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Deutscher Menschenhandel der Neuzeit

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Autor: unbekannt
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Titel: Deutscher Menschenhandel der Neuzeit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33, 35, S. 525–527, 550–551
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[525]
Deutscher Menschenhandel der Neuzeit.
Aus der Mappe eines Wiesbadener Curgastes.
1.

Wegen eines Gichtleidens, mit welchem ich geplagt bin, besuche ich seit einer langen Reihe von Jahren in jedem Sommer die Thermen von Wiesbaden. Zum ersten Male war ich dort im Sommer 1850. In demselben Hôtel mit mir wohnte eine dänische Familie. Wir saßen bei der Table d’hôte lange Zeit neben einander und wurden dadurch bekannt. Freilich über die schleswig-holsteinsche Frage konnten wir uns nicht verständigen.

Abgesehen aber von ihren nationalen Vorurtheilen, waren diese [526] Dänen im Uebrigen gebildete und liebenswürdige Menschen. Namentlich sprach die mir gegenüber sitzende Dame sehr gut deutsch und kannte unsere Literatur besser, als mancher Deutsche. Sie war voll Achtung für deutsche Wissenschaft und Kunst. Wir standen im Ganzen, wenn auch nicht auf vertraulichem, so doch auf gutem Fuße mit einander, bis eines Tages eine Störung intrat.

Ich hatte – ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlaß – erzählt, daß die Eingeborenen der Insel Borneo des festen Glaubens sind, die großen Affen, welche dort gedeihen und den Namen Schimpanse oder Schin-Panse führen, seien Menschen so gut, wie wir Andern auch, und könnten auch sprechen, und auf die Frage, warum sie denn uns gegenüber von der Gabe der Sprache keinen Gebrauch machten, pflegten die Eingeborenen zu antworten: Der Schimpanse sei ein Schlauberger, er stelle sich, als wenn er nicht sprechen könne, damit es ihm nicht gehe, wie den weniger vorsichtigen Malayen, die von den Holländern zur Arbeit angehalten würden.“

Mein Nachbar rechts, ein alter Herr der selbst lange in Indien war, glaubte nicht zurückbleiben zu dürfen. Er erzählte Folgendes:

„Wie Sie wissen, giebt es in Java noch zwei Sultane, einen in Surakarta und einen in Dschukdschukkarta. Sie sind beide durch die Holländer, wie man es hier zu Lande nennt, mediatisirt. Dabei beziehen sie jedoch eine bedeutende Civilliste und unterhalten damit den ganzen Luxus eines asiatischen Hofstaates. Hierzu gehört nach dortigen Begriffen – ebenso nothwendig, wie nach hiesigen z. B. ein Marstall, oder die Hofjagden und das Hoftheater – eine große Menagerie. Sie ist ein Hauptstolz des Fürsten. Zur Zeit, als ich in Indien war, fungirte einer meiner Freunde als Resident oder Botschafter des Königs der Niederlande bei Seiner rhabarberbraunen Hoheit von Surakarta. Ich besuchte denselben auf der Rückkehr von einer anstrengenden Jagdcampagne in den Urwäldern, die sich am Fuße schneebedeckter Vulcane hinziehen. Gleichzeitig traf ein Amsterdamer Professor der Zoologie dort ein, den die holländische Regierung mit einer wissenschaftlichen Mission in ihre indischen Colonien geschickt hatte. Der sultanische Menagerie-Oberintendant zeigte dem holländischen Professor die Thiere. Der Resident und ich begleiteten sie. Plötzlich nahm ein ungemein großer und ebenso häßlicher Affe die Aufmerksamkeit des Professors ganz in Anspruch. Er hatte ein solches Thier noch nie gesehen und wußte nicht, in welches Schubfach seiner Wissenschaft er es unterbringen sollte. Er fragte den Residenten. Der wußte auch nichts. Er fragte den Menagerie-Intendanten. Allein dieser war Malaye und verstand kein Holländisch. Glücklicher Weise verstand der Resident malayisch und wiederholte dem Intendanten die Frage in dieser seiner Muttersprache. Der Malaye erwiderte mit jener würdevollen Höflichkeit, die dieser Race eigenthümlich ist, er glaube die Frage besser beantworten zu können, wenn ihm vorher eine Gegenfrage gestattet werde. Als der Resident dies bereitwillig erlaubt hatte, fragte der Malaye, auf den Zoologen deutend, wie sich denn dieser nenne. Der Resident antwortete auf Malayisch: ‚Professor-hollanda‘ (holländischer Professor). Der Malaye stellte darauf uns seinen großen und häßlichen Affen vor mit den Worten: ‚Professor-Borneo.‘ Er glaubte, beide, der Affe und der Naturforscher, gehörten derselben Species an, wozu das Aussehen des Holländers einige Ursache gab.“

Wir lachten Alle herzlich über diese nette Geschichte, die noch nicht im Meidinger stand.

Die dänische Dame, von der ich gesprochen, schien auch etwas erzählen zu wollen. Ich fragte sie, warum sie damit zurückhalte.

