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Der berühmteste Gefangene des letzten Krieges

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Textdaten
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Titel: Der berühmteste Gefangene des letzten Krieges.
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 205–206
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[203]

Osman Pascha.
Originalzeichnung von Professor W. Camphausen in Düsseldorf.

[205] Der berühmteste Gefangene des letzten Krieges. (Mit Abbildung auf S. 203) Man braucht den Namen dieses Gefangenen kaum zu nennen. Sein Schickaal hat ihm die Theilnahme der gebildeten Welt gesichert. Nie ist eine so entschiedene Wendung des Kriegsglückes und die vollständige Entmuthigung eines durch rasche Siege übermüthig gewordenen Gegners mit noch weniger Geist und Geschick erfaßt, und nie erbärmlicher in ein schmähliches Ende verkehrt worden, als die erschütternden Kämpfe von Plewna. Dieser Name, vor welchem ganz Rußland gebebt hatte, sollte auch an der Säule prangen, die das Ende des europäischen Türkenreichs bezeichnet, und daß an dieser Säule auch der Name Osman Paschas steht, das ist das tragische Verhängnis, welches seinen Siegerkranz mit einem Flor bedeckt. Ueber sein Leben haben wir auf S. 89 das Nöthige berichtet. Seinem Bilde fügen wir hier, zur Ergänzung unserer dortigen Angaben, die charakteristische Selbstbiographie bei, welche ein Correspondent der russischen Zeitung „Golos“ aus Charkow, dem Aufenthaltsorte des Gefangenen, einer Unterredung mit Osman Pascha verdankt. Der Pascha soll, auf die Bitte um einige biographische Notizen, mit Beziehung auf eine bekannte, auch von uns, in dem oben genannten Artikel schon angedeutete Zeitungsente, begonnen haben: „Meine Biographie ist der gesammten Welt bekannt. Ich bin ja der Marschall Bazaine; meine Frau ist eine Andalusierin, und ich habe drei Töchter. Eine meiner Töchter ist Paris Sängerin in einem Café Chantant, die andere tanzt in einem öffentlichen Local in London, und die dritte führt in Petersburg ein leichtfertiges Leben. Eine würdige Nachkommenschaft eines Vaters, der sein Vaterland verrathen.“ Der Herr Correspondent erstaunte sicherlich nicht wenig, aber Osman Pascha änderte hier den Ton seiner Erzählung selbst, indem er fortfuhr: „Nein, mein Herr! - Ich bin ein Türke, aus Tokat in Anatolien gebürtig, wurde in der Kriegsschule in Constantinopel erzogen und führte in der letzten Zeit, da ich dem Generalstabe zugezählt war, ein Nomadenleben. Ich bin Familienvater. [206] Zwei meiner Söhne werden in der Familie des Sultans Abdul Hamid erzogen. Ich habe gekämpft in Arabien, Bosnien und der Herzegowina. Ich wurde zum Range eines Muschirs erhoben in Folge der Niederlage, welche ich den Serben bei Zafcar beibrachte. Da haben Sie meine Biographie.“

Die Frage, ob die Türken bei Plewna ebenso tapfer gekämpft, wie die Russen, beantwortete Osman Pascha folgendermaßen: „Sie stellen mir eine so kitzlige Frage, daß sie wohl kein Feldherr offen beantworten würde. Ihre Armee war eine frische, die meine – wollen wir gerecht sein – bestand aus Reservisten. Dafür verhielten wir uns aber defensiv, während die Russen offen vorgehen mußten. Unsere Lage war daher eine bessere. Kaum hatten wir Plewna betreten, als wir am andern Tage einen Angriff des Generals Schilder-Schuldner aushalten mußten. An diesem Tage kämpften die Russen wie Helden. Als die Russen fort waren, machten wir uns daran, uns zu verschanzen, und waren nicht so einfältig, uns von den Russen unter General Krüdener aus diesen Positionen vertreiben zu lassen. Allerdings nahm uns Skobeleff zwei Redouten ab. Da dieselben jedoch für uns unbedingt nothwendig waren, so eroberten wir sie wieder zurück und nannten sie bis zur Capitulation die ‚wiedereroberten Redouten‘, obwohl sie eigentlich die ‚Redouten des Gebets‘ heißen. Als uns die Redoute von Grivica abgenommen wurde, bedauerten wir diesen Verlust nicht besonders, da sich neben derselben eine andere, unbezwingliche Redoute erhob. Die Besetzung der Grünen Berge durch General Skobeleff war für uns eher vortheilhaft als nachtheilig, da die dort befindlichen Tranchéen für uns so schwer zu vertheidigen waren, daß wir dieselben ohne Widerstand aufgaben. Dort befanden sich etwa dreihundert Mann. Der tapfere General Skobeleff beunruhigte uns in jeder Nacht, ließ uns nicht ordentlich schlafen und machte beständig Ausfälle. Mit der Uebergabe dieser Redouten beruhigten wir ihn. Wir wünschten, daß die Russen noch einen Sturm unternehmen sollten. Wohlweislich thaten sie dies aber nicht und nöthigten uns in Folge Mangels an Lebensmitteln zu capituliren. Ich bemerke hierbei, daß die russischen Gefangenen in dieser Zeit keinen Mangel zu leiden hatten. Ich halte es für eine angenehme Pflicht, hier das Lob zu wiederholen, welches damals von Seiner Majestät, Seiner kaiserlichen Hoheit dem Obercommandirenden und allen russischen Befehlshabern sowohl mir wie meinen Truppen gespendet wurde, als wir durchbrechen wollten.“

So weit der „Golos“, dem wir selbstverständlich die Verantwortlichkeit für die Wahrheit seiner Erzählung überlassen müssen. Neuesten Nachrichten zufolge ist dem Pascha die Freiheit geschenkt und die Rückkehr nach Constantinopel gestattet, wo er am 23. März ankommen und sofort mit dem Commando der bosnischen Armee betraut werden soll.