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Der Schäfflertanz in München

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: H. S.
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Titel: Der Schäfflertanz in München
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 96
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Deutsche Volks- und Gedenkfeste.
Der Schäfflertanz in München.


Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, daß im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert das Volksleben ein weit bewegteres, jedenfalls farben- und gestaltenreicheres gewesen ist, als heut zu Tage, namentlich vom Standpunkte der Kunst aus gesehen. Damals ging noch nicht jenes ausgleichende Bestreben durch die Welt, welches alle Höhen und Tiefen wie zum Bau einer Eisenbahn beseitigt – damals hatte die Eigenart einzelner Gesellschaftskreise und in ihnen der einzelnen Persönlichkeit ihre volle Berechtigung, während jetzt alle Ecken und Schärfen, alle Ungleichheiten und Besonderheiten abgeschliffen und beseitigt werden und die frische Farbenpracht jener Tage durch die matten gebrochenen Töne ersetzt wird, welche die Mode als berechtigt anerkannt hat. Welcher Unterschied zwischen einem jener großen Fürsten-, Geschlechter- und Bürgertänze, deren Schauplatz die alten majestätischen Säle der Rathhäuser waren, und irgend einem noch so großartigen Festessen oder Ball der Gegenwart – dort welche Fülle eigentümlicher Gestalten in den kleidsamsten Trachten, hier welches eintönige Einerlei von Erscheinungen, die alle darnach streben, sich möglichst wenig von einander zu unterscheiden! Welch traurige Färbung allein in den schwarzen Fracks, in welchen wenigstens die eine Hälfte der Gesellschaft steckt!

Auch das gewerbliche Leben jener Zeiten bildet einen Beleg hierfür. Die Zünfte hatten sich „rein wie von Tauben gelesen“ an einander gefügt und, ehe die Mißbräuche in ihnen emporwucherten, einen festen Mittelpunkt des gewerblichen Lebens gebildet, der, wie allen ihren Einrichtungen, so auch ihren Festen

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Der „Schäfflertanz“ in München.
Nach seinem Oelgemälde auf Holz gezeichnet von Alphons Bodenmüller.


ein eigenthümliches Gepräge gab. Die neuen Zeiten haben sie als überlebt, als wirtschaftlich nachtheilig beseitigt, und da in den allerneuesten Tagen überall das Bestreben hervortritt, sie in Innungen oder Genossenschaften mindestens theilweise wieder herzustellen, thut man den alten Festen und Bräuchen derselben wohl hier und da die Ehre an, sie etwas näher zu betrachten, ungefähr wie einer alten, spitzbogigen, mit Maßwerk verzierten Thür, die an einem neu umgebauten Hause der Zufall übrig gelassen hat.

Ein solches Ueberbleibsel der anziehendsten Art ist der "Schäfflertanz", den man nun in München wieder feiert, und dessen Entstehung oder erste Ausführung die Leser in dem beigegebenen Bilde von Alphons Bodenmüller dargestellt sehen.

[98] Der Schäfflertanz ist wohl der letzte solcher alter Festgebräuche in der früher an ähnlichen Dingen so reichen bajuvarischen Hauptstadt. Erst im vorigen Jahre hat der weitbekannte „Metzgersprung“ sein seliges Ende erreicht, und zwar nicht ein gewaltsames, etwa durch polizeiliches Einschreiten, sondern ein ganz naturgemäßes durch Altersschwäche. Er bestand bekanntlich darin, daß jährlich am Faschingdienstag die Metzgerlehrlinge in feierlicher Zunftparade auf den Marienplatz zogen, dort zu Gesellen gesprochen wurden und dann in den Brunnen sprangen, aus welchem sie Obst und Nüsse herauswarfen, um die darnach Haschenden aus ihren Kübeln mit Wasser zu übergießen. Sie waren dabei in behaarte, dicht mit Schwänzen behangene Kalbfelle und Mützen gekleidet, eine ebenso eigenthümliche wie drollige Gewandung. Das „Zum-Gesellen-Sprechen“ ist nicht mehr nöthig, und die Herren Lehrlinge hielten es daher für überflüssig, wegen eines alten Brauchs im Winter in’s Wasser zu springen, sich zum Schauspiel zu machen und sich vielleicht einen Schnupfen zu holen – sie beschlossen die Aufhebung, und von dem alten Brauch weiß nun der sogenannte Fischbrunnen allein noch zu erzählen, auf welchem die Gestalten des Metzgersprunges durch die Meisterhand Conrad Knoll’s in Erz verewigt sind.

