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Der gelbe Handschuh

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Autor: Louise Ernesti
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Titel: Der gelbe Handschuh
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aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 46–48
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Heft 4–5
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[46]
Der gelbe Handschuh.
Von Louise Ernesti.

Die Dresdner Gallerie besitzt ein Cabinet ganz angefüllt mit Schöpfungen einer und derselben Hand. Es sind dies die Pastellbilder der berühmten Venetianerin Rosalba Carriera, die 1672 geboren wurde und 1757 starb. Einige wenige Bilder von Mengs und Liotard ausgenommen, hat die kleine Gallerie für sich nur allein diese Künstlerin zum Schöpfer. Sie wurde in Venedig herangebildet und zwar von einem Meister, der einen wundersam schönen Namen führte. Er hieß Diamantini. Es ist mir zu bedauern, daß er ein sehr mittelmäßiger Maler war und durchaus kein Diamant im Diadem der Kunst. Anfangs malte die junge Künstlerin Oelgemälde und zwar Copieen nach großen Meistern; dann ging sie auf Bilder im kleinsten Format über und schuf sogenannte Dosenstückchen. Diese fanden Beifall, vielleicht mehr wegen der Dosen, die von Gold und Silber waren und als Geschenke vertheilt wurden. Endlich fing sie an, Pastellbilder zu schaffen, und dabei blieb sie.

Ob ihre Bilder wirklich so vortrefflich gewesen sind, wie die Zeitgenossen rühmen, muß dahin gestellt sein. Die Kunst der Pastellmalerei ist nämlich, wie wohl Jeder weiß, stark den Zufälligkeiten unterworfen, die ein unvollkommenes Material herbeiführt. Die Farben bleichen, sie verwischen sich, gehen unvermerkt eine in die andere über und die Contour leidet dadurch. Es kann demnach sein, daß die Bilder, die wir jetzt betrachten, anders zu der Zeit aussahen, als sie geschaffen wurden. Heutzutage stellen sie sich, was das Colorit anbetrifft, trocken unwahr und fast bis zur Kreideweiße gebleicht dar. Unmöglich ist es fast, einem solchen Bilde [47] jetzt noch Beifall abzugewinnen. Mengs, der freilich später seine Bilder schuf, hat gezeigt, daß man diesen spröden und ungefälligen Farben doch ein ziemlich kräftiges und markiges Colorit abgewinnen kann. Der Kopf seines Vaters und sein eigener jugendlicher Kopf sind meisterhaft; der berühmte Amor nicht minder.

Doch zurück zu Rosalba Carriera! – Sie verließ Venedig und reiste an den Höfen Frankreichs und Deutschlands umher. Ueberall krönte der Ruf ihre Schöpfungen, man riß sich um ihre Bilder. Die Fürsten gaben ihr Feste, die Akademien nahmen sie zu ihrem Mitgliede auf. So kam sie denn auch nach Sachsen.

Der Hof August des Starken war der Vereinigungsplatz alles dessen, was das damalige Europa Interessantes, Schönes und Kunstfertiges hatte. Italien sandte seine Sängerinnen, Spanien seine Hidalgo’s und Abenteurer; aus Polen strömten die Courtisanen herbei, aus Frankreich die schönen Geister. Selbst Schweden gab eine seiner lieblichsten Töchter, um den Hof dieses nordischen Augustus zu schmücken, – die reizende Aurora Königsmark; doch sie ist es nicht, von der hier gesprochen werden soll, denn ihre Zeit war vorüber, sie hatte sich schon in die Mauern der Abtei von Quedlinburg zurückgezogen.

An Aurora von Königsmark’s Stelle herrschte zu jener Zeit die Gräfin Cosel. Sie stand eben im Zenith ihrer Macht.

Als sie vernahm, daß eine Künstlerin, und noch dazu eine Venetianerin, sich den Mauern Dresdens nähere, wurde sie ungeduldig und argwöhnisch, allein sie beruhigte sich, als sie hörte, daß die Künstlerin nicht mehr jung und nichts weniger als schön sei. Jetzt war sie die Erste, die den König bat, sich von ihr malen zu lassen.

König August empfand wenig Lust, diesem Wunsche der Gräfin zu willfahren. Er hatte sich erst kurz vorher von dem berühmten Sylvestre abkonterfeien lassen, und er wußte, wie lästig ihm die wiederholten Sitzungen gewesen waren; auch bemerkte er der Gräfin, daß sie bereits zwölf Bildnisse von ihm habe und daß es unnütz sei, noch ein dreizehntes, vielleicht unähnliches hinzuzufügen, dagegen wolle er die Künstlerin beauftragen, sie, die Gräfin, zu malen.

Dies geschah und Rosalba Carriera schuf ein Bild von der schönen Gräfin Cosel, das alle Welt entzückte und das die Anforderungen des Königs befriedigte, der den Befehl gab, es in seinem Cabinete aufzustellen.

