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Der Herzog von Jerusalem

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Autor: unbekannt
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Titel: Der Herzog von Jerusalem
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aus: Die Gartenlaube, Heft 21 und 22, S. 329–332 und 344–347
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Chiliasmus, Neu-Jerusalem und Bernhard Müller, genannt Proli, Graf von Leon
Ein anderer „heiliger Herr“
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[329]
Der Herzog von Jerusalem.
Ein anderer „heiliger Herr“.[1]


Auf keinem Gebiete hat sich die religiöse Schwärmerei kühner gezeigt, seltsamere Gestalten angenommen und einen weiteren Spielraum gefunden, als in den Erwartungen des tausendjährigen Reiches, welche man unter dem Namen „Chiliasmus“ begreift. In diesem Chiliasmus liegt die Idee einer Welterneuerung auf communistischer Grundlage bei der Wiederkunft Christi, die Erwartung einer politischen und socialen Umwälzung zur Herstellung des Paradiesesstandes auf Erden; die Sehnsucht nach Befreiung von den Uebeln der bestehenden Weltzustände und von den Fesseln der Polizeistaaten, sowie die Hoffnung auf die seligste Gemeinschaft aller Frommen im Besitze einer Gemüthsruhe, welche bei Befriedigung aller äußeren Wünsche durch nichts gestört wird. Mithin ist der Chiliasmus ungefähr dasselbe, was das „goldene Zeitalter“ nach der alten griechischen Sage, die „Messianischen Erwartungen“ in dem Munde der Juden, ein „Utopien“, ein „Eldorado“ im Munde der Poesie sind; das Gebilde einer mit allen Reizen der üppigsten Phantasie ausgeschmückten künftigen Zeitperiode, hervorgegangen aus dem natürlichen Verlangen nach Vollkommenheit und Glückseligkeit und wesentlich unterstützt und gehoben durch Vorstellungen, die in der Bibel vorkommen. Namentlich hat die Offenbarung Johannis im zwanzigsten und einundzwanzigsten Capitel diese Erwartung eines tausendjährigen Reiches der Herrlichkeit mit Bestimmtheit ausgesprochen.

Welche Grübeleien gläubiger Seelen haben schon stattgefunden, um den Zeitpunkt auszurechnen, wo dieses goldene Zeitalter des Christenthums eintreten würde, und welche Ausschweifungen sind aus dieser Erwartung hervorgegangen! Und doch war es dem neunzehnten Jahrhundert vorbehalten, den kühnsten Schwärmer für diese Richtung erstehen zu sehen, dessen Leben, Thaten und Meinungen noch lange nicht hinreichend erklärt sind. Was aber eifrigste Forschungen in den zugänglichen Quellen über ihn bis jetzt zu Tage bringen ließen, theilen wir hiermit unsern Lesern mit. Wir übergehen dabei die vielen fabelhaften und erlogenen Enthüllungen über eine angeblich höchst fürstliche oder gar göttliche Abstammung unsers Helden und treten gleich an diejenige der verschiedenen ihm an den verschiedensten Orten untergeschobenen Wiegen hinan, in welcher er am wahrscheinlichsten das Licht der Welt erblickt hat.

Das Schloß zu Aschaffenburg war, abwechselnd mit Mainz, die gewöhnliche Residenz der Kurfürsten-Erzbischöfe von Mainz und seit 1787 des Coadjutors dieses Bisthums, Karl Theodor’s von Dalberg. In diesem Schlosse war im erwähnten Jahre 1787 eine Nähmamsell angestellt, die Helena Balser hieß, ein Frauenzimmer von bedeutender Schönheit. Diese fand Gnade in hohen Augen und wurde, nach der Unsitte jener traurigen Zeit patriarchalischer Tyrannei, auf hohe Veranstaltung an einen jungen Kunstgärtner Namens Johann Adam Müller in Kostheim verheirathet und dazu reich ausgestattet, um dem auf dem Wege befindlichen hohen geistlichen Sprößling einen Vater vor der Welt zu geben. Als der neue Eheherr den Betrug entdeckte, wollte er sich von preußischen Werbern engagiren lassen. Da erschien ihm ein Engel, aber nicht im Traum und im strahlenden Lichtgewand, sondern in einem schwarzen Priesterrock und verkündigte ihm eine große Gnade, die ihm widerfahren solle, weil ihm der Messias geboren würde, welcher eine Frucht des heiligen Geistes sei. Zu dessen Bekräftigung wurden ihm ansehnliche Geldgeschenke überbracht und ein Avancement zum Chausseeinspector zur Belohnung seiner Verdienste um das Vaterland in Aussicht gestellt. Dieses wirkte und der üble Fleck wurde mit goldnem Lethewasser abgewaschen. Um kein Aufsehen zu erregen, geschah die Niederkunft ohne Zweifel an einem fremden Orte und in heimlicher Weise, woraus sich der Mangel des Eintrags im Kirchenbuch zu Kostheim, den später der junge Müller und seine Vergöttlicher so klug zu benutzen wußten, hinreichend erklären läßt. Auch mochte der eingeschobene Eheherr sich wohl gehütet haben, den Geburts- und Taufact aus der Ferne in die Register von Kostheim auf seinen Namen übertragen zu lassen.

