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Der Spiritismus, eine geistige Verirrung unserer Zeit

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Textdaten
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Autor: S. Th. Stein
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Titel: Der Spiritismus, eine geistige Verirrung unserer Zeit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, 3, S. 16–19, 48–50
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[16]

Der Spiritismus,

eine geistige Verirrung unserer Zeit.
Von Dr. S. Th. Stein.
Der Spiritisten-Congreß in der Hauptstadt Belgiens. – „Umgeist“ und „Geist“. – Die sehenden, die schreibenden und die physischen Medien. – Die verfallene Capelle in der Rue de la Regence. – Eines Excanonicus und eines Exschneidermeisters wundersame Reden. – Die Entlarvung eines Hauptspiritisten durch eine Dame. – Ein ergötzliches Experiment des Verfassers.

Am 25. September des vorigen Jahres, an dem Tage, als der internationale medicinische Congreß seine wichtigen Sitzungen zu Brüssel geschlossen hatte, eröffnete eine andere Wanderversammlung in der lieblichen Hauptstadt von Belgien ihre Verhandlungsperiode. Es war dies ein Congreß von Geistergläubigen, Somnambülen, Magnetiseuren und Gespenstersehern – congrès des spirites – ein Conglomerat moderner Anhänger des alten Cagliostro.

Das Sitzungslocal durfte von Ungläubigen nur auf ganz besondere Einladung betreten werden; dem Schreiber dieser Zeilen war es vergönnt, durch einen Anhänger der Geisterlehre zu jenen interessanten Sitzungen Zutritt zu erhalten. Dieselben versprachen einen tiefen Einblick in eine Classe von Verirrungen und Störungen des menschlichen Geistes, und dieser Umstand bestimmte mich, den bezüglichen Sitzungen als beobachtender Arzt einige Aufmerksamkeit zu widmen.

Der Spiritismus hat in den jüngsten Jahren so auffallend um sich gegriffen, die bei ihm auftretenden Hallucinationserscheinungen mehren sich in einem Maße, daß die Sache wohl der ärztlichen Beobachtung werth erscheint. Eine Heilung dieser, wie aller krankhaften Zustände kann aber nur erfolgen durch das Studium der betreffenden Krankheit, durch das ernste Eingehen auf die bezüglichen Thatsachen und die prüfende Sichtung des vorhandenen Materials. Erklären wir vornweg, ohne uns der angedeuteten Mühe unterzogen zu haben, den Spiritismus für Blödsinn, so werden uns diejenigen Anhänger der genannten Lehre, welche die große Schaar von Betrügern bilden, im Innern zulächeln, die nicht kleine Zahl der Betrogenen und der Gläubigen dagegen wird uns, wie dies schon oft geschehen, den Vorwurf machen, daß wir über eine Sache aburtheilen, welche kennen zu lernen wir uns nicht einmal die Mühe gegeben haben.

Von dieser Voraussetzung geleitet, benutzte ich die Gelegenheit, welche meine damalige Anwesenheit zu Brüssel mir bot, den Spiritismus von Grund aus zu studiren.

Der Spiritismus oder moderne Geisterglaube ist nicht mehr wie zur Zeit des Tischrückens als ein Curiosum zu betrachten, für welches einzelne Individuen eingenommen sind. Nein, es haben sich in den verschiedensten Städten von Frankreich, England und Nordamerika diese Individuen zu vollständigen Gemeinden zusammengeschaart, welche unter der Führung eifriger [17] Seelenhirten es als ihre Mission betrachten, ihre Lehre mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verbreiten. Freilich sind die Gläubigen, welche von diesen Hirten geleitet werden, recht leicht zu führen, denn ihre Spiritistenseelen sind etwas Sichtbares, etwas Greifbares, Materielles.

Der Geist im Menschen besteht nach der betreffenden Lehre aus einem doppelten Wesen und ist als eine von flüssiger Masse bekleidete Doppelseele aufzufassen. Das Seelen-Fluidum führt den Namen „Perisprit“, zu deutsch „Umgeist“. Während des Erdenlebens bildet der „Perisprit“ das flüssige Medium, welches die Seele mit dem Körper verbindet und in allen Theilen des Körpers lebt und webt. Während des Schlafs läßt die Seele den Perisprit im Körper zurück und begiebt sich in der Nacht in den Aether zu ihren himmlischen Colleginnen. Im Tod nimmt die Seele Besitz von ihrem Perisprit, den sie dem Körper nur geliehen hatte, geht mit ihm wieder in’s Jenseits und hängt ihn daselbst in den Sonntagsschrein, um ihn bei gelegentlichen Besuchen auf der Erde wieder anzuziehen und unter den Menschen zu lustwandeln.

Die Schwindel-Photographie im Dienste des Spiritismus.
 Natürliche Aufnahme. Aufnahme mit einem „Geist“.

Durch Vermittelung des Perisprit ist es der Seele ermöglicht, sich als „Geist“, wenn es ihr beliebt, auf die Erde zurückzutelegraphiren und da und dort sogar sichtbar zu werden. Sie nimmt dann gewöhnlich die Gestalt und die Kleidung des Menschen an, in welchem sie zu ihren Erdenzeiten gewohnt hatte. Bei allen Offenbarungen der Geister, bei allen Erscheinungen des Spiritismus spielt dieser Perisprit die Hauptrolle. Er ist der Schlüssel zu allen außergewöhnlichen, berühmt gewordenen Thatsachen, welche die Geschichte des Spiritismus aufzuweisen hat, und wir werden bei Beleuchtung der sonderbaren Erfahrungen, die Schreiber dieser Zeilen unter den Spiritisten gemacht, noch weiter mit diesem Perisprit zu thun haben.

