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Deutsche Wissenschaft in England

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Textdaten
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Autor: H. B.
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Titel: Deutsche Wissenschaft in England
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 141–143
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Deutsche Wissenschaft in England.

Fast jeder Deutsche, der etwas Besonderes weiß und will, ist insofern ein Prophet, als er nichts in seinem Vaterlande gilt. Weiß und will er etwas Neues, eine Erfindung, Entdeckung oder bedeutende Fortschrittsidee, so geht er nicht selten an Theilnahmlosigkeit, öfter vielleicht an künstlich bereiteten Hindernissen zu Grunde, wenn ihn nicht noch zur rechten

Max Müller.

Zeit die Verzweiflung oder die Hoffnung auf Anerkennung und Hülfe in’s Ausland treibt. Damit ist die Geschichte vieler deutscher Erfinder und Fortschrittsmänner in Wissenschaft und Leben bezeichnet.

So ist die ganze civilisirte Erde bereits mehr oder weniger dicht mit deutschen Flüchtlingen, Pionieren und Priestern kosmopolitischer Welteroberung bevölkert worden. Dabei ist als charakteristisch zu bemerken, daß fast durchweg Handlung und Handwerk, Wissenschaft und Kunst außerhalb destomehr in die Hände von Deutschen gerathen, jemehr Geschick und Genie erforderlich sind, um dann etwas zu leisten. Die besten Schneider, Mechaniker, Bäcker, Kunsttischler in London, Petersburg und Paris sind Deutsche, und in der russischen Hauptstadt ist die Feinbäckerei sogar polizeilich auf Deutsche beschränkt. Ebenso tritt in Rußland besonders Wissenschaft, Heilkunst und höhere Kunstindustrie als Wirkungskreis Deutscher hervor.

Dies gilt, wenn auch nicht in solchem Umfange, in England. Und dort habe ich zehn Jahre lang aus eigenen Erfahrungen und Erlebnissen herausgefunden, daß der Haß der Stockengländer gegen Deutschland wesentlich aus der Ueberlegenlieit deutschen Geschicks und Genies sein Gift zieht. Die Palmerston’schen Diplomaten, die Times und sonstige stockenglische Zeitungen werden deshalb auch allemal besonders boshaft gegen Deutschland, so wie es sich einmal etwas regt und Miene macht, zum Bewußtsein[WS 1] und zur Ausübung seiner wirklichen, aber stets gedrückt und zerstreut gehaltenen Macht zu gelangen.

Die gebildeten Engländer, auch die Cobdens und Brights, die unfehlbar zur Regierung kommen, wenn sich erst die stockenglischen Palmerstons und Derby-Disraeliten vollends ausgeschwindelt haben werden, wissen nichts davon und lernen gern aus deutschen Culturquellen, kaufen deutsche Bücher und lassen sich bei deutschen Schneidern Hosen anmessen. In vielen Dingen sind sie ohnehin blos auf Deutsche angewiesen, da Niemand sonst den verlangten Artikel liefern kann. Die stockenglischen Groß-Hoteliers müssen deutsche Kellner nehmen, weil Engländer oder Franzosen nie die drei Sprachen lernen, die von solchen Kellnern verlangt werden. Ohne deutsche Lehrer hätten die Engländer schwerlich Musik und Sprachen gelernt. Und wenn nicht ein Deutscher die mächtigste Zeitung mit Geschick, Genie, Geist und Freimuth gegründet und zur Macht erhoben hätte, würden sie wohl auch keine Times haben. Es blieb einem ehemaligen deutschen Buchhändler vorbehalten, den jetzt unentbehrlichen, für allen Handel und Wandel und alle Politik entscheidenden Kosmopolitismus der Reuter’schen Telegramme zu schaffen und auszubilden. Erst wollte keine Zeitung etwas von ihm wissen, auch als er seine elektrischen Lakonismen aus aller Welt umsonst schickte. Jetzt bezahlen sie alle gut und gern für jede Silbe. Er quälte sich erst lange furchtbar gegen allerhand Noth und Hindernisse; aber er hat’s glänzend durchgesetzt. Wie viel der Londoner Buchhandel den Deutschen verdankt, ist bekannt.

In der eigentlichen Wissenschaft haben mehrere Deutsche, weil kein Engländer als Ersatz ausfindig zu machen war, Monopole erhalten; so muß es z. B. Kinkel sein, der Geographie oder Culturgeschichte in höheren englischen Unterrichtsanstalten für junge Damen oder Herren vorträgt.

