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Der Landvogt von zehn Tagen

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Textdaten
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Autor: Albert Fränkel
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Titel: Der Landvogt von zehn Tagen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, 6, S. 76–80, 99–101
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Uwe Jens Lornsen
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[76]
Der Landvogt von zehn Tagen.
Charakterbild aus den Tagen der dänischen Fremdherrschaft.
I.

Von den Ideen und Ueberzeugungen, welche auf dem denkwürdigen Wartburgfeste des 18. October 1817 zu hellem Ausdruck kamen, hat sich manche bewegende und entscheidend gewordene Strömung durch alle ferneren Entwickelungen unserer nationalen Geschicke ergossen. Wenn aber die Geschichtskundigen den wichtigen Tag nach dieser Seite hin zu würdigen suchen, so pflegt dabei eines Ereignisses nicht gedacht zu werden, das sich allerdings in den Aufzeichnungen jener Zeit nur sehr flüchtig notirt findet und von der damaligen öffentlichen Meinung noch nicht gewürdigt werden konnte. Gleichwohl hatte in diesem unscheinbaren Vorgang eine der bedeutsamsten Wendungen deutscher Zukunft ihr erstes Heraufleuchten angekündigt.

Dem ergangenen Rufe der Jenaer Burschenschaft folgend, waren bekanntlich die zahlreichen Deputationen begeisterter Studiengenossen schon am 17. October von den verschiedensten Hochschulen in Eisenach eingetroffen und erfüllten nun hier, erwartungsvoll und in fröhlich-ernster Bewegung, unter jubelnden Begrüßungen und lebhaften Gesprächen den Marktplatz und die ihm angrenzenden Straßen. Schon glaubten die im Gasthaus „Zum Rautenkranz“ tagenden Leiter des Festes die Liste der Teilnehmenden geschlossen, als gegen Abend die Nachricht hereinkam, daß soeben noch frischer Zuzug, eine Schaar von dreißig neuen Gästen unter dem Gesange des alten Lutherliedes durch das Thor geschritten sei. An einem Eindruck der Ueberraschung wird es wohl bei ihrer Meldung nicht gefehlt haben. Denn Gäste waren es im eigentlichen Sinne, die hier noch zur rechten Stunde sich einstellten, Söhne deutschen Stammes zwar, aber doch halbe Fremdlinge auf deutschem Boden, Angehörige jener schleswig-holsteinischen Nordmark, deren Bevölkerungen seit lange unter dem Scepter der Dänenkönige lebten und, trotz ihrer deutschen Sprache und Art, ihres Zusammenhanges mit Deutschland so ziemlich vergessen hatten. Das Ränzel auf dem Rücken, den Ziegenhainer in der Hand, hatten jene dreißig Kieler Studenten den weiten Weg durch die deutschen Lande mit einander zu Fuß gemacht, getrieben von einem mächtig gewordenen

[77]

Das Lornsen-Denkmal zu Rendsburg im Augenblick der Enthüllung.
Für die „Gartenlaube“ aufgenommen von Wilhelm Claudius.

[78] Drang des Blutes, der sie zu ihrem Volke zog. Darum wurden sie in Eisenach mit doppelter Herzlichkeit begrüßt und ihre Sprecher Olshausen, Binzer und Förster sofort zu Mitgliedern des Festausschusses ernannt. Mit den neugefundenen Brüdern durchlebten sie hierauf in inniger Vereinigung alle weihevollen Momente der ergreifenden Feier, deren Gedanke die Kräftigung in der Liebe zum gemeinsamen Vaterlande, deren Zweck der Protest gegen deutsche Ohnmacht und Knechtschaft, das Bekenntniß einer willensstarken Begeisterung für deutsche Einheit und Freiheit, deutsche Sitte und Gesinnung war. Als die Schleswig-Holsteiner unter diesen Eindrücken aus Eisenach schieden, waren die Anfänge jener Bewegung gegeben, welche den abgewendeten Bruderstamm an der Ost- und Nordsee wieder zu Deutschland führen sollte.

Wenn bis dahin in der großen Masse der schleswig-holsteinischen Bevölkerung ein deutsches Nationalgefühl nicht vorhanden gewesen, so war es erklärlich genug. Zur Erweckung eines solchen Gefühls hätte es doch vor Allem einer deutschen Nation bedurft. Eine solche aber gab es noch nicht, und auch in dem jammervoll zersplitterten Deutschland war das eifrigste Bestreben der zahlreichen Souveraine nur auf die Pflege und Befestigung des engen Sondergeistes und kleinen Localpatriotismus in den von ihnen regierten Ländern und Ländchen gerichtet. Wie hätte da eine fremde Macht in ihrer Beherrschung eines deutschen Stammes sich anders verhalten sollen? Abgesehen von ihrer Absicht, die alte Selbstständigkeit der deutschen Herzogthümer zu untergraben und sie als bloße Provinzen mit ihrem Staat zu verschmelzen, hatten übrigens die letzten dänischen Könige ein mildes, der humanen Aufklärung zugeneigtes Regiment geführt und sich dadurch viel anhängliche Treue erworben. Auch in der dänischen Bevölkerung selber, die ihre ganze Bildung aus deutscher Literatur und Dichtung schöpfte, war lange Zeiten hindurch in Bezug auf die Holsteiner und Schleswiger ein Bewußtsein nationalen Gegensatzes so wenig zu Tage getreten, daß es den letzteren nicht schwer gemacht wurde, sich immer mehr als Dänen zu fühlen. Dennoch waren die innerlichen Gegensätze zu stark, als daß ein solcher Zustand widernatürlicher Verschwommenheit für immer hätte andauern können. Fast unbewußt hatte er sich schon seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts durch den damals erfolgenden Aufschwung des deutschen Genius gelockert, den beginnenden Ermannungsproceß unseres Volkes. Diese von Klopstock und Lessing ausgehende Gedankenumwälzung übte auf die eine oder die andere der beiden politisch zusammengeschmiedeten Nationalitäten eine ganz verschiedene Wirkung. Während sie die Dänen in sich aufnahmen wie ein Fremdes, ließen die Gebildeten des urdeutschen schleswig-holsteinischen Volkes sich von ihr ergreifen wie von dem Feuer eines verwandten Geistes.

