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Der Luther-Baum bei Worms

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Textdaten
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Autor: A. B.
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Titel: Der Luther-Baum bei Worms
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aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 452–455
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Deutschlands merkwürdige Bäume.

3.0 Der Luther-Baum bei Worms.

Worms ist ein Fleck deutscher Erde, wo ein Blick die Male und Marksteine von Jahrtausenden überschaut und von den Werkstätten einer aufblühenden Gegenwart in das Nebelgrau ungemessener Fernen der mythischen Zeit schweift. Wie lange mag die heilige Keltenstadt sich in den Fluthen des Rheinstroms gespiegelt haben, bevor sie von römischen Pionieren entdeckt wurde! Borbetomagus, Augusta Vangionum, Burgundersitz, Nibelungenstadt, Merovingerresidenz, Karolingerpfalz, Haupt Rheinfrankens, auf bevorzugtem Boden des Ostreichs, wo die deutschen Könige gewählt werden mußten, von wo sie aus-, wohin sie sich zurückzogen, – wohin die Maiversammlung der alten, der Reichstag der späteren Zeit zumeist berufen wurde, auch jener, auf welchem das welterschütternde Wort erscholl: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ – Cultur und Geschichte haben sich hier in großen Zügen eingezeichnet, kein Fleck ohne Ueberlieferung, „kein Stein ohne Namen“! Der geflügelte Drache im Wappen, der Sigfridstein, der Rosengarten und andere Erinnerungen an das Heldenbuch und germanische Urzeit; der romanische Dom in seiner unvergleichlichen Zusammenwirkung von Thürmen, Kuppeln, Thor und Schiff des mächtigen rothen Quaderbaues mit noch unenträthselter Bildnerei und dem Denkmal der fränkischen Nornen, der drei königlichen „Heilräthinnen“; und dort die rothe Sandsteinmauer des Bischofhofes, in welchem der Mönch von Wittenberg vor Kaiser und Reich so herzhaft als folgenreich bei seiner Ueberzeugung beharrte; auch die düstere Synagoge, deren Gewölbe schon zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft hier eine Gemeinde Israels gesammelt haben sollen; und so manches Andere macht die auch heute noch so „wunnesame“ Stadt am Rheine zu einem Wallfahrtsort für jeden Glauben, jedes Streben.

Und welche Umgebung! Der Strom hat dieselbe, sein altes Bett suchend, verderbenbringend, wie er im Nibelungenlied erscheint, wieder heimgesucht, und ich könnte Einiges berichten von Lorsch und Edigheim, dem alten Otenheim – „da fließet noch der brunne“, wo Sigfrid erschlagen ward – was auf die Nibelungenfrage ein neues Licht würfe; doch weist meine Aufgabe auf eine andere Epoche Wormser Lebens, auf die Reformationszeit.

Gleich am Eingange der Stadt erhebt sich das herrliche Denkmal, von welchem Luther’s markige Gestalt in die moderne Welt blickt. Ein anderes Denkmal des großen Glaubenskämpfers verdankt nicht der Kunst sein Dasein und galt drei Jahrhunderte hindurch als das einzige: der Luther-Baum oder die Luther-Ulme bei dem nahen Dorfe Pfiffligheim. Man gelangt dahin mit der Bahn in wenigen Minuten, aber auch zu Fuß braucht man keine halbe Stunde. Worms, einst die volkreichste deutsche Stadt, breitet sich jetzt als kräftig wachsender Sitz der Großindustrie immer weiter im alten Weichbild aus, rückt auch dem Luther-Baum immer näher. Vor Jahren, da ich diesen zum ersten Mal sah, stand er noch außerhalb des Dorfes im fruchtbaren Gelände mit der Aussicht auf die alte Stadt, den Odenwald mit dem Melibocus. Aber auch heute noch hat man von dem Ruhesitz unter seinem Laubdach den alten Dom gerade vor sich.

