Zum Inhalt springen

Der Sieger von Aachen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Hofmann
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Sieger von Aachen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 652–655
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[652]
Der Sieger von Aachen.
Ein Culturbild der vagirenden Künstlerschaft.

In Aachen war’s, der alten Krönungs-, Congreß-, Reliquien- und Badestadt, wo im Herbste des Jahres 1818 vor den Augen der Kaiser und Könige der heiligen Allianz, der Gesandten und Minister Großbritanniens und Frankreichs, sowie vieler Fürsten und hohen Damen des deutschen Bundes und eines unermeßlichen Volkes zwischen Deutschland und England ein Wettkampf in der Luft auf Leben und Tod entschieden wurde.

Auf dem großen Platze spannt ein langes Seil, an dem Gittereisen eines Kellerlochs befestigt, queraufsteigend sich bis wo es in ein Fenster hineingeht und verschwindet. Vom Seile zu dem hohen Thurme auf der andern Seite des Platzes aus, hängen mehrere Paare von Stricken bis zum Boden nieder, von starken Männerfäusten gefaßt, welche durch Anziehen das Schwanken des Seils zu verhindern haben. Die lange Bahn unter dem Seile ist frei, aber zur Linken und Rechten drängt Kopf an Kopf, und Kopf über Kopf schaut aus jedem Fenster und von den abgedeckten Dächern herab, und selbst die Balcone, auf welchen die mächtigsten Fürsten, Staatsmänner und Frauen [653] Europas all ihren Glanz entfalten, zeigen sich fast plebejisch gefüllt.

Auf diesem Seile stieg ein Mensch vom Kellerloche unten bis hinauf zum Thurmfenster – und wieder zurück. Diese höchste Seiltänzerleistung war damals etwas Neues, und weil Jack Badred, der sie hier zu den unentbehrlichen Congreßfeierlichkeiten ausführte, ein Engländer war, so wurde sie von den Deutschen um so höher angestaunt, und keine Seele wagte die Behauptung sämmtlicher anwesenden Briten, daß „so Etwas“ nur einem Engländer möglich sei, im Geringsten zu bezweifeln. Und doch hatte schon zehn Jahre früher in Anderer dieses hohe Kunststück erfunden und sogar noch waghalsiger zu machen gewußt. Aber Nachrichten von solchem Inhalte fanden damals noch eine gar langsame Verbreitung. Man muß selbst im Zeitalter der hölzernen Buchdruckerpresse, der wenigen und meist kleinen Zeitungen und der Thurn und Taxis’schen Postwagen gelebt haben, um jetzt, in den Tagen der Dampfdruckmaschinen, Telegraphen und Eisenbahnen, zu verstehen, daß das Aufsehen-Erregen damals nicht so geschwind gehen konnte, wie jetzt. So kam es, daß die Thurmseilbesteigung den ganzen Rhein entlang bis an’s Meer noch als etwas Unerhörtes galt, während es für viele Städte Süd-, Ost- und Westpreußens, Schlesiens und auch für Berlin bereits „eine alte Geschichte“ war. Nur zwei der große Herren auf dem Balcone, von welchen der eine in der vordersten Reihe saß, wo sie die größten Sterne trugen, kannten den andern Meister dieser Kunst, und dieser Andere war da, war auf ihren Wink gekommen und in diesem Augenblick bereit zu einem nie in der Welt dagewesenen Wettkampf.

