Zum Inhalt springen

Deutsche Originalcharaktere des achtzehnten Jahrhunderts/Karl Ludwig Baron von Pöllnitz

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Rudolf von Gottschall
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Karl Ludwig Baron von Pöllnitz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 464, 466–468
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[464]

Deutsche Originalcharaktere aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Karl Ludwig Baron von Pöllnitz.

Das achtzehnte Jahrhundert erstarb im Kultus der Höfe; aber einen charakterloseren Höfling hat es kaum hervorgebracht als den Helden unserer Geschichte, den vielgewandten Baron von Pöllnitz. Er ist eins der merkwürdigsten Exemplare jener geistreichen Leute, die damals zu glänzen pflegten, obschon nur mit dem Glanze der aus Sumpf und Moder geborenen Irrlichter. Kein vagabundierender Landsknecht aus der Zeit des Simplicissimus darf sich in Bezug auf die weite Ausdehnung und fortwährende Unruhe seiner Wanderschaften und die Fülle der erlebten Abenteuer mit diesem höfischen Vagabunden vergleichen.

Karl Ludwig Baron von Pöllnitz war zu Issum im Stifte Köln im Jahre 1692 geboren. Sein Großvater war Staatsminister, Kammerherr und Generalmajor gewesen; seine Großmutter, Eleonore Gräfin von Nassau, eine natürliche Tochter des Statthalters der Niederlande, Moritz von Oranien; sein Vater Wilhelm Ludwig, Obrist eines Reiterregiments, hatte mehrere Feldzüge des Großen Kurfürsten mitgemacht. Er starb schon 1693 und ließ seine Witwe in sehr bedrängten Verhältnissen zurück. Sie heirathete 1694 den alten Minister von Meinders, aber der Tod des Gatten trennte auch diese Ehe, und zwar schon im folgenden Jahre. Die jetzt durch die Erbschaft reich gewordene Witwe vermählte sich wieder mit dem Hofmarschall von Wansen der bald infolge von Hofintriguen, die er zum Theil selbst angezettelt, gestürzt wurde. Der junge Pöllnitz, der damals in einer der beiden Compagnien stand, die für den Kronprinzen errichtet waren und von diesem einexerziert wurden, der auch mit dem Prinzen französische Komödien aufführte, mußte selbst um Gnade für seinen Stiefvater bitten. Aus jener Zeit erzählt er in einem seiner Memoirenwerke, er habe 1706 den preußischen Abgesandten von Printzen zu Karl XII. nach Altranstädt begleitet; er beschreibt sogar Wesen und Aussehen des Königs ganz genau; doch ist dies nur Wichtigthuerei und Flunkerei, denn er war damals noch nicht fünfzehn Jahre und hätte nur als Page nach Altranstädt mitgehen können. Davon schreibt er aber nichts. Im Jahre 1708 machte er den Feldzug in Flandern und die Schlacht bei Oudenaarde mit und will den General Lottum aus der Gefangenschaft [466] gerettet haben. Nach diesen kriegerischen Großthaten wurde er Kammerjunker in Berlin; doch wegen einer Versäumniß hart angelassen, bat er um die Erlaubniß, auf Reisen gehen zu dürfen. Das wurde ihm bewilligt; in seinen „Memoiren“, die französisch 1734, deutsch 1735 erschienen, erzählt er seine Abenteuer. Er sollte nicht nach Paris gehen, doch gerade dorthin zog es ihn. Er verkehrte dort am Hofe des Regenten, und „Lise Lotte“, die kraftvolle pfälzische Prinzessin, die als Herzogin von Orleans kein sehr beneidenswerthes Los gezogen hatte, fand ihn „allzupossierlich, wenn er will; kann wohl reden und redt nicht wenig.“ Er lebte in Paris lustig und in Freuden, gab Feste, hatte Liebschaften. Schon 1712 wollte er seine Güter verkaufen, die gleichzeitig seinem Bruder und seiner Tante gehörten, jenem Fräulein von Pöllnitz, das am Hofe von Hannover eine große Rolle spielte wegen seiner scharfen Zunge, jedenfalls eines Familienerbstücks, und von wenig wohlwollenden Beurtheilern „ein giftiger Drache“ genannt wurde. Es wurde ihm indeß nur gestattet, sechstausend Thaler von seinen Kapitalien flott zu machen; auch ein späterer Versuch scheiterte an der Weigerung dieses Fräuleins. Nach dem Tode König Friedrichs I. fand sich Pöllnitz in Berlin ein, um sich zu überzeugen, ob bei der gänzlichen Umänderung des Hofstaates etwas für ihn zu erreichen sei; doch er fand eine kühle Aufnahme, ging wieder auf Reisen und versuchte umsonst an einem der auswärtigen Hofe eine Stellung zu erlangen. Aufs neue begab er sich nach Paris und führte dort, solange seine Mittel reichten, das alte lustige Leben; als er bereits tief in Schulden gerathen war, ging er zur katholischen Kirche über, in der Hoffnung, als Kanoniker eine reiche Pfründe zu erhalten, doch vergebens.

