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Die Anarchisten

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Autor: C. Falkenhorst
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Titel: Die Anarchisten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 309–312
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[309]
Die Anarchisten.
1.0 Philosophierende Anarchisten.

Die Franzosen Saint Simon und Fourier, die ersten namhaften Verkünder sozialistischer Lehren, hatten sich überlebt. Die neue Saint Simonistische Religion hatte keinen Anklang gefunden und ihr Oberhaupt, der „Vater“ Enfantin, beschloß seine Laufbahn mit nur achtunddreißig Getreuen vor dem Gerichte, das sich mit der Weibergemeinschaft und anderen Lehren der Propheten nicht zu befreunden vermochte. Auch die von Fourier angepriesenen „Phalansteren“, jene gemeinschaftlichen Wohn- und Arbeitsräume, in denen die Menschheit sich glücklich fühlen sollte, hatten sich als ein schöner Traum erwiesen. Die Nachfolger der ersten Propheten, welche nach dem Sturze des französischen Königreiches in den Wirren der Jahre 1847 und 1848 mit ihren Nationalwerkstätten keinen Erfolg hatten, wohl aber die Macht in der zweiten Republik an sich reißen wollten, hatten den kürzeren gezogen. In den furchtbaren Straßenkämpfen, welche im Juni 1848 durch Paris tobten, hatte das Bürgerthum den Sieg davongetragen. Die Sozialisten waren besiegt, aber die soziale Flage war dadurch nicht gelöst worden; sie blieb ein fortlaufender Gegenstand der öffentlichen Tagesordnung.

In jenen Jahren stand ein Mann auf der Höhe seiner Bedeutung, der sich gleichfalls mit sozialen Problemen befaßte, aber es weder mit den sozialistischen Parteien seiner Zeit, noch mit den Anhängern der alten Gesellschaftsordnung hielt, sondern seine eigenen Wege wandelte. Dieser Mann war Pierre Joseph Proudhon, der den breiten Massen durch den kecken Satz: „Eigenthum ist Diebstahl“ bekannt wurde und auf dessen Schultern sich im Laufe der Jahrzehnte die finstere Partei der Anarchisten zu ihrer gegenwärtigen Bedeutung erheben konnte; denn Proudhon gebührt der herostratische Ruhm, die „Anarchie“, d. h. die Herrschaftslosigkeit, als eine Form für die menschliche Gesellschaft ausgedacht zu haben; er war der erste, der lehrte, daß die Menschen ohne Regierung und ohne irgendwelche Gesetze leben könnten, und war verblendet genug, zu behaupten, daß sie dabei glücklicher werden würden als in der heutigen Gesellschaftsform.

Damals legte man dem Auftreten Proudhons keine große Wichtigkeit bei; der Mann war kein Volkstribun, der in zündenden Reden die Volksmassen mit sich hätte fortreißen können, er war mehr ein Philosoph, ein Grübler und ein Denker, dessen [310] geistreiche Pointen nur die Gebildeteren verstehen konnten, und außerdem zog er aus seinen Lehren nicht alle die bedrohlichen Folgerungen, die in ihnen verborgen waren. Dieser eigenartige Weltverbesserer, der alle Gesetze aufheben wollte, mußte bei sämmtlichen Parteien, sowohl bei den Reaktionären wie bei den röthesten Sozialisten, Anstoß erregen, und die Franzosen fanden auch ein geflügeltes Witzwort, durch das sie Proudhon lächerlich zu machen suchten; sie fanden in dem Worte Anarchie einen Anklang an das Wörtchen ane, welches „Esel“ bedeutet, und nannten das neue System, mit dem die Welt beglückt werden sollte, nicht Herrschaftslosigkeit, sondern Eselsherrschaft.

Heute denkt die Welt über die Folgen der Lehren Proudhons anders; denn von allen Seiten her wird sie durch Nachrichten von verbrecherischen Attentaten in Empörung versetzt – von Attentaten, die aller Menschlichkeit spotten und nicht mehr als Zeichen eines politischen Kampfes, sondern als Ausgeburten einer finsteren Zerstörungswuth gedeutet werden müssen.

