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Der tolle Platen

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Textdaten
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Autor: Ferdinand Pflug
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Titel: Der tolle Platen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 552–556
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Der General von Platen in der Schlacht bei Château-Thierry
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[552]
Der tolle Platen.
Historische Skizze von Ferd. Pflug.

Es war zwischen neun und zehn Uhr Vormittags am 12. Februar 1814. Der Regen, welcher die ganze Nacht angehalten, hatte aufgehört und die Sonne mühte sich vergeblich, die grauen, den Himmel einhüllenden Wolkenschleier zu durchbrechen. Die Fernsicht blieb trotz der schon weit vorgeschrittenen Tageszeit deshalb auch nur beschränkt. Nach links schloß dieselbe eine Reihe kahler, niedriger Hügel, nach rechts blickte man in ein offenes, vielfältig von Gebüsch unterbrochenes Land, ohne daß die über diesem tiefer gelegenen Gelände auf- und niederwogenden Nebel jedoch mehr als die vordersten Gehöfte eines weitläufigen Dorfes und weiter zurück eine ziemlich umfangreiche Fichtenschonung deutlich hätten unterscheiden lassen. Geradeaus schien sich eine endlose Hochebene auszudehnen, und unmittelbar im Vordergrunde traten zwei nur in geringer Entfernung von einander gelegene Pachthöfe daraus hervor. Eine mit Pappeln eingesäumte Landstraße führte endlich mitten zwischen diesen beiden Gehöften hindurch und senkte sich weiterhin niederwärts in das breite Thal der Marne, welcher Fluß selbst gelegentlich in der Ferne aufblitzte und jenseit dessen sich sogar in besonders lichten Momenten die dunklen Häusermassen und spitzen Kirchthürme der Stadt Chateau-Thierry unterscheiden ließen. Das ganze Landschaftsbild trug das Gepräge einer trostlosen Oede und Verlassenheit, das selbst durch das bewegte kriegerische Treiben in demselben in keiner Weise verwischt oder gehoben zu werden vermochte.

Eher das gerade Gegentheil. Das tiefe, nur gelegentlich von einem kernigen Soldatenfluch unterbrochene Schweigen, womit die sich nähernden Marschsäulen sich auf der Landstraße und in den angrenzenden Feldern mühselig durch den Koth fortschleppten, und alle die Spuren von Unordnung und Verwirrung aus der ersteren konnten in einem vollkommneren Einklang zu dem trüben Himmel und dem aufgelösten Boden kaum gedacht werden. Eine so feste Haltung die Truppen auch noch bewahrten, so stand ihnen die erlittene Niederlage doch gleichsam auf der Stirn geschrieben. Vor ihnen mußten aber wohl schon andere Abtheilungen des Weges gezogen sein, welchen der gestrige Tag noch härter als diesen mitgespielt hatte. Die vielen im Schlamm stecken gebliebenen oder umgeworfenen Wagen und selbst Geschütze, die auf den Wegrändern hingesunkenen Maroden und Verwundeten, zerstreute Waffen und hier und dort die Leichen von Mann und Roß bewiesen das. Auch die in ganzen Schwärmen sich noch in dem freien Gelände rechts umtreibenden Versprengten sprachen für diese Vermuthung, und wenn bei der trüben Atmosphäre auch nicht mit bloßem Auge, so doch mit einem guten Glase vermochte man bei der Brücke von Chateau-Thierry zwischen den einzelnen dort gelegenen Häusern ein unabsehbares Gewirr von Menschen und Fuhrwerken zu unterscheiden, zu welchem auf einem zweiten Wege, hinter der etwa auf der halben Entfernung dahin gelegenen Fichtenschonung fort, noch immer neue Massen hinzuströmten.

Die Infanterie der noch zurückbefindlichen Heersäule hatte mit ihren vordersten Bataillonen den ziemlich steilen Abfall der Landstraße gegen das Thal der Marne bereits erreicht, Artillerie folgte, Cavallerie näherte sich in breiter Front über die Felder zur Linken und wurde aus der niedrigen, nach dieser Richtung den Gesichtskreis abschließenden Hügelreihe von ihren bis dahin vorgeschobenen Patrouillen und Sicherheitsposten begleitet. Alle diese Truppen waren übrigens Preußen, wogegen die Maroden und Todten an der Straße wie die auf den benachbarten Feldern sichtbaren Nachzügler und Versprengten ohne Ausnahme russischen Truppenteilen angehörten. Auch die stehengebliebenen Fuhrwerke und Geschütze trugen durchgängig den grünen russischen und nicht den blauen preußischen Anstrich, und die ersteren bekundeten außerdem ihren Ursprung durch die in weißer Farbe mit riesigen Buchstaben auf ihren Deckplänen enthaltenen russischen Inschriften.

Auf einer kleinen Anhöhe, hart hinter dem rechts gelegenen Pachthofe, hielt eine kleine Gruppe höherer Officiere. Zwei derselben, beide in ihre Mäntel gehüllt, aber der eine die einfache preußische Feldmütze von schwarzer Wachsleinwand, der andere den quergesetzten russischen Federhut auf dem Kopfe, waren zehn bis zwölf Schritt den Anderen vorauf in einem halblaut geführten, indeß, nach den blitzenden Augen der Herren zu urtheilen, sehr gereizten Gespräche begriffen.