Der modernen Spiritistenlehre ist eine Art von christlich-freireligiöser Schwärmerei beigemischt, welche der absoluten Verehrung der durch den Perisprit sich materialisirenden Geisterwelt eine gewisse Weihe geben soll. Die Anhänger glauben, daß die Seelen der Abgeschiedenen, in materieller Erscheinung uns fortwährend umschwebend, den einzelnen Menschen in christlicher Liebe beschützen. Es giebt unter den Anhängern des Spiritismus drei Classen von Begabten: Die Geisterseher oder sogenannte sehende Medien verfügen durch Vermittelung einer höheren Macht angeblich über die Gabe, fortwährend diejenigen Seelen zu sehen, von welchen Andere umschwebt sind und welche den sogenannten schreibenden Medien durch Leitung der Hand ihren Willen in die Feder dictiren. Eine dritte Art, die physischen Medien, in welchen nur eine Beziehung zur Geisterwelt schlummert, die aber noch nicht in der Erkenntniß soweit fortgeschritten sind, wie die genannten beglückten Personen, bilden die andere Schaar der Adepten. Die Medien sind demnach eine Art Priesterkaste, die Adepten das blindgläubige Volk. In neuester Zeit versteigt sich die Lehre sogar zu der Annahme, daß die Geister, die uns umschweben, sich incarniren, d. h. zeitweise wieder Fleisch und Blut werden, uns umarmen, küssen, necken, stoßen und sogar mißhandeln. Der berühmte englische Chemiker, der neuerdings dem Geisterglauben ergebene Mr. William Crookes, hat sogar mit dem berühmten Geist Katie King, von welchem die „Gartenlaube“ in Nummer 42 vor. J. so interessante Enthüllungen gebracht hat, nach mir von glaubwürdigster Spiritistenseite zugekommener Mittheilung ein neuplatonisches Liebesabenteuer bestanden. Eine Geisterphotographie, die mir zu Gebote stand, zeigt Herrn W. Crookes am Arme eines reizenden Frauenzimmers, recht reell und greifbar, das der große Engländer thatsächlich für einen materialisirten Geist hält. Es ist eben die „enthüllte“ Katie. Das Bild ist bei Nacht mit Magnesiumlicht in Gegenwart des berühmten Darwinisten R. Wallace photographisch aufgenommen worden. Beide, Crookes und das Frauenzimmer, zwicken die Augen zu; das Magnesiumlicht war zu hell, sodaß selbst der sonst in den Höhen so lichtgewohnte weibliche Geist die Blendung nicht vertragen konnte. – Daß Crookes und Wallace in der That an alle diese Geschichten und Firlefanzereien glauben und den „Geist“ auch recht lieb gewonnen haben, ist mir von einem berühmten Leipziger Professor, der Crookes im vorigen Herbste besucht hat, persönlich bestätigt worden.

In der Dämmerstunde des 25. September geleitete mich der obenerwähnte Freund in die Rue de la Regence Nr. 59 vor ein halbverfallenes, von rauchschwarzen Mauern umstarrtes Gebäude, in dessen Nachbarschaft verschiedene Neubauten aufgeführt werden und welches selbst dem Untergange bestimmt zu sein schien. Wir schlüpften hinter eine Mauer, stiegen daselbst eine dunkle Treppe hinan und gelangten in eine halbverfallene [18] Capelle, welche schon früher gottesdienstlichen Zwecken gewidmet war und in welcher jetzt allsonntäglich die Brüsseler Spiritistengemeinde ihren Gottesdienst hält. Hier hielt auch der Spiritistencongreß seine Sitzungen. Der Betsaal war mittelst einiger Oellämpchen kümmerlich erleuchtet; die Versammlung dürfte wohl gegen neunzig Theilnehmer (Damen und Herren) gezählt haben, welche mit gespanntester Aufmerksamkeit den Worten der Sprecher lauschten.

Wie wir beim Eintritt in das merkwürdige Sitzungslocal von dem gerade die Sitzung eröffnenden Präsidenten zu hören Gelegenheit hatten, bezweckte der Congreß vornehmlich, die Gläubigen um ein Banner zu schaaren, sowie eine gesellschaftliche Organisation zu erreichen, um den, wie der Präsident sich äußerte, mit einander verbundenen Ultramontanen und Materialisten mit Erfolg entgegentreten zu können. Nachdem noch ein früherer katholischer Geistlicher, der Excanonikus Mouls aus Bordeaux, welcher unter dem Namen Dr. Conrad in Brüssel als magnetisirender Wunderdoctor sich etablirt hat, über den Einfluß des Magnetismus auf den menschlichen Körper eine lange Rede gehalten hatte und noch einige Herren über die Geschichte des Geisterglaubens, über den Einfluß der Geisterwelt auf die menschlichen Entschließungen gesprochen und neben vielen phantastischen Hirngespinnsten auch manches ansprechende Wort über humanitäre Fragen zu Tage gefördert war, betrat der von dem Zuchtpolizeigerichte zu Paris wegen spiritistischer Umtriebe zu einem Jahr Gefängniß verurtheilte ehemalige Schneidermeister Leymarie die Rednerbühne und suchte mit staunenswerthem Rednertalent die auf ihn angehäuften Anschuldigungen zu entkräften. Leymarie war zu Paris, wie die „Gartenlaube“ ausführlich in Nummer 20 des Jahrgangs 1875 berichtet hat, mit dem Photographen Buguet verbunden und beide hatten durch Vermittelung der Geister, welche kamen um sich photographiren zu lassen, ein vorzügliches Geschäft gemacht.

Buguet hatte bei der Gerichtsverhandlung zu Paris seine Betrügereien eingestanden, in Brüssel jedoch den dort versammelten Gläubigen durch einen Abgesandten erklären lassen, daß seine zu Paris gemachten Geständnisse, sowie seine Anschuldigungen bezüglich der Theilnehmerschaft des Leymarie und des Amerikaners Firman falsch gewesen seien. Zwei Vertrauensmänner des Congresses, die Herren C. H. Fritz und Augustin Boyard, begaben sich mit Buguet auf die Kanzlei des französischen Consulats, woselbst Buguet öffentlich erklärte, daß seine Geständnisse ihm zu Paris erpreßt und daß die dreihundert Puppenköpfe, während er krank gewesen, von seinem Personal benutzt worden seien; zwei Drittel aller seiner Geisterphotographien stellten echte Geister, die wirklich neben die aufzunehmenden Personen getreten seien, dar, was übrigens auch durch die von den Angehörigen der Geister bezeugte und beschworene Aehnlichkeit documentirt sei. Auch betonte Buguet besonders, daß alle seine Angaben betreffs des Leymarie und des Amerikaners Firman falsch gewesen und dieselben als ehrenhafte, echte Medien anzusehen seien.

