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Die Algen-Esser

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: H.
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Titel: Die Algen-Esser
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 463
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[463] Die Algen-Esser. Auf einer Sommerreise ging ich zur Mittagszeit in dem Kretscham eines schlesischen Gebirgdorfes mit einem tüchtigen Appetit vor Anker. Obwohl ein gewisser lieblicher Duft, der benachbarten Küche entströmend, wohl geeignet war, meiner Phantasie ein lucullisches Mahl vorzugaukeln, blieb mir „bien echauffe“, wie ich war, doch Nüchternheit genug, um die vorsorgliche Frage zu thun: ob ich etwas Salat zum Braten bekommen könnte? „Ach ja,“ meinte die freundliche Wirthin, „aber ich weiß nicht, ob er dem Herrn schmecken wird. Es ist ein neumodischer Salat. Der Herr Doctor hat ihn uns empfohlen; er soll sehr gesund sein.“ An Kresse oder Rapunze denkend, bestellte ich eine ordentliche Portion mit „Oel und Essig“ und war nicht wenig erstaunt, bald daraus eine Untertasse mit einer grünen Masse vor mir zu sehen, die einem Gericht Spinat ähnlicher sah, als irgend welchem mir bekannten Salat. Die „Nasenprobe“ hatte kein Resultat geliefert, drum mußte ich mich schon auf eine nähere Ocular-Untersuchung einlassen. Sofort fielen mir einige haarartige Fasern auf, die an meiner sondirenden Gabel hängen blieben, welche, wie sich später ergab, dem Verkürzungsversuch mit einem gewöhnlichen Brodmesser glücklich entgangen waren. Vorläufig genug für mich, den „gesunden Salat“ einstweilen ad acta zu legen, bis dem thierischen Theil meines Ich sein Recht geschehen. In der behaglichsten, contemplativen Stimmung, in den eine kräftige Mahlzeit nach einem frischen Morgengang durch die Berge zu versetzen pflegt, packte ich nun mein Taschenmikroskop aus, um zunächst durch den Gesichtssinn von der Natur des neumodischen Gerichtes nähere Kenntnis; zu erhalten. Was ich nach dem ersten Blick als eine unberechtigte Ahnung mit Mühe unterdrückt hatte, bestätigte sich jetzt. Es waren Algen, die man mir vorgesetzt hatte, und zwar Oedogonium Capillalceum

Da ich jedoch von einer neuen praktischen Entdeckung der Wissenschaft, welche Algen als Nahrungsmittel zu verwenden empfiehlt, bis dato noch nichts gehört hatte, begnügte ich mich vor der Hand damit, eine Messerspitze dieses köstlichen Stoffes in Papier verpackt zu meinen übrigen Raritäten zu legen. Allein damit wurde mein Forschungsdrang noch keineswegs befriedigt. War der Doctor, von dem die Rede gewesen, wirklich ein algenfressender Sonderling, oder ein junger, übermüthiger Spaßvogel, der die Leichtgläubigkeit der Leute gemißbraucht hatte? – Daß man mich nicht hatte mystificiren wollen, dafür sprach, außer andern Gründen, schon hinlänglich die treuherzig bedauernde Miene der Wirthin. Auch stand sie meinen neugierigen Fragen ebenso arglos als willig Rede. So erfuhr ich denn, daß vor einem Jahre etwa der Sanitätsrath N. aus H. die Brunnen des Ortes besucht, aus denselben allerlei grünen Schlamm gefischt und in weithalsige Flaschen und Fläschchen gelöffelt habe. Der neugierigen Dorfjugend, die ihn bei diesem Geschäfte umringte, drängte sich die ganz natürliche Frage auf: wozu das sei? worauf der gelehrte Herr ihnen sehr herablassend erklärte: „Das gäbe einen ganz vortrefflichen Salat, der sei sehr gesund.“ Auf diese mit überzeugender Uebereinstimmung vorgebrachte Aussage beschlossen die betreffenden Brunnenbesitzer, diese ergiebige Nahrungsquelle zu ihrem eigenen Vortheil auszubeuten, und nachdem ein alter Bauer, dem’s im Magen nicht ganz richtig gewesen, zuerst davon versucht und gemeint hatte, es schmecke nicht schlechter als anderes Gras, auch wirklich darnach gesund geworden, haben es die Leute im Dorfe öfter gegessen und sich ganz wohl dabei befunden. Uebrigens konnte die gute Frau doch ihre Verwunderung darüber nicht bergen, daß ich in der Stadt von dieser „neuen Mode“ noch nichts gehört haben sollte. –

In H. fand ich Gelegenheit, in dem Sanitätsrath N. einen ebenso jovialen Mann, wie eifrigen Algen- und Diatomäen-Forscher kennen zu lernen. Die neugierige und oft bis zur Ermüdung wiederholte Frage der Landleute: Wozu das Zeug, das er so sorgfältig sammele, sei? hatte ihn zuletzt ennüyirt, und da man die Wahrheit stets ungläubig aufgenommen, fand er in einer Anwandlung von ingrimmigem Humor sich veranlaßt, den zudringlichen Schulbuben einen Bären aufzubinden. Die Folgen, welche sein launiger Einfall hervorgerufen, ergötzten ihn zwar höchlich, doch meinte er, aus Gesundheitsrücksichten die Dörfler bald möglichst aufklären zu müssen, da ihm die Heilkraft der Alge nicht ganz einleuchten wollte. „Mir ist aber,“ fügte er lachend hinzu, „für meinen unzeitigen Spaß ganz recht geschehen, denn so oft ich später auch jene Brunnen besuchte, war es doch stets vergebliche Mühe. Wie mögen die Leute in ihrem Innern gelacht haben, wenn sie mich, brummend über das unfruchtbare Jahr, abziehen sahen! Man muß sich damit trösten, daß der am besten lacht, der zuletzt lacht.“

H.