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Der Pfeifertag von Rappoltsweiler

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Textdaten
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Titel: Der Pfeifertag von Rappoltsweiler
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 752–754
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[752]

Der Pfeifertag von Rappoltsweiler.


– „Die alte graue Pfeiferstadt
Am Schluchtrand der Vogesen,
Von der auf manchem Chronikblatt
Verschollener Zeit zu lesen.
Wie oft stand rückgewendet ich
Dort, wo zum Giersberg steiler
Der Felsweg steigt, und sah auf dich
Zu Thal, o Rappoltsweiler!“

So grüßt Wilhelm Jensen das trutzige Städtchen im Oberelsaß, das, am Ausgange des malerischen Strengbachthales gelegen, mit seinen Resten von Stadtmauern, seinen alterthümlichen Thürmen, Häusern, Erkern, Giebeln und Brunnen genugsam Zeugniß für eine rühmliche Vergangenheit ablegt. Und auch heute noch erfreut sich Rappoltsweiler eines nicht zu verachtenden Wohlstandes; denn alljährlich zieht die Heilquelle des nahen „Carolabades“ eine stattliche Anzahl Genesung Suchender herbei, mancherlei industrielle Unternehmungen gedeihen in dem betriebsamen Städtchen, insbesondere aber ist es der Weinbau, der die Bevölkerung von Rappoltsweiler ernährt; es giebt kaum ein Haus dort, zu dem nicht ein ordentliches Stück Rebland gehörte, und welchen Ruf das erzeugte Gewächs im Lande genießt, das sagt uns der Merkspruch:

„Zu Thann im Rangen,
Zu Gebweiler in der Wannen,
Zu Türkheim im Brand
Wächst der beste Wein im Land.
Man sagt, gegen den Reichenweierer Sporen
Hätten sie all’ das Spiel verloren;
Doch als die Perle der Weine gilt allgemein
Der ‚Zahnacker‘ unter dem Hoh-Rappoltstein.“


Der Graf von Urslingen erkennt seinen Bruder.
Zeichnung von Felix Schmidt.

Ist es ein Wunder, daß wir auf solchem weinfrohen Boden eine Bruderschaft zu Hause finden, welche der durch vielfache Erfahrung belehrte Volksmund seit alten Zeiten mit der Lust an einem guten Trunke in die engste Verbindung brachte, daß hier die „Pfeifer“, die Musikanten und Spielleute aller Art aus dem Wasgau sich wohl fühlten und gerne ihre Feste feierten, daß Rappoltsweiler der Schauplatz des „Pfeifertags“ wurde?

[753] Nein, es ist kein Wunder, aber zur Steuer der Wahrheit muß es gesagt werden, der "Zahnacker" ist auch nicht allein schuld daran. Es ging nämlich so zu:


Der Umzug des Pfeiferkönigs in Rappoltsweiler.
Zeichnung von Felix Schmidt.


Als die Kreuzzüge zu Ende waren und die Ueberlebenden allmählich an ihre heimischen Sitze zurückkehrten, da blieb aus der Masse der Kreuzfahrer schließlich eine Schar unruhiger Gesellen übrig, die nach den wildbewegten Kriegsfahrten den Uebergang zu einer friedlichen, seßhaften Lebensweise nicht mehr fanden oder finden wollten. Sie vermehrten unverhältnißmäßig die Masse der „fahrenden Leute“, und ihr Treiben artete bald so sehr aus, daß sie eine förmliche Landplage bildeten und schließlich von der Kirche in den Bann gethan wurden – bei den Anschauungen des Mittelalters die äußerste Strafe, die einen Bösewicht treffen konnte. Rechtlos waren sie schon an sich nach dem Schwaben- und dem Sachsenspiegel; wurden sie von jemand beleidigt und gab der Richter ihnen recht, so durften sie doch nur den Schatten, welchen der Körper ihres Widersachers an die Wand warf, nicht diesen selbst schlagen. Der Bann der Kirche aber schloß sie vollends aus jeder menschlichen Gemeinschaft aus und bedrohte ihre Seele noch nach dem Tode mit den fürchterlichsten Höllenqualen.

