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Der Hiob von Unterach

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Textdaten
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Autor: Karl Emil Franzos
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Titel: Der Hiob von Unterach
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 209–214
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[209]
Der Hiob von Unterach.
Eine Skizze von Karl Emil Franzos.


Ich habe den verwichenen Sommer zu Unterach verlebt, einem lieben, stillen Berg- und Seedörfchen im Hausruckviertel, welches – allen Göttern sei es gedankt! – bisher noch keine moderne und berühmte Sommerfrische geworden ist. Eben darum läßt sich dort gut und schön hausen, und wer auf dem Lande nichts sucht, als einen erhebenden Ausblick für’s Auge, ein erquickliches Seebad und eine tiefe, tiefe Stille, in welcher sich die Qual überreizter Nerven langsam lindert und löst, der mag für künftige Zeiten den Namen im Gedächtniß behalten und wird mir dankbar sein. Und wenn er auch, gleich mir, zuweilen den Kopf wird schütteln müssen über die ortsübliche Auffassung eines Wiener Schnitzels und eines englischen Beefsteaks, und wenn er, des Rumohr’schen Wortes, daß jede gute Speise ein Gedicht ist, eingedenk, allmählich zur Ueberzeugung kommt, daß des Postwirths Nettl eine prosaische Natur ist, welche nie Gedichte macht, so wird er doch besänftigt und versöhnt sein, sobald er wieder vom Teller aufblickt. Denn der hungrige Magen wird schließlich doch satt, gleichviel wie, das durstige Auge aber kann nie satt werden, die ernste und doch liebliche Schönheit dieses Landschaftsbildes einzusaugen, welche jeder Tag für ihn ausbreitet, immer dieselbe und doch täglich von entzückender Neuheit. Da schimmert, breit und mächtig ausgegossen, die azurne Fluth des „österreichischen Meeres“, des Attersees; da heben sich die grauen, ernsten Felsen des Höllengebirges; da rauscht der tiefgrüne Bergwald des Attergaus, und wer eine halbe Wegmeile nicht scheut, kann von diesem begnadeten Dörfchen aus die drei schönsten Seen des Kammerguts zu seinen Füßen blinken sehen und rauschen hören. Freilich ist nichts auf dieser armen Erde so licht und schön, daß es nicht auch seine schauerliche und grauenhafte Seite hätte, und so ereignen sich allsommerlich im Fremdenbuch von Unterach um dieser Schönheit willen viele und lange Gedichte. Aber diese werden doch gewöhnlich nur von Jenen gelesen, welche selbst neue hinzuschreiben, und so erweist es sich zugleich auch hier tröstlich, daß jede böse That meist schon ihre Strafe in sich trägt.

Fast nur die Natur wird von diesen Dichtern gefeiert; der Menschen hat nur Einer gedacht, ein Wiener Börsianer, und der hat mit jenem feinen Tacte, welcher diese Menschenclasse auszeichnet, sich über das viele Beten im Attergau lustig gemacht. Nun will mich freilich bedünken, als ob es gut wäre, wenn in jedem dieser Bergdörfer neben der stattlichen Kirche auch ein stattlich Schulhaus stünde, aber nur ein frivoler Thor wird darüber spötteln können, daß ein Volk, welches in diesen Bergen den Kampf um’s Dasein führen muß, täglich von Neuem in langen, durstigen Zügen aus dem Quell seines Glaubens trinkt. Denn dieselbe Natur, welche uns Städtern den kurzen Sommer hindurch so lieblich lächelt, weist den Eingebornen durch acht Monate des Jahres ein düsteres, erbarmungsloses Antlitz, und ihr Walten ist ein grausam strenges, und grenzenlos sind die Schrecken, wenn sie wüthet. Ich bin vielleicht kein genügend moderner Mensch, – das ist ja möglich – aber ich habe nie über diese unzähligen Kreuze und Capellen lächeln können, mit denen alle Wege übersäet sind, und nie über jenes monotone halbstündige Chorgebet, welches viermal am Tage aus diesen niedrigen Hütten dringt. Ich muß dabei immer denken: über diese Hütten braust ja vom November bis zum April der Schneesturm, und die Menschen, die darin wohnen, müssen sich als Holzknechte und Flößer ihr Brod verdienen! Denn der Ackerbau giebt in diesem rauhen Strich geringen Ertrag, und die Hausindustrie ist leider noch wenig verbreitet und kann auch, verschiedener trauriger Verhältnisse wegen auf Jahrzehnte hinaus nicht zur rechten Blüthe gelangen. So geben nur der Wald und der See diesen Menschen das dürftige Brod, aber beide sind auch hart und tückisch, und statt des ersehnten Lohnes findet da Mancher den Tod – täglich auf das Schlimmste gefaßt zu sein, gebietet leider nicht etwa die übertriebene Furcht, sondern die tägliche Erfahrung. Ach! was würde aus diesen beladenen Menschen werden, wenn sie nicht auch immer wieder aus dem Quell des Uebersinnlichen trinken könnten, welcher sie stählt und tröstet? Und was wäre dann aus dem Ebenhiesel zu Unterach geworden?