Im 4. Jahrhundert v. Chr. Geburt lebte in Ephesus ein gewisser Herostratos, der den Tempel der Diana in Brand steckte, nur um durch eine unerhörte That seinen Namen auf die Nachwelt zu bringen. Der herostratische Trieb, der an den Wahnsinn grenzt oder bereits eine Frucht desselben ist, hat sich zu allen Zeiten in einzelnen Menschen bethätigt, und so hörte man oft von Verbrechen, welche für den gesunden Menschenverstand geradezu unbegreiflich waren. Es hat auch zu verschiedenen Zeiten politische Parteien gegeben, welche, um ihr Ziel zu erreichen, vor dem Verbrechen nicht zurückscheuten, aber sie bildeten stets nur vereinzelte Erscheinungen in der Geschichte.

Erst das 19. Jahrhundert hat eine Partei gezeitigt, welche die Zerstörung um jeden Preis auf ihre Fahne geschrieben hat, und der Geschichtschreiber unserer Zeit muß mit Beschämung feststellen, daß diese Grundsätze nicht etwa einmal wie ein unheimlicher Brand aufflackerten, um für immer zu erlöschen, sondern daß sie in den Massen von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt großgezogen werden konnten. In der That bildet die Geschichte des Anarchismus ein traurig düsteres Kapitel der Weltgeschichte, das mit philosophischen Redensarten beginnt und bereits bei vergossenem Blute und Dynamitbomben angelangt ist.

Pierre Joseph Proudhon wurde am 15. Juli 1809 als der Sohn eines armen Böttchers zu Besançon geboren. Er widmete sich dem Buchdruckergewerbe und wurde aus dem Setzer zum Theilhaber einer Buchdruckerei. Er war von einem regen, aber auch unruhigen Geiste, begann verschiedene Wissenschaften zu studieren und gab eine Grammatik heraus, wofür ihm die Akademie zu Besançon ein Stipendium von 1500 Franken auf drei Jahre ertheilte. Eine Preisfrage volkswirthschaftlicher Natur führte ihn auf das Gebiet des Sozialismus, und er überraschte von Paris aus die Akademie zu Besançon mit einer Schrift, welche den Titel: „Qu’est-ce que la propriété?“ (Was ist Eigenthum?) führte. Die Akademie äußerte Proudhon unverblümt ihr stärkstes Mißfallen und entzog ihm das Stipendium, aber die Schrift wurde für Proudhon und für viele andere, wie wir später sehen werden, grundlegend. Bereits in ihr hatte Proudhon die Grundzüge seines Systems aufgestellt, das in seinen späteren Werken nur noch näher ausgeführt wurde.

Der weise Mann von Besançon fand den Grund des sozialen Elends darin, daß in der heutigen Welt ungleiche Werthe zwischen dem Arbeiter und Eigenthümer ausgetauscht werden. Infolge seiner kapitalistischen Uebermacht bezahlt der Eigenthümer dem Arbeiter nicht den vollen Werth von dessen Leistung „und so erntet er, wiewohl er nicht säet, verzehrt er, wiewohl er nicht produziert, genießt er, wiewohl er nicht arbeitet.“ Der Eigenthümer wird auf diese Weise zum Dieb und Eigenthum ist Diebstahl. Alle Staatseinrichtungen und Gesetze laufen darauf hinaus, das Eigenthum zu schützen. Darum fort mit diesen Regierungen und Gesetzen! Jeder Mensch soll seinen eigenen Neigungen folgen dürfen, jeder arbeiten, was, wann und wieviel ihm beliebt. Nichts soll ihn beherrschen als seine eigene Vernunft und sein eigenes Gefühl und – das ist selbstverständlich – die Grundsätze, die Herr Proudhon für die Regelung des Austausches der Werthe aufstellt.

Der Krebsschaden unserer sozialen Einrichtung ist nach ihm der Austausch ungleicher Werthe; und er giebt einen „unfehlbaren“ Maßstab für die Beurtheilung des Werthes einer Leistung.

Gleichen Werth haben nach seiner Lehre Produkte, wenn sie in der gleichen Zeit und mit gleichem Aufwand hergestellt werden; also eine Stunde Freskomalerei wird ebenso bezahlt wie eine Stunde Kohlengraben; denn der Unterschied der Leistung hängt ja nur von Fähigkeiten der Menschen ab, und ein Musiker wie Beethoven wird für den gleichen Lohn lieber komponieren als Feldarbeiten verrichten!

Wer bezahlt aber den Lohn? Eine Behörde giebt es nicht. Nein, jeder, der etwas von einem anderen will, soll mit ihm einen Vertrag abschließen, und diese Verträge sollen die Stelle der Gesetze einnehmen.

