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Deutsche Spielhöllen

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Textdaten
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Titel: Deutsche Spielhöllen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 20–22
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Deutsche Spielbanken
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Deutsche Spielhöllen.

Es ist eine hohe, heilige Pflicht der deutschen Presse, die unseligen Zustände, an denen unser Vaterland trotz aller und aller patriotischer Mahnungen noch immer leidet, unausgesetzt vor dem Tribunale der öffentlichen Meinung zu besprechen, um hier eine gründliche Abhülfe zu erzielen, da diese leider von den betreffenden deutschen Regierungen unter den jetzigen Verhältnissen kaum zu erwarten sein dürfte. Bereits zu wiederholten Malen haben zwar vaterländisch gesinnte Männer in deutschen Volkskammern wie

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An der Spielbank.
Originalgemälde von Prof. Rustige in Stuttgart.

[22] durch das mächtige Organ der Presse daran gemahnt, daß es endlich an der Zeit sei, den deutschen Spielbanken ein Ende zu machen, die unter der Schutz- und Schirmherrschaft deutscher Regierungen, namentlich in den südwestdeutschen Bädern, ihr Wesen treiben und alljährlich in grausiger Hast ihre Opfer verschlingen. Vielleicht ist es auch ein vergebliches Werk, wenn es das weitest verbreitete Wochenblatt Deutschlands unternimmt, dem ehrlosen, tiefverächtlichen Treiben der deutschen Spielhöllen entgegen zu treten; immer und immer mag aber darauf zurückgekommen werden, bis endlich das ganze deutsche Volk sein gewaltiges Nein! spricht, und vor diesem Donnerworte die kleinen Diebeshehler erbeben, die sich jetzt, wie weiland die Stegreifritter des Mittelalters, in die schmählich erworbene Beute theilen.

Die alten Römer hatten ein Rechtssprüchwort: auctor intellectualis aeque puniendus ac physicus, das wir leicht in unser gutes Deutsch mit dem annähernden Sprüchwort übertragen könnten: „der Hehler ist so gut wie der Stehler!“ Wir wollen jedoch, um nicht bitter zu werden, von diesen Sprüchwörtern absehen und einfach die Frage stellen: wie mögen deutsche Regierungen, denen doch das Wohl ihrer Bürger am Herzen liegen soll und muß, es über sich bringen, wegen eines kleinen, gemeinen Vortheils das Glück und den Wohlstand ihrer Angehörigen auf das Spiel zu setzen? Wie mag ein die Spielbanken beschützender Minister es beantworten, wenn der schlichteste Mann des Volkes vor ihn tritt und zu ihm sagt: „Du regierst das Land mit dem Sündengelde, das Du, oder was dasselbe ist, Deine Dich bezahlenden Helfershelfer dem Volke abgegaunert und abgelistet haben! An jedem Thaler, den Du ausgiebst, hängt der Seufzer einer unglücklichen Familie, hängt das Blut eines Selbstmörders, den Du dazu gemacht hast! Mit eiserner Hand fassen Deine Diener und Schergen nach Jedem im Volke, der, vielleicht in heiterer, weinerregter Laune, es wagt, an einem kleinen Hazardspiel Theil zu nehmen, und Du duldest im eigenen Lande jenes große Spiel, das, ein nimmersattes Ungeheuer, fast täglich seine Opfer verschlingt und für die Ueberlebenden nichts zurückläßt, als den bittersten Schmerz und die herbsten Thränen!“

Könnte unsere Empörung gegen alle diese Nichtswürdigkeiten noch gesteigert werden, so wäre das nur möglich durch das Bild des geistvollen Malers Rustige[1] in Stuttgart, das uns in eine deutsche Spielhölle führt, an deren grünem Tisch in meisterhafter Gruppirung eine Anzahl Gauner versammelt sitzen. Es ist dies keine Erfindung, es ist ein Stück grausiger Wahrheit aus einem deutschen Bade, dessen Name hier nichts zur Sache thut und das uns die kunstgeübte Hand des Meisters hier vor Augen führt.

Ein Pächter vom Lande, der sich kümmerlich und im Schweiße seines Angesichts den Zins seines Pachtgutes verdient und zu seinem Unglück in die Spielhölle jenes bekannten süddeutschen Bades gerathen ist, hat sein letztes Geld verspielt und will mit gebrochenem Herzen, ein armer ruinirter Mann, die traurige Stätte verlassen, in welche der Teufel des Spiels ihn trügerisch verlockt hat. In diesem Augenblicke, wo düstere, selbstmörderische Gedanken seine Seele umnachten, tritt die Gefährtin seines Lebens, sein treues Weib, an der Seite den blühenden Knaben und geleitet vom liebenden Bruder herein. Mit erschütternder Wahrheit hat der Künstler diesen Moment aufgefaßt. Die Angehörigen des Unglücklichen, von banger Ahnung getrieben, stürzen, trotz der Abmahnungen des dicken Portiers, mit schmerzerfüllten Gebehrden in den Saal. Ein Blick auf die Jammergestalt des Mannes, auf die leere Geldtasche, die er mechanisch noch immer in der schlaffen Hand hält, auf die zitternden Lippen des Davoneilenden sagt ihnen, daß ihre Ahnung eine richtige war. Mit gefalteten Händen stürzt das unglückliche Weib dem Gatten entgegen, mit gebrochner Stimme die Worte hervorstoßend: „Mann! Um Gottes Willen, was hast Du gethan!“

