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Der Mann, der nichts von seinem Vaterlande wissen durfte

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Der Mann, der nichts von seinem Vaterlande wissen durfte
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aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1912, Bd. 10, S. 232–236
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Erscheinungsdatum: 1912
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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Quelle: Commons
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[232] Der Mann, der nichts von seinem Vaterlande wissen durfte. – Schon im Jahre 1859 hatte sich in Nordamerika der Gegensatz zwischen den sogenannten Sklavenstaaten, den Anhängern der Sklaverei, und ihren Gegnern, den Nordstaaten, so weit verschärft, daß erstere ganz offen mit einem Abfall von der Union drohten.

An einem Frühlingstage dieses Jahres saßen in einem Hotel der Stadt Charleston im Staate Südkarolina eine Anzahl Offiziere der nordstaatlichen Armee zusammen, die sämtlich zu der Besatzung des den Hafen von Charleston schützenden Forts Sumter gehörten. Man besprach die letzten politischen Ereignisse, ereiferte sich immer mehr, schimpfte weidlich auf die elenden Sklavenhalter in den Südstaaten und äußerte ganz unverhohlen die Meinung, daß es das beste wäre, wenn die Nordstaaten mit Waffengewalt die Sklaverei abschaffen würden.

Unter den Offizieren befand sich auch ein junger Artillerieleutnant, der bisher an der erregten Unterhaltung nur wenig teilgenommen hatte. Jetzt schlug er plötzlich mit der Faust auf den Tisch und rief dem alten Major, der eben so lebhaft für einen Krieg gegen die Südstaaten eingetreten war, mit lauter Stimme zu: „Also einen schmachvollen Bürgerkrieg, einen Kampf von Amerikanern gegen Amerikaner wünschen Sie, Herr Major! Ist es wirklich so weit mit Amerika gekommen, daß wegen ein paar tausend Negern der Bruder gegen den Bruder das Schwert zücken soll! Mir wär’s dann wahrlich am liebsten, ich hörte nie mehr etwas von meinem Vaterlande, das ich wegen des ewigen Streites seiner fanatischen Parteien nur verachten kann. Ich will nichts mehr von diesem kläglichen Amerika wissen!“

[233] Damit erhob er sich und verließ das Hotel.

Dieser Leutnant, der von seinem, durch Parteizwistigkeiten zerrissenen Vaterlande nichts mehr wissen wollte, hieß Harald Bragg und stammte aus einer Familie, deren Mitglieder sämtlich begeisterte Anhänger der Antisklavereibewegung waren.

Er ahnte nicht, welch furchtbare Strafe seine unbedachte Äußerung nach sich ziehen sollte.

Das älteste Mitglied jener Tischgesellschaft des Charlestoner Hotels meldete den Vorfall an den Präsidenten der Union Abraham Lincoln und fragte an, in welcher Weise der sofort vom Dienst suspendierte Leutnant Harald Bragg zur Rechenschaft gezogen werden sollte. Umgehend traf der Bescheid des Präsidenten in Fort Sumter ein, wonach der junge Offizier sofort an Bord der nordstaatlichen Fregatte „Karolina“, die gerade im Hafen von Charleston lag, geschafft wurde. Der Kapitän der „Karolina“ erhielt gleichzeitig eine versiegelte Order, was mit Bragg weiter zu geschehen habe. Dieser fürchtete schon, daß an Bord der Fregatte ein Kriegsgericht über ihn abgehalten werden würde, täuschte sich aber in dieser Annahme. Die Strafe, die der Präsident für ihn ausgewählt hatte, war anderer Art.

Auf der „Karolina“ ward Bragg der Säbel abgefordert, sonst durfte er seine Uniform weitertragen. Man wies ihm eine der Offizierskabinen auf dem Schiffe an, ließ ihn auch in der Offiziersmesse speisen – kurz, er wurde mit aller Achtung behandelt. Inzwischen war die Fregatte nach China abgesegelt, um dort als Stationsschiff in Hongkong die amerikanischen Interessen wahrzunehmen. Als man in Hongkong eintraf, wollte auch Bragg sich an Land begeben, um sich in der fremden Stadt umzuschauen. Die Erlaubnis dazu wurde ihm aber ohne Angabe von Gründen von dem Kommandanten des Schiffes verweigert. An einem der nächsten Tage blätterte er die in der Offiziersmesse ausliegenden neuesten englischen Zeitungen durch, um sich über die Weiterentwicklung des Streites zwischen den Nord- und Südstaaten seines Vaterlandes zu orientieren. Zu seinem Erstaunen bemerkte er da, daß in den Blättern gerade die Artikel ausgeschnitten waren, die über Amerika [234] handelten. Auf seine Frage, was das zu bedeuten habe, gab ihm ein Kamerad achselzuckend zur Antwort: „Auf Befehl des Kapitäns.“

Vergebens suchte er nun die Schiffsoffiziere in ein Gespräch über die politische Lage in Amerika zu verwickeln. Sobald er davon anfing, verstummten die Anwesenden und gingen auf ein anderes Thema über. Empört bat er um Aufklärung über dies Verhalten. Wieder die Antwort: „Auf Befehl des Kommandanten.“ Da ging dem jungen Leutnant eine furchtbare Ahnung auf. Er wollte Gewißheit haben, ließ sich bei dem Kapitän melden und trug sein Anliegen vor.