Ein interessantes und durchaus sprechendes Beispiel dafür war schon der sogenannte Göttinger Hainbund. Dieser im Jahre 1772 gestiftete und für die Entwickelung unserer Poesie fruchtbar gewordene Dichterverein, der an den Teutonismus Klopstock’s anknüpfte, dessen bewegende Seele also eine bis zum schwärmerischen Cultus gesteigerte Liebe zum deutschen Vaterlande war, zählte unter seinen hervorragendsten Mitgliedern bereits vier dänische Unterthanen deutschen Stammes: Boie, Cramer und die beiden Grafen Stolberg waren Schleswig-Holsteiner. Als diese Hainbündler in die Heimath zurückkehrten und zu einflußreichen Aemtern kamen, wurden ihre Wohnsitze Mittelpunkte eines angeregten geistigen Lebens namentlich in den Kreisen des holsteinischen Adels. Es erwachte das Verlangen des Gedankenaustausches; es erwuchs eine deutsche Literatur und Presse; es spann sich aus dem Bedürfniß der Seelen heraus ein unzerreißliches Band idealer Beziehungen und sympathischen Verständnisses nach Deutschland hinüber. Zwar hatten die Schleswig-Holsteiner nachher mit dem deutschen Volke nicht die Zeiten der Napoleonischen Fremdherrschaft durchgemacht, diese große Schule der Leiden, der Erfahrung und Erhebung. In die Netze der dänischen Politik verstrickt, standen sie damals treu auf der Seite derselben, selbst in dem ihnen völlig fremden Kriege zwischen Dänemark und England, der ihnen so viel Noth brachte und dessen ganze Last sie allein tragen mußten. Dennoch ist es erwiesen, daß den Holsteinern nur ein sehnlicher Wunsch erfüllt wurde, als sie, 1815 in den deutschen Bund aufgenommen, an den letzten Acten des Kampfes gegen Frankreich sich betheiligten durften. Der große Tag von Belle-Alliance wurde auch in Holstein als ein Festtag und zum ersten Male in der Kieler Aula durch eine berühmt gewordene, von entschiedenem deutschen Patriotismus beseelte Rede Dahlmann’s gefeiert. Kurz, ein Hauch von dem Geiste der nationalen Befreiungskriege und seiner Helden und Sänger war auch in jene dem deutschem Mutterlande entfremdeten Gaue gedrungen, und er verstärkte sich, als die Dänen mit einem Male einen nationalen Fanatismus hervorzukehren begannen, als sie ihren berüchtigten Krieg wider die deutsche Sprache eröffneten und durch ihre bodenlos schlechte und rücksichtslose Finanzwirthschaft, welche hauptsächlich die deutschen Herzogthümer belastete, hier unbeschreibliche Nothlagen hervorriefen, sodaß Tausende an den Bettelstab gebracht wurden. Dies Alles erzeugte ganz im Stillen eine oppositionelle Haltung wider das Dänenthum zunächst in den wenig zahlreichen intelligenten Schichten. Mit Schrecken nahmen sie jetzt wahr, daß sie von „Fremden“ beherrscht und ausgebeutet seien, und ein mehr oder minder klares Gefühl des Heimwehs lenkte ihre Blicke auf das deutsche Vaterland. Ein Ausdruck dieser Stimmungen war der Zug der Kieler Studenten nach der Wartburg.

Erfüllt von den Gedanken und hochsinnigen Vorsätzen der durchlebten Feier, der Blutsverwandtschaft und des inneren Zusammenhanges mit der großen deutschen Volksfamilie ganz sich bewußt, kehrten die Jünglinge zu ihrer heimischen Universität zurück und ließen es alsbald ihr eifriges Bemühen sein, auch in Kiel das seit lange verflachte und verwilderte Studentenleben nach den strengen burschenschaftlichen Grundsätzen zu reformiren. An Empfänglichkeit für diese Absicht fehlte es unter den Commilitonen nicht; es schloß ein Kreis von Gleichgesinnten sich eng an einander, von Jünglingen, in denen die Erkenntniß zum Durchbruche gekommen war, daß nur von der Festhaltung an deutscher Eigenart und Sitte, von der Vertiefung deutscher Bildung, der Förderung deutschen Freiheitsstrebens die Rettung des Landes aus seinen schweren Gefahren zu erwarten sei. Dieser Kreis war es, in dem zuerst ein baumhoher friesischer Student sich Beachtung schaffte, der Sohn eines vermöglichen Schiffscapitains in dem großen Stranddorfe Keitum auf der Insel Sylt.

Wer heute über den freundlichen Paradeplatz der Stadt Rendsburg schreitet, findet in dem imposanten Mannesantlitz, das sich auf der am 1. September des vorigen Jahres daselbst enthüllten Denksäule erhebt, deren Abbildung wir in dieser Nummer unsern Lesern bieten, die energischen Züge jenes friesischen Studenten wieder. Das Lebenswerk des hochverdienten Mannes, dem die Liebe und Dankbarkeit eines ganzen Volksstammes dieses schöne Denkmal errichtet haben, ist außerhalb seines engeren Vaterlandes nur noch Wenigen bekannt, obwohl sein Wirken weit über die Grenzen desselben hinausreichte und sein Name überall genannt werden sollte, wo von den Besten unserer Nation die Rede ist.

Uwe Jens Lornsen war ursprünglich zum Seemanne bestimmt, aber die unruhigen Kriegszeiten ließen es dazu nicht kommen, und er entschied sich nunmehr für die Laufbahn eines Juristen. Nach mehrjähriger Vorbereitung hatte der Vierundzwanzigjährige Ostern 1816 die Landesuniversität bezogen und mag da wohl eine Zeitlang dem hergebrachten wilden Treiben hinlänglich seinen Tribut entrichtet haben. Gewiß aber ist, daß er auch einer der Ersten war, die von dem nun aus Deutschland herüberstrahlenden Ideenlichte im Innersten getroffen und zu ernster Läuterung aufgerüttelt wurden. Sein Eifer für die Zwecke des studentischen Reformbundes war so groß, daß er 1818 nach Jena ging, um auf dieser damals wissenschaftlich so herrlich erblühten und durch den patriotischen Geist ihrer Lehrer und Schüler ausgezeichneten Hochschule sein letztes Studienjahr zu verleben. Auch in Jena erschien der blondgelockte Friese mit seiner Herculesgestalt wie ein Abkömmling untergegangener germanischer Riesengeschlechter. Von seiner außerordentlichen Körperkraft erlebt man bald belustigende Proben. Als einige Commilitonen, unter denen er sich befand, einst beim Billardspiel durch die Spöttereien anwesender Handlungsgehülfen gestört wurden und diese durch alle Zurechtweisungen nicht zum Schweigen gebracht werden konnten, nahm Lornsen den einen der Lästigen unter seinen linken, den andern unter den rechten Arm, trug Beide ruhig auf die Straße hinaus und setzte dann gleichmüthig sein Spiel fort, ohne während der ganzen Procedur auch nur ein Wort verloren zu haben.

Doch nicht blos seine äußere Erscheinung lenkte die Aufmerksamkeit [79] auf den jugendlichen Nordländer. Da er in demselben Jahre 1818 bereits neben den hervorragendsten Mitgliedern als Vorsteher der Burschenschaft verzeichnet ist, muß er wohl durch Begabung, Charakter, Beredsamkeit und rege Betheiligung hier schnell einen ungewöhnlichen Einfluß erlangt haben. Mit Heinrich von Gagern stand er in naher Freundschaftsverbindung, Und Robert Wesselhöft urtheilte über ihn, daß er ein ausgezeichneter Freiheits- und Vaterlandsfreund und von ihm einst Bedeutendes zu erwarten sei. Auch läßt sich annehmen, daß solche Umgebungen und innige Beziehungen nicht ohne Einfluß auf das Wachsen seines inneren Menschen und auf den Ernst seiner Studien geblieben sind. Als ein Jünger der Lehre vom neuen deutschen Reiche kehrte er im Frühling 1819 von Jena zu seiner deutsch-dänischen Heimathsinsel zurück, um sich daselbst auf sein juristisches Examen vorzubereiten, das er 1820 „mit Auszeichnung“ bestand, worauf er sehr kurze Zeit in einer kleinen holsteinischen Stadt als Advocat lebte. In seiner Tracht, seinen Sitten, der ganzen Weise seines Auftretens und Disputirens hatte sich bis dahin noch viel Auffälliges, Anstößiges und Burschikos-Excentrisches gezeigt, als Merkmal innerer Gährungen. Dies legte und läuterte sich jedoch, und sein Wesen fand sich mehr in den herkömmlichen Lebensformen zurecht, als er die Laufbahn eines Verwaltungsbeamten wählte. Bald darauf erhielt er von Kopenhagen die Genehmigung, dort als Volontair in die schleswig-holsteinische Kanzlei zu treten. Als er zur Abreise am Strande erschien, war das Paketboot, das ihn mitnehmen sollte, schon sammt seinen Habseligkeiten davon gefahren. Rathlos stand er da; im Hafen lag nur ein einziger Ewer, eines jener Fahrzeuge, welche kleine Ueberfahrten und den Transport zu den Schiffen vermitteln.