Es wäre müßig, den Beweis führen zu wollen, daß in der Proudhonschen Gesellschaftsordnung die Uebervortheilung des einen durch den anderen Vertragschließenden im weitesten Maße möglich und die Folge davon erst recht die soziale Ungleichheit wäre. Wir möchten nur noch erwähnen, daß der erste Verfechter der Anarchie als eine Gewähr für die wirkliche Unabhängigkeit aller Produzenten den Privatbesitz hinstellte, leider aber es unterließ, genau zu bezeichnen, wie dieser Privatbesitz anders als das Eigenthum beschaffen sein sollte.

Um seine Ideen praktisch zu erhärten, gründete Proudhon während der Revolutionswirren eine „Tauschbank“, die aber kaum zur Thätigkeit gelangte, da ihr Gründer wegen Preßvergehen verhaftet und verurtheilt wurde.

Proudhon starb im Jahre 1865. Die verhängnißvolle Erbschaft, die er der Nachwelt hinterließ, war der Gedanke an einen Staat ohne Regierung und ohne Gesetze, kurz, der Gedanke des Anarchismus.

Proudhon selbst war kein Mensch, der zu Gewaltthaten neigte, er meinte, daß seine Weltordnung durch die ihr innewohnende geistige Kraft zum Siege gelangen würde. Vom allgemeinen Stimmrecht erwartete er nichts; da die Massen sich doch nur durch Führer leiten ließen, nannte er das allgemeine Stimmrecht „Erdrosselung des öffentlichen Bewußtseins“. Die Durchführung seiner Pläne erhoffte er lediglich von der Propaganda, von der Verbreitung seiner Lehren. „Sind die Ideen aufgestanden,“ sagte er, „so stehen die Pflastersteine von selbst auf, wenn anders die Regierung nicht vernünftig genug ist, sie nicht abzuwarten. Ist das nicht der Fall, so hilft alles nichts.“

Wir werden sehen, in welcher Weise der Gedankengang des Weisen von Besançon von seinen Nachfolgern fortgesponnen wurde.

Die Lehren Proudhons fanden in den vierziger Jahren ein wenn auch schwaches Echo in Deutschland. Es fanden sich hier in der gährenden sturmbewegten Zeit einige Leute, welche im Proudhonschen Sinne weiter philosophierten. Neben dem Agitator Moses Heß waren es namentlich die Schriftsteller Karl Grün, Max Stirner und W. Marr. Karl Grün versprach sich von dem herrschaftslosen Staate ein wahres Paradies auf Erden: was die Menschheit zu ihrer Lebensnothdurft brauche, das könnten an den vervollkommneten Maschinen Kinder unter fünfzehn Jahren „in Festkleidern als Spiel zur Zerstreuung“ produzieren. Max Stirner wußte an den Egoismus zu appellieren; der anarchistische Staat bestand nach ihm aus einem freien Verein von Individuen, und die Vortheile, die der einzelne daraus ziehen könnte, beleuchtete er mit den Worten: „Den Verein benutzest Du und giebst ihn pflicht- und treulos auf, wenn Du keinen Nutzen aus ihm zu ziehen weißt. Die Gesellschaft verbraucht Dich, den Verein verbrauchst Du!“ Wilhelm Marr schoß über Proudhon weit hinaus, in dem er unter anderem die Vernichtung der Ehe predigte.

Dieser deutsche Anarchismus verschwand mit den Stürmen der vierziger Jahre von der Bildfläche, und auch Proudhon wurde vergessen; das Schlagwort „Anarchie“, welches der Franzose ausgegeben hatte, sollte erst später von den Russen wieder aufgenommen werden. Erst als das Geistreichthun der Franzosen mit der rohen Gewalt der Russen sich paarte, sollte die Welt durch die ungeheuerliche Schöpfung des heutigen Anarchismus überrascht werden.