Wer vermag es, sich das Furchtbare dieses Augenblickes und dessen nächste Folgen auszumalen? Wer zählt überhaupt die Seufzer, wer die Thränen, die Verwünschungen und Flüche, welche diese Spielhöllen schon hervorgerufen? Wer nennt die Opfer alle, die sie alljährlich fordern? von denen vielleicht nur die Hälfte zur öffentlichen Kunde gelangt, während ein stilles Grab die Uebrigen deckt, die den Ort der Schande gemieden, um fern davon eigenmächtig mit frevelnder Hand den Faden ihres Lebens zu zerschneiden. Noch vor wenigen Wochen lasen wir, wie ein junger Mann, der mehrere Jahre hindurch zur Zufriedenheit seines Principals dessen auswärtige Angelegenheiten besorgte, sich berücken ließ, dem Glücke des Spiels zu vertrauen, die eingezogenen Gelder an einem unseligen Tage verlor und, um nun der zweiten Schande zu entgehen, seinem Leben durch eine Kugel ein Ende machte. Wenige Tage darauf brachten die Blätter schon eine neue, noch schrecklichere Kunde, wie das ganze Glück einer Familie, die sich vor allen Schlägen des Schicksals geschirmt wähnte, urplötzlich in einer Spielhölle zu Grunde ging, in welcher der sonst so wackere Versorger, ein *scher Cassenbeamter, vom Dämon des Gewinnstes verblendet, sein ganzes Vermögen und die ihm anvertrauten Cassengelder an die trügerischen Karten verlor. Auch hier glaubte der Unselige, durch selbstgewählten Tod der Schmach zu entgehen, in welche er sich und die Seinigen gestürzt hatte. Und heute läuft schon wieder durch alle Zeitungen die Nachricht von dem Selbstmorde des preußischen Rittergutsbesitzer, der in H. in wenigen Stunden sein ganzes Vermögen an jene Räuber vergeudete. Wir verschweigen weitere Namen und specielle Erzählungen, um nicht von Neuem die Wunden aufzureißen, an denen noch so manches Herz im deutschen Vaterlande blutet. Aber es hat sicher noch kein Jahr gegeben, in welchem die Zeitungen nicht mehrere der grausigsten, durch die Spielhöllen herbeigeführten Unglücksfälle veröffentlicht hätten!

Die beiden Großstaaten Deutschlands haben längst dem schnöden Gewinn entsagt, den nur noch wenige Staaten oder Staatchen im Südwesten zu nehmen sich nicht entblöden. Dem Unwesen der Barbaresken ist im Laufe der Jahre gesteuert worden; die modernen Raubstaaten Deutschlands fristen aber noch immer ihr armseliges Leben durch die Blutsteuer, welche sie alljährlich den Wahnwitzigen abdrängen, die in ihre Netze fallen. Allein auch ihre Stunde wird schlagen! Schon längst hat die öffentliche Meinung in Deutschland den Stab über sie gebrochen, schon längst hat sie die Namen der Spielhöllen-Fürsten, mit denen uns zumeist unser französisches Nachbarland beglückt, mit Schmach und Schande gebrandmarkt; und bald wird es vielleicht dahin kommen, daß jeder Bankhalter einer deutschen Spielhölle im Volke dieselbe wohlverdiente Verachtung genießt, die nur dem Verworfensten der Gesellschaft zu Theil wird. Dann werden sich auch die wenigen deutschen Fürsten, die sich jetzt noch von jenen berüchtigten Bankhaltern einen Sündensold zahlen lassen, schämen, eine Concession zu ertheilen, an welcher das Blutgeld tausend thörichter Opfer haftet, die sie auf dem Gewissen haben. Das deutsche Volk aber möge immer und immer auf allen ihm zu Gebote stehenden Wegen gegen ein fluchwürdiges Institut protestiren, das in der That kein ehrlicher Mann vertheidigen kann, ein Institut, das allerorten im deutschen Vaterlande die gerechteste Entrüstung und die tiefste Verachtung des Auslandes verfolgt. Möge ein baldiger Tod sein schmachvolles Leben zur Ehre Deutschlands beendigen!


  1. Professor Rustige in Stuttgart, dessen Oelbild in den letzten Monaten auf den deutschen Ausstellungen so großes Aufsehen erregte, hat uns freundlichst die Nachbildung seines Kunstwerks für die Gartenlaube erlaubt, wofür wir ihm nachträglich noch unsern wiederholten Dank abstatten. Das Original ist augenblicklich, so viel wir wissen, in Frankfurt, also in nächster Nähe verschiedener Spielhöllen ausgestellt. Der bekannte Künstler, welcher die Studien zu diesem Bilde an Ort und Stelle, d. h. in Baden, Homburg und Wiesbaden machte, hat uns seit langen Jahren mit so vielen ansprechenden und ergreifenden Genrebildern beschenkt, welche allgemeine Anerkennung auch in der Presse fanden, und durch Nachbildung allgemein bekannt wurden, daß eine nochmalige Besprechung seiner Leistungen und Aufführung seiner geistvollen Schöpfungen wohl überflüssig erscheinen dürfte. Wir nennen unter den vielen nur „das kranke Kind“, „die junge Wittwe“, „Scene aus dem Tyroler Kriege“, vor Allen aber „die Heimkehr des Spielers“, welches letztere Bild Bettina als das ergreifendste und poetischste erklärte, das sie je gesehen. Mehrere seiner Bilder, wie „der Genesende am Sonntag-Morgen“, „der Invalide an der Wiege seines Enkels“ wurden auf Kunstausstellungen mit den ersten Preisen gekrönt, der Künstler selbst, jetzt Professor an der Kunstschule in Stuttgart, ist vom König von Württemberg mit dem Friedrichsorden und vom König von Baiern mit dem Verdienstorden des St. Michel decorirt. Rustige ist übrigens auch Dichter, und mehrere seiner dramatischen Schöpfungen sind mit vielem Beifall über die Bühne gegangen.
    D. Red.