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Der sterbende König

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Der sterbende König
Untertitel:
aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1913, Bd. 1, S. 227
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Erscheinungsdatum: 1913
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[227] Der sterbende König. – Der englische Schauspieler Macready, dessen Hamlet sich ebenso großer Berühmtheit in England erfreute wie der des unlängst verstorbenen Joseph Kainz in Deutschland, gastierte einmal an dem Theater in Liverpool. Natürlich eröffnete er sein Gastspiel mit seiner Glanzrolle. Am Vormittag wurden einige Szenen noch schnell durchgeprobt. Dabei gab Macready besonders seinen beiden Kollegen, die den König und den Laertes spielen sollten, genaue Anweisungen darüber, daß er unmittelbar an der Rampe links neben dem Souffleurkasten einen freien Platz brauche, damit er in würdiger Weise seinen letzten Seufzer aushauchen könne.

„Ich spiele den Hamlet heute zum achtundneunzigsten Male, und stets starb ich an der genannten Stelle. Also richten Sie sich danach!“ fügte er etwas anmaßend hinzu.

Die beiden Kollegen ärgerte dieser überhebende Ton nicht wenig. Der Darsteller des Königs dachte am Abend bei der Aufführung daher auch nicht im geringsten daran, Macreadys Wunsch nachzukommen, sondern starb gerade an dem Platze, den sich der große Mime für seinen eigenen Tod vorbehalten hatte.

Als der sterbende König zu Boden gesunken war, flüsterte Macready: „Sie sollen doch weiter hinten sterben!“

Der König aber antwortete nicht, sondern starb, wo er gerade lag.

„Können Sie nicht hören!“ flüsterte Macready erbost. „Herr! Sie sollen weiter hinten sterben.“

Da hob die königliche Leiche den Kopf ein wenig und sagte kaltblütig mit vernehmlicher Stimme: „Stören Sie mich nicht. Noch bin ich hier König und kann sterben, wo es mir paßt!“

Diese merkwürdige Zurechtweisung löste im Zuschauerraum schallende Heiterkeit aus, und erst als diese sich gelegt hatte, konnte der vor Wut zitternde Hamlet sein Spiel fortsetzen und dort sterben, wo er gerade ein Plätzchen fand.

W. K.