„Weil Sie sonst böse werden,“ erwiderte sie, „oder wenigstens sich ärgern.“

„Das Erstere wird nicht geschehen, und der Aerger, mäßig genossen, bekommt dem Menschen so gut, wie den Pferden kleine Dosen von Arsenik. Erzählen Sie!“

„Also darf ich?“

„Ganz gewiß!“

Sie erzählte nun eine Geschichte aus Kopenhagen, die nicht recht verständlich ist, wenn man nicht vorher weiß, daß die Dänen eine landläufige Redensart gebrauchen, welche lautet: „Was thut der Deutsche nicht für’s Geld!“ Das Ganze lief darauf hinaus, daß ein Thierbändiger einen großen Affen auf den Plätzen der dänischen Hauptstadt sehen ließ und daß der gut dressirte und schön costümirte Affe so sehr sich menschenähnlich gebehrdete und so künstliche Verrichtungen vornahm, daß die Straßenjugend glaubte, es sei wirklich ein Mensch, und verwundert in die ihnen geläufigen Worte ausbrach: „Was thut der Deutsche nicht für’s Geld!“

Ich fühlte, wie ich bei dieser Erzählung vor Aerger blaß und roth wurde. Mein Gegenüber sah mir das ohne Zweifel an und sagte: „Bitte, erinnern Sie sich Ihres Versprechens; fast wünschte ich, ich hätte die dumme Geschichte nicht erzählt.“

Ich erwiderte hastig: „Und da eine jede Geschichte auch ihre Moral haben muß, so erlauben Sie mir, dieselbe der Ihrigen hinzuzufügen.“

„Nun?“

„Die Moral ist: Die Affen sind eben so wenig Deutsche, wie die Deutschen Affen. Der süße Pöbel von Kopenhagen hat aber wieder einmal den Beweis geliefert, daß Shakespeare Recht hat, wenn er sagt: ,Ihr könnt den Dänen von Vernunft nicht reden.’“

Damit war ein Mißton in die bis dahin so heitere Unterhaltung gekommen. Die Dame blickte verlegen auf ihren Teller. Die Andern schwiegen. Mir selbst war es sehr unbehaglich zu Muthe. Ich hatte mein Versprechen gebrochen, war gegenüber einer Dame, die ich achtete, unhöflich und dabei leider auch mehr plump als witzig gewesen, welches Letztere ich wohl hatte sein wollen. Aber doch hatte ich den Ausfall nicht so ruhig hinnehmen können. Mein deutscher Nationalstolz, den ich besitze und den jeder Deutsche – trotz alledem und alledem! – besitzen muß, litt das nicht. Auch war ich es nicht, der den Waffenstillstand zuerst gebrochen hatte.

Ich stand mit einer höflichen Verbeugung auf und verließ den Saal, obgleich das Essen kaum begonnen hatte. Einige Tage lang blieb ich von der Mittagstafel weg, bis endlich der alte Herr, der die Geschichte von dem „Professor Borneo“ erzählt hatte, mich aufsuchte und mir eine Strafpredigt hielt, zu welcher er sich, wie er mir sagte, deshalb berechtigt glaubte, weil sein Vater ein deutscher Schweizer, seine Mutter eine italienische Schweizerin war, er in Indien in holländischen Diensten gewesen, im Winter in Paris wohnhaft, im Sommer bald da und bald dort und deshalb in Nationalitätsfragen ganz unparteiisch sei, indem er, wie Carl Vogt in Kirchensachen, „überhaupt gar keinen Standpunkt habe.“

„Hätten Sie nicht die dumme Affengeschichte erzählt,“ sagte er, „und ich nicht eine noch dümmere, so wäre ohne Zweifel einer so klugen und liebenswürdigen Frau eine solche Taktlosigkeit nicht passirt, und Sie würden nicht versucht haben, dieselbe mit einer Grobheit auszugleichen; folglich sind wir allesammt Sünder und müssen alle Buße thun in Sack und Asche und uns in Zukunft hüten, unsere schöne internationale Tafelrunde wieder solchen Störungen auszusetzen. Meine ganz unparteiische Ansicht ist die: Je mehr das nationale Princip erstarkt, – und es befindet sich in Europa auf dem besten Wege dazu – destomehr werden die Völker Respect vor einander bekommen und jene albernen Krähwinkler Spöttereien und Hänseleien verschwinden, mit welchen sich zu Hogarth’s und Swift’s Zeiten Franzosen und Engländer gegenseitig heimsuchten und womit sich gegenwärtig Deutsche und Dänen, Oesterreicher und Ungarn und im Innern Deutschlands Sachsen und Schwaben, Baiern und Franken, ja sogar die Berliner und Potsdamer, die Frankfurter ,Aeppelwein-Trinker’ und die Mainzer ,Sauerkrautesser’ unter einander aufziehen.“ - -

Nun war der Alte auf seinem Steckenpferd, nämlich dem kosmopolitischen Kampfe gegen internationale Vorurtheile; ich ließ ihn sich austoben und es gelang ihm, mich zu bekehren. Der Waffenstillstand mit den „Reichsfeinden“ wurde wieder hergestellt, ich erhielt vollständige Genugthuung wegen der in mir der deutschen Nation widerfahrenen Kränkung und erfuhr bei dieser Gelegenheit Mancherlei, das mich zu weiteren Nachforschungen veranlaßte und auf einen Gegenstand führte, den ich öffentlich zur Sprache zu bringen mich im Interesse der deutschen Nationalehre verpflichtet fühle.

