männer zu dichterischen Beschreibungen. Rebmann führt sogar (in seinem „poetisch Gastmahl“) den Niesen und den Stockhorn in poetischer Unterredung – am 8. August 1600! – zusammen. Bei aller Komik seiner Poesie war auch ihm schon ein Dämmerschein von der Schönheit und Erhabenheit der Hochgebirgswelt aufgegangen. Aber trotz alledem förderte das ganze 17. Jahrhundert infolge der kriegerischen Unruhen weder in wissenschaftlicher noch in ästhetischer Beziehung die Kenntniß und Werthschätzung der Alpen.

Der belgische Gelehrte Daniel Eremita behauptete zu Anfang des 17. Jahrhunderts in seiner Beschreibung der Schweiz, „die Aelpler, die auf den höchsten Gebirgen ihre Viehheerden weiden, würden durch diese gänzliche Abgeschiedenheit dermaßen ihren Thieren gleich, daß sie die menschliche Sprache völlig verlernten.“ Selbst Künstler empfanden, mit Ausnahme des einzigen Salvator Rosa, nicht den Reiz der Alpenschönheit, während flache, kahle Ebenen als „feine, lustige“ Landschaften galten. Noch am Ende des 18. Jahrhunderts kann der Schweizer J. C. Füßli in seinem Werke „Staats- und Erdbeschreibung der schweizerischen Eidgenossenschaft“ nicht begreifen, wie man das Engelberger Thal schön heißen möge. „Was findet man da?“ ruft er aus; „nichts als scheußliche Berge, zwischen denselbigen ein schönes Kloster, aber ein schlechtes Dorf, hin und wieder zerstreute Häuser und eine kahle Almend. Keine Gärten, keine Fruchtbäume, keine das Auge belustigenden Felder sind da!“

Selbst die Alpenluft war im Verruf, und noch 1705 wurde mit großem Aufwand von Gelehrsamkeit behauptet, die „Schweizerluft“ mache wegen ihrer „Ungesund- und Grobheit“ die Gemüther der Bewohner ganz „dumm“. Daher rühre bei den Schweizern auch das Heimweh, weil sie in der Fremde eine gesündere und reinere Luft nicht vertragen könnten „gleich den Wiedehopfen, die, an den übelriechenden Mist gewöhnt, anderswo nicht leicht gedeihen.“

Der Züricher Stadtarzt Scheuchzer wurde endlich im Anfange des 18. Jahrhunderts der Verkündiger einer besseren Anschauung. Er empfand in den Alpenlandschaften „größere Belustigung und mehr Eifer zur Aufmerkung, als bei den Füßen des großen Aristoteles, Epicur und Cartesius“. In dem Hochgebirge sah er ein erhabenes, bis in seine einzelnen Theile wohldurchdachtes prachtvolles Bauwerk. Er hat das unschätzbare Verdienst, das Dunkel wesentlich erhellt zu haben, welches dem menschlichen Auge so lange die Schönheiten der Alpen entzog.

Was Scheuchzer begonnen, führte Albrecht v. Haller seit 1728 weiter aus. In ihm hatten die Schönheiten der Alpen ihren würdigen Sänger gefunden, und seitdem erst sind auch die zeichnenden Künste nicht mehr zurückgeblieben.

So wurden durch das Zusammenwirken verschiedenartiger Anregung die Alpen schon häufiger besucht und bewundert, und so wurden die montagnes maudites und der Montblanc, der höchste Alpenriese, der Scheuchzer im Anfange des 18. Jahrhunderts noch unbekannt geblieben war, durch die Briten Windham und Pocock entdeckt. Aber erst die Forschungen eines La Condamine unter dem Aequator, auf den Gipfeln der Cordilleren in Peru, wirkten nach Europa zurück, um 1787 Horace de Saussure mit Barometer und Thermometer auf den Gipfel des Montblanc zu führen. Seitdem begannen die zahlreichen Wanderungen in die Alpen und die Besteigungen ihrer Höhen.