Wie anderwärts die Linde, so wird ringsum im Gebiet der Vangionen (dem alten Wonnegau, aus welchem genau nach Westen der Donnersberg seinen „Elephantenrücken“ über den Pfrimmgrund erhebt) die Ulme oder Rüster als Weihbaum vor den Dörfern, auf Kirchhöfen und an denkwürdigen Stätten angepflanzt. Dafür zeugt die 150 Fuß hohe Riesenulme bei Guntersblum und so manche andere, auch die sturm- und wettergewohnte Ulme über dem Königskreuz bei Göllheim (wo im Anblick des Donnersbergs Adolf von Nassau im ritterlichen Kampf mit dem Gegenkaiser fiel), obwohl ihr der Gott des nahen mons Jovis (Berg des Donnergottes Jupiter) mit seinen Blitzen den besten Theil der Krone zerschmettert hat.

Alle überragt jedoch an Alter, Größe und Berühmtheit die Pfiffligheimer Luther-Ulme. Sie übertrifft an Stammumfang nicht blos die großen wipfeldürren Rüstern am Kuhthurm bei Leipzig um mehr als das Doppelte, sondern auch die bekannte Rüster von Hampstead in Middlesex, welche Roßmäßler, und nach ihm alle Welt, als die größte Ulme bezeichnet hat, um mehrere Fuß. Denn der Umfang des Stammes über dem Boden beträgt elf Meter und mißt weiter oben, über dem Geländer, noch immer neun Meter. Vor Jahren erfüllte mich der Anblick der ehrwürdigen Rüster mit Staunen, nicht blos deren gewaltige Stammesstärke, sondern die himmelstürmende Höhe, der hochragende Wipfel des majestätischen Baumes – und wie kein anderer hat mir die Luther-Ulme das Bild des heiligen Weltbaumes der Edda vergegenwärtigt.

Schon an sich ist die Rüster, wenn auch ungesellig, keineswegs der trübe und mürrische Baum, wie ihn empfindsame Naturschilderung dargestellt hat, sondern zumeist von malerischer Schönheit. Die durchfurchte, zerrissene Rinde und die derbknorrige

[453]

Die Luther-Ulme bei Worms. Nach einer Photographie gezeichnet von Rudolf Cronau.

[454] Verzweigung macht sie aus einiger Ferne der Eiche ähnlich. Allerdings gewährt die hinsichtlich der Blattform und Größe außerordentlich wechselnde und abweichende Belaubung, besonders vom Winde bewegt, einen etwas krausen Anblick, aber stets macht der Baum den Eindruck üppiger Derbheit, großer Lebensfülle und Triebkraft. Und er besitzt diese auch, wie kaum ein anderer.

Und darin wurzelt denn die älteste protestantische Legende, welche der Ulme von Pfiffligheim den Namen gegeben, indem sie dieselbe mit dem Helden der Reformation in Verbindung setzt. Wird doch Uhland durch eine andere Ulme, die von Hirsau, welche in keiner erkenntlichen Beziehung zu dem großen Reformator steht, an diesen erinnert:

„Zu Wittenberg im Kloster
Wuchs auch ein solcher Strauß,
Der brach mit Riesenästen
Zum Clausendach heraus.“

Wie erwähnt, galt die Ulme von Pfiffligheim als das einzige Luther-Denkmal, bevor das prachtvolle aus Erz in Worms errichtet wurde. Von altersher führte sie ihren Namen, und alle den Baum umrankende Sagen und Ueberlieferungen knüpfen an jene stürmischen Lenztage an, da Luther von Oppenheim her in Worms einzog.

Die Augen der Welt waren damals hierher gerichtet, wo der glänzendste Reichstag stattfand, Stadt und Umgebung überfüllt war von dem Gefolge der Kurfürsten und aller Reichsstände, von dem Geleite des Reichsoberhauptes selbst aus Hispanien, Sicilien und Flandern. Sechsundsechszig Fürsten, an hundert Grafen nebst sechszig Deputirten der freien Städte hatten sich eingefunden, außerdem eine unzählige Menge von Prälaten, Domherren, Rittern, fremden Botschaften, Doctoren, wälschen Krämern, Händlern, Junkern und Neugierigen aus Dorf und Stadt, die sich der tollen Fastnachtslust unter den Augen des jugendlichen Kaisers selbst („Carle von Gent“) erfreuten. Neben ihm, dem Weltherrscher, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, fesselte die Aufmerksamkeit der Menge für eine Weile der erste Indianer auf deutschem Boden, ein „nach Zigeunerart verschleierter“ Eingeborener Mexicos, den Cortez seinem Könige zur Huldigung über’s Weltmeer geschickt hatte.

