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Der geschichtliche Don Carlos

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Textdaten
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Autor: Eduard Schulte
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Titel: Der geschichtliche Don Carlos
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 400–404
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der geschichtliche Don Carlos.

Von Eduard Schulte.

Die Gestalt des Don Carlos haftet in den Vorstellungen und im Gedächtniß der gebildeten Deutschen so, wie Schiller sie gezeichnet hat, und keine geschichtliche Kenntniß wird dies Bild, wie wir es nun einmal mit dem Dichter festhalten, je verdrängen oder ersetzen. Die geschichtliche Kritik, so mächtig sie in ihrem eigentlichen Wirkungskreis sein mag, ist ohnmächtig gegen eine große und volksthümliche Dichtung und würde, auch wenn sie mächtiger wäre, deren gutes Recht nicht stören wollen und sollen. Nur die Grundzüge im Leben sehr bekannter Persönlichkeiten darf der Dichter, der ein historisches Drama schaffen will, nicht ändern; in untergeordneten Dingen und gegenüber unbedeutenden und unbekannten Personen hat er freie Hand. Der unglückliche Sohn König Philipps ragte nur durch seinen Rang hervor, seine Geschichte war, als Schiller seinen „Don Carlos“ schrieb, sehr wenig bekannt und durch Fabeln entstellt, und so konnte der Dichter sie für seine Zwecke verwenden und zurechtlegen. Zu erfahren, wie diese Geschichte sich in Wirklichkeit abgespielt hat, wird dem Leser, welcher von Schillers Drama herkommt, Enttäuschungen bereiten; aber ohne Interesse ist es nicht.

Die Hauptquelle, welche Schiller benutzt hat, war eine zuerst im Jahre 1672 erschienene geschichtliche Novelle, die den französischen Abbé Saint Réal zum Verfasser hatte. Der meisterhafte Stil der Schrift und die politische Lage nach ihrem Erscheinen gewann ihr viele Leser. Ranke sagt im Hinblick auf sie: „Die spanische Macht war nicht mehr furchtbar; doch der allgemeine Haß, den sie einst in ganz Europa wider sich erweckt hatte, war noch sehr lebendig. Er konnte um so mehr litterarisch werden, weil er sich bloß in Erinnerungen bewegte. Dies Rachegefühl wußte Réal aufs geschickteste anzuregen.“

Erfindungen wie die, daß Philipp in Elisabeth die Braut seines Sohnes geheirathet und dann wegen ihrer Neigung zu dem Prinzen habe töten lassen, wurden durch Réal entweder aufgebracht oder doch verbreitet.

Den Forschungen unseres Jahrhunderts ist es vorbehalten geblieben, die echten und entscheidenden Belege für die Geschichte des Don Carlos, wie sie namentlich in den sorgfältigen Berichten der venetianischen und anderer Gesandten vorliegen, aus einer Reihe von Archiven ans Licht zu ziehen und kritisch zu sichten. Sie ist heute in fast allen Punkten mit ausreichender Sicherheit und Genauigkeit bekannt.

König Philipp II. von Spanien regierte von 1556 bis 1598. Er stammte aus der Ehe Kaiser Karls V., der in Spanien König Carlos I. hieß, mit Isabella von Portugal und war im Jahre 1527 in dem alten Schlosse der kastilischen Könige zu Valladolid geboren. Er war viermal verheirathet, nämlich mit Maria von Portugal und dann mit Maria Tudor, die beide seine Basen waren, dann mit Elisabeth von Valois und endlich mit seiner Nichte Anna von Oesterreich. Alle vier Frauen sind jung gestorben. Nur von der zweiten Frau hatte er keine Nachkommen; aber die meisten seiner Kinder starben früh. Der einzige männliche Sprößling, der ihn überlebte, war der Sohn der Anna von Oesterreich, der als König Philipp III. sein Nachfolger wurde.

