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Der kleine Frieder mit seiner Geige

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Textdaten
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Autor: Albert Ludwig Grimm
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Titel: Der kleine Frieder mit seiner Geige
Untertitel:
aus: Lina’s Mährchenbuch, Band 1, S. 127–150
Herausgeber:
Auflage: 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1837]
Verlag: Julius Moritz Gebhardt
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Quelle: Exemplar der Staatsbibliothek Berlin auf Commons
Kurzbeschreibung:
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Indexseite
[127]
2.
Ein lustiges Mährlein
vom
kleinen Frieder mit seiner Geige.

[129] Es war einmal ein Bürschlein, das war im Wuchse nicht gar wohl gerathen, denn es war viel kleiner geblieben, als es für sein Alter hätte sein können; auch standen ihm die Beine gar schief unter dem Leibe. Dabei war es aber immer muntern, aufgeweckten Sinnes, und der Kopf stak ihm voller Schalkheit.

Seine Aeltern waren ihm aber früh gestorben, und hatten ihm gar nichts zum Erbe hinterlassen. Darum hatte er sich zu einem Bauer als Knecht verdingt. Als er aber drei Jahre in diesem Dienste gestanden, trat er eines Tages vor seinen Herrn, den Bauer, und sagte: „Sehet, ich hab Euch nun drei Jahre redlich gedient nach allen meinen Kräften, und gedenke nun weiter in die Welt zu gehen, und mein Glück zu machen. Darum seid so gut, und gebt mir meinen verdienten Lohn, und lasset mich ziehen.“

Da ging der Bauer an seinen Wandschrank, und schloß selbigen auf, und suchte lang unter seinem Gelde, [130] und brachte endlich drei Hellerlein hervor, und gab ihm solche und sprach: „Sieh, hier hast du deinen Lohn, für jedes Jahr ein Hellerlein. Ich denke, ein so klein Bürschlein wie du kann gar wohl damit zufrieden sein. Und wenn du sie gut anlegst, so kannst du schon damit dein Glück machen. Wer aber den Heller nicht ehrt, der ist des Thalers nicht werth. Ich wünsch dir viel Glück auf den Weg.“

Da nahm der kleine Frieder die drei Hellerlein, steckte sie freudig in einen ledernen Beutel, den er sich aus einer Maushaut gemacht hatte, und verbarg ihn in seiner Tasche. Darauf nahm er von der Frau und den Kindern des Bauern Abschied, und zog fort in die Welt. Wo er sich setzte, um auszuruhen, oder wo er zu Nacht unter einem Baume sein Nachtlager nahm, oder bei guten Leuten in einer Scheune Obdach fand, da zog er auch sein maushaaren Beutelein heraus, und zählte seine drei Hellerlein, ob er sie auch noch alle habe, und ob ihm keiner davon verloren gegangen wäre.

So war er etliche Tage in die Welt hinein gelaufen, und noch war ihm keine Gelegenheit aufgestoßen, sein Geld gut anzulegen. Da kam er eines Abends an ein großes felsiges Gebirge, das war an vielen Orten so felsig, daß kaum ein wenig Moos da wuchs. Aber die Felsen waren so steil, [131] daß man sich auf dem Wege nur mühsam zwischen durch hinaufwinden konnte. Wo sich aber zwischen den Felsen ein wenig Erde angeschwemmt hatte, da wuchsen hier und da hohe Schwarztannen empor, die machten zwischen den nackten, grauen Felsen dem Berg ein recht unfreundliches Ansehen. Und zwischen den Tannen hörte man nichts, als das Gekrächze der Raben und das Brausen wild herabschäumender Felsenbäche, so daß es Einem in dieser Umgebung, bei der eben einbrechenden Dämmerung, recht unheimlich und ängstlich hätte zu Muth werden können.