Unsere Tischgenossen aus Dänemark erzählten uns nämlich, daß, abgesehen von den politischen und nationalen Renegaten, welche sich der dänischen Regierung gegen ihre eigenen Landsleute zur Verwendung im Civil- und im Militärdienste stellen und die leider meistens dem deutschen Adel angehören, ein anderer Umstand viel dazu beitrage, den mittleren und unteren Volksclassen Dänemarks, welche natürlich von deutscher Literatur und Kunst nichts wissen, einen übeln Begriff von den Deutschen beizubringen. Die [527] nordischen Städte Europa’s würden alljährlich, namentlich im Sommer, überschwemmt von einer großen Anzahl Deutscher, welche sich dort zu den niedrigsten Verrichtungen herabließen, im Vergleich zu welchen die Beschäftigung der savoyardischen Schuhputzer und Murmelthierbuben, die sich in London und Paris herumtreiben, eine anständige und die der Zigeunerbanden eine romantische genannt zu werden verdiene. Die meisten dieser das Ausland unsicher machenden Deutschen lebten im Grunde genommen von der Prostitution und vom Bettel; denn das Singen, das Musiciren und das Hausiren mit allerlei unbrauchbaren oder werthlosen Dingen, womit sie sich angeblich und äußerlich beschäftigen, sei nur der Vorwand und diene dem einen oder dem andern jener beiden elenden Erwerbszweige zum Vorwand. Nun beurtheile man die Nation nach diesem ihrem Auswurf, und da man von den andern europäischen Völkern nur feine, gebildete und wohlhabende Leute sehe, von dem deutschen Volke aber meist nur diese verkommenen und verwahrlosten Menschen, so sei es natürlich, daß man annehme, Deutschland stehe auf der untersten Stufe der Cultur, noch etwas unter Savoyen, das wenigstens Stiefeln zu wichsen und Murmelthiere abzurichten verstehe.

Trotz der vollsten persönlichen Glaubwürdigkeit der Erzählenden hielt ich das Gehörte für unrichtig oder wenigstens für übertrieben. Ich nahm mir darum vor, selbst Nachforschungen darüber anzustellen. Leider bestätigten diese das Mitgetheilte in vollem Maße und ergaben weiter, daß es besonders das Herzogthum Nassau ist, welches von seiner halben Million Einwohnern alljährlich Hunderte, vielleicht Tausende aussendet, um den deutschen Namen im Auslande zu beschimpfen in einer Weise, die noch schlimmer wirkt, als es die Schmach des mecklenburgischen Prügelgesetzes, des menschenunwürdigen Productes jener „kleinen, aber mächtigen Partei“, im Augenblicke zu thun scheint.

Ja, noch schlimmer; denn, frage ich, ist es eine geringere Schande für Deutschland, daß ein Ländchen von 85 Q.-Meilen und 450,000 Einwohnern, über das die gütige Natur ihr reichstes Füllhorn ausgeschüttet, das sie gesegnet hat mit dem edelsten Wein, den herrlichsten Wäldern, den größten Mineralschätzen, mit Brunnen und Bädern, mit Wasserkraft und Wasserstraßen, mit einer rührigen und geistig hochbegabten Bevölkerung; daß ein Land, welches an der großen Heerstraße der europäischen Völkerwanderung liegt, das jeder Engländer, der den Continent bereist, jeder Franzose, der einmal seinen Fuß über seine Landesgrenze gesetzt, jeder Amerikaner, der einmal dem „Old Europe“ einen Besuch gemacht hat, kennt, das er kennt als schön, reich, blühend, als ein kleines Paradies, als ein „Stückchen Himmel, das auf die Erde gefallen ist“, – daß dieses Land jährlich Hunderte von Männern und Weibern, und was noch schlimmer ist, Hunderte von verwahrlosten Kindern zum Bettel und zur Prostitution nach den ausländischen Hauptstädten schickt, damit sie dort den deutschen Namen schänden?


