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Der Wiener Rathauskeller

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Textdaten
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Autor: Balduin Groller
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Titel: Der Wiener Rathauskeller
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 184-185
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[184]

Der Wiener Rathauskeller.

Von Balduin Groller.

„Der liebe Augustin.“

Weit und breit waren seit jeher in deutschen Landen die Rathauskeller berühmt; sie genossen des Rufes, daß in ihnen der edle Tropfen unverfälscht und unvermischt den Gästen kredenzt werde. Darauf hielten die weisen Stadtväter, denen die Ehre der Stadt am Herzen lag. Viele der alten Rathauskeller werden durch Sage und Geschichte verklärt und Werke der Kunst wetteifern in ihnen, um den Aufenthalt möglichst stimmungsvoll zu gestalten. Kein Wunder, daß bei neuen Rathausbauten dies schöne Vorbild nicht unbeachtet bleibt.

Im Februar dieses Jahres wurde auch in der Stadt Wien der Rathauskeller eröffnet. Er ist freilich noch funkelnagelneu, aber mit der Zeit wird auch hier der Edelrost aus Niederschlägen der Sage und Geschichte sich ansetzen, und schon heute hat er einen eigenartigen bildlichen Schmuck erhalten, in dem ein gut Stück Wiener Stadtgeschichte unseren Augen sich darbietet.

Vor beträchtlicher Zeit, zu Beginn der achtziger Jahre, es war eben die offizielle Feier der Schlußsteinlegung am neuen Rathause abgethan, da lud Friedrich Schmidt, der Erbauer des Hauses und zugleich Dombaumeister zu Sankt Stephan, einen kleinen Kreis von Freunden und Verehrern ein, sein neues Bauwerk unter seiner Führung zu besichtigen. Wir durchschritten die imposanten Säle des gewaltigen gotischen Baues, wir stiegen hinaus auf das mächtige Dach, und er brachte uns durch Hinweis auf kleine Nebendinge zur richtigen Abschätzung der Dimensionen. Die Dachrinne da oben hat die Tiefe und die Breite einer Badewanne. Dann kletterten wir noch höher, bis hinauf zum „eisernen Mann und ließen den Blick hinausschweifen weit in das sonnige, gesegnete Land. Die letzte Station und die längste machten wir tief unter der Erde, im Keller. Dort war ein Frühstück hergerichtet, und Meister Schmidt erhob sein Glas und feierte mit ernstem Wort diese Einweihung des Wiener Rathauskellers.

Aber der Meister hatte sich geirrt, als er glaubte, daß mit der Eröffnung des Rathauses auch der Ratskeller seiner feuchtfröhlichen Bestimmung werde übergeben werden. Die Jahre vergingen, der wackere „Steinmetz“, wie er sich gerne und mit Stolz nennen hörte, schied aus dem Leben, sein Standbild, zugekehrt seinem großen Werke, ward aufgerichtet, und wieder vergingen Jahre und noch immer war der Rathauskeller nicht geschaffen.

Der gegenwärtigen Stadtverwaltung gebührt das Verdienst, die Ratskellerfrage, die schon den mythischen Charakter einer Seeschlange anzunehmen gedroht hatte, gelöst zu haben.

Den letzten entscheidenden Anstoß gab das Kaiserjubiläum, das im Dezember 1898 gefeiert werden sollte. Am 17. Juli 1898 legte die Kommission dem Stadtrate das Projekt zur Ausgestaltung des Ratskellers vor. Das Projekt wurde genehmigt, und nun ward das Werk, förmlich eine Improvisation, bis zum Jahresschluß fertig gebracht.

Mit der künstlerischen Ausschmückung wurden Maler Heinrich Lefler und Architekt Professor Urban betraut, ein Dioskurenpaar, dem die Welt schon manche erfreuliche Gabe zu danken hat. Zur Mithilfe an den figuralen Malereien erwählte sich Lefler noch die Maler Gsur, Haßmann, Harlfinger, Radl, Ranzoni, Suppantschitsch und Wilda, während die landschaftlichen Motive Hugo Darnaut überlassen wurden.

Die Ratsherrenstube. 

Großer Saal.

Der Rathauskeller, soweit er bis jetzt dem Publikum zugänglich ist, besteht aus zwei rechtwinklig zu einander stehenden großen Räumen. Davon ist leider der eine Teil in dekorativer Hinsicht sehr zu kurz gekommen. Er bietet in seiner nüchternen Schmucklosigkeit kaum Anlaß zu irgend einer Bemerkung. Der zweite Teil, über den ein wahres Füllhorn künstlerischer Dekoration ausgeschüttet wurde, ist in drei Abteilungen gegliedert: den Großen Saal oder eigentlichen Ratskeller, das „Rosenzimmer“ und die „Schwemme“. „Schwemme“ ist [185] ein Wiener Lokalausdruck für die billige Abteilung der Gastwirtschaften. Von dem lärmenden Getriebe dieser Räume durch einen langen Gang getrennt und ganz abseits liegt die trauliche Ratsherrenstube, als heimliche Kneipstätte ein wahres Schatzkästlein für bevorzugte stille Zecher.