Denn als nun das Zeichen zum Anfang gegeben war, Jack Badred, in einem glänzenden Turnierrittercostüme mit Harnisch und Helm und die lange Balancirstange handhabend, fast die Hälfte des Seils erstiegen hatte und die über sein kühnes und sicheres Ausschreiten entzückte Menge ihm Beifall zuklatschte – da stieg plötzlich eine dunkle Gestalt aus dem Thurmfenster auf das Seil, und als sie den langen Mantel abwarf, stand dort ein Jüngling in blühendstem Alter und in der damaligen Studententracht, der flotten Pikesche. Und ohne Balancirstange, nichts als die freien Arme ausstreckend und mit ihnen allein das Gleichgewicht haltend, schritt er von der schwindelnden Höhe herab, wie auf einem dünnen Faden, dem Engländer entgegen. Wie mit einem Schlage machte der rauschendste Jubel athemloser Stille Platz – Jack Badred, der bis dahin das Auge scharf nur auf das Seil gerichtet hatte, fühlt in demselben Augenblicke die Erschütterung des Seils von einem zweiten darauf Gehenden und blickt vorwärts. Da kam die Gefahr für Beide. Beim Anblick des so frei gegen ihn Herannahenden erfaßt den Engländer ein Schauder, er zittert, das Seil geräth in Bewegung, das unregelmäßige Tempo der Tritte Beider vermehrt das Schwanken – und Stehenbleiben ist schon an sich viel schwerer, als das Gehen auf dem Seile: sie müssen Beide vorwärts! – „Umwenden oder rückwärts gehen!“ ruft Der von oben dem Unteren zu. Weder das Eine noch das Andere ist ihm möglich; er muß – sollen nicht Beide in die Tiefe stürzen – eiligst thun, was der Andere hierauf gebietet: er kniet nieder, umklammert mit den Händen das Seil und bückt den Kopf so tief als möglich – und der Andere? Noch wenige Schritte, dann ein Sprung auf Leben und Sterben – und das rasende Wagniß gelingt! Während vom Abstoße das Seil wogt, fliegt er in hohem Bogen über den Knieeden dahin, und wirklich – hat’s das glückliche Auge, hat’s der glücklichere Zufall gethan? – die Füße finden drüben das Seil wieder, und der Gewandtheit und Unerschrockenheit des Waghalses gelingt es, auch das Gleichgewicht wieder zu gewinnen – und von donnerndem Jubel aus jedem Munde begleitet, vollendete er die Bahn und verschwand vom Schauplatze. Auch der Engländer erreichte, nachdem er die Beruhigung des Seils abgewartet und dann sich wieder erhoben hatte, mit seiner langen Balancirstange glücklich das Thurmfenster – aber sein Glanz war verblaßt.

Der andere Seiltänzer war ein Deutscher. König Friedrich Wilhelm der Dritte erinnerte sich seiner, als er den Engländer in Aachen triumphiren sah, und veranlaßte den Minister von Hardenberg, ihn durch Courier aus Neisse in Schlesien, wo derselbe damals seine Kunst ausübte, nach Aachen zum Wettkampfe mit dem ausländischen Rivalen zu berufen. In wenigen Tagen war er da, er mußte einen Tag ausruhen und den Engländer auf dem Seile beobachten. Für den Tag der Entscheidung hatte Hardenberg dafür gesorgt, daß von all’ den höchsten und hohen Herrschaften Niemand fehlte. Sobald die Trompeten das Zeichen zum Beginne des Schauspiels gaben, eilte unser Künstler in den Thurm, lockte den Mann, der oben das Seil zu besorgen hatte, „im Namen des Herrn Ministers von Hardenberg“ von seinem Posten, nahm dessen Stelle ein und gab selbst dem Engländer das Zeichen „Alles fertig!“ Nur so konnte er die Begegnung auf dem Seile ausführen, aber nun glückte es ihm auch wörtlich wie Cäsar: Er kam, sah und siegte.

Dieser Sieger von Aachen ist Wilhelm Kolter. – Damals war er ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren; jetzt ist aus ihm „der alte Kolter“ geworden, ein achtzigjähriger Greis.