Den kleinen Frieder kümmerte aber das alles nicht. Er stieg gutes Muthes den Felsenpfad hinan, und pfiff sich dabei ein lustiges Lied. Als er aber auf dem Gipfel des Berges ankam, war es Nacht worden, und er hätte schon längst den Pfad nicht mehr gesehen, wenn ihm nicht der Mond über die Tannengipfel und Felszacken herein geschienen hätte. Denn es war gerade Vollmond. Und oben sah er sich nun um, wohin er seinen Weg zu nehmen habe, um ein Dorf oder eine Mühle zu erreichen, wo er übernachten könnte. So weit ihm aber das Mondlicht zu sehen verstattete, sah er jenseits nichts als Wald und Waldgebirge. Darum beschloß er zu bleiben, wo er war, und suchte sich einen Platz, der mit weichem Moose bewachsen war, und legte sich auf selbigem zurecht, um da die Nacht [132] zu schlafen. Ehe er aber einschlief, zog er wieder sein mausledernes Beutelein hervor, zu sehen, ob ihm keiner von seinen Hellerlein verloren sei. –

Wie er sie aber auf seiner Hand im Mondschein zählte, fiel ihm auf einmal ein sonderbarer neblichter Schatten auf die Hand. Da schaute er in die Höhe, und sah vor sich stehn einen Mann, dessen Gesicht war ganz bedeckt mit einem grauen Barte, der ihm bis auf die Füße herunter wallte; und sein Gewand hing ihm in vielen Falten weit um den Leib, und ein Stück davon hatte er sich über den Kopf geschlagen, daß man nur sein Gesicht sah. Und obgleich der Mann ruhig stehen blieb, so schien doch sein Kleid in einem fort rings um ihn, und auf und ab an ihm, in immerwährender Bewegung zu sein. Diese Bewegung und die graue Rauchfarbe des Gewandes und des Bartes gaben dem Manne ein gespenstisches Aussehen. Denn er schien eben so wohl eine aus der Erde gerade aufsteigende Rauchsäule zu sein, als ein Mensch. Er war aber auch kein Mensch. Denn als unser lustig klein Bürschlein so aufschaute, und nicht recht klug aus ihm werden konnte, und ihn bald für einen Menschen, bald wieder für eine Rauchsäule hielt, kam ihm doch am Ende ein gewaltiges Grauen an, und all sein froher und beherzter Muth schien ihn verlassen zu haben. Er steckte eilig seine drei Hellerlein [133] in seinen Beutel, und raffte sich von der Erde auf, und wollte von dannen fliehen.

Als er sich aber im Aufstehen eben schon zum ersten Schritte anschickte, um davon zu laufen, fühlte er sich von hinten an den Haaren fest gehalten, und ob er sich gleich vor der Erscheinung fürchtete, mußte er doch wieder zurücksehen. Und nun schien ihm die Figur wieder ein alter Mann in einem grauen Regenmantel. Aber der Mann merkte seine Furcht, und redete ihn gutmüthig an: „Fürchte dich nicht, Frieder, ich thue dir nichts!“

Da athmete klein Friederlein wieder leichter, und sagte: „Nun, das ist doch schön von dir, daß du endlich einmal sprichst, daß ich doch einmal weiß, daß du ein Mensch bist. Noch schöner ists aber, daß du mir nichts thun willst. Willst du mir auch meine drei Hellerlein nicht nehmen, die ich in drei Jahren verdient habe?“

„Wofern du mir sie nicht am Ende gutwillig gibst,“ antwortete der Graue, „sollst du sie alle drei wieder mit dir von hinnen nehmen.“

„Nun,“ sagte klein Friederlein, „dann hat’s gute Wege; dann sollst du mir ein willkommener Schlafgeselle sein.“

„Ich will dein Schlafgeselle nicht sein,“ brummte der Graue unwillig in den Bart. „Aber,“ fuhr er fort, „um [134] mein Geschäft gleich mit dir abzuthun (denn ich muß diese Nacht noch eine Reise von hundert Meilen machen) so sag mir, was willst du für deine drei Heller haben?“

