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Der Sohn der Wildniß und seine Amme

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Textdaten
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Autor: Heinrich Leutemann
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Titel: Der Sohn der Wildniß und seine Amme
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 335–336
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[335]
Der Sohn der Wildniß und seine Amme.

Das Jahr 1871 hat uns Deutschen im großen Ganzen so Schönes und Herrliches gebracht, daß es fast zu wundern ist, wenn es einem Einzelnen noch etwas Besonderes bringt, worüber sich dieser Glück zu wünschen hat. Etwas dergleichen ereignete sich für alle Freunde der Naturgeschichte, als die schöne Tigerin des Dresdener Zoologischen Gartens am 22. März dieses Jahres wieder einmal Junge bekam, und zwar nicht mehr und nicht weniger, denn drei Stück. Wieder einmal; denn schon fünf Mal vorher war dies der Fall gewesen, und eine wahre Tigerherde müßte es geben, wenn sie alle noch lebten. Aber leider lebt kein Einziges von diesen früher geborenen Jungen, nachdem die alte Tigerin niemals Milch hatte, um sie säugen zu können. Alles wurde damals von dem unermüdlichen Director Schöpf[WS 1] versucht, um die Jungen am Leben zu erhalten; denn da im Zoologischen Garten zu Dresden die Zucht von Löwen, Bären, Puma’s etc. ein fast regelmäßiges und natürlich einträgliches Geschäft geworden ist, und nur die Tigerzucht noch nicht gelang, so mußte schon deswegen der Wunsch nach diesem Erfolg immer lebhafter werden. Der Direktor versuchte es also bisher mit allem Möglichen: mit Hündinnen, mit Ziegenmilch, mit Kuhmilch, mit der Saugflasche, mit Löffel, mit Spritze, aber stets starben die jungen Tiger nach wenigen Tagen. Einen Andern hätte wohl diese Erfolglosigkeit ermüden können, nicht aber unsern Schöpff. Als er jetzt beim sechsten Male die Wurfzeit der Tigerin herannahen sah, bat er in öffentlichen Blättern etwaige Eigenthümer von tragenden ober säugenden Hündinnen um betreffende Mittheilung, und der glückliche Zufall fügte es, daß, als die Tigerin nun wirklich Junge bekam, eine Hühnerhündin, welche sich im Besitz des Herrn Erb- und Lehngerichtsbesitzers Schlotter zu Langebrück befand, eben auch erst Junge geworfen hatte. Da der Besitzer mit einer Gefälligkeit, für welche ihm der Zoologische Garten sehr verpflichtet ist, sich zur Darleihung der Hündin bereit erklärte, so handelte es sich zunächst um einen Versuch, ob dieselbe die jungen Tiger auch annehmen würde. Ein Transport der Hündin selbst hätte zunächst den Erfolg dieses Versuchs fraglicher gemacht, und so traten denn die zwei jungen Tiger (den dritten hatte man zunächst bei seiner Mutter gelassen, um möglicherweise doch noch die Milch derselben herbeizuziehen) die Probereise, wohlverpackt in einem Korbe mit einer Wärmflasche, nach Langebrück an. Der Erfolg war vollständig; mochte es der Hündin bei ihren neun Jungen, von denen man ihr nur zwei gelassen hatte, vor Allem auf Ersatz, gleichviel welchen, ankommen, oder fühlte sie eine wirkliche Neigung für die plumpen, putzigen Kleinen, kurz die Tiger wurden sofort an Kindesstatt angenommen und ließen es sich dabei ganz wohl sein, indem sie sich sofort dem Soff ergaben.

Jetzt war die Hauptsorge beseitigt, der Rücktransport der Tiger mit ihrer nunmehrigen Amme und deren zwei Kindern ging vor sich, und zur größern Sicherung des Erfolgs begleitete sogar der Besitzer der Hündin dieselbe bis zum Zoologischen Garten, damit das Thier sich dort besser eingewöhnen möchte. Auch das gelang, und so wohnt nun schon seit Wochen die Tiger-Amme mit ihren Pfleglingen in einer eigenen Kammer des Raubthierhauses und empfängt dort ungescheut die zahlreichen Besuche der schaulustigen Dresdener.

