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Der Vampir (Reymont)/Drittes Kapitel

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Drittes Kapitel

Endlich! Ich dachte schon, Ihr würdet nicht mehr kommen; seit einer halben Stunde ist das Essen fertig, und ich warte und warte!“ rief freudig Betsy, die selbst die schwere Türe zum Flur öffnete.

„Die Suppe ist kalt, der Hammelbraten angebrannt, die Mehlspeise zusammengefallen, die Tanten sind böse, und Miß Betsy ist in Verzweiflung,“ scherzte Zenon, während er sie herzlich begrüßte.

„Betsy war wirklich in Verzweiflung! Ich dachte …“

„Daß wir nicht mehr kommen würden? Bitte, die Hände auszustrecken, dies ist die Strafe für unser Zuspätkommen.“

Zenon wickelte das Papier auf und legte in ihre Hände einen riesigen Strauß wunderbarer Anemonen und ganze Bündel prachtvoller purpurfarbener Rosen, die ihren Lippen in diesem Augenblick glichen, ihren wonnig bebenden Lippen, die sich an die kühlen, duftenden Blumen schmiegten, hinter denen sie ihre entzückten Augen erhob und dankend flüsterte:

„Guter, guter Zen!“

„Wegen des Nebels haben alle Züge eine gewaltige Verspätung,“ bemerkte Yoe.

„Hast du dich aus demselben Grunde ganze zwei Wochen bei uns nicht sehen lassen?“

[65] „Das hat einen anderen Grund, meine liebe Betsy, einen ganz anderen,“ entgegnete er ernst, ihre Stirn küssend.

Das Mädchen dämpfte ihre Stimme und flüsterte bittend, beinahe flehentlich:

„Sei heute gut zu ihm, er ist krank, gereizt, er hat so auf dich gewartet, er wird gewiß ärgerlich sein.“

„Es ist gut, Kind, ich werde selbst nicht anfangen, aber …“ brach er bekümmert ab.

„Tante Dolly ist auch ohne Humor, sie weinte nachmittags, sie meinte, heute wäre irgendein trauriger Jahrestag,“ bereitete Betsy schüchtern vor.

„Gewiß der fünfzigste Jahrestag ihres Bruchs mit dem fünfzehnten Bräutigam,“ bemerkte Yoe boshaft, während er seinen Mantel aufhängte, doch als er sich umwandte, waren die beiden nicht mehr am früheren Platze; Betsy geleitete Zenon etwas tiefer in den Flur hinein, zu der Stiege, die zum ersten Stockwerk führte, und bat ihn ganz leise, aufzupassen und, wenn möglich, keinen Streit zwischen Yoe und dem Vater zuzulassen. Er versprach es feierlich, doch er empfand eine Art Unwillen bei dem Gedanken, er könnte Zeuge eines neuen Skandals sein, – er hatte entschieden genug davon für heute, er selbst war zudem ungewöhnlich nervös und hatte, als er hierher fuhr, gedacht, er würde Ruhe und Erholung finden.

„Du armes Opferlamm, hat denn auch Tante Ellen heute Hühneraugenschmerzen?“

„Still, Yoe, verspotte ihr Leiden nicht, wir wollen gehen, denn sie warten schon.“

Das Speisezimmer war unten, davor lag ein großes, [66] finsteres Zimmer; durch die geöffnete Tür glänzte weiß der Tisch, der von Kerzen in hohen Kandelabern beleuchtet war, und dahinter saß, den Rücken den Eintretenden zugewendet, in einem tiefen Fauteuil Mr. Bartelet, die Tanten spazierten auf beiden Seiten des Tisches einher, dem Zimmer entlang, jede nach einer anderen Richtung.

„Da sind unsere Jungens, die Züge hatten Verspätung,“ rief Betsy und legte ihren Strauß aus die Tischecke.

„Unglückskind, das Tischtuch wird naß,“ jammerte die kleinere der Tanten, Miß Ellen.

„Schrei nicht!“ zischte der Alte kalt, während er seinem Sohne die Hand reichte, dann, mit einem Wutblick in das erschrockne schwammige Gesicht der Miß Ellen, nahm er Zenon unter den Arm und ging, mit Mühe seinen gewaltigen Körper erhebend, zum Tisch.

„Auftragen,“ knurrte er, indem er mit dem Stock auf die Diele stieß, denn die Küchenräume waren im Souterrain.

Sie nahmen ihre Plätze schweigend ein, nur Betsy, welche die Blumen in Vasen verteilte und auf den Tisch stellte, bemühte sich, eine fröhlichere Stimmung zu erwecken, aber vergebens, denn ihre süße, halb kindliche Stimme erstarb wie eine Blume in dieser kalten Atmosphäre, die voll von Ärger, Unwillen und einem ewigen Übelnehmen war. Miß Dolly tötete mit rügenden Blicken jedes ihrer Worte, jedes heitere Lächeln; Miß Ellen wieder peinigte sie auf ihre Art, indem sie jeden Augenblick aufstand, um ihre in Unordnung [67] geratene Frisur wieder herzustellen oder ihr eine Schleife zu binden. Endlich begann der alte Diener, der aussah wie eine Wachsfigur, die Speisen herumzureichen, er huschte leise und schleichend wie eine Katze hinter den Stühlen vorbei, so daß jeden Augenblick sein gelbes, bartloses Gesicht über einer Schulter auftauchte.

Sie aßen in solchem Schweigen, daß Yoe es schon nach der Suppe nicht mehr ertragen konnte und sagte:

„Weswegen seid Ihr denn heute so düster?“

„Wie immer … Hast du’s denn in den zwei Wochen vergessen,“ bemerkte Miß Dolly sauer und seufzte kläglich.

„Die Knöpfe werden dir von der Bluse abspringen von diesem ewigen Seufzen,“ rief der Alte.

Betsy konnte das Lachen nicht mehr unterdrücken und platzte laut heraus.

„Hör’ auf, ich bitte dich, Betsy!“ rügte Dolly streng.

„Aber im Gegenteil, lach’, Betsy, lach’ ganz ungezwungen!“

„Ich kann nicht essen, wenn jemand so unsinnig lacht,“ erklärte Dolly.

„Und ich habe gerade dann einen besseren Appetit; also lach’, Kleine,“ rief der Alte.

„Ach diese Männer,“ jammerte Miß Dolly nach einer Weile mit Grabesstimme.

„Ach diese Tanten,“ wiederholte er mit so komischer Stimme, daß Betsy wieder zu lachen anfing; sogar Yoe konnte sich nicht mehr halten, und Dick ließ beinahe die Schüssel auf den Rücken von Miß Dolly [68] fallen, als er sein Gesicht hinter ihr verbergen wollte; es war so merkwürdig vom Lachen verzerrt, daß es aussah wie eine zertretene Zitrone.

„Tollpatsch,“ flüsterte sie, ihn mit ihren Blicken durchbohrend.

„Was? Wie?“ Mr. Bartelet preßte es beinahe heraus, in einem plötzlichen Wutanfall.

Miß Dolly geruhte weder zu antworten, noch ihn anzusehen.

