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Der brennende Sultan

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Der brennende Sultan
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 479
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Bearbeitungsstand
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[479] Der brennende Sultan. Gleich nach der Thronbesteigung des jetzigen Sultans machten die Ulema’s und Geistlichen umfassende Anstrengungen, den neuen Herrscher von der Bahn der Reformen, welche sein Vater eröffnet hatte, abzuschrecken. Unter Anderem hatten die Mufti’s auch seinen Vater, den Reformer, für sich gewonnen, denn so oft der junge Herrscher nach türkischer Sitte an dem Grabe seines Vaters betete, rief er mit jämmerlicher hohler Stimme von Unten herauf: „Ich brenne!“ Der Sultan wandte sich an das Haupt der Geistlichkeit, den Chef der Imans, daß er ihm sagen möge, was dieser türkische Hamlet zu bedeuten habe. Der muhamedanische Papst fand keine andere Auslegung, als daß der Herr Vater, sonst ein großer Mann, sich zu sehr der Sünden der Reform hingegeben, daß er ordentliche Hosen, Messer und Gabeln, bessere Verwaltung, gleichmäßigere Gerechtigkeitspflege u. s. w. eingeführt habe, lauter „subversive Dinge,“ welche das Bestehen der Türkei gefährdeten. Der Sultan sandte hierauf seinen Schwager zum Grabe, zu beten, hernach auch Andere. Alle hatten das furchtbare, dumpfe: „Ich brenne!“ vernommen. Eines Tages nun brach der Sultan in großer Staats-Prozession, begleitet von den höchsten weltlichen und geistlichen Beamten und obersten Richtern, zu dem Grabe seinen Vaters auf. Während er hier betete, erscholl das schauerliche „Ich brenne!“ wieder. Der Sultan schien vor Furcht zu zittern. Er sah seine ganze Regierung nach der Reihe an, ob sie auch zitterten. Aber alle schienen taktfest. Das fiel ihm auf. Er erhob sich von seinem Teppich, rief seine Leibgarde heran und befahl, das Grab vollständig zu öffnen. Weltliche und geistliche Herren stürzten sich ihm zu Füßen, daß er nur solche Entheiligung der Todten nicht begehen solle, aber ohne darauf zu achten, trieb er seine Soldaten zur Eile an, die denn auch bald in einer Seitenhöhle nicht den brennenden Sultan, sondern einen Derwisch ausgruben, dem es wohl kalt über den Rücken laufen mochte. Der Sultan sah ihn ziemlich lange fest und schweigend an und fragte dann ganz kaltblütig: „Du brennst? Ich will Dich denn kühlen lassen im Bosporus.“ Er ließ ihn also in einen Sack stecken und in den Bosporus werfen. Man hat dies für ein Zeichen der Klugheit, Aufklärung und Gerechtigkeit des Sultans gehalten, offenbar mit Unrecht. Der Derwisch war vielleicht der Unschuldigste, wenigstens doch wohl nur ein willenloses Werkzeug. Er hätte müssen mit einer Reformspritze die Häupter des conservativen alten Türkenthums, die jeden Andersgläubigen einen Hund und jeden vernünftigen Gedanken eine Gotteslästerung nennen, so lange waschen lassen, bis ihnen der Kopf ab- oder wenigstens gewaschen war.