„Sie haben selbst damals in Charleston geäußert, daß Sie am liebsten nie mehr etwas von Ihrem Vaterlande zu hören wünschten,“ erwiderte der Kommandant ernst. „Präsident Lincoln hat nun bestimmt, daß dieser Wunsch Ihnen wörtlich in Erfüllung gehen soll. Sie werden nie wieder etwas über Nordamerika erfahren. Und damit dies genau durchgeführt werden kann, sind besondere Befehle erlassen, wie Sie behandelt werden sollen.“

Bragg schloß sich nun tagelang in seiner Kabine ein. Als er wieder an Deck erschien, hatte er sämtliche Abzeichen von seiner Uniform abgetrennt. Mit keinem der Offiziere sprach er mehr ein Wort. Nie kam er an Land. Die Zeitungen, die er erhielt, wiesen überall Lücken auf – die Amerika betreffenden Artikel waren ausgeschnitten. Ebensowenig erhielt er jemals einen Brief ausgehändigt. Er lebte nach seinem Belieben an Bord und war doch ein Gefangener. Trat er in die Nähe eines Truppes von Matrosen, die sich über die Vorgänge in Nordamerika unterhielten, so verstummte das Gespräch, denn auch die Besatzung bis hinab zum Schiffsjungen war eingeweiht.

Inzwischen war in Nordamerika tatsächlich der Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd ausgebrochen. Bragg wußte nichts davon. Für ihn existierte ja Amerika nicht mehr. Da lief am 2. April 1863 in den Hafen von Hongkong ein zweites amerikanisches Kriegschiff, die „Medusa“, ein. Wie Bragg hörte, sollte sie die „Karolina“ ablösen. Schon hoffte er, daß er nun mit der abgelösten Fregatte in die Heimat zurückkehren würde. [235] Aber es kam anders. Er wurde an Bord der „Medusa“ geschickt und sah die „Karolina“ mit Tränen in den Augen absegeln.

Auf der „Medusa“ wiederholte sich dasselbe Spiel. Kein Wort erfuhr er über Nordamerika, keine dieses Land behandelnde Zeile wurde ihm gegönnt. Als er merkte, daß seine Behandlung sich in nichts geändert hatte, verließ er einen ganzen Monat seine Kabine nicht, saß allein und nahm auch keinerlei Besuch an. Am 4. Mai 1863 – die „Medusa“ kreuzte gerade vor Kanton – machte er einen Fluchtversuch, nebenbei den einzigen in den dreiundzwanzig Jahren seiner merkwürdigen Strafzeit. Er stürzte sich gegen Mitternacht ins Meer, um das Land schwimmend zu erreichen, wurde aber sehr bald durch ein zu seiner Verfolgung ausgeschicktes Boot wieder aufgefischt und zurückgebracht. Eine Strafe wegen dieses Fluchtversuchs erhielt er übrigens nicht.

Nun erst ergab er sich völlig in sein Schicksal. Bisweilen erschien er in der Offiziersmesse und spielte wortlos mehrere Stunden lang mit einem ebenso schweigsamen Partner Schach. Man behandelte den Mann, dessen Haar im Verlauf von vier Jahren weiß geworden war und dessen Auge einen so schwermütigen Blick hatte, bald mit liebevoller Rücksicht und bemitleidete ihn tief.

Im Juli 1865, kurz nach dem Friedenschluß zwischen den Nord- und Südstaaten, der der Sklaverei in Nordamerika für alle Zeiten ein Ende machte, wurde die „Medusa“ heimberufen. Vorher hatte schon das Offizierkorps ein Gnadengesuch an den Präsidenten Lincoln eingereicht, aber keinerlei Antwort erhalten. Bragg machte die Reise bis Valparaiso auf der „Medusa“ mit. Hier wurde er einem Befehle der Admiralität gemäß auf das Stationsschiff „Neptun“ überwiesen, das in Valparaiso drei Jahre blieb.

In Braggs Schicksal trat keinerlei Änderung ein. Von dem gewaltigen Aufblühen seines neu geeinten Vaterlandes wußte er ebensowenig wie von dem vorausgegangenen Kriege mit seinen blutigen Schlachten. Er alterte schnell, sein Gesicht war faltig wie das eines Greises und sein Gesundheitszustand oft recht bedenklich. Trotzdem ließ man ihm keine Milde widerfahren. [236] Bis zum 15. September 1882 wanderte Bragg von Schiff zu Schiff, Amerika sah er nicht wieder. Erst als er im Sterben lag – es war im Hafen von Kalkutta auf dem Kreuzer „Georgia“ – teilte ihm der Kommandant dieses Schiffes mit, was inzwischen aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika geworden war. Und da soll Harald Bragg zum ersten Male seit dreiundzwanzig Jahren wieder gelächelt haben. Es war ein seliges Lächeln, das allen Anwesenden Tränen in die Augen trieb. Dem Sterbenden wurde die amerikanische Flagge mit den Sternen und Streifen gereicht. Er küßte sie, breitete sie über sich und verschied. Seine Leiche wurde seinem Wunsche gemäß nach Charleston gebracht und dort mit allen militärischen Ehren beigesetzt.

W. K.