Der Ebenhiesel ist nur ein armer alter Holzknecht in einem entlegenen Winkel der Erde und wahrlich kein Mensch auffälligen Geistes. Und doch will ich die Antwort auf eine ewige Frage suchen, indem ich seine Geschichte erzähle. Ist es denn aber der Ebenhiesel auch werth? Vor Gott, steht geschrieben, sind alle Menschen gleich viel werth – auch vor jenem Gott, dem ich mich beuge und dessen Satzungen nirgendwo aufgezeichnet sind in bündigen Geboten, aber vielleicht um so deutlicher in dem Walten der Natur und den Empfindungen des Menschenherzens. Und auch bezüglich der weiteren Frage, ob dieser arme, beschränkte Greis interessant genug ist, will es mir scheinen, als ob sie grundlos wäre: alle Menschen sind, im Tiefsten besehen, gleich interessant, wenn man sie recht verstehen lernt – über Leben und Entwickelung des Unbedeutendsten ließe sich ein stattliches Buch schreiben. Und dieses Buch wäre sogar, sofern man Alles darlegen könnte, wie es sich wirklich gefügt, das merkwürdigste und spannendste, welches je erschienen. Der Thautropfen gleicht [210] nicht dem Meere – die Erscheinungen der seelischen Welt sind nicht alle gleich bedeutend, gleich eindrucksvoll und anziehend. Aber über allen walten die nämlichen Gesetze, wie man ja auch die Brechung des Lichtes im Wasser ebenso an dem Weltmeer studiren kann, wie an dem winzigen Tröpfchen, welches an der zarten Blattfeder des Farrenkrautes im Morgenwinde schwankt. Wie viele Erzähler führen euch im stolzem starken Schiff auf den weiten Ocean hinaus – so horchet denn gütig auch Einem, dem sein eigen Herz und Schicksal es nahe gelegt, sich lieber zu den versprengten Tropfen im Grase zu bücken! –

Ich bin zu dem Ebenhiesel und seiner Geschichte auf die denkbar einfachste Weise gekommen und glaube, es ist das Beste, wenn ich bezüglich beider keinen Versuch romantischer Aufputzung mache. So gestehe ich denn, daß ich den alten Mann nicht etwa unter Blitz und Donner in einer Felshöhle kennen gelernt, sondern an einem klaren Augustmorgen in der Krämerei des Caspar Deubler zu Unterach. Das Haus steht auf demselben Hügel, wo die Dörfler ihre Kirche erbaut und ihren Friedhof angelegt, und über den halben Attersee hin sieht man es im Schmuck seines gelben Anstrichs neben der weißen Kirche schimmern. Aber schier noch weiter reicht der Ruf dieses Hauses als der Stätte, wo man die besten Cigarren bekommt, und dieser Vorzug, sagt man, rührt daher, weil der gegenwärtige Besitzer der Krämerei, des alten Deubler’s Schwiegersohn – er heißt Gottlieb Mittendorfer und hat einen langen rothen Bart, auf welchen er mit Recht stolz ist – dem Tabakverleger im Markte Mondsee bereits drei Knaben aus der Taufe gehoben hat. Dies mag auch seine Richtigkeit haben, aber – sei es nun, daß die Familie in Mondsee keinen weiteren Zuwachs erfährt und die alte Freundschaft so wegen Mangels an neuerlicher Bethätigung allmählich einrostet, oder daß die Regie in letzter Zeit nur durchweg Cigarren ausgiebt, welche man bezüglich der Schlechtigkeit unmöglich mehr in Kategorien eintheilen kann – im August ist das kaiserlich königliche Rauchzeug auch im Deublerhause zu Unterach schlecht gewesen, sehr schlecht. Es war eine Qual, es zu rauchen, und keine angenehme Aufgabe, jeden Morgen die nassen, blassen, schiefgewickelten Dinger auszuwählen. Wer solches Leid mitfühlend würdigen kann und ferner erwägt, wie laute Klage das Herz denn doch ein wenig erleichtert, der wird begreiflich finden, daß ich jeden Morgen, im dargereichten Kästchen wühlend, jammerte wie ein Türke und fluchte wie ein Papst.

Also that ich auch an jenem Augustmorgen. Der schönbärtige Gottlieb lächelte halb mitleidig, halb spöttisch, sagte jedoch keine Silbe. Aber ein Kunde, der nach mir eingetreten und dessen ich bisher nicht geachtet, schien an meinen Klagen Anstoß zu nehmen. Denn der sagte plötzlich laut und langsam in meinen leiser werdenden Monolog hinein:

„Der Herre muß wohl noch jung sein – sehr jung muß der Herre sein.“

Ich schaute ihn an; er war ein alter, sehr alter Mann in der Bauerntracht jener Gegend, aber sie war geflickt und dürftig, und die braunen, runzligen Kniee guckten unterhalb einer kurzen Lederhose hervor, die nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge längst ihre irdische Wallfahrt hätte beenden sollen. Gleichwohl machte die Erscheinung nicht den Eindruck des Verkommenen, wenn auch vielleicht nur um des prächtigen Greisenkopfes willen. Ein Ausdruck unendlicher Milde lag auf dem blassen, durchfurchten, scharfgeprägten Antlitz, und dichtes, silberweißes Haar floß ehrwürdig an Stirn und Wangen herab. Nur die Augen waren halb geschlossen, und als sie der Greis öffnete und auf mich richtete, erkannte ich, daß sie lichtlos waren.

„Warum muß ich denn jung sein?“ fragte ich den Blinden.

„Ei ja wohl!“ erwiderte er lächelnd. „Jung müsset Ihr sein. Denn zum Ersten ist das Rauchzeug immer schlecht, und nur die Jungen schimpfen darüber, weil sie noch eine Aenderung erhoffen. Und zum Zweiten will wohl nur ein Junger über so geringe Sach’ klagen, weil er noch kein wirklich Leid kennt; im Weiteren kommt dann schon die Geduld und das Schweigen, selbst über ein größer Weh.“

Ich philosophire sehr ungern mit schöngeistigen Damen und Herren, aber mit so einem Stück ursprünglicher Menschheit thu’ ich’s gern.