Don Carlos, das einzige Kind der ersten Ehe Philipps, wurde am 8. Juli 1545 geboren. Seine Mutter, Maria von Portugal, starb vier Tage nach seiner Geburt. Während der Knabenjahre Karls, zwischen seinem vierten und vierzehnten Lebensjahr, konnte der Vater, der sich jahrelang in den Niederlanden und in England aufhielt, sich wenig um ihn bekümmern, und unter den Händen Fremder wuchs er auf. Er lernte spät sprechen und seine Sprache blieb stammelnd. Den Unterricht ertheilte und leitete ein Edelmann aus Valencia, ein vertrauenswürdiger Mann mit tüchtigen Kenntnissen, der in den Niederlanden studiert und Deutschland und Italien bereist hatte, und [401] sein leibliches Gedeihen überwachte von seinem neunten Jahre an seine Tante Juana oder Johanna, die Schwester Philipps, die nach dem Tode ihres Gemahls, des Kronprinzen von Portugal, an den heimischen Hof zurückgekehrt war. Der Knabe zeigte sich oft ungeberdig, heftig und anspruchsvoll, und man erzählte sich Züge von seiner Grausamkeit gegen Thiere. Aber er verrieth auch Ehrgeiz und Muth und träumte von künftigen kriegerische Großthaten. Sein Großvater, Kaiser Karl V., sah ihn auch nach seiner Abdankung einige Male bei sich. In seiner Ruhebedürftigkeit mochte der müde Herrscher den lebhaften Knaben nicht dauernd um sich haben, aber er fand Gefallen an ihm, und der Prinz hörte gern dem Kaiser zu, wenn er von seinen Erlebnissen erzählte. Eine Weltstellung, wie der Kaiser sie gehabt hatte, schien dem Knaben ein würdiges Ziel seiner Wünsche. Er war freigebig, und mehreren seiner Lehrer bewahrte er sein ganzes Leben hindnrch Dankbarkeit und Vertrauen. Freilich lernte er nur wenig. Wie sein Vater sprach er nur spanisch. Zu planmäßiger und selbstverleugnender Arbeit hatte er keine Ausdauer, und sein schwächlicher Körper wurde häufig von Fieberanfällen heimgesucht. Die Wirkungen der ungesunden Lage von Madrid wurden noch durch eine kaum glaubliche Unreinlichkeit in den Straßen verschlimmert. Als König Philipp im Jahre 1559 aus den Niederlanden nach Spanien zurückkehrte, da fand er einen kränklichen und nach seinem ganzen Bezeigen nicht eben vielversprechenden Sohn vor. Auch das Aeußere des Prinzen hatte wenig Gewinnendes, sein Kopf war verhältnißmäßig groß, er hatte eine hohe Schulter, und das eine Bein war etwas zu kurz.

Philipp ließ es seine erste Sorge sein, seinem Sohne die Thronfolge zunächst in den Reichen der Halbinsel, welche zur spanischen Monarchie vereinigt waren, durch die Cortes oder Stände bestätigen zu lassen. Zwar beruhte das Recht zur Thronfolge jetzt auf dem Erbrecht, aber die Erinnerung an die Zeiten, wo der König sein volles Herrscherrecht erst durch einen bei der Thronbesteigung zu schließenden Vertrag mit den Ständen erlangt hatte, war noch lebendig. Der ständisch-aristokratische Einfluß war durch die monarchische Gewalt zurückgedrängt, doch noch keineswegs machtlos. Die Könige glaubten, die Zukunft ihres Erben besser zu sichern, wenn sie bei ihren Lebzeiten auch schon für ihn den Eid der Treue und Unterthänigkeit von den Ständen schwören ließen und damit deren alte Gerechtsame wenigstens in den äußeren Formen anerkannten.

So versammelten sich denn im Febrnar 1560 die Stände von Kastilien in Toledo. Don Carlos nahm, in reicher Kleidung zur Linken seines Vaters sitzend, zuerst den Eid der Donna Juana entgegen, der bisherigen Regentin. Dann schwuren die Prälaten mit dem Erzbischof-Primas des Landes an der Spitze, die Granden und die Vertreter der Städte, ihm als dem rechtmäßigen Erben des Reiches zu gehorchen und zu dienen, ihn mit Gut und Blut, mit ihren Verwandten und Untergebenen zu vertheidigen.

Durch diesen feierlichen Akt war der Infant als die erste Person nach dem König anerkannt, ja er galt sogar als das Oberhaupt der Stände und als der Vermittler zwischen ihnen und dem König; Dekrete, welche dieser an die Stände gelangen lassen wollte, wurden fortan in der Regel an den Infanten gerichtet. Für den Verlauf, welchen die Geschicke des Prinzen Karl genommen haben, ist diese Eidesleistung bedeutungsvoll: sah der König in ihr eine für die Dynastie nützliche und zweckmäßige Förmlichkeit, so betrachtete sie der ehrgeizige Prinz trotz seines jugendlichen Alters als einen Akt, der ihm persönlich Rechte und Pflichten gab und ihn mit selbständiger Machtvollkommenheit bekleidete. [402] Darum erbitterte es ihn, daß der Konig seine Vorstellungen und Ansprüche völlig mißachtete und fortfuhr, ihn wie ein Kind zu behandeln. Philipp war im Rechte; aber daß er in seinem pedantischen Sinne den Jugendmuth des Prinzen auch unnöthig einengte und unterdrückte, ist ebenso zweifellos wie die Schädlichkeit einer solchen Eidesleistung und Huldigung für die Entwicklung eines nicht bloß unreifen, sondern auch überspannten Knaben.

Die zweite Sorge Philipps war, für die Gesundheit des Prinzen etwas zu thun. Er entschloß sich endlich, ihn aus Madrid zu entfernen, was schon längst hätte geschehen sollen. Im Jahre 1561 wurde Don Carlos auf die hohe Schule nach Alcala geschickt, und das erste Jahr, das er dort zubrachte, ist das glücklichste seines Lebens gewesen. Karls V. natürlicher Sohn, der unter dem Namen Don Juan d’Austria und als Sieger von Lepanto bekannt geworden ist, und ein Enkel Karls, Alexander von Parma, zwei begabte und unternehmungslustige junge Männer, waren seine Gefährten. Seine Gesundheit wurde besser, das Fieber verlor sich.