Selten hat wohl jemand so oft seinen Glauben gewechselt wie Pöllnitz; er hat förmlich ein Geschäft aus seinem Uebertritt von einer Kirche zur anderen gemacht. Die Freidenker des Jahrhunderts predigten die Toleranz und verspotteten die Einrichtungen der religiösen Gesellschaften. Pöllnitz machte seinem Charakter entsprechend die praktische Nutzanwendung dieser Freigeisterei, indem er seine Religion mit derselben Gleichgültigkeit wechselte, mit der man einen Rock umdreht. Allein die äußeren Vortheile, die er sich von dieser „frommen“ Industrie versprach, wollten sich nicht recht einstellen, im Gegentheil – sie brachte ihn in manche Widerwärtigkeiten.

Als er im Jahre 1717 in der Angelegenheit seines Güterverkaufs nach Berlin kam, war der König anfangs sehr gnädig gegen ihn, und um den Fürsten in dieser Stimmung zu erhalten, hatte er allen Grund, auf dessen direkte Frage seinen Religionswechsel zu verleugnen. Doch seine Feinde waren inzwischen thätig und brachten Beweise dafür bei. Friedrich Wilhelm I. verstand hierin keinen Spaß; Pöllnitz hielt es fürs beste, sich eiligst davon zu machen; denn ihm waren Warnungen zugekommen, er solle verhaftet werden.

Nun beginnt ein Hinundherreisen durch alle europäischen Länder – wir finden ihn 1719 in Wien, wo er von der Kaiserin-Witwe, der Gönnerin aller „Bekehrten“, namhafte Summen erhielt und vom Grafen Starhemberg eine Compagnie seines Regiments in Sicilien. Er reiste dorthin, hatte indessen bald alle möglichen dringenden Gründe, seine Compagnie aufzugeben, reiste nach Venedig und faßte dort den Plan, in spanische Dienste zu treten; eben im Begriff, die spanische Grenze zu überschreiten, wurde er verhaftet und erst nach längerer Zeit freigegeben. In Madrid sagte man ihm ein Regiment zu, auch erhielt er eine kleine Gage; doch das genügte seinen Ansprüchen nicht. So ging er nach England; aber König Georg war von Hannover aus und am meisten durch seine scharfzüngige Tante gegen ihn eingenommen. Da nahm er seine Zuflucht zu einem dreisten Erpressungsversuch. Er hatte die geheime Geschichte der Herzogin von Hannover geschrieben, die unter dem Titel „Kunigunde, Prinzessin der Cherusker“ maskiert werden sollte; eigenhändig meldet er dann dem Staatssekretär Townshend, es solle ein für den Hof beleidigendes Buch erscheinen, es könne indessen noch aufgehalten werden, wenn der König den Autor entschädige; auch an die Damen der Opposition, wie die Herzogin von Marlborough, wendet er sich, doch vergeblich. Schon legen die Gläubiger Hand an ihn; da rettet er sich auf einer der königlichen Jachten, die ihm Chevalier Walpole zur Verfügung stellt, nach Holland.