Die Gräfin bestürmte jetzt von Neuem den König mit Bitten, und endlich versprach August, zu einem Bilde zu sitzen; allein es kam nicht dazu. Wenn der bestimmte Tag erschien, so war der König entweder auf der Jagd oder befand sich im Conseil oder unternahm eine kleine Reise. Die Gräfin hatte zuletzt nicht mehr den Muth, ihn an sein Versprechen zu mahnen. Sie verdoppelte ihre Freundlichkeit gegen die fremde Künstlerin, um sie in Betreff dieses gescheiterten Planes bei guter Laune zu erhalten, sie räumte ihr sogar eine Wohnung in ihrem Palaste ein und gab Rosalba einen Theil ihrer Dienerschaft zur Aufwartung.

Eines Tages erging sich die Gräfin auf dem Altan ihres Palastes und warf einen neugierigen Blick in die Zimmer der Künstlerin, die leer standen, denn die Dame befand sich in Moritzburg, um dort ein Bild zu copiren. Die Staffeleien, die halb fertigen Bilder, das Durcheinander von Farbenkasten, Pergamentrollen beschäftigten die müßige Spaziergängerin und sie blieb lange an dem hohen, bis an den Balkon des Altans reichenden Fenster stehen, um hineinzuschauen.

Plötzlich fiel ihr Blick auf ein an der Wand lehnendes Portrait, das ihr das des Königs zu sein schien. Es war nicht ganz vollendet; doch schaute der Gräfin der Kopf mit so sprechender Aehnlichkeit von der Pergamenttafel entgegen, daß ihr kein Zweifel blieb, als sie es genauer betrachtete. – Sie irrte sich nicht, es war der König!

So hatte er also zum Bilde gesessen, ohne es ihr zu sagen, und die Künstlerin hatte dieses schöne ähnliche Portrait geschaffen, ebenfalls ohne ein Wort davon laut werden zu lassen!

Dies erregte den Verdruß der Gräfin. Wie konnte man es wagen, ihr dergleichen zu verheimlichen! – oder sollte vielleicht eine Ueberraschung vorbereitet werden? – Es war möglich, und alsdann hatte die Verheimlichung, die sonst unverantwortlich, ihren guten Grund.

Als Rosalba Carriera nach kurzer Zeit von ihrem kleinen Ausfluge zurückkam, konnte es die Gräfin nicht lassen, ihr zarte Vorwürfe zu machen. Die Anspielungen waren dunkel, die Winke unverständlich. Endlich, als kein Verständniß, vor allen Dingen kein Einverständniß zu Stande kommen wollte, sprach sich die Gräfin offen über das im Atelier entdeckte Bild aus.

Rosalba erstaunte. Sie wußte von dem Dasein eines solchen Bildes nichts; sie schwur die heiligsten Eide, daß sie es nicht gemalt, ja sie versicherte, daß die hartnäckige Widersetzlichkeit des Königs es ihr bisher unmöglich gemacht habe, ein Portrait zu schaffen.

„Nun wohl,“ sagte die Gräfin Cosel gereizt, „man betrügt mich. Ich habe ein solches Bild gesehen, folglich muß es existiren, und da es sich in ihrem Atelier befindet, Madame, so müssen Sie es natürlich auch gemalt haben.“

Die Künstlerin erbot sich, sogleich mit der Gräfin in die Malerzimmer zu gehen.

Es geschah; das ganze Atelier wurde durchsucht, und man fand anfangs nichts. Endlich, aus einer dunkeln Ecke, verhüllt mit einem Stücke Leinwand, zog die Hand der Gräfin die Tafel hervor, auf der sich – jetzt vollendet – das Portrait des Königs August befand.

Die Carriera erschrak heftig. Sie schlug die Hände zusammen, und rief ein Mal über das andere:

Per dio! Ich weiß nicht, wie dieses Bild hierher kommt! Ich habe es nicht gemalt; aber es ist trefflich! Ein Kunstwerk! – Gräfin, bemerken Sic diesen Blick der Augen, wie viel Feuer und, ich möchte sagen, fürstliche Zärtlichkeit liegt in ihnen! In der That, der König ist nie besser, nie schmeichelhafter aufgefaßt worden; es ist der schöne Mann, der große Fürst, der starke Held in Eins verschmolzen!“

Hätte die Künstlerin nicht so aufmerksam das Bild, sondern außer diesem auch die Gräfin betrachtet, sie hätte bemerken können, welch einen Ausdruck von Verdruß, Zorn, Neid und Rachbegier ein sonst so glattes, so regelmäßiges und so reizendes Gesicht anzunehmen vermochte.

„Es ist gut!“ sprach Gräfin Cosel kurz, indem sie das Bild wieder an die Wand stellte und die Leinwand darüber warf. „Sie haben das Bild gemalt. Weshalb Sie mich getäuscht haben und fortfahren, mich zu täuschen, will ich nicht wissen. Morgen werde ich das Bild abholen lassen und die bedungene Summe dafür soll Ihnen ausgezahlt werden; allein ich wünsche, daß Sie hinfort mein Haus räumen.“

Die Gräfin ging nach diesen Worten fort und ließ die Künstlerin in einer aufgeregten, beleidigten Stimmung zurück. Rosalba konnte sich das Wunder mit dem Bilde nicht erklären, und war uneinig mit sich über die Mittel, die sie anzuwenden habe, diese am Hofe so allmächtige Frau wieder zu ihren Gunsten zu stimmen. Einstweilen nahm sie nochmals die Tafel zur Hand, betrachtete das Bild und rief voll Entzücken:

„Das ist herrlich gemalt! – Wer es auch geschaffen hat, ich hätte es selbst nicht besser machen können.“

Bei diesem Ausrufe hörte sie hinter sich eine Kaffeetasse zu Boden fallen und sie bemerkte, sich umschauend, ihre Magd, die roth vor Verlegenheit und Schrecken die Scherben vom Boden aufsammelte.