Aber die Theilnahme an diesen glänzenden und fremdartigen Erscheinungen erlosch, als man erfuhr: Martin Luther, der herzhafte Augustiner und Professor zu Wittenberg, sei von Kaiser und Reich zur Verantwortung gefordert und – werde kommen. Die deutschen Fürsten waren nämlich auf das Machtwort der vom Legaten verlesenen päpstlichen Bulle nicht eingegangen und bestanden unter Friedrich’s des Weisen Führung darauf, daß man Luther höre, bevor man verdamme. Und muthig setzte sich der citirte Mönch mit seinem Anwalte und einigen Freunden in das Rollwäglein, das der Wittenberger Magistrat gestellt hatte, und fuhr dem Unbekannten entgegen an den Rheinstrom. In Oppenheim noch gewarnt, sprach er das Wort: wenn in Worms so viel Teufel als Ziegel auf den Dächern, wolle er doch hin.

Die ganze deutsche Welt war in Aufregung, Worms in fieberhafter Spannung. Viele vom Reichsadel ritten zum Willkomm entgegen und gaben dem bleichen, von Krankheit und Ermüdung abgezehrten Mönche ein stattlich ritterliches Geleit. Bescheiden lehnte er ab, auch Sickingen’s Schutz auf der Edernburg. Am 16. April zehn Uhr Morgens kam er unter ungeheurem Volkszulaufe nach Worms hinein und stieg im deutschen Ordenshause ab, wo auch einige edle sächsische Räthe und der Reichserbmarschall von Pappenheim ihre Herberge hatten. Der weitere Verlauf ist bekannt.

Vor seinem Einzuge in Worms kam der Reformator zu der Stelle der Ulme von Pfiffligheim, denn die Heerstraße von Oppenheim her, die alte „Hessenstraße“, führte vor der Erbauung der napoleonischen Kaiserstraße über die Anhöhen und den flachen Pfrimmgrund nach dem Dorfe herüber und bog erst beim Luther-Baume in die gerade Richtung nach Worms ein. Nach einer Ueberlieferung – und die Annahme hat Wahrscheinlichkeit für sich, wenn auch kein Chronist es bekundet – habe nun Luther die Gelegenheit zu kurzer Rast hier im Schatten der Dorfulme ergriffen, wo bei der Biegung des Wegs die thurmreiche Stadt, in welcher sein und seiner Lehre Schicksal entschieden werden sollte, in Sicht lag. Die Aussicht mag ihm wohl Herzklopfen verursacht haben, wenn er auch keinen Augenblick an Widerruf dachte. Denn er selbst hat als Urkunde seines damaligen beunruhigten Gemüths nachträglich jenes leidenschaftliche Gebet aufgezeichnet, jenen Aufschrei zu Gott (seinem „Schutz“ und „Schirm“, seiner „festen Burg“), mit welchem er die Ruhe und Klarheit seines Geistes wieder gewann.

Während der zehn Tage seiner Anwesenheit in Worms – meldet eine weitere Tradition – sei der rüstige Glaubenskämpfer heraus zur Dorfrüster gekommen, um hier dem zusammenströmenden Landvolke eine jener populären, packenden und erschütternden Predigten zu halten, von denen er selbst gelegentlich zu Bucer sprach, wie er sich dabei dem Verständnisse und der Anschauungsweise des gemeinen Mannes anbequeme, um ihn zu erheben. Luther unter der Dorfrüster den rheinischen Bauern predigend – ein urdeutsches, poetisches Bild!

