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Die „Adriatica“ in Liverpool

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Textdaten
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Titel: Die „Adriatica“ in Liverpool
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 118–119
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die „Adriatica“ in Liverpool.

„Höchstens 2800 Pferdekraft! Das ist Alles!“

„Aber ’n feines Schiff doch, nicht?“

„Hm, wollen sehen! Mit der Persia kann sie’s vielleicht aufnehmen, aber mit’m großen Leviathan? Zehntausend Pferdekraft, eh! Siebenhundert Fuß lang, wie? Wie lang ist die „Adriatica?“

„Ich denke, 354 Fuß, 32 Fuß breit, 50 Fuß hoch. Aber wie klein sie aussieht! Macht die große Umgebung. Dort drüben liegt die Persia. Ich wette, unsere schlägt Bruder Jonathans neueste Anmaßung, diese „Adriatic“! Nächste Woche laufen sie beide aus, zu probiren, wer zuerst kommt. Was wetten Sie auf die Adriatic gegen unsere Persia?“

„Wollen sie uns erst ansehen, Sir! Sind gleich da!“

So discurirten zwei alte Herren mitten im dichtesten Gedränge des Dampfbootes, das uns eben zur Besichtigung an die ungeheure Treppe der „Adriatic“ heranschob. Eine unaufhörliche Wallfahrt der Liverpooler und der Umgegend per Dampfboot hin und her nach diesem neuen Liebling Bruder Jonathans, seinem neuesten, größten, vollkommensten Dampfschiffe „the Adriatic“, das vor einigen Tagen zum ersten Male in dem Masten- und Schlotwalde des Liverpooler Hafens angekommen war, wie die Londoner seit Monaten hinunter gedampft waren, um ihren „großen Leviathan“ endlich einmal auf dem Wasser zu sehen. Seit dem 3. November hatte man mit Tausenden von Pferdekräften an ihm gezuckt und gestoßen, und erst die große Themsefluth am 31. Januar hat ihn der Themse übergeben. Diese „Entstapelung“ kostet über 100,000 Pfund Sterling und das ganze doppeleiserne Ungeheuer blos sechs Mal so viel. In Petersburg steht die große Reiterstatue Peter’s I. auf dem Isaaksplatze mit einem Granitfelsen unter sich, der schwerer zu ent- und aufzustapeln war, als der Leviathan. Man hieb den Felsen in Finnland vom Gebirge los, brachte ihn auf’s Wasser und wieder hinauf aus der Newa auf den Isaaksplatz, ohne daß eine einzige Zögerung, oder ein einziger Unglücksfall das zweihundertmal wohlfeilere Werk störte (dies sagte die Times neulich den englischen Ingenieur-Größen der Leviathans-Entstapelung).

Der Stolz und Liebling Bruder Jonathans ist wenigstens gelungen, außen der feinste und kolossalste Dampf-Delphin, inwendig ein unsäglich prächtiger Feen-Palast.

Vierzigtausend Menschen fahren alle Tage hinüber von der Felsen-Fähre mit dem kolossalen neuen Anbau, um diese Adriatic zu sehen, hieß es. Wir waren auch eines Decembertages darunter, unter „gezogenen Drähten“ langer Yankees und „zweibeinigen Stieren“ dicker John Bulls, halbfashionablen bärtigen Juden, Polen und Franzosen, braunen, wackeligen Matrosen, an denen Alles flattert und wogt, olivenfarbigen Seecapitains mit goldenen Ringen in den Ohren, übergeputzten Lancashire-Damen, grimmigen, alten Irländerinnen mit Fischen auf dem Kopfe und kurzen, qualmenden Thonstummeln in den schmutzigen Mäulern und allen möglichen Racen- und Völkermischungen, wie man sie nur in der bewaldeten Unendlichkeit des Liverpooler Hafens finden kann.

Immer vor Schiffen vorbei, Mast bei Mast, Tau- und Takelwerk, wie ein damit bestrickter Himmel, Alles scharf abgezeichnet gegen das heute wolkenlose Blau! Auch an einem Schiffe gedrängt voll Menschen vorbei, mit Wäsche und Kohl in der Takelage zum Trocknen. „Emigrantenschiff für Australien!“ hieß es. Sie schrieen und winkten uns zu. Aber es klang schwach, traurig, kam nicht vom Herzen.