An der Stirnwand des prächtigen Stiegenhauses, durch das wir zu den Kellerräumen gelangen, prangt auf einem goldenen Eichenbaume das Wappen der Stadt Wien. Den Vorraum bildet das „Rosenzimmer“, darum so genannt, weil die Ornamente durchweg die Rosenform zeigen. Seine Wände sind mit Ansichten von Gumpoldskirchen, Retz, Falkenstein und Klosterneuburg geschmückt, die als die Stätten der besten Weinsorten Niederösterreichs gepriesen werden.

Ecke im Großen Saal mit dem Wandgemälde „Das Veilchenfest“.

Die „Schwemme“ ist gleichfalls reich dekoriert, und in ihr fesselt vor allem das Auge eine Reihe von Bildern, die lustige Abenteuer aus der Vergangenheit Altwiens darstellen. Unter den drolligen Gestalten fehlt nicht der „liebe Augustin“, den die Anfangsvignette zu unserem Artikel wiedergiebt. Im ganzen deutschen Volke kennt man den lustigen Volkssänger, auf den das geflügelte Wort „Ach, du lieber Augustin, alles ist hin“ zurückgeführt wird.

Ein wahres Schmuckkästchen bildet die Ratsherrenstube (vgl. Abbildung S. 184), die den Mitgliedern des Wiener Gemeinderates zum Aufenthalt dienen soll. Neben anderen Bildern prangen hier an den Wänden die Ansichten des neuen und des alten Wiener Rathauses. Unter der letzteren steht ein Glückwunsch von Hans Sachs aus dem Jahre 1567.

Der sehenswürdigste dieser Räume ist aber der Große Saal, der eigentliche Ratskeller, den wir gleichfalls im Bilde unseren Lesern vorführen. Die Ausschmückung paßt sich harmonisch dem ernsten gotischen Bau an. Eine Fülle von Bildern zeigt uns verschiedene Ereignisse aus der Geschichte der Stadt bis auf die jüngste Vergangenheit, das Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs.

Eine der Nischen (vgl. die nebenstehende Abbildung) ist mit einem Wandgemälde geschmückt, auf welchem das „Veilchenfest“ dargestellt ist. Es handelt sich um einen sinnigen Brauch, der hier in die Zeit Herzog Ottos III des Fröhlichen (1336) verlegt erscheint, der aber sonst auch von vielen anderen deutschen Höfen berichtet wird. Wer das erste Veilchen fand, deckte seinen Hut darüber und eilte, den Fürsten zu verständigen. Der kam mit seinem Hofstaat; eine schöne Jungfrau durfte das Veilchen pflücken, und dann unterhielt man sich bei Reigen und Gesang.

Unsere Schlußvignette giebt ein weiteres Wandgemälde aus dem Großen Saale wieder: „Die Verleihung des Rechtes der Stadttaverne unter Albrecht III“ (1370). Es ist eine Darstellung, die ganz sinngemäß ihren Platz im neuen Ratskeller gefunden hat. In der Stadttaverne durfte mit landesfürstlicher Bewilligung Wein, auch ausländischer Herkunft, verkauft werden, und ihr Betrieb wurde von der Stadt „in Bestand“ gegeben. Wir bemerken noch, daß unsere Illustrationen nach Aufnahmen der k. u. k. Hofmanufaktur für Photographie von R. Lechner (Wilh. Müller) in Wien hergestellt worden sind. Das Reproduktionsrecht hat sich die Gemeinde Wien vorbehalten.

Zu Tausenden strömen täglich die Wiener und die Fremden in die glanzvollen Räume, um sich an den herrlichen Gemälden zu erfreuen.

Der Aufenthalt in dem Wiener Ratskeller wird gewiß für jeden eine schöne Erinnerung sein, wenn er den Spruch beherzigt, der an der Wand der „Schwemme“ als eine weise Mahnung angebracht ist:

„Wer den Wein nit kan gesparn
Und will ihn trinken über Recht,
Da wird der Mann des Weines Knecht
Und nit des Weines Herre;
Wer trinken will zu sehre.
Es krenket ihm sein’ Ehre.“

Die Verleihung des Tavernenrechtes an die Stadt Wien.
Wandgemälde im Großen Saal.