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Der Pelz des Starosten

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Der Pelz des Starosten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 127–128
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Wiener Freundschaft
Blätter und Blüthen
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[127] Der Pelz des Starosten. Canon[WS 1] ist ein genialer Maler, aber ein lustiges Haus, wie so manche Künstlernatur. Castelli war eine literarische und journalistische Biene, auch ein lebenslustiger, pudelnärrischer Kauz mit allerlei Schnurren und schnackischen Einfällen, ein lebendiges Anekdotenbüchlein, aber ein Oekonom, der pedantisch seine Silberlinge sammelte, während Canon die seinigen in alle Welt springen läßt. Beide aber waren echte Wiener.

Wir sagten, Canon ist und Castelli war, denn jener gehört noch der Sterblichkeit, dieser schon der Unsterblichkeit an. Beide waren Lebemänner, nur lebte der Dichter besonnen, der Maler ein wenig unbesonnen in den Tag und die Nacht hinein. Castelli war rangirt, er hatte Orden, unzählige Schnupftabaksdosen, Münzen, Gemälde, Staatspapiere, ja sogar ein kleines Landgütchen, groß genug für einen alten Junggesellen, und allenfalls für einen Hahn mit seiner ganzen Familie auch noch dazu. Canon besaß nichts dergleichen, er verschmähte solchen irdischen Tand. Sein ganzes Vermögen bestand in seinem Genie und in einigen Wechselbriefen, die ihn im Jahre dreihundert und fünfundsechszig Mal die Adresse zu wechseln zwangen. Wir fügen noch hinzu, daß der lustige Castelli fast um ein halbes Jahrhundert älter als der lustige Canon war.

Der Schwank, den wir hier mitzutheilen uns erlauben, spielt in einem etwas strengen Winter, und Castelli trug einen stattlichen russischen Pelz, an welchem sein junger Freund Canon ein besonderes Wohlgefallen fand. Castelli nannte seinen Pelz seinen wandernden Ofen, von dem er sich um keinen Preis zu trennen entschließen könnte, aber dennoch wollte ihn sich Canon annectiren, wie man in neuester Zeit zu sagen pflegt.

„Da soll ich einen Starosten malen, in Lebensgröße malen,“ sagte er eines Abends verdrießlich, als sie wie gewöhnlich beisammen saßen, „aber er hat mir nichts als sein dummes Gesicht aus Petersburg geschickt.“

„Das ist eine schwierige Aufgabe.“

„Er hat mir freilich das Maß seiner Länge und Breite beigeschlossen, aber ich weiß nicht, in welchen Rock ich den Kerl stecken soll.“

„Das ist ja Nebensache. Ich würde ihm einen schwarzen Frack anziehen.“

„Wo denkst Du hin! Ein Starost im Frack sähe wie ein Bacchus im Flügelkleide aus. Das Kleid macht den Mann, und beide müssen harmoniren, wenn ich was Tüchtiges schaffen soll.“

„So ziehe ihm eine Kosaken-Uniform –“

„Ja, wenn er ein Hauptmann wäre, aber mein Starost ist nichts als ein alter Philister, der nur seine Millionen zu commandiren und seine Leibeigenen zu knuten hat.“

„Teufel, da wird man Dir zu einer artigen Rolle Ducaten gratuliren können.“

„Ja wohl, darum will ich nichts Gewöhnliches zu Tage fördern. Tausendsapperment, da fällt mir etwas ein. Unbegreiflich, daß ich nicht gleich auf den Gedanken gekommen bin. Man ist rein vernagelt zuweilen.“

„Nun? Hast Du einen Rock für Deinen Starosten gefunden?“

„Keinen Rock, aber einen famosen russischen Pelz, lieber Freund.“

„Einen Pelz?“

„Ja, Deinen Pelz, mein guter Castelli. Du mußt so gefällig sein, ihn mir auf einige Stunden zu leihen.“

„Leihen?“ fragte Castelli die Nase rümpfend, denn der alte Herr war kein besonderer Freund von Leihen und Borgen.

„Das wird Dich doch nicht geniren? Du hast ja Kleidungsstücke genug, um Deinen Pelz ein paar Stunden entbehren zu können.“

„Wirklich ein paar Stunden nur?“

„Nicht länger, als ich brauche, die Skizze auf die Leinwand zu werfen.“

„Nun, gut, begleite mich nach Hause. Du kannst den Pelz gleich mitnehmen, aber morgen, spätestens um zehn Uhr, stellst Du mir ihn zurück.“

„O, viel, viel früher! Du hilfst mir da aus einer peinlichen Verlegenheit und sollst dafür meinen Starosten en miniature für eine Dose haben.“

Die beiden Freunde verließen die Kneipe, und eine halbe Stunde später schritt Canon wie ein Magnat in dem schönen russischen Pelz seiner Wohnung zu.

Am andern Tage wartete Castelli vergebens auf seinen Pelz. Auch der dritte Tag verging, und weder Canon noch der Pelz ließ sich sehen. Castelli schickte in die Wohnung des Malers, aber dieser war ausgezogen [128] und hatte vergessen, seine neue Adresse zurückzulassen. Als Castelli dieses dennoch erforschte, war er abermals ausgezogen, und so ging es fort. So oft der Dichter hoffte, Maler und Pelz zu erwischen, schlüpften ihm Maler und Pelz, so zu sagen, durch die Finger.

Endlich lächelte dem armen Castelli das süße Glück des Wiedersehens! Canon stand eines Morgens am Fenster seiner fünfzigtausendsten Wohnung, als er seinen Freund Castelli in’s Haus treten sah. Zu entwischen war nicht mehr möglich, also hilf, was helfen kann!

Als Castelli die Zimmerthür öffnete, fand er seinen Freund Canon bis über die Ohren in den Pelz gewickelt, jämmerlich stöhnend und der ganzen Länge nach ausgestreckt im Bette.

„Guten Morgen!“ rief der Dichter barsch.

„Guten Morgen!“ hauchte kläglich der Maler, von welchem nichts als die Nasenspitze sichtbar war.

„Was hat das zu bedeuten? bist Du krank?“

„Sterbenskrank! Es freut mich, Dich zu sehen, mein guter ehrlicher Castelli, – aber komm’ mir nur ja nicht zu nahe, ich bitte Dich!“

„Warum denn nicht?“

„Ich habe die schwarzen Blattern, lieber Freund.“

Castelli, dem das Leben der Güter höchstes war, fürchtete nichts so sehr, als ansteckende Krankheiten.

„Die schwarzen Blattern!“ schrie er entsetzt, und wäre in Todesangst fast zum Fenster, statt zur Thür, hinausgesprungen.

„Deinen Pelz! Deinen Pelz!“ rief Canon ihm nach, nachdem er endlich das rechte Loch gefunden, „Deinen Pelz!“

„Verbrenne ihn!“ brüllte der Flüchtling schon auf der Treppe. „Der Teufel hole den verdammten Pelz! Ich mag von ihm nichts mehr wissen!“

Canon sprang lachend aus dem Bette.

Er war und blieb Besitzer des schönen russischen Pelzes, denn Castelli hätte ihn um alle Schätze der Erde nicht mehr zurückgenommen.

Später beichtete der Maler dem Dichter den losen Streich, den er ihm gespielt, aber das gefährdete den Bund der Freundschaft nicht, und der gutmüthige Castelli lachte oft noch recht herzlich über den lustigen Schwank.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Hans Canon (1829–1885)