Natürlich, die Erde muß mit Menschen bedeckt, „civilisirt“ werden, und die, welche in Europa keinen Platz mehr für sich finden, müssen fort in die Welt hinaus, wo noch Platz ist. Wohin? Amerika sendet schon viele seiner Einwanderer zurück, besonders die gebildeten, die geistigen Producenten, die dort verhungern oder wieder zurück müssen (beides ist oft geschehen und geschieht noch immer). Also fort nach Australien! Glückliche Reise! Glückliche neue Heimath! Aber Jeder mit einem Herzen für den Boden, wo unsere Wiege stand, unsere Mutter starb, unsere Kinderjahre lachten, unsere Lieben leben, fühlt ein unendliches Weh beim Anblick eines solchen Auswandererschiffes. Alle Wochen diese Ueberfüllung mit diesem Exportartikel – Menschen! Menschen, Kinder, Söhne, Töchter eines Vaterlandes, eines Vaters, einer Mutter, von Brüdern, Schwestern, Freunden sich trennend – die an den Ufern winken, bis sie manchmal ohnmächtig hinsinken – das ist ein trauriger – Exportartikel, der unserer Production in der alten Welt Alles bringt, nur keine Ehre!

Und nun kamen wir an die Reihe, die Adriatic hinauf zu klettern! Erst so niedrig, und jetzt fünf bis sechs Treppen hoch, um nach Häuser-Etagen zu rechnen! Was gibt dem Ungeheuer ein so niedliches Ansehen? Die praktische, die meisterhafte Kunstform, die feinste Symmetrie ihrer Theile, der schwanenartige, leichte Sitz auf dem Wasser. Es war ein ästhetischer Genuß, die Harmonie ihrer graziösen Curven – dieses Geheimnisses aller wahren Schönheit zu betrachten. Wie die Niagara, die Muster-Dampffregatte der vereinigten Staaten, ist die Adriatic nach den Curven geformt, welche das von einem Schiffe durchpflügte und gespaltene Wasser bildet, dabei nach oben wundervoll graziös sich ausweitend und vorn schärfend und zuspitzend, wie ein Schwert, den widerspenstigen Ocean im Fluge zu spalten und seine andrängenden Wogen am Körper unten abgleiten zu lassen.

Wie kolossal die niedliche Schönheit war, merkte ich beim Aufsteigen und an den Menschenmassen oben, die wie Stecknadelknöpfe herunterguckten. Der Capitain, James West, der die erste Reise mit dem Stolze Jonathans gemacht hatte, sah gar nicht wie ein Capitain aus, sondern scharf, straff, dünn und Commando’s in einem Tone aussprechend, als seien’s bescheidene Wünsche, und dabei so aristokratisch-herablassend höflich gegen die Damen! Nun, es ist wahr, zwischen diesem Sammet und golden gerahmten Spiegeln und spiegelblanken Mahagoni und diesem Krystall und dieser fürstlichen Eleganz in den Sälen und in diesem Staatszimmer von Capitainscajüte (wir guckten hinein) kann man gar nicht grob werden, glaub’ ich. Selbst die Küche – ein heller, großer, glänzender Saal – sah wie ein Zauberpalast aus. Alles Porzellan weiß und golden, alles Glas geschliffen, jeder Kessel wie polirt, der Ofen wie ein lackirter Rahmen um goldenes, reines, rauchloses Feuer. Aber das versteht sich in Amerika von selbst, da schon die gewöhnlichsten Fluß- und Localdampfschiffe für Crethi und Plethi allenthalben besammetet und begoldet sind. Der Stolz der Adriatic sind ihre Maschinen. Also drängten wir uns schnell hinunter, vor dem Bureau der Wäsche-Directrice vorbei, die eben Ordre gab, bis morgen noch 460 Paar wollene Bettdecken zu besorgen, vorbei vor dem „Hold“, einer Untiefe von 50 Fuß in gerader Linie, hinunter in die Maschinen-Galerie.

Schon ein gewöhnliches Dampfmaschinenwerk hat etwas Imponirendes und Respecteinflößendes. Vor diesem stummen, über und über spiegelblank polirten Ungeheuer von Eisen und Metall fühlten die Leute eine radicale, Schweigen gebietende Ehrfurcht. Niemand sprach. Nur gehauchte Ausrufe des Erstaunens in der dichten, sich drängenden Menschenmasse. Diese furchtbaren, soliden, spiegelblanken Arme, welche von 2800 Pferdekraft getrieben die Räder draußen durch die atlantischen Wogen drehen, immer getrieben, Tag und Nacht, unaufhörlich aus acht Dampfkesseln und 46 Gluthöfen, die täglich 2000 Centner Kohlen verzehren, immer mit demselben unwandelbaren, rücksichtslosen, unerbittlichen Stoße auf und ab – das muß ein Anblick sein! Diese polirte Eisenfestung arbeitend, donnernd, dröhnend, zischend Tag und Nacht, ohne Athem zu holen, ohne Unterbrechung durch die Wogenmassen, die sich Hunderte von Meilen hindurch machtlos und wehrlos brechen in ihrer Wuth draußen, immer vorwärts rasend Tag und Nacht, ohne selbst zu wissen, wohin – diesen Riesen arbeiten zu sehen, das mag allein eine Reise über den atlantischen Ocean werth sein.

