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Deutsches Frauenleben im Mittelalter (Die Gartenlaube 1879/2)

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Textdaten
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Autor: Friedrich Helbig
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Titel: Deutsches Frauenleben im Mittelalter.
7. Bei Spiel und Tanz.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, 3, S. 30–34
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Deutsches Frauenleben im Mittelalter.
Eine culturhistorische Studie von Fr. Helbig.

7. Bei Spiel und Tanz.
Neben einförmiger und anstrengender Arbeit fehlte im Leben der deutschen Frau auch nicht sinnige Lust und belebende Freude. Sie fand ihren Ausdruck besonders in der unbefangenen Hingabe an die Natur, die damals dem Menschen näher stand als heute. „Das erste Veilchen,“ sagt Weinhold, „die erste Schwalbe, der erste Maikäfer, der erste Storch wurde festlich empfangen, das von glücklicher Hand zuerst entdeckte Veilchen wohl gar auf eine Stange gesteckt und von Mädchen und Frauen umtanzt.“ Frauenhände schmückten im Lenze die Häuser, die Thore, die Brunnen mit frischen Blumen, mit Kränzen und buntbebänderten Maien – als symbolischen Jubelgruß der neu erstandenen Natur. Walpurgis, Johannistag und die Zeiten der Sonnenwende hatten ihre eigene, local wechselnde Feier, an der die Frau einen nicht geringen Antheil hatte. Mit dem Schlafe der Natur schlief daher auch die Festfreude für die Frau, denn das Haus und die entlegene Burg boten in sich nur wenig Abwechselung. Während er dem Manne die Freuden der Jagd eröffnete, bannte der Winter die Frau in die Einsamkeit der Kemenate, an Webstuhl und Spinnrocken. Die wenigen der Arbeit abgekargten Stunden der Muße verbrachte die Jungfrau dann wohl in der Nische der tiefen Fenster oder auf dem Söller, forschend hinauszuschauen ins weite Land, ob nicht jemand nahte, der irgend einen Wechsel brächte in das alltägliche Einerlei der häuslichen Geschäfte, sei es ein Bote, der Kunde gab von einem Ereignisse, das in das träg arbeitende Rad der Weltgeschichte hemmend oder

[31] beschleunigend eingriff, ein Hausirer, ein Krämer, der neben buntem Tande auch manche Mähr – wahr oder erlogen – mit feilbot, eine Horde fahrender Sänger oder Spielleute, oder wohl gar ein befreundeter willkommener Gast, der die Unbill des Wetters nicht gescheut hatte. In der Stille dieser langen Nächte und kurzen Tage entstanden jene wundersamen Kunstgebilde der weiblichen Hand, Gobelins, Teppiche und Decken, bei denen wir ebenso sehr die Kunstfertigkeit als die Ausdauer der Schöpferinnen bewundern müssen, so weit Kirchen, Klöster und Museen uns einzelne Exemplare davon bewahrt haben.

Mit der Einkehr des Sommers erstand auch die vergrabene Lust wieder und zog in hellem Jubel durch die geöffneten Säle oder hinaus auf Anger und Aue. Mit anschaulichem Behagen schildert der Dichter (Hartmann von Aue im „Tristan“) ein solches „Lagern im Freien, wenn des Maien Freund, der grüne Wase (Rasen), aus Blumen sein Sommerkleid angethan, daß das Herz sich an die lachende Bluth mit spielenden Augen machte und ihr entgegenlachte".