„Du mußt mich nach Kopenhagen fahren,“ rief er schnell entschlossen den Führer an.

Dieser lachte über die ungeheuerliche Zumuthung, mit dem kleinen und offenen Ding die gefährliche Meerfahrt zu wagen. Lornsen aber, selbst noch ein gutes Stück von einem Seemann, ließ nicht nach und brachte den Mann herum. Noch vor dem Paketboot langten sie an der Zollbude an.

So war denn der deutsche Burschenschafter mitten in das Getriebe der fremden Haupt- und Hofstadt versetzt. Ohne alle Familienverbindungen und Gönnerschaften, ja selbst ohne das, was man in den höheren Kreisen liebenswürdig nennt, hatte er sein allmähliches Fortkommen auf dem erwählten Berufswege allein seiner Tüchtigkeit zu danken. Von der Stellung eines Comptoirchefs und Kanzleisecretärs, zu der er im Jahre 1826 aufgerückt, hatte er es von da bis 1830 zu dem bedeutendem Posten eines Kanzleiraths der schleswig-holsteinischen Oberbehörde gebracht. Der Ernst, mit welchem er weit über das gewöhnliche Maß seinen Amtspflichten oblag, kam ihm schon aus den Gegenständen seines täglichen Geschäftskreises. Mit Nachdruck wiesen sie ihn auf die düsteren Verhältnisse seiner Heimath hin, die ohnedies fortwährend seinen Geist beschäftigten und seine Ruhe trübten. Das Gefühl des Unbehagens, die Beängstigungen wegen der Zukunft des Landes waren in Schleswig-Holstein nicht beschwichtigt, sondern von Jahr zu Jahr gestiegen. Für ihre Hoffnungen auf Rettung aber hatten inzwischen auch dort die Gemüther nach dem Vorgange anderer Länder einen Gedanken ergriffen, in dessen Verwirklichung sie die Erfüllung aller ihrer Wünsche sahen. Der Gedanke hieß Constitution, Verfassung, freilich zunächst nur ein Wort, mit welchem kaum ein Begriff verbunden wurde, aber dennoch ein Ausdruck richtigen Zeitinstincts, der eigentliche Schlachtruf der Epoche, das Triebrad einer mächtigen Weltbewegung. Gestützt auf ihrem Freibrief von 1460, der ihnen, Dänemark gegenüber, Zusammengehörigkeit, Selbstregierung und Steuerbewilligungsrecht für alle Zeiten gesichert hatte, waren die alten Stände und Prälaten der beiden Herzogtümer nicht müde geworden, für die unter der Last unwillkürlich aufgebürdeter Abgaben fast erliegenden Gebiete die Wiederherstellung des alten Landesrechts von der Regierung zu fordern. Diese zeigte sich auch einer Vereinbarung nicht abgeneigt, hielt aber die Angelegenheit in der Schwebe, ohne den Nothzuständen und aller sonstigen Vergewaltigung des deutschen Elements Abhülfe zu verschaffen. Durch den Eintritt Holsteins in den deutschen Bund wurde der Weg nach Frankfurt offen und endlich auch von der Ritterschaft betreten. Der selige deutsche Bundestag aber ermahnte die „Reclamanten“ zum Vertrauen auf die Versprechungen des dänischen Königs. So war auch hier dem offenbaren Volksrecht, der bestehenden Gewalt gegenüber, jede Handhabe genommen, und in den Bureaus der Kopenhagener Regierung wurde nunmehr diese Verfassungsfrage zu den Acten gelegt.

In der schleswig-holsteinischen Bevölkerung aber konnte der einmal im Keimen begriffene Gedanke nicht wieder erstickt werden, und auch die jungen deutschen Regierungsbeamten in der dänischen Hauptstadt hörten nicht auf, ihn zu besprechen und in ihren Herzen zu bewegen. Fleißig hielten sie zu diesem Zwecke Zusammenkünfte, deren bewegende Seele kein Anderer als Uwe Jens Lornsen war. Mit seiner gewohnten Schärfe verscheuchte er hier zunächst alle nebelhaften Vorstellungen, sowie alle unklaren und abgelebten feudalen Begriffe in Betreff der Fragen, um welche es bei einer Verfassung des neunzehnten Jahrhunderts sich handelte. Vor Allem kam man darin überein, daß wider die dänischen Trennungsabsichten unerschütterlich an der Zusammengehörigkeit und Untrennbarkeit der beiden Herzogthümer festgehalten werden müsse. An eine Loslösung vom dänischen Staate aber dachte damals noch Niemand; als höchstes und kühnstes Ziel aller Forderungen hatte Lornsen vielmehr nur den Vorschlag einer sogenannten Personalunion in die Debatte geworfen. Auf sein Andringen und seinen Betrieb aber wurden alle diese Punkte von den Freunden nicht wie ein äußerliches Programm und Glaubensbekenntniß aufgestellt, sondern in umfassenden und gewissenhaften Erörterungen bis in das Speciellste durchgearbeitet. In solcher gründlichen Gedankenarbeit, die ihre Ausstrahlung jedenfalls auch in die Heimath hinübersandte, offenbarte sich vor Allem der gewaltige Einfluß Lornsen’s auf diesen Kreis gebildeter Landsleute, die bald in liebevoller Bewunderung zu ihm aufblickten. Wie die dumpfe Unzufriedenheit der Schleswig-Holsteiner in seiner Person zu vollständig klarem und sicherem Bewußtsein sich durchgerungen hatte, so war dieser Volksbewegung in ihm auch der bisher ihr mangelnde Führer erwachsen, der die Geister zu rufen und im rechten Augenblicke das rechte Wort zu sprechen wußte.

Inzwischen hatten öfter wiederkehrende Krankheitsleiden, die immer mit starken Anwandlungen einer eigenthümlichen Schwermuth verbunden waren, vielfach sein amtliches Wirken gestört. Er sehnte sich nach einer ruhigeren und zugleich selbstständigeren Stellung, die ihm auch mehr Muße zu schriftstellerischer Thätigkeit ließ, für welche er einen besonderen Beruf in sich fühlte. Auf seinen Wunsch wurde ihm der Posten eines Landvogts von Sylt verliehen, wodurch ihm die lange ersehnte Rückkehr in die Heimath und zu den Seinen ermöglicht ward. Dies geschah im Jahre 1830, dem Jahre der Julirevolution und ihrer welterschütternden Wirkungen.

Von einer solchen Bewegung des Welt- und Zeitgeistes mit dem er eine so starke Fühlung hatte, mußte ein Charakter wie Lornsen bis in das Innerste durchschauert werden. Mit Recht sah er die Freiheitsbestrebungen der Zeit um ein halbes Jahrhundert ihrem Ziele näher gerückt, und im Bewußtsein seiner Befähigung und seiner Willenskraft meinte er, „daß es die Pflicht jedes streitbaren Mannes sei, in diesem thatenvollen Moment sich wohlgerüstet finden zu lassen“. Alsbald nach seiner Ankunft in Kiel setzte er sich mit den hervorragendsten Vertretern der Intelligenz in’s Vernehmen.