Indessen fehlte es doch auch unter dieser gesetzlosen Bande nicht an besseren Elementen, die den Sinn für das Schöne und Gute nicht verloren hatten und die noch einen Schimmer von den Ueberlieferungen aus alter Zeit festhielten, da die fahrenden Sänger unter die besten Träger der edlen Minnepoesie gezählt hatten. Solche ehrenwerthe Vertreter des Standes litten natürlich schwer unter der allgemeinen Verachtung und sie suchten Abhilfe zu schaffen. Das gelang ihnen, als sie sich, einem Zuge ihrer Zeit folgend und unterstützt von dem musikliebenden Kaiser Karl IV., zu einer Bruderschaft, einer Art Zunft zusammenschlossen. Solche Bruderschaften, wie sie z. B. auch die Schäfer, die Ziegelschläger, die Kesselschmiede bildeten, erhielten dann Königsschutz und eigene Gerichtsbarkeit, indem sie irgend einem Großen des Reichs zu Lehen gegeben wurden, der ihr oberster Schutz- und Gerichtsherr wurde. Auch die fahrenden Musiker des Elsasses schlossen einen Bund dieser Art und stellten sich unter die Hut eines reichen und kunstsinnigen Herrn aus ihrem Gau; so erhielten etwa um das Jahr 1390 die Rappoltsteiner das „Königreich der Spielleute“, das ihnen vom Reichsoberhaupte bestätigt und verbrieft wurde, und Rappoltsweiler, die Stadt der Rappoltsteiner, wurde der Sitz des Pfeifertages.

Die Hauptaufgabe der Pfeiferbruderschaft war nach dem Gesagten die, das tief gesunkene Ansehen der fahrenden Spielleute wieder zu heben; die Herren von Rappoltstein sorgten auch redlich dafür, indem sie durch strenge Satzungen und strenges Gericht Unwürdige zu verdrängen oder fernzuhalten sich angelegen sein ließen – was dann seinerseits wieder die Folge hatte, daß die Kirche ihren Bann aufhob: die Pfeifer wurden an Ostern zum Abendmahl zugelassen, nur sollten sie sich vierzehn Tage vor und vierzehn Tage nach dem Genuß des Sakraments ihres „possenhaften Thuns“ enthalten. Es war der Dank der Bruderschaft, daß sie die heilige „Madonna von Dusenbach“ zu ihrer Schutzpatronin erkor, eine Huldigung, die zugleich der Kirche und den weltlichen Schirmherren galt, denn die nur eine kleine Wegstrecke von Rappoltsweiler entfernte Kapelle mit dem wunderthätigen Marienbilde im Dusenbachthale war eine Stiftung der Rappoltsteiner.

Die Rolle des Gerichtsherrn über die Pfeifer übten die Rappoltsteiner natürlich nicht in Person aus; sie übertrugen dieselbe an einem „Pfeiferkönig“, zumeist einen ihrer Hoftrompeter, der nun alljährlich am Feiertag Mariä Geburt zu Rappoltsweiler seinen Pfeifertag abhielt. Das war der Gerichts- und Festtag der „varenden Lüt“. Alle mußten sie kommen, die zur Bruderschaft gehören wollten. Wer „durch Leibs oder Herren Noth"“ verhindert war, der war gleichwohl gehalten , die „irten“ (Zehrung) zu bezahlen, „als wann er mit esse“. Und so kamen sie denn in hellen Haufen heran in den Tagen vor dem 8. September; an diesem selbst aber versammelten sich die Brüder, festlich geschmückt, vor der Pfeiferherberge, dem Gasthofe zur „Sonne“, einem Hause, das noch heute besteht und durch seinen schönen Erker die Aufmerksamkeit des Beschauers wachruft. Auf der Brust trugen sie das silberne „Vereinszeichen“" mit dem Bildniß der Madonna von Dusenbach, unter dem Arm ihr bestes „Spiel“ (Instrument). Dann ordnet sich der Zug: voran die Stadttrommelschläger, dann der „König“ mit dem Pfeifergerichte, aus Schultheis vier Meistern, dem Fähnrich, den Zwölfern und dem Weibel bestehend, endlich das übrige Volk. So geht's hinaus unter lieblichem Lärm – jeder Spielmann spielt irgend eines seiner Lieblingstücke – nach der Kapelle der Schutzpatronin, dann nach dem Schlosse des weltlichen Schirmherrn und zurück nach der Herberge in der Stadt, wo der „Zahnacker“ aus dem herrschaftlichen Keller in Strömen gespendet fließt – aber die Brüder müssen fest auf den Beinen und im Kopfe bleiben, denn nunmehr naht es, das Gericht, das schwere Strafen, oft bis zu hundert Gulden an Werth, verhängen kann und auf dem kein Frevel gegen die erlassene Ordnung, noch gegen die Ehre der Bruderschaft ungeahndet bleibt. Endlich aber löst sich der Ernst, und in dem „Herrengarten“ ergeht sich das lustige Volk bis in die frühen Morgenstunden bei Wettgesang, Tanz und allerlei toller Kurzweil.