Auf einem im Germanischen Museum in Nürnberg aufbewahrten großen buntgewirkten Wandteppiche, dem vierzehnten Jahrhundert entstammend, finden wir in der Form eines Minnehofs das gesellige Treiben jener Zeit charakteristischer Weise bildlich wiedergegeben. Neben Jagd, Fischerei und Turnier belustigen sich die ritterlichen Damen und Herren theilweis in einer dem Geschmacke unserer Zeit nicht mehr recht zusagenden Weise. So sehen wir im Vordergrunde eine ritterliche Dame, der ein Herr zum Sitz, ein anderer zur Lehne dient, mit ausgestrecktem Fuße nach dem vorgestreckten Fuße eines ihr gegenüberstehenden stützelosen Herrn stoßen, während die danebenstehende gekrönte Frau Minne, an den Fingern zählend, den Tact dazu angiebt – ein Spiel, das auf die Absicht hinauszulaufen scheint, sich gegenseitig um den Schwerpunkt zu bringen. An einer andern Stelle des Bildes hat eine Dame zwei Ritter an die hölzernen Schranken gefesselt, welche das Reich der hochthronenden Minnekönigin umgeben. „Von Damen Hand lieg' ich in Band", meldet das dem Munde des einen Gefesselten entsteigende Spruchband. An den Gürteln befestigte Glocken und Schellen geben dabei den Ton der Ausgelassenheit an, welche die Periode der bereits sinkenden ritterlichen Zeit auch sonst kennzeichnet.

Ein anderes gewirktes Bild jener großartigen und reichhaltigen Sammlung belehrt uns darüber, wie es besonders die Pflege der Musik war, der sich Männer und Frauen im Mittelalter gleichmäßig hingaben. Wir sehen da auf blumigen Rain gelagert eine lustig musicirende Gesellschaft, der es auch nicht an einem aufmerkenden Publicum fehlt. Eine der Damen spielt auf der Harfe; eine andere streicht die Fiedel; eine dritte schlägt mit zwei Klöpfeln auf die in ihrem Schooße liegende Laute. Einer der Herren bläst die Flöte. Harfe, Fiedel, Flöte und die Rotte, eine Art Laute, zwischen Fiedel und Harfe in der Mitte stehend, waren die in der mittelalterlichen Gesellschaft eingeführten Instrumente, auf deren Handhabung – außer der Flöte – die gebildete Frau sich meist wohl verstand. Das Spiel der Saiten begleitete vielfach der Gesang, der sich damals noch nicht in Läufern und Trillern bewegte, sondern nur eine kurze Scala von Tönen bestrich ohne künstliche Verschlingung, einfach wie die Weisen unseres Volksliedes. Die Lieder der Minnesänger wurden gesungen, nicht gesprochen. Ihre Entstehung war von Haus aus eine musikalische. Die Erlernung war deshalb eine leichtere, die Verbreitung der Gesangkunst unter der Frauenwelt eine größere. Daß die Frauen damit oft auch etwas zu viel, und „mit dem Wohlsingen hoffährtig thaten", das unterläßt der sittenpredigende Pater Berthold von Regensburg nicht zu rügen.

Einen Theil der geselligen Unterhaltung bestritt die Erzählung alter Geschichten, Legenden, Mären, Sagen und Schwänke, die, Generationen hindurch sich mündlich vererbend, damit ein lang dauerndes Leben gewannen, bis der Griffel und später die Lettern des Druckes sie für immer fixirten. Wer einen Schatz solcher alten Mären, die von der Liebe Leid, Lust und Stärke, von edlen Jungfrauen und tapferen Recken, Drachen, Riesen, Feen und Zwergen handelten, im Schooße seines Gedächtnisses trug, der war wohlangesehen bei den lauschenden Frauen. Viele ließen sich deshalb von den wandernden Spielleuten, die das Erzählen solcher Geschichten als Gewerbe betrieben, darin unterrichten. Oft wurde daraus ein sich gegenseitig überbietender rednerischer Wettkampf, ähnlich wie bei unseren Anekdotenjägern, indem sich Zwei zur Prüfung ihres Wissens gegenseitig herausforderten. Wer dabei den größten Scharfsinn entwickelte, dem wanden dann wohl die dankbaren Hörerinnen einen frischen Kranz „von Blümlein roth und weiß, gebrochen mit ganzem Fleiß“.

Dieses Spiel wurde auch in bürgerlichen Kreisen als Abwechselung in den Tanzpausen an festlichen Tagen in den Zunftlauben oder draußen vor dem Thore unter den grünenden Linden geübt. Kecken Muthes trat da der junge Sänger in den geschlossenen Kreis und begann mit herausforderndem Gruße:

„Gott grüß mir alle die Frauen,
Die großen, wie die kleinen!
Grüßt' ich die eine, nicht die andre,
So sagten sie zum Sänger: 'Wandre!'