So ist auch das sogenannte „Jackelschutzen“ der Schmiede und Schlosser und das Sunnwendfeuer längst vergessen. Das erstere bestand darin, daß die Schlosser- und Schmiedejungen zur Fastnacht vor den Häusern ihrer Kundschaft einen sogenannten Jackel, eine ausgestopfte Menschenfigur in Schmiedstracht, mittelst eines Leintuches in die Höhe warfen und wieder auffingen (prellten), wozu sie schelmische Verse nach einer bestimmten Weise sangen, oder auch darin, daß die Gesellen der beiden Gewerke im Herumziehen eine festliche Kraftprobe ablegten und ihren schwersten Hammer (ebenfalls Jackel geheißen) kunstvoll emporschleuderten und wieder auffingen, beides natürlich, um eine Geldspende einzuheimsen. – Die Sunnwend ward nicht etwa auf dem Lande oder in den Bergen gefeiert: mitten in der Stadt München brannte das heilige Feuer; es war ein allgemeines Fest, und nicht blos die ehrsame Bürgerschaft vollführte den sühnenden Sprung durch die Flammen, sondern auch Fürsten und hohen Adel konnte man um das Feuer tanzen sehen.

Von all jenen Volksfesten hat nur der Schäfflertanz sich erhalten; er wird von sieben zu sieben Jahren wieder aufgeführt: eine Ursache seiner Fortdauer dürfte wohl in diesem langen Zwischenraume der Wiederholung liegen, dessen sich der Volkswitz schon lange bemächtigt hat, indem er ihn zu einer Art Sprüchwort gemacht hat. Ein lustiger Bruder sagt, er möchte hundert Gulden geliehen haben: er wolle sie pünktlich wieder zahlen, alle Schäfflertänz’ einem Kronenthaler – und bei einem Mädchen, dessen Alter schon begonnen zweifelhaft zu sein, sagt man euphemistisch, sie habe bereits so und so viele Schäfflertänze erlebt.

Zu denselben werden vierundzwanzig der jüngeren Gesellen gewählt (Schäffler, Böttcher, Küfer), schmucke, kräftige Männer, welchen die rothe kurze Tuchjacke, das bis an das Knie reichende Beinkleid von schwarzem Sammet, die weißen Strümpfe und Schnallenschuhe ebenso gut an den gewandten Körper passen, wie ihnen das grüne Sammetkäppchen mit blau-weißer Feder (Schlegelhaube) auf dem frischen Kopfe sitzt. Sie tragen mit Fichtenreisig umwundene und bändergeschmückte Halbreifen in den Händen, mit welchen sie in allerlei kunstreichen Wendungen und Schritten den sogenannten Achtertanz aufführen, begleitet von einer mitziehenden Blechmusikbande, welche längst an die Stelle der früher üblichen Trommler und Pfeifer getreten ist. Zwei Hanswurste in möglichster Buntscheckigkeit begleiten und umschwärmen den Zug, der täglich während des Faschings zu bestimmter Zeit das Bräuhaus, die frühere Herberge der Zunft, verläßt und seinen Tanz vor den Wohnungen des Hofs, der Adeligen oder hervorragender Persönlichkeiten zu Ehren derselben aufführt, die dann nicht verfehlen, sich für die erwiesene Aufmerksamkeit erkenntlich zu zeigen. Eine Hauptperson ist dabei der Spruchsprecher und Reifschwinger, der, auf einem Fasse stehend, die Gesundheit der Gefeierten ausbringt, nippt und den Rest über den Kopf hinweg gießt. Er muß es verstehen, den Reif in allerlei Drehungen so kunstreich zu schwingen, daß ein in denselben hineingestelltes Glas Rothwein weder herausfällt, noch verschüttet wird. Das Schauspiel ist beim Volke sehr beliebt, Manche finden an demselben und an den Späßen der Hanswurste so großes Gefallen, daß sie den Zug, trotz Schmutz von unten und Gestöber von oben, von Station zu Station verfolgen, unbekümmert darum, daß die Späße häufig in nichts Anderem bestehen, als daß der Harlekin einem Mädchen das Gesicht schwärzt, einem hübscheren einen raschen Kuß aplicirt oder einem gaffenden Jungen auf der Hinterseite die Pritsche zu kosten giebt.