Hier sucht er in den Kreis der Liebhaber einer älteren Dame, der Gräfin Wartenburg, aufgenommen zu werden, um durch ihre Gunst sich von seinen Gläubigern zu befreien; doch diese sind ihm schon auf den Fersen; er flüchtet über die Dächer, erschwindelt sich in Amsterdam Geld und verkauft seine unter falscher Flagge segelnde „Kunigunde“. Auf einem Schiffe fährt er nach Livorno und kommt nach Rom, läßt sich durch den Kardinal Polignac dem Papste vorstellen und erhält durch den Kardinal Cienfuegos die Pension, die den Uebertritt zur katholischen Kirche belohnt. So bringt er es auf 1500 Scudi im Jahre; auch erhält er die Tonsur, die erforderlich war, wenn man ihm ein kirchliches Benefiz zuwenden wollte. Und in der That wird ihm auch ein Kanonikat in Courtray angewiesen, doch das dortige Kapitel weist ihn zurück, da solche Vergebungen von Rom aus seine Rechte kränkten.

Nun erscheint er in der Spielhölle von Spaa, um hier sich Geld zu machen. Ueber seinen dortigen Aufenthalt hat er selbst als liebenswürdiger Plauderer berichtet und dabei mit großer Offenherzigkeit über seinen eigenen Charakter gesprochen. In der ohne Namensnennung erschienenen Schrift über die „Vergnügungen von Spaa“ läßt er einen Engelländer Auskunft geben über einen Spieler von Prosession, der dort sein Wesen treibt, „einen preußischen Baron, geistreich und von feinen Manieren, aber einen Abenteurer ersten Ranges“. Und ein anderer Herr ergänzt dies Bild, indem er hinzufügt: „Dieser Mann ist ohne Frage ein Proteus: Höfling, Spieler, Schriftsteller, Kolporteur, Protestant, Katholik, Kanonikus und wer weiß, was sonst noch.“

In seinen „neuen Memoiren“ von 1737 hat er seine Lebensschicksale bis zum Jahre 1723 erzählt: über seine Erlebnisse in den nächsten elf Jahren aber bleiben wir ganz im Dunkeln. 1735 taucht er wieder, von Wien kommend, am Berliner Hofe auf und wird in dem Tabakskollegium des Königs Friedrich Wilhelm I. ein ständiger Gast. Eine Empfehlung der Kaiserin hatte ihn dort eingeführt, und der König ernannte ihn zum Kammerherrn mit 250 Thalern Gehalt. Er hatte das Jahr vorher mit und ohne Namen eine Anzahl von Schriften in französischer Sprache veröffentlicht, die in den Hofkreisen sehr viel von sich reden machten. Die „Geheime Geschichte der Herzogin von Hannover“ und „Das galante Sachsen“ gehörten zu den gerngelesenen Skandalchroniken des Jahrhunderts und erschienen anonym; dagegen gab er mit seinem Namen einen Abriß der Geschichte des sächsischen Hofs unter August III. heraus, worin er nur Angenehmes und Schmeichelhaftes sagte, in der stillen Hoffnung, vielleicht einmal bei diesem Hofe eine Anstellung zu finden. Außerdem hatte er drei Bände Memoiren geschrieben, eine Art Bädeker für Kavaliere mit Angabe der Merkwürdigkeiten der einzelnen Hauptstädte und kurzer Charakteristik der hervorragendsten Persönlichkeiten der Höfe: durchaus kein pikanter Salonklatsch, sondern ein sachgemäßes brauchbares Buch. Der preußische König schien daran Gefallen gefunden zu haben.