Während wir dies niederschreiben, durchläuft die Kunde von der Verunglückung einer englischen Seiltänzerin, der Miß Victoria Sandersen, durch den Sturz von einem Thurmseil in Berlin alle Blätter und regt, wie dies jedes derartige Unglück von Neuem thut, das öffentliche Urtheil gegen all solche Waghalsigkeiten auf, die nicht einem höheren Zwecke dienen, als dem der gruselseligen Schaulust. Und wie nicht selten wird auch da das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Betrachten wir deshalb einige Augenblicke die gesammte vagirende Künstlerschaft ein wenig näher, um dem inneren Wesen derselben, das sie im Leben so eigenthümlich dahintreibt, auch nach seinen äußeren Erscheinungen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Unseren Lesern sind schon einmal „Wandernde Künstler“ vorgeführt; Freund Leutemann nahm bei einem seiner trefflichen Thierbilder, der Darstellung einer „Kunstproduction“ von Kameel- und Bärenführern (Jahrgang 1863, Nr. 7 und 8) die Gelegenheit wahr, über die untere Schicht dieser Künstler nach seinen Erfahrungen in den Leipziger Meßbuden sich in seiner liebenswürdigen Weise zu verbreiten. Er belehrt uns, daß die Höhe des Entrée der beste Maßstab dafür sei, ob das dort Dargebotene von ernster oder heiterer Seite aufgefaßt werde müsse. Noch schärfer, als nach ihren Eintrittspreisen, unterscheidet die vagirende Künstlerwelt sich nach den Haupt-Eigenschaften und -Erfordernissen für ihr Auftreten, und auch in dieser Beziehung zerfällt sie in zwei Hauptclassen: die höhere ist die des Muthes und der Kunstfertigkeit, die niedere die der List und – wir kennen keinen bezeichnenderen Ausdruck – „Unverfrorenheit“. Neben beiden ist allerdings noch ein Fach „für die Anderen“ nöthig.

Wer aber zählt die Häupter und nennt die Namen derer, die durch ihre „Arbeits“-Art auf diesem Felde als zunftberechtigt gelten? – Phantasie und Erinnerung arbeiten sich vergeblich ab, eine Liste derselben aufzustellen, jede Messe, jeder Jahrmarkt, jedes Vogelschießen und sonstige Volksfest bringt Neues, immer Unerhörteres, Erstaunlicheres, und das Alte verschwindet wie Nebel in der Ferne. Es sähe schlimm damit aus, wenn nicht ein deutscher Dichter und Schriftsteller auf diesem Gebiete mit ungewöhnlicher Sachkenntniß, ja als förmlich Eingeweihter gearbeitet hätte: der alte edle Karl von Holtei. Seine Selbstbiographie „Vierzig Jahre“, vor Allem aber sein Roman „Die Vagabunden“ sind unschätzbare Führer durch diese bunte Welt, die mitten im bürgerlichen Alltagstreiben sich bewegt, von diesem lebt und sich doch nie mit ihm vereinigt. Sein Vagabunden-Buch gewinnt einen besondern culturgeschichtlichen Werth dadurch, daß es das Leben dieser Kinder der Freiheit noch vor der Zeit der neuen Völkerverkehrsmittel schildert. Für beide Werke sind Tausende von Lesern dem alten Holtei Dank schuldig geworden, und wir wollen ihn dem Breslauer Dichter-Veteran hiermit recht warm darbringen.

Es darf weder den alten Herrn, dessen Andenken diesen Artikel veranlaßt hat, noch sonst irgend Jemanden, den die Bezeichnung mit trifft, verdrießen, daß Karl von Holtei das Gesammtbild der vagirenden Künstlerschaft, zu welcher er nicht bloß Menageriebesitzer und Bärenführer, sondern auch die „reisenden“ Sänger, Tänzer, Musiker, Schauspieler, Declamatoren und sich selbst rechnet, unter dem Titel „Die Vagabunden“ darstellt. Er versichert ausdrücklich, daß er den Begriff „Vagabunden“ [654] nicht polizeilich, sondern poetisch nehme: „Es sind lauter Leute,“ sagt er, „die ihr oft recht hartes Stück Brod redlich verdienen und nur hinsichtlich ihres an keine Scholle gebundenen Lebens zwischen dem seßhaften Bürger und dem Zigeuner stehen.“ Solche „Künstler“ meinte er, als er auf ein Stammbuchblatt schrieb:

„Die Künstler irren durch die Welt
Wohl unter’m weiten Himmelszelt.
Bald ist es heiß, bald ist es kalt,
Der Eine jung, der Andere alt,
Mit schwarzem Haar, mit grauem Bart,
Ein Jeder eben in seiner Art:
Der Eine spricht, der Andre geigt,
Der Dritte singt, der Vierte zeigt,
Was eines Fünften Hand erschuf, –
Verschieden ist der Armen Beruf.
In Einem sind sie sich gleich gestellt:
Sie trachten All’ nach Glück und Geld,
Sie schlagen sich mühsam durch die Welt.“

Wie arg in der bekannten guten alten Zeit der Begriff des Vagabundenthums an Allem klebte, was zu seinem „Kunst“-Erwerbe sich öffentlich für Geld sehen lassen mußte, dafür zeugt die Thatsache, daß sogar die Ankunft des Weimar’schen Theaterpersonals, wenn es dem Hofe und Karl August und Goethe nach Lauchstädt folgte, dort mit dem Nothschrei verkündigt wurde: „Ihr Leute, die Wäsche weg! die Bande kommt!“ – Geschah dies gegen Solche, die man doch zu den Thaler-Entrée-Künstlern zu zählen hatte, so läßt sich daraus auf die sociale Stellung der Groschen-Vagabunden schließen.

Lassen wir nun die Schaar, soweit sie erhaschbar war, an uns vorübermarschiren, in bunter Folge, wie wir sie auf der Leipziger Messe in den Ecken und Winkeln bis zu den großen Aufbauten für ihre Productionen postirt sehen. Wie bei allen Aufzügen die Kleinen, gehen auch hier die Groschen-Menschen voraus. Der Vergangenheit gehören jetzt schon die „Nordischen Herculesse“ an; weniger die „Steinfresser“ und die „Feuerfresser“. Ebenso blühen noch die „Bauchredner“ und die „Meerschweinchen“, die vagirenden Komödiantengesellschaften. Gewöhnlich wird die Aufführung durch den Hanswurst antrompetet und der Komödienzettel vorgelesen. Hinsichtlich der Eintrittspreise heißt es da nicht selten: „Männer zahlen einen Groschen, Weiber einen halben, Kinder drei Pfennige, ganz kleine Kinder bringen ein Ei mit!“ –

Die „Flohgespanne“ überbot der Schweizer Jeantet mit „abgerichteten Canarienvögeln“, die er nach ihren Kunstleistungen dem hochgeehrten Publicum als Professoren, Studenten und Schuljungen vorstellte. – Einen höheren Rang behaupten „gelehrte Hirsche und Hasen“. – Unsterblich ist das „Puppentheater“. Teufel, Tod und Hanswurst bleiben die Freunde der Gassenjugend. Gleich neben ihnen stehen die herrlichen Bilder und Lieder von den „Morithaten“, die von den Männern erklärt und von den Weibern zur Drehorgel ergreifend gesungen werden. Sie thun’s am billigsten, begnügen sich mit den Pfennigen ihres Publicums. Zum Großen empor steigt wieder der „Künstler“, welcher „Kaffern“ herumführt, die lebendige Hühner zerreißen und roh verschlingen, oder „Eskimos“, die fürchterlich nach Thran riechen müssen, wenn man an sie glauben soll. Schon die höhere „Unverfrorenheit“ bewies ein „Menageriebesitzer“, der von seinem ausgestopften „Seebären“ und anderem Gethier kühn behauptete, daß es lebendig gewesen sei. Noch höher stieg ein Anderer: er zeigte einen Bastard von einem Karpfen und einem Kaninchen, das heißt man sah eine dunkle klumpige Masse in einer Spiritusflasche und daneben die werthen Eltern, das Kaninchen im Käfig und den Karpfen in einer Schüssel voll Wasser. Aber – konnte man für einen Groschen ein wahrhaftiges Naturwunder beanspruchen?