2.0 Die Propaganda der That.

Am Anfang der sechziger Jahre gewann die sozialistische Bewegung neue Nahrung; in jene Zeit fällt die Gründung der „Internationale“ und der deutschen sozialdemokratischen Partei. Im Gefolge der Sozialistenführer erschien damals ein Mann, der schon auf eine wechselvolle revolutionäre Thätigkeit zurückblickte, der in den vierziger Jahren in Deutschland und Oesterreich [311] zum Tode verurtheilt und dann begnadigt worden war, der später als Strafkolonist Sibirien kennengelernt hatte und über Japan nach Kalifornien geflohen war: dieser Mann war Michael Bakunin. Er war zum Vertreter der radikalsten Richtung geworden und wurde sowohl von der Internationale als von den Sozialdemokraten ausgestoßen, aber er ließ sich nicht mäßigen und halten; er ging seinen Weg weiter und gründete seine eigene Partei, indem er von Proudhon das Schlagwort „Anarchie“ entlehnte. Für Bakunin bedeutete jeder Staat Herrschaft und somit jeder Staat Despotismus – Freiheit könne man nur von einer „freien Vereinigung“ von Menschen ohne jeden gesetzlichen Zwang erwarten. Wie diese Vereinigung beschaffen sein sollte, darüber zerbrach sich Bakunin den Kopf nicht, er erklärte vielmehr rundweg, daß es müßig sei, sich mit der genaueren Ausmalung der idealen Zukunftsgesellschaft zu befassen, da diese nach dem Sturze der alten sich von selber entwickeln werde. So mußten alle, die das Los der Menschheit verbessern wollten, nach seiner Meinung nur darauf bedacht sein, den Sturz der heutigen Gesellschaft herbeizuführen.

Auf Reformen ließ sich Bakunin nicht ein; parlamentarische Kämpfe waren für ihn ein müßiges Unterfangen, die Masse der Wähler werde ja doch durch einige wenige Führer beeinflußt, die Stimmzettel waren in seinen Augen keine Waffe – und er hatte von seinem Standpunkt ganz recht; denn auf den unsicheren Wechsel der herrschaftslosen Vereinigung, die sich erst nach dem Sturze der heutigen Gesellschaft bilden sollte, hätte er niemals eine größere Zahl von Anhängern werben können; er wäre auf sein leeres Programm niemals in ein Parlament gewählt worden.

Er predigte darum die Anwendung der Gewalt zur Vernichtung des Bestehenden. Seine Anhänger sollten sich die Aufgabe stellen, Anarchie, d. h. Gesetzlosigkeit und Unordnung im heutigen Sinne des Wortes herbeizuführen. Bakunin war es, der in dürren Worten die furchtbare Losung gab: „Anarchie in dem Sinne der Entfesselung alles dessen, was man heute böse Leidenschaften nennt, und der Vernichtung desjenigen, was man in derselben Sprache öffentliche Ordnung nennt!“ Zu diesem Zwecke gründete er einen Geheimbund, dessen Mitglieder laut seinen Satzungen „revolutionäre Leidenschaft besitzen, ja den Teufel im Leibe haben sollten“. Die Aufgabe des Geheimbundes bestand darin, den Generalstab für die kommende Revolution heranzubilden.

Man sollte meinen, daß Bakunin an katilinarischer Gesinnung das Möglichste geleistet habe, aber er wurde dennoch an Feuereifer von einem seiner Schüler übertroffen.

In dem Geheimbund Bakunins befand sich ein junger Mann von etwa 22 Jahren. Es war Sergei Netschajew, Sohn eines Hofbedienten und ehemaliger Lehrer in einer russischen Dorfschule. Bakunin und Netschajew lernten sich in der Schweiz kennen und von hier aus sandte Bakunin seinen Jünger nach Rußland; er sollte „unter das Volk gehen“ und auch in Rußland den Generalstab für die künftige Revolution sammeln. Die Hauptthätigkeit Netschajews fällt in das Jahr 1869.

Noch jung an Jahren, wandte sich Netschajew vor allem an die studierende Jugend und beredete seine Anhänger, die Hörsäle zu verlassen und „unter das Volk zu gehen“. Sie sollten für die kommende Revolution nicht nur die Bauern, sondern alle Stände zu gewinnen suchen, ja selbst vor dem Bunde mit Räubern nicht zurückschrecken. Als Anweisung für diese seine Sendlinge entwarf Netschajew feinen „Katechismus des Revolutionärs“.

Der Revolutionär sollte nach den Geboten Netschajews mit allem brechen, was ihm bis dahin lieb und heilig gewesen war.

Für ihn sollte es fortan nur einen Trost, nur einen Genuß, einen Lohn und ein Verlangen geben: den Erfolg der Revolution. Tag und Nacht sollte ihn nur ein Gedanke beschäftigen: der Gedanke an die unerbittliche Zerstörung. „Das Wort,“ lehrte Netschajew, „hat für uns nur Werth, wenn ihm die That auf dem Fuße folgt“, und zur Ausführung dieser That sollte man sich aller möglichen Mittel bedienen. Gift, Dolch, Strick u. s. w., alle Mittel billigte Netschajew, „denn die Revolution heiligt alles ohne Unterschied.“

Und welches Ideal, welche neue Staats- oder Gesellschaftsordnung schwebte diesem furchtbaren Fanatiker vor?