„Betsy, sag’ der Tante, daß ich, wenn dies mir galt …“

„Betsy, sag’ dem Vater, daß ich auf einen so vulgären Ton und derartige Verdächtigungen nicht antworte …“

„Betsy, sage ihr, daß ich keine Bemerkungen ertrage, daß ich das nicht dulde …“

„Betsy, sage ihm, daß er ein Tyrann ist, daß er eine Unglückliche quält, daß …“

So kreuzten sich scharfe, ärgerliche Worte, beide hörten auf zu essen, und unheildrohende Augen verbohrten sich über den Tisch hinüber mit erbarmungslosen Spitzen ineinander, plötzlich umflorten sich die Augen von Miß Dolly, und Tränen stürzten in Strömen auf ihr weiches, gepudertes Gesicht und hinterließen gelbliche Furchen.

„Dick, reiche der Miß ein sauberes Taschentuch, Puder, einen Spiegel und frischen Braten, denn der ihre fliegt eben in diesem Augenblick samt dem Teller auf die Erde!“ rief der Vater, sich die Hände reibend, denn Miß Dolly war so heftig vom Tisch aufgesprungen, daß das ganze Gedeck zu Boden flog; doch der [69] Ärger verließ den Alten nicht mehr, er fing an zu essen und schaute der Hinausgehenden wütend nach.

Dieses kurze Gewitter hatte jedoch die Luft vollständig gereinigt, man atmete erleichtert auf, und sogar Miß Ellen, die sonst in Gegenwart der Schwester leblos und stumm dasaß, hatte ihre Stimme wieder erlangt, und Zenon, der sich vorsorglich abseits hielt, begann bereits lauter und heiterer mit Betsy zu plaudern. Yoe jedoch schwieg hartnäckig und hob sein Gesicht kaum vom Teller, trotzdem er wußte, wie sehr dies den Vater reizte.

Mr. Bartelet konnte es nicht mehr ertragen, er warf dem Sohn finstere Blicke zu, er schlug mit dem Messer an den Teller; aber als Yoe kein Wort sprach, fing er selbst an, zu ihm zu sprechen, auf seine übliche ironische Art.

„Was ist das für eine Berühmtheit, die in Eurer Pension wohnt?“

Yoe erhob seine nachdenklichen, traurigen Augen zu ihm.

„Seit zwei Wochen schreiben fast alle Zeitungen über ihn.“

„Ich lese keine Zeitungen,“ entgegnete der Alte kurz. „Aber du mußt doch wissen, von wem ich rede.“ Es begann schon wieder in ihm zu kochen.

„Der alte Brahmane, der Mahatma Guru … Ja, er wohnt dort.“

„Ich entnehme aus den Artikeln, daß er ein neues mystisches Busineß in England gründen will.“

„Ich kann mich verbürgen, daß er weit entfernt von dem ist, was man boshaft ein ‚mystisches Busineß‘ [70] nennt; er ist gekommen, sich Europa etwas anzusehen.“

„Nun ja, und bei dieser Gelegenheit ein wenig von unseren Pfunden zusammenzuscharren.“

„Er hat genug an seinen Rupien, überdies hat für ihn das Geld nur seinen eigentlichen Wert, das heißt: keinen,“ erwiderte Yoe mit Nachdruck.

„Also diese spiritistischen Wunder da werden umsonst gezeigt?“

„Aber es werden doch gar keine Wunder gezeigt, und ein Spiritist ist er schon ganz und gar nicht.“

„Ja, aber weswegen pilgern denn all diese Massen zu ihm, von denen man jeden Tag schreibt?“

„Es fehlt nirgends und nie an einer Menge von Müßiggängern und im besonderen an Pseudogelehrten, an Sensationshungrigen, die überall den Fraß des Experimentierens wittern, und solchen, die meinen, die Welt wäre nur dazu da, um über ihr erdachtes, verworrenes und leeres Gefasel zu schreiben. Er empfängt zuweilen einige, ja, er spricht sogar manchmal gern mit ihnen, er disputiert oft, aber am häufigsten forscht er nur aus und horcht zu.“

„Aber das muß ja ein ganz besonderer Gelehrter sein?“

„Er ist mehr als ein Gelehrter, – er ist ein Weiser.“

„Ja, und schleudert oft Blitze der Verdammung auf uns und unsere Kultur,“ mischte sich Zenon ins Gespräch.

„Wie, was? Er verurteilt unsere Kultur?“ fragte der Alte in höchstem Erstaunen; er traute seinen eigenen Ohren kaum.

[71] „Leider verurteilt er sie entschieden, und, was schlimmer ist, wir müssen ihm recht geben,“ sagte Yoe.

„Er hat recht? … Reize mich nicht, Junge … Merkwürdig, sehr merkwürdig … Ihr müßt mir von ihm erzählen, denn ich sehe, daß man durch die Zeitungen falsch unterrichtet wird.“

„Natürlich, denn von hundert Reportern hat ihn kaum einer gesehen und mit ihm gesprochen. Aber alle mußten doch etwas von ihm schreiben, denn ganz London beschäftigt sich mit ihm.“

„Kennt Ihr ihn persönlich?“

„Yoe ist mit ihm befreundet.“

„Ja, wenn man so das Verhältnis des Menschen zum Absoluten nennen kann,“ erläuterte Yoe.

„So hoch schätzest du ihn?“ fragte der Alte leiser.

„Ich verehre ihn und liege vor seiner Weisheit im Staube.“

„Dick, bring den Tee nach oben, wir wollen hinübergehen, Kinder,“ kommandierte der Alte und bemühte sich, vom Stuhl aufzustehen.

Yoe reichte ihm den Arm, er stützte sich darauf und ging langsam und schwerfällig, ein wenig gebeugt, aber majestätisch, einer alten moosbedeckten und doch noch starken Eiche gleich; sein Gesicht war gerötet, sorgfältig ausrasiert, mit mächtigen, beinahe quadratförmigen Kiefern, seine Nase trocken und lang, seine Stirn hoch, von dichten, bürstenartigen grauen Haaren gekrönt, die Augen blaßblau, beinahe farblos, jedoch scharf unter buschigen, schwarzen Brauen hervorblitzend. Er war in diesem Augenblick stiller, [72] ruhiger und umfing jeden Augenblick den gesenkten Kopf des Sohnes mit einem festen Blick.

Betsy eilte voraus, man hörte den Widerhall ihrer Schritte auf den Stufen.

Zenon hatte die andern gleichfalls überholt, indem er seiner Braut nacheilte, so daß sie ganz allein gingen; der Alte ruhte oft aus, denn seine kranken Füße ließen keine Eile zu.

„Ich habe auf dich gewartet,“ begann Mr. Bartelet mit sanftem Vorwurf.

„Ich konnte nicht eher, ich mußte verreisen,“ sagte Yoe ausweichend.

Der Alte schüttelte zweifelnd den Kopf, doch sagte er nichts, sie ruhten wieder einen Augenblick im Flur aus, unter einer eisernen Laterne von altertümlicher Form, die von der Decke herabhing, in einem Kranze von bunten Lichtern, die in der Dunkelheit in Regenbogenfarben schimmerten.