„Und darum, Excellenz,“ schloß der mit dem Federhut kurz und bestimmt eine längere Ausführung, „sage ich Ihnen, es geht nicht anders, Sie müssen meine Rückendeckung übernehmen. Ich habe ein Recht dies zu fordern. Wenn die Preußen gestern zeitiger auf dem Schlachtfelds eingetroffen wären, so würden wir uns heute nicht geschlagen und auf dem Rückzüge befinden.“

Der Andere begnügte sich mit einem vieldeutigen Seitenblick ein langgedehntes: „Hm! So!“ einzuwerfen. Der Kopf des Mannes mit dem um die Schläfen niederwallenden weißen Haar und den wie in Erz geschnittenen Zügen des ernsten Antlitzes konnte nur einem bedeutenden Menschen gehören. Eine eiserne Entschlossenheit des Willens und hohe geistige Kraft, indeß auch eine stolze, starre Abgeschlossenheit und ein finsteres, galliges Temperament, wo nicht mehr, sprachen sich in dem Gesicht aus. Die fast eisige Kälte in letzterem stand mit dem gelegentlich tief aus dem Grunde der klugen, grauen Augen blitzähnlich aufleuchtenden Funken in einem zu auffälligen Widerspruch, um nicht auf das Vorhandensein einer glühenden Feuerseele in diesem schmächtigen, kaum die Mittelgröße überragenden Körper muthmaßen zu lassen.

Der neben ihm haltende russische Führer war um vieles jünger. Das starke dunkle Haar zeigte kaum hin und wieder einen grauen Schimmer, und die volle feste Gestalt, im Verein mit der gesunden, von Wind und Wetter gebräunten Gesichtsfarbe bekundete noch das kräftigste Mannesalter. Auch dessen Antlitz mußte als ein bedeutendes anerkannt werden, der geistige Anflug in demselben wurde jedoch, namentlich in dem gegenwärtigen Moment, durch eine kaum noch gezügelte Heftigkeit beeinträchtigt. Es lag übrigens etwas Verwandtes in diesem Gesicht mit dem des Andern, nur daß das, was sich bei Letzterem als bewußter Eigenwille ausprägte, bei Ersterem mehr auf Eigensinn gedeutet werden mochte. Nach der stolzen Selbstüberhebung, welche aus den dunklen Augen des jüngern Mannes leuchtete, und dem hochmüthigen Sichgehenlassen in seinen Worten und Gebehrden mußte die Behandlung Beider jedenfalls als gleich schwierig erkannt werden.

„So!“ hatte der Russe die vorige Aeußerung des preußischen Generals aufgegriffen. „Ja gewiß, so. Die Gelegenheit, die ganze französische Macht mit einem Schlage niederzuwerfen, wird uns niemals in gleicher Weise wieder lächeln. Excellenz kennen mich, und Niemand wird mich, den General von Sacken, der Poltronnerie beschuldigen, aber nochmals wiederhole ich Ew. Excellenz, bei einem rechtzeitigen Eintreffen des preußischen Corps war die Niederlage des französischen Kaisers so gewiß wie immer möglich. Ich hielt ihn so fest …“

„Oder vielmehr, Excellenz,“ unterbrach ihn jener mit der vorigen unbeweglichen Ruhe, „er hielt Sie. Meine armen Truppen wissen davon zu erzählen. Wenn Ew. Excellenz nach meinem Rath dem feindlichen Stoß über die Marne ausgewichen wären, so würde heute oder morgen jenseit dieses Flusses die ganze schlesische Armee vereinigt gewesen sein, um dem Napoleon eine Schlacht zu liefern, nach welcher ihm schwerlich noch nach einer zweiten gelüstet haben möchte. Dafür haben nun Ew. Excellenz gestern bei Montmirail die Schlacht verloren, und um Ihr geschlagenes Corps nur vor dem Aeußersten zu bewahren, habe ich ein paar Tausend von den Meinigen mit daran geben müssen.“

„Excellenz von York!“ war Sacken aufgefahren.

„Damit indeß noch nicht genug,“ fuhr jener, ohne den Ausruf des russischen Generals irgend zu beachten, mit der gleichen Eiseskälte fort, „verlangen Ew. Excellenz jetzt von mir noch, auf dem Abhang dieses nach allen Richtungen offenen Plateaus gegen den Feind Stellung zu nehmen, um Ihren Truppen den Uebergang über die Marne zu ermöglichen. Ich hielt denselben längst für beendet und glaubte mich zur Vermeidung jeder weiteren Gefahr ohne Aufenthalt ebenfalls über den Fluß ziehen zu können. Glück genug, daß die Franzosen bei dem Rückzuge dieser schrecklichen Nacht nicht schärfer gedrängt haben; indeß mit jedem Augenblick steht deren erneuter Angriff zu gewärtigen. Dieselben hier abwarten, heißt für mich jedoch nichts anders, als mein Corps einer beinahe sichern Vernichtung aussetzen, und ich respondire für dasselbe meinem Könige. Wie ich es schätze, ist es von dieser Stelle [553] mindestens noch eine gute Stunde bis Chateau-Thierry, und namentlich auf dem Wege über die Hügel dort drüben werde ich sicher vom Feinde umgangen und in die Flanke gefaßt werden …“

Einzelne Schüsse knallten aus der Ferne, und der General unterbrach sich, um das Glas nach der Richtung hinter den heranziehenden Colonnen an das Auge zu führen.

„Da ist der Feind,“ äußerte Sacken, „und Ew. Excellenz bleibt nun keine Wahl mehr.“

„Ja, so geht es immer,“ murrte York, und eine fast bissige Gereiztheit klang aus seinen Worten. „Die Herren Russen salviren sich, und wir Preußen müssen die ganze Last des Kampfes allein auf uns nehmen.“

Die Geduld des russischen Heerführers war erschöpft.