Gar keine! lautet die Antwort. Darin offenbart sich der schaurige Wahn des Anarchismus; er will nichts aufbauen. Die Gestaltung des neuen freien Reiches überläßt Netschajew – den künftigen Geschlechtern. „Unsere Arbeit,“ ruft er, „ist die schreckliche, totale unerbittliche Zerstörung!“ Diese Art der Revolution nannte Netschajew die „Propaganda der That“.

Netschajew wirkte in Rußland nur eine kurze Zeit. Er fürchtete von einem der Mitglieder seines Geheimbundes, daß es ihn an die Regierung verrathen würde, und er kam ihm zuvor, indem er es ermordete. Infolgedessen floh er nach der Schweiz, wurde aber von dieser im Jahre 1872 an die russische Regierung ausgeliefert. Niemand vermag zu sagen, was aus ihm geworden ist; mit seinem Verschwinden in den russischen Gefängnissen bricht die Lebensgeschichte des Erfinders der „Propaganda der That“ ab.




3.0 Am Zerstörungswerk.

So haben die Russen auf Grund der Proudhonschen Philosophie den modernen Anarchismus geschaffen, den Proudhon selbst ohne Zweifel mit Abscheu verdammt hätte. Allein dieser reine moderne Anarchismus kam in Rußland wenig zur Geltung; dort bildete sich eine besondere revolutionäre Partei aus, welche durch ihre Schreckensthaten zu einer unheimlichen Macht wurde, aber die Ziele dieser russischen „Nihilisten“ sind politisch-nationaler Natur, so daß man diese Partei mit dem Anarchismus nicht verwechseln darf.

Dagegen fanden die Lehren Bakunins und Netschajews in hirnverbrannten Köpfen des europäischen Westens Anklang. Bakunin starb im Jahre 1873, doch seine Schüler setzten in der Schweiz die Agitation fort, und es gelang ihnen, dieselbe auch nach Deutschland zu verpflanzen. Zum Verfechter der Propaganda der That wurde hier Reinsdorf und später Johann Most, der, wie einst Bakunin, wegen seiner radikalen Anschauungen von der sozialistischen Partei sich trennen mußte. Die Schandthaten des Anarchismus in Deutschland sind jedem bekannt: auf diese wüste Agitation ist das Attentat Hödels auf den Kaiser Wilhelm I. im Jahre 1878 zurückzuführen; hierher gehört der Plan Reinsdorfs, im Jahre 1883 die deutschen Fürsten am Niederwalddenkmal in die Luft zu sprengen; eine Anarchistenthat war ferner die Ermordung des Polizeiraths Rumpff in Frankfurt a. M. durch Lieske im Jahre 1885 und allem Anschein nach auch der räuberische Angriff auf den Dekan Poninski in Koscielec, Reg.-Bez. Bromberg, von dem vor einigen Wochen Kunde zu uns gelangt ist.

Der Anarchismus vermochte jedoch in Deutschland nicht größere Fortschritte zu machen; denn er wurde nicht nur von der Regierung, sondern auch von den Leitern der sozialdemokratischen Partei bekämpft, Sozialdemokratie und Anarchismus gehen ja nicht nur in der Taktik, sondern auch in den Zielen auseinander. Die Sozialdemokratie will die Welt durch eine zwangsweise Regelung der Produktion verbessern, ihre Bestrebungen sind mehr oder weniger kommunistischer Natur, während der Anarchismus im vollsten Gegensatz hierzu allen Zwang aufheben will.

Unter dem modernen Anarchismus hat ferner Spanien zu leiden. Die Anarchisten benutzten schon die Revolution im Jahre 1873, um ihr Haupt zu erheben und sich sogar einiger Städte im Süden zu bemächtigen; sie wurden damals bald niedergeworfen und als sie später durch den Geheimbund „die schwarze Hand“ einen neuen Aufstand vorbereiten wollten, wurde dieser rechtzeitig entdeckt und im Keime erstickt. Leider aber hat nach den jüngsten Berichten der Anarchismus in Spanien wieder an Ausbreitung gewonnen.

Oesterreich wurde zu Anfang der achtziger Jahre von der anarchistischen Agitation heimgesucht; hier schritten die Anarchisten zum Morde von Privatpersonen, um sich Mittel für die Partei durch Raubmord zu verschaffen. Nach der Hinrichtung der Hauptschuldigen Stellmacher und Kammerer gelang es jedoch der Regierung, die Bewegung in kurzer Zeit zu unterdrücken.