„Was ist das, Magdalene? Wie kann man so ungeschickt sein!“ rief sie dem Mädchen zu. „Zum ersten Male ertappe ich Dich darauf, daß Du ein Kaffeebret nicht zu halten verstehst. Sind Deine Hände gleich klein und zierlich, wie ich Dir oft gesagt habe, so lehre sie doch, ihre Dienste so thun, daß ich nicht dabei zu Schaden komme. Zeig her, was hast Du da an Deiner Hand? Ei sieh – Farbe! Blaue, rothe Striche! Wie kommst Du dazu?“

Magdalene fuhr rasch mit der Schürze über die Finger und verwirrt entgegnete sie:

„Ich habe vorhin den Kasten mit den Farbenstiften geordnet.“

Die Künstlerin antwortete nicht. Sie war wieder in Anschauung des Bildes vertieft.

„Der Schatten an der Wange,“ murmelte sie vor sich hin, indem sie mit einem farbigen Stiftchen Zeichen in die Luft machte; „vortrefflich! Er läßt das Lächeln des Mundes ahnen, ohne es doch zu zeigen. So ist ein Hauch von Leben glücklich über diese sonst so schwere Partie bei diesem Kopfe hinvertheilt! Man kann diesen Mund sehr sinnlich auffassen, und das ist gewöhnlich auch geschehen; doch man kann ihn auch fein und geistig schön darstellen, und so ist er hier. Wahrlich, nur eine Frau, und zwar eine Frau, die den König liebt, kann dies Bild gemalt haben! Ich kenne das! Ach – ich kenne das!“

[48] Rosalba Carriera versank bei diesem Ausruf in schöne, längst verklungene Träume. Sie lehnte ihr Haupt auf die Rücklehne des Stuhls und sah mit einem halb geschlossenen Auge und mit dem Ausdruck süßen Friedens an die Decke des Zimmers hinauf.

Das junge Mädchen hinter dem Stuhle war leise herangetreten und machte mit einem Stifte, den sie sich vom nächsten Tische genommen, ein paar flüchtige Striche an der Halsbinde.

„Ich kenne das!“ schwärmte die Künstlerin weiter, „wie oft habe ich Gesichter auf die Tafel geworfen, die ich mit leerem, trostlos ermüdetem Sinne geschaffen! und dann – ach und dann leuchtete mir ein Auge gegenüber, das Blicke der Liebe versandte, Blicke, die in Dein Herz, arme Rosalba, drangen und darin irgend welches Weh, irgend welchen Wahnsinn entzündeten! – Ach, wie ganz anders webten sich da die Farben zusammen, wie ganz anders flog der Stift; – wie ganz anders legten sich süße Schattenringe, kleine jubelnde Farbenlichter wie Küsse der Liebe um die todten Linien des Bildes! – Da sangen und jubelten die Farbengeister, da schlossen sie sich im Ringelreihen Händchen an Händchen, und im Zaubertanz wurde ein reizend liebliches Bild vollendet, das dann nachher der Welt kund that, daß hier Liebe die Liebe gemalt! Ja, arme Rosalba, Du hast auch einst solche Stunden genossen, Du hast auch einst solche Bilder gemalt! Ja, gesteh es, Du warst ein heimlich glühendes Rosenknöspchen – Ach – Ach!“

Und wieder kam die Hand hinter der Stuhllehne hervor, und machte keck mehrere Striche am Bilde des Königs.

Rosalba Carriera fuhr aus ihren Träumen auf, haschte nach der Hand und schrie:

„Was thust Du, Einfältige? Du wagst es, an dieses Kunstwerk Deine Pfuscherhand zu legen? Hinweg, Vermessene! Fort, daß ich Dich nicht züchtige!“

Das junge Mädchen zog sich ein wenig zurück und als sie sah, daß sich der Zorn ihrer Gebieterin zu legen begann, sagte sie mit einer treuherzigen Stimme, indem sie die Hände faltete:

„Um der Gnade Gottes willen, sagt mir, Signora, ist denn das Bild wirklich so gut gemalt?“

„Nun ja doch! Aber was kümmert es Dich?“

„Was es mich kümmert?“

„So sprich!“ rief die Künstlerin, aufmerksam werdend, „Weißt Du etwa, wer es gemalt hat und wie es in dieses Zimmer gekommen ist?“ Das Mädchen neigte bejahend das Haupt.

Rosalba sprang auf.