„Sorgen der Herr General nicht,“ brauste er auf, „meine Russen werden den Preußen besser, als diese ihnen gestern, zur Seite bleiben. Und wenn mein ganzes Corps darüber zu Grunde gehen sollte, jetzt mag es sich zeigen, wer dem Feinde standhafter die Stirn bietet. Die Behauptung der Hügel dort übernehme ich; etwaige Meldungen Ew. Excellenz werden mich bei den dahin vorgeschobenen russischen Truppen antreffen. Auch jenes Fichtengehölz rechts werde ich zur Aufnahme Ew. Excellenz mit einigen Bataillonen besetzen. Die Verantwortlichkeit für diesen Tag gegen meinen und Ihren Souverain trage dagegen nicht ich, General, sondern Sie.“

Es war ein böser Blick, welchen York dem mit seinem Gefolge in der Richtung gegen Chateau-Thierry Davonsprengenden nachsendete, jedoch keine Muskel seines Gesichts zuckte. Kalt und ruhig wie immer ertheilte er seine Befehle. Die vorderste preußische Brigade bog von der Straße ab jenen Hügeln zu, um auf denselben etwa in der halben Entfernung von der Stadt Stellung zu nehmen, eine andere Abtheilung schwenkte nach rechts zur Besitznahme des dort gelegenen Dorfes, zwei eben heranziehenden Landwehrbataillonen wurde die Vertheidigung der beiden einzelnen Pachthöfe übertragen. Das Feuer war rasch immer lebhafter geworden und näherte sich mit großer Schnelligkeit. Von Chateau-Thierry aus sah man nach Verlauf einiger Zeit eine starke russische Abtheilung, dabei namentlich viel Cavallerie, sich um jene die Hügel besetzt haltende preußische Brigade herumziehen und zwischen derselben und dem Plateau aufmarschiren. Auch vor dem Fichtengehölz erkannte man Truppen aufgestellt. Der immer höher anschwellende Donner des Geschützes schien durch die Erschütterung der Luft auf die Witterung einen Einfluß zu äußern, die Wolken zogen minder dicht und schwer, und zuweilen blitzte ein leichter Sonnenstrahl über die Landschaft.

Eine Stunde oder anderthalb mochten so verflossen sein. Die den Nachtrab bildenden preußischen Truppen und ihnen gegenüber die feindlichen Linien waren längst sichtbar geworden. York hielt der besseren Uebersicht wegen schon seit dem Anfang des Gefechts auf einer der vordersten Kuppen jener Hügel, und seine Blicke schweiften immer erwartungsvoller und besorgter nach links, wo, von diesem neuen Standort aus, ein von dem äußersten Horizont in langhingestreckten Bogen ausgebreiteter Wald und näher gegen die Anhöhen zu, wie bis zu dem Flusse niederwärts, ein buschiges, vielfach durchschnittenes Terrain die Wahrscheinlichkeit einer aus dieser Richtung zu erwartenden feindlichen Umgehung nur noch bestimmter hervortreten ließen.

Plötzlich nahm der General das Glas an’s Auge und blickte angestrengt in die Richtung des erwähnten Waldes, wo in der That sich seit einigen Augenblicken eine Bewegung bemerkbar machte und gleich einer rasch aufsteigenden finsteren Wetterwolke eine schwarze, noch ununterscheidbare Masse sich den Hügeln zu immer weiter ausbreitete.

„Endlich!“ das Gesicht des Feldherrn erwies sich fast unbeweglicher und kälter noch als zuvor. „Hauptmann von Schack,“ hatte er sich zu seiner Umgebung gewendet, „die mecklenburgischen Husaren, die westpreußischen Dragoner und die zwei Landwehr-Cavallerie-Regimenter brechen links ab, um der feindlichen Umgehungscolonne dort entgegen zu gehen. Nur die brandenburgischen Husaren und die lithauischen Dragoner bleiben fortan der Nachhut zugetheilt. Botschaft zugleich an den General Sacken mit seiner Cavallerie sich der unsrigen anzuschließen, um den Feind da in der Flanke im Vorschreiten aufzuhalten. Der Rückzug wird sofort angetreten.“

Das erste Anzeichen einer rückgängigen Bewegung hier schien den Feind zu einer verdoppelten Thätigkeit angespornt zu haben. Angriff folgte auf Angriff, in einem Augenblick hatte sich das Gefecht bis zu den beiden Pachthöfen übertragen, wo die bis dahin mit deren Behauptung beauftragten Landwehren, im Begriff sich ebenfalls abzuziehen, von feindlicher Cavallerie angefallen, wie unter einem jäh über sie losbrechenden Wirbelwind verloren schienen.

„Attakirenl Attakiren!“ Der General war, seinem Pferde die Sporen einhauend, selber dem Orte der Gefahr zugeflogen. So schnell diese Bewegung aber auch erfolgte, so war die Rettung derselben dennoch zuvorgekommen. Hinter der geworfenen feindlichen Reiterei blitzten die hochgeschwungenen Klingen der wie ein Wetterstrahl auf sie eingesprengten lithauischen Dragoner. In aufgelöster Ordnung flüchteten die befreiten Landwehren den nächsten preußischen Vierecken zu. Bereits wurde bei den siegreichen Geschwadern auch Appell geblasen, und einen Moment darauf sah man dieselben, geordnet wie auf dem Exercirplatze, quer über Feld von ihrem glücklichen Handstreich wieder zurücktraben. York war den Reitern in Person einige Schritte entgegengeritten, es zuckte etwas wie Sonnenglanz in seinen Zügen. „Brav, meine alten Litthauer! brav, Major von Platen!“ rief er denselben zu.

„Regiment, halt! Front!“ Der Regimentscommandeur musterte mit scharfem Blick die Linie seiner aufgerittenen Dragoner. „Bah!“ kehrte er sich gleichmüthig zu dem Feldherrn, „die Kerle soll ja die … Himmel-Schwerenoth!“ donnerte er auf einen Mann des nächsten Zuges ein, „wo hat der Kerl seine Pfeife gelassen? Wachtmeister, der Mann wird für die nächsten drei Tage zur Feldwache notirt.“ In seinem einmal erwachten Inspectionseifer sprengte er die Front des Regiments hinunter. Mann für Mann desselben trug in der That, wie der Führer selbst, eine kurze Tabakspfeife im Munde, und jeder mühte sich unter den auf die Säumigen niederfahrenden Donnerwettern die dichtesten Dampfwolken aus deren Mundstück aufqualmen zu lassen. Das Regiment hätte es in dieser Beziehung für den Moment mit dem besten Fabrikschornstein aufnehmen können.