Da merkte klein Friederlein aber wohl, daß er’s weder mit einem Menschen, noch mit einem Dampfe zu thun habe, sondern daß es wohl ein starker Berggeist sein müsse, der seine drei Hellerlein darum haben wollte, weil sie aus dem Kupfer geprägt seien, das aus der Tiefe dieser Berge vielleicht gegraben wäre. Denn er war gar listig und klug. Deßwegen antwortete er auch zu ihm, und sprach: „Ja, einen meiner drei Hellerlein wollt ich dir wohl geben, wenn du mir ein Vogelrohr geben wolltest, mit dem ich jeden Vogel erlegen kann, auf dem ich daraus schieße.“

Da reichte ihm der Graue schnell, und ehe Frieder nur sehen konnte, woher er es nahm, ein schönes Vogelrohr dar, das war bald noch einmal so lang als klein Friederlein selbst. Aber Frieder sprach: „Ja, vorher muß ich’s auch erproben, ob’s gut ist, eh’ ich dir’s bezahle!“ und merkte sich ein Blatt an einem fernstehenden Baume, und schoß darnach, und das Blatt flog weg, als ob es nie dagewesen wäre. Da reichte ihm Frieder fröhlich den Heller. Aber der Graue sagte: „Du hast dir eben nichts Besonderes gefordert. Nimm dich nun mehr in Acht bei dem zweiten Heller, und fordere dir etwas Besseres.“

[135] „Ja, ja! lachte klein Friederlein. Sieh, ich kann freilich selbst nicht tanzen, weil mir die Beine zu schief gewachsen sind; aber doch hab ich gar gewaltige Lust am Tanzen, und es ergötzt mich über die Maßen, wenn ich Andere so recht in toller Lust herumspringen sehe. Darum begehre ich für meinen zweiten Heller nichts, als eine Geige, nach der Alles tanzen muß, wenn ich darauf fiedle, es mag nun tanzlustig sein, oder nicht.“

Da gab ihm der Graue auch die Fiedel, die er sich gewünscht hatte, sammt dem Fiedelbogen darzu. Und Frieder hatte wieder nicht gesehen, woher er es genommen hatte. Indem er sie ihm aber gab, sagte er zu ihm: „Das war auch wieder ein recht alberner Wunsch, Frieder! Nun kommt der letzte Heller; nun wünsche dir etwas Gescheiteres!“

Da gab ihm Frieder den zweiten Heller, und sagte: „Nun, so wünsch ich dann, daß mir niemand die erste Bitte abschlagen kann, die ich an ihn thue.“

„Nun, das ist einmal doch etwas Gescheites!“ sagte der Graue. „Diesen Wunsch erfüll’ ich dir mit Freuden. Geh nur hin, es ist so.“ Und Frieder gab ihm auch den dritten Heller. Indem wehte aber ein lindes Lüftchen über die Berggipfel hin, und es schien unserm kleinen Bürschlein nun ganz, indem der Graue von ihm ging, als [136] sei er wieder nur ein neblichter Dunst, der von den Winden weggeweht werde. Denn als der Wind nun stärker hinter ihm herwehte, so schien er auch viel schneller von dannen zu eilen, und bald vermischte er sich ganz mit den fernen Nebeldünsten der Nacht.

Aber Friederlein lachte in sein Fäustchen, und freute sich von Herzen über seine köstlichen Geschenke, und hüpfte herum auf einem Beine, und hielt in der einen Hand sein Vogelrohr, in der andern seine Fiedel, und rief ein mal über das andre mal: „Das war ein närrischer Kerl in seinem Nebelkleide! Das war ein närrischer Kerl!“ Und schlafen konnte er jetzt nicht die ganze Nacht hindurch. Denn er fürchtete, wenn er nun einschliefe, so möcht’ er morgen früh erwachen, und alles möchte dann nur geträumt gewesen sein. Aber ruhen mußte er doch, denn er war den ganzen Tag über weit hergewandert. Darum setzte er sich nieder, und erwartete wachend den Morgen.

Als aber die Sterne jetzt bleichten, und die Lüftchen frischer über den Bergrücken herweheten, und der Morgen den Himmel mit einem rothen Streifen übergoß, da stand unser klein Bürschlein auf von seinem Sitz, und wanderte bergabwärts auf der andern Seite nach einer Stadt zu, die es von ferne in der Ebene liegen sah, und freute sich schon zum Voraus, wie es die Leute nach seiner Geige [137] wollte tanzen machen, wo es hinkäme, und lachte schon für sich selbst.