Gerade diese große Sanftmuth der Hündin, welche es zuläßt, daß das Publicum sich massenhaft und dicht an sie und die Tiger herandrängt und diese sogar anfaßt und streichelt, trägt natürlich sehr zur Beliebtheit der ganzen Gruppe und zum zahlreichen Besuch des Gartens bei, denn das Bewußtsein, einen Tiger gestreichelt zu haben, ist so doch am Ende auch nicht zu verachten.

Vom Director des Gartens erhielt ich eine freundliche Benachrichtigung über das Ereigniß, nachdem die Tiger ungefähr acht Tage alt waren, natürlich mit einer Einladung zum Besuch. Nach einer Woche machte ich mich denn auch daran, den Tigern meine Aufwartung zu machen, und ich gestehe, daß der Anblick ein reizender und gemüthlicher zugleich war. Der Hündin hatte man ihre eigenen Jungen kurz vorher genommen und zu einer andern gebracht, um den Tigern die ganze Milch zukommen zu lassen, und außer dieser genossen die Pfleglinge nun auch die ganze Zärtlichkeit ihrer Amme. Deren ganzes Benehmen war überhaupt so aufrichtig mütterlich, daß sie von dem ganzen Schwindel schwerlich eine Idee hatte und wahrscheinlich den Glauben hegte, daß diese ihre Jungen sich nur etwas verändert hätten. Freilich war dies dann ein starker Glaube, denn hundehaft benahmen sich die jungen Tiger allerdings nicht. Während junge Hunde in den ersten Wochen keinen andern Ton haben als ein jämmerliches Winseln, waren die Töne der Tiger ein fortwährendes Raisonniren, besonders arg dann, wenn sie die gesuchte Nahrungsquelle nicht gleich fanden. Denn obgleich sich bereits nach zwei Wochen ihre Augen öffneten, so wußten sie doch offenbar davon anfangs keinen Gebrauch zu machen und blinzelten höchst blöde vor sich hin. Bei diesem erwähnten Suchen nach der Stoffquelle gebrauchten sie übrigens ihre kurzen Beine mit großer Energie, und sie würden ihre Pflegemutter dabei über und über blutig gerissen haben, wenn ihnen ihre erstaunlich scharfen Krallen nicht bereits zweimal vom Director beschnitten worden wären.

Die prachtvolle Erscheinung des erwachsenen Tigers, die gewiß kein eindruckfähiger Beschauer vergißt, war nun allerdings bei diesen Jungen noch sehr im Keim versteckt. Aber kann man dies ihnen vorwerfen, oder etwas Anderes erwarten? Ist etwa der Mensch, diese Krone der Schöpfung, im Alter von zwei Wochen etwas sehr Prachtvolles? Und so gleicht denn der junge Tiger von zwei Wochen einem kleinen braunen, schwarzgestreiften Wollsack, an dem unten vier kurze Beine, ein kurzes spitzes Schwänzchen hinten und ein streifenreicher, fast kugelrunder Kopf vorn befestigt sind. Daß die Beine zum Gehen sind, muß Tiger und Beschauer mehr ahnen, wenn letzterer nicht schon sichere Nachrichten darüber hat, denn fortwährend stolpert das kleine Tigerchen über die vielen Beine, fällt um, auf den Rücken und braucht dann sehr viel Zeit, um wieder den Bauch unter sich zu haben. [336] Auch dabei viel Raisonniren, welches überhaupt nur dann ganz schweigt, wenn die kleinen Kerle wie Blutegel sich an der Amme festgesogen haben, um zuletzt von selbst abzufallen und schnell ein Weniges zu schlafen. Saugen, schlafen und mitunter etwas in ihrem Heukasten herumstolpern, das ist zunächst ihr Sein.