Leider fand der Genuß akademischer Freiheit ein frühzeitiges Ende. Der Prinz hatte ein zärtliches Verhältniß mit der Tochter seines Haushofmeisters, und als er eines Tages – es war im April 1562 – aus dem oberen Geschoß, wo er wohnte, eine Treppe hinabeilen wollte, um das Mädchen zu sprechen, kam er zu Fall und zog sich eine erhebliche Verletzung am Kopfe zu. Sofort kehrte auch das Fieber wieder. Die spanischen Aerzte, deren Verfahren den Hohn der fremden Gesandten herausforderte, wandten wie gegen alle Krankheiten treibende Mittel und starke Aderlässe an. Der Konig eilte selbst mit Vesalius, dem berühmten niederländischen Arzte, an das Krankenbett. Vesalius entfernte auch glücklich ein Stück des verletzten Schädels, aber die Heilmethode der übrigen Aerzte bekämpfte er vergeblich. Nach einigen Wochen konnte sich der Kranke wieder erheben, allein sein Befinden hinderte ihn noch nach Monaten, die beabsichtigte Huldigung der Cortes von Aragonien zu empfangen, und völlig gesund wurde er nie wieder.

Das absonderliche Benehmen, welches der Prinz schon früher gezeigt hatte, trat nach dieser Kopfverletzung noch auffälliger hervor. Durch geringfügige Anlässe ließ er sich zu Wuthausbrüchen und Gewaltthätigkeiten hinreißen, und dann folgten wieder Stunden, wo seine Willenskraft erlahmt und sein Lebensmuth gebrochen schien. Im Gespräch mit ihm konnte man zuweilen bemerken, daß seine Gedanken etwas Abspringendes hatten und daß er sich in der Aeußerung derselben überhastete. Den Gewohnheiten der Südländer zuwider war er häufig unmäßig im Essen, und wenn seine Fieberanfälle kamen, so trank er soviel Eiswasser, daß er davon noch kränker wurde.

Nicht ganz normale seelische und geistige Veranlagung war in Karls Familie zuweilen beobachtet worden, und wenn es auch erwiesen ist, daß die Mutter Karls V., die „Johanna die Wahnsinnige“ genannt wird, nicht eingesperrt wurde, weil sie wahnsinnig war, sondern daß sie umgekehrt wahnsinnig wurde, weil man sie aus politischen Gründen eingesperrt hielt, so ist hier doch ein Keim zum Wahnsinn vorhanden gewesen. Man würde zu weit gehen, wenn man den Prinzen für unzurechnungsfähig halten wollte. Aber allerdings entbehrten seine Geistes- und Willenskräfte des rechten Gleichgewichts, sein Seelenleben der Harmonie und der ungetrübten Gesundheit. Zu nicht günstigen Naturanlagen kam eine Erziehung, welche dem Prinzen zeitweilig unbegreiflich viel Freiheit ließ, ihm aber noch weit häufiger übermäßigen Zwang auferlegte. Manche Eindrücke und Einflüsse der Staatsaktionen und des Hoflebens waren für ihn nicht heilsam. Die Etikette dieses Königshofes paßte für finstere, mönchische, dem Volke nach orientalischer Weise entrückte Könige, wie die Spanier sie gern hatten und wie Philipp einer war; aber sie paßte nicht für einen jungen, unruhigen und tatendurstigen Kronprinzen wie Don Carlos.