Es war aber schon eine gute Strecke gegangen, und war den hohen Felsberg schon herunter gestiegen, und hatte jetzt nur noch die vorderen, niedrigen Bergabsprünge zurückzulegen, da gesellte sich ein Mönch zu ihm, der von einem Dorfe im Gebirge kam, wo er für sein Kloster gesammelt hatte; und auf seiner Schulter trug er den Terminirsack, gefüllt mit Dürrfleisch und Eiern und andern Gaben, die ihm wohlthätige, fromme Hausmütter für sein Kloster geschenkt hatten. Als der Mönch aber zu ihm kam, grüßte ihn das kleine Bürschlein, und fragte: „Wo kommt Ihr denn her, so früh schon?“

„Ich komme dort vom nächsten Dorfe,“ sagte der Mönch, „und habe da für mein Kloster gesammelt, und jetzt geh’ ich nach der Stadt da unten, und will sehen, was mir dort gute Leute mittheilen werden.“

„Ei,“ sagte Friederlein, „da gehn wir ja mit einander! Ich geh’ auch dahin.“

„Ja?“ sagte der Mönch, und stöhnte dabei. „Es ist heut Jahrmarkt dort. Da willst du gewiß mit deiner Geige Eins aufspielen, und dir was verdienen?“

„Ja, ja,“ antwortete Friederlein, „das hab ich im Sinne!“ und ging weiter mit ihm, und lachte für sich; [138] denn es dachte schon auf einen Possen, den es dem Mönch spielen wollte. Und als sie so weiter gingen, sah der Mönch auf einem Baum, etwas vom Weg ab, eine wilde Taube sitzen, und sagte zu Frieder, ehe sie noch dort waren: „Sieh, mein Sohn, was für ein fettes Täubchen dort sitzt!“

„Ja, das ist ein schön Täublein!“ sagte Frieder. „Ich hab die Tauben gar gern; sie sind so ein sanftmüthiges Vieh, und thun niemand etwas zu leid.“

„Ach! und sie schmecken so gut!“ sagte der Mönch, und blieb stehn, und sah hinüber. „Ja, ja!“ fuhr er fort, „die ist recht fett! das müßt’ ein gar gut Leckerbißlein sein, wenn die gebraten wär’ und hübsch gefüllt! Ach, mein Sohn, du hast da ein langes Vogelrohr! Komm, schieß mir das fette Täubchen herunter, wenn du kannst.“

„Warum das nicht!“ sagte Frieder. „Aber Ihr müßt sie selbst holen; denn sie fällt gerad in die Hecken, und über die kann ich nicht hinaussteigen mit meinen kurzen Beinen. Ich fürcht’ mich auch gar für den Dornen, die würden mich gewaltig zerkratzen.“

„Ei, liegt sie nur einmal da drinne, so will ich sie schon kriegen!“ sagte der Mönch. „Meine Kutte ist dick; da stechen die Dornen nicht durch.“

„Aber es ist ja jetzt in der Fastenzeit, da dürft Ihr [139] ja kein Fleisch essen,“ erwiederte Frieder. „Geht, laßt das arme Thierlein leben. Aufbewahren könnt Ihrs ja doch nicht, bis Ihr wieder Fleisch essen dürft.“

„Ei,“ antwortete der Mönch, „du wirst mich nicht verrathen, und wenn’s sonst niemand sieht, so ess’ ich auch Fleisch in der Fasten. Da ist’s keine Sünde.“

„So?“ sagte Frieder, „was niemand sieht, ist also keine Sünde?“

„Nein, nein, mein Sohn!“ antwortete der Mönch.