Noch charakteristischer ist das Beispiel des Dr. Rost aus Altenburg. Er hatte in Jena Theologie und unter der geistvollen Leitung des Professor Stickel (der das Etruskische entzifferte und die beste Sammlung orientalischer Münzen, mit Goldstücken aus Muhamed’s Zeit zu Stande brachte) orientalische, semitische Sprachen studirt, dabei aber Hindustani, die jetzige Sprache der Hindus in Indien, selber gründlich und mit den größten Mühen um Quellen und Hülfsmittel erlernt. Als solch ein seltener Kenner kam er durch Einfluß des damaligen preußischen Gesandten nach England und mußte endlich als einziger gründlicher Kenner der Hindusprachen in Canterbury, der einzigen englischen Lehranstalt dafür, angestellt werden. Unter den Engländern, die Jahrhunderte lang in Indien erobert, gehauset und erpreßt hatten, fand sich kein ordentlicher Lehrer der Hindusprachen. Da es nun nach der großen indischen Rebellion endlich galt, für Engländer [142] zu sorgen, die sich mit den Hindus verständigen könnten, mußte ein Deutscher aus dem kleinen Jena, wo Deutsch gesprochen wird, Lehrer des Hindustani in englischer Sprache werden. Auch fand sich trotz alles Suchens kein Anderer zum Sceretair des Präsidenten der asiatischen Gesellschaft in England, als Dr. Rost.

In Petersburg wären einmal viele Hundert Bücher und Mannscripte in ganz unbekannten Sprachen zum Vorschein gekommen. Es wurde in ganz Europa umhergefragt und geschrieben, ob Niemand diese wahrscheinlich hindustanischen Literaturschätze entziffern könne. Es fand sich Niemand, bis endlich an die Regierung in Petersburg geschrieben ward, in England sei Jemand, der’s vielleicht verstehe, Dr. Rost. Die geheimnißvollen Bücher wurden ihm also von der kaiserlichen russischen Regierung mit der Bitte geschickt, sie zu enträthseln und zu schreiben, zu drucken, was drin stehe.

Dr. Rost that so Monate lang mit angestrengtester Forschung und Genialität. Und so entstand sein berühmtes Buch, das ihm im Kreise der semitischen Sprachgelehrten einen ewigen Namen er warb. Die Bücher und die berühmte Enträtselung wurden nach Petersburg zurückgeschickt. Nach Jahr und Tag erhielt er – auf russische Staatsdienerweise – einhundert Thaler dafür. Es wäre gut, wenn diese Thatsache von hier aus dem russischen Kaiser zu Gesicht oder Ohren käme. Da würde dies „Versehen“ des russischen Vertreters in London gewiß gut gemacht werden. Von dem andern genialen Oberpriester alter und neuester vergleichender Sprachwissenschaft, dem deutschgebornen Professor Goldstücker in London, der ersten Autorität in der alten Ursprache des Sanscrit und dem Helden der vergleichenden Sprachwissenschaft, will ich nur erwähnen, was Bucher einmal Treffendes von ihm sagte: „Er riecht verborgene, unbekannte Sprachschätze und Worte, wie ein Trüffelhund die Trüffeln. Er braucht die Worte fremder Sprachen nicht zu lernen, sondern er kratzt sie aus der Tiefe seiner Wissenschaft.“

Wegen seiner Vorzüge in dieser Wissenschaft verhaßter war und ist nun beliebter Max Müller, jetzt wohl der berühmteste Vertreter deutscher Wissenschaft in England.

Max Müller (Friedrich Maximilian) ist ein geborner Dessauer und feiert im December seinen einundvierzigsten Geburtstag. Er ist ein Dichtersohn. Sein Vater war der berühmte Griechenfreiheitssänger Wilhelm Müller, der freilich schon dem vierjährigen Max starb. Die verwittwete Mutter, sein Großvater Basedow, Sohn des auch durch Goethe berühmt gewordenen Pädagogen, und die herzogliche Schule in Dessau, später Professor Carus in Leipzig und die Nicolaischule sorgten für gute Erziehung und die Elemente der Wissenschaft. Max aber noch mehr. Wenigstens konnte er schon im achten Jahre schön Clavier spielen und bald darauf dichten. Sein Gedicht zum Buchdrucker-Jubiläum in Leipzig (1840) fand ganz besondern Beifall, auch den des Componisten Mendelssohn, der ihm seitdem stets befreundet blieb. Von seinen Jugendfreunden nennen wir nur Professor Victor Carus und den Herausgeber dieses Blattes. Auf der Universität Leipzig studirte er zunächst Hebräisch und Arabisch, dann aber, durch Professor Brockhaus auf die Wurzel aller indogermanischen Sprachen aufmerksam gemacht, Sanscrit, die reiche Quelle seiner jetzigen Verdienste. Schon als Student machte er sich damit so vertraut, daß er die alte indische Fabelsammlung Hitopadesa übersetzte und herausgab.