Die Inspektion war bei alledem nicht genügend ausgefallen, eine gute Zahl der Leute hatte bei dem vorigen raschen Sturmritt ihre Nasenwärmer verloren, oder doch deren Brand zu unterhalten vergessen. „Dragoner wollt ihr sein,“ wetterte der Commandeur, „und besitzt nicht mal Contenance genug, um für eine solche lumpige Attake euere Pfeifen im Maule zu behalten! Wozu anders commandire ich jedesmal vor dem Anreiten: ‚Pfeifen festgefaßt!‘ als um euch Contenance zu lehren? Die ist das erste Erforderniß für einen rechtschaffenen Dragoner. Der Deibel soll den bei lebendigem Leibe fricassiren, der mir heute seine Pfeife verliert oder ausgehen läßt!“

Die Dinge hatten sich im rapiden Verlauf immer bedrohlicher gestaltet. York war auf die Reitersignale von jenseit der Hügel schon lange dahin zurückgesprengt. Auch um das Dorf zur Rechten knatterte und knallte es bereits in allen Tonarten. Die preußische Infanterie befand sich in Quarré formirt und das Geschütz zwischen ihren Vierecken gegen Chateau-Thierry im möglichst beschleunigten Abzuge begriffen. Um die letzten in das Thal der Marne niedersteigenden Bataillone noch zu überraschen, war in der Front die französische Cavallerie abermals zum Angriff übergegangen. Das Regiment attakirte von Neuem, und der Feind wurde, diesmal jedoch nicht ohne einen harten Zusammenstoß, wiederum zurückgetrieben. Der Major war durch den Ausfall des letzten Sturmritts sehr unbefriedigt. Auch die Ordnung in den Schwadronen wollte sich diesmal nicht gleich schnell wie vorhin wieder herstellen lassen. „Was habe ich Euch anempfohlen?“ lobte er. „Sobald ich Marsch! Marsch! blasen lasse, geht es wie ein Donnerwetter auf die feindliche Cavallerie los, jeder giebt Einem davon etwas auf die Mütze, dann lasse ich Appell blasen und rasch wieder zurück und Ordnung gemacht. Himmel-Schwerenoth! es war dies die schlechteste Attake des Regiments während des ganzen Feldzugs. Diese französischen Kerle nicht gleich im ersten Anprall über den Haufen zu werfen!“

Er strich sich den langen, grauen Knebelbart, das dunkle Gesicht des untersetzten kräftigen Mannes war noch dunkler geworden, ein wüthender Zorn loderte in seinen schwarzen Augen. Nach den Pfeifen der Leute mochte er erst gar nicht sehen, über dem Herumhauen von vorhin zeigte sich gut die Hälfte derselben ohne diese Zugabe, und seine Laune wurde durch diese letzte Wahrnehmung keinesfalls gebessert. Grimmig sog er selber an der Spitze [554] seines Meerschaumkopfes. Endlich brach der Sturm doch noch über die Uebelthäter los, die vorige Scene erneute sich im verzehnfachten Maße.

Wieder attakirte das Regiment und abermals. Nur die brandenburgischen Husaren unter dem berühmten Sieger von Möckern, dem tapferen Obersten Sohr, befanden sich demselben noch zur Seite, und von dem Feinde waren diesen beiden Regimentern gegenüber mindestens schon fünf bis sechs Cavallerie-Regimenter, Chasseurs à cheval, Dragoner und Uhlanen vorgezogen worden. Auch das Dorf rechts hatte denselben preisgegeben werden müssen. Immer weiter breitete sich die feindliche Schlachtlinie aus, bereits näherte sich eine nach rechts vorgeschobene französische Umgehungscolonne, ebenfalls mit mehreren Cavallerie-Regimentern an der Spitze, dem mehrerwähnten Fichtengehölz. Die eigene preußische Infanterie mochte in ihrer rückgängigen Bewegung mit ihren vordersten Massen etwa die gleiche Höhe erreicht haben, und die beiden vorhin schon in so großer Gefahr schwebenden Landwehrbataillone sah man auf halbem Wege nach jenem Gehölz aufgestellt, um den Vertheidigern desselben zur Stütze zu dienen. Das Knatterfeuer der Tirailleurs setzte keinen Augenblick aus, und die Salven der Infanterie dröhnten dazwischen. Die Schwierigkeit, die Artillerie in dem aufgelösten Boden schnell genug von der Stelle zu bewegen, verhinderte glücklicherweise die Franzosen von ihrem Geschütz den entsprechenden Gebrauch zu machen, wogegen namentlich in der festen Stellung auf den Hügeln die preußisch-russischen Geschütze ein nicht abreißendes Feuer unterhielten. Die bunt durcheinander geblasenen Reitersignale von jenseit der Höhen ließen dort auf nicht minder hartnäckige Kämpfe als hier schließen. Die Sonne leuchtete jetzt hell und warm von dem fast wolkenlosen Himmel, und nur der über den kämpfenden Massen dicht geballte Pulverdampf erschwerte noch die allgemeine Uebersicht. Chateau-Thierry erwies sich jetzt nahe genug, um zwischen den Häusern der diesseits der Marne gelegenen Vorstadt das noch immer wenig gelichtete Gewirr der vorausgezogenen, durch die gestrige Schlacht aufgelösten russischen Truppen mit bloßem Auge deutlich unterscheiden zu können.

Der Ernst des Moments und die mit jedem Augenblick gesteigerte Gefahr hatten bei den lithauischen Dragonern längst die Pfeifen vollends verschwinden lassen, nur der Major qualmte als Ersatz dafür gleich einer Schmiedeesse und fluchte als gelegentliches Intermezzo alle Teufel der Hölle über seine Leute. Das Regiment, so brav es sich bisher gehalten, vermochte ihm heute nichts recht zu machen. Allmählich begann seine Gereiztheit indeß auch bei seinen Untergebenen die gleiche Empfindung zu wecken. Die Officiere hatten ihres Unwillens gar kein Hehl. Die Dragoner murrten, von all den in den Bart gebrummten Flüchen und Verwünschungen grollte es wie ein fort- und fortrollendes Donnerwetter in den Gliedern.