Wann und wie der Schäfflertanz entstanden, ist nicht mit völliger Sicherheit festzustellen, eine Sage behauptet, daß er nach der Pestseuche entstand, von welcher München in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts so arg heimgesucht wurde, daß die Stadt (welche damals etwa 20,000 Einwohner zählte) fast ihre halbe Bevölkerung verlor und in einer Weise verödete, daß das umwohnende Landvolk sich nicht mehr hineinwagte und mit seinen Lebensmitteln ausblieb. Da faßten die Schäfflergesellen, als die Krankheit nachließ, den Entschluß, durch einen öffentlichen Umzug und Tanz die Hoffnung und den Muth der Bewohner wieder zu beleben und ihnen durch ihr fröhliche Beispiel zu beweisen, daß man sich aus abgesperrten Häusern wieder hervorwagen und ohne Gefahr wieder aufathmen dürfe nach so schrecklichem Unglück – Eine Variation der Sage will wissen, eine Bäuerin, welche zuerst wieder mit einem Rückenkorbe (Butte) voll Eier an’s Thor gekommen, sei von den lustigen Gesellen festlich in die Stadt geleitet worden und habe dadurch den Umzug veranlaßt. Richtig ist, daß in früheren Schäfflertänzen immer auch eine Bäuerin mit einem Rückenkorbe bei dem Zuge war und „Gretl mit der Butten“ hieß. Lange schon hat sie den Hanswursten das Feld allein überlassen, und nur im Kinderspiel ist noch ein auf sie bezüglicher Reimspruch enthalten.

Dieser Augenblick der Entstehung ist es, den die Phantasie des Künstlers festgehalten und in unserem Bilde ebenso lebendig wie schön vor Augen gestellt hat. Die Schäffler kommen in der malerischen Tracht der Zeit unter Schwegel- und Trommelton durch den Bogen des damaligen Thalsaukerthors auf den Schrannenplatz hereingezogen mit bebänderten grünen Reifen, bei geschwungenen Standarten und Bannern; in der Mitte auf den Schultern tragen sie den jubelnden Sprecher; vor ihnen schreitet ein stattlicher Altmeister freudig dahin mit der riesigen Holzkanne, aus welcher der Umtrunk auf der Herberge getrunken wird und welche von dem kräftigen Bier überschäumt, das einst der Stolz, der Ruhm und die Lust der Stadt gewesen. Im Hintergrunde des Bildes links wird die Ecke des anstoßenden Rathhauses, schräg gegenüber das riesige Conterfei des heiligen Onuphrius sichtbar, eines der Wahrzeichen der Stadt, genannt „der große Christoph am Eiermarkt“. Aus dem Hause rechts, hervorgelockt von dem fröhlichen Treiben, wagen die geängstigten Bewohner sich zum ersten Male wieder an die Luft, während gegenüber die Todtenträger in ihren unheimlichen Gugelmützen mit den Geräthschaften des Grabes verschwinden.

Dem Maler – einem Bruder des berühmten Schöpfers der Schlachtenbilder von Sedan und Wörth, einem Zögling der Münchener Akademie – wurde die Auszeichnung zu Theil, für das Bild einen jener Preise zu erhalten, welche jährlich an hervorragende Talente vertheilt werden, und wobei früher (ihres kleinen Betrages wegen) wirklich nichts Anderes zu holen war, als die Auszeichnung. Der Preis von dreihundert Gulden wurde nämlich auf eine ausgeführte Skizze hin ertheilt, aber erst nach Herstellung des fertigen Oelgemäldes ausgezahlt, bis wohin er so ziemlich Null für Null aufgegangen sein mochte. In neuester Zeit ist das geändert worden, und die Preise werden schon auf Grund der Skizze nicht nur ertheilt, sondern auch verabfolgt. Das Bild steht in München des Käufers gewärtig, der bei der vorwiegend örtlichen Natur des Gegenstandes nicht ganz leicht zu finden ist; doch ist Hoffnung vorhanden, daß dasselbe von kunstsinnigen Männern erworben und der Stadt zum Geschenk gemacht werde, um im Rathhaus eine entsprechende Stelle zu finden – dort ist sein Platz, denn München darf und wird wohl nie vergessen, daß es seinen eigentlichen Aufschwung und seine Bedeutung der Kunst und den Leistungen seiner Brauer verdankt.

H. S.