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Desdemona

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Textdaten
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Autor:
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Titel: Desdemona
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 345, 355–356
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[345]

Photographie im Verlage der Photographischen Union in München.
Desdemona.
Nach einem Gemälde von Ph. H. Calderon.

[355] Desdemona. (Zu dem Bilde S. 345.) Eines der lieblichsten Frauenbilder Shakespeares ist des Mohren Othello Geliebte und Gattin Desdemona, von der uns Ph. H. Calderon ein stimmungsvolles Bild vorführt. Es ist die Scene im vierten Akte des Dramas „Othello“, in welcher Desdemona mit ihrer Kammerfrau Emilia, der Frau des heimtückischen Jago, plaudert, ehe sie zu Bett geht. Othello war zuletzt zwar milder gegen sie gewesen, aber doch erfüllt die Furcht vor seiner oft maßlosen Leidenschaftlichkeit ihr Herz. Nicht rasch genug kann die Kammerfrau sie „losstecken“, ihr Tagesgewand beiseite bringen. Da fällt ihr das Lied ein, das schwermüthige Lied von der Weide, welches das unglückliche Bärbchen gesungen hat –

 „Das Lied heut’ nacht
Kommt mir nicht aus dem Sinn, ich hab’ zu schaffen,
Daß ich nicht auch den Kopf so häng’ und singe
Wie’s arme Bärbel. Bitt’ dich, mach’ geschwind.“

[356] Dann aber fragt sie, ob es wirklich Frauen giebt, die ihre Männer täuschen – und Emilia bestätigt dies nicht nur, sondern will als leichtfertige Venetianerin dies entschuldigen, wenn die Männer sich selbst der Treulosigkeit und des Leichtsinns schuldig machen. Doch Desdemona sagt:

„Gut’ Nacht! Und laß mich, Herr, in fremden Sünden
Nicht eig’ne Buße, laß mich Bess’rung finden.“

Die Stimmung dieser ganzen Scene hat der Maler in seinem Bilde wiedergespiegelt. Reizend ist das kindliche Köpfchen der still vor sich hinträumenden Desdemona, welche die blutigen Schrecken der kommenden Nacht nicht ahnt. Dabei trägt dies Köpfchen den echt italienischen Typus, und volles dunkles Haar fluthet ihr über den Rücken herab. Ueberlegen blickt die hohe Gestalt der Emilia auf das liebliche Kind herab. Die Thatkraft, welche sie im letzten Akt des „Othello“ bewährt, prägt sich in ihren Mienen aus, aber es fehlt ihr auch nicht ein leiser Schmerzenszug; denn ihre Ehe mit Jago gewährt ihr keine Befriedigung, und zu den Anklagen, welche sie gegen die Männer im allgemeinen richtet, hat jedenfalls der eigene Gatte ihr den Stoff gegeben. In das düster verhangene Boudoir bricht der volle Mondesschimmer und breitet ein ahnungsvolles Licht über die Todgeweihten; denn keinen weiten Lauf braucht das Gestirn am Himmel zu vollenden, bis die liebreizende Desdemona und die stolze Emilia durch die Mörderhand der eigenen Gatten gefallen sind. †