Zum Inhalt springen

Derwische in Andacht

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Derwische in Andacht
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 228
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[228] Derwische in Andacht. Der priesterliche, mönchische Orden der Derwische im muhamedanischen Religions-Kultus ist ein merkwürdiges Gemisch christlicher Tugenden, der Bescheidenheit, Armuth, Wohlthätigkeit, Demuth, Geduld und fanatischer Dummheit, Lächerlichkeit und betrügerischer, gewinnsüchtiger Gaukelei. Sie gehen stets barfuß, mit offener Brust und brennen sich zuweilen mit glühendem Eisen, um sich moralisch abzuhärten und Schmerzen zu ertragen. Sie fasten jeden Mittwoch bis nach Sonnenuntergang und halten ihre Kirche Dienstags und Freitags. Ihre Andacht besteht zunächst in lautem Beten, alle durcheinander, wobei sie, wie Schneider bei der Arbeit, kauern. Doch den größten Ruhm ihrer Frömmigkeit setzen sie und die altgläubigen Türken in die Kunst, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit und fabelhaft lange um sich selbst zu drehen; dann entzückt niederzufallen und sich vom entzückten Publikum durch einen Regen kleiner Münze wieder zum Bewußtsein zurück träufeln zu lassen. Uebung macht in jeder Beziehung den Meister und da sich der Geldregen nach der Leistung richtet, können sich Einige ziemlich eine Stunde lang um sich selbst drehen, als würden sie durch eine Maschinerie unten um sich selbst gesponnen. Das ist freilich noch lange nicht so viel, als der Stifter ihres Ordens konnte, Menelava[WS 1], der sich viermal vierundzwanzig Stunden mit zunehmender Geschwindigkeit um sich selbst drehte, bis er entzückt niederfiel und zur Stiftung des Derwischordens inspirirt ward. Sein Freund Hamsa spielte dazu viermal vierundzwanzig Stunden die Flöte, die noch bis heute alle diese verdrehte Andacht begleitet. Die Flöte ist ihnen heilig, eine Eigenschaft, die sie von Jacob im alten Testamente ableiten, der Gottes Lob mit Flötenbegleitung sang. Sie sind jetzt nicht viel besser, als eine zahlreiche Sorte von gaukelnden Bettlern, die ihre Drehungen zur Vergrößerung ihrer Ernten benutzen. Sie und die Türken sollten lieber Spinn- und Maschinenräder drehen lernen. Das gemeine Volk glaubt aber noch an ihre höhere Religiosität und läßt sich so ganze Massen kleinen Geldes aus der Tasche drehen. Das Wort Derwisch, aus dem Persischen, bedeutet Bettler. Ihr Orden bekam Corporationsrechte unter Ottoman I., der ihnen ein großes Hauptkloster bei Cogna in Anatolien bauen ließ. Dieses ist die Hauptloge, mit dem General des ganzen Ordens, von welcher und welchem alle Neben-Logen und Untergenerale abhängen. Der Orden giebt uns eine Vorstellung von der religiösen Bildung der Türken überhaupt, die eigentlich blos in sinnlosen Ceremonien besteht. Man geht in die viereckigen Moscheen, nachdem man sich im viereckigen Marmor-Vorhofe vor dem Haupteingange gewaschen und Schuhe und Strümpfe zurückgelassen. Der Fußboden inwendig ist mit zusammengeflickten Zeugen bedeckt, auf denen man knien, sich legen und rutschen kann, je nachdem ein Türke (Türkinnen dürfen nicht hinein) seine Frömmigkeit offenbaren will. Das Innere ist mit brennenden Lichtern und Leuchtern, zwischen denen Eier, Ringe und sonstige Curiositäten hängen, reichlich ausgeschmückt. Von Predigen, gemeinschaftlicher Andacht, erbaulichem Gesang ist keine Rede. Jeder theilt seine Gedankenlosigkeit dem Propheten und durch ihn dem großen Allah privatim mit. Das Beste des kirchlichen Kultus findet man neben den Moscheen, nämlich Hospitäler, in denen jeder Fremde, Türke oder „Franke“ unentgeltlich drei Tage Aufnahme und Pflege finden kann. Auch giebt es noch sehr wohlthätige, weltliche Anstalten der Art, in denen jeder Verirrte, Obdachlose, Hungrige und Durstige, mag er einer Nation oder einem Glauben angehören, welchem er will, unentgeltlich schlafen, essen und trinken kann, ohne sich nur eines Dankes schuldig zu machen. Wenn es möglich wäre, die vielen guten, edeln, humanen Charakterzüge der Türken zu retten und sie ihren Nachkommen und der „westlichen Civilisation,“ die sie jetzt gründlich vollends ruinirt, als Erbtheil des „kranken Mannes“ zu vermachen, könnten die alten Türken immer aus der Geschichte scheiden und des Ruhmes sicher sein, daß sie nicht umsonst gelebt haben.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. tatsächlich: Mevlana