Im Juni 1862 besuchte ich die Ausstellung in London. Mein Weg führte mich dort öfters von Charing Croß, in dessen Nähe ich wohnte, nach den botanischen und zoologischen Gärten des Regents-Parks, wo ich meine bescheidenen Studien machte. Wenn man die geräuschvollen Strecken der eleganten Regents-Street hinter sich hat, kommt man in die stilleren Quartiere von Portland-Place etc. Hier traf ich stets, sei es auf dem Hin- oder Rückweg, ein Rudel Jungen, die auf mißförmigen Hörnern aus verbogenem Kupferblech eine grauenhafte Musik machten, nach deren Beginn sich alsbald die Fenster der Umgebung öffneten und Penny- oder Halb-Pennystücke auf die Straße herunterfielen. Einer der Jungen sammelte sie, und sobald dies Geschäft beendigt war, hörte die Musik auf, und die Bande zog ein paar Häuser weiter, um denselben Act der Grausamkeit von Neuem zu beginnen. Es handelte sich hier offenbar nicht um einen Ohrenschmaus. Denn die Musik – vorausgesetzt, daß man das von den Jungen hervorgebrachte Geräusch so nennen durfte – war nicht zum Anhören. Sie wurde gemacht, nicht um den Zuhörern ein Vergnügen zu bereiten, im Gegentheil, um sie zu mißhandeln, damit sie sich möglichst schnell entschlossen, sich von dieser Qual zu befreien dadurch, daß sie einen Penny oder einen halben Penny zum Fenster hinaus warfen. Die Hörner dienten zur Ausübung eines qualificirten Bettels. Sie waren weniger musikalische Instrumente, als vielmehr reine Folterwerkzeuge.

Ich ließ mich mit den Buben, da sie unsere Muttersprache redeten, in ein Gespräch ein. Sie erzählten mir, sie seien aus Nassau, und zwar aus dem Amte Wallmerode, das durch seine ultramontane Abstimmung bekannt ist. Auf meine Fragen, ob sie etwa Brüder seien oder wie sie sich sonst zusammengefunden hätten, ob sie Musikanten von Metier seien (was ich in Anbetracht ihrer geringen Leistungen bezweifelte) und was sie nach London geführt habe, erwiderten sie mir, sie gehörten verschiedenen Familien und auch verschiedenen Dörfern an, ein Theil von ihnen sei noch im schulpflichtigen Alter, der Aelteste sei sechszehn Jahre alt; ihre Eltern hätten sie an einen Mann aus dem Odenwald vermiethet, dieser habe ihnen die Hörner gegeben, sie auch, so viel sie es könnten, blasen gelehrt und nach London geführt, wo sie den Tag über auf den Straßen der nördlichen und westlichen Stadttheile ihrem Beruf oblägen, so wie ich es gesehen habe. Abends kehrten sie zu ihrer Kneipe zurück, die östlich vom Tower in einer engen und schmutzigen Straße liege und deren Eigenthümer ebenfalls ein Deutscher sei, dort wohne auch der Mann, der sie gemiethet habe und glänzende Geschäfte mit ihnen mache, denn sie müßten ihm jeden Abend das Geld, das sie den Tag über eingesammelt, abliefern; das sei in der Regel viel, und wenn es ihrem „Unternehmer“ nicht genug sei, bekämen sie Schläge. Ueberhaupt beklagten sie sich bitterlich über schlechte Kost und üble Behandlung, ihre Eltern seien arme Leute, aber sie hätten es doch zu Hause besser gehabt, als hier in dieser fremden, mächtigen Stadt, an deren Ende man gar nicht kommen könne. Der „Unternehmer“ habe ihren Eltern und ihnen, den Jungen selbst, goldene Berge versprochen; wenn sie jedoch gewußt hätten, wie es ihnen ginge, dann hätten sie sich lieber bei der Ueberfahrt in das Meer gestürzt; auch ihre Eltern hätten das gewiß nicht so haben wollen, sonst würden ihnen die „Blutkreuzer“, wofür sie ihre Kinder verschachert hätten, gewiß keinen Segen bringen.

Ich erbot mich ihnen zu helfen. Ich wollte mich an die preußische Gesandtschaft oder an den preußischen Generalconsul wenden, um durch deren Hülfe zu versuchen, was sich zur Befreiung der Jungen thun ließe, die ja, wenn auch nicht zu Preußen, denn doch dem Zollverein angehörten, und Preußen hat ja seine Agenten im Auslande angewiesen, sich der Zollvereinsangehörigen nach Kräften anzunehmen. Ich sagte das den Jungen, allein sie lehnten mein Anerbieten ab. Sie meinten, andere ihrer Leidensgefährten hätten das schon probirt, aber ohne Erfolg, sie hätten dadurch ihre Lage nur noch verschlimmert; das helfe nichts. Bei den Behörden in London sei für den armen Ausländer kein Recht zu finden, und dem „Unternehmer“, der hier alle Pfiffe und Schliche kenne, werde mehr geglaubt; sie müßten sich nun einmal in das Unabänderliche fügen und warten, bis es zu Ende gehe. Da ich ihnen also nicht helfen konnte, so gab ich ihnen ein Stück Geld und den Rath, sich dafür ein ordentliches Luncheon (Gabelfrühstück) anzuschaffen. „Denn,“ sagte ich ihnen, „da Ihr gesetzlich freie Leute und nur mißbräuchlich Sclaven seid und da Ihr nach Euerem Vertrag nur das an Eueren Unternehmer abzuliefern habt, was Ihr mittelst Euerer sogenannten Kunst erwerbt, nicht aber auch das, was man Euch schenkt, so glaube ich, daß Ihr berechtigt seid, das Geld, das ich Euch nicht wegen, sondern trotz der gräulichen Disharmonie, womit Ihr das menschliche Ohr peinigt, gebe, nicht an Eueren Unternehmer abzuliefern, sondern zu eigenem Nutzen zu verwenden.“ Ich hoffe, daß die Jungen meinen Rath befolgt haben.