Da verdroß klein Friederlein des Mönchs Lüsternheit und seine Gewissenlosigkeit, und dachte für sich: „Nun, warte nur, du sollst mir dafür büßen!“ und wandte sich wieder zu ihm und sagte: „Nun ja, wenn Ihr sie holen wollt, so schieß’ ich sie herunter,“ und schoß sie herunter. Und sie fiel recht mitten in die Dornbüsche. Da machte sich der Mönch schnell hin, und stieg über die vorderen Dornenbüsche, und hob die Taube auf. Aber klein Friederlein hatte indeß seine Geige zur Hand genommen, und fing an mit dem Fiedelbogen drauf auf und ab zu spielen, und sprach: „Ich muß doch sehen, ob meine Fiedel auch gut ist.“ Und indem er mit dem Fiedelbogen drauf auf und ab strich, gabs doch einen recht lustigen Tanz, ob er gleich in seinem Leben nie geigen gelernt hatte.

Als aber der Mönch den lustigen Tanz hörte, da fing [140] er in seinem Dornbusche an zu tanzen, so sauer es ihm auch ankam, denn er war sehr dick und wohlgenährt. Und er hob bald den rechten Fuß und hüpfte auf dem linken, und bald den linken und hüpfte auf dem rechten hoch in die Höhe; und tanzte, daß ihm die Eier alle in seinem Terminirsack zerbrachen, und die gelbe Brühe herabträufte auf seine Kutte; und er hüpfte, daß ihm die dicken Backen wackelten und sein fetter Bauch, daß er keuchte und darzwischen schrie: „Hör auf, mein Sohn! hör auf, mein Sohn! sonst ist’s mein letztes End! sonst tanz ich mich zu todt!“

„Nein,“ sagte Frieder, „gebt Acht, jetzt gibt’s erst den Hupfauf, da ist ein noch lustigerer Tanz!“ und fiedelte von Neuem, und der Mönch mußte von Neuem tanzen, daß er fast den Athem verlor. Das ergötzte das kleine Bürschlein gar sehr, besonders weil die Hecken und Dornen sich dabei immer an der Kutte des Mönches anhängten und ihn festhielten, daß er im Tanzen sich immer losreißen mußte, und die Stücke seiner Kutte am Dornbusche hängen blieben. Und der Mönch mochte bitten und flehen so viel er wollte, das schalkhafte Bürschlein fiedelte immer darauf los.

Da schrie der Mönch endlich: „Ich will dir auch all mein Geld geben, das ich zusammen terminirt habe, wenn [141] du aufhörst. Um Gottes Willen, so hör nur auf; ich bin sonst des Todes!“

Da hörte klein Friederlein endlich auf, und ließ ihn ausschnaufen. Er wischte sich aber den Schweiß von dem Gesichte, und athmete tief, und wickelte seine Kutte los aus den Dornen, und kam heraus. Als aber klein Friederlein ihm sein Geld abforderte, wollte er’s ihm nicht geben, und schalt ihn noch aus dazu, daß er ihn mit seiner verzauberten Geige zum Tanzen gezwungen, da er doch Ehrfurcht vor ihm hätte haben sollen.

Aber Friederlein drohte, ihm noch einmal den Hupfauf zu spielen, wenn er nicht gleich das Geld herausgebe, wie er versprochen. Da bat ihn der dicke Mönch, er möge doch das nicht thun, er wolle ihm Alles geben, was er verlange. Und damit nahm er seinen Terminirsack herunter. Als er aber sah, wie all seine Eier zerbrochen und herausgeflossen seien, da seufzt’ er tief, und sprach: „Ach, die gute Gottesgabe ist so verdorben! Wie manch ein gutes Fastenessen hätte man davon bereiten können! und jetzt kommt’s keinem Menschen gut!“

Klein Friederlein lachte aber und sprach: „Ei, laßt Euch die Eier nicht reuen, Herr Pater! Habt Ihr ja doch einen lustigen Eiertanz dafür gehalten. Greift nur hinein in die gelbe Brühe, und fischt Euern Geldbeutel heraus, [142] und besinnt Euch nicht lang, sonst laß ich Euch vorher noch Eins tanzen.“