„Das scheint mir nicht so,“ erwiderte ich also. „Denn zum Ersten ist es der Menschen Art, auch über das zu klagen, was sich nicht ändern läßt, wobei auch zu bemerken ist, daß die Cigarren zwar gewöhnlich, aber doch nicht immer schlecht sind – “

„Cigarren,“ fiel mir der Greis in’s Wort, „rauche ich nicht, aber der Pfeifentobak ist immer schlecht, und es ist nur der Thoren Art, über das Unabänderliche groß’ Geklage zu machen. Aber redet nur weiter!“

„Und zum Zweiten,“ fuhr ich fort, „erträgt Mancher ein großes Leid schweigend, aber bei kleinem Verdruß macht Jeder gern Lärm.“

„Sehet,“ erwiderte der Blinde, „solches verstehe ich nicht. Möglich, weil Ihr ein Städtischer seid und ich ein Holzknecht. Glaub’s aber nicht, daß dort die Menschen anders sind. Fleisch und Blut sind sie dort und gleich so im Dorf. Und wen man in’s Fleisch ritzet, der schreit nur ein wenig, wer aber tief geschnitten wird, schreit stark. Versteh’ also nicht, was Ihr meint mit dem kleinen Verdruß und großen Lärm.“

Ich suchte es ihm klar zu machen, so gut ich vermochte, und ließ mich auch durch das spöttische Lächeln des Schönbärtigen nicht stören. Denn er, der gebildetste Mann von Unterach, welcher täglich im Wiener „Neuigkeits-Weltblatt“ las, hätte allerdings nicht mit einem alten Holzknecht philosophirt, höchstens mit dem Wundarzt Angelis oder dem Kaufmann Solterer. Nicht an diesem Lächeln also lag es, wenn mir meine Absicht nicht glückte, sondern weil wir da wirklich an die Kluft gerathen waren, welche den gezähmten Culturmenschen von dem Naturmenschen scheidet, der sein Herz nicht hehlen kann und ohne viel Gegenkampf seinen Instincten folgt.

„Versteh’ Euch nicht, Herre,“ erwiderte also der Blinde bedächtig, aber entschieden auf meine Rede. „Kein Mensch ist Holz, und er schreit um so stärker, je tiefer er geschnitten wird. Nun kommt aber das Weitere, dessen ich gedacht: beim ersten Schnitt schreit man fürchterlich, aber beim zweiten und dritten schon gelinder, und endlich seufzt man nur leise. Sehet – als sie mir meinen Hans auf der Bahre entgegenbrachten, hab’ ich noch laut geschrieen, aber als ich vor drei Jahren blind geworden, hab’ ich kaum mehr geklagt.“

„Ueber Euch ist Vieles gekommen?“ fragte ich mitleidig.

„Sehr Vieles, Herre. Aber,“ fügte er dann hinzu und nicht etwa feierlich, sondern unter mildem, fast fröhlichem Lächeln. „was Gott tut, das ist wohlgetan, und wer klagt, klagt ihn an und ist ein sündiger Thor.“

Darauf fand ich kein Wort der Gegenrede, wohl aber der stolze Rothbart.

„Erwäget wohl, Ebenhiesel,“ sagte er mit überlegenem Wohlwollen, „daß nicht jeder Mensch ein so frommes Gemüt hat, wie Ihr! Ihr heißet nicht umsonst unser Hiob.“

Aber das Lob schien den Greis zu verstimmen. Er streckte wie abwehrend seine Hand vor, und aus dem bleichen Antlitz glomm eine sanfte Röthe auf.

„Hiob!“ rief er. „Wer mir diesen Uebernamen aufgebracht, hat es schlimm mit mir gemeint.“

„Aber wie denn?“ fragte der Krämer erstaunt. „Hiob hat ja der fromme Dulder geheißen in dem heiligen Buch.“

„War aber nicht fromm,“ sagte der alte Mann fast heftig. „Sehet, ich bin katholisch, und bei uns lesen Wenige die heiligen Bücher, und gar nur Einige trauen sich an die jüdische Schrift. Ich aber hab’s getan und mich oft daran erbauet, obwohl der Pfarrer mir einmal gesagt hat: ‚Ebenhiesel, lasset ab vom Alten Testament, denn dieses ist nur den verdammten Juden geoffenbaret, und einen Christen fliegen dabei oft böse Gedanken an – er weiß kaum wie.’ Ich aber hab’ doch oft meine rechte Andacht und Erhebung dabei gehabt, bis ich auf zwei Bücher gerathen bin, Herre, auf zwei, die mir gar nicht gefallen haben. Zum Ersten das Hohelied. Sehet, ich weiß gar wohl, daß unter dem Bräutigam unser Herr und Erlöser zu verstehen ist, und unter der Braut die heilige christkatholische Kirche, aber dieses sollte sich doch auch in ehrbaren Reden offenbaren. Solches jedoch, wie dort geschrieben steht, habe ich nicht einmal zu meiner Katrein gesagt, als ich zu ihr fensterln gegangen bin. Sehet, jungen Leuten muß ja gar heiß dabei werden, wenn sie solches lesen, und dann vergessen sie wohl am End’ dabei auch die Kirche und den Herrn.“

„Eben darum,“ meinte der Krämer, „sollten es nur die Juden lesen, und von Christen nur die hochwürdigen Herren.“

[211] Aber der Greis schüttelte den Kopf.