Ist kein Sänger in diesem Kreis,
Der mich fragt, was ich nicht weiß?
Derselbe soll sich nicht besinnen,
Will er mir das Kränzlein abgewinnen."

Bald findet sich wohl Einer, der ihm entgegentritt und den Wettkampf mit ihm aufnimmt:

„Sänger wohlan! und merk' mich eben.
Ich will Dir eine Frage aufgeben:
Was ist höher wohl als Gott?
Was ist größer als der Spott?
Und was ist grüner als der Klee?
Und was ist weißer als der Schnee?
Kannst Du das singen oder sagen.
Das Kränzlein sollst Du gewonnen haben."

Der muthige Sänger läßt sich nicht verblüffen. Nach kurzem Besinnen erwidert er in gewandter Gegenstrophe:

„Sänger, Du hast mir eine Frage aufgeben,
Die gefällt mir wohl und ist mir eben.
Die Kron' ist höher noch als Gott;
Die Schand' ist größer als der Spott;
Der Tag ist weißer als der Schnee,
Das Märzenlaub grüner als der Klee.
Sänger, die Frage konnt’ ich Dir sagen,
Das Kränzlein mußt Du verloren haben."

Nun wendet sich der siegende Sänger zu einem „zarten Jungfräulein“ und bittet sie um ihr Kränzlein:

„Ihr wollt mir’s geben und nicht versagen;
So will ich es um Euretwegen tragen."

Ehe sie’s aber vom Haupte löst, stellt er zuvor auch ihr noch eine Räthelfrage:

„Sagt mir, Jungfrau, zu dieser Frist,
Welches die mittelste Blume im Kränzlein ist?"

Kann sie die Frage beantworten, so soll sie das Kränzlein behalten und ferner tragen. Darauf erfolgt ein „großes Schweigen", denn der Blumen im Kranze sind gar viele, und wo ist bei ihm die Mitte? Da giebt der Sänger schalkhaft lächelnd die schmeichelhafte Lösung: „Ihr, liebes Jungfräulein, Ihr mögt die mittelste Blume im Kränzlein sein."

An die versteckte Schmeichelei hatte die Jungfrau nicht gedacht. Schamvoll erröthend, reicht sie dem galanten Sänger den Kranz.

Die Räthselreime und Sprüche bilden bei uns einen reichen nationalen Schatz, der in früher oder später Zeit in besonderen Räthselbüchern niedergelegt wurde. Unser obiges Beispiel entstammt einer neueren Sammlung von K. Simrock. Manches dieser neckischen Räthsel feiert noch heute im Salon wie am Schänktisch sein Daseinsrecht, und doch stand seine Wiege schon in den nun längst verwitterten Mauern einer ritterlichen Burg oder unter der eingesunkenen Linde des Dorfes.

Erst einer etwas späteren Zeit war es vorbehalten, ein gesellschaftliches Belustigungselement ausgiebig zu nutzen, das doch schon seit der Zeit der Kreuzzüge in unserm Vaterlande zuweilen auftaucht: die Narren. Schon die uralt religiöse Tradition pflegte den volksthümlichen Mummenschanz, und man thut gewiß Unrecht, die Figur des Narren für etwas von auswärts Importirtes zu halten. Neu ist nur für die spätere Zeit des Mittelalters das Auftreten des berufsmäßigen Narren, wie er seit dem fünfzehnten Jahrhundert an den Fürstenhöfen bereits unentbehrlich ist. In vornehmen Kreisen, wie unser Bild einen solchen aufzeigt, zog man wohl früh schon Personen, welche sich durch äußere und innere Eigenschaften zum witzigen Spaßmacher und Possenreißer eigneten, zu der Aufgabe heran, die Kosten einer belustigenden [32] Unterhaltung zu tragen. Unsere beiden Narren, welche der treffliche Düsseldorfer Gehrts so geistreich gezeichnet hat, nehmen offenbar in lustigem Wortgefecht den Zuhörern die Mühe ab, in Reimen, Räthselsprüchen und Vexirfragen die eigene geistige Schlagfertigkeit und Findigkeit zu erproben.