Da seufzte der Mönch: „Daß Gott sich’s erbarme! in welches gottlosen Schelmen Gewalt bin ich kommen!“ und griff in den Terminirsack hinein, und zog sein Geldsäcklein hervor. Und klein Friederlein nahm sein roth Käpplein ab, und hielt’s ihm dar, und der Mönch leerte ihm das Geld da hinein. Unser schelmisches Bürschlein steckte aber das Geld in seine Tasche, und sprach zu dem Mönch: „Nun, ich dank Euch, daß Ihr mich so gut bezahlet für meine geringe Mühe!“ „Ja,“ sagte der Mönch, „ich wollt’ ein Andrer müßte dich noch bezahlen, der dich bezahlte, wie du’s verdienst.“

Klein Friederlein lachte aber, und antwortete ihm nicht, und ging nun fröhlich weiter, und der Mönch ging unmuthig neben ihm auf der andern Seite des Weges. Als sie aber drauf in die Stadt kamen, und am Wirthshaus zum Schwanen vorbeigingen, da sagte das Bürschlein: „Nun, lebt wohl, Herr Pater! laßt Euch zu Mittag das fette Täublein recht wohl schmecken, und sammelt recht viel für Euer Kloster, daß Ihr Euers Verlustes wieder beikommt! Ich will nun da hinein, und will mich da einmal hören lassen, und den Leuten Eins aufspielen, daß sie auch fröhlich werden und tanzen.“ Und somit ließ er [143] den Mönch weiter gehen, und ging die Treppe hinauf, und setzte sich hinter den Tisch in der Stube, und forderte sich ein Schöpplein. Und als er nun eine Weile da gesessen fing er an zu geigen, und alle Gäste fingen mit großer Lust an zu tanzen, und der Wirth tanzte unter den Gästen herum mit den Aufwärtern.

Es gefiel aber Allen wohl, denn es waren lauter lustige Gesellen. Und sie bezahlten reichlich, und wenn er aufhörte, so ließen sie sich immer wieder ein Neues von ihm aufspielen, und die Leute, so auf der Gasse vorbeigingen, tanzten auch, wenn sie die Geige hörten.

Der Mönch war aber gar böse auf den kleinen Frieder, daß er ihm sein Geld all genommen, und ging hin vor den Richter des Städtleins, und verklagte ihn bei demselben. Da sprach der Richter: „Ja, wenn wir wüßten, wo der Schalk sitzt, so wollten wir ihn schon strafen für seine Possen.“

„Ei,“ antwortete der Mönch, „da schickt nur den Haltfest, Euern Büttel, nach ihm aus, er soll sehn, ob nicht im Wirthshaus zum Schwanen ein klein Bürschlein sitzt mit krummen Beinen, das eine Geige bei sich hat, und ein lang Vogelrohr.“

Da schickte der Richter seinen Büttel nach ihm aus. Als der aber hinkam nach dem Wirthshaus zum Schwan, [144] war da ein gewaltig Gelärme. Vor dem Hause tanzten die Leute herum auf der Gasse, und drinnen im Hausgang und in der Stube. Und Friederlein stand auf dem Tisch, und fiedelte mit schalkhaften Mienen, und ergötzte sich an den Tanzenden um ihn her. Als aber der Büttel Haltfest die Geige hörte, kam ihm auch beinahe die Lust zu tanzen in die Füße. Und ein Glück war’s, daß Friederlein gerade ausruhte, und dem Tanz ein Ende machte, sonst hätte der Haltfest auch mit herumtanzen müssen.

Er ging aber jetzt hin zu ihm, und kriegt ihm beim Aermel, und sagte: „He, guter Freund! treff ich dich hier an? Komm einmal mit mir.“ Klein Friederlein war aber begierig, was er wollte, und ging gutwillig mit ihm. Denn er dachte: „Ich kann ihm ja am Ende immer noch bitten, daß er mich frei gehen läßt; die erste Bitte muß mir ja jedermann erfüllen.“