Auf meinem ferneren Marsch nach dem Regents-Park stieß ich auf eine Truppe Neger, die ebenfalls für Geld musicirten. Ihre Musik war weit besser, und die stumpfnasigen, wollhaarigen Söhne Aethiopiens waren fröhlich und wohlauf. Sie waren wohlgekleidet und schienen gut genährt. Kurz, diese Neger machten den Eindruck von Gentlemen im Vergleich zu den armen weißen Sclaven aus Deutschland, die von ihren Eltern um ein Paar Silberlinge verschachert worden waren!

[550]
2.

Am Abend traf ich in der auf deutschem Fuße eingerichteten „Bibra’s Restauration“ (Upper St. Martin’s Lane, beim Leicester-Square) deutsche Landsleute, Kaufleute und Fabrikanten, welche ebenfalls der Ausstellung halber da waren. Ich erzählte ihnen meine Begegnung mit den unglücklichen Musikanten aus Nassau und wie dieselben meine angebotene Hülfe zurückgewiesen, dagegen das Geld zum Frühstück bereitwillig angenommen hätten. „Ah, ich kenne diese Vögel,“ sagte mir ein Mainzer Kaufmann, „sie stammen aus unserer Nachbarschaft, aus Kleinrußland, wie man bei uns scherzweise Nassau nennt, übrigens, was sie Ihnen von ihrem Elende vorgesungen haben, ist gewiß zur Hälfte nicht wahr und war nur darauf berechnet, Ihr weiches landsmännisches Herz zu rühren und Ihren Geldbeutel um ein paar Schillinge leichter zu machen. Es ist eine Menge dieses miserabeln Gesindels in London, um den deutschen Namen im Auslande herabzuwürdigen. Man ärgert sich, so oft man sie sieht, und man sollte ihnen statt Geldes etwas Anderes geben. Und erst die verworfenen Eltern, die ihre Kinder auf diese Weise hinausstoßen. Pfui! Auch eine Menge von deutschen Frauen und Mädchen treibt sich auf solche Art hier herum. Sie hausiren mit allerlei albernen Dingen, wie mit Strohmatten, Besen, aus Holz geschnitzten Fliegenwedeln, bunten Papierzierrathen, künstlichen Blumen plumpster Art, Wachsfigürchen und dergleichen mehr. Alles das ist aber nur Vorwand. In Wirklichkeit treiben sie den Bettel und Schlimmeres. Sie sind aus Nassau und den althessischen Provinzen. In Rheinhessen weiß man von dieser Krankheit der fahrenden Bettler und Musikanten nichts. Uebrigens hat dieses Volk auch seine Vergnügungen. Abends sammeln sie sich in den schmutzigen Höhlen hinter dem Tower, welche gehalten werden von deutschen Wirthen, die eines solchen Publikums würdig; und wenn sie dann dort beisammen sind, die deutschen Jünglinge, welche der Musik, und die deutschen Mägdlein, welche dem Fliegenwedelhandel obliegen, dann soll es recht lustig, aber durchaus nicht anständig zugehen. Man muß sich wirklich im Auslande manchmal schämen, ein Deutscher zu sein.“

Das einmal angeschlagene Thema wurde ausführlich besprochen. Jeder hatte seine Wahrnehmungen gemacht und theilte sie mit. Alle kamen darin überein, daß dieses meistens aus Nassau stammende Gesindel in großer Zahl vorhanden sei und den Engländern einen uns keineswegs schmeichelhaften Begriff von der Moral und den politischen und wirthschaftlichen Zuständen Deutschlands beibringe. Allein dies Unwesen erstreckt sich nicht allein auf England. Auch Holland, Dänemark, Schweden und Rußland werden davon heimgesucht, und selbst aus Californien, Mexico und Südamerika kommen zuweilen Nachrichten herüber, daß dort nassauische und hessische Kinder, welche von solchen „Unternehmern“ den Eltern um einen Sündenlohn abgeschachert und dort importirt worden sind, mit den Niggers und Kulis auf dem Sclavenmarkte concurriren.