Ein beliebtes Unterhaltungsspiel für beide Geschlechter war das Schachspiel (Schachzabel). Ein Schachbret gehörte zum Inventar eines jeden wohlanständigen Hauses. Es hing oft an einer Kette befestigt an einem Pfeiler des Saales; die Figuren waren von großem Umfange, sodaß sie auch einmal, wie im „Parcival“ erzählt wird, als Schleudern gegen einen andringenden Feind gebraucht werden konnten. Anfangs waren sie von Holz. Später trieb man mit ihnen viel Luxus; nicht blos das Elfenbein, auch Silber und Gold lieferten das Material dazu, und aus den plumpen und einfachen Gestalten wurden künstlerische Compositionen, bei denen man den ursprünglichen Charakter der Figur oft kaum wieder herausfindet.

Aber auch das Würfel- und Knöchelspiel (Topel- und Bickelspiel) wurde von den Damen nicht verschmäht, zum Aergerniß der Dichter, die nicht begreifen können, „wie eines Würfels todtes Bein ein lebend Herz bethört, daß es mit jedem Sinn allein zu eigen ihm gehört“. Es war sogar, wie wir aus Conrad von Würzburg’s „Trojanerkrieg“ erfahren, ein beliebter Zeitvertreib für „junge Mägde“. Die Würfel hatten, nach Exemplaren aus dem Germanischen Museum zu urtheilen, oft recht wunderliche Formen, besonders diejenigen von hockenden Männern. Oft spielte die Tochter des Hauses mit dem einkehrenden Gaste zusammen, und da geschah es wohl, daß dieser, wie Rudlieb’s Neffe in dem Gedichte „Rudlieb“, Ring und Herz zugleich verspielte. Auch das Pfalzgraftöchterlein Agnes von Hohenstaufen und Heinrich von Braunschweig, Heinrichs des Löwen Sohn, saßen am Morgen nach der heimlich zur Nachtzeit erfolgten Trauung ruhig beim Schach, als der nichts ahnende Pfalzgraf eintrat und staunenden Auges entdeckte, was geschehen war. Die Spielkarten kamen frühestens im dreizehnten Jahrhundert in Gebrauch; auch ihrer bemächtigten sich die Frauen und hielten gleich unseren modernen Spielkränzchen ihre „Karthöfe“ ab.

Das Vorlesen von Erzählungen und Gedichten aus den oft mühsam erborgten Handschriften wurde zu einem beliebten Unterhaltungsmittel für kleinere und größere Gesellschaften, und dieses Amt fiel vornehmlich den Frauen zu, weil ihnen die alleinige oder doch größere Schriftkunde zur Seite stand.

Eine ritterliche Frau finden wir selten ohne ihren Lieblingshund, meist ein schmeidiges Windspiel, das in der Kemenate bei der Arbeit zu ihren Füßen lag oder ihr leichtfüßig in Hof und Feld folgte. Auf den Teppichbildern und Holzschnitten bildet er die ständige Zubehör der Frau; sie hat ihn oft mit eigenem Mühen abgerichtet. Auch schnarrende Papageien und sprechende Staare befinden sich in ihrer Umgebung, und vor Allem der edle Falke, das Lieblingsthier der vornehmen Frauenwelt. Die Edelfrau hüllte ihren Leibfalken in seidene, golddurchwirkte Decken und wob ihm bunte Kappen. Sie trug den an den Füßen mit seidener Schnur Gefesselten auf der Faust herum nicht blos zur Jagd, sondern auch beim bloßen Spazierritte, bei Besuchen und selbst in der Kirche. An der Falkenjagd nahm sie den regsten Antheil, und manche edle Frau büßte wie Maria von Burgund ihr Leben dabei ein durch einen Sturz vom Pferde. Bei den großen Jagden auf das wilde Gethier war die Frau nur als Zuschauerin und Wirthin thätig. Dabei bestand das eigentümliche, auch im „Tristan“ erwähnte Recht, daß, „wer einen weißen Hirsch erlegte, von den anwesenden Jungfrauen eine küssen konnte, welche er nur wollte.“