Seit 1844 finden wir ihn eine Zeit lang auf der königl. Bibliothek zu Berlin, schwelgend in alten Sanscrit-Manuscripten, in den Hörsälen bei Böth, Heyne etc., angeregt und anregend bei Humboldt, überall frisch, froh, forschend, in Sprachwissenschaft und gelehrtem wie lernendem Eifer Achtung einflößend und die Freundschaft, die schönsten Hoffnungen gelehrter Männer gewinnend. Damals war auch der Dichter und Persisch-Kundige Friedrich Rückert zur Berliner Universität berufen worden, wo’s ihm aber durch und durch mißfiel. Er sollte Vorlesungen halten, wollte aber nicht. In der Hoffnung, daß sich Niemand als Zuhörer melden würde, kündigte er eine Vorlesung über die persische Sprache an. Es meldete sich Niemand, außer Max Müller. Rückert sagte, er müsse wenigstens drei Zuhörer haben (tres faciunt collegium), sonst thue er’s nicht. Max Müller ließ sich keine Mühe verdrießen, die beiden Fehlenden zu finden. Nun meldeten sich Drei und Rückert mußte verdrießlich anfangen. Aber der Eifer und die raschen Fortschritte der Zuhörer, besonders Müllers, machten ihn bald liebenswürdig und selbst eifrig.

Solch regem Fleiße in Jugendkraft und reicher Fülle von Geistesgaben ward es nicht schwer, eines schönen Morgens die liebende Mutter mit seinem in aller Stille glänzend erworbenen Doctordiplom aus Leipzig freudig zu überraschen. Bis dahin hatten Universität-Stipendien Nahrungssorgen fern gehalten. Aber von dem Rufe des berühmten Sanscrit-Gelehrten Burnouf nach Paris getrieben, mußte er, um ihn zu hören, zu studiren und zu leben, sogar bis zu kümmerlich bezahltem Abschreiben gelehrter Manuscripte herabsteigen und dies trotz der Empfehlungen Humboldts und der besondern Achtung und Freundschaft Burnouf’s. Dieser ermunterte ihn zu der schwierigsten, wenn auch ehrenvollsten Arbeit, der Herausgabe ältester Brahmanengesänge im Sanscrit, des Rig-Beda. Nachdem er ein Buch zu Stande gebracht und sich dabei sogar etwas Geld gespart hatte, ließen ihm die Sanscrit-Kostbarkeiten im britischen Museum zu London keine Ruhe mehr. Ohne Englisch zu verstehen, fuhr er hinüber und begab sich sofort zu dem damaligen Präsidenten der asiatischen Gesellschaft, der ersten Sanscrit Autorität, Professor Wilson. Derselbe stellte dem blutjungen deutschen Gelehrten – er war damals dreiundzwanzig Jahre alt – alle Manuscripte zur Verfügung. Diese brachten aber nicht sofort Geld, das man gleichwohl im modernen London alle Tage immer baar haben muß, und sollte man auch blos Manuscripte studiren wollen.

Als die kleine Casse bis auf den Betrag der Heimkehrkosten geschmolzen war, wollte er sofort Anstalt zur Rückfahrt machen. Dazu gehörte aber außer Geld auch ein von der Gesandtschaft visirter Paß. Glücklicherweise für ihn – und unzählige andere Männer der Wissenschaft – war damals Bunsen und nicht Graf von Bernstorff Gesandter. Bunsen hatte durch Humboldt von Müller gehört. Die Paßangelegenheit führte Beide persönlich zusammen. Bunsen fühlte sich sofort zu dem durch sein ganzes Wesen gewinnenden jungen Gelehrten hingezogen und überredete ihn, in London zu bleiben und an der Herausgabe des Rig-Veda weiter zu arbeiten; für Mittel werde er sorgen. Und er hat nobel Wort gehalten.