Da ihn der Büttel aber vor den Richter führte, bei dem der Mönch saß, merkte er wohl, daß ihn der Mönch verklagt habe. Und als ihn der Richter fragte: „Gesteh’ nur aufrichtig, du Schalk! hast du gethan, wie der ehrwürdige Herr da sagt? hast du deine Schalkspossen mit ihm getrieben, und hast ihm sein Geld noch oben drein abgenommen?“

[145] „Ja, Herr Richter,“ sagte da unser Friederlein, „ich kann’s nicht leugnen, ich hab’ es gethan.“

Da fuhr ihn der Richter an, und rief zornig: „du Schalksknecht! kannst du nicht Possen treiben mit deinesgleichen? Mußt du denn den ehrwürdigen Mann da zu deinem Spiel brauchen? Weißt du auch nicht was im letzten Gebot enthalten ist, daß du dich nicht sollst gelüsten lassen nach Allem, was deines Nächsten ist? – Wart’, ich will dir lohnen, wie du verdienet! Aufhängen will ich dich lassen am lichten Galgen, allen Schalksnarren und Dieben zum Exempel!“ Und damit ließ er den Henker zu sich rufen, und übergab ihm unser klein Bürschlein, daß er ihn auf der Stelle hinausführe zum Galgen, und allda aufhänge.

Da nahm ihn der Henker und band ihm einen Strick um den Leib, und führte ihn mit sich. Und der Richter ging mit hinaus, zu sehn, ob der Henker sein Geschäft auch recht mache; und der Mönch ging auch mit, daß er ihn auf dem Wege vermahnete, und draussen unterm Galgen noch einmal beten lasse. Aber hinten drein lief vieles Volks, Männer, Weiber und Kinder, die sehn wollten, wie das arme Spielmännlein gehängt würde.

Als ihm aber der Mönch Trost zusprechen wollte, sagte klein Friederlein: „Ach, laßt mich nur gehn, ehrwürdiger [146] Herr! ich hab’s ja verdient; mir geschieht schon recht. Freilich hab’ ich’s nicht so böse gemeint; ich seh’ nur gern, wenn die Leute recht lustig tanzen, und ergötze mich daran, und hätt’ nicht geglaubt, daß das eine so große Sünde wäre. Könntet Ihr Fleisch in den Fasten essen, dacht’ ich, was Euch verboten ist, so könntet Ihr ja auch einmal tanzen.“

Indem kamen sie an den Galgen. Da stellten sich die Leute in einem weiten Kreise um ihn her. Dann ward die Galgenleiter angestellt, und der Henker machte dem armen Friederlein den Strick los vom Leib, und legte ihm denselben um den Hals, und stieg ein Paar Sprossen an der Leiter hinauf, und sagte zu ihm: „Komm, steig mir nach, mein Sohn!“ Und Friederlein stieg ihm ein Paar Sprossen nach auf der langen Galgenleiter. Da dacht’ er aber, es sei doch jetzt Zeit, seinen ersten Wunsch an den Richter zu thun, sonst möchte es ihm doch zu spät werden, wenn er noch ein Paar Sprossen höher droben wäre. Darum wandte er sich zu dem Richter und sprach: „Ach, Herr Richter, ich hab’ eine gar große Bitte noch an Euch, eh’ ich vollends da hinauf steige, die Ihr mir wohl gewähren könnt.“

„Die soll dir nicht abgeschlagen werden, mein

[146a]

Klein Friederlein mit seiner Geige.

[147] Sohn, wofern ich sie dir gewähren kann, antwortete der Richter.“

„Ach,“ sagte Friederlein, „ich hab’ meine Geige so lieb, und kann mich nicht von ihr trennen, eh’ ich noch einmal Eins darauf gefiedelt habe. Darum bitt’ ich, erlaubt mir, daß ich vor meinem Ende mich noch einmal mit ihr vergnüge, und mir und Euch zur Lust noch ein’s drauf fiedle.“