Am schädlichsten aber war für den seit seiner Kopfverletzung doppelt reizbaren Prinzen der Gegensatz, in den er sich zu seinem Vater und in den sein Vater sich zu ihm stellte. Philip war bedächtig, auf seine Macht eifersüchtig, unbeugsam, engherzig; Karl war leidenschaftlich, herrschsüchtig, unzufrieden. Philipp war sparsam; Karl neigte zur Verschwendung. Philipp war in der Ausübung kirchlicher Pflichten pünktlich und peinlich; Karl hatte, obwohl er ganz auf dem Boden seiner Kirche stand, wenig kirchlichen Sinn. In dem natürlichen Widerstreit in politischen Fragen, in den ein Thronfolger zu dem Herrscher zu treten pflegt, zeigte der Prinz gegenüber dem Despotismns seines Vaters zwar nicht etwa weltbürgerlichen Sinn, aber er hielt es mit der aristokratisch-ständischen Seite; in allen wichtigen und unwichtigen Dingen standen Vater und Sohn gegeneinander. Der Prinz fühlte sich nur dann leiblich wohler und geistig freier, wenn er von seinem Vater getrennt lebte wie in Alcala. Aber Philipps kleinliche und mißtrauische Sinnesweise gefiel sich darin, jede Selbständigkeitsregung auch in diesem Falle zu unterdrücken. Wäre dem Prinzen, als er die Kinderjahre hinter sich hatte, gestattet worden, allein und womöglich an einem anderen Orte als der König Hof zu halten, unter der milden und verständigen Leitung und dem Beirath von Männern, die dem Herrscher ergeben, aner auch dem Prinzen nicht verhaßt waren – und solche gab es – so würde sich vielleicht ein erträgliches Verhältniß zwischen Vater und Sohn hergestellt haben, und der Prinz wäre einer anderen Zukunft entgegengegangen. Philipp jedoch verfügte, daß sein Minister und Oberhofmeister Ruy Gomez, Fürst von Eboli, auch des Prinzen Hofhalt leite, und dadurch war ein beständiges, zu vielen Aergernissen führendes Zusammenwohnen des Königs und des Kronprinzen bedingt. Philipps Einmischung in das alltägliche Leben seines Sohnes steigerte dessen Erbitterung, und die Aeußerung dieser Empfindung bestimmte dann wieder den Konig, die Zügel noch straffer anzuziehen und z. B. den Prinzen in seinen Ausgaben in der unfürstlichsten und drückendsten Weise zu beschränken.

Als der Prinz zwanzig Jahr alt wurde, ermächtigte ihn der König, an den Sitzungen des Staatsraths theilzunehmen. Nachdem Don Carlos einigen Berathungen beigewohnt hatte, blieb er den Sitzungen fern, entweder weil er einsah, daß der Einfluß des Staatsraths überhaupt gering war, oder weil das Zuhören ihm nicht behagte. Eine mehr geordnete, lehrreichere und zu eigener Arbeit mehr anregende Beschäftigung wäre ersprießlicher gewesen. Aber Philipp wies ihm eine solche nicht zu. Der Mangel an geeigneter Thätigkeit steigerte des Prinzen Unzufriedenheit und Unruhe.

Eine günstige Wendung schien das Schicksal des Prinzen nehmen zu wollen, als man seine Vermählung ernstlich ins Auge faßte. Er war noch ein Kind, als die Frage, welche Prinzessin dieser Erbe des mächtigsten Reiches jener Zeit einst heimführen werde, bereits alle europäischen Höfe beschäftigte. Noch ehe er zwölf Jahre zählte, ist einmal zwischen spanischen und französischen Diplomaten die Möglichkeit erwogen worden, ihn mit Elisabeth von Valois zu vermählen, aber diese Möglichkeit war nur eine unter mehreren anderen, die man ebenfalls in Betracht zog, und es kam zu keinem festen Abkommen. Philipp selbst heirathete diese Elisabeth, als Don Carlos noch nicht fünfzehn Jahr alt war, und dieser hat von jenem früheren Plane kaum erfahren. Als er heranwuchs, ist daran gedacht worden, ihn mit Maria Stuart zu verheirathen, die im Jahre 1560 ihren ersten Gemahl, den Konig Franz II. von Frankreich, verloren hatte und seitdem in ihr ererbtes Königreich Schottland zurückgekehrt war. Aber auch dieser Vorschlag wurde aufgegeben, weil man die Gegnerschaft Englands, Frankreichs und selbst des deutschen Kaisers fürchtete, die den künftigen Konig von Spanien nicht gern auch in Schottland hätten herrschen sehen.

Obwohl der körperliche Zustand des Prinzen manche Bedenken wachrief, einigte man sich endlich mit dem österreichischen Kaiserhof dahin, daß Don Carlos seine Base, die Erzherzogin Anna von Oesterreich, Tochter Kaiser Maximilians II., heirathen sollte. Es wurde bekannt gegeben, daß Philipp im Frühjahr 1567 in Begleitung des Prinzen nach den Niederlanden gehen werde, um die zwischen den Niederlanden und seiner Regierung ausgebrochenen Streitigkeiten selbst zu schlichten, und schon zu Ende des Jahres 1566 wurden Reisevorbereitungen getroffen. Bei der Durchreise durch Deutschland sollte eine Zusammenkunft mit dem Kaiser stattfinden und die Vermählung des Prinzen mit der Erzherzogin gefeiert werden. Don Carlos versprach sich von dieser Reise viel, denn die Braut war ihm als liebenswerth geschildert, und er hoffte, daß der König ihm als einem verheiratheten Prinzen größere Freiheit gewähren, ja daß er ihm die Statthalterschaft in den Niederlanden übertragen werde. Sein Vorsatz war, die [403] ständischen Rechte der Niederländer mehr zu achten und in kirchlichen Fragen weniger streng zu sein als sein Vater. Aber König Philipp verschob die Reise von Monat zu Monat, und endlich zeigte es sich, daß er sie nur vorgeschützt hatte, damit man in den Niederlanden an seine Versöhnlichkeit glaube, bis Herzog Alba, dessen Entsendung den Prinzen, seinen Gegner, tief verstimmt hatte, in den Niederlanden angekommen war. Nun begann das Schreckensregiment Albas. zugleich wurde die Vermählung des Prinzen in eine ungewisse Zukunft hinausgerückt. Don Carlos hatte sich an der Seite einer Kaisertochter eine glänzende und machtvolle Stellung erträumen dürfen; die völlige Enttäuschung, die er nun erlitt, erfüllte ihn mit tödlichem Hasse gegen seinen Vater.