Auch das Ballspiel bildete einen Zweig der geselligen Unterhaltung. Man übte es im Freien oder in bedeckten Hallen. Zwei Parteien, die werfende und die fangende, standen sich gegenüber, gewöhnlich, wie überlieferte Holzschnitte zeigen, die Männer auf der einen, die Frauen auf der andern Seite, so beim Palmenspiele, bei welchem man länglich-runde Bälle mit drei Handhaben benutzte. Das Ballspiel wurde sehr oft in den Tanz eingeschlossen. Dies führte dazu daß ein solcher Tanzabend den Namen „Ball“ erhielt, eine Bezeichnung, die auch noch verblieb, als man in den Tanzpausen nicht mehr das Ballspielen trieb.

Der vom schönen Geschlechte mit nicht geringerer Leidenschaft wie heutzutage gepflogene Tanz hatte doch zu jener Zeit mehr ein innerliches, als ein äußeres Gepräge. Der in den höfischen und vornehmen Kreisen gebräuchliche Tanz beschränkte sich auf ein paarweises Herumgehen in schreitender oder schleifender Bewegung (die sogenannte Carole), wobei der Tänzer die Tänzerin züchtiglich an der Hand führte. Voran schritt die Musik: ein Zusammenklang von Zinken, Trommetten, Posaunen, Schwegel- und Querpfeifen. Bei feierlichen Gelegenheiten gingen Fackelträger vorauf. Schon auf dem Turnier zu Trier 1019 tanzten die Grafen Endres von Neuenburg und Gerlach von Hohen-Cassel dem Herzoge Magnus von Sachsen und der Kaiserin mit Windlichtern vor, was andere Grafen am andern Tage wiederholten. Wir wissen, daß ein Ueberbleibsel dieses Fackeltanzes sich noch bis in die Gegenwart hinein erhalten hat. Zur Musik gesellte sich gleichzeitig der Gesang. Das den Reigen anführende Paar – Vortänzer und Vortänzerin – stimmte ein Tanzlied an, und die übrigen Tänzer wiederholten den Refrain oder auch wohl die Verse selbst.

„Die Ritter tanzten und sprungen
Mit den Frauen und sungen
Zum Tanz manch hübsches Lied“

heißt es in einem alten Gedichte. Selbst Fürsten und edle Herren, so Herzog Friedrich der Streitbare von Oesterreich, verschmähten nicht das Vorsängeramt, und berühmte Minnesänger dichteten Tanzweisen. So singt Walther von der Vogelweide in einer solchen:

   „,Nehmt, Herrin, diesen Kranz!’
Sprach ich jüngst zu einem Mägdlein wunderhold,
   ,So zieret Ihr den Tanz
Mit den schönen Blumen, die Ihr tragen sollt;
   Hätt’ ich viel Gold und Edelsteine,
   Sie müßten Euch gehören,
   Kann ich redlich schwören,
   Vertraut mir, daß ich’s ernstlich meine!’

   Sie nahm, was ich ihr bot,
Einem Kinde gleich, dem Freundliches geschieht;
   Ihre Wänglein wurden roth
Wie die Rose, da man sie bei Lilien sieht.
   Ihr Auge schämte sich, das lichte:
   Ein holdes Gegengrüßen
   Ward mir von der Süßen
   Und bald noch was ich nicht berichte.“