Ueber Beweggrund, Zweck und Ziel dieser Wanderungen sagt Fr. v. Tschudi: „Ein unbekanntes Land, ein Land voll Zauber und märchenhafter Pracht schimmert über den letzten grünenden Bergstufen, über den letzten und breiten, grauen Felsengalerien, still und ernst wie der Tod, erhaben und majestätisch, wie die Herrlichkeit des Ewigen, ein Bindeglied zwischen Himmel und Erde, wo der Mensch und die ihm gerechte warme Natur keine Heimath mehr findet, wo dieser stolze Herrscher der Welt, von dem Gefühle seiner Ohnmacht übermannt, nur stundenlang, nur mit flüchtigen Pilgerschritten einen Gang zu den höchsten Wundern der Erde wagt. Es ist ein geheimnißvoller, unerklärlicher Reiz, der ihn anlockt, den überall lauernden Todesgefahren zu trotzen, sein warmes, zerbrechliches Leben über viele Meilen lange Gletscher zu tragen, oft in der selbsterbauten elenden Hütte es mühselig gegen tobende Stürme und tödlichen Frost zu bergen und dann, zwischen Tod und Leben hängend, mit kurzem Odem und zitternden Gliedern die schmale Sohle eines majestätisch thronenden Schneegipfels zu gewinnen.“

Der Besuch der schweizer Alpen hat seither sich von Jahr zu Jahr gesteigert; heutzutage sind der Besteigungen unzählige, sie sind zu einem förmlichen Sport geworden, der denn auch nicht verfehlt hat, berechtigte Mißbilligung herauszufordern.

Oft werden ja leider solche Besteigungen nicht um der körperlichen und geistigen Erfrischung, nicht um eines wissenschaftlichen Zweckes willen unternommen, sondern um einer Leidenschaft oder gar einer Eitelkeit zu fröhnen.

Der „Bergfex“ sucht den Reiz der Gefährlichkeit, wie der verwöhnte Gaumen nach immer raffinirteren Speisen verlangt; für ihn ist nicht mehr das die Hauptsache, daß er einen Gipfel erreicht, um sich von seiner Höhe aus in die Anschauung einer großartigen Bergwelt bewundernd zu versenken, sondern das, daß er diesen Gipfel auf möglichst unbetretenem und möglichst halsbrecherischem Pfade oder vielmehr Nichtpfade „nimmt“. Das ist eine Verirrung, gegen die ebensosehr Verwahrung eingelegt werden muß, als wenn ein Feldherr eine Schlacht in absichtlich ungünstig gewählter Stellung schlagen wollte, um dadurch den Reiz des Sieges zu erhöhen. Diese unsinnig waghalsigen Bergtouren, die fast alljährlich ihre Opfer fordern, mögen noch so sehr mit erhabenen Empfindungen verbrämt werden, sie sind und bleiben ein Spiel mit Menschenleben und darum sind sie unsittlich. Ein Menschenleben darf nur dann eingesetzt werden, wenn ein erhabener Zweck da ist, der den möglichen Verlust aufwiegt.

Es verdient aber andererseits anerkannt zu werden, daß neben diesen Sportsleuten auch eine stets sich mehrende Zahl solcher Männer sich der Erschließung neuer Regionen in den Alpen widmet, die wirklich wissenschaftliche Zwecke, sei es auf dem Gebiete der Topographie und Geologie, der Botanik, Mineralogie und Zoologie oder auf dem der Meteorologie und verwandter Zweige, verfolgen. Sie sind würdige Nachfolger eines La Condamine und Saussure; ihnen folgt, auch wenn sie auf dem stets sich verengenden Felde des Unbekannten nur kleine Erfolge erzielen, doch die Achtung der Gebildeten und ein ehrendes Andenken, falls sie über solchem Thun ihr Geschick ereilen sollte. Julius Löwenberg.