„Was hört man in deinem Regiment?“

Das war fein Lieblingsthema.

„Es wird nach Afrika versetzt, der Tag der Abreise ist schon bestimmt.“

„Nach Afrika, auf den Kriegsschauplatz, nach Afrika!“ wiederholte der Alte erstaunt; es war in ihm plötzlich die Furcht erwacht und umkrampfte mit eisernen Krallen sein Herz, so daß er kaum atmen konnte.

„Ich habe das befürchtet,“ flüsterte er leiser. „Hm, na ja, dann wirst du hinfahren, mein Junge, der Dienst, die Pflicht … Ja, die Pflicht,“ fügte er leiser hinzu, denn seine Stimme war heiser geworden und blieb ihm in der Kehle stecken.

[73] „Wir haben noch einen ganzen Monat Urlaub, – es kann sich noch vieles ändern,“ beruhigte Yoe den Alten.

„Nichts kann sich ändern, nein: das Ende des Krieges ist noch weit.“

„Und die hungrigen Kanonen warten auf ihren Fraß, auf ihr Fleisch.“ Haß und Verachtung zitterten in Yoes Stimme.

„Sie warten auf ihren Fraß,“ wiederholte der Alte wie ein düsteres, trauriges Echo.

Jetzt schwiegen sie beide, Yoe beschloß in diesem Augenblick, ihm nichts davon zu sagen, daß er den Abschied genommen hatte, – er wollte keinen Streit, wollte ihm den Ärger ersparen; der Vater war heute so gut und so ausnehmend sanft, daß er es nicht wagte, ihm diese so seltenen Augenblicke zu verleiden, und übrigens rechnete er auch damit, daß die Nachricht davon, daß sein Regiment für den Kriegsschauplatz bestimmt sei, ihn geneigter stimmen würde. Er floh doch nicht aus Angst vor dem Kriege, denn er hatte ihn schon so manches Mal zur Genüge genossen.

„Als Ziel für die Kugeln dieser nie fehlschießenden Bauernburschen!“ flüsterte der Alte vor sich hin, als sie das große, helle Zimmer im ersten Stock betraten, das eine Art Salon und eine Bibliothek zugleich darstellte. An einem niedrigen Tischchen vor dem Kamin machte sich Betsy schon mit dem Tee zu schaffen, als sie eintraten. Mr. Bartelet versank in ein großes Fauteuil, nahm eine Tasse und verfiel, langsam schlürfend, in tiefes Nachdenken.

Die Tanten erschienen bald, ihnen voraus ging Dick, der die Fußbänke trug. Miß Dolly war schon [74] wieder erhaben und majestätisch schön wie gewöhnlich, nur seufzte sie noch stärker, während sie Tee trank, und überwachte strenger als sonst mit versteckten, lauernden Blicken Betsy; und Miß Ellen, zart und hager, wie der trockene Stengel einer Königskerze mit der letzten blassen Blüte darauf, schob sich schüchtern hinter die Schwester und schaute scheu nach dem Fauteuil des Bruders; sie setzte sich ängstlich in die Nische zwischen den Bücherschränken, wo sie ganz leise in den vergilbten Blättern einer Bibel blätterte und sich langsam in die Betrachtung des heiligen Textes vertiefte.

Yoe spazierte mit einer Tasse in der Hand umher und musterte hin und wieder die langen Bücherreihen auf den Regalen.

Stille erfüllte das Zimmer, jene wundersame sonntägige Stille, voll von wohltuender Ruhe, als wäre sie erfüllt vom Widerhall der Kirchen, die schon leer und dunkel und doch noch voll von Widerklängen längst verstummter Lieder sind, voll von verwehenden Düften, voll von irrenden Seufzern, voll von jener Stimmung der Gebetsekstasen und zugleich der Langeweile und Schläfrigkeit.

Alle versanken in schweigendes, schläfriges Nachdenken, nur Dick wachte und huschte ab und zu ohne Geräusch vorüber und reichte Tee herum.

Zenon und Betsy, die nebeneinander auf einem großen, die Hälfte der Wand einnehmenden Sofa saßen und darin fast verschwanden, flüsterten, eng aneinandergeschmiegt, fern von ihrer Umgebung, nur mit sich selbst beschäftigt, heiße Liebesworte und blickten sich mit weltentrückten Blicken an.

[75] In dieser ruhigen und herrlichen Atmosphäre der Liebe, unter ihren selig leuchtenden Augen begann Zenon sich so wohl zu fühlen, wie er sich immer in diesem Zimmer gefühlt hatte.

An solchen Sonntagabenden versuchte er mit Aufbietung aller Kraft, wenn er auch immerfort an das rätselhafte, quälende Gesicht Daisys denken mußte, wenn auch beunruhigende halbe Gedanken, halbe Klänge und halbe Bilder sein Gehirn ausfüllten, dies Gefühl loszuwerden; er sehnte sich danach, tief und aufrichtig, alles zu vergessen, was nicht mit diesem guten, seligen Augenblick, was nicht mit Betsy in Zusammenhang stand, und was nicht sie selbst war.

Das gelang ihm manchmal, und dann schaute er sie voll stillen, vom Übermaß an Gefühl schüchternen Glückes mit verliebten Blicken an, denn Betsy in ihrem Sonntagskleid aus schwarzer, matter Seide, das nur von einem weißen Umlegekragen und Spitzenmanschetten erhellt war, schlank, hoch und graziös, war geradezu reizend. Ihr frisches Gesichtchen, von dichten aschblonden Flechten umrahmt, erblühte aus dieser düsteren Schwärze wie die Knospe einer Apfelblüte, sie bebte von Lenz und Glück, und der etwas große und kindliche Mund war so kirschrot, so belebt von Lächeln und so voll süßer Verheißungen. Sie fühlte sich in diesem Augenblick überaus glücklich; das Essen war beinahe ruhig vorübergegangen, die Tanten schwiegen, Yoe war zu Hause, der Vater saß ruhig, und er, Zen, saß neben ihr, wirklich neben ihr, und so nahe, daß es sie plötzlich schrecklich danach verlangte, ihm den Schnurrbart mit der Hand zu [76] verdecken und ihn auf den Mund zu küssen, auf diesen roten, ewig kußhungrigen Mund … Aber sie seufzte nur traurig und errötete bei diesem nicht zu erfüllenden Gedanken und umfing nur noch mit küssenden Augen sein schönes, etwas müdes Gesicht, die hellen und sanften Augen, den gierigen Mund, ach und jenes entzückende Lächeln, das in den Mundwinkeln lauerte, dieses gute, entwaffnende Lächeln.

„Miß Betsy hat versprochen, mir ein Wort zu sagen,“ flüsterte er.

„Was für eins? Ich weiß gar nicht mehr, daß ich irgend etwas versprochen habe.“

„Dort am Strand, heute morgen,“ erinnerte er sie hartnäckig.

„Nein, nein, es geht jetzt nicht, sie könnten es hören … Nein, Zen, später,“ bat sie ängstlich.