Theodor Olshausen, der ihn damals zum erstem Male sah, schrieb noch vierzig Jahre später (1869) über den Eindruck der Persönlichkeit Lornsen’s. „Ich habe niemals einen Mann gesehen, der eine so anziehende Wirkung auf mich ausgeübt. Und dieser Eindruck ist mir bis zum heutigen Tage geblieben … sein Edelmuth, seine begeisterte Freiheitsliebe, seine selbstvergessende Hingebung übertreffen in meinen Augen noch immer Alles, was ich bei Anderen gesehen.“

Einem so gearteten Menschen, der überdies ein angesehener Beamter war, konnte die entsprechende Wirkung nicht fehlen, als er einem engen Kreise von Gleichgesinnten seine Absicht zu erkennen gab, in den Herzogtümern eine kräftige Agitation hervorzurufen für eine Verfassung und für die Rückführung der Verbindung mit Dänemark auf eine bloße Personalunion. Der Gedanke zündete bei allen Kieler Notabilitäten derselben Richtung, und als nächstes Mittel wurden Massenpetitionen an den König aus allen Bezirken und Städten bezeichnet. Zu kräftigem Betriebe der Sache unternahm Lornsen sofort eine Rundreise, um vertrauenswürdige [80] Männer liberaler Gesinnung zu bestimmen, binnen zehn Tagen zu einer gemeinsamen Berathung in Kiel zu erscheinen. Diese Zusammenkunft kam jedoch nicht in dem beabsichtigten Umfange zu Stande. Furcht, Schwerfälligkeit, hier und da wohl auch auch Zweifel an der Zuträglichkeit des Schrittes hielten selbst viele sonst Gleichgesinnte zurück. Dennoch fanden sich am 1. November in Kiel mehr als dreißig ehrsame und einflußreiche Männer des Landes zusammen, denen Lornsen statt aller Erörterung der Fragen das Manuscript einer inzwischen von ihm verfaßten an das Volk gerichteten Darlegung. „Ueber das Verfassungswerk in Schleswig-Holstein“ vorlas. Dieses geschichtlich so wichtig gewordene, nur sechszehn kleine Seiten umfassende Schriftchen liegt in seinem sehr wenig eleganten Originaldruck auf grauem Löschpapier hier vor uns. Im knappster Fassung, ohne ein überflüssiges Wort, in schärfster, jedem Bauer verständlicher Gedankenentwickelung, legt es nicht blos die Unmöglichkeit einer Trennung der beiden Herzogthümer, ihr unbestreitbares Recht auf Herüberlegung ihrer Oberbehörden und auf eine gemeinsame und volksthümliche Repräsentativverfassung dar, sondern begründet auch die unabweisliche Nothwendigkeit derselben schon durch den unwürdigen und gefährlichen Umstand, daß die Staatsbürger bisher in vollständiger Unwissenheit über die Höhe und den Stand ihrer öffentlichen Schuldenlast gelassen wurden. Die Grundzüge einer solchen Verfassung werden sodann in einigen Punkten ebenso kurz wie einleuchtend entwickelt. In Betreff der Trennung der Verwaltung von Dänemark findet sich das bedeutsame Wort: „Zwar haben die Dänen seit Jahren ein Bestreben an den Tag gelegt, uns mit sich zu einem Volke zu verschmelzen und selbst in den neuesten Zeiten, in welchen bei den Deutschen das Volksgefühl kräftiger als je sich kundgethan, hat man sich nicht enthalten, uns auf unser Streben zuzurufen, wir möchten uns doch freuen, lieber etwas, nämlich Dänen, als gar nichts, nämlich Deutsche, zu sein. Spott und Hohn hat zwar die mächtigste und edelste Nation Europas wegen ihrer heillosen Zerstückelung von jeher und von allen Seiten und Völkchen auf sich laden müssen. Aber die Zeit hat gezeigt und sie wird fernerhin zeigen (!!), daß auch der Deutsche jedes unwürdige Ansinnen mit Nachdruck zurückzuweisen wissen wird. Jeder Gedanke an eine Verschmelzung beider Völker werde daher aufgegeben. Laßt uns Hand in Hand gehen als Brüder; nur der König und der Feind sei uns gemeinschaftlich!“

Am Schlusse heißt es: „Es sind Bedenken laut geworden, daß die gewünschten Reformen unserem König mißfällig sein könnten. Aber so darf sich die Liebe zum König in der Brust des Mannes nicht kund thun. Wir dürfen uns nicht in die Lage setzen, unsere dringlichste Angelegenheit hinausschieben zu müssen bis zu dem Ableben des Königs, dem wir die Unsterblichkeit wünschen. Unser König ist ein geborner Bürgerkönig.“

In diesen Stellen offenbart sich uns hinlänglich die ganze Ueberlegenheit des Mannes und der Geist, der ihn beseelte, wenn wir uns nur in die Zustände jener Zeit zurückversetzen und nicht an die heute nach langen Kämpfen so glücklich errungene Gestaltung der Dinge denken. In der Presse und auf den Rednerbühnen Süddeutschlands wurden damals freilich die betreffenden Grundsätze viel rücksichtsloser geäußert, das zahme und geduldige Schleswig-Holstein aber hatte eine solche Sprache bis dahin noch nicht gehört, und gerade in ihrer vorsichtigen Gemessenheit trug sie dort die Bürgschaft ihrer Wirkung. Von der Kieler Versammlung wurde deshalb die Schrift auch mit der freudigsten Zustimmung begrüßt, auf Beschluß auch sofort in den Druck gegeben und mit Aufforderungen zum Erlasse von Petitionen in zehntausend Exemplaren über das Land verbreitet. So weit war durch Lornsen die Thatkraft der Genossen erweckt worden. Was ihn selber betrifft, so besaß er ganz die Einfalt hochsinniger Menschen. Er hatte gethan, was er für nothwendig und unerläßlich hielt, und er hatte es nicht blos aus innerster Ueberzeugung, sondern mit Bedacht und Ueberlegung gethan. Daß er als Beamter damit Anstoß erregen, Zorn und Haß wider sich heraufbeschwören könne, das war ein Punkt, der bei einem so großen und hohen Zwecke ganz außerhalb seiner Erwägungen lag. Sofort sandte er daher auch ein Exemplar seiner Schrift nach Kopenhagen an den Präsidenten der schlewig-holsteinischen Kanzlei, Grafen von Moltke, und fügte ein Begleitschreiben hinzu, in welchem er seine Agitation als eine vollkommen loyale und gesetzliche motivirte, und als einen der Gründe der Uebersendung schließlich auch anführte, daß ihm alles geheime und versteckte Treiben zuwider sei.

In seiner Auffassung dieser Verhältnisse aber hatte er sich geirrt. Am Kopenhagener Hofe hatte man bereits Wind von der Sache bekommen und war allerdings im ersten Augenblicke von einem Gefühl der Furcht gelähmt. Man beruhigte sich jedoch schon, als aus den Herzogtümern selbst ein Entrüstungsschrei aller dort vorhandenen Bedienten- und Philisterseelen sich vernehmen ließ über den gegen den König verübten „Frevel“. Im Uebrigen hatten sich die sämmtlichen europäischen Cabinete bereits von den ersten Schrecken des letzten Sommers erholt und waren überall mit einer Neubefestigung jener Wälle beschäftigt, welche in der That das alte Regiment der Willkür noch achtzehn Jahre hindurch gegen jedes Andringen des Volksgeistes mühsam zu schützen vermochten. Dies alles gab der dänischen Regierung bald den Muth zu einem angreifenden Vorgehen, und ihr thätiger Anhang warf bereits die bekannten reactionären Stichworte aus von den „Ehrlosen“ und „Böswilligen“, die ein friedliches und zufriedenes Volk aufzureizen suchen. Natürlich richtete sich der Ingrimm hauptsächlich gegen den Urheber des Schrittes, der inzwischen ruhig sein neues Amt angetreten hatte und von seinen freiheitliebenden Friesen mit besonderen Auszeichnungen empfangen worden war. Aber nicht länger als zehn Tage hatte er unter den Landsleuten geweilt, als ein Obergerichtsrath mit polizeilicher Begleitung in Keitum erschien, um den neuen Landvogt von Sylt zu – verhaften.