Der Folgezeit vorgreifend, wollen wir an dieser Stelle erwähnen, daß König Philipp die Erzherzogin Anna, die Braut seines Sohnes, von der hier die Rede ist, später selbst geheirathet hat, aber erst zwei Jahre näch dem Tode des Prinzen. Die Erzählung, daß zwischen Karl und seiner Stiefmutter vor der Heirath der letzteren ein Verlöbniß und nachher noch eine Neigung bestanden habe, ist eine Erfindung, welche überdies nur durch ein Zusammenwerfen der Schicksale Elisabeths und Annas zustande kommen konnte. Elisabeth, die Stiefmutter des Prinzen, war niemals seine Braut gewesen, und er war schon längst tot, als seine frühere Braut Anna die Gemahlin seines Vaters wurde.

Die Vorbereitungen, welche der Prinz zur Reise getroffen hatte, konnte er, ohne Aufsehen und Verdacht zu erregen, noch fortsetzen, da die Reise nach Deutschland angeblich nicht aufgegeben, sondern nur bis zum Frühjahr 1568 aufgeschoben war. Thatsächlich traf er Maßregeln, um sich heimlich aus Spanien zu entfernen. Um geringere Geldsummen, die er sich für jene Reise borgte, wußte sein Vater; viel größere verschaffte er sich heimlich. Sein Kämmerer wies mehreren reichen Leuten Briefe von ihm vor, worin er sie unter Hinweis auf ihre Vasallenpflicht aufforderte, ihm Geld vorzuschießen. Wirklich kam auf diese Weise bis zum Jannar 1568 eine Summe von 150000 Dukaten zusammen; weitere Beträge sollten folgen, wenn Don Carlos das Land erst verlassen habe. Eine Anzahl von Granden erinnerte er brieflich an den Eid, den sie ihm geschworen; sie möchten sich für eine wichtige Unternehmung bereit halten. Sie antworteten, sie ständen ihm jederzeit zu Diensten, vorausgesetzt, daß sein Unternehmen nicht widergöttlich sei noch auch gegen den König gehe.

Wohin er sich wenden wollte, stand noch nicht fest, die Umstände sollten entscheiden; in jedem Falle wollte er sich die unabhängige und gebietende Stellung, welche der Vater ihm daheim versagte, aus eigener Machtvollkommenheit außerhalb Spaniens erwerben.

Man würde irren, wenn man einen solchen Plan für die Ausgeburt eines kranken Hirnes halten wollte. Mochte Don Carlos immerhin ein mit allerlei Sonderbarkeiten behafteter Schwächling sein – den Gegensatz, der die Welt bewegte, den Gegensatz zwischen monarchischer und hierarchischer Gewalt auf der einen und ständischer Selbständigkeit in politischen und kirchlichen Dingen auf der anderen Seite, hatte er hinreichend begriffen; er sah, daß diese beiden Richtungen im Kampfe lagen, und er hatte das richtige Vorgefühl, daß er an dem zweiten dieser Gegensätze einen mächtigen Rückhalt haben würde, wenn er für den Kampf mit dem Vater nur eine erste feste Stellung gefunden, d. h. im Ausland die unzufriedenen Elemente um sich gesammelt hätte.

Die Briefe, welche später in den Zimmern des Don Carlos gefunden wurden und an die Fürsten der Nachbarländer, an die vornehmsten Granden und an die ersten Stadtgemeinden in Spanien gerichtet waren, bewiesen, daß der Prinz die schwachen Seiten der spanischen Monarchie wohl kannte. Philipps Herrschaft war noch keine Despotie, aber Philipp war bemüht, sie in eine Despotie umzuwandeln, und während die Arbeit dieser Umwandlung in Spanien und Italien ganz erst seinen Nachfolgern gelang, scheiterte er damit schon in den Niederlanden. Große Unzufriedenheit mit seinem selbstherrlichen Regiment herrschte selbst in Kastilien, geschweige in Neapel und Mailand, und schwer bedrückte geheime Bekenner des Islams, des Judenthums und des Protestantismus lebten in Spanien überall zerstreut. Der arme Don Carlos war gewiß nicht der Mann, um einen Aufstand als Staatsmann oder als Feldherr zu leiten, aber unter der Mitwirkung überlegener Männer konnte seine Person und sein Name sehr wohl der Mittelpunkt für eine Erhebung werden. Wenn zunächst außerhalb Spaniens entweder Don Carlos selbst oder kluge Rathgeber, die in seiner Umgebung und in seinem Namen handelten, für die Erhaltung ständischer und sonstiger überkommener Rechte das Banner des Thronfolgers entrollten, dann erhob sich nach menschlichem Ermessen ein Aufstand, der die Monarchie Philipps schwer erschüttern, wenn nicht ganz umstürzen konnte.