Dieser Firman hatte in Paris in demselben Grade durch seine spiritistischen Wunderthaten die hohe französische Aristokratie für sich einzunehmen gewußt, wie Holmes und Frau es in London gethan hatten (siehe Gartenlaube 1875, Nr. 42). Einem bekannten Pariser Arzte, dem Dr. Huguet, welcher selbst ein Anhänger des Spiritismus ist, wurden die Umtriebe des Firman endlich doch zu stark, und er beschloß den Betrüger zu entlarven. In einem Salon der Madame Huguet befindet sich ein kleines alkovenartiges Dunkelcabinet, welches mit hohen Stoffvorhängen verdeckt ist. Da die Medien die Gewohnheit haben, sich bei Darstellung ihrer Geistererscheinungen hinter Vorhängen zu verbergen, glaubte man, daß Firman diesen Schlupfwinkel zum bequemen Laboratorium seiner Geistererscheinungen ausersehen werde, und man hatte sich nicht getäuscht. Madame Huguet ließ einen geschickten Arbeiter kommen und befahl demselben in einem Winkel dieses kleinen Cabinets einen ganz engen Verschlag mit sehr kleiner Oeffnung anzubringen, aus welchem heraus man das, was in dem Dunkelcabinet allenfalls vorgehen könnte, zu beobachten im Stande sei. Der Verschlag wurde mit der Tapete des Alkoven überzogen, sodaß unmöglich ein hohler Raum dahinter zu vermuthen war. Der Verschlag selbst war mit einer kleinen Oeffnung zum Durchblicken versehen. Firman wurde zu den Gesellschaften bei Huguets eingeladen, auch oftmals zum Arrangement einer spiritistischen Sitzung aufgefordert, was er jedoch vier Monate lang hartnäckig verweigerte. Während dieser Zeit wußte sich Frau Huguet mit einer staunenswerthen Geduld mit gläubigen Spiritisten der höchsten Aristokratie zu umgeben, indem sie ihre Gäste glauben machte, zum Spiritismus sich bekehren zu wollen. Sie erklärte zum Oefteren Firman und den Spiritisten gegenüber, daß sie nur durch ein entscheidendes Experiment bekehrt werden könne.

Nachdem Firman während der genannten Zeit die Räumlichkeiten im Huguet’schen Hause zur Genüge ausgekundschaftet hatte, entschied er sich endlich, der Frau Huguet den gewünschten Beweis seiner Beziehungen zur Geisterwelt zu geben. Eines Abends, als wiederum eine auserlesene Gesellschaft versammelt war, kam er mit einer Person, welche seine Frau vorstellte, angerückt. Er war in einer ernsten und feierlichen Stimmung, gleich einem Priester, welcher eine religiöse Ceremonie auszuüben im Begriffe ist. Er hieß seine Anhänger um einen großen Tisch sich setzen und befahl, alle Lichter auszulöschen. Hierauf ließ er Psalmen singen, da diese Gesänge die Eigenschaft haben sollen, die Geister mächtig anzuziehen; seine Frau gab den Ton an, und die Jünger summten sich in eine eigenthümliche Ekstase hinein. Alles dies geschah natürlich, um die naive Gesellschaft in einen erregten Zustand zu versetzen und sie zu unschuldigen Zuhelfern einer Betrügerei zu stempeln. Bald ging das Getöse und Gerumpel in dem dunkeln Raume los, in den sich Firman begeben hatte. Umgeworfene Stühle, herabgestürzte Figuren, Gläserklirren, Zähneklappern wurde gehört; eine Trompete fing an von selbst zu tönen, spieldosenartige Weisen erklangen, zarte Glasharmonikamelodien erfüllten die Luft. Die Gesellschaft war außer sich vor Entzücken und Wonneschauer und fühlte sich so recht erhoben durch die Nähe der Geisterwelt. Da verschwand plötzlich auch Meister Firman’s Gattin hinter dem Vorhange des oben geschilderten Cabinets. Auf seinen Befehl entfernte man die letzte Lampe, welche noch einen schwachen Schimmer auf die Gesellschaft zu werfen geeignet war, in einen Winkel des Zimmers, man schob den Tisch vor die verhängte Pforte, in welcher der Geisterbeschwörer sich befand, und der Spuk sollte losgehen.

Die Gesellschaft saß erwartungsvoll um den Tisch herum; zehn Minuten vergingen in lautloser Stille. Die Aufregung der Gläubigen hatte den höchsten Grad erreicht. Man erwartete, daß Firman den berühmten Geist Quiboche, den kleinen Indianer, citiren werde – und siehe da, plötzlich bewegte sich der Vorhang; ein Männlein mit schwarzem Gesichte, weiß gekleidet, trat ein, machte seine Complimentchen und begann mit dünner Kopfstimme im Kindertone zu sprechen, der Gesellschaft guten Abend zu wünschen und wieder hinter dem Vorhange zu verschwinden.

Die Gläubigen triumphirten; die Ungläubigen ließen sie gewähren, und man bestimmte einen weitern Tag für eine zweite Sitzung. Am zweiten Abende begab sich Frau Huguet im Geheimen in den kleinen Beobachtungsraum, den sie hatte anfertigen lassen, und sie sah, bevor die Erscheinung kam, wie Firman rasch eine schwarze Maske vor das Gesicht band, ein weißes Mousselinhemd überwarf, das er in seiner Brusttasche verborgen hatte, und, sich auf die Kniee niederlassend, mit größter Geschicklichkeit in dieser Stellung zu marschiren sich anschickte. Die Erscheinung kam wieder wie das vorige Mal und man beglückwünschte Firman ob seiner wunderbaren Resultate. Frau Huguet hatte aus ihrem Verschlage Alles genau beobachtet; man war überein gekommen, an einem dritten Abende den Betrüger zu entlarven. Eine große Anzahl von gläubigen Spiritisten war versammelt; die Lichter wurden ausgelöscht – wieder dasselbe Getöse mit Sphärenmusik; man war in gespanntester Erwartung. Plötzlich erschien der Geist des kleinen indianischen Prinzen; kaum aber hatte er die erste Frage beantwortet, welche die Gläubigen über das Jenseits an ihn gerichtet hatten, als eine Frauenhand den Geist in’s Gesicht schlug, ihm die Maske herunterriß und, ihn auf die Kniee herunterdrückend, mit den Worten festhielt:

„Sie werden Niemanden mehr betrügen, Herr Firman.“

Triumphirend hielt Madame Huguet die Maske den Gläubigen entgegen, wie auf ein Zauberwort erhellte sich der Salon, und man sah das arme Medium Firman unter der fesselnden Hand der Frau Huguet in jämmerlicher Weise sich [19] drehen und winden, während seine Frau verzweiflungsvolle Schreie ausstieß und die Adepten wie versteinert um den Tisch herum saßen. Die beiden Betrüger verschwanden nun wirklich, und alle Anwesenden wurden von Herrn und Frau Huguet veranlaßt, das Protokoll über diesen Vorgang zu unterzeichnen, aus welchem wir Obiges wiedergegeben.