[99]
II.


Von befreundeter Seite war Lornsen vor seiner Verhaftung gewarnt worden, daß Böses gegen ihn im Werke sei. An Fahrzeugen zu einer Flucht hätte es ihm in der Heimath nicht gefehlt. So etwas aber lag seiner furchtlosen, jeglicher Gewaltsamkeit abholden Natur vollständig fern. Seine damalige Umgebung versicherte später, daß er dem schnell hereingebrochen Verhängniß gegenüber nicht einen Augenblick seinen heiteren Gleichmuth verlor. Kurz und bestimmt forderte er von den beklommenen Beamten nur einen Aufschub der Reise bis zum nächsten Tage, und die ganze Nacht verbrachte er wachend, in lebendigster Unterhaltung mit den Freunden, denen er mehr als einmal sagte: „Meine Sache ist klar wie die Sonne.“ Als er am anderen Morgen durch munteres Abschiednehmen die Verwandten getröstet hatte und eine große Schaar betrübter Sylter ihn an den Strand geleitete, sprach er dort einen Bekannten mit den Worten an: „Na, Thomsen, so kurz habt Ihr doch noch keinen Landvogt gehabt.“ In dieser Stimmung reiste er seinem dunklen Geschick entgegen; auf Umwegen brachte man ihn in die Festung Rendsburg.

Unterdeß hatte sein ausgesandtes Manifest wie ein Posaunenstoß auf den gesunden Körper der Bevölkerung gewirkt, und in allen Theilen des Landes gab es sehr Viele, die bereits mit Gefühlen des Stolzes und der erwachenden Hoffnung auf den hervorragenden Landsmann blickten, der sie mit einem Male über die Grundursachen ihrer jahrelang nur dunkel empfundenen Noth so unwidersprechlich belehrt und ihnen so handgreiflich den Weg zur Rettung gewiesen hatte. Wo absolute Machthaber ihre Gewalt gegen den Willen des Volkes behaupten wollen, da ist ihre blinde und trotzige Leidenschaft noch immer die beste Helferin der Volkssache gewesen. So gewann auch die schleswig-holsteinische Bewegung erst ihre rechte Zug- und Schwungkraft, als sie in einem Lornsen ihren ersten Märtyrer erhielt. In demselben Augenblicke, wo man unter dem frischen Eindrucke seines Wortes sich gestehen mußte, daß er nur die Wahrheit gesagt, verbreitete sich auch schon die Kunde, daß die Regierung deshalb feindselig sich an seiner Person vergriffen habe und der Mann bereits ein Opfer seiner Wahrheitsliebe und seines Eifers für das Land geworden sei.

Aus der innigen Theilnahme, von welcher selbst bisher Fernstehende ergriffen wurden, erzeugten sich starke Regungen einer Erbitterung, die nicht wenig zur Beschleunigung des Scheidungsprocesses zwischen beiden Nationalitäten beitrugen. Und wie sehr mußte die Erbitterung sich steigern, als man hörte, daß die Untersuchungshaft des Patrioten mit gänzlich unnöthiger und durchaus ungerechtfertigter Strenge gehandhabt wurde! Den ganzen Winter hindurch sperrte man den so gewaltig organisirten Mann einsam in eine winzige Zelle und schnitt ihm so viel wie möglich die seiner leidenden Gesundheit so unentbehrliche Bewegung im Freien ab. Der Anklage, welche auf gesetzwidrige und den öffentlichen Frieden störende Umtriebe lautete, setzte Lornsen die ruhige und feste Offenheit seiner Ueberzeugung entgegen. Er leugnete keinen Punkt, bestritt aber in jedem Punkte das Ungesetzliche seiner Handlungsweise. Zu dieser Ansicht gelangten auch die beiden Untersuchungsrichter. In dem Gutachten, welche sie dem schleswig’schen Obergericht bei Einsendung der Acten erstatten mußten, sprachen beide die Ueberzeugung aus, daß weder in der gedruckten Schrift, noch in der darauf bezüglichen Thätigkeit etwas Gesetzwidriges sich finden lasse. Während aber der holsteinische Richter hiernach die vollständige Freisprechung Lornsen’s verlangte, kam sein schleswig’scher College zu einem entgegengesetzten Resultat. In einer langathmigen Auseinandersetzung drehte er sehr künstlich die Unterscheidung zurecht, daß eine Handlung nicht verbrecherisch zu sein brauche, um doch sehr unpatriotisch, sehr gefährlich und strafbar zu sein. Dieser Meinung schloß sich nach längeren Verhandlungen auch die Mehrheit des entscheidenden Gerichtshofes an. Nach mehr als siebenmonatlicher Untersuchungshaft wurde dem Schwergepeinigten am 1. Juni 1831 der vom Könige bestätigte Spruch eröffnet, daß er seines Amtes entsetzt und zu einjähriger Festungshaft nebst Tragung der Kosten verurtheilt sei. Diesen Ausgang, namentlich die Sperrung seiner Laufbahn, hatte er nach der unbefangen von ihm erwogenen Lage der Angelegenheit nicht für möglich gehalten, ebenso wenig wie die Mehrzahl seiner Landsleute, welche dem Verlaufe des Processes mit wachsender Spannung gefolgt waren, da ja der ganze Thatbestand des angeblichen Verbrechens ein offenkundiger und Jedermann bekannter war. Nicht Wenige empfanden das Urtheil wie einen Schlag in das Angesicht des schleswig-holsteinischen Volkes, und schon damalige Rechtskundige politisch neutraler Art bezeichneten dieses Straferkenntniß ohne nachweisbare Verschuldung als eine „juristische Ungeheuerlichkeit“, einen nur von Liebedienerei oder politischer Leidenschaft dictirten Gewaltstreich.

Wüßten wir nicht, daß Lornsen während des nun folgenden Jahres Schweres erdulden mußte, aus seinen schriftlichen Aeußerungen in jener Zeit würde sich nichts davon ersehen lassen. In der That nahm er den grausamen Riß durch sein Leben mit der ruhigen Selbstbeherrschung des Mannes hin, und wenn ihn eine Sorge quälte, so war es nur die, es möchte die Theilnahme seiner Freunde sich für ihn verwenden und so eine Milderung des Urtheils durch königliche Gnade herbeigeführt werden. Würde ihm auch noch dieser „Tort einer Heimsuchung mit der Gnade“ angethan, so war er entschlossen, sich „derb“ dagegen auszulassen und ausdrücklich zu erklären, er werde auch ferner für die Herbeiführung einer schleswig-holsteinischen Repräsentativverfassung mit allen seinen Kräften zu wirken suchen. „Es wäre doch abscheulich,“ so drückte er in einem Briefe sich aus, „wenn man, nachdem mir das Wesentliche geraubt ist, durch Schenkung des Unwesentlichen sich den Schein des Wohlwollens gäbe, und ferner würde man mir mein künftiges Auftreten erschweren. Denn ein großer Theil meiner Landsleute würde es mir übel nehmen, wenn ich künftig wiederum gegen die Regierung aufträte, nachdem ich mir einen Theil der Strafe allergnädigst hätte schenken lassen.“