„Ich warte und verlange mit ganzer Seele nach Erfüllung des Versprechens.“

„Dann … Bitte mich nicht anzusehn, bitte die Augen zu schließen.“

„Ich sehe schon nichts mehr, ich höre nur.“ Er brachte seinen Kopf noch näher, und da flüsterte ihm Betsy, ganz in Flammen und ein wenig bebend, leidenschaftlich das unsterbliche: „Ich liebe“ ins Ohr. Sie flüsterte lange, während sie manchmal mit glühenden Lippen sein Ohr berührte, so daß er heftig bebte und noch heftiger seinen Kopf an ihr Gesicht preßte, gleichfalls abgerissene brennende Worte flüsternd, die sich mit so stürmischem Feuer in ihr Herz ergossen, daß sie nur mit einer letzten instinktiven Bewegung von ihm fortrückte und schwer [77] atmend mit geschlossenen Augen dasaß, voll tiefster Freude und zugleich voll wundersam süßer Scheu. Sie konnten nicht mehr reden, sie schauten sich nicht einmal mehr an, doch dieses Unausgesprochene versenkte sie in einen so seligen Rausch, daß sie sich nur noch unbewußt und unaufhörlich einander zuneigten, wie Blumen, die sich duftschwer in heißen Nächten neigen, wie Bäume, die sich schlaftrunken zu den Bächen hinabsenken in stillen Frühlingsnächten und flüstern, voll stummen, sehnsüchtigen und nie gestillten Verlangens nach dem Tage, der noch fern ist, nach der Sonne.

Eine einschläfernde und tote Stille erfüllte das Zimmer, alle saßen unbeweglich da, sogar Dick war verschwunden; nur wie aus der Erde heraus, wie unter dem Hause hervorkommend, drang hin und wieder ein schnelles, kurzes Geräusch, das vorüberhuschte wie der Schatten der aller Augenblicke vorübereilenden Züge, zuweilen wurden melancholische Seufzer von Miß Dolly laut, die düster in versunkene Fernen verflossener Jahre und teurer Ereignisse versunken war; oder der Alte bewegte sich wieder ungeduldig, umfing mit ängstlichen Augen den Kopf des Sohnes und verfiel wieder in Unbeweglichkeit, während er eiligst die Lider über die tränenschimmernden Augen senkte. Der Abend schleppte sich langsam dahin, in einem müden, schläfrigen Rhythmus der Momente, die vorüberglitten wie stumme, namenlose Vorübergehende, die niemand kennt, die niemand nötig sind, und an die man nie mehr denkt.

„Denn aus den Kleidern kommt die Motte und [78] aus dem Weibe die Schlechtigkeit der Schlange,“ ertönte plötzlich die freudige und salbungsvolle Stimme der Miß Ellen. Alle zuckten zusammen, gewaltsam geweckt, Betsy sprang auf, der Alte aber platzte mit lautem Lachen heraus und sagte spottend:

„Lauter Propheten erwachen, was …? Im Traum ist dir wohl dieser prachtvolle Vergleich gekommen; aber wie war das gleich?“

Doch die Uhr auf dem Kamin schlug zehn, Miß Ellen antwortete nicht und versteckte ihr erschrockenes Gesicht hinter der Bibel, Yoe aber, der gegenüber dem Vater saß, stand auf und wendete sich an Zenon:

„Es ist Zeit für uns!“

„Was? Um zehn Uhr nach Hause? Das hat es ja noch nie gegeben,“ rief Betsy.

„Der Vater ist müde, und alle sind schläfrig,“ so bemühte er sich, den Aufbruch zu erklären.

„Aber im Gegenteil, ich fühle mich heute vortrefflich und werde gern noch etwas mit Euch sitzen, ich würde sogar ein Spielchen mit dir machen, Yoe, ich habe schon lange nicht mehr Piquet gespielt.“

„Gut, wollen wir spielen, gern!“ So belebte sich Yoe wieder.

Dick hatte schnell alles vorbereitet, bald vertieften sie sich in die Kombinationen des Spiels; plötzlich fragte der Alte ganz unerwartet, seine Stimme dämpfend:

„Also das ist schon ganz sicher, daß das Regiment auf den Kriegsschauplatz soll?“

„Vollkommen sicher, denn nicht nur der Tag, sondern auch die Schiffe zur Überfahrt sind schon bestimmt.“

„Und nach der Landung geht’s gleich ins Feuer?“

[79] „Wahrscheinlich …“

Mr. Bartelet geriet in Ärger, fluchte und schlug mit dem Stock auf die Diele, so daß Betsy erschrocken herbeieilte.

„Mein lieber, guter Vater, du sollst dich nicht ausregen, der Arzt hat es verboten,“ bat sie und nahm seinen Kopf in ihre Hände.

„Nun gut, ja, ich sitze schon ruhig, wie sollte man sich da nicht ärgern, wenn … wenn Yoe die Karten gibt, als hielte er sie zum erstenmal im Leben in der Hand!“

Als sie die Quelle seines Ärgers erfahren hatte, ging sie beruhigt fort; sie fühlte sich so merkwürdig freudig gestimmt und überhäufte Zenon mit nicht endenwollenden Fragen.

Er antwortete fröhlich, oft sogar scherzend, denn sie platzte bei jeder Gelegenheit mit lautem Lachen heraus. Sie lachte herzlich, doch sie unterdrückte dabei mit nicht geringer Mühe die Frage nach Daisy; dieser Name wurde ihr verhaßt, er brannte auf ihren Lippen und durchdrang sie mit einer noch dunkeln Angst, doch erweckte er zugleich eine beinahe schmerzhafte und quälende Neugier.

Zenon begann dies herauszufühlen, aus abgerissenen, verworrenen Worten, aus den Lücken, die zwischen den Fragen nach fast jedem Tag waren, den er fern von ihr verlebt hatte, nach den Bekannten, nach seinen Arbeiten, und manchmal sogar wußte er schon deutlich an den stummen und unbewußten Bewegungen ihres Mundes, daß dahinter jener unheildrohende Name verborgen war, daß sie davon durchdrungen war, [80] wie von einem glühenden Dolche, und ihn trotzdem nicht auszusprechen wagte. Er wollte es nicht zulassen, er wußte selbst nicht, warum, er fürchtete diese Frage, also zwang er sich absichtlich zum Humor, er machte Scherze, erzählte amüsante Anekdoten, nur um diesen Augenblick weiter hinauszuschieben, oder ihn völlig auszulöschen. Das Gespräch brach aber immerfort ab, die Themen erschöpften sich schnell, und öfter und länger trat ein Schweigen ein, beunruhigende Pausen, in denen ihre Augen, von dieser geheimen Sorge bedrückt, scheu und voll Unruhe einander flohen. Zum Glück setzte sich Miß Dolly zu ihnen und begann mit kläglicher Stimme entrüstet über irgend ein Stück Dumas zu schimpfen, das sie vor einigen Tagen mit Sarah Bernard in der Hauptrolle gesehen hatte.

Miß Dolly war eine leidenschaftliche Männerfeindin, sie war sogar Vorsitzende des Klubs „Unabhängige Frauen“, die Prophetin eines künftigen Matriarchats und eine glühende Vorkämpferin der Frauenrechte, und sie hatte sich schon vom ersten Tage an glühend gegen die damals berühmte Dumassche These „Tue la“ gewandt.