Während Müller mit Freuden die Rig-Veda-Arbeit wieder aufnahm, forderte Wilson die asiatische Gesellschaft in Ostindien auf, dasselbe Werk mit Unterstützung gelehrter Brahmanen herauszugeben. Aber unter allen gelehrten Engländern fand sich Niemand der Ausgabe gewachsen. Nun erbot sich Max Müller kühn, das Werk allein mit Mitteln der ostindischen Gesellschaft in Deutschland zu vollenden. Wilson lehnte dies ab und verstand sich endlich nur unter der Bedingung dazu, daß es in England erscheine und ihm die Uebersetzung übertragen werde. Der kühne einzelne deutsche Gelehrte mußte die Bedingung eingehen, da England ihm die Mittel bot und kein deutscher Staat Geld für dergleichen unmilitärische Dinge hat. Und so erschien das große Ursprachwerk als Heldenarbeit eines deutschen Gelehrten mit englischen Mitteln. (Wir müssen hier der Versuchung widerstehen, andere deutsche Heldenarbeiten für englische Rechnung, Barth’s, Overweg’s etc. zu würdigen.)

Im Jahre 1847 war ein Theil der Arbeit vollendet. Die englische Association von Männern der Wissenschaft, mit Bunsen als Mitglied, wußte sie zu würdigen und veranlaßte ihn, in der alten klösterlichen Universität Oxford über modernes Indisch, die bengalische Sprache, öffentlich Vorträge zu halten. Dies that er mit dem größten Beifall. Und da ihm Oxford auch sonst gefiel, beschloß er, einstweilen da zu bleiben. Er ahnte noch nicht, daß es die Stätte seiner größten Triumphe werden sollte, der herrlichste Triumph deutscher Wissenschaft in England.

Er trat zunächst als Stellvertreter eines Professors der europäischen Sprachen auf und erhielt nach dessen Tode diese Stelle. Dies war 1847, nachdem er noch einen vergeblichen Versuch gemacht, die großartige Arbeit in Deutschland herauszugeben und gar selbst zurückzukehren. Glücklicherweise hielt ihn England und rettete dadurch den Apostel einer ganz neuen, zukunftreichen Wissenschaft, der vergleichenden Sprachwissenschaft, der vergleichenden Mythologie und Phonetik. Er hielt darüber regelmäßig Vorlesungen und arbeitete mit riesiger Anstrengung an Fortsetzung der Herausgabe des Rig-Veda-Textes, der endlich zu vier Bänden, jeder von eintausend Quartseiten, anschwoll. Später half ihm dabei Dr. Aufrecht aus Berlin, da er in England Niemanden dazu fand. Dieser wurde später Sanscrit-Professor in Edinburgh, weil der Engländer oder Schotte, der für diese Stelle gesucht ward, auch nirgends zu finden war.

[143] Die Verdienste, der Ruhm und die Anerkennung M. Müller’s stiegen ruhig und siegreich über alle Vorurtheile gegen den „Foreigner“, den Ausländer, so daß ihn die Universität Oxford 1856 zum ordentlichen Professor und „Master of Arts“, (Meister der Künste, ein englisch-eigenthümlicher Universitätsehrentitel) und darauf sogar zum „Fellow“, einer bestimmten Universitätsabtheilung (College of all souls,) ernannte. „Fellow“ heißt hier: ordentliches Mitglied und hat wissenschaftlich und materiell etwas zu bedeuten. da dieser Titel zur Theilnahme an den reichen Einkünften des „College“ berechtigt. Diese liberale That war ein Ereigniß in England. Max Müller war der erste und bis jetzt letzte Ausländer als Fellow. Auch war er der Erste, dem bei Ertheilung dieser höchsten akademischen Würden die neununddreißig Artikel der anglicanischen Kirche nicht zum Schwure darauf vorgelegt wurden, wie dies sonst unerläßlich vorgeschrieben ist.

Endlich war er der Erste, der sich verheirathen durfte„ ohne das Privilegium eines Fellow zu verlieren. Er verehelichte sich mit der Tochter einer angesehenen Familie, deren Haupt freilich nicht eher einwilligte, als nachdem er die Braut mit zehntausend Pfund Sterling lebensversichert hatte, so daß er seitdem jährlich dreihundert Pfund Prämie zahlen muß.

