Zum Inhalt springen

Der mißverstandene Kuß

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der mißverstandene Kuß
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 484
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[484] Der mißverstandene Kuß. Eine Dame vom „reinsten Wasser“ in England (die bekannte Herzogin von Fiesbury) hatte ziemlich eine Stunde lang in einem Musikladen zugebracht und alle möglichen Sorten in Musik gesetzter Liebe gekauft, vergangene, gegenwärtige, zukünftige, erste, letzte, zärtliche, feurige, unglückliche, erhörte und unerhörte. Der für alles Schöne schwärmende Ladendiener hatte eine ganze Ladung Liebe in ihren Wagen hinausgetragen, ohne daß sie genug zu haben schien. Die sanfte verschämte Art, mit welcher sie die Titel der verschiedenen Arten von Liebe aus den Lagen gefordert hatte, z. B. „Willst du mich ewig lieben so wie heut?“ veranlaßte den zartsinnigen Commis öfter, seinen im Keimen begriffenen Backenbart zu zupfen, die Vatermörder zu rücken und an der „Dalle“ zu tupfen, um alle Waffen Amor’s, die offenbar von ihm ausgingen, wie er nicht anders meinen konnte, gehörig zu schärfen. Das Zögern der jungen Herzogin in der Thür, ihr verlegenes Zurückblicken, das endlich in ein resolvirtes Zurückkommen ausartete, veranlaßte den Jüngling, seine Vatermörder noch einmal zu zupfen und den schönen Kopf in der Binde in eine möglichst malerische, verführerische Attitüde zu wiegen. „Ich hätte beinahe vergessen,“ sagt die junge Herzogin, „noch – noch – es ist zwar nicht nöthig, aber es soll so schön sein. Haben Sie die Güte (kleine Pause), mir noch zu geben einen Kuß, bevor wir scheiden!“

„Wa – as? Wär’ es –“

„Einen Kuß, bevor wir scheiden, bitte!“ wiederholte sie jetzt kühn und ihn ohne Verlegenheit mit den schönen blauen Augen ansehend.

Auf den Flügeln der höchsten Liebe sprang der musikalische Diener über den Ladentisch, umfaßte ihre zarte Taille und gab ihr den so zärtlich erbetenen Kuß. Zu seinem größten Erstaunen belohnte sie ihn für diesen Muthsprung der Liebe mit einer ernsthaft gemeinten Ohrfeige, der ein dichter Schlagregen mit dem Stiele des Sonnenschirms folgte, in Begleitung leidenschaftlichen Kreischens. Volk und Polizei liefen herbei und letztere brachte den Mordanfall des Musikalien-Dieners auf die Ehre einer hohen Herzogin pflichtschuldigst vor den Polizeigerichtshof. Beleidiger und Beleidigte mussten beide zugegen sein, obgleich sich die verschämte Herzogin erst lange sträubte. Die Verhandlung war kurz, da die Herzogin mit „Einem Kuß, bevor wir scheiden“ ein neu in Musik gesetztes Lied gemeint, der noch neue Diener aber, ganz unbekannt mit diesem Titel, nicht umhin gekonnt hatte, die Sache so zu nehmen, wie er sie verstanden hatte. Der alte Herzog von W., der seit diesem Ereigniß manche Jahre hindurch mit der Herzogin von Fiesbury gelegentlich in Gesellschaften zusammenkam, unterließ nie, wenn er sie beim Piano fand, um „einen Kuß, bevor wir scheiden“ zu bitten, aber ohne Sonnen- und Polizeischirm.