„Ein verbrecherischer und schändlicher Unsinn, diese Theorie! Töte sie? Wofür denn? Wer hat denn das Recht, über das Leben eines Weibes zu entscheiden, außer ihr selbst, wer? Wo ist ihre Schuld? Daß sie sein Eigentum nicht sein will, daß sie flüchtet vor seiner Tyrannei, daß sie Recht und Freiheit für sich fordert, daß sie ein eigenes, unabhängiges Leben haben will, dafür morde sie, fessele sie, wirf sie in den Abgrund [81] des Unglücks und der Schande, zertritt ihr Herz und ihre Seele, nimm ihr das Menschliche, daß sie jeden Moment vor den Augen ihres Eigentümers erzittere, auf den Knieen seine Gedanken errate, daß sie nur sein Echo sei, sein Schatten, ihm Kinder gebäre und seine niedrigste unterwürfigste Dienerin und Sklavin werde … Denn der Herr will es so, der Herr macht die Gesetze, der Herr hat die Gewalt, das Geld, – also muß es so sein. Und wenn sie sich widersetzen sollte, dann töte sie! So ist es im Leben, und da kommt der schändliche Franzose und wagt es, uns diese gemeine Theorie von der Bühne herab zu verkünden, und wir hören zu, wir disputieren ganz ernsthaft über diese dumme, böse Phrase, o Ihr weiblichen Schwestern, Ihr Märtyrerinnen der männlichen Übermacht!“

„Heilige Geister, die ihr in Tieren wohnt, – das Weitere kennen wir schon von deinen Reden und Aufrufen her,“ bemerkte plötzlich Mr. Bartelet spottend.

Miß Dolly zuckte nur mit den Achseln, blieb aber eine Zeitlang stumm.

„Deklamiere, Dolly! Du solltest eigentlich erste Predigerin in dieser feministischen Kirche der Zukunft werden, du hast ja alle dazu nötigen Eigenschaften: eine weithinschallende Stimme, einen starken Glauben, den Haß gegen die Überzeugungen anderer, einen großen Vorrat höchst pathetischer und hinreichend dummer Phrasen, und du nimmst es mit der Wahrheit nicht so genau. Das ist doch das Fundament aller Tribunen!“

„Du Grobian, du Tyrann!“ zischte sie durch die [82] zusammengepreßten Zähne und maß ihn dabei mit einem erhaben verächtlichen Blick.

„Eine sehr schlaue Theorie: sich alle Rechte anzumaßen, das Geld mit einbegriffen, und uns gnädigst alle Pflichten und Lasten zu überlassen,“ spottete unbarmherzig der Alte, während er Karten gab.

Sie erwiderte kein Wort mehr; erst als er sich wieder in das Spiel vertieft hatte, dämpfte sie ihre Stimme und sprach, indem sie ängstlich nach ihm hinschaute:

„Das Leben des Weibes ist ewige Sklaverei, ein Leben von Geistern, die in Tieren wohnen müssen, ein Golgatha ohne Ende!“

Miß Ellen, die sich eben voller Scheu näher an sie herangesetzt hatte, sagte darauf mit ihrer leisen, öligen Stimme:

„Die Dankbarkeit des Weibes bewacht und erheitert den Mann und mästet seine Glieder.“

„Elendes Gewäsch von Kameltreibern; du wiederholst es wie ein Phonograph.“

Dolly sprang ärgerlich auf, denn Ellen hatte die Gewohnheit, oft und ohne Grund die Hand zu erheben und mit salbungsvoller Stimme das erste beste Zitat herzusagen.

„Wenn dies auch eine wunderbar treffende Definition des Verhältnisses zwischen Mann und Weib ist … ‚Sie erfreut ihn und mästet seine Glieder‘. Ja, nur darum geht es Euch in der Ehe, nur darum,“ fügte sie mit Kraft hinzu.

Doch Zenon ließ sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen, er beeilte sich gar nicht, die Männer in [83] Schutz zu nehmen, denn er kannte diese Theorien schon längst, und sie langweilten ihn; er sagte also kühl und nur aus Höflichkeit:

„Vielleicht geht es nicht allen nur darum.“

„Ich hatte dabei nicht an Sie gedacht, nein, denn ich kenne Ihre edle, erhabene Denkungsart nur zu gut und schätze sie so hoch, daß ich nicht die geringste Sorge um die Zukunft meiner teuren Betsy habe; ich bin ruhig um ihr Glück.“

Betsy lächelte nur bei dieser ganz unerwarteten Besorgtheit um sie, sie kannte das nur zu gut; Miß Ellen hatte schon die Hand erhoben und den Mund zu einem passenden heiligen Spruch geöffnet, als Dolly sie mit einer energischen Bewegung zurückhielt; sie wollte Zenon von einer anderen Seite attackieren und zur Diskussion zwingen.

„Wie hat Ihnen ‚Ocheta‘ gefallen?“

„Ich kenne dieses Stück nicht, denn ich gehe nie in ein Theater.“

„Was, Sie gehen nie ins Theater?“

„Ja, seit fünf Jahren war ich nicht einziges Mal im Theater.“

„Also besuchen sie wohl nur Konzerte und Opern?“

„Da ich mich selbst ein wenig mit Musik befasse, besuche ich auch Opern nicht; ich gehe grundsätzlich zu keinen öffentlichen Schaustellungen, grundsätzlich.“

„Grundsätzlich? Sie müssen ganz besondere Gründe haben.“

„Die sind sehr einfach und gar nicht ungewöhnlich,“ entgegnete er lächelnd.

[84] „Vertilgt wird die Sünde der Menge werden und die Sünder!“ sprach Mist Ellen feierlich.

Zenon ließ sich hinreißen, und da dies selten geschah, war er um so heftiger.

„Also, um es gerade herauszusagen: diese schändliche Lüge, die sich Theater nennt, ist mir zum Ekel geworden, und darum habe ich diese Dummheit, diese Blague, dieses elende Geschäft, das sich frech als Kunst aufspielt, hassen lernen vom Herzensgrunde. Ich habe genug von diesem Getue, von diesen dummen Gesten ins Leere hinein, von dieser närrischen Lebensvortäuschung, von diesen affigen Nachahmungen, von diesem Menschenspielen und von dieser ganzen verblödeten, eingebildeten Schauspielermenagerie und dieser Beifall klatschenden, von Blödheit trunkenen Menge.“

„Was willst du also?“ fragte Yoe lebhaft und hörte zu spielen auf.