„Nun wohl,“ rief er, „um die Juden will ich mich nicht kümmern, ob ihnen heiß wird oder nicht, aber auch für einen jungen hochwürdigen Herrn wär’ es manchmal eine Gefährlichkeit. Das zweite Buch aber,“ fuhr er fort, „ist gerade jenes selbige Buch Hiob, nach dem Ihr mich nun benennet in meinen alten Tagen. Ich will es nicht hören – dieses Buch ist nicht gut. Denn zum Ersten will es mir gar nicht gefallen, daß Gott Vater eine Wette darin abschließt mit dem Teufel über den Mann im Lande Uz. Eine Wette mag der Kraushans’l abschließen mit dem Weberton’l, wer von ihnen schneller seine Plätte nach Weißenbach rudern kann, oder Ihr, Krämer, mit dem Solterer, wer im Monat mehr Waar’ verkauft, aber dem Herrn geziemt es nicht, mit dem Teufel zu wetten. Ganz und gar nicht geziemt ihm das. Wohl sage ich mir, daß Solches sich noch in der jüdischen Zeit begeben hat, und daß er es heute nicht mehr thäte, weil ihm unser Herr Jesus Christus und die heilige Gottesmutter davon abrathen würden, aber auch damals schon hätte er es nicht thun sollen, und wenn er es gethan hat, so hätte er es verschweigen sollen und nicht offenbaren in einem heiligen Buch.“

„Ebenhiesel!“ verwies der Krämer, „was Ihr für Reden führet – wenn das der Herr Pfarrer hörte!“

„Hab’s ihm selbst erzählt,“ erwiderte der Blinde, „und darauf hat er mir jenes Wort gesagt vom Alten Testament, aber dieses war seine ganze Widerlegung, auch bezüglich des Zweiten und Dritten, wo mir dieses Buch nicht gefällt. Denn zum Zweiten ist es nicht schön vom Hiob, daß er endlich doch an Gott verzweifelt und gegen ihn murrt – solches steht keinem Menschen zu, am wenigsten jenem, welcher fromm ist. Was Gott thut, ist wohlgethan – allimmer und allüberall. Und wenn schon beim ersten schweren Leid eine Klage verzeihlich ist, so doch gewißlich nicht beim letzten, weil da schon Gottes Hand und Wille deutlich sind. Aber dieser Hiob ist ja zudem ein Mensch, der sich am liebsten hat – er klaget erst, als die Hand Gottes seinen eigenen Körper trifft – und doch thut es dem Herzen des Frommen größer wehe, wenn seine Kinder dahinwelken oder zur Grube fahren, wie vom Blitz getroffen, als wenn ihn selbsten ein Unglück trifft an Augen oder Gliedern. Ja, viel mehr, Herre – dieses weiß ich, denn ich habe Beides erfahren!“

Das Letztere sagte er mit zitternder Stimme und in so eigentümlichem Ton, daß es mir an’s Herz griff. Erst nach einer Weile fragte ich:

„Und warum gefällt Euch das Buch Hiob zum Dritten nicht?“

„Zum Dritten,“ war die Antwort, „weil Hiob auf dieser Erde noch Alles wieder bekommt, was er verloren hat. Haus und Hof und Heerden, Gesundheit des Leibes und sogar blühende Kinder. Sehet – vielleicht war es wirklich so, aber dann hätte man es doch nicht schreiben sollen. Denn gewöhnlich sieht der Mensch auf Erden nimmer wieder, was er verloren, und todt bleibt Alles, was ihn einst erfreuet. So wird durch das Geschick des Hiob nur der Neid geweckt oder die thörichte Hoffnung. Denn auf Erden hat der Mensch nichts zu erwarten, als Kummer und Herzeleid, und erst drüben kommen die Freuden, und man weiß, warum man gelebt hat und gelitten.“

„Und wenn sie auch drüben nicht kommen?“ fragte der Krämer und lächelte selbstgefällig über seine große Aufgeklärtheit. „Habt Ihr’s denn schriftlich, Ebenhiesel?“

„Schweiget!“ rief dieser heftig und auf dem sonst so milden Antlitz lag ein Zug düsterer Strenge. „Schweiget, Krämer! Wer an der künftigen Ausgleichung zweifelt, zweifelt an Gott und ist ein Sünder. Aber,“ fuhr er ruhiger fort, und allmählich milderte sich seine Stimme zu sanfter Weichheit, „wenn Euch jene Frage wirklich vom Herzen gegangen ist, so will ich Euch nicht zürnen, denn dann seid Ihr gestraft genug. Wie könnet Ihr dieses Leben nur eine Stunde ertragen, so es Euch nicht ein Vorhof ist für den ewigen, gerechten Zustand? Dann seid Ihr ja arm und gar viel ärmer als ich, den Ihr den Hiob nennet.“

„Bin ja gläubig!“ erwiderte der Krämer etwas kleinlaut. „Müsset nicht gleich predigen wie der Pfarrer.“

„Der predigt anders,“ sagte der Greis lächelnd, „ganz anders!“

„Ist er Euch nicht fromm genug?“ fragte ich.

„Zu fromm!“ erwiderte er kurz. „Predigt, als ob der Mensch ein Engel sein sollt’, und ’s ist doch schwer genug ein Mensch zu sein.“ Dann aber zog er sein Lederbeutelchen und reichte es dem Krämer , daß dieser sich den schuldigen Betrag selbst daraus entnehme.