Uebrigens hatten an dem Hofe des Gardistenkönigs, der gelegentlich in gefährlicher Weise mit seinem Stocke umherfuchtelte, die Leute von Geist keinen leichten Stand. Wie es den Gelehrten erging, ist ja bekannt: sie mußten mehr oder weniger die Rolle von Hanswursten spielen. Wer kennt nicht die merkwürdigen Schicksale des Freiherrn von Gundling, des Hofgelehrten und Hofnarren, der einige Jahre vor Pöllnitz ebenfalls die Kammerherrnwürde erhalten hatte, ja sogar zum Präsidenten der Berliner Akademie ernannt worden war und vorzugsweise für die groben Späße des Königs herhalten mußte? Pöllnitz wußte sich ein größeres Ansehen zu geben: er galt für einen österreichischen Spion, und die Staatsmänner in Berlin suchten sich mit ihm zu stellen; auch von Dresden aus erhielt er Geld und Titel. Manteuffel nennt ihn in einem Briefe an den Grafen Brühl einen geistreichen, gefährlichen, zu allem Guten und Schlechten fähigen Menschen, aus dem er sich eine Art von Freund gemacht. Und der Kronprinz, der spätere König Friedrich der Große, stellte ihm das Zeugniß aus: „Ein infamer Kerl, dem man nicht trauen darf, unterhaltend beim Essen, hernach einsperren.“ Einmal erregte PÖllnitz den Zorn des Königs; er hatte eine Aeußerung, die Graf Stolberg im Tabakskollegium über Seckendorff gemacht, dem letzteren mitgetheilt, was beinahe zu einem Duell geführt hätte; der König drohte, den Schwätzer durch den Henker auspeitschen zu lassen, doch kam Pöllnitz mit dem blauen Auge davon.

Natürlich war ihm jetzt in Berlin seine Zugehörigkeit zum Katholicismus störend: er trat daher ohne weiteres wieder zur reformierten Kirche zurück; seine „Belohnung“ dafür war freilich nicht besonders reichlich, sie bestand in einigen Privilegien, die ihm bestenfalls 800 Thaler einbringen konnten. Später erhielt er die Erlaubniß, die Einrichtung von Fiakern in der Hauptstadt [467] zu unternehmen, womit auch ein Geldgewinn verbunden war. Im Jahre ließ er seine „neuen“, bereits oben erwähnten Memoiren erscheinen, in denen besonders über den preußischen Hof von 1688 bis 1720 eine Menge sonst wenig bekannter Geschichten enthalten war. Als König Friedrich Wilhelm I. 1740 starb, beauftragte sein Nachfolger Pöllnitz mit den Anordnungen zur Bestattung, eine Aufgabe, welche er zur Zufriedenheit des Königs ausführte. Man gab ihm dafür 6000 Thaler, um ihn aus dem Abgrund seiner Schulden zu reißen, und wies ihm eine Pension auf das eroberte Liegnitz an.

Ueber den Verkehr zwischen dem großen König und dem geistreichen Kammerherrn giebt uns der im zwanzigsten Bande der gesammelten Werke Friedrichs II. abgedruckte Briefwechsel genügenden Aufschluß. Der König schlägt in seinen Briefen sehr verschiedenartige Töne an: er hänselt den alten Baron, spricht von ihm häufig in geringschätziger Weise; ebenso oft, wie er ihn zum Zielpunkt seiner Witze macht, drückt er ihm auch seine ernste Ungnade aus; doch merkt man bisweilen einen gewissen Respekt vor dem gewandten Schriftsteller, und des Königs Wohlwollen ward nicht müde im Verzeihen und im Unterstützen.