Im Jahre 1857 starb Wilson. Zu der erledigten Stelle – einer der wichtigsten der Wissenschaft in England – meldete sich Professor Dr. Max Müller, F., M. A. etc., da es nur noch einen Sanscrit-Gelehrten im ganzen englischen Reiche gab, der etwas verstand, Professor Cowell in Calcutta in Ostindien. Und dieser trat sofort von der Bewerbung zurück, als er vernahm, Max Müller habe sich gemeldet. Nun war unter den einsichtsvollen Gelehrten der Universität Oxford, die Wahlrecht hatten (über dreitausend mit Allen, die dort promovirt haben), nichts ausgemachter, als daß Max Müller die Stelle erhalten würde. Aber Jahre lang vorher hatte ein gewisser Williams, Verfasser einer Sanscrit-Grammatik, die in Oxford selbst als vollständig unbrauchbar verworfen worden war, mit seiner pietistischen Niederkirchen- (Low-Church) Partei gegen den Breitkirchner[1] Max Müller gewühlt und wußte jetzt die bekannte stockenglische Wuth gegen deutsche Vorzüge so geschickt und fanatisch und „praktisch“ mit pietistischen Verleumdungen gegen den wissenschaftlich unantastbaren Gegencandidaten in Zeitungen und Ansprachen loszulassen und pietistische Wähler für tausend Pfund Bestechung nach Oxford zur Wahl zu bringen und sogar Bischöfe gegen ihn öffentlich warnen zu lassen, daß die wissenschaftliche Partei Max Müller’s, zu siegesgewiß, die Gefahr zu spät erkannte und mit zweihundert Stimmen Minorität gegen die vereinigten Söldlinge und Sclaven der Bestechung, des Pietismus und der Stockengländerei erlag.

Ich habe den ganzen Scandal in England mit erlebt und erinnere mich genau, wie dieses Ergebniß von allen Gelehrten, Gebildeten und Gentlemen als eine nationale Schmach in dem Grade gefühlt ward, daß selbst die Times, sonst stets das Hauptorgan der Schmähung gegen Deutschland und deutsche Vorzüge, dem allgemeinen Unwillen einen Leitartikel widmete. Ebenso urtheilten alle wissenschaftlichen Organe des Auslandes, so daß diese Niederlage Max Müller’s ihm zu einem neuen Triumphe ward, der sch seitdem durch seine Werke und Vorlesungen immer fortgesetzt, vergrößert, erweitert hat. Seine „Vorlesungen über die Sprachwissenschaft“ haben die Engländer auf die wissenschaftlichste und anmuthigste Weise in einem musterhaften Englisch (das die besten Engländer selbst unvergleichlich schön nennen) mit den deutschen Schöpfungen und Entdeckungen eines Grimm, Kuhn, Wichmann etc. und seinen eigenen vertraut und diese bereits in allen gebildeten Kreisen so heimisch gemacht„ daß wir, im Originallande, uns unserer Unwissenheit schämend, die Augen niederschlagen müssen. Seine Vorlesungen wurden erst aus dem beredten Munde mit Begeisterung vernommen, dann kurz hintereinander in vier Auflagen zu fünftausend Exemplaren vergriffen. Diese Sprachwissenschaft stürzt alle alten Tempel der Grammatik, Etymologie und Mythologie und baut neue von wunderbarer Schönheit auf. „Der kühne, unabhängige Denker und Forscher mit dem ewigen Wunder seines Stils“ (The Reader vom 20. August) steht jetzt in England als der gefeiertste Priester einer ganz neuen Wissenschaft unangefochten in höchsten Ehren.

In Folge seines kühnen und klaren Worts (und zwar in der Times) für das tausendstimmig und brutal geschmähte Vaterland während des Kampfes um Schleswig-Holstein wurde er zwar von der Times selbst wieder angebellt und vom Punch mit Schmutz beworfen; aber die meisten Zeitungen schwiegen sofort und auch die beiden Hauptfeinde deutscher Vorzüge schämten sich fortan ihrer Gemeinheit. Sie lernten sich sogar über deutsche Angelegenheiten anständig ausdrücken. Dem Priester und Pionier deutscher Wissenschaft in London gebührt aber für diese Heldenthat – mitten unter einer deutschfeindlich fanatisirten Bevölkerung – ganz besonderer Dank des deutschen Volks, das ihm denselben freilich bis jetzt schuldig blieb, insofern wir uns nicht mit der begeisterten Dankesadresse begnügen, die ihm der deutsche Nationalverein in London durch eine Deputation überreichen ließ.

Das Ausland ist reich an großen und edeln Männern deutscher Abkunft und vielfach ungewürdigter Verdienste um’s Vaterland. Max Müller gehört zu den ersten unter ihnen. Wir können ihnen Allen den würdigsten Dank darbringen, wenn wir besser für unsere eigene Ehre zu Hause und für Zustände sorgen lernen, welche den Propheten, Pionieren und Priestern deutscher Wissenschaft und Cultur erlaubt, zu Hause zu bleiben und zu wirken.

H. B.     
  1. Broard-Church-Partei, kirchlich Liberale, die sich zwischen der Hoch- und Niederkirchenpartei unabhängig und wissenschaftlich verhalten.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Bewußsein