„Man sieht, daß Ihr erst seit Kurzem das Augenlicht verloren,“ bemerkte ich. „Sonst kann ein Blinder die Münzen nach dem Gefühl unterscheiden.“

„Freilich wohl,“ bestätigte der Greis. „Aber meine Hand ist rauh vom schweren Schaffen und kann das Kleinzeug nimmer unterscheiden.“

„Wie seid Ihr erblindet?“ fragte ich, nicht blos um ihn zu weiterer Rede zu bewegen, sondern weil mir seine Augen völlig ungetrübt, ja, in so schöner Klarheit entgegenblickten, wie sie in hohem Greisenalter sehr selten zu finden.

„Sehet,“ war die Antwort, „es war keine Leichtsinnigkeit dabei und kein Verschulden und keine Krankheit – nur Gottes Hand war’s. Vor drei Jahren hat sich’s begeben in der Lenzzeit und am Kirchhof. Dort ist ein Plätzchen, wo ich am liebsten bin, mitten unter den Meinen; sie hören mich nicht, wenn ich zu ihnen rede, aber mir wird das Herz doch leicht und getröstet. Da sitze ich also an jenem wunderschönen Tag und sehe zu, wie die kleinen Sommervöglein (Schmetterlinge) dahinflattern über das junge Gras, und mir wird das Herz gar bang und schmerzlich. Alles Gethier wird wach, denke ich, und nur die Todten modern in den Grüften. Ja, geklagt hat mein Herz, aber nicht gemurrt, und Ihr dürfet also nicht glauben, daß es Gottes Strafe war. Schmerzlich habe ich geklagt, und da sind mir wieder die Thränen gekommen, die lieben, tröstlichen Thränen – ach, Herr, es ist eine milde Wohlthat, wenn man recht weinen kann, und ich hatt’ es vordem durch lange Zeit nicht gekonnt und mich darum recht ausgeweint an jenem Tag. Und wie mir also die Thränen strömen und das Herz bebet, da zuckt es plötzlich durch mein morsch Gebein, nur einmal, aber übermächtig, vom Wirbel bis zur Zehe, als hätte mich ein Blitz durchfahren. Die Glieder werden mir starr, und es wird Nacht vor meinen Augen. Die Lähmung hat sich verloren, aber die Nacht ist geblieben bis auf diesen Tag. Was liegt daran? Das innere Licht leuchtet mir tröstlich und helle.“

Er schwieg.

„Wohl ein partieller Nervenschlag,“ sagte ich sinnend nach einer Pause.

Der Greis schüttelte das Haupt.

„So Aehnliches hat auch der Arzt gesagt, aber es war Gottes Hand. Seid wohl auch ein Arzt?“

„Nein,“ erwiderte ich. „Aber so viel weiß ich: es ist nicht unmöglich, daß Euch das Augenlicht allmählich wieder komme.“

„Glaub’s nicht!“ sagte der Blinde und lächelte traurig vor sich hin. „Und hoffe es nicht und wünsche es nicht. Was hätte ich davon? Habe nichts mehr anzuschauen auf Erden, und käme es wieder, ich müßte wieder dafür zittern. Denn auf Erden hat man nur für Solches nichts zu befahren und zu befürchten, was man bereits verloren hat. Behüt’ Euch Gott mit einander!“ Und er nickte uns zu und tastete dann langsam mit seinem Stecken zur Stube hinaus.

Ich brachte mein Geschäft mit dem Krämer zu Ende, aber diesmal ohne Murren und schweigend. Und selbst auf seine Frage, wie mir der alte Holzknecht gefallen, hatte ich nur eine sehr kurze Antwort. Gleichwohl sagte der gebildete Mann herablassend. „Es ist sonderbar, weil ja der Ebenhiesel ein ganz ungebildeter Mensch ist – aber die Herren Sommergäste discutiren alle gern mit ihm. Da war im vorigen Jahre ein junger blasser Priester aus Wien hier, ein Professor vom Schottengymnasium, der hat oft stundenlang mit dem Alten gesprochen, aber sonst mit keinem Menschen. Und zu Weihnachten hat er ihm eine ganze Kiste mit Geschenken geschickt und dazu geschrieben: ‚Danket mir nicht, denn ich bleibe doch ewig in Eurer Schuld – in schweren Kämpfen bin ich in Euer Dorf gekommen, Ihr aber habt mich wieder still und gut gemacht.’ Ja, diesen Brief habe ich selbst gelesen, auch der Herr Pfarrer. Der hochwürdige Herr war aber sehr ungehalten darüber und hat gemeint. ‚Wenn mein Bruder in Christo, der Herr Professor, in innern Kämpfen war, so hätte er sich an mich halten sollen, und nicht an den Ebenhiesel. Und,’ hat unser Herr Pfarrer noch gesagt, ‚wenn dieser alte Mann nicht so fromm wäre, so könnte [212] man oft meinen, daß er gottlos sei.’ Wie dieses aber auch sein mag, gewiß ist, daß der Ebenhiesel so vieles Unglück erfahren, wie sonst kein Mensch am ganzen Attersee. Sie hätten ihn auch um seine Geschichte fragen sollen, denn sie ist recht interessant. Wenn ich an sie denke, so sage ich immer: ‚Gott, ich danke Dir, daß Du mich liebst.’ Denn Gott hat mich wirklich –“

Aber es interessirte mich wenig, warum der Krämer Mittendorfer zu Unterach überzeugt war, daß Gott ihn liebe. Und noch weniger muthete es mich an, von diesem aufgeklärten Manne die Geschichte des unglücklichen Greises zu erfahren. Ich wandte mich mit kurzem Gruße zur Thür und trat vor’s Haus. Da sah ich noch einmal die gebückte Gestalt des Ebenhiesel, er lenkte gerade langsam in jenen Thorweg ein, der zur Rechten von dem Platze vor der Krämerei zum Friedhof führt. Ich gestehe, ich blieb einen Augenblick unschlüssig stehen und kämpfte mit meiner Neugier, ob ich ihm folgen solle. Dann aber siegte doch eine bessere Empfindung in meinem Herzen, und ich ging still meiner Wege.