Auch bei seinem Abzuge von Worms, am Vormittage des 26. April, wo am Oberrhein schon Alles grünte und blühte und die Ulme im lenzfrohen Laubschmuck stand, habe der Reformator – so wird angenommen – von hier den letzten Blick nach der Stadt zurück geworfen, wo Gott durch ihn so Großes vor der Welt verrichtete, „Ist’s Menschenwerk, wird es von selbst vergehen: ist’s von Gott, so wird es bestehen.“

Andere erzählen: Hier bei der Ulme habe der Gottesmann die ritterliche Schaar getroffen, die zu seinem Troste und Schirm von Worms ausgeritten war. Frundsberg sei an das Rollwäglein herangetreten, und auf des Kriegshelden Wort: „Mönchlein, Du thust einen schweren Gang!“, habe Doctor Martinus auf ein schwaches Bäumlein am Wege deutend geantwortet: „Wie dies Reislein zum Baume erwächst, werden sie meine Lehre nicht dämpfen!“

Indeß erinnert diese Fassung der Sage doch zu sehr an die moderne Weise, historische Thatsachen in novellistischen Zusammenhang zu bringen. Und so entschied sich die Meinung der nüchternen und verständigen Leute dahin, daß die Ulme einfach zur Erinnerung an Luther’s Anwesenheit in Worms und sein muthiges Auftreten daselbst gepflanzt worden sei.

Allein die Größe des Baumes weist auf höheres Alter hin. Obwohl man stattliche Rüstern von mehr als hundert Fuß Höhe findet, die kaum zweihundertfünfzig Jahre stehen mögen, wie die noch im Alter breiten Jahresringe darthun könnten, so kennt man doch auch solche, denen urkundlich ein weit höheres Alter nachgewiesen ist. Immerhin thut Gerock in seinen Reimen auf unsere Luther-Ulme des Guten wohl zu viel, wenn er meint: „wuchs auf zur Nibelungenzeit, eh’ noch erstand der Wormser Dom!“ Die eigentliche Volkssage und bekannteste Legende vom Luther Baum kümmert sich jedoch nicht um solche Wahrscheinlichkeitsberechnungen und hat eine sinnigere Deutung, indem sie ganz im Zeitgeiste der Reformation ein Motiv benutzt, das am bekanntesten aus der Tannhäuser-Sage herausklingt.

Man erinnere sich, daß die Reformation kein zusammenhangloses Ereigniß ist, sondern das Ergebniß von Stimmungen war, die durch das ganze Mittelalter wirksam blieben und schon die erste Glanzperiode unserer Literatur durchgeistigen. Wenn Walther von der Vogelweide auch nach seinem Abschied von der „Frau Welt“ noch in seinen Liedern den Papst befehdet, selbst Wolfram von Eschenbach seine Heidenfreundlichkeit in keinem Epos verleugnet und Freidank geradezu der Grausamkeit des Papstes das Erbarmen Gottes gegenüberstellt, so hat sich auch das eigentliche Volkslied ganz in demselben Sinne der Sage vom Tannhäuser bemächtigt.

Ein fahrender Sänger dieses Namens, den wir aus der Manesse’schen Sammlung kennen, hat, nachdem er sein Leben lang der weltlichen Minne in frivolen Liedern gefröhnt, in einem Bußliede gleich Herrn Walther Abschied von der „Frau Welt“ genommen und voll Erhörungszuversicht zu Gott um Vergebung seiner Sünden gefleht. Nun sang das Volk von ihm in einer dem Sänger eigenthümlichen Strophe: wie Ritter Tannhäuser Abschied nahm von der heidnischen Göttin im Venusberg, um seine Wiederversöhnung mit Gott zu erstreben. Aber kein Priester wollte dem Reuigen seine Sünden vergeben, auch der heilige Vater in Rom nicht. Der Papst Urban (der Vierte) hatte einen weißen dürren Stock in der Hand und sprach verdammend:

„So wenig dieser Stab grünen mag, kommst du zu Gottes Gnaden!“

[455] An Christi und Mariens Milde verzweifelnd, wendet sich Tannhäuser wieder in den Berg, wo ihn die „Fraue zart“ mit Huld willkommen heißt. Nun fängt des Papstes dürrer Stecken an zu grünen: erschrocken schickt der Papst Boten in alle Lande aus, wo der Tannhäuser hingekommen wäre. Der war und blieb im Berg.