„Nun, wer?“ rief sie lebhaft, „Wer ist’s, der hier in diesem Lande der Hyperboräer es wagt, so gut zu malen, wie ich? Wer ist’s? –“

„Es ist kein Mann, Signora!“

„Noch schlimmer! Also eine Frau? Ich könnte sie hassen, sie verfolgen, sie tödten! – Wie heißt sie? Wo ist sie?“

„Sie steht vor Euch!“ sagte das Mädchen ruhig. „Ich bin es!“ setzte sie mit Stolz und Würde hinzu.

Rosalba Carriera wankte zurück, fiel auf ihren Stuhl; dann zog sie ihr Taschentuch hervor und fuhr damit über Stirn und Augen. Mit geöffnetem Munde starrte sie das Mädchen an und erst nach einer Pause von mehreren Secunden war sie im Stande das Wörtchen „Du?“ hervorzubringen.

„Ist es denn so unmöglich, daß ein armes Mädchen Talent hat?“ entgegnete Magdalene. „Es war bekannt, Signora, daß Sie keine Schülerinnen annahmen, und da mein geringes Talent, zugleich der Wunsch meiner Eltern mich zur Kunst trieben, beschloß ich, wider Ihren Willen Ihre Schülerin zu werden. Ich wurde Ihre Magd und die Zeit, die mir von meinen Geschäften blieb, wandte ich dazu an, Ihre Bilder zu copiren. O, ich besitze ein ganzes Zimmer voll, das ich sorgfältig vor jedem Blicke geheim halte! – Wenn der Zufall nicht die Entdeckung herbeigeführt, ich hätte als Ihre Zofe Sie verlassen, um dann, Ihnen ewigen Dank zollend, als selbstständige Künstlerin für mich zu leben.“


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Autor: Louise Ernesti
Titel: Der gelbe Handschuh
aus: Die Gartenlaube 1859, Heft 5, S. 57–59


[57] Rosalba war eine Italienerin. Sie war lebhaft, sie war rachsüchtig, sie wurde von ihren Leidenschaften beherrscht; aber sie war nicht böse, nicht unedel. Als sie sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, umarmte sie das Mädchen und, einen Kuß auf ihre Stirn drückend, sagte sie:

„Von jetzt an nicht mehr meine Magd! Wer so malt, ist mir ebenbürtig, ist meine Schwester. Ich grüße Dich, Magdalena.“

„Zu viel Glück!“ rief das Mädchen und küßte die Hand der Signora Rosalba.

„Also Deine Eltern sind nicht aus Padua, wie ich glaubte?“

„Doch; aber der Name, den ich führe, ist ein angenommener.“

„Ein angenommener? – Und wer bist Du? – Wie heißt Du?“

„Laßt das mein Geheimniß bleiben, Signora! Ihr habt nun so viel erfahren; laßt Euch daran genügen.“

Mit diesen Worten entschlüpfte das Mädchen und ließ Rosalba – unschlüssig, was sie jetzt thun solle – zurück. Sie fragte sich, ob sie das wundersame, geheimnißvolle Geschöpf länger bei sich behalten oder Magdalena je eher, je lieber fortschicken solle. Sie ging in ihrer Erinnerung alle die Momente durch, wo ihr das Betragen des jungen Mädchens auffällig gewesen war, wo sie sich über deren Zerstreutheit, über ihr Wegbleiben über die angegebene Stunde, ohne daß kund ward, wo sie unterdessen geweilt, zürnend geäußert hatte; jetzt war Alles erklärt – Magdalena hatte gemalt! – Ein Dienstmädchen, dessen Hand soeben den Kehrbesen geführt, hatte gleich darauf den Farbenstift so meisterhaft über die Pergamentfläche geleitet. Das war eine Seltsamkeit!

Rosalba Carriera fand, daß es ihre Pflicht sei, sogleich die Gräfin Cosel von der Entdeckung in Kenntniß zu setzen, und diese Mittheilung als ein geeignetes Mittel zu gebrauchen, sich die verscherzte Gnade wieder zu erwerben.


Die Gräfin Cosel hatte kaum von Rosalba Carriera den wahren Zusammenhang mit dem Bilde erfahren, als sie vor Begierde brannte, die junge talentvolle Künstlerin kennen zu lernen. Sie befahl, daß Magdalena augenblicklich vor ihr erscheinen solle, und diese kam.

Die Gräfin lag auf einem Ruhebette. Ein grünes Sammetkleid umhüllte ihre herrliche junonische Gestalt; ein Perlendiadem schmückte ihren schönen Kopf und mit kostbarem Schmucke waren auch die Arme geziert, von denen der eine leicht ihr so stolz und kühn erhobenes Haupt stützte. Sie war umgeben von dem größten Glanze und jenem raffinirten, ausgesuchten Luxus, den sie liebte und mit dem ihr königlicher Freund diese anspruchsvolle Frau überschüttete. Ihr Antlitz war der Thüre zugewandt und ihre brennend schwarzen Augen richteten sich forschend und durchbohrend auf die eintretende Künstlerin.

Sie sah ein einfach gekleidetes Mädchen vor sich, das im Anstande etwas Ruhiges und Sicheres, im Gesicht etwas Feines und Edles hatte. Die blühendste Jugend umhüllte die Gestalt; die Arme waren voll gerundet, die Hände klein, das Haar in reicher glänzender Fülle auf dem Nacken in einen Knoten geschlungen.