Da wandte sich aber auch der Mönch zu dem Richter, und sprach: „Herr Richter lasset ihm das nicht zu. Es ist sonst unser Aller letztes End, wenn er seine Geige spielet.“ Aber der Richter sprach: „Eine billige Sache darf man solch einem armen Schlucker nicht abschlagen, wenn er schon auf der Galgenleiter steht.“ Darauf wandte er sich zum Büttel, dem Haltfest, und befahl ihm, dem Kleinen seine Geige zu geben. Und Friederlein empfing sie mit Freuden, und fing an darauf zu fiedeln mit dem Fiedelbogen. Da fingen auch schon ringsum die Kinder an zu tanzen. Und Fiederlein fiedelte frisch drauf los. Da sprach der Henker: „Ich muß erst Eins tanzen, ich kann’s nicht lassen!“ und stieg hinunter, und tanzte unter dem Galgen herum. Und als der Richter noch ein wenig zusah, und sah wie auch der Haltfest, der Büttel, Friederleins Vogelrohr an die Leiter lehnte, um desto besser herum [148] zu tanzen, und wie alle rings um ihn her tanzten, rief er: „Ei, wenn Alle tanzen, warum soll ich denn allein dastehn?“ Und tanzte auch drunter hinein. Als aber der Mönch das sah, rief er: „Ich muß tanzen mit allen Freuden!“ und tanzte auch in der Menge herum. Es ward ihm aber bald wieder sauer, weil er so wohl beleibt war. Darum schrie er zum Richter: „Ach, lieber Herr Richter! laßt ihn doch aufhören. Es ist ja eine Schande, daß wir da herumtanzen vor all den Leuten! Gelt, ich warnt Euch wohl? ich wußte wohl, wie es gehn würde.“

Aber der Richter war während des Tanzens ganz fröhlich worden, und rief ihm im Tanzen zu: „Ei, tanzt nur, Herr Pater, tanzt nur! Ich mag noch nicht aufhören; der Tanz klingt gar zu lustig.“

„Ja,“ sagte klein Friederlein, „gebt Acht, jetzt spiel’ ich Euch den Hupfauf. Ihr kennt ihn ja, Herr Pater! Nicht wahr, der geht erst recht lustig?“ und spielte nun aufs Neue; und das Volk umher, und der Büttel und der Richter tanzten mit einander herum, und Weiber, und Kinder, und Alles bunt durcheinander, daß es ein recht Gewimmel war unter dem Galgen und drum herum; und hüpften Alle in dem Tanz in die Höhe, und rief Mancher dabei: „Juchhe! so lustig ging’s sonst noch nie her, wenn Einer gehängt wurde!“

[149] Da stieg aber klein Friederlein von seiner Leiter herab, und geigte aber immer dabei, und nahm sein Vogelrohr unter den Arm, und lief geigend durch das tanzende Volk, und lief auf und davon. Aber die Leute tanzten ihm all nach, und tanzten ihm so lange nach, bis sie sich so müde getanzt hatten, daß sie auf die Erde niederfielen an dem Wege. Da fiel zuerst der dicke Mönch, und keuchte, so hatte er sich außer Athem getanzt, und dann fiel der Richter, dann der Henker und der Haltfest, und bald da ein Paar, und bald dort eines. Und Friederlein lief und fiedelte immerfort, bis sie alle vor Müdigkeit hingefallen waren.

Als aber nun Alle da lagen, da lachte Friederlein von Herzen in’s Fäustchen, daß er sich so durch sein Geigen vom Galgen errettet hatte, und zog fort in andre Gegenden und andre Städte, und erwarb sich dort mit seiner Geige viel Geld, und riß mancherlei Possen, daß man bald überall sprach von dem kleinen Frieder mit seiner Geige. Und er lebte so, lustig und in Freuden viele Jahre bis er ein alt Männlein war.

Als er aber starb, da sprangen all die Saiten von seiner Geige entzwei; und viele versuchtens, und zogen neue Saiten darauf. Wer aber nicht geigen gelernt hatte, [150] konnte da auch nicht darauf geigen, wie auf jeder andern Geige; und wenn ein Tanz darauf gespielt ward, so mußt’ auch Niemand darnach tanzen, als wer eben sonst gerade Lust hatte zum Tanzen – und es war eben eine Geige wie jede andre Geige sonst auch.