„Da haben wir die Geschichte! Daß doch gleich neun und neunzig …“ Die von dem Major ausgestoßene merkwürdige Fluchcomposition ist in der Schriftsprache nicht gut wiederzugeben. „Regiment, Marsch! Marsch!“ Die Attake ließ die gleiche Absicht des Feindes gar nicht erst zur Ausführung kommen. Der blitzschnelle Angriff durfte als ein Meisterstück genommen werden. Das nächste französische Reiterregiment sah sich auf das zweite geworfen, und bevor das dritte sich noch aus diesem Knäuel von ansprengenden Reitern und Pferden herauszuwickeln vermochte, waren die Dragoner schon wieder gerichtet und geordnet. Indeß hinter denselben sauste es die Hügel niederwärts, die dort postirte russische Abtheilung schien in einem Augenblick aufgelöst. Alles flüchtete, rannte, wogte an den noch fest geschaarten preußischen Massen vorüber nach Chateau-Thierry zu. Auch in der entgegengesetzten Richtung vor dem Fichtengehölz und diesseit desselben erblickte man ein unentwirrbares Getümmel.

„Major, mit dem Regiment in Zügen links abgebrochen! Dragoner, auf, rettet die Schlacht!“ York war mitten durch das Getümmel auf diese seine alten Schlachtgefährten zugesprengt. „Hauptmann von Schack,“ kehrte er sich zu seinem ersten Adjutanten, „die brandenburgischen Husaren zurück hinter die Infanterie! Dieselbe muß fortan die feindlichen Angriffe mit Kugel und Bajonnet allein abwettern, dann die Cavallerie schwadronsweise nachgehalten. Sie bleiben bei Sohr.“

Ein Regiment Dragoner der Kaisergarde, auf welches die Litthauer jenseit der Hügel zuerst gestoßen waren, hatte schlimme zwei, drei Minuten zu verleben gehabt. Grimmig klapperten die wuchtigen Plempen derselben auf den blankpolirten Helmen der stolzen Gardereiter, nicht wenige derselben bezeichneten, todt oder verwundet, am Boden ausgestreckt, die Richtung dieses ebenso glücklichen wie kühnen Sturmritts.

„Ihr seid doch immer auf dem rechten Fleck!“ begrüßte York die wackern Degen bei ihrer Rückkehr. „Major von Platen, ziehen Sie sich mit Ihrem Regimente mehr rechts an die übrige preußische Reiterei heran …“

Der General batte sich unterbrochen. Die Feinde hatten weiter abwärts von Neuem angegriffen. Die Flucht zeigte sich diesseits dort allgemein. Salve um Salve krachte von der auf den Hügeln aufgestellten preußischen Infanterie, zwei mehr in der Mitte vorgeschobene preußische Cavallerie-Regimenter, das eine die durch ihre weißen Kragen und Aufschläge erkennbaren westpreußischen Dragoner, das andere ein schlesisches Landwehr-Cavallerie-Regiment, versuchten die die preußischen Vierecke bestürmenden feindlichen Reitermassen in die Flanke zu fassen; allein es lag kein rechter Schwung in ihrem Anreiten und das Mißlingen ihrer Attake durfte deshalb gleich mit deren Beginn gemuthmaßt werden. Drei oder vier Reiter sprengten, was die Pferde laufen wollten, hinter den vorgegangenen Schwadronen weg, gerade auf die um den General versammelte Gruppe zu. „Excellenz,“ rief der Vorderste diesem schon aus der Ferne zu, „es bleibt mir nichts, als an Ihrer Seite bis zum Letzten auszuhalten! Meine Russen sind mir unter den Händen zerstoben.“ Es war der General Sacken, statt des Federhuts trug er jetzt eine wahrscheinlich vom Schlachtfelde aufgeraffte Soldatenmütze auf dem Kopfe, sein halb abgerissener Mantelkragen bewies, wie sehr er sich dem Feinde ausgesetzt haben mußte. Die Verzweiflung stand in leserlichen Zügen auf seinem Antlitz geschrieben.

„Noch ist nichts verloren, Excellenz,“ versuchte York den russischen Führer aufzurichten. Sein Gesicht wies noch dieselbe unzerstörbare Ruhe wie vorhin, nur der scharfe Blick, womit er augenblicklich mehr noch die Vorgänge hinter sich im Thale der Marne, als sich gegenüber verfolgte, verrieth die Spannung seines Innern.

„Brav!“ murmelte er hochaufathmend, „das waren die Füsiliere des Leibregiments, sie haben die feindliche Cavallerie mit dem Bajonnet durchbrochen. Braver Sohr! Wie seine Husaren den Franzosen in die Eisen sitzen! So recht! kehrt und wieder Ordnung gemacht. Der arme Wollzogen mit seinem Landwehr-Regiment ist freilich abgeschnitten, es ist unmöglich, daß er sich an die übrigen Truppen noch wieder heranzieht, allein wenn er und seine beiden Bataillone sich dort an dem Saume des Fichtengehölzes nur noch fünf Minuten behauptet und die Brigade dort auf den Hügeln nur noch ebenso lange ausdauert, ist der Rest des Corps gerettet.“