Zur Ausführung sollten diese bedrohlichen Pläue nicht kommen. Einige der Granden, deren Beistand Don Carlos angerufen hatte, und auch Don Juan d’Austria, dem er sein besonderes Vertrauen schenkte, hinterbrachten dem König, was im Werke war. Philipp erfuhr zu Anfang des Jahres durch Don Juan, daß der Prinz sich noch im Januar zu den Galeeren begeben wollte, die in Carthagena lagen und die dem Oberbefehl Don Juans unterstellt werden sollten. Ebenfalls im Januar bekannte der Prinz, voll kirchlicher Ehrlichkeit und zugleich voll glühender, jedes Gefühl der Kindesliebe übertäubender Rachsucht, dem Prior von Atocha, daß er dem König nach dem Leben stehe, und der Prior machte dem König Anzeige. Die Geduld des längst mißtrauischen, aber bedächtig zuwartenden Königs war nun erschöpft.

In diesem Augenblick war die Frage müßig geworden, ob die wechselseitige und bis zu dieser Höhe gediehene Feindseligkeit mehr dem König oder dem Prinzen zur Last fiel. Wie jetzt die Dinge standen, vollzog Philipp einen Akt der Nothwehr, wenn er seinen Sohn gefangen setzte.

Am Abend des 18. Januar betrat der König, den Helm auf dem Haupte und den Degen in der Hand, von Ministern, Granden und Gardisten und von einem Diener begleitet, der eine Fackel trug, das Schlafzimmer des Prinzen. Die kunstvolle Vorrichtung zum Thürverschluß, welche dieser in dem Wahne hatte anbringen lassen, daß sie ihn vor einer Verhaftung schützen könne, hatte man vorher heimlich entfernt. Die Begleiter des Königs bemächtigten sich der Papiere des Prinzen; die Gardisten beseitigten die Waffen, welche ihm zur Hand lagen, und nagelten die Fensterflügel zu. Von dem Geräusch erwachte der Prinz und zog die Gardinen zurück, welche sein Bett umgaben. Beim Anblick seines Vaters und der Begleiter, der Waffen und Vorkehrungen versuchte er, sich in das Feuer zu stürzen, das im Kamin brannte; man hielt ihn zurück. „Nicht ein Verrückter,“ rief er aus, „aber ein Verzweifelter, das bin ich.“ Der König sagte, was geschehe, geschehe zu seinem eigenen Besten; er bleibe bis auf weiteres in Haft. Damit entfernte sich Philipp mit seinen Begleitern, nachdem er die Ueberwachung des Prinzen und der Zugänge zu seinem Zimmer durch Bewaffnete angeordnet hatte. Der Fürst Ruy Gomez mußte in die Wohnung des Prinzen ziehen und war für ihn verantwortlich. Ferner wurden sechs Granden angewiesen, den Gefangenen abwechselnd zu besuchen und zu unterhalten, doch durften sie keinerlei Waffen bei sich führen. Weder der Königin Elisabeth, noch der Donna Juana, noch den fremden Gesandten wurde gestattet, den Prinzen zu sprechen.

Die Verhaftung des Thronfolgers war eine so ungewöhnliche Maßregel, daß Philipp sich beeilte, den Verwandten seines Hauses, den angesehensten Adeligen und Stadtgemeinden und den fremden Gesandten Eröffnungen darüber zu machen. Er that das freilich nur in sehr zurückhaltender Form, indem er angab, die Verhaftung sei durch gerechte Gründe veranlaßt, welche den Dienst Gottes und das öffentliche Wohl des Reiches beträfen. Den Stadthäuptern verbot er, weitere Erkundigungen einzuziehen. Später wurde er offener gegen die nächsten Verwandten und die Botschafter, die Näheres zu wissen wünschten. Er erklärte ihnen gegenüber dasselbe, was er nach Ausweis eines erst in unseren Tagen wieder aufgefundenen Briefes an den Papst schrieb, nämlich, daß im Erkenntnißvermögen und im Charakter des Prinzen Fehler lägen, welche ihm die Fähigkeit nähmen, einen Staat zu regieren.

Daß Karl dem Vater nach dem Leben getrachtet habe, wurde bestritten; man konnte über die erwähnte Eröffnung des Priors, welche im Publikum Entsetzeu hätte erregen müssen, mit einigem [404] Rechte hinweggehen, da der tödliche Haß des Prinzen gegen den Vater doch keine greifbare Gestalt angenommen hatte und bis zu einem eigentlichen Attentat nicht gediehen war. Vorläufig wurde eine aus dem Kardinal Spinosa, dem Fürsten Ruy Gomez und einem Licentiaten bestehende Kommission gebildet, um die Sache des Prinzen zu untersuchen und abzuurtheilen. Die Inquisition ist, wie jetzt feststeht, an seinem Prozesse in keiner Weise betheiligt gewesen.