Was half aber diese drastische Belehrung? Obgleich man nach Entfernung des Firman eine Musikdose, eine kleine Trompete, ein Tambourin, ein kleines pianoartiges Tastinstrument vorfand, ließ man sich später von Neuem von jenem Charlatane an der Nase führen, den jetzt noch alle Spiritisten trotz seiner mannigfachen Spitzbübereien für ein brauchbares Medium halten.

Von den drei durch die siebente Kammer des Zuchtpolizeigerichts zu Paris entlarvten Medien scheint Leymarie allein ein Betrogener gewesen zu sein. Während den beiden Anderen positive Schwindeleien nachgewiesen werden konnten, sprach gegen Leymarie nur der Indicienbeweis und der durch ihn bewerkstelligte Verkauf Buguet’scher Geisterphotographieen.

Kehren wir nun zu unserm Spiritistencongreß nach Brüssel zurück! Nachdem der wieder zu Ehren gekommene Leymarie seinen Reinigungsvortrag beendet hatte, theilte der Präsident der Versammlung mit, es sei ein Mitglied des internationalen medicinischen Congresses anwesend, welches durch ein Experiment constatirt habe, daß man die Geister allerdings photographiren könne und der Betreffende auch Geister photographirt habe, daher die Thatsache der Geisterphotographie von wissenschaftlicher Seite festgestellt sei. Dieser angebliche Experimentator war der Schreiber dieser Zeilen. Ich nahm natürlich sogleich das Wort und belehrte den Herrn Präsidenten seines Irrthums, indem gerade im Gegentheil ich in einem photographischen Atelier einigen höchst ehrenwerthen mir persönlich befreundeten Anhängern der Spiritistenlehren den Beweis durch das Experiment gegeben hatte, wie Buguet und Consorten jene Täuschungen hervorbringen. Ich zeigte den Herren im Dunkelzimmer eine vorher mit Salpetersäure vor den Augen der Herren geputzte photographisch präparirte Platte, welche noch keinerlei Bild zeigte. Die Platte wurde angesichts aller Anwesenden in die Cassette gelegt und aus dem Dunkelzimmer in das Atelier und zur Camera obscura gebracht, vor welcher ein Spiritist saß, der mit einem Geiste zusammen photographirt werden wollte. Der anwesende Geisterseher, ein alter englischer Seemann, hatte vorher bei dem Einstellen des Bildes mitgetheilt, daß er neben dem zu photographirenden Menschen den Geist eines jungen Mädchens mit wallendem Haare stehen sehe. Wir Anderen sahen natürlich Nichts. Die Platte wurde exponirt, das Bild auf die gewöhnliche Methode hervorgerufen und fixirt, und siehe da, neben dem Herrn, der zum Photographiren gesessen hatte, erschien in halbverschwommenen Zügen ein hübsches junges Mädchen mit wallendem Haar. Die Herren Spiritisten waren entzückt und geriethen zum Theil durch diesen Effect in eine solche Aufregung, daß sie thatsächlich erbebten. „Ah, ah, da ist ein Beweis für unsere Behauptung, ein Beweis von einem glaubwürdigen Manne,“ riefen sie voll Begeisterung.

Wie war jenes Photographiren zugegangen? Bekanntlich ist das photographische Bild, selbst wenn das Licht schon auf die Platte gewirkt hat, unsichtbar oder latent, wie man dies in der Sprache der Wissenschaft ausdrückt, und wird erst durch Aufgießen gewisser chemischer Lösungen sichtbar, indem durch derartige Einwirkungen die molecularen Silbertheilchen, aus denen die Lichtbilder bestehen, sich je nach dem Grade der Einwirkungen des Lichts zusammengruppiren. Ich hatte nun im Beisein eines der Herren, ohne die anderen davon in Kenntniß zu setzen, gleich nach der eigentlichen Aufnahme des Bildes jene Geistererscheinung in die Platte, im Dunkelzimmer, mittelst künstlichen Lichts als ein latentes Bild sehr rasch eincopirt, um später die Herren von den Täuschungen, denen sie fortwährend ausgesetzt sind, zu überzeugen und dadurch eine Heilung zu erzielen. Das Original des eincopirten Bildes hatte ich unter einigen Hundert Platten, die in einem Schranke des Dunkelzimmers standen, passend zur Aussage des Geistersehers, rasch ausgesucht. Nachdem ich den Herren den Vorgang ganz genau erklärt und aus meiner Rocktasche das Originalnegativ des weiblichen Geistes hervorgezogen, waren sie zwar für den Augenblick frappirt, hielten sich aber trotzdem nicht für überzeugt, indem sie behaupteten, daß sich außer dem von mir eincopirten Geiste noch ein Geist auf der Platte befinde, den sie sehen könnten, den ich aber wegen meiner Ungläubigkeit nicht erkennen wolle.

Von diesem angeblichen Geiste, von dem in der That auf der Platte nichts zu sehen war – es sei denn, daß einige gelbe Flecken von unfixirtem Jodsilber gemeint waren –, sprach der Präsident, und es ist als günstiger Zufall zu betrachten, daß mir Gelegenheit geboten war, der Mystification sofort Schranken zu setzen. Obgleich ich am andern Morgen den versammelten Spiritisten nochmals einen mathematischen Beweis gegen diesen photographischen Unfug durch ein neues total negatives Experiment zu geben mich bemühte, indem die Geister absolut nicht auf die Platten kommen wollten, konnte ich meinen Zweck der Aufklärung und Belehrung nicht erreichen. Man half sich mit dem Troste, daß eben die Geister nicht gelaunt seien, zu erscheinen.