Jene Geschichte habe ich gleichwohl erfahren, einige Tage später und ohne darum zu fragen. Ich glaube nicht, daß sie, wie Herr Mittendorfer meinte, „recht interessant“ ist. Wie jene Gewalt, die über uns Allen ist, Schlag auf Schlag führt gegen ein armes, verblutendes Menschenherz, das vermag nur Grauen und Mitleid zu wecken. Was über diesen armen Mann gekommen, mag sich vielleicht auf Erden, wenn nicht oft, so doch zuweilen schon zugetragen haben; wie er es getragen und überdauert, nur dieses schien mir werth, daß du es vernehmest, Leser, ob du nun glücklich bist oder unglücklich, gläubig oder ungläubig. Aber das Seelenleben des Greises, wie es sich mir in jener seltsamen Kritik des Buches Hiob offenbart, rückt ja erst dann in das Licht des Merkwürdigen, wenn man erfährt, was er erlebt. Nur darum erzähle ich seine Geschichte. Ich will es, so weit mir dies möglich, mit seinen eigenen Worten thun.

Es war wenige Tage nach jener ersten Begegnung, an einem trüben, düsteren Morgen. Als ich da wieder zur Krämerei ging, gewahrte ich, wie eben ein tiefer Abzuggraben von diesem Hause gegen die Straße gezogen wurde, welcher den Weg zur Kirche mitten durchschnitt. Und als ich hinaustrat, sah ich, wie der Blinde ahnungslos am Hause vorbei gegen jenen Graben zuschritt. Ich rief ihn an und warnte ihn. Er blieb stehen, und mich rührte der hülflose Ausdruck seiner Züge und der traurige Blick dieser klaren und doch lichtlosen Augen. Ob ich ihm helfen könne, fragte ich und trat auf ihn zu.

„Ach, Herre! Ihr seid es.“ Er erkannte mich sofort an der Stimme. „Ja, sehet – nun weiß ich nicht, was beginnen. Wollt’ auch heut’ meinen einzigen Weg gehen, zu den Meinen. Jetzt ist hier der Graben, und den andern Weg, die Straße hinab und dann durch des Fleischerwirths Garten, trau’ ich mich nicht. Bin ihn nie mehr gegangen, seit die Nacht über mich gekommen.“

Es war völlig gleichgültig, wo ich den Qualm meiner nassen Cigarre in die Luft blies, und nicht das geringste Opfer meinerseits, als ich mich erbot, ihn jenen Weg zu führen. Während wir nun so neben einander herschritten, erzählte er mir, daß er Matthias Pölzleithner heiße und sich mit seinem dreizehnten Jahre, nachdem Eltern und Geschwister früh weggestorben, das Brod in den kaiserlichen Wäldern des Kammerguts verdient, zuerst als Helfer und Botenbub’ der Holzknechte, bis er es endlich selbst zum Holzknechte gebracht. „Und die letzte Zeit,“ sagte er stolz, „bin ich sogar Aufseher gewesen und hab’ darum eine Pension vom Kaiser, drei Gulden monatlich.“ Auf meine Frage, ob dies genüge, versicherte er lächelnd, er lebe „gar bequemlich“, wenn auch leider bei fremden Leuten zu Kost und Miethe; nur auf die Todtenmessen reiche es nicht immer. „Aber um dessentwillen“ fügte er hinzu, „grollet mir nicht einmal der Herr Pfarrer, und Gott wird noch viel milder sein.“

Damit waren wir an der Pforte des Friedhofs angelangt, und ich wollte mich verabschieden. Er aber hielt meine Hand fest und bat. „Nun kommet noch ein Stücklein – will Euch die Meinen zeigen.“

Er ging voran, hier kannte er jeden Fleck und brauchte seinen Stock wenig. Dabei erklärte er mir, wer in den Gräbern ruhe, und fügte immer einen kurzen Gruß an den Todten hinzu. So, als wir an dem Grabe eines Gastwirths vorübergingen: „Hier liegt der Loydl. War ein guter, mitleidiger Mensch. Gelt, Loydl, jetzt freuet Dich jeder Bissen, den Du den Armen gegeben.“ Dann aber deutete er auf einige eingesunkene Gräber an der Mauer und sagte. „Da sind die Meinen.“

Ich trat näher heran und beugte mich zu den morschen Kreuzen nieder. Aber die Blechtäfelchen, auf welchen einmal die Namen der Schläfer geschrieben gewesen und wohl ein frommer Spruch dazu, waren arg verrostet, und kaum hier und da ein Buchstabe noch kenntlich. Der Blinde errieth mein Thun.

„Zu lesen ist es nicht mehr, aber ich kann Euch sagen, wer da ruht, und Jener, der einst an dieses Grab treten und den Namen hinab rufen wird, wird ihn nicht erst vom Täfelchen lesen müssen.“

Er setzte sich auf einen Stein zwischen den Gräbern.