Im Herzen der Gräfin lebten Verwirrung und Zorn auf. Es war ihr über alles Maß unangenehm, daß das Räthsel mit dem Bilde sich so löste. – Wer war die Freche? Wie durfte sie es wagen, das Bild des Königs und zwar so zu malen, wie sie es gemalt hatte, – mit dem Auge einer Liebenden! – Wenn der König dies erführe! Dieser für weibliche Reize so empfängliche König, – dieser August der Starke, der schönen Frauen gegenüber nur zu sehr August der Schwache war!

Eine Menge widriger Bilder jagten sich durch das Gehirn der Gräfin, indem sie, unschlüssig, was sie sagen sollte, mit finstern hochmüthigen Blicken das Mädchen betrachtete.

„Wer ist Sie?“ stieß sie endlich scharf und heftig heraus.

„Magdalena Carlatti!“

„Der Vater?“

Keine Antwort. Nochmals fragte die Gräfin und sie bekam wieder keine Antwort. Dann rief sie zornig:

„Sie hat das Bild des Königs gemalt? – Wo hat Sie Gelegenheit gehabt, Seine Majestät zu sehen?“

„Hier im Hause.“

Die Gräfin biß sich auf die Lippe. Sie riß an den Schleifen ihres Gewandes. Endlich konnte sie sich nicht mäßigen und rief voll Heftigkeit:

„Unverschämte! – Wie hat Sie es wagen dürfen, den König zu malen? – Den König! Ha – den König!“

„Gräfin, ich fand, daß ich kein besseres Modell hätte wählen können. Der König ist ein schöner Mann.“

„So? – Findet Sie das“?“ rief leichenblaß mit einem kleinen kurzen Lachen die Gräfin.

„Ja, das finde ich.“

„Aus meinen Augen, Freche!“ schrie außer sich vor Zorn und Wuth Frau von Cosel. „Man wird Sie in’s Zuchthaus sperren, Landstreicherin, die Sie ist!“

[58] „Ich fürchte Niemand!“ entgegnete das junge Mädchen ruhig,

„Mit diesem Bilde,“ fuhr die Gräfin fort, „hat Sie sich an den König machen wollen, um ihn anzubetteln. Diese elenden Fremden, die unsere Stadt überschwemmen und unsere Taschen leeren, sie sind sich Alle gleich; ein Gesindel, das man, je früher, desto besser, hinaustreiben sollte, mit der Peitsche, wenn nicht anders! – O, ich kenne diese frechen Geschöpfe, die, auf ein hübsches Lärvchen bauend, hierherkommen, um ihr Glück zu machen. – Ich kenne sie.“

„Gewiß, Gräfin, werden Sie sie kennen! Und warum, wenn ich sonst wollte, warum sollte mir nicht glücken, was Anderen so gut geglückt ist, daß sie jetzt in Palästen wohnen? Ich habe mir wenigstens nicht den Vorwurf zu machen, wie Sie, daß ich eheliche Bande zerrissen und mich von meinem Manne habe abkaufen lassen.“

Frau von Cosel antwortete nicht; fast ohnmächtig vor Aufregung und Wuth, wankte sie zur Klingel, um ihre Diener herbeizurufen.

Das junge Mädchen vertrat ihr den Weg. Mit fester Stimme sagte sie:

„Halt, nicht weiter! Keine Beschimpfung. – Ich bin altadeligen Geschlechts, wie Sie, Gräfin! Ich bin die Tochter des Grafen Coccini. Der venetianische Gesandte weiß um meine Verhältnisse, er bewahrt meine Papiere. – Senden Sie zu ihm, überzeugen Sie sich von der Wahrheit meiner Worte, und bis Sie Antwort erhalten, werde ich dieses Haus nicht verlassen.“

Ohne die Gräfin eines weiteren Grußes zu würdigen, schritt sie aus der Thüre.

Man kann sich denken, daß Frau von Cosel nicht zögerte, sich Gewißheit zu verschaffen. Sie schrieb an den Gesandten ein flüchtiges Billet, das kurz die Angaben des Mädchens enthielt, und bat um rasche Antwort.

Statt eines Schreibens kam der Gesandte selbst und durch sein Zeugniß wurde Magdalena als Gräfin Coccini anerkannt, für die sie sich ausgegeben.

Der Gesandte hatte eine längere Unterredung unter vier Augen mit der Gräfin Cosel. Die gehaltreichen Ereignisse dieses Tages schlossen damit, daß Magdalena im Wagen des Gesandten den Palast verließ und daß die Gräfin Cosel ihr eine kalte, ceremoniöse Verbeugung machte, ohne ein Wort der Entschuldigung über das Vorgefallene beizufügen.

Der Vorfall mit dem Bilde, die Scene im Cosel’schen Palais wurde bekannt und die Geschichte machte großes Aufsehen.