Geisterphotographien können auf verschiedene Weise dargestellt werden, theils durch Eincopiren eines vorhandenen Bildes in die Platte, theils durch directe Aufnahme einer zweiten Figur zur Originalaufnahme, theils durch das Auftauchen einer Puppe, oder einer verkleideten Person hinter dem zu Photographirenden im Momente der Aufnahme, wie dies unsere Abbildung andeutet. Der junge Mann, welcher sich hier getreulich bei einem befreundeten Photographen aufnehmen ließ, hatte keine Ahnung davon, daß hinter ihm während der zweiten üblichen Aufnahme ein Geist auftauchte, der mit ihm auf die Platte zu stehen kam.

[48]
Sophie, die Somnambule, und Madame de B. – Krampfzustände und Hypnotismus: hypnotisirte Hühner und Menschen. – Die kleine Pariser Knopflochnäherin. – Die Mönche vom Berge Athos und die indischen Fakire als Zeugen des Hypnotismus. – Spiritistische Verirrungen bei sonst bedeutenden Männern. – Pflichten der Sanitätsbehörden gegenüber dem Spiritismus.

Auf dem Congresse zu Brüssel, über welchen wir in unserem ersten Artikel berichteten, waren noch andere merkwürdige Experimente zu schauen. Unter Anderem bat eine Somnambule während der Verhandlungen um’s Wort. Mademoiselle Sophie erhielt die Erlaubniß, zu sprechen. Sie erhob sich und erklärte, daß sie soeben einen Blick in die lichten Höhen gethan und die Aufforderung erhalten habe, die in sie gefahrene Kraft auszuüben. Der Präsident gestattete ihr ein freies Walten; sie erhob sich; mit geschlossenen Augen wanderte sie in die Mitte der Capelle und blieb vor einer Dame stehen, welche sich sofort in Positur setzte. Die Dame, Madame de B..........., wurde nun von der begeisterten Seherin, welche die Augen geschlossen hielt, einige Male mit den Händen bestrichen, worauf sie plötzlich in einen kataleptischen Krampfanfall verfiel, die Augen weit aufsperrte, an die Decke des Saales stierte und während einer Zeit von dreiundzwanzig Minuten regungslos, gleich einer Marmorstatue, festgebannt blieb. Oft wurde sie während dieser Zeit, sowohl von dem Präsidenten, wie den anderen Mitgliedern befragt, ob die Geister, die sie umschweben, ihr nicht eine Mittheilung an den Congreß aufzutragen beliebten. Als sie immer nicht aus ihrem Zustande erwachen wollte, erklärte die in einem eigenthümlich zitternden Zustande befindliche Somnambule, daß sie überzeugt sei, die Geister verschlössen der Frau de B........... den Mund. Was that sie nun? Sie griff mit gekrallter Hand der Frau de B........... auf die Lippen und machte, indem sie die Geister mit ihrer einen Hand vom Munde gleichsam abwischte, mit der andern Hand einige wegwerfende Bewegungen. Sie hatte die sprachfesselnden Geister vom Munde gejagt. Da, auf einmal fing die Dame wieder an sich zu regen und sagte auf Befragen des Präsidenten mit scharfer, halblauter Stimme – es war halb zwei Uhr Nachmittags –: „die Geister wünschen, daß wir jetzt die Sitzung schließen.“ Sofort wurde denn auch die Sitzung geschlossen, und unsere soeben noch in kataleptischem Zustande befindlich gewesene Dame entfernte sich beruhigten Schrittes aus dem Sitzungssaale. Nach beendigter Sitzung wurden ähnliche Experimente noch an zwei Frauen ausgeführt.

Derartige in Krampfzustände überleitende Einwirkungen auf nervös reizbare Personen gehören durchaus nicht zu den Seltenheiten, kommen dem Arzte sehr oft zur Beobachtung und sind häufig in das Gebiet der hysterischen Krämpfe zu verweisen. Besonders wird durch vieles Lesen aufregender Romane und durch Vorkommnisse, wie wir sie in diesem Aufsatze geschildert, die weibliche Phantasie krankhaft erregt und in einen verderblichen Zustand der Empfindsamkeit und Reizbarkeit versetzt.

Mannigfach auftretende eigenthümliche Erscheinungen im Nervenleben des Menschen und der Thiere, die im Laufe der Zeiten sowohl von ärztlicher wie nichtärztlicher Seite beobachtet wurden, und für welche eine hinreichend exacte Erklärung nicht gefunden war, gaben Veranlassung zu Aberglauben und zur Annahme von Wundern. Die bei sensitiven Menschen durch irgend welchen bisher unbekannt gebliebenen Anlaß hervorgerufene krampfartige, mit absoluter Empfindungslosigkeit gepaarte Apathie ließ die Lehren vom Somnambulismus, von der Hellseherei, von dem thierischen Magnetismus entstehen, und daraus erst entwickelte sich die Geisterseherei in ihrer heutigen Gestalt. Wenn auch mit den schärfsten Beweisen der Logik negativ gegen jenen Unsinn angekämpft wurde, so fehlt doch bis jetzt der positive naturwissenschaftlich-mathematische Beweis wider jene Irrlehren.

Vor einigen Jahren hat ein der Wissenschaft leider allzu früh durch den Tod entrissener Gelehrter, der Physiologe Johann Czermak, in diesen Blättern den Beweis geliefert, daß der sogenannte magnetische Einfluß auf einer Ermüdung der Gehirnnerven beruhe. Der schlafähnliche Zustand entwickele sich aus der Nervenabspannung, ein Zustand, welcher Schlafsucht, Hypnotismus, genannt wird. Czermak hat die bezüglichen beweisenden Experimente an Thieren versucht, indem er das Experiment der hypnotisirten Hühner vorführte. Diese Thiere verlieren ihr Bewußtsein und werden unempfindlich, wenn man sie zwingt, längere Zeit einen auf den Tisch gezogenen Kreidestrich zu fixiren. Professor Czermak hatte den Kreidestrich durch einfaches Vorhalten des Fingers vor den Schnabel der Thiere ersetzt, und auf diese Weise dieselben gezwungen, den Finger längere Zeit zu betrachten, wodurch ebenfalls der genannte Zustand hervorgerufen wurde.