„Heiliges Kreuz-Million …“ – das „Donnerwetter“ folgte erst noch nach wer weiß wie vielen Zwischengliedern – „haben die Kerle denn keine Sporen an den Beinen?“ war der Major von Platen vorhin bei dem Anreiten der beiden preußischen Regimenter aufgefahren. „Das ist der Unruh mit seinen Weißkragen. Diese …“ Die gebrauchte Bezeichnung spottet erneut jeder schriftlichen Wiedergabe. „Pfui Deibel! Wer dem“ – abermals ein wahrhaft ungeheuerliches Kraftwort – „ein Regiment anvertraut hat, der mag’s noch am jüngsten Tage verantworten. Da – da – da haben wir die Geschichte!“

Der Boden erbebte von dem Hufschlag der heranstürmenden feindlichen Geschwader, in einem Augenblick stürzte die preußische Reiterlinie, vom Feinde fast getragen, zurück. Wie die brandende See wogte es hoch auf um die preußischen Vierecke unterwärts auf den Hügeln. Der Ruf der Trompete, das Wirbeln der Trommeln, das Gekrach der Salven gingen völlig in dem rasenden „vive l’Empereur!“ der siegestrunkenen französischen Eisenreiter verloren.

„I, Ihr verdammten Racker, Euch soll ja … Regiment Trab! Marsch! Marsch!“ Ein breiter Graben hielt die heranstürmenden Litthauer auf. Noch eine ziemliche Strecke dahinter hatte, um deren Anprall zu erwarten, ein französisches Reiterregiment, den Karabiner am Backen, Halt gemacht. Die gewaltigen Bärmützen der bärtigen Gesellen, die prallen Lederhosen mit den großen Reiterstiefeln und die blaue Uniform mit den breiten weißen Rabatten ließen in diesen im Sonnenlicht funkelnden Schwadronen das berühmte Regiment der französischen Grenadiers à cheval, [555] nächst den Garde-Jägern zu Pferde Napoleon’s unmittelbare Leibwache, unterscheiden.

„Dragoner wollt Ihr sein!?“ schnaubte der Major, das, was sie wirklich sein sollten, ist aus ästhetischen Rücksichten wiederum nicht auszudrücken. „Haben die Kerle nicht reiten gelernt? Donnerwetter, vor einem solchen lumpigen Graben zu stutzen. Vorwärts!“ Mit der Spitze seiner Pfeife deutete er den Seinen die Richtung an und setzte, der Erste voran, über den Graben.

Ein Wuthgebrüll seines endlich zum Aeußersten gereizten Regiments hatte seine letzten Worte verschlungen. Der Graben und dahinter noch ein zweiter wurden von den Dragonern überflogen. Von seinem edlen Renner pfeilschnell über alle Hindernisse des Bodens fortgeführt, war ihr Führer ihnen jedoch an die fünfzig Schritt voraufgeblieben. Blindlings warf derselbe sich auf den vor der Front seines Regiments haltenden feindlichen Commandeur, ein rasch ausgetauschter Hieb und der Franzose wankte im Sattel. Doch Platen hatte in seinem Eifer auf dessen Adjutanten nicht geachtet, im selben Augenblick klaffte von dessen Klinge sein Gesicht von der Stirn bis zum andern Backen, seine bloßgelegten Zähne vermochten über den wüthenden Schmerz die auch unter diesem letzten Sturmritt treu bewahrte Pfeife nicht zu halten, der Meerschaumkopf glitt zur Erde, sein scheugewordenes Pferd führte den Verwundeten gerade seinem anstürmenden Regiment entgegen.

„Kiek, kiek, jetzt is em ooch die Piepe utgegangen!“ Wie Donnerruf pflanzte der Jubel sich fort durch das Regiment. Den Anprall der Dragoner hätten die französischen Leibwächter wohl, wie so manchen früheren wüthenden Angriff, ruhig abgewettert, indeß dies Höllengelächter machte sie verwirrt, bestürzt. Die Karabinersalve, womit sie nach althergebrachter französischer Reitersitte den Gegner zu erschüttern gedachten, ging beinahe wirkungslos in die Luft, im nächsten Moment sahen sie sich gesprengt und Schulter an Schulter mit dem siegreichen Feinde eine weite Strecke zurückgerissen.

Der Triumph der braven Litthauer würde vollständig gewesen sein, wofern sie ihr bis dahin immer mit Glück beobachtetes Verfahren, unmittelbar nach gelungener Attake wieder in die eigne Schlachtordnung zurückzukehren, auch diesmal eingehalten hätten. Allein im Feuer des Sieges und der Verfolgung dachte Niemand daran, den Befehl hierzu zu ertheilen. Platen zum allerwenigsten. Rasend vor Wuth, befand er sich vielmehr unter den Vordersten, welche blind und toll den Franzosen nachjagten. Bei der Uebermacht des Feindes konnte die üble Frucht dieser schlimmen Versäumniß ganz unmöglich ausbleiben. Eben noch Sieger, sahen sich die Dragoner plötzlich von zwei feindlichen Regimentern von links und rechts zugleich angegriffen. Die Grenadiere zu Pferde, außer sich vor Zorn und Beschämung über die erlittene Niederlage, drehten wieder um. Mann schlug sich wider Mann, doch der ungleiche Kampf schwankte keine Minute. Der Schwall wälzte sich rückwärts. Indeß noch nicht genug. Der französische Kaiser war selber zur Stelle geeilt und hatte die seine Begleitung in den Schlachten bildenden reitenden Garde-Jäger dem Feinde in den Rücken geworfen. Der Weg über die Gräben zeigte sich abgeschnitten. Die Richtung nach der weiter unterhalb noch auf den Hügeln aufgestellten preußischen Infanterie mußte mitten durch den Feind genommen werden. Die Tapfersten drängten sich um die Standarte zusammen. Wie viele in dem Bemühen, sich durch die feindliche Uebermacht, den Säbel in der Faust, Bahn zu brechen, stürzten, dennoch glückte das verzweifelte Wagstück. Nahe an die Hälfte der tapfern Männer war darüber freilich verloren gegangen.