Als ich die Gruppe anfing zu malen, bot sie gerade den Anblick, wie ihn das Bild zeigt. Aber leider, wie das dem unglücklichen Thiermaler immer geht, dauerte das nicht lange, die Hündin wollte zunächst ihre Lage verändern und stieg sogar ganz aus ihrem Kasten, um sich zu mir zu stellen. So rührend dies an sich sein mochte, so machte es doch auf mich einen mehr entgegengesetzten Eindruck, und nur meinen eifrigsten Bemühungen gelang es endlich, das Thier


Die Tiger-Amme im Zoologischen Garten zu Dresden.
Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.


seinem Beruf wieder zuzuführen. Aber sie legte sich nun ganz anders hin. Beleuchtung, „Ungestörtsein“, diese Hauptsachen waren mir günstig, nur die größte Hauptsache, das Thier selbst, nicht. Da nahte mein Schutzengel, der Wärter Donath, dessen Pflege die Gesellschaft anvertraut war. Auf meine Bitte machte er den Versuch, die jetzt gerade aufgestandene Hündin niederzudrücken und sie in die Stellung zu bringen, die sie mir erst vorgeschlagen hatte. Und siehe da, es gelang vortrefflich, jede Correctur ließ sich das fast menschlich fromme Thier gefallen, die Tiger mußten gleichfalls pariren, und so möge denn der Beschauer das beifolgende Bild nicht eigentlich als mein, sondern als das Werk des Wärters betrachten, der so entscheidend in die Arbeit eingriff.

Selbstverständlich braucht Wida, so heißt die Tiger-Amme, auch die nöthige Bewegung in frischer Luft, und sie wird daher täglich einigemal ausgeführt, meist außerhalb des Gartens, um den vielen in der Nähe gehegten Wiederkäuern keine Unruhe zu verursachen. Die feine Jagddressur des Thieres zeigt sich aber selbst bei diesem kurzen Wege zum Garten heraus oder hinein, denn sowie ihm einer der vielen Hasen, welche den Garten in voller Freiheit beleben, zu Gesicht kommt, so „steht“ es, als wäre die Saison in vollem Gange. Doch nach solcher Abwechselung ist auch die Hingebung des Thieres an die jungen Tiger um so eifriger.

Der dritte schon erwähnte kleine Tiger war zwar auch noch der Hündin angelegt worden, schien aber doch die Nahrung schon zu lange entbehrt zu haben und starb. Doch ist noch jetzt beim Schreiber dieser Zeilen die Hoffnung um so größer, die beiden anderen Tiger aufzuziehen, da sie sich, wie ich brieflich erfahren, nun mehr entwickeln und täglich kräftiger werden. Da vorauszusehen ist, daß ihnen bei fortschreitender Entwickelung die Milch der Hündin nicht mehr genügen wird, ohne daß sie bereits Fleischnahrung vertragen würden, so wird gegenwärtig der Versuch gemacht, sie an die Ziehflasche zu gewöhnen. Ist dies gelungen, wie zu hoffen, so hat das Tiger-Geschwisterpaar (es ist Männchen und Weibchen) Aussicht, noch lange ein Anziehungspunkt im Dresdner Zoologischen Garten zu sein.

Von den früher gebornen Jungen des Dresdner Tigerpaares stehen drei ausgestopft in derselben Kammer, wo jetzt Wida mit ihren Tigern liegt, und geben Gelegenheit zu Vergleichen. Auch im Schaufenster eines Leipziger Kaufladens sind drei junge ausgestopfte Thierchen zu sehen. Sie sind zwar mit einer alten ausgestopften Tigerin zusammengestellt, aber ich habe sie, die Jungen, stark in Verdacht, daß sie Dresdner Kinder sind und daß ihnen ihre jetzige Mutter octroyirt worden ist.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Schöpff