Die Wendung, welche die Schicksale des Prinzen nahmen, überhob die Kommission eines Spruches. Harte Behandlung, Mangel an Luft und Bewegung und ein starkes, periodisch wiederkehrendes Fieber raubten ihm den Rest von Lebensmuth und Lebenshoffnung. Er unternahm einige vergebliche Versuche, sich selbst zu töten, auch durch Hunger. Der Kamin war vergittert worden, und beim Decken des Tisches wurde kein Messer aufgelegt. Im Mai wurde er gefaßter und ruhiger. Er beichtete und ließ seinen Vater um Verzeihung bitten. Einige Abgeordnete, Mitglieder der Stände von Aragonien, Valencia und Katalonien, kamen, um ihn zu sprechen und sich für seine Freilassung zu verwenden. Der König bemerkte mit großem Mißfallen diesen neuen Beweis des Zusammengehens der Stände mit dem Prinzen und ließ sie abweisen. Unmittelbar darauf trat bei dem Kranken Erbrechen ein. Im Juli trank er, wie später den Gesandten in einem amtlichen Bericht bekannt gegeben wurde, zur Bekämpfung seines Fiebers nach früherer Gewohnheit nüchtern eine große Menge von Eiswasser, nahm Eis selbst in sein Bett, ließ Eiswasser in sein Zimmer gießen, daß es hoch darin stand, und watete darin mit nackten Füßen umher; dann verzehrte er eine stark gewürzte Pastete und trank wieder Eiswasser dazu. Sein Zustand wurde darauf, wie der Arzt ihm erklärte, hoffnungslos. Er sah dem Tode mit Ruhe entgegen und verfügte letztwillig über sein geringes Besitzthum. Den König bat er in seinem Testament, die Gläubiger zu befriedigen, die er nicht befriedigen konnte, und für seine Diener zu sorgen. Nach Erfüllung seiner letzten kirchlichen Pflichten ließ er seinen Vater bitten, ihm persönlich seinen Segen zu geben. Des Prinzen Beichtvater aber fürchtete, daß der Anblick des Mannes, den der Prinz so glühend gehaßt hatte, störende Erinnerungen bei dem Sterbenden wachrufen könnte. Philipp hatte seinen Sohn, obwohl er mit ihm im Schlosse zu Madrid unter einem Dache wohnte, seit der Verhaftung nicht wiedergesehen und kam auch jetzt nicht.

Friedlich verschied Don Carlos am 24. Juli des Jahres 1568.

Unter den Zeitgenossen, auch unter gut unterrichteten Personen, welche am spanischen Königshof Zutritt hatten – wir nennen z. B. den französischen Gesandten Baron von Fourquevaulxs – ist nach Ausweis ihrer Aufzeichnungen der Glaube verbreitet gewesen, daß der König seinen Sohn eines gewaltsamen Todes habe sterben lassen. Daß dies geglaubt wurde, ist begreiflich genug. Als Prinz Karl gefangen saß, hatte Philipp außer ihm an Kindern nur zwei kleine Mädchen, die beiden Töchter Elisabeths, nämlich die Infantinnen Clara Eugenia und Catalina, von denen jene im Angust 1566, diese im Oktober 1567 geboren war. Starb Philipp um diese Zeit, so würde er nicht haben verhindern können, daß, trotzdem er den Prinzen für regierungsunfähig hatte erklären lassen, sich viele seiner Unterthanen für die Thronfolge des Don Carlos und gegen die Thronfolge der von einer französischen Prinzessin bevormundeten ältesten Infantin ausgesprochen hätten; dann war der Bürgerkrieg unvermeidlich. Und ob bei Lebzeiten des Königs die Stände die dauernde Gefangenschaft des Kronprinzen still ertragen hätten, ist fraglich. Der gefangene Thronfolger war dem König gefährlich, der tote war es nicht. Wessen aber Philipp fähig war, wenn ihm jemand im Wege stand, das ist durch die erst im Jahre 1844 erfolgte Auffindung einer Reihe eigenhändig von ihm ausgestellter oder unterzeichneter Befehle an einem furchtbaren Beispiel von neuem festgestellt worden.