Schreiber dieser Zeilen selbst hatte kürzlich Gelegenheit, ein ähnliches Experiment bei einem jungen Menschen zu beobachten. Es waren an einem gemüthlichen Abende mehrere Damen und Herren bei einer befreundeten Familie versammelt; man vertrieb sich die Zeit mit gesellschaftlichen Spielen, und, um der Unterhaltung eine belehrende Wendung zu geben, erbot ich mich, den Anwesenden das „magnetische“ Experiment mit dem Huhne vorzuführen. Wir ließen ein Huhn und ein Hühnchen bringen, und als Dritter im Bunde mußte ein Canarienvogel, welcher fröhlich sich in seinem Vogelbauer tummelte, herhalten. Die Experimente gelangen zum Staunen der Anwesenden; die Ansichten waren getheilt, ob Magnetismus oder Hypnotismus der Grund der Erscheinungen sei, und man forderte mich auf, dasselbe Experiment an einem der Anwesenden zu versuchen. Es waren mehrere eifrige Verfechter des Magnetismus zugegen, welche aus dem Erfolge, den das Experiment auf einen Menschen ausüben werde, einen Beweis für den thierischen Magnetismus herzuleiten sich bestrebten. Eine junge Dame setzte sich auf einen Sessel, [49] die Hände auf die Kniee gestützt; ich trat vor dieselbe und bat sie, die Augen einige Minuten lang scharf auf meinen gegen die Spitze ihrer Nase gehaltenen Zeigefinger zu richten. Dies geschah, jedoch ohne Erfolg; die Dame klagte nur, durch die Anstrengung ein gewisses unbehagliches Spannen im Kopfe zu empfinden. Die anwesenden Anhänger des Magnetismus dagegen meinten, auf diese Weise könne das Experiment nicht gelingen; es sei unerläßlich, kreisförmige Bewegungen um den Kopf des betreffenden Individuums zu beschreiben, damit die magnetischen Kräfte aus meinen Händen als Nervenfluidum auf die sitzende Person übergehen könnten.

In Folge dieser Gespräche und der sie begleitenden Manipulationen bemächtigte sich der ganzen Gesellschaft eine eigenthümliche Erregung. Ich entdeckte unter den Anwesenden einen blassen Jüngling, welcher für die Vorkommnisse ein ganz besonderes Interesse, eine gespannte Aufmerksamkeit zu haben und zu dem Experimente sehr geeignet zu sein schien. Auf meinen Vorschlag, ihn „magnetisiren“ zu wollen, ging er bereitwillig ein. Er setzte sich auf den Sessel, welchen die Dame verlassen hatte, während ich die Gesellschaft ersuchte, absolute Ruhe zu beobachten; hierauf hielt ich den Zeigefinger meiner rechten Hand senkrecht gegen den Nasenrücken meines jungen Freundes, indem ich mit der linken Hand seinen Kopf hielt. Nach einigen Minuten beschlich ihn ein eigenthümliches schweres Gefühl im Kopfe; ich forderte ihn auf, meinen Finger mit beiden Augen weiter scharf zu fixiren, welchem Verlangen er durch ein krampfhaftes Schielen nach einwärts nachzukommen versuchte. Da – plötzlich – ließ er beide Arme sinken, streckte zum Schrecken aller Anwesenden, die Beine weit aus, öffnete krampfhaft die Augenlider und starrte mit gebanntem Blicke ganz ähnlich wie Madame de B........... auf dem Brüsseler Spiritistencongresse, nach der Decke des Zimmers. Er war plötzlich in einen Zustand von wahrhafter Katalepsie und Hypnotismus verfallen, in eine Bewußtlosigkeit, welche neun und eine halbe Minute andauerte. Die Zeit wurde für die Zuschauer eine peinigend lange, aus dem Spiele war zu Aller Entsetzen ein ungeahnter Ernst geworden. Während des kataleptischen Zustandes war der Schlafende sowohl gegen Nadelstiche, als auch für jedes Anrufen unempfindlich. Ein vor seine Augen gehaltenes Licht machte auf seine Pupille durchaus keinen Eindruck; dieselbe blieb unbeweglich und starr, gleich als ob sie mit einer Atropinlösung, dem bekannten Mittel zur vorübergehenden künstlichen Lähmung der Ciliar-Augenmuskeln, behandelt worden wäre. Nach Ablauf der genannten Zeit fing unser Held sich zu regen an. Wir rüttelten ihn wach – er rieb sich die Augen, und nach einigen Minuten befand er sich wieder ganz wohl und in demselben normalen Stadium, wie vor dem Experimente; von den Vorkommnissen selbst wußte er Nichts; er glaubte kurze Zeit geschlafen zu haben.

Einen ähnlichen merkwürdigen Fall erzählt der berühmte französische Kinderarzt Dr. Bouchut in der zu Paris erscheinenden „Gazette des Hôpitaux“: Ein Mädchen von zehn Jahren, welches stets der besten Gesundheit sich erfreut hatte und niemals irgend welchem krampfartigen nervösen Leiden ausgesetzt war, wurde unter eigenthümlichen Umständen in das Kinderkrankenhaus gebracht. Die Kleine war fünf Monate vorher zum Lernen in eine Nähschule geschickt worden, woselbst sie tagtäglich dazu angehalten wurde, an Herrenwesten zu arbeiten. Bekanntlich ist es unter den Arbeiterinnen in Paris Gebrauch, daß sie ihre Kinder schon in frühester Jugend an eine Specialität gewöhnen, und so war unsere Kleine dazu ausersehen, sich eine specielle Uebung in der Anfertigung der Knopflöcher genannter Kleidungsstücke anzueignen. Nachdem sie diese Kunst gelernt und sich einen Monat lang mit der Bethätigung derselben beschäftigt hatte, trat in ihrer Arbeit eine kleine Pause ein. Als sie nach einigen Tagen die Arbeit wieder begann, verlor sie im Moment, wo sie ein Knopfloch einzufassen sich anschickte, ihr Bewußtsein und schlief eine Stunde. Nachdem sie wieder zu sich gekommen war und ihre Arbeit wieder aufgenommen, fand derselbe Zufall immer wieder statt, wenn ein Knopfloch einzufassen war; stets trat ein neuer Schlafanfall ein. Die Umgebung glaubte, daß hier ein Zauber zu Grunde liege und daß jedesmal, wenn das Kind an die genannte Arbeit ging, ein böser Geist es von derselben abhalte. Merkwürdigerweise konnte das Kind jede andere Arbeit ausführen. Es konnte ungefährdet der Länge nach nähen, Schleifen machen, Perlen einfädeln und dergleichen, ohne in den genannten Schlaf zu verfallen. Einzig und allein die Knopflöcher hatten eine magische Gewalt über das kleine Wesen.