Ein guter Geschäftszweig sind „fette Damen“ und „schwere Kinder“; ihnen gesellte sich neuerdings ein „lebendes Gerippe“ zu. Ebenso profitabel zeigen sich „Riesen“ und „Zwerge“. Wer hat nicht mit Vergnügen den großen Admiral „Tom Pouce“ gesehen, wenn er, im schwarzen Frack auf seines Dieners Handteller stehend, dem Publicum seine Visitenkarte überreichte?

Ein wahres Genie von Vagabunden und Riesen zeichnet uns Holtei in seinem Freunde Schkrampel. Schon als fünfzehnjährigen Jungen konnte sein ebenfalls vagirender Vater ihn als einen Riesen zeigen. Die Speculation schlug bei ihm an. Nach einigen Jahren heirathete er eine „Frau ohne Arme“ – ein treffliches Geschäft! Sie schrieb mit den Füßen – „echte Kalligraphie“, die gut bezahlt wurde und reißend abging. Und als sie guter Hoffnung wurde, schwelgte der glückliche Vater in der Erwartung, daß sie ihm mindestens einen Riesen ohne Arme oder mit vier Händen schenken werde. Wirklich gebar sie ein Kind mit zwei Köpfen, aber das Kind war todt und die Mutter starb. Er verkaufte letztere für tausend Gulden und das Kind für fünfhundert Ducaten an ein anatomisches Cabinet in Holland, und als er daheim das Geld zählte, war er untröstlich darüber, daß er nicht Beide lieber behalten und als unschätzbaren Grundstock zu einer „Raritätensammlung“ benutzt habe. Der Riese kaufte sich nun drei Zwerge, einen „Husaren“ in Turin und zwei Schwestern in der Schweiz – eine wahrhafte „internationale“ Gesellschaft – die ein „eigenes Zimmer“ seines „Hauses“ bewohnten. Wer kennt nicht diese Häuschen auf vier Rädern, aus welchen der Küchenschlot dampft, die wandelnde Herberge ganzer Familien? Eine Kiste auf der Decke desselben war das Zwergenzimmer. Schkrampel’s Eltern starben beide in ihrem Berufe. Seine Mutter arbeitete als „starke Frau“. Als sie wieder einmal, nur mit Kopf und Füßen auf zwei Stühle gestützt, den Amboß auf der Brust trug, auf welchem ihr Mann hämmerte, zerbrach ein Stuhl und die Last drückte sie todt. Schkrampel, der Vater, aber war weltberühmt als „Gesichterschneider“, er schnitt die merkwürdigsten Gesichter noch auf dem Sterbebette und ward mit dem letzten geschnittenen Gesicht, das er nicht mehr gerade richten konnte, begraben.

Weil wir nun einmal beim Begraben angekommen sind, so wollen wir die Aufstellung dieser niederen Abtheilung der vagirenden Künstler, deren Verzeichniß wir doch nicht complet machen können, mit einem merkwürdigen Begräbniß schließen. In Paris starb vor einiger Zeit ein amerikanischer Zwerg, genannt „General Dot“. Die kleine Leiche hatte in einem Kindersarge Platz. Zur Beerdigung kamen seine vertrautesten Schicksalsgenossen herbei: ein gewaltiger Riese, sein intimster Freund, nahm den Sarg unter den Arm und trug ihn laut weinend fort, und hinter ihm gingen als Leidtragende des Generals „Cornac“, der Zuckerhutmensch, eine Jahrmarktsheiterkeit wegen seines langen spitzen Kopfes, der Skeletmann, ein Weib mit drei Armen und ein Paar abgerichtete Hunde des todten Generals. So ward dem armen Vagabunden noch die letzte Genugthuung zu Theil, daß selbst Paris seinem Leichenbegängnisse mit Verwunderung nachschaute.

Diese Sorte der wandernden Künstler ist die zahlreichste, sie nimmt auf Messen und Volksfesten lange Budenreihen ein, während die höhere Classe nur in einzelnen hervorragenden Bauten, in Theatern und Sälen oder auf den großen Plätzen der Städte paradirt.