„Sehet!“ sagte er und deutete zu. Rechten, „hier liegt meine Kathrein. Sie war ein brav und getreues Weib und hat Alles mit mir getragen, bis zum Ende. Um ihrer Schönheit willen hab’ ich sie einstens, vor fünfzig Jahren zum Weibe begehrt, aber diese Schönheit ist rasch gewelkt, noch ehe sie mir angetraut worden. Denn sie war ein armes Mensch, wie ich, und hat hart schaffen müssen, und erst wie ich fünfunddreißig war und sie nicht viel jünger, haben wir an den eigenen Hausstand denken dürfen. Es war aber der Segen Gottes darauf, und wir haben uns endlich sogar ein eigen Häuslein erwirthschaftet – drüben am Ufer, nahe dem Kaltenbrunn ist es gestanden – und vier gute blühende Kinder sind uns herangewachsen. Sehet, hier sind sie: der Hans, die Afra, der Paul, der Franzl.“

Und bei jedem dieser Namen deutete er mit dem Stecken auf eines der Gräber um ihn, und während sich mir das Herz mitleidig rührte, lächelte er so mild, so fröhlich vor sich hin, als stünden seine Kinder in blühender Lebenskraft um ihn her.

„Lange hat das Glück gewährt,“ fuhr er fort, „zwanzig Jahre. Und darauf ist das Unglück gekommen. Als ich einstmalen am Samstag Abend aus dem Forst bei Schärfling heimgehe, den Sonntag daheim zu verbringen, da begegnen mir an der Brücke über die Ache, zwischen See und Unterach, im Dunkel einige Männer, welche eine Bahre tragen. Ich acht’ nicht darauf und will rasch vorbei, da rufen sie mich an: ‚Ebenhiesel! wir bringen Dir Deinen Hans.’ Und da haben sie ihn vor mich hingestellt, todt, mit zerschmetterter Brust – er war auch ein Holzknechte und die Andern hatten kein Warnzeichen ausgestellt beim Fällen einer Tanne, und so ist mein armer Bub zugetreten und die Tanne hat ihn erschlagen. Das war ein Blitz aus blauem Himmel, und der erste Schnitt in mein Fleisch, und darum habe ich damals an jener Brücke laut geschrieen und gegen Gott gerufen: ‚Wodurch habe ich Solches verdient?!’ Und auch beim Zweiten habe ich es gefragt, aber schon leiser und demüthiger. Das Zweite war, daß mein Paul hinab ist in’s Welschland und hat bei Magenta eine Kugel bekommen in die Brust, und ist siech heimgekommen, um zu sterben. Aber wie ich ihm die Augen zugedrückt, da habe ich doch auch gesagt: ‚Herr Gott, Dein Wille ist unerforschlich, aber ich danke Dir, daß er hier gestorben und daß wir ihn zur Seite haben, wenn wir selbst schlafen gehen.’ Und beim Dritten habe ich nicht einmal mehr gefragt, sondern nur noch stumm mein Haupt gebeugt. Sehet, das war die Afra, eine schöne, starke Dirn’ und stolz und brav. Als sie siebenzehnjährig gewesen, hatte sie der Hofwirth zum Weibe begehrt, ein reicher, achtbarer Mann, aber von dem wollte sie nichts hören, weil er ein Wittiber war, und auch Jüngeren, so viele sich fanden, hat sie nicht einmal ein freundlich Gesicht gemacht zum Dank für die Werbung. ‚Afra!’ hab ich oft gesagt, ‚bist arm; ’s ist ein öd’ Leben als arme, einschichtige, alte Dienstmagd.’ Sie aber hat nur immer gelacht: ‚Vater, der Rechte kommt schon.’ Ist auch Einer gekommen, war aber nicht der Rechte – ein Jäger von Mondsee drüben, ein schöner Mensch, aber wüst und schlecht. Hat die arme Dirn’ bethört und hat sich dann versetzen lassen, in’s Salzburgische, der Heirath zu entgehen. Wir haben nichts davon gewußt, die Kathrein und ich, bis sie einmal vor uns hintritt, blaß wie der Todt: ‚Höret – ich bin in Schimpf gerathen mit dem Jäger, und er will nicht seine Schuldigkeit an mir thun, und in vier Monaten ist meine schwere Stunde – aber Ihr sollt nicht in Schande kommen!’ – ‚Was willst Du thun?’ jammert mein Weib, und die Afra antwortet ganz ruhig: ‚In den See geh’ ich.’ Da haben wir sie angefleht, die furchtbare Sünde nicht auf ihre arme Seel’ zu laden, die Sünde an sich und am jungen Leben dazu, und sie hat’s uns versprochen. Ob sie Wort [214] gehalten hat, weiß nur der da droben! Denn eine Woche später sagt sie: ‚Vater – hier kann ich nicht bleiben, ich würde sterben vor Scham. Im Burggraben hauset auf der Lasseralm meine beste Freundin, die Sternbauervroni; zu der will ich geh’n und meine Stunde erwarten.'