Diese Zufälle wiederholten sich acht bis zehn Mal am Tage. Die Mutter war trostlos, und unter diesen Verhältnissen brachte sie das Kind in’s Hospital zu Dr. Bouchut. Im Krankensaale ließ letzterer das Kind vor seinen Augen Knopflöcher nähen. Kaum hatte es einige Stiche gemacht, als es nach ungefähr einer Minute vom Stuhle fiel, ohne jeden Versuch sich zu schützen, fest auf den Boden aufschlug und daselbst vollkommen eingeschlafen war. Das Kind wurde zu Bette gebracht; es war von vollständiger Katalepsie der Arme und Beine befallen. Die Pupillen der Augen hatten sich erweitert; der Pulsschlag war langsamer geworden und vollkommene Unempfindlichkeit eingetreten; man konnte es an allen möglichen Stellen des Körpers kneifen und stechen, ohne ihm den geringsten Schmerz zu verursachen. Dieser anästhetische (empfindungslose) Zustand dauerte drei Stunden, worauf das Kind wieder zu sich kam und durchaus nichts Unangenehmes verspürte. Das Experiment wurde am andern Tage wiederholt, dauerte aber nur eine Stunde. Um eine Probe zu machen, ließ Dr. Bouchut am dritten Tage das Kind mit Aufmerksamkeit einen silbernen Bleistift fixiren, welchen er ihm zehn Centimeter von der Nasenwurzel entfernt vor die Augen hielt, und siehe da, dieselben Erscheinungen traten ein. Als das Kind wieder aufwachte, klagte es weder über Kopfweh noch über Augenschmerzen, noch war in den Körperfunctionen eine Unregelmäßigkeit eingetreten; Appetit, Verdauung und Blutcirculation waren normal.

Bei der Jugend der Kleinen ist Hysterie unbedingt auszuschließen, auch hatte der Zustand durchaus keinen epileptischen Charakter. Es war nur der oben geschilderte Hypnotismus eingetreten, die Abspannung der Nerven, der natürliche Schlaf, welchen die Magnetiseure seit Jahren zu ihren trügerischen Experimenten auszubeuten verstehen. Während das Kind sich anschickte, die Knopflöcher zu nähen, lenkte es beide Augen auf einen Punkt. Es trat in der directen Verbindung des Sehnerven mit dem Gehirn ein Reizzustand ein, und der momentane Hypnotismus war die Folge jenes Einflusses. Es kann durchaus nicht angenommen werden, daß ein so junges Kind sich interessant zu machen suchte, oder eine Täuschung im Spiele gewesen wäre. Der Vorgang ist vom physiologischen Standpunkte aus ganz natürlich zu erklären. Nachdem das Kind längere Zeit in dem Hospitale verweilt hatte, hörten die Zufälle allmählich auf und sind bei einiger Schonung der Augen nicht wieder zurückgekehrt. Daß bei vielen Menschen, welche sich mit sehr feinen Arbeiten befassen, durch Ueberanstrengung der Augen oft Kopfschmerzen und Reizzustände der Gehirnnerven eintreten, ist Jedermann bekannt. Daß diese Gehirnaffectionen bei empfindsamen Personen in Hypnotismus ausarten können, beweisen obige Beispiele. Die Erscheinung erklärt sich durch eine momentane Blutüberfüllung des Gehirns, welche mit Leichtigkeit durch den Augenspiegel constatirt werden kann. Dr. Bouchut untersuchte seine kleine Patientin mit dem genannten Instrumente vor, während und nach dem schlafähnlichen Zustande und fand, daß die aus dem Gehirn in das Auge eintretenden Blutgefäße während des hypnotischen Zustandes sich bedeutend erweitert hatten und der mit dem Gehirn in directer Verbindung stehende Hintergrund des Auges eine tiefrothe Farbe annahm, welche im wachen Zustande wieder verschwand.

Die Entdeckung des Hypnotismus bei den Menschen lehrt uns die Ursachen aller jener Vorkommnisse kennen, welche man bisher einer übernatürlichen Beeinflussung oder der Existenz eines sogenannten thierischen Magnetismus zugeschrieben hat. Indem wir nachgewiesen, daß die Ermüdung des Gesichtssinnes durch Fixirung des Blickes den Schlaf und eine eigenthümliche Abwesenheit der Sinne und besonders des Gefühls hervorbringt, ist der sogenannten Ekstase, mag sie mysterisch-religiöser oder spiritistischer Natur sein, der Boden entrückt. Der Hypnotismus nimmt den verschiedensten bisher berichteten Begebenheiten dieser Art den übernatürlichen Charakter; die Göttlichkeit des Wunders auf der einen Seite, das Fluidum des Magnetiseurs auf der andern Seite sind vernichtet; einzig und allein die feinen Nervengeflechte, welche die Blutgefäße regieren, begründen jene Erscheinungen; in der Ermüdung einiger Nervenstämmchen, deren Reiz eine erhöhte Blutcirculation im Gehirne bedingt, liegt die [50] Ursache der Ekstase, der Katalepsie, der Schmerzlosigkeit, der Hallucinationen, der Spiritisterei und aller betreffenden Verirrungen des menschlichen Geistes.

Derselbe Anlaß galt schon im vierten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung bei den Mönchen, die auf dem Berge Athos ihr Wesen trieben. Diese Mönche versetzten sich in einen eigenthümlichen ekstatischen Schlaf, der mit Gefühllosigkeit verbunden war, indem sie, entkleidet, längere Zeit gegenseitig den Mittelpunkt ihres Leibes fixirten. In Folge der langwährenden Ermüdung der Augen entstand jene Ekstase, welche historisch überliefert ist.