Diese zweite Classe der vagirenden Künstler, die Leute mit dem Mark-, Gulden- und Thaler-Entrée, bilden auch im Leben derselben die höhere Gesellschaft. Bei ihnen hat die Familienehre hohen Werth, und in vielen Familien, die fest an ihrer „Kunst“ halten und Generation um Generation ihr erblich sich weihen, herrscht trotz des ewigen Wanderns gute Erziehung und edle Sitte. So bei den Chiarinis, von denen Holtei in den „Vagabunden“ uns ein rührend schönes Familienbild zeigt. Sie waren, wie Kolter und die Seinen, Seiltänzer und Equilibristen. Diese und die Kunstreiter, bei denen Bach, Guerra, Tourniaire, Renz etc. berühmte Familiennamen sind, vertreten die Classe derjenigen dieser „Künstler“, deren Productionen durch die möglichst vereinte Darstellung von Muth, Kraft und Grazie des Menschen das Gebiet des wahrhaft Schönen erreichen. Wir können deshalb hier absehen von den Besitzern der großen Menagerien und anatomischen Cabinets, die auf den Messen einen breiten Raum einnehmen; ebenso von den sogenannten Affentheatern und sonstigen Schaustellungen, in welchen der Mensch nichts mit seinem Körper leistet; wir halten uns auch hier an den alten Holtei, welcher, bei seinem Zorn gegen allen öffentlichen Dilettantismus, ebenso unbedingt seine Verehrung für Alles ausspricht, was in seiner Art vollendet auftritt, und der ebendeshalb vor der Kunstreitertruppe Lejars und Cuzent ausrufen konnte: „Hier fand ich glänzende Productionen und Talente, die bei allem äußeren Kraftaufwand Geist und Poesie athmeten.“ Hierher gehören auch die anmuthigen Leistungen [655] von Taschenspielern, wie Bosco etc., und selbst der Kanonenkönig Holtum mag hier noch mitgehen.

Nicht diese Darstellungen von einem möglich hohen Grade und Vereine von Muth, Kraft, Grazie und Geschicklichkeit des Menschen haben zu den „Halsbrechereien“ geführt, welche in unseren Tagen die Entrüstung der Presse erregen, sondern die Sucht, in Tollkühnheiten und häßlichen Gefahren einander zu übertreffen, und der Frevel, Gefahren zu wagen, gegen welche dem Menschen keine Abwehr, keine Rettung beim Mißlingen möglich, wo der Mensch lediglich dem Zufalle, einem stockblinden Glücke überlassen ist, wie an dem Turnrecke des fliegenden Luftballons oder mit dem Velocipede auf dem Thurmseile. Man konnte vollkommen genug haben an dem Muthe, den die einfache Besteigung des Thurmseils erfordert. Wer sich davon überzeugen will, der blicke aus dem Fenster oder vom Rundgange eines hohen Thurmes hinab in die Tiefe; selbst Männer, die ihr Leben oft gewagt haben, vielleicht an schwindelnden Felswänden und Abstürzen des Hochgebirges, kann hier ein Grausen bei dem Gedanken befallen, über diesen Abgrund hinaus auf ein dünnes schwankendes Seil treten zu sollen. Und wenn mit noch so starkem Kopfschütteln über die Anwendung dieses Muths, wir dürfen die Größe desselben, wie Wilhelm Kolter ihn so oft gezeigt hat, ehrlich bewundern und nicht kurzweg den Stab darüber brechen, daß es Geister giebt, die eine Befriedigung des Ehrgeizes in der Bewältigung von Gefahren finden, durch die sie mit dem Bewußtsein der Kraft, Gewandtheit und Unerschrockenheit eine freie Berufsarbeit vollbringen.

Wenn aber diese männlichen Eigenschaften nicht bloß der Schaulust der Menge dienen, sondern in Noth und Gefahr des Nächsten ihre rettende Kraft bewähren, wie dies Kolter und die Seinen so oft bewiesen, dann wird auch der strengste Moralist und Gegner der gesammten vagirenden Künstlerschaft die Ausnahme gestatten, auch einem solchen Verdienst ein Blatt der Gartenlaube nicht zu versagen.