Rosalba Carriera ließ es sich angelegen sein, die genaueren Details der Thatsache selbst zu verbreiten. Sie besuchte ihre ehemalige Zofe und überschüttete sie mit Schmeicheleien und Liebkosungen, Jedermann wollte das Wunder an Talent und Schönheit sehen und man drängte sich, die Bekanntschaft der jungen Gräfin Coccini zu machen.

Unter den Neugierigen war der König August nicht der Letzte. Es schmeichelte ihm, daß ein junges Mädchen von blendender Schönheit und vornehmer Geburt sein Bild, in stiller Neigung für ihn, verstohlen gemalt.

Er sah Magdalena und sie gefiel ihm; doch zeigte er dieses Wohlgefallen nicht, um die Gräfin Cosel nicht zu beleidigen und das junge Mädchen nicht in Gefahr zu bringen, da er die Eifersucht und Rachsucht seiner Geliebten kannte.

Magdalena bezog eine schöne Wohnung, richtete sich kostbar und geschmackvoll ein und galt jetzt öffentlich für das, was sie so lange heimlich gewesen – für die Schülerin der Carriera.

Der Gesandte gewährte ihr seinen Schutz und seine Gemahlin betrachtete die schöne Venetianerin wie ihre Tochter.

Man erfuhr jetzt, daß der Graf Coccini aus einer der ersten Familien der Republik stamme, nur diese eine Tochter habe, die im elterlichen Hause wie ein seltener Schatz gehütet wurde und deren Launen man auf alle Weise schmeichelte.

Schon früh zeigte das Mädchen eine ausschließliche Vorliebe für die Kunst, und besonders waren es die kleinen zierlichen Bilder Rosalba Carriera’s – wie sie sie damals malte –, die das schöne Kind zur Nachahmung reizten. Der Vater wollte ihr Lehrer in der Kunst geben, sie bestand aber darauf, der Rosalba Schülerin zu werden.

Dies in’s Werk zu setzen, war ein Ding der Unmöglichkeit, denn schon hatten zahllose Beispiele bewiesen, daß die Künstlerin keine Schüler oder Schülerinnen annehme.

Magdalena, gewohnt, ihren Willen durchzusetzen, und durch das Abenteuerliche des Unternehmens gelockt, hatte endlich den Plan gefaßt, den wir sie haben ausführen sehen. Die Dienste, die sie der Carriera leistete, waren leicht und bequem und von der Art, daß allenfalls eine Grafentochter sie übernehmen konnte.

Die Künstlerin gewann das junge Mädchen lieb, das etwas Stolzes, Abgeschlossenes und Sicheres im Benehmen hatte, und so waren drei Jahre vergangen, ohne daß Gebieterin und Dienerin nur ein einziges Mal Ursache gehabt, mit einander unzufrieden zu sein.

Magdalena hatte in dieser Zeit ihre Studien vollendet. Sie hatte sich zur Künstlerin ausgebildet und demnach erreicht, was sie gewollt. Der Zufall, der die Entdeckung herbeiführte, kam nicht zu früh. Schon hatte Magdalena manchmal in letzterer Zeit auf dem Punkte gestanden, sich Rosalba, die ihr mehr Freundin als Gebieterin war, anzuvertrauen; doch durch kleine Zufälligkeiten war das Geständniß stets verhindert worden.

Für den Fall, daß durch irgend ein drohendes Begegniß Magdalena gezwungen war, ihre gefährdete Person, den Namen, den sie trug, und somit die Ehre ihres Hauses vor Unbill zu schützen, hatte der Graf, ihr Vater, dem in jeder großen Hauptstadt residirenden Gesandten Kenntniß von dem wahren Namen und dem Stande seiner Tochter gegeben.

Sie hatte bis dahin nicht nöthig gehabt, von dieser Vorsichtsmaßregel Gebrauch zu machen, bis die ausbrechende Wuth der Frau von Cosel sie eine Mißhandlung oder wenigstens unauslöschliche Demüthigung befürchten ließ und ihr denn kein anderes Mittel, sich zu retten, übrig blieb.

Doch die Gefahr für Magdalena sollte erst jetzt beginnen.

Durch die Spione, mit denen die Gräfin den König umgab, erfuhr sie, daß August die schöne Venetianerin öfter sähe. Nimmermehr konnte die stolze, allgewaltige Geliebte die empörenden Worte vergessen, die diese Fremde an sie zu richten gewagt; nimmermehr vergessen, daß sie den König für sich gewonnen und daß sie sich im sicheren Besitze ihres Triumphes, jedem Angriffe hohnsprechend, dicht neben ihrer Nebenbuhlerin niedergelassen! So keck und kühn hatte bis jetzt keine Frau gewagt, sich mit ihr zu messen, so fest und sicher war noch keine aufgetreten, wie diese junge stolze Venetianerin!

Die Wuth der Gräfin war desto stärker, je ohnmächtiger sie war. Auf welche Weise sollte sie eine Rivalin stürzen, die das Interesse der ganzen Stadt für sich gewonnen hatte und auf dem besten Wege war, ihr das Herz des Königs zu rauben?

Trotz Allem mußte etwas geschehen, – Alles mußte daran gesetzt werden, um Magdalena zu beseitigen, denn Gräfin Cosel wollte siegen, sie wollte nicht fallen! Nach langem, tiefem Nachsinnen ließ die eifersüchtige, rachsüchtige Frau ihren Leibarzt kommen.