Sonst erscheint in ihm alle Beschäftigung mit seiner unerquicklichen Lage, aller Zorn und Gram über das eigene körperliche und seelische Leiden vollständig überwunden und zurückgedrängt durch den mit aller Hingebung ausgeführten Vorsatz ernster Geistesarbeit, durch die begeisterungsvolle, von sittlichem Willen bestimmte Richtung auf das eine Ziel, sich durch historisch-politische Studien und durch gründlich-scharfe Beobachtung der Zeitentwickelung für eine großartige öffentliche Wirksamkeit im Vaterlande auszurüsten, der er nun erst recht sein Dasein widmen wollte. Der unermüdliche Feuereifer, mit welchem er dieser Aufgabe oblag, prägte sich namentlich in der sehr großen Zahl umfangreicher Briefe aus, die er im Gefängnisse an die Parteigenossen schrieb und in denen er sehr wenig von sich selber und fast ausschließlich von den allgemeinen Fragen sprach. „In einer Sprache, aus der man nicht selten das Brausen des Nordmeeres zu hören glaubt,“ sagt sein vortrefflicher Biograph Jansen, „äußert sich in diesen Briefen ein ganzer Mann von Entschlossenheit und Gradheit, von männlichem Selbstbewußtsein und wahrhafter Bescheidenheit, von tiefem Ernste und selbstlosem Eifer für Freiheit und Vaterland!“

Deutschland, seine Gegenwart und Zukunft war und blieb in den einsamen Tagen und Nächten der Mittelpunkt seiner Gedanken. Spiegelte sich doch in seiner eigenen Mißhandlung das damals hereinbrechende Verhängniß, die erneuerte Vereinigung der Gewalthaber wider das Freiheitsringen der Völker. Nur von der entschieden revolutionär gesinnten jüngeren Generation, die „ihre Blicke auf das Ganze gerichtet halte“, hoffte er eine Besiegung der Cabinete und des alten Lakaien- und Spießbürgerthums. In tiefster Seele theilte er die zornige Erbitterung aller gleichgesinnten Zeitgenossen wider die reactionäre Politik der damaligen preußischen Regierung. Aber als außerordentlich merkwürdig und im höchsten Grade bezeichnend für ihn muß es hervorgehoben werden, daß er nicht blind genug war, die Erkenntniß abzuweisen, es werde dieser mächtigste deutsche Staat sich früher oder später seines geschichtlichen Berufes für Deutschland erinnern müssen. Diesen Proceß wünschte er beschleunigt zu sehen und schlug für beabsichtigte Volksversammlungen wie das Hambacher Fest – man denke, es war dies vor nun beinahe fünfzig Jahren! – [100] die Fassung folgender Beschlüsse vor: „1) Der Kaiser von Oesterreich wird mit allen seinen Staaten aus dem Nexus Deutschlands entlassen; 2) der König von Preußen wird zum Kaiser von Deutschland erhoben; 3) alle übrigen deutschen Fürsten heben ihre Souveränetät auf, werden dem Kaiser unterthan und in eine Pairskammer unter ihm vereinigt, woneben sie aber die innere Regierung ihrer Länder fortführen; 4) die gesammte Militärmacht Deutschlands steht unter dem König von Preußen als Kaiser.“ Klingen diese Sätze nicht aus jener so traurigen Epoche deutscher Geschichte wie eine Weissagung zu uns herüber, erscheinen sie uns nicht wie wunderbar gewaltige Lichtblicke aus dem Auge eines Propheten? Und solche große Begabungen mußten damals in abgelegenen Winkelexistenzen verkümmern oder in Gefängnissen und Exilen sich aufreiben, wenn sie nicht feige genug waren, ihre Urtheile für sich zu behalten!

Am 2. Juni 1832 gab es freudige Bewegung in Rendsburg, Festmahle zu ehrenvoller Begrüßung Lornsen’s, der an diesem Tage aus der Haft entlassen war. Zu den Freunden im Orte hatten sich für den Zweck auch die Gesinnungsgenossen aus Kiel, Schleswig und Flensburg gesellt; auch die Kieler Studentenschaft sandte eine Deputation, und aus den entferntesten Theilen der Herzogthümer liefen schriftliche Glückwünsche ein. Mit eignen Augen sah der Freigewordene, daß seine Absicht erreicht und das Bewußtsein des Landes aufgerüttelt sei. Es war aber inzwischen noch mehr geschehen. Während ihn die Regierung wie einen Verbrecher am öffentlichen Frieden behandelte, hatte sie dennoch von seinen Worten sich warnen lassen und eingesehen, daß man dem Emporwachsen dieser Bewegung durch Gewährungen zuvorkommen müsse. Sie that es zwar in der halben und mißtrauischen Weise, wie der Absolutismus seine freiwilligen Gaben zu spenden pflegt. Aber das von ihr erlassene Verfassungsproject für Holstein und Schleswig erfüllte doch manche wesentliche Forderung des Lornsen’schen Programms, und was noch fehlte, das konnte ja durch die in Aussicht gestellte Landesvertretung allmählich errungen werden. War es also nicht so schnell gegangen und noch nicht so geworden, wie er es gewünscht und geplant hatte, so sproßte ihm doch von allen Seiten her die junge Saat entgegen, welche er ausgestreut. Unter den Eindrücken dieser belebenden Wahrnehmung zog er sich in seinen Heimathsort zurück und sog hier in vollen Zügen die Luft der wiedererlangten Freiheit ein. Weite Fußtouren und Meerfahrten, sowie rüstige Theilnahme an der friesischen Geselligkeit entschädigten ihn für die ausgestandene Verfolgung. Daß die Regierung den gänzlich ungebeugten Mann in seiner jetzigen Unabhängigkeit fürchtete, ist zweifellos. Als sie ihn jedoch durch einen Bekannten unter der Hand sondiren ließ, ob er sich entschließen würde, für ihre Rechnung oder mit Pension in’s Ausland zu gehen, erwiderte er lachend. „Ich sehe gar keinen Anlaß, auf echt dänischem Fuße als pensionirter Demagog auf Reisen zu gehen.“

In der That machte ihm seine weitere Zukunft nur wenig Sorge. Mit seinem spornenden und durchgreifenden Worte betheiligte er sich vielmehr in unablässiger Correspondenz an der Erörterung der schwebenden Verfassungsangelegenheit und arbeitete auch sehr fleißig an einem volksthümlichen Buche, von dem er sich eine geradezu erschütternde Wirkung versprach, da es seine Landsleute unabweislich über ihre Zustände und Rechte aufklären sollte. Außerdem wurde für das sich einstellende Bedürfniß regeren Geistesverkehrs, an dem es auf Sylt mangelte, eine Uebersiedlung nach Kiel geplant, während zugleich die bevorstehenden Wahlen zum neuen Landtage ihm in der Ferne das ersehnte Ziel einer parlamentarischen Thätigkeit zeigten. Aller menschlichen Berechnung nach würde also das Böse, das man gegen ihn im Sinne gehabt, sich vollständig zum Guten verwandelt haben und ein Aufschwingen zu ruhm- und segensreichem Wirken ihm nunmehr erst beschieden worden sein, wenn nicht sein tragisches Geschick wiederum dazwischen getreten wäre und die schöne Glücksrechnung hinweggewischt hätte.