Im Jahre 1566 schickte nämlich der niederländische Adel zwei seiner angesehensten Mitglieder, den Markgrafen von Berghen und den Freiherrn von Montigny, nach Spanien, um den König zu einiger Nachgiebigkeit gegen die niederländischen Stände zu bewegen. Philipp empfing die Abgesandten gütig und hielt sie hin, ohne sie aus den Augen zu lassen. Als im September des folgenden Jahres die Nachricht von der Gefangennahme der Grafen Egmont und Hoorn, welch letzterer ein Bruder Montignys war, nach Madrid kam, beschloß der König, die beiden in seiner Hand befindlichen, einflußreichen Mitglieder des ihm verhaßten Adels zu beseitigen, in Uebereinstimmung mit den Befehlen, welche er dem Herzog Alba nach den Niederlanden mitgegeben hatte und welche zur Hinrichtung der Grafen Egmont und Hoorn führten. Der Markgraf von Berghen starb um diese Zeit, und so hatte Philipp sich nur noch mit dem Freiherrn von Montigny zu befassen. Montigny wurde unter der hinfälligen Anklage, das Verhalten eines aufständischen Adels vor den königlichen Staatssekretären vertheidigt zu haben., erst in Segovia und dann in Simancas gefangen gesetzt. Der Gouverneur mußte einen Arzt holen und bekannt werden lassen, daß der Gefangene an Fieber leide. Dann ließ man erst mehrere Wochen verfließen. Am 14. Oktober des Jahres 1570 trat ein Geistlicher zu ihm ein, bereitete ihn zum Tode vor und brachte ihm die letzten Tröstungen der Kirche. Am 16. erdrosselte ihn der Henker in aller Heimlichkeit. Der Gouverneur erklärte, der Gefangene sei am Fieber gestorben. Montignys Leiche wurde im Gewand eines Franziskaners und mit übergezogener Kapuze, welche die Spuren des gewaltsamen Endes verhüllte, öffentlich ausgestellt und mit großer Feierlichkeit im Dome von Simancas begraben. Jede Einzelheit in diesem Vorgehen gegen Montigny ist, wie wir wiederholen, durch eigenhändige, noch heute erhaltene Anweisungen Philipps vorgeschrieben worden. Allerdings würde die Tötung des eigenen Sohnes eine noch viel ungeheuerlichere That sein, und so hat sich Ranke auf die Seite des venetianischen Gesandten Cavalli gestellt, welcher, obwohl er das Verfahren Philipps gegen Don Carlos ausdrücklich für grausam erklärte, doch – im September 1568 – an seine heimische Regierung schrieb:

„Weil man aus verschiedenen Orten von Italien von dem Verdacht Meldung thut, der Prinz von Spanien möge an Gift gestorben sein, so will ich nicht versäumen, hinzuzufügen, und sozusagen unbedenklich, daß dieser Prinz an keinem anderen Gifte gestorben ist als an den starken Unordnungen, die er beging, und an der großen Unruhe seines Gemüthes.“

Ranke, der die Menschen immer so milde wie möglich beurtheilt, meint eben, daß die erwähnten Anordnungen und Maßlosigkeiten den Tod eines leiblich und seelisch so tief erschütterten Kranken wohl erklären; hindern habe man, so fügt er in Uebereinstimmung mit dem amtlichen Bericht hinzu, diese Unordnungen nicht mögen, weil dann noch schlimmere Ausschreitungen zu befürchten gewesen seien. Aber der französische Geschichtschreiber Forneron erhebt dagegen einen Einwand, den man schwerlich abweisen kann. Forneron weist zunächst darauf hin, daß schon in einem der gleichzeitigen Berichte ein Zusammenhang zwischen dem Versuch der Abgeordneten, sich dem Prinzen während der Haft zu nähern, und den unmittelbar darauf eingetretenen, vielleicht auf Vergiftung deutenden Erscheinungen in seinem Befinden vermuthet wurde; und zu den offiziellen, etwas sonderbaren Angaben über Ausschreitungen im Gebrauch von Eiswasser und im Essen und Trinken bemerkt er: seien sie unwahr, so habe man eben Anlaß gehabt, die wahre Todesart zu verschweigen und zu verschleiern; seien sie aber wahr, so treffe den König, der im Gefängniß des Prinzen alles regelte, die Schuld, diese Unordnungen, die das Leben offenbar verkürzen mußten, nicht gehindert zu haben, da er sie, trotz der im amtlichen Bericht vorgeschützten Furcht vor größeren Ausschreitungen, unzweifelhaft habe verhindern können. Philipp ist hiernach von dem Verdacht nicht freizusprechen, den Tod seines Sohnes entweder veranlaßt oder doch mittelbar beschleunigt zu haben.

Die Spanier beklagten den Tod des Thronfolgers. In der Befürchtung, daß das Reich, dessen Zukunft jetzt nur auf den Schicksalen zweier kleinen Prinzessinnen beruhte, an eine andere Herrscherfamilie übergehen könnte, sagte einer der vornehmsten Granden, der Herzog von Infantado, bei der Leichenfeier zu dem venetianischen Gesandten. „Bei Gott, Herr Ambassador, müssen wir immer auswärtige Könige bekommen? Glücklich Ihr Herren Venetianer, die Ihr stets einen natürlichen Fürsten habt und von Edelleuten regiert werdet. Da darf doch einer, der eine Beschwerde hat, sich freimüthig beklagen, und man gewährt ihm Gerechtigkeit.“