So wurde der Tanz zur verkörperten Minnepoesie. Zu einiger Abwechselung bildeten die Tanzenden wohl auch einen Kreis und gingen singend und den Gesang mit Gesten begleitend in der Runde, aus welchem Rundgange die von unseren Großvätern und Großmüttern her noch wohlgekannte „lange Reihe“ entstand, indem man Hand in Hand dem Vortänzer folgte, der sich in mancherlei Wendungen und Bewegungen erging. Besonders zeichnete sich, wie Wolfram von Eschenbach uns lehrt, Thüringen, das auch noch jetzt viel durchtanzte, durch Erfindung neuer Tanzweisen aus. Neben dem gemessenen Schleiftanz entwickelte sich schon bald der Sprungtanz, der im Gegensatze zu jenem den Namen Reihentanz führte. Bei den Rittern und Edelfrauen konnte derselbe schon darum nicht zur rechten Entfaltung kommen, weil die langen Schnabelschuhe beider Geschlechter und die langen Schleppen der Frauenkleider in dieser Richtung ein beschränkendes Nichtweiter auferlegten. Die eigentlichen Pflanzstätten für den Reihentanz waren die Tanzpläne der Handwerker und Dörfler. Doch gebehrdete sich der wilde losgelassene Naturtrieb des Volkes oft sehr unbändig, sodaß Kirche und Rathhaus öfter ihr Veto einlegten. „Sie sprang,“ heißt es in einem alten Liede von einer tanzenden Dorfschönen, „mehr denn eine Klafter lang und noch höher.“

Noch im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts ging der Schleif- und Reihentanz allmählich über in den Rund-. und Drehtanz. An die Stelle der sogenanntem deutschen Führung, des Geleitens Hand in Hand, trat unter wälschem Einflusse das dadurch bedingte engere Umfassen der Tanzenden, nicht ohne energischen, aber doch vergeblichen Widerstand der sittenstrengen Obrigkeit, die sich bis zu einer Strafe von fünf Pfund Heller gegen die freveln Pfleger der neuen Mode verstieg. So entstand unter harten Geburtswehen der deutsche Walzer und die ganze Reihe der vielfach aus dem Auslande importirten Rundtänze.

Während die edleren Geschlechter in den Sälen der Schlösser und Rathhäuser tanzten, benutzte das Volk zur Sommerszeit als [34] Tanzsaal das Freie, die Plätze unter der Ortslinde, vor dem Thore, ja selbst, altheidnischen Brauch festhaltend, die Kirchhöfe und die Vorhallen der Kirchen.

In größeren Gesellschaften machten die Frauen vor dem Tanze stets neue Toilette. Aber auch ländliche Schöne umwanden, nach einer Schilderung Neidhardt’s, des Dorfpoeten, ehe sie zum Reihtanz gingen, das Haar mit Seidenborten und hingen um den Hals an seidener Schnur einen Spiegel, ja verstiegen sich sogar zu einer Schleppe. Alles aber trug Kränze im Haar. Der Tanz hub meist gegen Abend an – einige Zeit nach der Hauptmahlzeit – und dauerte bis gegen die Zeit des gewöhnlichen Schlafgangs. Wenn auf ein Zeichen des Herrn oder der Herrin des Hauses „Geigen, Flöten und Posaunen schwiegen“, so blieb man auf eine Kurzweil beisammen, wie eine anmuthige Schilderung in Wolfram’s „Parcival“ lehrt:

„Die Jungfrau’n im blühenden Farbenglanz
Lassen sich nieder dort und hie,
Und die Ritter setzen sich zwischen sie.
Es ließen die Zungen sich nicht binden,
Um liebe Gegenrede zu finden.“

Diese dem Minnewerben günstigste Zeit dauert indeß nur so lange, bis der Nachttrunk verabreicht wird. Der Nachttrunk war das Signal zum Aufbruch, wie es an jener Stelle weiter heißt; nach ihm verließen Alle den Saal nach vielfachem Hin- und Wiedergrüßen, wie auch die Trennung, bemerkt der Dichter schalkhaft mit Bezug auf manch jugendlich Paar, sie mochte verdrießen. Mit einem bis zur Zeit, da sich Nacht und Tag vermählen, andauernden Cotillon war es also damals noch nichts. Es mußte zuvor der ganze wilde Strom fränkischer Cultur und Sitte die gesunde Entwickelung unseres nationalen Lebens durchbrechen.