Schon oben haben wir erwähnt, daß er häufig krank gewesen und seine Anfechtungen stets auch mit spleenartigen Gemüthsverstimmungen verbunden waren. Dieses Leiden, eine hochgradige Melancholie oder Hypochondrie, hatte ihn von früher Jugend an durch sein ganzes Leben begleitet, und fruchtlos war sein mit ungewöhnlicher Energie fortgesetztes Bemühen geblieben, das Uebel durch die angestrengtesten Fußreisen, durch jahrelange Beschränkung seiner täglichen Nahrung, durch die peinvollsten Curen, sogar durch fünfmaligen Gebrauch der Hungercur auf die Dauer zu bändigen. Zeiten hindurch besserte sich allerdings der Zustand, aber ein länger als anderthalbjähriges Gefängnißleben konnte einer Steigerung gerade dieses Uebels nur förderlich sein. Die ersten Aufregungen des Freiheitsrausches mochten das verdeckt haben; schon einige Monate nach der Rückkehr erkrankte er jedoch von Neuem, und nun brachen aus seinen Briefen mit einem Male unruhige Klagetöne hervor von einem „seitwärts“ gegen ihn hereinbrechenden Geschick, von der Vereinsamung und Freudlosigkeit, der einförmigen und erdrückenden Trauer, welche bis jetzt alle seine Lebenstage durchzogen habe, von einem Schmerze, wie ihn gewiß nur wenige Menschen erfahren und der ihn zwinge, eine neue Lebensbahn einzuschlagen.

Ungeduldig über die nicht genügende politische Rührigkeit der Freunde, schrieb er auch bereits am 12. August: „Möge unserem Lande bald ein rüstiger Vorkämpfer erscheinen; ich rüstete mich darauf, werde aber vorläufig Jahre darauf verzichten müssen.“ Alle diese unterlaufenden Andeutungen blieben damals halb oder gänzlich unverstanden, und es sollte der Ernst der Lage erst offenbar werden, als zu allgemeiner Bestürzung die Nachricht sich verbreitete, daß Lornsen, um allen Gegenvorstellungen zu entgehen, heimlich das Land verlassen hätte und bereits auf dem fernen Meere schwämme, um Rio Janeiro zu erreichen. Von dem tropischen Klima hatte er gehört, daß es den Kranken Genesung oder baldige Vernichtung bringe. Auf den einen oder den anderen dieser Ausgänge aber war sein Plan gerichtet; konnte er nicht gesund werden zur Erfüllung seiner Aufgaben, so wollte er auch nicht leben. Stand es denn wirklich so schlimm mit ihm? In seiner Erscheinung und seinem Thun merkte Niemand etwas davon, die Aerzte bestritten entschieden jede ernstere Gefahr, und er selber gestand zu Zeiten, daß er körperlich so wohlauf sei, wie es ein Mensch nur sein könne.

Die Freunde standen kopfschüttelnd vor einem Räthsel, dessen ganze Entsetzlichkeit sich ihnen erst später erschließen sollte. Man sollte es nicht glauben, aber es ist unwidersprechlich bewiesen: während dieser gigantische Mann mit seinem gewaltigen Willen und seinem großen und hellen Verstande als ein furchtloser Kämpfer aufrechten Hauptes unter den Menschen wandelte, wurde er in seinem geheimsten Inneren von einem wesenlosen Dämon gefoltert, den er mit aller seiner starken Kraft nicht zu bewältigen vermochte, von einer nichtigen Wahnvorstellung, die ihn zu ihrem Spielballe gemacht hatte und jede Lust und Freude seines Lebens vergiftete. Nicht die Sorge um das eigene Wohlbefinden war es, die ihn trieb und beschäftigte, sondern mit wachsender, allmählich seinen ganzen Sinn verdüsternder Gewalt hatte in ihm die furchtbare Einbildung sich festgesetzt, daß sein allerdings hartnäckiges, aber ganz unbedeutendes Hautübel ansteckend sei, durch seine bloße Nähe auf Andere sich übertrage und diese traurige Wirkung bereits auch in allen den Fällen geübt habe, wo er Personen seines Umganges jemals hatte erkranken sehen. Erst als ein Einblick in dieses grausame Phantasiespiel gewonnen war, wurden Stellen seiner Briefe verständlich, in denen er von seiner Gewissensangst und unerträglichen Verzweiflung sprach, von seiner Verschuldung und dem Schaden, den er durch sein bloßes Dasein bereits angerichtet habe. Bei einem solchen Grade der Seelenverdüsterung konnte allerdings Rettung nur von einem Schwinden des körperlichen Uebels erwartet werden, das dem höllischen Schreckbilde immer frische Nahrung gab. Wie unsäglich schwer mußte der Unglückliche gelitten und mit sich selber gekämpft haben, ehe wider seine innersten Neigungen der Entschluß in ihm gereift war, von so viel ihn eng umschlingenden Liebesbanden sich loszureißen und dem Vaterlande in einem Augenblicke den Rücken zu kehren, wo es mehr als jemals seiner bedurfte.

In den nun folgenden Jahren nahmen die Dinge der Herzogtümer einen im Verhältnisse zu den damaligen bescheidenen Forderungen recht hoffnungsreichen Anlauf. Es wurden die Verfassungen ertheilt, die Provinziallandtage gewählt und einberufen, die Verwaltungs- und Justizeinrichtungen im nationalen Sinne reformirt; ein regsameres politisches Leben war sichtlich im Erwachen begriffen. Und während dieser Zeit lebte der Urheber aller dieser Fortschritte Jahre hindurch ganz vereinsamt und in freiwilliger Verbannung am Hafen des fernen Rio, von heiß nagendem Kummer gebeugt, von der brennenden Sehnsucht [101] des Heimwehs verzehrt. Unermüdlich aber arbeitete er auch hier: von allen Specialitäten der heimischen Verhältnisse wurde er unterrichtet, und über das weite Meer hinüber, auf welchem Tage lang sein spähender Blick ruhte, sandte der begeisterte Patriot fort und fort in gedankenvollen und antreibenden Briefen den warmen Ausdruck seiner hingebenden Beschäftigung mit den Verhältnissen des deutschen Vaterlandes, an dessen Erhebung und große Zukunft er glaubte, wie kaum ein Anderer in jenen so verdunkelten Tagen.

So war und blieb er auch von diesem fernen Welttheile aus der Rather und Beweger seines Volkes, dessen Theilnahme an seinem Ergehen ihm wohlthat, obwohl sie ihm wiederum die quälende Besorgniß erregte, es möchten die Freunde eine „Gnadenbettelei“ für ihn in’s Werk setzen. „Ich verabscheue das, wie ein Verbrechen,“ heißt es in einem seiner Briefe, „und von jeher sind mir unter allen Menschenkindern die Revolutionäre, welche zu Kreuz kriechen und sich abfinden lassen, die verächtlichsten gewesen.“ Man sieht, sein Muth war ebenso wenig gebrochen, wie seine geistige Klarheit getrübt war, und doch wurde durch immer erneuete Krankheitsstürme seine Rückkehr von jenseits des Oceans von einem Jahre zum anderen hinausgezögert. Endlich im April 1837 glaubte er sich nach längerem Wohlbefinden so weit hergestellt, um die Heimkehr wagen zu können. Frohen Muthes, das Herz von beseligender Hoffnung geschwellt, reiste er ab, in seinem Koffer das vollendete Manuscript eines umfassenden Werkes, von dem er dem Vater schrieb, daß es die Landsleute für immer „determiniren“ werde. Um einen Verleger für das Buch zu suchen, wollte er von Marseille aus zu Fuß nach der Schweiz wandern und dort noch einen längern Aufenthalt nehmen. Heftig erkrankt aber und in hohem Grade erschöpft kam er erst in der Mitte des September nach Genf, und es muß wohl in dem nun folgenden Winter hier der alte Wahn zu riesiger Gewalt in ihm erwachsen sein und alle seine Furien wider ihn entfesselt haben.

