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Deutsche Vanille

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: C. St
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Titel: Deutsche Vanille
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 548
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[548] Deutsche Vanille. Es klingt gewiß sehr sonderbar, daß in den nordischen Nadelwäldern Vanille wachsen und seit Frühjahr 1875 in den Wäldern Thüringens geerntet werden soll, und es ist doch wahr. Wenn wir von Vanille reden, so denken wir an das feine Aroma, welches die meisten Menschen so sehr lieben, daß sie es nicht allein ihren Eisspeisen, Crêmes, Torten, Chocoladen und Liqueuren zusetzen, sondern oftmals sogar das noch feinere Aroma guten chinesischen Thees damit ersticken. Dieser milde, der Nase und dem Gaumen gleich angenehme Duft geht von einem schneeweißen, Vanillin genannten Stoffe aus, welcher aus der Schale recht kräftiger Vanillefrüchte in Masse herauskrystallisirt, und ihre runzlige Oberfläche mit einem glitzernden Ueberzuge bedeckt, den man darum mit Recht als das Kennzeichen einer guten Vanille angesehen und bei schlechter Waare künstlich nachzuahmen gesucht hat. Eben dieser Träger des Vanilleduftes, oder vielmehr das Aroma selbst in verdichtetster Gestalt, läßt sich nun, wie Wilhelm Haarmann und Ferdinand Thiemann, zwei jüngere, im Laboratorium des berühmten Chemikers A. W. Hofmann in Berlin ausgebildete Forscher, im vergangenen Jahre entdeckt haben, künstlich darstellen und zwar aus einem so zu sagen gemeinen Stoffe, der in reichlicher Menge im Safte aller unserer Nadelhölzer enthalten ist. Der Chemiker und Forstmann Th. Hartig hatte vor vierzehn Jahren im Safte des Lärchenbaumes die Gegenwart eines noch unerkannten Körpers nachgewiesen, der in chemischer Beziehung dem Gerbstoffe der Eichen (Tannin) ähnlich ist, dessen ursprünglicher Name „Lärchenstoff“ (Laricin) vier Jahre später in „Zapfenbaumstoff“ (Coniferin) umgetauft wurde, weil ein anderer Chemiker, W. Kubel, gefunden hatte, daß er auch im Safte der meisten anderen Nadelhölzer oder Coniferen vorkommt.

Da das Coniferin am reichlichsten in dem zwischen Rinde und Holz circulirenden Cambialsafte enthalten ist, so wird das Rohmaterial für die Vanillindarstellung am besten durch Abschaben des eingetrockneten Saftes der gefällten und abgeschälten Fichten-, Tannen- oder Kieferstämme gewonnen. Als Kubel im Jahre 1866 den gereinigten Stoff mit Säuren behandelte, bemerkte er bereits das Auftreten eines unverkennbaren Vanillegeruches, aber erst die genannten beiden Chemiker gingen diesem Winke weiter nach und fanden, daß sich der Nadelholzstoff durch Behandeln mit sauerstoffabgebenden Körpern vollkommen in Vanillestoff umwandeln läßt. Man behandelt ersteren zu diesem Zwecke in gereinigtem Zustande mit doppeltchromsaurem Kali und Schwefelsäure, zieht das Product mit Aether aus und erhält das Vanillin nach dem Entfärben mit Thierkohle und Umkrystallisiren als salzartig schimmernde weiße Masse, die vollkommen identisch ist mit derjenigen, welche die Runzeln guter Vanillefrüchte bedeckt. Da diese Tropenfrucht schon immer das kostbarste Gewürz war, welches wir verwenden, und in neuerer Zeit noch im Preise stieg, so versprach der Fund lohnend zu werden, und der eine der beiden Entdecker hat sich nunmehr gänzlich der industriellen Ausbeutung desselben gewidmet.

Neuere Beobachtungen eröffnen ferner die Aussicht, daß man vielleicht den Vanillestoff gar als das Nebenproduct einer in unserm papiernen Zeitalter auf’s Höchste entwickelten Industrie gewinnen wird, nämlich bei der Holzstoffzubereitung für die Papierfabrikation. Da die Lumpen schon lange nicht mehr ausreichten, hat man sich längst nach Bundesgenossen der Leinenfaser umsehen müssen und den mächtigsten derselben im Zellstoffe der Nadelhölzer gefunden, die man zu seiner Gewinnung zerkleinert und bei hohem Dampfdruck mit Natronlauge in eisernen Kesseln behandelt. Sofern nun jener Ausgangsstoff für die Darstellung des Vanillins, das Coniferin, nicht allein im Safte unter der Rinde, sondern auch im jungen Holze enthalten ist, so geht dasselbe in die Lauge über, welche nach ihrer Benutzung mit Säuren versetzt einen entschiedenen Vanillegeruch entwickelt. Es ist daher möglich, daß das Vanillin künftig als reines Nebenproduct der Papierfabrikation gewonnen werden kann, und der Vanillenthee würde dadurch noch in eine neue Beziehung zur Literatur treten. Jedenfalls blüht den Verehrern der Vanille die verheißende Aussicht, ihr Lieblingsgewürz künftig zu viel mäßigeren Preisen beziehen zu können als bisher, und hoffentlich wird damit noch der Vortheil verbunden sein, daß die Vanilletinctur – denn als solche dürfte der neue Sieg der Chemie zunächst in den Handel kommen – niemals die giftigen Eigenschaften zeigen wird, welche man wiederholt, unter freilich noch unaufgeklärten Umständen, an mit Vanille gewürzten Conditorwaaren beobachtet hat.
C. St.