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Des Kindes Bitte

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Des Kindes Bitte
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 456–457
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[456]
Des Kindes Bitte.

Du blicktest auf so wehmuthvoll,
Als ich dich jüngst gefangen,
Indeß im Walde frühlingsvoll
Der Vöglein Lieder klangen;
Ich wußte ja bis diesen Tag
Nicht, was ein Kerker sagen mag –
O flieg’, mein Vöglein, fliege!

Erst als ich durft’ zum Vater gehn,
Der Jahre lang gefangen,
Hab’ ich das Unrecht eingeseh’n,
Das ich an dir begangen. –
Geschwind d’rum auf das Thürelein!
Sollst wieder frei und glücklich sein.
O flieg’, mein Vöglein, fliege!

Doch eh’ du eilst zum Waldesgrün,
Dein kleines Nest zu gründen,
Flieg’ nach dem Eisengitter hin,
Dem Vater zu verkünden:
Es grüße ihn sein Töchterlein,
Das denke Tag und Nacht nur sein.
O flieg’, mein Vöglein, fliege!

Sag’ ihm, es bete früh und spat
Die Mutter mit den Kleinen
Zum lieben Gott um Trost und Rath
Zu enden unser Weinen;
Und daß er gebe unser Glück,
Uns unsern Vater bald zurück. –
O flieg’, mein Vöglein, fliege!

[457]

Vom Gitter flieg’ zum Königsschloß,
Pick’ an die Fensterscheiben,
Und laß von Leuten Klein und Groß
Dich eher nicht vertreiben,
Bis daß der Eine dich vernahm,
Der enden kann all’ unsern Gram.
O flieg’, mein Vöglein, fliege!

Er hat ein Herz, ein Vaterherz,
Ist glücklich in den Seinen!
Sing’ ihm von einer Mutter Schmerz,
Von armer Kinder Weinen;
Sing’ ihm, daß dich ein Kind gesandt,
Vertrauend seiner Vaterhand.
O flieg’, mein Vöglein, fliege.

Und schickt er voll Barmherzigkeit
Sein Gnadenwort hernieder,
Dann sing’ durch alle Himmel weit
Das schönste deiner Lieder: –
Das Lied vom armen Waisenkind,
Das seinen Vater wiederfind’t.
O flieg’, mein Vöglein, fliege!