Dies tiefsinnige Volkslied war vor und beim Beginn der Reformation in verschiedenen Texten und Weisen verbreitet und beliebt, das Motiv des dürren Stabes allgemein bekannt und wegen der Pointe gegen den Papst sehr volksthümlich. Die Legende von der Luther-Ulme hat sich seiner in folgender Weise bemächtigt.

Zur Zeit, wo Luther in Worms und alle Welt für oder wider ihn war, kamen auch zwei Marktweiber von der Stadt her des Weges nach Pfiffligheim. Die Eine stritt für den Doctor Martinus, die Andere aber stieß zornig ihren Stock in die Erde, mit heftiger Widerrede eifernd:

„Hätte der Luther Recht, würde eher dieser dürre Stecken zum Baum!“

Und siehe, der Stock wurzelte, schlug aus und wuchs zum Luther-Baum heran. – Bei der außerordentlichen Triebkraft des Ulmenholzes wäre das Wurzeln und Grünen des „Stockes“ kein besonderes Wunder. Die Sage wird nur bedeutungsvoll durch die Benutzung des volksthümlichen Tannhäusermotivs mit Bezug auf Luther.

Seitdem also kannte man die Luther-Ulme. Unter ihr sammelte sich in Freud und Leid zu Ernst und Scherz das Landvolk, zu ihr wallte an Feierabenden die singende Dorfjugend, sie gewährte dem Wanderer schattige Rast Jahrhunderte hindurch. Mit Ehrfurcht lauschte der Rastende dem geheimnißvollen Flüstern in der Krone, dem Eulenruf, Rabenkrächzen oben, dem mächtigen Sausen in der Höhe, wenn unten kein Laut, kein Lüftchen sich regte. So schauerte schon der Ulme grüner Wipfel, als am nahen Georgenberg die Pfälzer Bauern von der vereinigten Macht der Fürsten, denen bereits Sickingen erlag, niedergehauen wurden, daß die Pfrimm roth von Blut vorüberfloß, während die Landsknechte unter der Luther-Ulme um ihre Gefangenen knöchelten. Und wieder nach hundert Jahren sah sie Dorf und Feld verödet, Spanier und Croaten gleich Wölfen des Weges kommen, die Finnen- und Smaländer-Regimenter Gustav Adolf’s vorüberziehen, die Lederkanonen der schwedischen Artillerie vorbeirasseln. Und eines Pfingsttages hielten die Dragoner Melac’s unter ihrem Laubdach Rast, des heulenden Land- und Stadtvolkes höhnend, da Worms auf Geheiß des allerchristlichen Königs vor ihren Augen in einem Flammenmeer aufging. Und abermals nach hundert Jahren zogen die republikanischen Cohorten, Custine’s Husaren und Houchard’s schnauzbärtige Chasseurs à cheval aus Worms vorüber, zur Eroberung von Mainz. Das Alles hat die Luther-Ulme gesehen, Sturm und Dürre erduldet, auch daß von guten und schlechten Dichtern die Sage ihrer Entstehung in zahllose Reime gebracht wurde.

Die Luther-Ulme galt als ein Symbol, gleichsam als der heilige Baum, der Schicksalsbaum des Protestantismus. Vom Blitz getroffen, vom Wetter geschädigt, war auch ihr mächtiger Stamm im Lauf der Jahrhunderte morsch und hohl geworden. Dennoch schlug die Krone alljährlich im Lenze wieder mächtig aus, rauschte freudig noch 1870 den nach Frankreich ziehenden Colonnen zu; und als Sieg auf Sieg gemeldet ward, glaubte sie wohl den Stürmen nicht länger trotzen zu müssen. Am Vorabend der Capitulation von Metz (26. Oktober 1870) brach und warf ein Orkan die Krone vom Stamme. Erschüttert stand das Volk. Es schien vorbei zu sein mit denn ehrwürdigen Wahrzeichen. In der Höhe von acht Metern über dem Boden war die Krone mit allem Astwerk herniedergeschleudert. Gebrochen, geborsten, astlos, kahl und klaffend hohl stand nur noch der niedrige Stumpf.