Eine russische Zeitung, erzählte einer der bei Bibra Anwesenden, habe neulich die Unverschämtheit gehabt, zu behaupten, das deutsche Volk bestehe vorwiegend aus Musikanten, Schulmeistern, Kellnern und Apothekern. Was die Apotheker anlange, so habe das für Rußland einigermaßen Sinn. Peter der Große habe eine Verordnung erlassen, wonach nur Deutsche als Apotheker im ganzen russischen Reiche zugelassen werden durften. Es liege darin die Anerkennung, daß solche Stellen, welche einen gleichmäßigen, ruhigen, andauernden Fleiß, eine pedantische Besonnenheit, fern von jedem Leichtsinn, erforderten, selbst bei sonst gleicher Befähigung, besser mit Deutschen besetzt würden, als mit Russen. Die Verordnung stehe zwar nicht mehr in Kraft, allein die deutschen Apotheker seien geblieben und seien respectirte Leute bei den Russen. Im Uebrigen aber hätten die Russen eine starke Abneigung gegen den Deutschen, den „Niemetz“. Dieselbe sei um so weniger gerechtfertigt, da Rußland seine Cultur doch großentheils den von Peter I. mit besonderer Vorliebe bedachten und zur Einwanderung eingeladenen Deutschen und Holländern zu verdanken habe. Veranlaßt sei sie aber wohl zunächst durch den deutschen Adel aus Livland, Esthland und Kurland, welcher den Altrussen die besten Stellen im Hof-, Civil- und Militärdienst wegschnappe und mit junkerlichem Hochmuthe auftrete. Aber um diesem Haß den Schimmer der Verachtung zu geben, dazu benutze man vorzugsweise jene widerliche Schaar von Musikanten und Bettlern, mit welchen Deutschland St. Petersburg zu überschwemmen pflege und unter denen die Harfenistinnen eine hervorragende Rolle spielen, die sich keineswegs auf das Singen und das Handhaben ihres musikalischen Instrumentes beschränke. Dieselben seien meistens in Elz, einem großen Dorf in Nassau, das in nächster Nähe des katholischen Bischofssitzes Limburg a. d. Lahn gelegen, zu Hause. Kein Mensch in der Welt bringe eine solche Elzer Künstlerin dazu, an einem Freitag Fleisch zu essen, sonst seien dieselben aber durchaus nicht skrupulös. Dasselbe Dorf liefere auch ganze Trupps von Seiltänzern und Gliederverrenkungskünstlern nach Rußland, und das Alles gereiche keineswegs in majorem Germaniae gloriam.

Ein Dritter der Abendgesellschaft in Bibra’s Restauration kannte genau das Treiben dieser qualificirten Bettler in Holland und schilderte uns dasselbe wie folgt: „In Holland haben sie sich mehr auf den Hausirhandel geworfen. Sie kommen aus den nassauischen Verwaltungsbezirken Montabaur und Selters und handeln mit Steingeschirr und Thonwaaren, welche dort fabricirt werden. Ein ‚Unternehmer‘ hat so und so viele gedungene Personen jüngeren Alters um sich. Sie werden mit einer Kietze mit Thonwaaren beladen und sind angewiesen, durch deren Verkauf und sonstwie, so gut es geht, Geld zu erwerben, das sie an den Unternehmer abzuliefern haben. Dabei werden nicht immer nur erlaubte Mittel angewendet, um zum Zwecke zu gelangen. Man nennt diese Menschen die ‚Landgänger‘, auch die ‚Kannenbäcker‘; letzteres mit Unrecht, denn sie fabriciren die Kannen, welche sie verkaufen, nicht selbst. Sie verlassen mit der Jugend, welche sie gedungen haben, im Frühjahr ihre Heimath und kehren im Herbste dahin zurück.“ –

Soviel über meine Beobachtungen und Unterredungen in England. In Wiesbaden machte mir schon früher der Medicinalrath Dr. Zais, einer der angesehensten dortigen Aerzte und zugleich Eigenthümer zweier großer und eleganter Gast- und Badehäuser am Theaterplatze, des „Hôtel Zais“ und der „Vier Jahreszeiten“, unter Vorlage vieler amerikanischer Zeitungen nähere Mittheilungen über das Treiben dieser unseligen Zugvögel jenseits des Oceans. Danach geht besonders in Californien der „Import“ von deutschen Kindern, namentlich aus Nassau und Hessen, sehr schwungvoll. Die Unglücklichen werden von den Unternehmern, die sie gedungen haben, unter Anwendung der abscheulichsten Grausamkeiten angehalten, auf den öffentlichen Plätzen und Straßen, noch mehr aber in jenen aus Holz und Baumwollenzeug bestehenden, über Nacht aus der Erde wachsenden Tanz-, Spiel- und Branntwein-Salons in St. Francisco, wo die „Digger“ (Goldsucher) ihre Beute verthun, durch die niedrigsten Verrichtungen und Preisgebung ihrer Person den Sündenlohn für ihre unmenschlichen Herren zu verdienen.