Der Anlässe zur königlichen Ungnade gab es allerdings viele. Schon im Jahre 1742, als der Baron zur Mittheilung einer Nachricht nach Bayreuth an die Markgräfin, des Königs Schwester, ebenfalls eine geistreiche Memoirenschreiberin, gesandt worden war, versetzte er den König in Zorn, indem er der Markgräfin ohne Erlaubniß nach Frankfurt zur Kaiserkrönung folgte. Der stoffhungrige Schriftsteller hatte es nicht übers Herz bringen können, sich eine so günstige Gelegenheit zum Fabulieren in späteren Memoiren entgehen zu lassen. „Der Bursche hat nur Geist,“ Schrieb der König an Jordan, „aber er weiß sich durchaus nicht zu benehmen. Er ist jetzt über fünfzig Jahre alt; wann wird er einmal zu Verstand kommen?“ Diese letzte Bemerkung kleidete Friedrich sogar in Verse. Er entzog dem leichtsinnigen Kammerherrn seine Pension, ließ sich aber noch einmal erbitten, ihn in Gnaden anzunehmen. Bayreuth sollte ihm indeß noch ein zweites Mal verhängnißvoll werden. Wiederum vom König mit einem Auftrag dorthin geschickt, im Januar 1744, blieb er daselbst längere Zeit, denn einige Damen, darunter ein Fräulein von Marwitz, hatten sich vorgenommen, ihm die Hand einer jungen reichen Nürnbergerin zu verschaffen. Aber der windige Baron hatte kein Glück: trotzdem er, der reichen Braut zuliebe, wieder zur katholischen Kirche übergetreten war, holte er sich doch einen Korb. Das wirkte auf ihn so niederschlagend, daß er beim König um seinen Abschied einkam: er suche nichts mehr bei Hofe, er sei krank, sein Ende nah; er wolle sich ganz zurückziehen und in Ruhe sterben. Ein kleiner Rest seines Vermögens werde zu seinem Unterhalt ausreichen; er versichert, er werde in keines anderen Herrn Dienst mehr treten. Der König warf ihm in seiner Antwort Undankbarkeit gegen seine Wohlthäter vor; überhaupt sei er viel zu unruhig, um in der Zurückgezogenheit leben zu können, er schäme sich nur, nach Berlin zu kommen, weil die von der Marwitz geplante Heirath gescheitert sei. Am 1. April bewilligte er ihm indeß seinen Abschied, und zwar auf Pergament, mit Siegel und Unterschrift. Dies Aktenstück athmet einen vernichtenden Hohn und ist ebenso bezeichnend für den König wie für seinen Diener.

„Wir, Friedrich etc., thun kund und zu wissen, daß der Baron von Pöllnitz, aus Berlin gebürtig und, soviel Uns bekannt, von ehrlichen Eltern abstammend, Unserem hochseligen Großvater, preiswürdigen Angedenkens, als Kammerjunker, der Herzogin von Orleans in eben diesem Charakter, dem Könige von Spanien als Oberster, dem letztverstorbenen Kaiser als Stallmeister, dem Papste als Kämmerer, dem Herzog von Braunschweig als Kammerherr, dem Herzoge von Weimar als Fähnrich, Unserem in Gott ruhenden Herrn Vater als Kammerherr und zuletzt Uns als Ceremonienmeister gedient, da er sich, vom Strome der ehrenvollsten Militairbedienungen und der eminentesten Hofchargen, die nach und nach auf seine Person ausgeschüttet wurden, ganz überschwemmt gesehen, bei Uns unterthänigst gebeten hat, ihm zur Aufrechthaltung seines guten Rufs und Namens einen ehrlichen Abschied in Gnaden zu ertheilen. Da Wir nun mit Berücksichtigung seiner Bitte es nicht für gut finden, seiner guten Aufführung das Zeugniß zu versagen, um das er Uns gebeten hat, angesehen die höchst wichtigen Dienste, die er Unserem königlichen Hofe durch seine Schwänke geleistet, und die Kurzweile, die er Unserem Herrn Vater durch die neun Jahre zu Wege gebracht hat, so nehmen Wir keinen Anstand, zu erklären, daß während der ganzen Zeit, die der Baron rühmlich in Unseren Diensten gestanden, er weder Straßenraub begangen, noch Beutelschneider, noch Giftmischer gewesen ist, daß er weder Jungfrauen geraubt, noch Jemandes Ehre an Unserem Hofe gröblich verletzt, sondern sich stets wie ein Galanthomme und seiner Geburt gemäß betragen und stets von den Gaben, die ihm der Himmel verliehen, einen honetten Gebrauch gemacht hat, nämlich den Zweck zu erreichen, der bei den Schauspielen zu Grunde liegt und der darin besteht, das Lächerliche der Menschen auf eine lustige und heitere Art darzustellen, um solche dadurch zu bessern . . . Wir geben auch dem besagten Baron das Zeugniß, daß er Uns nie zum Zorne gereizt hat, ausgenommen, wenn er durch seine nichtswürdige Unverschämtheit alle Gränzen der Ehrfurcht überschreitend auf eine unwürdige und unerträgliche Weise die Asche Unserer glorreichen Vorfahren zu entweihen und zu entehren versuchte. Da man aber in den schönsten Gegenden unfruchtbare und wüste Stellen findet, da die schönsten Körper ihre Gebrechen und die Gemälde der größten Meister ihre Fehler haben, so wollen Wir auch mehr besagtem Baron seine Fehler und Mängel zugutehalten und ertheilen ihm, obgleich ungern, den von ihm begehrten Abschied. Wir wollen übrigens das ihm anvertraute Amt gänzlich aufheben und abschaffen, um dadurch das Angedenken daran für immer unter den Menschen zu vertilgen in der Ueberzeugung, daß nach besagtem Baron niemand würdig sei, es weiter zu bekleiden. Friedrich.“     