Dies war ein schlauer, in den Künsten der Höfe ergrauter, Italiener. Seine vorzüglichste Kunst bestand darin, die Natur der Gifte studirt zu haben, um die passenden Schutz- und Gegenmittel anzuwenden. August hatte ihn auf seinen Reisen in Italien kennen gelernt und ihn zu sich kommen lassen zu einer Zeit, wo er sich einbildete, daß man ihm mit Gift nach dem Leben trachtete.

Als diesen Fürsten diese Besorgnis; verlassen hatte, sank auch das Ansehen des Doctor Volta, und zuletzt war er kaum mehr als ein vergessener Charlatan, dem man keine Patienten anvertraute, weil man gewiß war, daß er sie nicht würde zu behandeln verstehen.

Gräfin Cosel, die in ihren müßigen Stunden ein wenig Alchymie, Astrologie und Medicin trieb, begünstigte den alten Mann und machte mit ihm zusammen Experimente, die darauf hinausliefen, zuweilen eine Katze zu vergiften, ein Prognostikon zu stellen, oder in einem kleinen Schmelztiegel Gold hervorzubringen, das man schon vorher hineingethan hatte.

Diese Beschäftigungen waren unschuldiger Natur gewesen; allein die Gräfin wußte aus der Geschichte der Frauen von Neidschütz – dieser unter der vorigen Regierung der teuflischsten Hexenkünste angeklagten und von August selbst verfolgten Mutter und Tochter – daß selbst in Sachsen, nicht blos in Italien nur Frankreich, das Gift an den Höfen der Fürsten eine Rolle gespielt. Es lag ihr daher nahe, ob ein solch kleiner Versuch nicht auch jetzt und unter den obwaltenden Umständen zu wagen sei.

[59] Um zu diesem Ziele zu gelangen, erforschte Frau von Cosel in einem Gespräche mit dem alten Doctor, was er über die Natur der Gifte wußte und wie er über die sympathetischen Künste dachte.

Der Alte trug ein gelehrtes Verzeichniß aller schädlichen mineralischen und vegetabilischen Stoffe vor, und begleitete höchst ergötzlich jedes einzelne Gift mit einem Geschichtchen, wie, an wem und wodurch es gewirkt hatte. Dabei passirten die rohen, wie die gebildeten Völker die Revue, und kein Volk der Erde gab es, das nicht durch irgend ein gelungenes Experiment vertreten war. Zuletzt, nachdem er die scandalösen Liebhabereien der römischen Kaiserinnen, die sich ihrer Gatten und ihrer Geliebten zu entledigen gewußt, abgethan, endigte er mit den kleinen Neckereien in Arsenik und Blausäure, welche die galanten Frauen in Paris Eine der Andern bereiteten. Die Gifte, die Katharina von Medicis zu bereiten verstand, und die so feiner Natur waren, daß sie nicht tödteten, sondern nur die Schönheit zerstörten, beschäftigten die Aufmerksamkeit der Gräfin ganz besonders. Sie sagte endlich scherzend, sie wünsche ein Paar solcher Handschuhe zu besitzen, die, inwendig mit einem sublimirten Pulver bestreut, der Haut alsbald eine häßliche Röthe beibrächten, die sich über die Arme und zuletzt über Gesicht und Hals verbreiteten und eine unheilbare, oft mit Erblindung begleitete Hautkrankheit nach sich zögen.

Doctor Volta, dem schon einmal durch ein ähnliches Ansinnen an seine Kunst ein häßlicher Proceß erwachsen war, – der, es fehlte wenig, ihn an den Galgen gebracht – weigerte sich anfangs standhaft, ein Paar Handschuhe, die die Gräfin aus ihrem Vorrath ihm reichte, auf diese Weise zu präpariren. Als aber die Dame nicht nachließ und große Belohnungen versprach, willigte er ein, doch unter der Bedingung: daß dieses schädliche Präparat durchaus nicht gegen ein Mitglied des königlichen Hauses angewendet werden dürfe, und dann: daß dabei seiner nie erwähnt werde.

Für Beides gab ihm die Gräfin Wort und Handschlag.


Nach einigen Tagen überbrachte der Italiener die verlangten Handschuhe, und reich beschenkt entließ ihn Frau von Cosel.

Sie nahm sich aber wohl in Acht, das Bestellte näher zu prüfen, und betrachtete das furchtbare Mittel zu ihrem Zweck nur aus der Entfernung mit einer Art scheuen Respects, indessen auch mit wohlgefälliger, lächelnder Miene. Mit einer feinen Zange faßte sie dann die Handschuhe an und verbarg sie wiederum in dem Kästchen, in welchem sie gelegen und ihr überreicht worden.