Ganz dasselbe findet bei den Fakiren von Indien statt, welche das Ende ihrer Nasen zum Gegenstande ihrer liebenden Blicke auswählen. Nach einiger Zeit glauben sie eine bläuliche Flamme zu sehen. Ihre Augen schließen sich; sie verlieren das Bewußtsein, werden unempfindlich, und es zeigen sich an ihnen alle jene mehr oder weniger charakteristischen ekstatischen Phänomene. Die kataleptischen Erscheinungen bei hysterischen Nonnen und exaltirten Mönchen haben überall denselben Grund. Sie beginnen mit scharfer Fixirung eines Objectes, eines Heiligenbildes oder eines Phantoms, welches ihre Gedanken beherrscht; es handelt sich um einen sensitiven Reiz, eine Art geistiger Wollust, welcher die Ekstase folgt, und deren Anfangspunkt immer als ein vorübergehender Reizzustand des Sehnerven nachzuweisen ist.

Die Anhänger des Spiritismus und modernen Geisterthums zählen in England, Amerika, Frankreich und Belgien schon nach Tausenden. Einundzwanzig periodische Zeitungen in allen modernen Sprachen, eine Anzahl von Flugblättern und Gelegenheitsschriften vermitteln den geistverwirrenden Verkehr zwischen den Anhängern der neuen Lehre, welche Letztere sich jetzt sogar auf die Thierseelen erstreckt.

Bei der Kenntnißnahme und der Beurtheilung wissenschaftlicher Fragen liebt eben der große Haufen weniger die Ergründung wahrer Thatsachen als den Autoritätsausspruch berühmter Personen. Der Werth einer geistigen Errungenschaft liegt ja im Allgemeinen für das sogenannte „gebildete“ Publicum leider weniger in der Bedeutung des Erzählten, als in der Stellung, die der Gelehrte einnimmt, der eine angeblich neue Entdeckung oder Beobachtung mittheilt.

So verhält es sich auch mit den Autoritäten des Spiritismus. Ihre reellen Errungenschaften auf dem Gebiete der Naturforschung werden von dem großen Haufen vergessen, nur die Schlacken ihres Geistes werden an’s Tageslicht gezogen und passend verwerthet. Wenn Männer wie William Crookes, der Entdecker des Thalliums, wenn R. Wallace, der Rival Darwin’s, wenn Varley, der berühmte Physiker der transatlantischen Kabelgesellschaft, „wissenschaftlich“ Gesetze aufstellen konnten, wie: das Gesetz der Schwere ist aufgehoben; die Körper können sich, von Geistern gehoben, in die Luft begeben; Töne jeglicher Art und Tonwellen können ohne nachweisbare Ursachen entstehen; Gegenstände können von einer Stelle eines Zimmers zur anderen, ohne Anwendung bekannter Kräfte befördert werden; menschliche Körper können in die Höhe steigen; Geistererscheinungen können sich verkörpern und berührbar werden; Geister können ohne Mitwirkung eines Menschen bleibende Schrift auf Papier hinterlassen, und dergleichen mehr: so können wir in der Beurtheilung der genannten Forscher nur entschuldigend annehmen, daß dieselben einer geistig krankhaften Erregung, einer sogenannten monomania spiritistica, zum Opfer gefallen sind.

Darf solchen Verirrungen gegenüber die ehrliche wissenschaftliche Forschung schweigen? Ist es da nicht Pflicht, mit allen zu Gebote stehenden aufklärenden Mitteln gegen jene Verirrungen des Geistes vorzugehen? – In der Physik werden alle bekannten Gesetze umgestoßen; in der Physiologie und Heilkunde werden die wahnsinnigsten Theorien zu Tage gefördert und die Heilung der Krankheiten den Eingebungen der Geisterwelt überlassen. Im socialen Leben werden die Geister in den wichtigsten Dingen befragt. Der Wahnsinn wird gleichsam mit Macht heraufbeschworen und verbreitet. Ist es da nicht die unumstößliche Pflicht der Sanitätsbehörden, jener Wächter der öffentlichen Gesundheitspflege, diese über die ganze civilisirte Welt sich erstreckende epidemische Geisteskrankheit einzuschränken und die durch Irrthum, Täuschung und Lüge erzeugten verkehrten Begriffe mit der leuchtenden Fackel der Vernunft zu beseitigen?

Der Ehrenrath der britischen Nationalgesellschaft der Spiritisten allein weist gegen neunzig Personen aus den besten Kreisen der englischen Gesellschaft auf; die Mitglieder selbst zählen nach Tausenden. Auch nach Deutschland greift in den jüngsten Jahren der Spuk herüber, und besonders die Stadt Leipzig bietet ein nennenswerthes Contingent von Geistergläubigen; man versucht von hier aus das Unheil in Deutschland einzubürgern. Wir werden trotzdem, bei dem gesunden naturwüchsigen Sinne unseres Bürgerthums und der guten Schulbildung, der man im Allgemeinen bei uns doch immer begegnet, kaum Gefahr laufen, die besten Errungenschaften unseres Jahrhunderts durch das Auftauchen mittelalterlicher Zauberei und Magie wieder einzubüßen. Wenn aber an der Verbreitung solcher Hirngespinnste anerkannte, bewährte Naturforscher sich betheiligen, dann dürfen Presse und exacte Wissenschaft nicht schweigen. Beide vereint müssen mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln und Kräften den modernen Aberglauben durch prüfendes Eingehen auf jene Verirrungen zu bekämpfen und zu vernichten suchen.

Aus den mitgetheilten Thatsachen geht mit unanfechtbarer Klarheit hervor, daß Erscheinungen, welche Jahrhunderte hindurch einem geheimnißvollen Einflusse zugeschrieben wurden, auf die einfachste Weise in den Errungenschaften der neueren Medicin ihre eingehende Erklärung finden. Schwärmerei, Phantasie und Irrthum müssen von nun an der Forschung, dem Studium und der Wissenschaft das Feld räumen. Lüge und Aberglauben werden ihr keckes Haupt nicht mehr zu heben wagen, nachdem die Physiologie des Nervensystems gezeigt hat, daß es in ihrer Gewalt stehe, jene natürlichen Phänomene willkürlich hervorzurufen.