Die „Illinois Staatszeitung“ meldete vor einigen Jahren, daß in St. Francisco, aufgeregt durch einen besonders schreienden Fall, in welchem die Eheleute Hillebrand als Seelenkäufer und zwei noch nicht völlig erwachsene Mädchen aus Butzbach im Großherzogthum Hessen als Opfer figurirten, die öffentliche Meinung sich lebhaft mit diesen „weißen Sclaven“ beschäftigte und die Presse sich erhob, um dem Gräuel ein Ende zu machen. Am 13. August 1859 hatte sich die erwachsene männliche deutsche Jugend von St. Francisco in der dortigen Turnhalle in Masse versammelt, um unter dem Vorsitze des Dr. Löhr zu berathen, welche Maßregeln dagegen zu ergreifen seien. Es wurde beschlossen, alle gesetzlichen Mittel gegen diese Schändlichkeit aufzubieten, und ein Aufruf erlassen, in welchem alle Deutsche, sowohl in der Hauptstadt, als [551] in den Landstädten und den Bergwerks-Districten, dringend um Beistand gebeten wurden, „um diese Schande an der deutschen Nation abzuwerfen“. Es wurde ein „Executiv- und Ueberwachungs-Ausschuß“ niedergesetzt, mit dem Auftrag, sich namentlich auch mit der Presse, den Polizeibeamten und den Frauen, welche in Amerika überall eine Macht sind, zur Abstellung des Unfugs in Verbindung zu setzen. Endlich wurde beschlossen, „jeden Deutschen zu ersuchen, in dieser Angelegenheit durch Druck und Schrift nach Deutschland hin zu wirken, namentlich aber nach jenen Ländern (Hessen und Nassau), von wo die unglücklichen Opfer der Schandthaten durch gewissenlose Agenten hierher (nach Amerika) gebracht werden.“

Ein Correspondent des „Philadelphia-Democrat“ läßt sich um dieselbe Zeit ausführlich aus dem nämlichen Anlaß über diese traurige Erscheinung aus, indem er die Agenten mit Namen bezeichnet und die hessischen Dörfer Niederweisel, Münster und Feuerbach bei Friedberg in der Wetterau, in der Nähe der kurhessischen Spielhölle Nauheim, nennt, wo jene Menschen ganz behäbig dem Menschenfleischhandel wie einem erlaubten Geschäfte nachgehen und von wo die meisten der armen Kinder kommen, welche in Californien, Australien, Mexico und Südamerika für die Seelenverkäufer sich einem ehrlosen Erwerbe hingeben müssen. In Californien allein sollen über dreihundert solcher „deutscher Tanzmamsells“ sein, welche von ihren Eltern in Deutschland an die „Unternehmer“ vermiethet wurden.

Der Correspondent schließt mit den Worten: „Die Presse sowohl, als die deutschen, namentlich hessischen und nassauischen Consulate und jeder Deutsche überhaupt, dem die Ehre seines Vaterlandes und das Wohlergehen seiner Landsleute am Herzen liegt, sollten von diesem Zustande der Dinge Notiz nehmen und zur Abstellung dieses schändlichen Mißbrauches mitwirken. Wem schnürt es nicht das Herz zusammen, zu wissen, daß ganze Schaaren junger deutscher Mädchen hier die Nächte hindurch in den Tanzkellern herumgeschleppt werden, um durch Aufopferung ihrer Ehre und ihrer (Gesundheit ihren grausamen Miethsherren zum Wohlstande zu verhelfen! Haben die hessischen und nassauischen Behörden davon noch keine Notiz genommen? Wir erinnern uns in der Presse unseres alten deutschen Vaterlandes vor Jahren den bittersten Tadel gelesen zu haben über die Tscherkessen, daß sie ihre Mädchen in die Harems der türkischen Großen verkaufen (wo dieselben wenigstens ein behagliches Dasein führen), und über die Russen, daß sie diesen Handel nicht unterdrücken. Will denn diese Zeitungs-Presse, welche sich so eifrig um das kümmert, was zwischen Kaukasus und Dardanellen und ‚da hinten weit in der Türkei‘ geschieht, ignoriren, was unter ihrer eigenen Nase, am Rhein und an der Lahn, auf dem Westerwald, am Taunus, in der Wetterau vor sich geht und doch an Schändlichkeit und Contrast zu dem ganzen Zustande des Landes und der Bevölkerung das weit hinter sich läßt, was man an den Tscherkessen, Tschetschenzen und Russen zu tadeln findet?“

Aus diesen Aeußerungen der amerikanischen Presse, aus verschiedenen Referaten der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ über diesen Menschenhandel und aus sonstigen Mittheilungen nahm der inzwischen verstorbene Medicinalrath Dr. Zais in Wiesbaden, der auch Mitglied der zweiten nassauischen Kammer war, Veranlassung, diese Sache auf dem nassauischen Landtag zur Sprache zu bringen. Er stellte am 8. März 1860 in Gemeinschaft mit anderen Kammermitgliedern die Motion: „Da die bisherigen polizeilichen Maßregeln gegen das Verdingen von Kindern von Seiten der Eltern und Vormünder an Subjecte, welche diese Kinder in fremde Länder ausführen, um sie daselbst zu schändlichen Zwecken zu mißbrauchen, erfolglos waren, so beantragen wir: – die Regierung wolle strengere Maßregeln gegen diesen Unfug ergreifen; namentlich halten wir es für nothwendig, daß die Verdingungsverträge für ungültig erklärt und die verdingenden Eltern oder Vormünder sowohl wie die dingenden Menschenhändler mit angemessenen Strafen belegt werden. Der Sclavenhandel mit Negern“ – so schloß Zais seinen Antrag – „wird von den Deutschen allgemein verabscheut, der Handel mit diesen deutschen Kindern ist noch schlimmer. Der Neger wird als Arbeitsvieh verkauft. Das Schicksal der verkauften deutschen Kinder aber ist, zur Prostitution verdammt zu sein. Die deutsche Nation, die sich die gebildetste und humanste der ganzen Welt nennt, sieht hier in ihrem Schooße einen Menschenhandel betreiben, der den Negerhandel in nichtswürdigen Motiven noch weit übertrifft.“