„Einen wahren und echten Kultus des Schönen.“

„Ja, sind denn Shakespeare, die Griechen und so viele, viele andere keine wahre Kunst?“

„Alle diese berühmten und mit Ehrfurcht genannten Namen sind nur leere Klänge, längst schon ist ihr wahrer Inhalt gestorben, – so lange schon, daß uns diese Namen nicht mehr sagen als die Namen von Planeten und Sonnen, die uns ebenso fremd, fern und unbekannt sind. Das sind falsche Edelsteine, die ihren Glanz verloren haben, Wahrheiten, in einer unverständlichen Sprache verkündet, Leichen, die wir freiwillig schleppen, Leichen, die schwer wie Blei auf unseren Seelen lasten, so daß wir langsam unter ihrer [85] unheilschwangeren Herrschaft zugrunde gehen, weil wir nicht einmal daran zu denken wagen, daß wir sie von uns in ein Museum abwälzen könnten.“

„Ja, ich verstehe dich, ich habe es endlich eingesehen, daß alles, was uns heute beherrscht, was wir anerkennen, Lüge ist und ein Leichnam, – also kann auch das Theater nichts Besseres sein,“ bemerkte Yoe düster.

„Es ist sogar noch schlimmer, denn es spielt sich als Tempel der Kunst auf und sät doch nur moralischen Analphabetismus, ist nur eine Fabrik von falschen Worten, eine Schule des Schlechten und der Dummheit. Denn von Priestern ist es in die Hände von Ignoranten und Dirnen geraten, es wurde zum Bedürfnis nicht der Seele, sondern der Sinne, also spricht es nur noch zu Augen und Händen eines großen geistigen Lakaientums, erspart ihnen das Denken, unterhält sie und ist für sie ein tägliches Abführungsmittel gegen Langeweile und intellektuelle Unfähigkeit.“

„Ein scharfer Pflug sollte den von Unkraut überwucherten Acker des Lebens durchpflügen!“

„Nicht einmal mit Dynamit könntest du ihn sprengen, – ich habe aufgehört, an äußere Reformen zu glauben.“

„Was also bleibt zu tun?“ fragte Mr. Bartelet, neugierig gemacht.

„Man sollte nicht reformieren, was nicht mehr zu ändern ist, man sollte das Böse seinem eigenen Schicksal überlassen, – mag es sich selbst auffressen und weiter verfaulen. Ich habe jetzt nur an das Theater [86] gedacht, – mag es so bleiben, wie es ist, für die, die es nötig haben. Doch für die anderen muß man ein neues Theater schaffen, – ein Theater, das zugleich ein Tempel ist, der Schönheit geweiht. Einst gab es in fernen Zeiten bei den Urvölkern Feste des Frühlings und des fruchtbringenden Herbstes, zu denen man sich versammelte, um sie feierlich zu begehen; man sollte solche Feste wieder ins Leben zurückrufen … Ich stelle mir einen uralten Wald vor, oder das öde, wilde Ufer eines Meeres, fern von jeder Alltäglichkeit, fern von dem Gedränge und dem lächerlichen Treiben des Lebens, und dort, unter freiem Himmel, in der Frühlingsluft, in den grünen, sangerfüllten Tiefen des Waldes, auf dem Hintergrunde der wiedererwachenden Natur, oder an einem Herbsttage, der von Spinnweben durchwoben, nachdenklich, blaß und heilig wie Hostien ist, an sehnsüchtigen Tagen voll stiller Klage, wenn das rostfarbene Laub fällt, am Ufer des saphirblauen Meeres, das umgürtet ist von der goldenen Morgen- und der blutigen Abendröte, – dort ist der Tempel aller Künste, der Apollinische Altar aller Ekstasen, dort die bis in den Himmel dringende Hymne der Farben und Träume, der Klänge und Formen, der Gebete und Visionen, die Hymne von der Unsterblichen Schönheit trunkener Seelen, die das Herz von allen Sünden, allem Bösen und allem Häßlichen läutert. Ein neues Eleusis für die, welche nach Erschütterungen und Betrachtungen verlangen, eine neue Wiedergeburt der Menschheit, – Jerusalem! Davon träume ich!“ schloß Zenon.

„Das ist wunderbar, außergewöhnlich, doch unmöglich, [87] – es läßt sich nicht verwirklichen,“ rief Miß Dolly enthusiastisch.

„Alles ist möglich für die, welche wollen!“ flüsterte Yoe.

„O Gott, wie schön, wie wunderbar das ist, wie wunderbar!“ dachte Betsy; sie wagte diese zauberschönen Visionen nicht mit ihrer Stimme zu verscheuchen, sie war hingerissen von seinen Worten, von der Begeisterung, mit der er gesprochen hatte; so schaute sie denn nur voll Liebe und Bewunderung auf sein schönes, blasses Gesicht, das, gleichsam von einer Eingebung erleuchtet, traumverloren und sehnsüchtig zugleich war.

„Ich sehe schon diese Pilgerfahrten, diese unzähligen Massen, diese Festtage voll geheimnisvoller, erhebender Feier,“ begeisterte sich Miß Dolly.

„Das Haus Cook & Co. könnte sich der Sache annehmen; man könnte sogar eine Aktiengesellschaft zur Veranstaltung solcher Feste gründen, – kein übles Geschäft; und wenn man dazu noch eine Spezialzeitschrift ins Leben rufen, Agenturen auf der ganzen Welt anlegen und die Preise ermäßigen würde, dann würde das Geschäft bestimmt gehen,“ spottete der Alte; doch beide Tanten, Betsy und sogar Yoe warfen sich ihm entgegen und verteidigten dieses Projekt, so daß eine etwas ungeordnete, hitzige Unterhaltung begann, denn der Alte machte jeden Augenblick boshafte Bemerkungen.

Zenon schwieg, und erst, als sie ein wenig ruhig geworden waren, verkündete er ganz unerwartet:

„Mein Traum muß einige Zeit noch Traum bleiben, [88] aber inzwischen eröffnen wir ein Marionettentheater.“

„Ein Marionettentheater? Es gibt ja doch schon einige!“

„Unser Theater wird nicht für Kinder sein.“

„Also für wen denn sonst könnte ein Marionettentheater sein?“

„Dieses hier wird für Erwachsene sein, für Künstler von Künstlern geschaffen.“

„Kinderei, Dekadenz, französische Einfälle!“ schrie Mr. Bartelet.

„Es mag sein; aber diese Kinderei ist der wahren Kunst näher und gibt echtere, tiefere Eindrücke als das heutige Theater,“ sagte Zenon.

Nein, er hatte keine Lust mehr zu reden, – er fühlte sich schrecklich matt; also erzählte er wie willenlos von den näheren Einzelheiten dieses Theaters, wobei er sich nur an Betsy wandte, – der Alte fing schon an, ihn nervös zu machen mit seinen brutalen Bemerkungen. Doch plötzlich sprang er, ohne den Satz zu beenden, mit dem Schrei auf:

„Es ist jemand hereingekommen!“

Er hatte es ganz deutlich gesehen, wie die Portiere sich bewegte; und als er die Tür aufstieß, hörte er das Geräusch von Schritten und das Rauschen eines über den Teppich schleifenden Kleides.