Pöllnitz bereute indeß bald sein Abschiedsgesuch und suchte sich beim König wieder anzubetteln, wobei ihm jetzt freilich sein Uebertritt zur katholischen Kirche recht hinderlich war. Friedrich nannte das Benehmen von Pöllnitz lächerlich und unwürdig; doch wollte er ihn noch einmal begnadigen unter den folgenden demüthigenden Bedingungen: 1) „Es wird durch öffentlichen Ausruf in Berlin verkündigt, daß bei hundert Dukaten Strafe verboten ist, ihm etwas zu borgen, sei es Geld oder Waren. 2) Pöllnitz ist verboten, jemals wieder seinen Fuß in das Haus eines fremden Gesandten zu setzen oder sonst Verkehr mit ihnen zu haben oder ihnen von den Gesprächen des Königs etwas mitzutheilen. 3) Wird Pöllnitz vom König zur Tafel geladen, so soll er, wenn die anderen Gäste bei guter Laune sind, nicht ein trübseliges Gesicht zur Schau stellen.“ In einer eigenhändigen Nachschrift ergoß der König die volle Schale seines Zorns über das Haupt seines Dieners. Es hieß darin: „Wenn Sie, wie Sie einmal äußerten, lieber den Schweinen als den großen Herren dienen möchten, so kann es Ihnen ja an einer Stellung nicht fehlen und Sie werden in Westphalen Beschäftigung finden und brauchen mich nicht dazu. In der That, Sie sind ein Unwürdiger, und wenn ich Sie aus dem Elend reiße, in welches Ihre Thorheiten und Unverschämtheiten Sie gestürzt haben, so thue ich dies nur aus Mitleid, denn Ihr Betragen verdiente, daß man Sie für immer hinter vier Wänden einsperrte.“

Friedrich, der so erbarmungslos gegen Trenck war, hatte Mitleid mit dem Spaßmacher Pöllnitz. Dieser konnte indeß nicht sogleich wieder ins rechte Geleise mit seinem Monarchen kommen. Noch im Herbste 1744 wurde er verhaftet, weil an den König ein Schreiben gelangt war, in welchem Pöllnitz verdächtigt wurde, als beabsichtige er, eine Schrift von großer Bösartigkeit wider Friedrich II. zu veröffentlichen. Alle Papiere des Barons wurden mit Beschlag belegt; doch erwies sich jene Anklage als ungerechtfertigt und Pöllnitz wurde wieder freigelassen. Einem Kaufmann Martini in Paris, einem Gläubiger, hatte Pöllnitz einen schlimmen Streich gespielt; wieder verzieh ihm der König, unter der Bedingung, daß er seine Schuld an ihn bezahle. Oft genug bat Pöllnitz seinen Herrn um Vorschüsse, wurde indeß meist abschlägig beschieden; der König würzte derartige Bescheide mit allerlei Bosheiten, welche dem „Katholiken“ galten; er vertröstete ihn auf die Zeit, wo er wieder eine Kirche der Jesuiten geplündert haben würde, und rieth ihm, sich an die Jungfrau Maria zu wenden, welcher die Kaiserin-Königin Maria Theresia ein Christuskind von massivem Golde am Grabe des heiligen Nepomuk in Prag gewidmet habe. Vielleicht würde sie ihm aushelfen. Auch um eine Ordenspfründe in Schlesien bat Pöllnitz den König, aber ohne Gehör zu finden. Ein anderes Mal erklärte er, daß er entschlossen sei, zur evangelischen Religion zurückzutreten; der König aber schrieb ihm, daß es ihn gleichgültig lasse, ob er reformiert, katholisch oder lutherisch sei.