Als Bonifacius im frommen Eifer die Axt an Donar’s Eiche bei Geismar anlegte, ward das Holz wieder zum Bau einer Capelle zu Ehren Sanct Peter’s verwendet, um unsere heidnischen Vorfahren sacht zum neuen Glauben hinüberzuleiten. Der Protestantismus baut den Heiligen keine Capellen. Aber das Astwerk des Luther-Baumes sollte nicht im Feuer aufgehen, denn Ulmen liefern ein geschätztes Werkholz und deren Maser die beliebten „Ulmer“ Pfeifenköpfe. Als sich die Kunde vom Fall des Luther-Baumes verbreitete, beeilte sich die Nachbarschaft, Andenken von demselben zu holen, und rasch war das Holz vergriffen. Vieles kam in die Hand eines Speculanten, welcher Falzbeine, Federhalter u. dergl. m. davon fertigen und am Luther-Denkmal in Worms verkaufen ließ. Das interessanteste Stück befindet sich jedoch im Besitz des Herrn Reis, königl. Verwalters der Kreis-Armen- und Kranken-Anstalt zu Frankenthal in der Pfalz. Derselbe hat sich aus dem Holze vom Luther-Baum einen großen schönen Blumentisch mit Aquarium und Heronsbrunnen anfertigen lassen, zugleich aber die Vorsicht gebraucht, sich amtliche Ursprungszeugnisse zu verschaffen, damit dem werthvollen Familienstück, einem Unicum, der antiquarische Werth unbestritten bleibe.

Unterdeß stand der mächtige Stumpf des Luther-Baumes in seinem trostlosen Zustande, wüst, zerrissen, mit klaffender Höhlung, wie ein verfallender, halbeingestürzter Schornstein, anscheinend allen Lebens bar. Aber die Pfiffligheimer und ihr wackerer Bürgermeister Ott gaben das ehrwürdige Denkmal, den Stolz ihres Dorfes, die Zierde des Wonnegaues, nicht so leicht verloren. Durch Ausfüllung und Schließung des völlig hohlen Stammes suchten sie dem Todtwunden beizuspringen. Und der Erfolg war verblüffend, nahezu ein neues Wunder. Der Baum hat sich zur Freude Aller vollständig verjüngt, wie man uns schreibt. Aus den Bruchrändern sproßten neue Zweige hervor, die jetzt wieder zu starkem Astwerk herangewachsen sind und eine schöne, geschlossene Krone bilden. Wer mit der Bahn vorbei, dem Donnersberg entgegen, fährt, kann den immer noch großen Baum nicht übersehen. Aber das Staunen wird zur Ueberraschung, tritt man der Luther-Ulme näher und erblickt den Riesenstamm, zu welchem die Krone trotz ihrer Größe in sehr unrichtigem Verhältniß steht.

Trägt der Baum seinen Laubschmuck, so ist von der Bruchstelle nichts mehr zu sehen. Der Stamm selbst aber mißt bei einem Umfang von neun bis elf Meter nur noch sechs Meter Höhe. Indeß ist die Lebenskraft des Verjüngten so rege, daß ihm mit voller Sicherheit von jetzt ab noch ein hohes Alter in Aussicht gestellt werden kann. Mächtige Aeste setzen sich wieder an in üppiger Verzweigung, der Baum wächst, allerdings mehr in die Breite als in die Höhe. Die Laubkrone des Luther-Baumes ist, wenn auch nicht so hochragend wie einst, doch so kraus, dicht und frisch als je. Es quillt und schwillt von neuem Leben in diesem ehrwürdigen Wahrzeichen des Protestantismus.

A. B.