Das war der Pfeifertag von ehedem. Er wurde gefeiert, auch als im 17. Jahrhundert die Grafschaft Rappoltsweiler die französische Oberherrlichkeit hatte anerkennen müssen und der stolze Name eines „roi des violons“, eines „Königs der Spielleute“, unter die Titel des Königs von Frankreich aufgenommen worden war. Er wurde auch noch gefeiert, als die große Revolution am Ende des vorigen Jahrhunderts mit den Zünften und manchem anderen Stuck Mittelalter auch die Pfeiferbruderschaft verschlungen hatte – jetzt freilich ohne feierlichem Gericht, nur noch als ein liebgewordenes Volksfest, als lustige „Kilbe“, zu der vergnügungssüchtiges Volk von weither herbeiströmte, ohne sich der geschichtlichen Bedeutung des Tages irgend bewußt zu sein. Der „Pfifferdaa“ ist heute noch eine volksthümliche Zeitbestimmung : „’s isch licht sachs Wucha zitter’m (seit dem) Pfifferdaa gsy“ kann man den Rappoltsweiler erzählen hören, und auf dem Rathhause des ehrsamen Städtchens gilt der Brauch, daß nach dem „Pfifferdaa“ abends Licht gemacht wird.

Schon in den vierziger Jahren wurde einmal der Versuch gemacht, den Pfeifertag durch Anregung geschichtlicher Erinnerung etwas in die Höhe zu bringen, ihn gleichsam zu veredeln; aber das Unternehmen mißfiel auf der Präfektur zu Kolmar, und so unterblieb die Sache. Erst im deutschen Elsaß sollte die Wiederbelebung der alten Sitte gelingen, dank der regen Thätigkeit der Rappoltsweiler Musikvereine und der Feuerwehr und dank der dramatischen Begabung des Rappoltsweiler Bürgers Dr. Ernst Jahn, der es verstand, ein Stück aus der Geschichte dieses Pfeifertages in die Form eines volksthümlichen Bühnenstücks zu kleiden und auf diese Weise, unterstützt von dem glücklichen musikalischen Talent eines anderen Landsmannes, H. M. Bloch, und von dem Kunstmaler Bosch aus Düsseldorf allem Volke von Stadt und Land eindringlich vor Augen zu führen, wie es vor Zeiten gewesen. So feierte man in den [754] Septembertagen dieses Jahres die fünfhundertjährige Jubelfeier des Pfeifertages mit ganz besonderem Glanze, nicht bloß mit den üblichen Volksbelustigungen, mit feierlichem Umzug durch die Straßen, Musik, Tanz, Spiel und Feuerwerk, sondern auch mit wiederholten Aufführungen des historischen Festspiels „Die Pfeiferbrüder“.