Die nassauische Kammer, welche unmittelbar vorher eine sehr ausführliche und gründliche Debatte gepflogen hatte über die wichtige Frage, ob es zweckmäßig sei, eine gesetzliche Minimalbreite der Radfelgen vorzuschreiben, und wie groß diese Breite wohl am besten zu bestimmen sei, schien hierbei ihre besten Kräfte erschöpft zu haben. Sie schenkte dem Antrag nur eine geringe Aufmerksamkeit und ging schließlich zur motivirten Tagesordnung über, nachdem vorher ein klerikaler Abgeordneter die Sache für bei Weitem nicht so schlimm erklärt hatte, wie sie dargestellt werde. „Es seien,“ meinte er, „gegenwärtig nur etwa 100–120 junge Leute im Alter von 16–18 Jahren (also doch auch Mädchen in diesem Alter!), welche von ihren Eltern an dergleichen Unternehmer verdingt würden.“ Ebenso hatte ein anderer dem geistlichen Stande angehörender Deputirter, der Vorsitzende der im September 1863 zu Frankfurt a. M. abgehaltenen Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands, ausgesprochen, „daß es kaum nöthig sein möchte, den Gegenstand von Neuem der Sorgfalt der herzoglichen Regierung zu empfehlen!“

Die Wirkungen dieses Beschlusses waren unschwer vorauszusehen. Die Regierung that das Nämliche, wie bisher, d. h. nichts. Die mit einer Mißbilligung bedrohten Unternehmer fuhren fort, Böses zu thun, und die mit einem Bedauern beglückten Kinder, Böses zu leiden. Der Beschluß wurde am 13. März 1860 mit Stimmeneinhelligkeit gefaßt, und vier Jahre später steht die Sache noch gerade so, wie damals. In Holland speculiren noch die listigen nassauischen Landgänger auf das gute Herz des dicken Niederländers; in St. Petersburg spielen noch die Harfenmädchen, die Seiltänzer und Purzler aus Elz und geben den Russen Anlaß, ihre Verachtung gegen den gehaßten „Niemetz“ auszudrücken; in Californien werden noch die armen hessischen Tanzmamsells in den Tanzkellern und Spielhöllen herumgezerrt; in Dänemark sagt noch der hauptstädtische Mob: „Was thut der Deutsche nicht für’s Geld!“ und in London quälen nach wie vor die nämlichen nassauischen Straßenmusikanten das Publicum mit den Dissonanzen ihrer zersprungenen Clarinetten und verbogenen Hörner!

Der damalige Regierungspräsident von Witzingerode, ein wohlmeinender, aber außerordentlich schwacher Mann, der nunmehr längst zu seinen Vätern versammelt ist, gestand, daß die nassauische Regierung zur Steuerung dieses schmachvollen Menschenhandels bis jetzt so gut wie nichts ausgerichtet habe; „allein,“ sagte er, „die Armuth und Noth der Eltern ist es, worin die Schwierigkeit liegt.“

Ganz richtig. Aber, fragen wir, warum ist denn in diesem von der Natur so reich ausgestatteten Nassau die Armuth so groß? Warum sind dort die Leute so unmoralisch, warum ist gerade dort eine Mutter unmenschlich genug, für ein paar Silberlinge ihr Kind einem beliebigen Landläufer zu überlassen, den sie entweder nicht kennt, oder von dem sie, wenn sie ihn kennt, sicher weiß, daß er das Kind in’s Verderben führt, daß er es entweder gar nicht wieder mitbringt, oder mit vergiftetem Leibe und Geiste? Warum besteht denn gerade in Nassau nicht eine allgemeine Verachtung gegen dies unehrliche Gewerbe? Oder wenn sie besteht, warum hat die öffentliche Meinung dort nicht die Kraft, selbst habsüchtige und gewissenlose Eltern abzuhalten, ihre Kinder zu verkaufen? Dies sind die Fragen, über welche sich der Arzt klar werden muß, der das Uebel curiren will. Denn wenn solche Dinge in Nassau vorkommen und in den andern deutschen Ländern (einige Orte in Hessen-Darmstadt ausgenommen) nicht, dann muß dies seine ganz bestimmten örtlichen Gründe haben.

Die Untersuchung dieser Gründe, die der Leser übrigens vielleicht ahnt, würde uns indeß auf das rein politische Gebiet hinüberführen, zu dessen Erörterung ein Familienblatt wie die Gartenlaube schwerlich der geeignete Ort ist.