Sie verstummten, entsetzt über seine Stimme und Haltung; denn vorgebeugt, blaß, mit irr leuchtenden Augen lauschte er, wie dies Geräusch, das kaum zu erhaschen war, durch das Zimmer zu den Fenstern glitt … Er hörte es deutlich, konnte es unterscheiden … [89] Er war tief davon überzeugt, daß jemand durchs Zimmer gehe … daß jemand von der Stiege hergekommen sei und jetzt an ihnen vorübergleite … Er sprang in die Mitte des Raumes, als wollte er die Unsichtbare festhalten …

Doch es war niemand da, das Geräusch erstarb wie eine ausgeblasene Flamme, alle saßen still und ängstlich da und schauten ihn unverwandt an; er sah sich im ganzen Zimmer um, öffnete die Schränke, ja, er schaute sogar hinter den heruntergelassenen Fenstervorhängen nach.

„Ich war sicher, daß jemand hereingekommen wäre und langsam durchs Zimmer ginge!“

„Dick, schau einmal morgen in den Bücherregalen nach, es scheinen sich dort wieder Ratten eingenistet zu haben!“ rief der Alte fröhlich, aber er ließ seinen Blick verstohlen im Zimmer umherschweifen.

„Ich könnte meinen Kopf dafür geben, daß dies Geräusch nicht von den Ratten herkam, – ich sah, wie die Portiere sich hob, ich hörte ganz deutlich das Rauschen eines Kleides,“ versicherte Yoe.

„Es schien dir nur so, – etwas in der Art einer Gehörshalluzination! Ich selbst habe solche Einbildungen im ersten Jahre meines Aufenthaltes in Indien oft gehabt, – die übliche Folge von Hitze, doch ich wurde schnell und gänzlich davon geheilt,“ erklärte Yoe ruhig, gewaltsam bemüht, diesen peinlichen Eindruck zu verwischen.

„Ja, du hast recht, es ist hier ganz besonders warm, sogar heiß,“ erwiderte Zenon.

[90] „Dick, dreh den Gashahn im Kamin aus!“ befahl der Alte und rückte vom Feuer fort.

„Wenn Sie Kopfschmerzen haben, mache ich Ihnen gern einen Umschlag,“ schlug Ellen vor.

„Im Gegenteil, ich fühle mich ganz vorzüglich, besten Dank.“

Doch ein Gespräch wollte sich nicht mehr anknüpfen, sie sprachen einsilbig, – einzig und allein, um die leise Unruhe zu unterdrücken, die sich in ihre Herzen hineinzuschleichen begann; immer öfter schwiegen sie, und immer ängstlicher schweiften ihre mißtrauischen Augen in dem hellerleuchteten Zimmer umher.

Der Alte machte sich über alle lustig, weil sie so leicht einer Suggestion verfielen; doch auch das half nichts und konnte die frühere Stimmung nicht mehr zurückbringen; und da es schon nach elf war, begann man langsam aufzubrechen.

Die Tanten entfernten sich zuerst in ihre Zimmer im zweiten Stock und nahmen Betsy mit, der Alte aber zog den Sohn beiseite und bat ihn dort leise um etwas, doch dauerte das so lange, daß Zenon hinausging, um sie nicht zu stören.

„Mr. Zen!“ erklang hinter ihm auf der Treppe die gedämpfte Stimme Betsys.

„Mein Liebster, Bester, gehen Sie doch, bitte, zu einem Arzt!“ bat sie herzlich, als er etwas näher herangekommen war.

„Nun gut, ich werde zum Arzt gehen, werde mich einer Kur unterziehen, werde einen ganzen Berg Medizin schlucken, werde alles tun, was die tyrannische Miß Betsy verlangt. Auf Wiedersehn!“ rief er laut.

[91] „Auf Wiedersehn in einer Woche, in einer furchtbar langen Woche,“ flüsterte sie traurig, indem sie die finstern Stufen herunterkam.

„O ja, zuweilen enthält eine Woche tausend Jahre der Sehnsucht …“

„Und die ganze Unendlichkeit der Sorgen, der Unruhe,“ wiederholte sie wie ein Echo.

„Und … auf Wiedersehn!“ Er hatte das leise Knarren der Tür gehört.

„Nur bitte recht lange, liebe Briefe!“

„Wie immer ein Bändchen in Sedez,“ entgegnete er scherzend.

„Das ist mein Kalender, an dem ich die Tage bis zum Sonntag abzähle, – ich lebe nur durch Sie,“ sagte sie noch leiser und näher, nur einige Stufen von ihm entfernt.

„O Betsy!“ Sein Herz erbebte plötzlich in Liebe, er sprang zu ihr hinauf, erfaßte ihre Hände und begann sie heiß zu küssen.

„Denn ich sehne mich so nach dir, liebe dich so, und warte … so,“ flüsterte sie gerührt.

„O meine Betsy, du meine Herzensseele, du Einzige! O könntest du wissen, was …“ Er sprach nicht zu Ende, – das Mädchen entwand ihm die Hände, berührte mit den Fingern seinen Mund und lief fort, denn in diesem Augenblicke ertönte von oben herab die strenge Stimme von Miß Dolly.

Auch Yoe kam bald heraus, mit einer gerührten, geheimnisvollen Miene und Dick, der sie im Flure mit den Mänteln erwartete, flüsterte ihm noch etwas zu, als sie ins Freie traten.

[92] Draußen war es kalt und dunkel, der Nebel hatte sich gelegt, dafür aber fiel ein feiner, dichter und unangenehmer Regen, den ein eisiger Wind ihnen ins Gesicht peitschte. Es umfing sie eine undurchdringliche Dunkelheit, und als sie auf die sogenannten Eselswiesen herauskamen, versanken sie völlig in der Nacht; nur ganz in der Ferne, durch das Glasgewebe des Regens hindurch, leuchtete schwach eine Reihe Laternen.

Der Schmutz spritzte unter ihren Füßen auf, aber sie beschleunigten ihre Schritte, um möglichst schnell in die Straßen zu gelangen, die schon in der Dunkelheit sichtbar wurden; diese schweigende, düstere Ode erweckte unwillkürlich Angstgefühle.

Die Straßen waren jedoch ebenso düster, – es lag in ihnen die schlafende Stille des Sonntagabends; die Häuser standen in einer toten Reihe da, von Wasser triefend, blind und voll verzweifelter Langeweile, der Regen trommelte auf unsichtbaren Dächern, die Traufen erdröhnten unaufhörlich im scharfen Rhythmus des herunterfallenden Wassers; die seltenen, ein wenig dunkel brennenden Laternen standen wie müde Schildwachen da und warfen gelbliche Ringe auf den schwarzen, nassen Asphalt.

Nirgends war ein Mensch oder eine Droschke zu sehen, noch auch die geringste Bewegung in diesem Meer von Steinen, in dieser Stille der schlafenden Stadt, – nur das stete und schmerzhaft ermüdende Geräusch des unaufhörlichen Regens ließ sich hören, und die widrige Luft bedeckte ihr Gesicht mit einem klebrigen Tau.

[93] Endlich hatten sie die Station erreicht und stiegen in den ersten Zug, der in ihre Gegend fuhr. Im Kupee war es leer und beinahe dunkel, denn Yoe hatte das Licht gedämpft; sie saßen einander gegenüber, in tiefem Schweigen, und starrten durch die Scheiben.