Der Herrengarten, welcher inzwischen Eigenthum der Stadt geworden ist, bildete wie ehemals den Schauplatz für den Hauptakt der Festlichkeiten. Dort befand sich die kunstlose Bühne, ein einfaches Zelttuch umspannte den Zuschauerraum. Das Stück selbst, dessen Rollen durchweg von Rappoltsweiler Bürgern übernommen waren, spielt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Wilhelm von Rappoltstein wohnt dem Pfeifergerichte bei, das sein Pfeiferkönig Loder abhält. Bewerber um die Aufnahme in die Bruderschaft treten auf und legen in munteren Liedern Proben ihrer Kunst ab. Unter den Sängern befindet sich aber auch ein verkappter Graf von Urslingen, ein Verwandter der Rappoltsteiner, der als Lautenschläger verkleidet das Land durchzieht, um nach einem vor Jahren von Zigeunern geraubten Bruder zu forschen. Nun hat auf dem Festplatze ein Wunderdoktor, Manubrius, sein Zelt ausgeschlagen; Elias, sein Pflegesohn und Gehilfe, weigert sich, länger als Lockvogel für die zu prellenden Bauern sich brauchen zu lassen, und als Mitglied der Pfeiferbruderschaft klagt er vor dem Pfeifergerichte wider seinen Pflegevater. Zur Rache beschuldigt ihn dieser der unehelichen Geburt – was ihn aus der Bruderschaft ausgeschlossen hätte – und des Diebstahls einer goldenen Denkmünze, die Elias am Halse trug. Aber eben diese Denkmünze, verbunden mit den Angaben eines beim Hühnerdiebstahl aufgegriffenen Zigeuners, bringt die Wahrheit an den Tag. Der Urslinger erkennt – es ist das die Scene, welche unser Bild Seite 752 darstellt – in der Münze ein Geschenk seiner Mutter, und der Zigeuner bestätigt, daß er vor fünfzehn Jahren dem Manubrius ein gestohlen Kind verkauft habe,



welches Elias glich. So findet der Bruder den Bruder wieder, den Bösewicht Manubrius ereilt seine Strafe und alles endigt in Friede und Freude. –

Ehe wir aber den Pfeifertag verlassen, müssen wir noch einmal zu den Schicksalen der Rappoltsteiner Herrschaft zurückkehren. Der letzte Sproß des mächtigen Geschlechtes war Johann Jakob von Rappoltstein, der im Jahre 1673 ohne männliche Nachkommen starb. Um sein Erbe erhub sich ein heißer Streit, aus dem durch Entscheid des französischen Ludwig XIV. schließlich Pfalzgraf Christian II. von Birkenfeld-Zweibrücken, der Gemahl einer Tochter von Johann Jakob, als Sieger hervorging. Abwechselnd residirten nun die Pfalzgrafen in Birkenfeld, Bischweiler und im Stadtschlosse der Rappoltsteiner. Dort wurde 1756 auch der berühmteste unter den Nachfolgern Christians geboren, der „Prinz Max“, der als Herr von Rappoltstein und Oberst eines französischen Regiments in Straßburg lebte. Da kam die Revolution und fegte auch den letzten Rest von Selbständigkeit der Herrschaft Rappoltstein hinweg. Prinz Max floh über den Rhein, und seine Besitzungen wurden als Nationalgut verkauft. Aber der Prinz war zu höherem vorbehalten.

Im Jahre 1798 starb der Kurfürst Karl Theodor von Bayern, und der Erbe seiner sämmtlichen pfalzbayerischen Länder wurde Max, derselbe, den Napoleon I. im Jahre 1806 zum König von Bayern erhob. Und es ist, als ob die kunstsinnige Ader der alten Rappoltsteiner fortgelebt hätte in dem Geschlecht; Ludwig I. wurde der Gründer der Kunststadt München, Ludwig II. der eifrige Gönner und Förderer des Theaters und der Musik. Wer weiß nicht, wie nahe Richard Wagner diesem Fürsten stand! Wäre der große Meister und Schöpfer des „Parsifal“ und des „Rings des Nibelungen“ vierhundert Jahre früher zur Welt gekommen, man hätte ihn am Ende als ernannten Pfeiferkönig sitzen sehen können und inmitten seiner Getreuen Gericht halten am Pfeifertag.