Und ist fort gegangen, aber bis zur Lasseralm ist sie nicht gekommen. Wir haben sie drei Tage später zerschmettert gefunden, tief unten im Burggraben. Ob sie sich selbst hinabgestürzt hat, ob sie am schmalen, steilen Steg durch einen falschen Tritt ausgeglitten – wer weiß es? Sie ward begraben mit den Ehren einer Jungfrau, und nur drei sind bei ihrer Gruft gestanden, welche gewußt, daß ihr diese Ehre nimmer gebührt. Das war ich und mein Weib und unser Franzl. Der war zum Begräbniß der Afra herüber gekommen aus Vöcklabruck, wo er Lehrling gewesen bei einem Büchsenmacher, und war eben zum Gesellen gesprochen worden. Ich hatte ihn dorthin gegeben, weil er so klug und anstellig war, und zudem ein so feines, schwaches Bürschlein, daß er zum Holzknecht oder Flößer nimmer getaugt hätte. Er und die Afra haben sich aber mehr lieb gehabt, als ich könnte sagen, und sind immer so treu und gut zu einander gewesen, wie selbst unter Geschwistern selten zu finden. Darum hat es mich nicht gewundert, als der Franzl so furchtbar verstört war bei dem Begräbnisse – todtblaß war er und ist dagestanden wie versteint in Schmerz; dann hat er von uns Abschied genommen, noch am selbigen Tage: er müsse zurück zum Meister nach Vöcklabruck; es wär’ große Arbeit da. Ich hab’ ihn darin bestärkt und gesagt: ‚Arbeite und bete für die arme Seele; ich will es auch so halten, denn nur so läßt sich solcher Schmerz ertragen.’ Eine Woche, nachdem er fort ist, begegnet mir der Postmeister:

‚Bin gestern ist Vöcklabruck gewesen,’ sagt er, ‚und der Meister Büchsenmacher läßt Euch fragen, wo denn der Franzl bleibt?’

Ich bin zu Tod erschrocken bei dieser Post, und mein erster Gedanke war: ‚Er ist dem Jäger nachgegangen, Rache zu nehmen.’ Und also war es. Der Franzl hat den Jäger erlauert und niedergeschossen und sich dann selbst zu Zell dem Gericht gestellt, und einen Monat später haben sie ihn zu Salzburg zum Tode verurtheilt. Der Kaiser aber hat ihn begnadigt – zu zwölf Jahren Zuchthaus, weit er seiner Schwester Verderben an dem Verderber gerächt. Sehet – das war das Vierte.“

„Und das Letzte!“ rief ich erleichtert.

Mir hatte sich, während er sprach, eine schwere Last auf die Brust gewälzt. Selbst die leidenschaftlichste Klage, selbst Jammer und Thränen hätten mich unmöglich so tief erschüttern können, wie seine sanfte, ruhige Art. Er erzählte, als ob er Fremdes, Fernes berichtete und nicht das furchtbare Unglück seines eigenen Lebens. Und gerade dieses machte mir die Erzählung doppelt entsetzlich.

„Das Letzte?“ wiederholte der Greis. „Nein, das war’s noch nicht. Nach zwölf Jahren ist der Franzl wieder gekommen, aber wie im Antlitz kein Zug mehr war von meinem liebsten Buben, so auch nimmer im Herzen. Das Zuchthaus hat ihn verderbt bis in die Knochen; er war faul an der Seele und morsch am Körper. Hat aber noch zwei Jahre gelebt, lang’ genug, seine Mutter unter die Erde zu bringen und mein Häuslein so mit Schulden zu belasten, daß ich es verkaufen mußt’. Und so ist mir auch das Schlimmste nicht erspart geblieben, ja das Schlimmste, was ein Herz auf Erden tragen kann, der Gedanke: ‚Es wäre besser, wenn Dein Kind todt wär’, statt die Erde zu verunreinigen.’ Dieses war das Letzte. Mein Erblinden rechne ich nicht – es war mir kaum noch ein Wehe. Und jetzt ist mir wohl, denn ich habe nur mehr mein eigen Leben zu verlieren, und wenn mir dieses genommen wird, gewinne ich die ewige Seligkeit. Und Gott ist barmherzig; er hat es immer gut mit mir gemeint und wird darum einsehen, daß ich jetzt bald abberufen werden muß.“

Das ist, was ich von den Ansichten und Geschicken des Hiob von Unterach zu berichten hatte. Aber es liegt mir auf der Seele, noch Eines zu sagen, ehe ich schließe. Ich habe dies erzählt, um die Antwort zu suchen auf eine ewige Frage. Daß die Antwort, welche der arme Ebenhiesel giebt, eine uralte ist, bekümmert mich wenig; er hat sie auf’s Neue gefunden und unter schwererem Druck als die meisten Menschen, und darum schien es mir der Mühe nicht unwerth, daß man es höre. Aber man könnte glauben, daß ich seine Antwort für die einzig mögliche, einzig richtige halte. Und dem ist nicht so. Es ist eine Antwort für Millionen, aber nicht für Alle. Eine solche ist nicht gefunden, wird nie gefunden werden können. Uralt ist die Frage, uralt die Mühe nach Antwort, und Beides wird währen, so lange Menschen leben. Und so wollen auch wir fortfahren, zu suchen, ernst und duldsam. Vielleicht ist jener der Glücklichste, der die Antwort, welche jener alte, beklagenswerte Mann gefunden, als die seine anerkennen kann. Wer es nicht kann, der sänftige sein Herz und stimme mit mir ein in das edel-schöne Wort des Dichters:

„– – Er diente dem Gott, der ihm der wahre geschienen –
Sag’, was kann ein Sterblicher mehr? Draus mag es auch mir nun,
Da zu anderem Glauben das Herz mich drängte, vergönnt sein,
Meinen Göttern getreu hinfort mein Wesen zu treiben,
Wie ich muß und vermag!“