Wenn auch England selbst von anarchistischen Attentaten verschont blieb, so bildete doch London lange Zeit den Schlupfwinkel der Anarchisten, hier gab auch Most seine berüchtigte Zeitung „Die Freiheit“ heraus, in welcher er offen zum Morde aufforderte. Als er schließlich in London keinen Drucker mehr für sein Blatt finden konnte, zog er nach Amerika, um dort seine Thätigkeit fortzusetzen. Es ist geradezu ungeheuerlich, was der wilde, blutgierige Wahnwitz dieses Menschen an Aufreizung zu leisten vermochte. Er gab Anweisungen in der „revolutionären Kriegswissenschaft“ und empfahl Mittel zur Vernichtung von Menschen, die sonst nur in Irrenhäusern ausgeheckt werden. Einen Irrsinnigen, der wie [312] Most predigen würde, man solle bei Gesellschaften Gift unter die Speisen mengen, würde man sicher als einen gemeingefährlichen Menschen einsperren, – Most ging frei umher, obwohl er lehrte, daß nur der zwanzigste Theil der Bevölkerung zu vernichten sei, um die Anarchie herbeizuführen, was für Deutschland den Mord von zwei und einer halben Million Menschen bedeutet!

Die Hetzreden Mosts in Nordamerika führten bald eine Katastrophe herbei; als im Jahre 1886 der große Streik in Chicago ausbrach, mischten sich die Anarchisten unter die Streikenden; es kam zu Tumulten und Zusammenstößen mit der Polizei. Die Anarchisten suchten ihre „Kriegswissenschaft“ zu verwerthen und warfen eine Dynamitbombe unter die Polizeimannschaft; sechzig Tote und Verwundete bedeckten den Kampfplatz. Damit aber war die Geduld der Amerikaner erschöpft; man ergriff die Rädelsführer und ließ sie henken. Most freilich kam mit einer Freiheitsstrafe davon; aber der Anarchismus in Amerika wurde wenigstens für längere Zeit zurückgedrängt.

Frankreich, in welchem die Idee des Anarchismns ausgedacht wurde, blieb längere Zeit von den Gewaltthaten der Anarchisten verschont. Als Propheten des Anarchismus traten hier in den siebziger Jahren der bekannte Geograph E. Reclus und der russische Fürst Krapotkin auf; aber die Bewegung fand so wenig Anklang, daß in Paris anarchistische Zeitungen nur infolge von Unterstützungen erscheinen konnten, die ihnen der Polizeipräsident Andrieux zukommen ließ, um durch den Hinweis auf das Vorhandensein solcher Blätter die Strenge seines Systems zu rechtfertigen. Mit dem Rücktritt Andrieux’ hörte dieses falsche Gebahren auf und der Anarchismus schien im Erlöschen begriffen zu sein, obwohl schon die Namen der verschiedenen anarchistischen Klubs in Paris, „die Brandfackel“, „die Dynamitbombe“, „der Panther“ etc., nichts Gutes ahnen ließen. Und in der That sollte Frankreich in allerjüngster Zeit zum Schauplatz der ruchlosen Dynamitattentate eines Ravachol werden. Es ist zu erwarten, daß die Regierung der Republik mit der nöthigen Kraft vorgehen wird, um diesen neuen Herd der Partei der Zerstorung zu unterdrücken.

Das sind in kurzen Umrissen fünfzig Jahre der Geschichte des Anarchismus; ein schauerlicher Beitrag zu den traurigen Verirrungen des menschlichen Geistes. Proudhon hat gesagt: „Sind die Ideen aufgestanden, so stehen die Pflastersteine von selbst auf, wenn anders die Regierung nicht vernünftig genug ist, sie nicht abzuwarten.“

In der That, die Anarchisten sorgen dafür, daß selbst den Blinden die Augen aufgehen und daß die Regierungen Maßregeln ergreifen, damit die Pflastersteine nicht von selbst aufstehen. Andererseits ist aber auch zu hoffen, daß mit der allmählichen Besserung der sozialen Lage, bei weiteren Fortschritten einer vernunftgemäßen Lösung der sozialen Frage auf der alten gesellschaftlichen Grundlage, die Erbitterung der Massen nach und nach schwindet und damit dem Anarchismus der Boden, auf dem er heute wuchert, entzogen wird. C. Falkenhorst.