Vielleicht, daß es indeß auch dem geretteten kleinen Rest nicht gelungen wäre, sich durchzuschlagen, wenn York in Person nicht, was von den beiden vorhin geworfenen Regimentern sich noch unter seinen Händen befand, zusammengerafft und sich damit dem Feinde in den Rücken und in die Flanke geworfen hätte. Der unerwartete Stoß wirkte freilich nur einen Moment, und schon im nächsten sah sich dieses ohnehin bereits so schwer erschütterte Häuflein in nicht minder furchtbar drangvolle Enge genommen. Der Oberst Unruh von den westpreußischen Dragonern erhielt in diesem Getümmel einen Lanzenstich in den Unterleib und verdankte seine Rettung nur der Schnelligkeit seines Pferdes; kaum daß die beiden Generale noch den Anschluß an die Infanterie wieder zu gewinnen vermochten.

„Der Major ist todt oder gefangen, rettet den Major!“ Was von den Litthauern noch zusammenhielt, hatte sich, den Vermißten herauszuhauen, nochmals in den Feind gestürzt. Im Grunde war der kühne Führer jedem dieser tapferen Reiter doch tief in’s Herz gewachsen. Die lithauischen Dragoner und der „tolle Platen“, wie der Major in der ganzen preußischen Armee genannt wurde, gehörten eben einfach zusammen. Das Aeußerste mußte zu seiner Rettung versucht werden. Auch dieser letzte Sturm war wirkungslos von den feindlichen Massen abgeprallt. Als die Letzten flüchteten auch die Litthauer der gänzlich geworfenen preußisch-russischen Cavallerie nach auf Chateau-Thierry zu. Nur die brandenburgischen Husaren hielten im Thale der Marne bei dem jetzt auf sich allein angewiesenen Fußvolk noch aus. Das erste ostpreußische und das westpreußische Grenadierbataillon wurden gesprengt, doch das Leib-Regiment warf sich erneut mit dem Bajonnet auf die feindlichen Geschwader und trieb dieselben zurück. Die brandenburgischen Husaren hieben nach, und unter der nicht minder standhaften Haltung der preußischen Infanterie auf den Hügeln ward endlich der Eingang zur Stadt gewonnen.

Es war ein böser Unglückstag für den wackeren Platen, dieser 12. Februar. Durch die Grenadiere hatte er sich zwar glücklich durchgeschlagen, allein Niemand kann seinem Schicksal entfliehen. Das Blut aus seiner Wunde blendete ihm die Augen, und statt sich links zu halten, war er nach rechts, gerade mitten unter die Gardejäger hineingestürmt. Zehn, zwölf derselben hatten sich auf ihn geworfen, der Degen ward ihm aus der Hand gewunden. An jedem Arm von einem der bärtigen Burschen gehalten, wurde er, er wußte selber nicht wie ihm geschah, im Fluge dem Standorte des Kaisers zugeführt. Die Eile der Feinde war zu groß und ihr Fang schien ihnen zu sicher, als daß sie daran gedacht hätten, ihren Gefangenen nach altem Kriegsgebrauch zuvor von seinem Pferde absitzen zu lassen, vielleicht, daß sie dies auch aus Rücksicht auf die anscheinend schwere Verwundung des Majors unterlassen haben mochten.

Der Mann im grauen Ueberrocke und dem kleinen Hütchen hatte unter dem Flammeneifer, mit welchem er die Vorgänge auf dem Schlachtfelde verfolgte, nur einen kalten gleichgültigen Blick auf Platen und seine Begleiter geworfen. Das Glas kam kaum von seinen Augen. Adjutanten stürmten heran und wurden mit zwei Worten abgefertigt. Mit jeder neuen Wendung des Kampfes schien sich die Ungeduld des großen Schlachtenfürsten zu steigern. Am Ende litt es ihn nicht mehr auf derselben Stelle, quer über Feld sprengte er den Truppen nach.

Der Major war zwischen seinen beiden Wächtern der vorigen Bewegung gefolgt, allmählich sammelten sich seine Gedanken wieder. Er schaute sich um. Nach rechts, in der Richtung nach Chateau-Thierry, versperrten die im Gefecht befindlichen feindlichen Truppen jeden Ausweg, jedoch nach links breitete sich unter dem hier sehr steilen Abfall der Hügel eine von unzähligen Gräben, Hecken, Dämmen durchschnittene Fläche aus, und weiterhin, dem Flusse zu, reichten die letzten Ausläufer des vorerwähnten Waldes bis fast unmittelbar an das Ufer.

Es war das so recht ein Terrain, um den besten Fuchsjäger für seinen Hals fürchten zu lassen, allein um so sicherer erschien für Platen die Aussicht, einmal wieder frei, seinen Verfolgern das leere Nachsehen zu lassen. Noch fühlte er sein gutes Roß zwischen den Schenkeln, und die paar Hecken und Gräben – pah! er hatte gelegentlich wohl schon um geringeren Preis einen noch gefährlicheren Ritt unternommen. Der Zufall zeigte sich ihm überdies günstig, der einzige Knopf, der seinen Mantel über der Brust zusammengehalten hatte, war unter dem Hin- und Herzerren bei seiner Gefangennahme abgerissen. Leise, fast unmerklich, lockerte er das Kleidungsstück um die Schultern, er brauchte – freilich bei dem steilen Abhang unmittelbar vor ihm ein furchtbares Wagstück – bei dem ersten scharfen Satz seines Pferdes nur die Arme nach hinten auszustrecken, um den beiden reitenden Jägern den Mantel statt des Mannes in Händen zu lassen.