Ein fein und edel fühlender, dabei willensstarker Mensch, der hoffnungslos von einer so haarsträubenden Idee beherrscht ist, die ihm seine Gegenwart, wie seine Vergangenheit und Zukunft im allerdüsterstem Lichte zeigt, ein solcher Mensch kann nur noch in seinem Tode das Erlösungsmittel sehen, die Mitmenschen von seiner gefährlichen Nähe zu befreien. Lornsen’s Briefe aus diesen Monaten höchster Seelennoth zeigen einen eigentümlich weichen und elegischen Schwung, aber die volle Ruhe und Fassung des Mannes. Wenn er auch dringender als früher klagt, daß seine Lage eine schreckliche sei, daß sein Geschick ihn weder ruhig leben noch sterben lasse, so geht er doch schnell über diese persönlichen Andeutungen hinweg und wendet sich in langen und gedankenreichen Ausführungen den höchsten philosophischen und religiösen Problemen des menschlichen Daseins zu. Und so war es wohl nicht Eingebung eines besonders verzweifeltem Augenblicks, sondern ein wohl überlegter, ruhig gefaßter Entschluß, als er es endlich für ein Gebot der Pflicht hielt, der vermeintlich von ihm ausgehenden Gefährdung ein Ziel zu setzen und mit eigener Hand zu vollführen, was das Schicksal ihm nicht freiwillig gewähren wollte. Fern von allen Lieben, deren Anblick ihn vielleicht hätte zurückhalten können, schnitt er sich in seiner einsamen Behausung eines Tages die Pulsader auf, eilte sodann, als dieser Versuch nicht schnell gelingen wollte, in das benachbarte Wasser, öffnete hier sorgfältig seine Oberkleider und durchbohrte sich mit einem Pistolenschuß das Herz.

So fand man die entseelte Hülle des nordischen Fremdlings am 13. Februar 1838 im Genfer See. Nur sein liebreicher Arzt Dr. Peschier, sowie der Geistliche der lutherischen Kirche folgten seiner Leiche zu ihrer letzten Ruhestätte. Bis zum letzten Tage hatte sein Denken und Fühlen, mit Ausnahme des einen kranken Punktes, die volle Stärke und Klarheit bewahrt und wenn man erwägt, daß er nicht viel über vierundvierzig Jahre alt geworden, so muß uns noch heute ein Wehe ergreifen bei dem Gedanken an die Fülle der Kraft, welche die Welt an diesem Mann verloren hat, der ihr durch seine Selbsthinopferung eine Wohlthat zu erweisen glaubte.

Außerordentlich groß war das Aufsehen und die Bestürzung in der Heimath bei der unerwarteten Nachricht von diesem tragischen Ende. Die liberal und deutsch gesinnten Zeitungen erschienen mit breitem Trauerrande, und das „Kieler Correspondenzblatt“ brachte in dieser schwarzen Umfassung eine Würdigung des Heimgegangenen im schwungvollsten Lapidarstil. Selbst das vielgelesene Kopenhagener Blatt „Kjöbenhavnsposten“ widmete ihm einen glänzenden Nachruf mit der Mahnung, daß an diesem Grabe jede Anklage verstummen müsse vor der Anerkennung des zweifellos redlichen, überzeugungstreuen und aufopfernden Mannes.

Nur acht Jahre hat er seine erste That überlebt, die zugleich seine einzige blieb. So kurz aber seine Laufbahn gewesen, so bedeutsam ist sie geworden für alle Kämpfe der folgenden Jahrzehnte. Gleich einem plötzlich aufsteigenden Meteor war er über seinem Lande erschienen, um einen Strom belebenden Lichtes in die Seelen zu strahlen und dann selber im Dunkel des Kerkers, der Selbstverbannung und des Todes zu verschwinden. Sein Licht aber entschwand nicht mit ihm. Gelehrte Landsleute haben ihn in der Erinnerung an den altgriechischen Heldenmythus den schleswig-holsteinischen Aias genannt. Wie aber die Sage von einem Aias erzählt, daß sein Stamm in der Schlachtordnung stets einen Platz offen ließ für den Schatten dieses Heros, so hat auch der Geist Lornsen’s, sein Gedanke und sein aufrüttelnder Sturmruf in allen Bewegungen, allen Geistes- und Kriegsschlachten mitgefochten, welche von 1848 bis 1871 die Sache Deutschlands siegreich entschieden haben. Was er that, als er in kleiner und muthloser Zeit den Sclavensinn und die Beamtenfurcht seines Volkes brach, in ihm das Freiheitsstreben und den schlummernden Nationalstolz entzündete, das konnte nur von einer Begabung wie der seinigen erreicht werden. „Zögernd und langsam,“ so heißt es in der umfassenden Biographie Jansen’s, „ist sein Volk ihm nachgerückt, geführt von seines ersten Führers Manen: Lornsen ist der Befreier Schleswig-Holsteins!“

In fremder Erde ruht der deutsche Geistesheld, dessen Name heut bei uns nur Wenigen bekannt ist, obwohl er in aller Zukunft mit dem großen Werdegange des deutschen Nationalgedankens verknüpft bleiben wird, für den sein von ihm erwecktes Volk ausdauernder gestritten und schwerer gelitten hat, als irgend ein anderer deutscher Stamm. Darum haben die Schleswig-Holsteiner seiner auch nicht vergessen können und im ersten Momente sicheren Aufathmens sofort sich erinnert, daß sie die Ehrenschuld des Dankes ihm noch abzutragen haben. In unserer vorigen Nummer haben wir bereits eine Abbildung des Denkmals gebracht, das ihm von der ehrfurchtsvollen Liebe seines Volkes vierzig Jahre nach seinem Tode errichtet wurde. Ein sinniges Zusammentreffen der Umstände hat diese Säule auf den Paradeplatz von Rendsburg gestellt, wo so lange dänische Officiere das fremdländische Commandowort an deutsche Landeskinder gerichtet hatten. Dort erhebt sich jetzt das Monument Lornsen’s, gegenüber dem Fenster der Hauptwache, hinter welchem er einst seine schwere Haft für die Sache des deutschen Vaterlandes erduldet hat.

Die Enthüllung und Einweihung des Denkmals gestaltete sich zu einer wahrhaft großartigen Landesfeier. Aus allen Theilen der Herzogthümer strömten viele Tausende nach dem in grünem Wald- und Blumenschmuck prangenden Rendsburg, und an dem großen Festzuge allein betheiligten sich mehr als zehntausend Männer, unter ihnen auch über siebenzig Vereine der „alten Kampfgenossen“ mit ihren Fahnen. In ernst gehobener und weihevoller Stimmung, unter dem Gesange des Liedes „Deutschland über Alles“, ohne Haß und frohlockenden Uebermuth sammelte hier ein Volk seine Erinnerungen an lange Zeiten des Ringens und der wirren Noth, aus denen so viel Siegesglück entsprossen ist. Eine so imposante Volksmenge hat Rendsburg seit dem sturmreichen Frühlinge von 1848 nicht beisammen gesehen. Ob in diesem Gewühl nicht irgend ein greiser Mann sich befand, welcher einer glücklicheren Jugend von den dreißig Kieler Studenten zu erzählen wußte, die einst in den Octobertagen des Jahres 1817 als dänische Unterthanen gen Eisenach gezogen und auf den Höhen der Wartburg dem deutschen Vaterlande den Eid der Treue geleistet hatten? Was sie als ein hochschwellendes und ahnungsreiches Empfinden von dort zurückbrachten, das war es, was Lornsen später zu einem fruchtbaren Gedanken entwickelt und als siegreiche Kampfparole auf die Banner des Landes geschrieben hat: Schleswig-Holstein deutsch und frei in einem einigen und freien Deutschland!

Albert Fränkel.