Mit der Zeit wurde indessen Pöllnitz doch wieder evangelisch [468] und dann zum dritten Male katholisch. Es ist nicht geuan bekannt, mit welchen Vortheilen dieser letzte Religionswechsel verbunden war. Zwischen dem König und dem Baron fand in späteren Jahren ein oft durch Witzturniere belebter Verkehr statt. Einmal übersandte der alte Baron dem König ein Paar Truthühner mit den vier Worten: „Voilà les dindons, Sire!“ („Hier die Truthühner, Sire!“) Friedrich ließ den magersten Ochsen aufkaufen, den man finden konnte, und ihm zwischen die Hörner die zweideutige Inschrift heften: „Voilà le boeuf Poellnitz!“ („Hier der Ochse Pöllnitz!“) Das Thier traf unter dem Jubel der Berliner Bevölkerung im Stalle des Barons ein, und dieser gelobte in seinem Dankschreiben, „das Thier zwar nicht wie den Gott Apis anzubeten, aber als Dankopfer mit dem Freudenruf ‚Vive le roi‘ („Es lebe der König!“) zu verspeisen.“

Pöllnitz wurde nach dem Siebenjährigen Kriege Intendant der Komödie und des Balletts in Berlin, machte sich noch als Ceremonienmeister um die Empfangsfeierlichkeiten bei Ankunft der türkischen Gesandtschaft 1763 verdient, verkehrte von jetzt ab ohne grausame Zwischenfälle ruhig mit dem König, den er bisweilen in Potsdam besuchte, und starb am 23. Juni 1775, von niemand betrauert, wie Friedrich an Voltaire schrieb, als von seinen Gläubigern.

In seinem Nachlaß fanden sich die Memoiren zur Geschichte der vier letzten Souveräne des Hauses Brandenburg, von denen 1791 der bis zu Friedrich dem Großen reichende Haupttheil veröffentlicht wurde. Ueber die Geschichtschreibung von Pöllnitz sagt ein berühmter Historiker, Droysen: „Man wird wohlthun, in dem geistreichen Geplauder dieses immer lächelnden Höflings die verstohlenen Absichtlichkeiten, die heimlichen Bosheiten und Giftstiche nicht unbeachtet zu lassen, mit denen er seiner Erzählung den nöthigen haut-goût giebt. Das ist, wenn man will, die Satisfaktion, die er sich im Schreiben bereitet; für so manche Beschämung, Mißachtung, moralische Demüthigung, die er hinnehmen muß, ist es seine Genugthuung, von anderen übel zu reden, von denen, die ihm immer wieder verziehen und wohlgethan, am übelsten.“

Jedenfalls ist Pöllnitz eine der für das 18. Jahrhundert am meisten charakteristischen Persönlichkeiten. Solcher Höflinge von schlagfertiger Zunge und gewissenlosem Benehmen, von jener praktischen Freigeisterei, für die kein anderer Glaubensartikel besteht als der eigene Nutzen, gab es damals eine große Zahl an allen europäischen Höfen; aber kaum einer war so unverfroren im schamlosen Eingeständniß dieser Gesinnung, so sportsmäßig in seinem Glaubenswechsel wie dieser geistreiche Anekdotenjäger, dieser unermüdliche Spaß- und Schuldenmacher, dieser berufsmäßige Memoirenschreiber Baron von Pöllnitz. Rudolf von Gottschall.