Mit einem kurz ausgestoßenen „Ha!“ hatte Napoleon den Kopf aufgeworfen. Seine flammenden Blicke flogen rückwärts. „Die Artillerie heran! Wo bleibt die Artillerie?“ herrschte er zu seiner Umgebung gewandet. „Schnell! schnell!“ Die Stimme klang wie belegt unter der ihn verzehrenden Ungeduld. Wieder tönte das „Ha!“ Es war der Moment, wo die Spitze der preußischen Infanterie sich in die Vorstadt von Chateau-Thierry hineinzuziehen begann, nur noch einige Minuten und dieselbe mußte sich hinter den hier der Reiterei entgegentretenden vielen Annäherungshindernissen [556] wenigstens vor deren Angriffen in einer verhältnißmäßigen Sicherheit befinden. Aller Blicke hafteten in höchster Spannung an dem Punkte der Entscheidung.

Ein Ruf der Ueberraschung erschallte plötzlich hinter Napoleon, wie eine Rakete war Platen an ihm vorüber den Abhang hinuntergesaust. Der eine Jäger war durch den unvermutheten Ruck bügellos geworden, der andere hielt mit starren Blicken die leere Hülle in der noch ausgestreckten Rechten. Indeß der Major hatte auf das zur Sicherung des Kaisers weit nach links vorgeschobene Seitenpiket nicht geachtet. Auf den Ruf: „Halt! Haltet auf!“ lösten sich sechs bis acht Reiter von demselben los und verrannten ihm den Weg. Von links und rechts stürmten die Verfolger hinter ihm drein. Einer Jagd galt’s auf Tod und Leben. Wie ein Vogel trug ihn sein schnelles Roß über alle Hindernisse fort, noch einen letzten breiten Graben mit hohem jenseitigen Rande, und keiner wagte es ihm nachzuthun. Die Gebehrde, mit welcher er von den unentschlossen an dem diesseitigen Grabenrande hin- und hergaloppirenden Franzosen Abschied nahm, konnte nicht unanständiger sein, im nächsten Moment war er denselben hinter den Bäumen und Buschpartien des nahen Flußufers vollends aus dem Gesicht verschwunden. –

Es war gegen Mitternacht nach diesem ereignißreichen Tage. Mit dem Abend war erneuter Frost und Kälte eingetreten. Das Corps York’s hatte vor der Fortsetzung des nach Rheims gewandten Rückzugs bei einem kleinen Dorfe an der Landstraße eine kurze Rast angetreten. Die Truppen ruhten um die schnell entzündeten Wachtfeuer auf dem eisigen Boden. Der General weilte, umgeben von den Officieren seines Stabes, mitten unter ihnen.

Als einzige Auszeichnung hatte man dem Feldherrn eine Schütte Stroh als Sitz untergebreitet; nachdenklich schürte er mit der Säbelscheide die Flamme des Feuers.

„Also, Schack,“ kehrte er sich nach einem langen Schweigen zu seinem Adjutanten, „so würden sich unsere heutigen Verluste Alles in Allem auf dreizehn Kanonen und über 2000 Mann belaufen?“

Der Gefragte bejahte. „Aber mindestens ist keine Fahne oder Standarte in des Feindes Hand gefallen,“ fügte er hinzu.

„Ein harter Verlust,“ murmelte York, „mit gestern sind das aber 4000 meiner besten Streiter. Und der tapfere Schon, der Arnim, der Marwitz, wie viele meiner braven Officiere haben mich diese beiden unglücklichen Tage gekostet – der verwundete Oberst von Unruh ist doch in meinem Wagen untergebracht worden?“ fragte er. „Der Platen,“ nahm er nach der bejahenden Antwort sein Selbstgespräch wieder auf, „um den thut es mir zum Meisten leid. Die Armee hat viel an diesem einen Mann verloren. Ob er todt oder gefangen sein mag?“

Ein tobender Jubel hatte dem General die Frage fast von den Lippen genommen. „Der Platen ist wieder da! Der tolle Platen! Hurrah! Hussa!“

„Was?“ York war vom Feuer aufgesprungen. „Platen, seid Ihr’s wirklich? Herr Du mein Gott! Mann, wie seht Ihr aus!“

Der Ausruf des Generals war nur zu gerechtfertigt. Blut überklebte das Gesicht des Majors bis zur Unkenntlichkeit, mit der Kälte der Nacht hatte die unverbundene Wunde sich heftig entzündet und die Geschwulst der durchschnittenen Muskeln verlieh dem ohnehin gerade nicht holdseligen Antlitz einen wahrhaft schrecklichen Ausdruck. Die beim Durchschwimmen der Marne durchnäßten Kleider steiften, starr gefroren, von dem Körper ab, und die dadurch bewirkte Unförmlichkeit der Gestalt erhöhte noch die Ungeheuerlichkeit der Erscheinung des Mannes.

Sprechen konnte der Major nicht, der Versuch dazu führte nur zu einer entsetzlichen Grimasse. Auch mit dem Trinken aus einer der zwanzig und mehr ihm zugereichten Feldflaschen wollte es nicht glücken. „Ruft den Doctor!“ hatte York den Befehl gegeben, „der Major muß vor allen Dingen verbunden werden, und dann, lieber Platen, in meinen Wagen.“

Der Verband war unter den Heftnadeln des Arztes leider nicht ohne ein geheimes Kichern abgegangen. Der Teufel hätte bei den seltsamen Verzerrungen dieses schrecklichen Gesichts auch ernsthaft bleiben mögen. Selbst von der verlornen Tabakspfeife und dem „Kiek, kiek!“ seiner Dragoner hatte das feine Ohr des Majors etwas aufgefangen. Und dann, o all ihr gnädigen Götter! saß sein Todfeind, der Unruh, in dem Wagen des Generals! Den entsetzlichen Fluch, der ihm bei diesem Anblick schon auf die Zunge getreten, mußte er bei der Unmöglichkeit die Lippen zu bewegen freilich wieder niederwürgen, allein ausspeien und zu seinem Pferde eilen, um sich wieder in den Sattel zu schwingen, konnte er dennoch. Am nächsten Morgen erst gelang es, den vom heftigsten Wundfieber Geschüttelten in einem hierzu mit Stroh ausgepolsterten Bagagewagen auf ein Lager zu bringen.