Die ersten Feste des Carnevals waren nahe. Die Damen, welche den Hof besuchten, ließen sich elegante Roben und Kopfzeuge aus Paris kommen. Da damals noch nicht feststehende Läden in Gebrauch waren, so wurden einzelnen wandernden Krämern, welche die Straße durchzogen und in den Häusern Einlaß fanden, die neuangekommenen und in Magazinen aufgestapelten Gegenstände anvertraut. Der Frauenputz wurde von Frauen umhergetragen, und unter diesen Weibern gab es schlaue Unterhändlerinnen aller Art. Kein Haus, wo blühende Töchter oder schöne Frauen lebten, war sicher, daß mit einem neuen Putz-Modestück nicht auch ein Briefchen einwanderte, das bestimmt war, gefährliche Verbindungen anzuknüpfen.

Gräfin Cosel beauftragte ihre Kammerfrau die ihre Vertraute und ihr treu ergeben war, in der Verkleidung einer solchen Unterhändlerin das Kästchen mit den Handschuhen an Magdalena Cuccini zu besorgen, und harrte dann in teuflischer Ruhe der Entwickelung des von ihr eingeleiteten Drama’s.

Unterdessen wuchs August’s Leidenschaft zu der schönen Venetianerin und die ihrige zu ihm in gleichem Maße.

Ueberdrüssig der Eifersucht, der herrschsüchtigen Laune und des ewigen Ränkespiels der Frau von Cosel, dachte der König in der That daran, diese zu verstoßen und jene an ihren Platz zu setzen.

Der Hof sah einer Katastrophe entgegen. Die schöne Schülerin Rosalba Carriera’s war der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit und sie war die Königin der Feste, die jetzt gefeiert wurden.

Plötzlich vernahm man, daß die schöne Magdalena durch ein Unwohlsein an’s Zimmer gefesselt sei.

Die Natur des Unwohlseins kam nicht zur Kenntniß des Publicums. Es erfuhren nur die Vertrautesten des Hofes, daß ein plötzliches, der Pest gleichkommendes Uebel die Unglückliche befallen und daß ein entstellender Ausschlag die Oberfläche ihres Körpers auf eine Weise bedecke, daß sie für ihre genausten Bekannten fast unkenntlich geworden.

Alles floh die Arme! Nur Rosalba Carriera wachte an ihrem Bette und blieb, bis Magdalena der Tod von ihrem Leiden erlöste. Auch war es nur Rosalba Carriera, die es wagte, laut und unumwunden auszusprechen, daß hier ein verruchtes Verbrechen im Spiele sei.

Die alten Geschichten von Vergiftungen wurden jetzt wieder hervorgesucht; August selbst wurde so widrig durch diesen Vorfall berührt, daß er bald nach dem Tode der jungen Venetianerin Dresden und seinen Carneval verließ und nach Warschau ging. Man behauptete, daß er sich vor der Cosel fürchte, der er das Schlimmste zutraute.

Das allgemeine Urtheil brandmarkte die Gräfin; allein jeder Beweis fehlte, und die Mächtige triumphirte auch hier über ihre Feinde, wie sie stets zu triumphiren gewohnt war! – Sie wollte August nach Warschau folgen, doch ein Befehl des Königs hieß sie in Dresden zurückbleiben.

So hatte ein schönes, seltsames, interessantes Wesen rasch die Erde verlassen; so hatte eine anmuthige Geschichte im Verlauf des Winters begonnen und ein trauriges, schreckliches Ende genommen.

Die Bilder und die Nachlassenschaft Magdalena’s erbte Rosalba Carriera. Unter dieser Nachlassenschaft befand sich ein „gelber Handschuh.“ Er flößte Rosalba durch den ihm eigenthümlichen Geruch Verdacht ein, und sie entsann sich, daß ihre Freundin ihn getragen, als sie zum letzten Male öffentlich bei einem Hoffeste erschienen war. Rosalba Carriera bewahrte ihn sorgfältig, um ihn, wenn sie einst aus dem Lande entfernt und nach Italien zurückgekehrt sei, der gelehrten Gesellschaft der Aerzte zu Bologna vorzulegen. Sie beabsichtigte dann, wenn sich ihr Verdacht bestärkte, öffentlich als Anklägerin gegen die Gräfin Cosel aufzutreten; denn Niemand anderes konnte ihrer Meinung nach die That vollbracht haben, die sie ahnte.

Der bald hierauf erfolgte Sturz der Gräfin Cosel und ihre Verbannung ließ dieses Unternehmen nicht zur Reife kommen. Doch eine Rache nahm Rosalba schon in Dresden an der gefürchteten Mächtigen. – Sie malte die drei Parzen, und Atropos, diejenige Parze, welche den Lebensfaden abschneidet, war das sehr ähnliche Portrait der Gräfin Cosel.

Diese Bilder sind in der Dresdner Gallerie. Sie hängen in dem Cabinet der Pastellgemälde, das vorzugsweise die Schöpfungen Rosalba Carriera’s enthält.

Die Sage erzählt ferner, daß die beiden andern Parzen, Klotho und Lachesis, die Portraits der Rosalba und Magdalena wären, und schenkt man dieser Tradition Glauben, würde dann in einem kleinen Raume zusammengedrängt die verfolgte Tugend, ihre Verfolgerin und ihr Schutzengel sich dem Beschauer darstellen, und diese Geschichte im Cyklus jener drei Bilder abgeschlossen sein.