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Dichter und Künstlerdenkmale

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Textdaten
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Titel: Dichter und Künstlerdenkmale
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 192
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[192] Dichter- und Künstlerdenkmäler. Bei der Restaurirung der alten St. Peterskirche zu Heidelberg hat man kürzlich einen Grabstein aufgefunden, welchen man für den des einstmals berühmten Dichters und Gelehrten Petrus Lotichius (gestorben 1560) hält, desselben, den Otto Müller zum Helden seines neuesten biographischen Romans „Der Professor von Heidelberg“ gemacht hat. Wer kennt heute noch Lotichius und seine Werke, welche nach der damaligen, unserer Generation freilich unbegreiflich dünkenden Sitte in lateinischer Sprache geschrieben waren! Und doch war Lotichius nicht nur als einer der bedeutendsten Dichter und Gelehrten, als ein edler deutscher Charakter von seinen Zeitgenossen hoch verehrt und geschätzt, sondern auch durch sein merkwürdig tragisches Lebensschicksal ein Gegenstand ganz besonderen Interesses. In Bologna, der berühmten mittelalterlichen Hochschule, war es nämlich, wo das reiche blühende Leben des jungen deutschen Gelehrten durch die Rachsucht einer eifersüchtigen Italienerin gebrochen wurde. Er erhielt Gift von ihr; und obwohl er durch die Kunst und Sorgfalt seiner Freunde vom Tode errettet wurde, obwohl seine Uebersiedelung nach Heidelberg, wohin ihn der kunstsinnige Pfalzgraf Otto Heinrich als Professor der Medicin und Botanik berief, ihm anscheinend seine Gesundheit wieder zurückgab, verfiel er doch bald in unheilbaren Wahnsinn und starb in dem Augenblick, wo ihm, dem vom Pfalzgrafen bei Einweihung des berühmten Ottheinrichbaus gekrönten Dichter, die Jugendgeliebte den goldenen Kranz Ariost’s auf die Stirn drückte. –

Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß die Auffindung des Grabsteins des alten unglücklichen Dichters unmittelbar nach seiner dichterischen Verherrlichung und Neubelebung durch Otto Müller’s Roman stattfindet. Dies wiederholt sich nun zum dritten Mal bei Romanen des genannten Autors. Unmittelbar nach dem Erscheinen seines Jugendromans „ Bürger“ entdeckten die Göttinger Studenten auf dem Kirchhof vor dem Weender Thor den versunkenen Grabhügel des 1794 verstorbenen Sängers der Lenore. Auch bei dem Roman „Charlotte Ackermann“ machte man kurz nach dessen Erscheinen einen interessanten Fund. In einem der schönen Gärten an der Elbe zu Hamburg entdeckte man, ganz unter dichtem Strauchwerk versteckt, ein altes Steindenkmal mit dem noch lesbaren Namen der jungen berühmten Künstlerin, deren frühzeitiger Tod (1775) von ganz Hamburg betrauert wurde. Wahrscheinlich hatte einer ihrer enthusiastischen Verehrer dieses Denkmal zu ihrem Gedächtniß errichtet, das später in Vergessenheit gerieth, oder dessen Bedeutung doch wenigstens von den späteren Besitzern des Gartens nicht mehr gekannt wurde.