So groß und ruhig und selbstgefällig jetzt in seinem Glanze! Ein paar Pressungen des Dampfriesen und der ganze Koloß zischt und donnert dahin, wie ein von wahnsinniger Leidenschaft getriebener Mensch, lebendig, mächtig, aber willenlos als Sclave seiner Leidenschaft, hinaus in die Welt, wo er zum Nichts zusammenschrumpft, wie dieser Stolz Amerika’s auf dem Oceane zu einem einzigen Fleckchen, ohne Halt unter sich, in Finsterniß glühend und gepeinigt, arbeitend, getrieben, getrieben wohin und wozu? Der moderne Mensch und die Dampfmaschine!

Welcher Glanz, welche Eleganz in den Triebfedern! Aber welch unheimliche Dampfkraft in den modernen Maschinen und Menschen! Welcher Dämon lauerte in dieser Riesengrazie der Adriatica! [119] Drüben lag die englische Persia, der Stolz Englands. Diese sollte diesmal geschlagen werden. Alles maritime Amerika und England lauerte auf das Ergebniß der großen Wette, wer diesmal am schnellsten über den atlantischen Ocean jagen würde.

Wettfahrten mit 2–3000 Pferdekraft, Wettbahn der atlantische Ocean. Risico 5–600 Menschenleben – aber ein glänzender Sieg, ein glorioses Resultat, dann zu wissen, wer die Baumwollencourse zuerst in Neuyork oder Liverpool melden kann, England oder Amerika. Wer zuerst kommt, gehört der stärkeren, glorioseren, civilisirteren Nation an! Welch’ eine großartige, dämonische Hetzjagd um eine Lumperei! Moderne Maschinen und Menschen! Und nun einige factische Bemerkungen, die ich mir in der Eile aus einem Bericht über die „Adriatic“ abschrieb.

Sie hatte gegen 200 Mann Besatzung und Beamte zum Betriebe und zur Bewirthschaftung: 1 Commandeur, 4 Steuerleute, 1 Arzt, 1 Cassirer, 4 Quartiermeister, 2 Tischler, 1 Hochbootsmann, 36 Matrosen, 1 Ingenieur, 3 Assistenten desselben, 6 Aufseher über Feuer und Dampfkessel, 4 „Oeler“ (zum Einölen der Maschinen), 2 Ingenieurwärter, 24 Heizer, 36 Kohlenkärrner, 1 Steward, 3 Unterstewards, 36 Aufwärter bei Tische, 3 weibliche Stewards, 2 Ausgeber, 1 Schenk-Aufseher, 1 Barbier, 1 Hauptkoch, 1 Unterkoch, 1 Bäcker, 2 Pastetenbäcker u. s. w., zusammen 188 Mann, die aber noch vervollständigt werden sollten.

Die Musterung des neuesten amerikanischen Stolzes war flüchtig, denn kaum hatten wir uns in dessen Studium etwas verloren, schrie es durch’s Schiff: das Boot geht ab, wer will noch mit? Wir eilten hinauf und hinunter in unser Dampfboot, das wie eine Nußschale unten lag und 300 Menschen auf dem Deck gleichwohl wie eine Spielerei behandelte.

Auf dem Wege kamen wir dichter vor der englischen Persia vorbei, die sich bereits zur Wettfahrt rüstete. Es ist das bis jetzt größte englische Dampfschiff, halb so groß wie der Leviathan und dreimal länger, als das größte englische Kriegsschiff, der „Wellington“, der Hauptgrund, weshalb Amerika diese „Adriatic“ baute. Wetteifer zwischen civilisirten Völkern ist eben so schön und civilisirend, wie Wetteifer zwischen Menschen und Collegen; aber die Art, wie Amerika und England mit einander im Schiffsbau und im Schnellfahren rivalisiren, hat etwas Dummes und Dämonisches zugleich. Keine Fahrt über den atlantischen Ocean geschieht unter gleichen Verhältnissen. Wind und Wetter machen stets einen Unterschied, so daß eine Messung nationaler Ueberlegenheit nach solchen Fahrten zunächst abgeschmackt ist. Sie ist aber auch barbarisch, demoralisirend, weil dabei schon manches kostbare Schiff mit kostbaren Gütern und Menschen in den Grund gerannt ward. Abgesehen davon, ist das Arbeiten auf den äußerlichen, momentanen Effect der schlimmste Wurm im Innern des Gewerbfleißes und der Production, welcher namentlich in Amerika große Verheerungen anrichtet. Auswendig glänzt Alles, aber inwendig fehlt es immer merklicher an Halt und Solidität.