Der Zug raste wie der Blitz dahin, mit lautem Rollen; und blitzartig huschten Gärten vorbei, so daß wie in einer Vision blätterlose Bäume verschwommen auftauchten und wieder schwanden. Der Zug blieb an dunkeln, schlafenden Stationen stehen, warf die Menschen an öden Plätzen hinaus und eilte wieder davon, bis er endlich anfing, langsamer zu fahren, da er die riesigen Viadukte erklomm, die hoch über die Häuser gespannt waren, – so hoch, daß man in der dunkeln Masse von Häusern nur schwach die Straßenlinien leuchten sah.

„Sage mir, wer ist Miß Daisy?“ fragte endlich Zenon nach langem, zögerndem Schweigen, schaute Yoe dabei jedoch nicht an.

„Ich weiß nicht, oder vielmehr: ich weiß soviel wie alle anderen; daß sie von Kalkutta gekommen ist, – dies ist beinahe alles, was ich von ihr weiß.“

„Ein merkwürdiges Weib, ich kann mir nicht klar werden über den Eindruck, den sie auf mich macht; und das macht mich oft unruhig.“

„O ja, sie verbreitet eine magische Düsterheit und Scheu, – ein merkwürdiges Weib,“ flüsterte Yoe bang.

„Ich dachte, du kenntest sie näher, – sie nahm doch an der Seance teil?“

[94] „Aber gegen ihren Willen, – ich nehme sogar an, daß sie gar nichts davon weiß.“

„Sie war da und weiß nichts davon? Ich verstehe nichts mehr.“

„Der Mahatma bemerkte, als wir von der spiritistischen Seance bei Mr. Smith sprachen, er glaube, Daisy hätte große mediumistische Kräfte in sich. Er riet uns sogar, man sollte ihr den Befehl suggerieren, zur Seance zu kommen; und gerade deswegen war ich damit einverstanden, daß die Sache bei mir stattfand.“

„Nun, und sie ist gekommen?“

„Ja, das weiß ich bis heute noch nicht. Ob das sie selbst war, die leibhaftige Daisy, oder auch nur ihr zweiter, ihr Astralleib …?“

„Aber ich erinnere mich ihrer doch gut und entsinne mich, daß du ihre Hand nahmst, ihre Augen und ihr Gesicht berührtest, – also muß sie körperlich dagewesen sein.“

„Ich erinnere mich dessen, aber ich erinnere mich auch, was du mir erzähltest, als wir zum Essen fuhren: von deiner Begegnung mit ihr auf der Stiege, einige Sekunden, nachdem du die Seance verlassen hattest … in einem Augenblick, wo alle Versammelten sie schlafen sahen …“

„Du mußt sie doch geweckt und gesehen haben, wie sie hinausging.“

„Sie kam für einige Augenblicke zu uns, nachdem du fortgegangen warst, – wir sahen sie ganz deutlich in der vollen Beleuchtung des Kronleuchters, ich sprach sogar mit ihr.“

„Und dann?“ fragte Zenon voll peinigender Angst.

[95] „Dann bat sie, man solle sich nicht von den Plätzen rühren; die Lichter erloschen von selbst, und sie ging hinaus.“

„Nein und tausendmal nein, das ist unmöglich. Das ist ein Märchen oder Wahn. Wie wäre es denn möglich? Ich begegnete ihr im Flur, wie sie von der anderen Seite herkam, und sie soll gleichzeitig unter Euch gewesen sein, – zu derselben Zeit hier sowohl wie dort?! Ich könnte doch meinen Kopf dafür geben, daß ich ihr begegnet bin, daß ich hinter ihr herging, bis hinunter zum Portier; also war es nur Halluzination, Einbildung, daß Ihr sie gesehen haben wollt.“

„Es war eine ebenso wirkliche Tatsache wie deine Begegnung mit ihr, – ebenso, wie du sie gesehen hast, war sie zugleich unter uns.“

„Dann hat sie sich also in zwei miteinander völlig identische Wesen gespalten? Mache dich nicht lustig über mich, versuche mich nicht zu überzeugen, – dies würde ja allem widersprechen, was wir wissen, würde unserem Verstand Hohn sprechen,“ rief Zenon gereizt.

„Wem widerspricht es? Unserem Wissen, unserem Verstand? Was wissen wir denn? Gar nichts! Wir stecken tief bis an den Hals in dummen, nichts erklärenden Tatsachen, an die wir uns festklammern, wie an die Brüstung über einem Abgrunde; wir wagen es nicht, uns von der Stelle zu rühren, ja nicht einmal zu denken, daß man sich in diesen Abgrund stürzen könnte, ohne verloren zu sein, und daß man gerade dort diese einzige Wahrheit, die eigene Seele, finden könnte.“

[96] „Sprich nicht, ich kann heute nicht mit dir darüber reden, ich bin so merkwürdig müde und erschöpft, daß ich leblos wie ein Stein hinsinken würde, betäubt von deinen exotischen, nebelhaften Hypothesen. Ich bin nur ein Mensch, der einzig und allein der Wirklichkeit traut, die seinen Sinnen zugänglich ist.“

„Es gibt nur eine Wirklichkeit: die Seele; außer ihr ist alles nur der Schatten, der von ihr in die Unendlichkeit fällt, – Trugbilder und Täuschung.“

„Das ist das Echo der Lehren des Mahatma Guru,“ flüsterte Zenon unwillig.

„Ich bin doch sein Schüler und Verehrer.“

„O Gott, daß doch der Mensch nie ohne Führer bestehen kann …“

„Weil er Erlöser haben muß, wenn er nicht nur Tschandala ist, menschlicher Dünger, auf dem erst vielleicht einst die heiligen Blumen des Geistes sprießen werden. Guru hat mich erlöst, ich bin aus seiner Weisheit neu geboren worden; ich war blind, – und habe das Sehen gelernt; ich war nur eine menschliche Leiche, – er hat mich von den Toten auferweckt und mich an die lotosduftenden Ufer der ewigen, einzigen Wahrheit geführt. So gehöre ich ihm also ganz und sage es dir mit Demut, voll Glücksgefühl und Stolz.“

„Wirst du ihm folgen?“ fragte Zenon und wartete voll Beben auf Yoes Antwort.

„Ja, ich werde ihn nicht mehr verlassen bis zu dem Tage, an dem ich ‚erstehen und sein‘ werde.“

„Also könntest du der Heimat und den Deinen entsagen?“

[97] „Die Heimat der Seele ist ‚Er‘, und ihre Sehnsucht und ihr Ziel ist, in ‚Ihm‘ zu bleiben.“

Zenon entgegnete nichts und schaute nur voll Verwunderung und Scheu zu Yoe auf.

Sie stiegen aus dem Zuge und durcheilten in völligem Schweigen einige leere Straßen; erst auf den Stufen des Hotels hielt Yoe, als er Zenon die Hand zum Abschied reichte, seine Hand fest und flüsterte ihm mit Nachdruck ins Ohr:

„Ich rate dir: hüte dich vor Miß Daisy!“ Und er ging eiligst fort.

„Warum?“ rief Zenon, bis ins Innerste von dieser unheilverkündenden Stimme erschüttert, doch Yoe verschwand ohne Antwort in dem schon dunkeln langen Gange.