Wer in Deutschland kennt den alten Kolter nicht? Er ist der populärste deutsche Seiltänzer. Jahrzehnte war er der Glanzpunkt der Leipziger Messen, von wo die Zettel mit seinem Bild und seinen Leistungen überallhin verbreitet wurden; und wer ihn nicht selbst noch gesehen, der hat von ihm gehört, denn jeder spätere Seilkünstler weckte die Erinnerung an Kolter wieder auf.

Kolter’s Vater gehörte schon der vagirenden Künstlerschaft an. Er war der erste Kunstbereiter, der sein Geschäft in’s Großartige betrieben hat. Aus England herübergekommen, hatte er als „Königlich Preußischer privilegirter Kunstbereiter“ die alleinige Concession für Preußen erhalten, und da Warschau damals (bis 1807) preußisch war, so nahm er dort seinen Wohnsitz. Auch Wilhelm Kolter, der 1795 zu Großwardein in Ungarn geboren ist, wurde Kunstreiter und ging erst nach dem Tode seines Vaters zur Seiltänzerei über, weil seine Mutter die Reitergesellschaft nicht länger führen wollte.

Wenn auch nicht so bedeutend, wie bei der Kunstreiterei, war der Rüstzug einer solchen Gesellschaft doch nicht gering, weil der gesammte Apparat, Taue, Drahtseile, Balancirstangen, namentlich aber das Thurmseil und eine glänzende Garderobe überall mit hingenommen werden mußten. Und doch machten die Vorbereitungen der Aufführungen, von der Erlangung der Erlaubniß bis zur Sicherung der Einnahme, oft mehr Schwierigkeiten, als die beschwerlichsten Reisen, so daß, wie Kolter erzählte, das Besteigen seines Thurmseiles ihm nach all der Pein noch als das Leichteste erschien.

Der Einfall, auf dem Seile zu Thurmhöhen hinaufzusteigen, kam dem zwölfjährigen Knaben schon im ersten Jahre seiner Seiltänzerei. Da das kleine Tanzseil, vom Kreuzstocke an bis da, wo es an die Bodenpflöcke befestigt ist, ebenfalls schräg abfällt und bestiegen werden muß, so versuchte er dies auch auf einem längeren Seile. Die ersten Versuche mißlangen, weil das Seil zu sehr schwankte; da verfiel er auf die Befestigung desselben durch die Anzugsleinen, und nun ging’s. Der erste derartige Aufstieg geschah zu Neumarkt in Schlesien auf einem geborgten Zimmermannsseile.

Von da an hat Kolter unzählige Thürme bestiegen und konnte sie schließlich für seinen Uebermuth nicht hoch genug finden. Nur ein Thurm, kein besonders hoher, bleibt ihm dennoch ewig im Gedächtniß: der zu Waldenburg in Schlesien. Dort war das Seil am obersten Theile des Thurmes befestigt, so daß es oberhalb der mit Kupfer gedeckten, ziemlich schräg abfallenden Kuppel hinlief. Kolter war, damals schon ohne Balancirstange, glücklich bis oberhalb der weitvorspringenden Kuppel angelangt, wo die letzten Anzugsleinen niedergingen, als er das Gleichgewicht verlor und auf die Kuppel fiel. Zwar kam er auf die Füße und stand, aber vergeblich bemühte er sich, die Glätte und Abschüssigkeit der Bedachung zu überwinden und sich aufwärts zu arbeiten. Mit jeder Bewegung rutschte er tiefer. Er schreit, die Anzugsleine loszulassen. Es geschieht, aber er kann sie Nicht erreichen. Jetzt ist’s der letzte Augenblick, die nächste Bewegung führt zum Abgrund, – da schleudert der Aufwärter im Thurme ihm die Leine zu, Kolter erfaßt sie, schwebt nun über der schwindelnden Tiefe, aber mit fester Faust sich zum Seile und zur Kuppelspitze emporarbeitend. Kaum ein wenig verschnauft, ging er auf dem Seile über dieselbe Stelle hin, nun mit zwei Pistolen bewaffnet, die er unterwegs abschoß, wieder hinab.

Dieser unfreiwillig bestandenen äußersten Lebensgefahr folgte dann die freiwillig gesuchte in Aachen, die dem Mann seinen Siegerruf verschaffte und welcher seine glücklichste Zeit folgte, 1819 bis 1824, wo er am Hofe eines Herzogs von Württemberg im Schlosse Karlsruh bei Oppeln sogar als Ballettänzer mit seiner Schwester Aufsehen machte und ein so glückliches Talent für Komik zeigte, daß Devrient ihn bei der Bühne behalten wollte. Da aber König Friedrich Wilhelm der Dritte ihn ebenso gern zu Potsdam auf dem Thurmseile sah, so blieb er bei seiner Kunst. Da trieb die Wanderlust den Sieger von Aachen in seinen russischen Feldzug. Mit einer starken Gesellschaft war er in das Reich des Czaren eingedrungen, als derselbe starb. Dieser Tod, dem das Verbot aller öffentlichen Kunstleistungen folgte, war sein brennendes Moskau, und da auch er, wie sein Vorgänger Napoleon, den Rückzug zu spät antrat, so ward der Eisgang der Berezina auch sein Unglück. Endlich kam er mit den Trümmern seines Glücks nach Kreuzburg in Schlesien, wo er die Seinen durch Tanzunterricht erhielt. „Was thut der Mensch nicht in der Noth!“ So schließt Kolter die Erzählung dieser Erlebnisse.

Außer Rußland hat er mit seinem Rüstzug ganz Deutschland, Ungarn, Polen, Italien und Frankreich durchzogen. Auch Wunden genug hat er sich auf dem Felde seiner Ehre geholt, Rippen-, Arm- und Beinbrüche und Brandwunden; den alten Seiltänzertrieb hat jedoch keine Cur mit wegheilen können.

Aber auch sein Wohlthätigkeitstrieb, sein Helfer- und Rettersinn ist ihm treu geblieben. Er, wie seine Schwiegersöhne, scheuten keine Gefahr, wo es Feuers- und sonstige Noth zu überwinden galt. In Polen, Schlesien, Sachsen und Brandenburg erzählt manche Stadt noch heute von W. Kolter’s rettenden Thaten, wie oft er sein Leben gewagt, wo Hunderte und Tausend schreiend und zagend Stätten des Verderbens umstanden; Kinder und Frauen trug er aus den Flammen und aus verheerender Fluth; wie viel Hab’ und Gut ist durch seine und Waitzmann’s Unerschrockenheit und Kraft vor der Vernichtung gewahrt, ja, wie manches Haus, ja manche Straße durch ihre Opferfähigkeit, ihre Ausdauer in Gefahren und Mühen erhalten worden! Städte-Chroniken, Ehrenmedaillen, Silberbecher und Belobungsschreiben erinnern noch heute den Greis daran, was er als Jüngling und Mann im Dienste seiner Menschenliebe vollbracht hat.

Um so mehr ist, es zu bedauern, daß all’ sein treues Sorgen für seine Familie, seine alten Tage und die Zukunft der Seinen, durch welches er ein schönes Vermögen und eigenes Haus als letzte Heimstätte erworben, ohne seine Schuld vergeblich war. Eine fallirende Bank und der Tod, der ihm die Gattin, zwei Schwiegersöhne, drei Töchter und zwei Enkel raubte und die Last der Versorgung der Verwaisten auf ihn lud, haben ihn zum armen Manne gemacht, der, nun wieder ohne Heimstätte für das müde graue Haupt, den Wanderstab, der schwerer wird mit jedem Tage, fortschleppen muß – ohne Hoffnung und Aussicht auf eine andere Erlösung, als die allbekannte der Zeit. Es wäre hübsch, wenn alte Dankbarkeit und Zuneigung sich jetzt in edler Weise für „den alten Kolter“ erneuern möchten.

Fr. Hofmann.