Die Kinderjahre des jungen Müller fielen in eine sehr stürmische Zeit. Schon ein Jahr nach seiner Geburt brach die französische Revolution aus und die brausenden Wogen dieser Volksströmung wälzten sich bis an den Rhein und berührten Mainz und die Umgegend. Ehe noch der französische General Custine mit seinen Truppen im Jahr 1792 vor Mainz erschien, hatte sich der kurfürstliche Hof von Mainz in die zweite Residenz zu Aschaffenburg geflüchtet. In dieser Belagerung litt Kostheim unaussprechlich. Die Bewohner des Ortes flüchteten sich so zeitig, als es nur möglich war, um nicht vom Verderben ereilt zu werden. So pilgerte auch Frau Helena Müller, den blondgelockten Knaben an der Hand, mehrmals hinüber nach Aschaffenburg, wo sie im kurfürstlichen Schlosse stets ihr Asyl fand und von da reich gesegnet zurückkehrte, wenn die Gefahr vorüber war.

[330] Nachdem der kleine Bernhard Müller das achte Lebensjahr erreicht hatte, wurde er in ein Seminarium nach Mainz gebracht, wo er Freiunterricht erhielt, aber auch nach katholischem Erziehungssystem streng abgeschlossen und wie ein Schulpferd, das im Circus gehen soll, dressirt wurde. Hier scheint dem mit außergewöhnlichen Talenten begabten Knaben der Impfstoff religiöser Schwärmerei beigebracht worden zu sein. Als er diese Anstalt nach Zurücklegung seines vierzehnten Lebensjahres verlassen hatte, sollte er auf Verlangen der Müller’schen Verwandtschaft das Schneiderhandwerk erlernen; allein er entlief seinem Lehrherrn nach kurzer Zeit und gerieth in eine Gesellschaft von englischen Reitern, wo er das Balanciren auf dem Seil lernte. Auch hier nicht befriedigt, beschloß er, sich dem geistlichen Stand zu widmen, und ging deshalb in ein Kloster zu Aschaffenburg, wo er unter hoher Protection einige Jahre blieb und sich mit dem Lesen von Legenden und Wundern der Heiligen, mit der Geschichte der geistlichen und weltlichen Ritterorden beschäftigte, unter welchen ihm besonders die Tempelherren mit ihren streitbaren Tendenzen zum Schutze der Pilger und des heiligen Grabes zu Jerusalem, mit ihren Tempelhöfen sammt ihrer Unabhängigkeit von allen politischen Gewalten der Erde, mit ihrem Ansehen und ihren Schätzen wohl gefielen. So wurde schon frühzeitig seine Phantasie erhitzt und er mit hohen Ideen von sich selbst erfüllt, die ihn bis zu förmlichen Visionen geführt haben. Auch erhielt er eine Anstellung als Chorknabe und wurde von unbekannter Hand unterstützt.

Auf diese Weise ist er in den Stand gesetzt worden, eine Pilgerreise nach Rom anzutreten, um das römische Kirchenthum an der Quelle kennen zu lernen, und zwar auf das Gebot einer inneren Stimme. Allein er fand nicht, was er suchte, sah die Gebrechen der Kirche in der Nähe und konnte seine eigenthümlichen Anschauungen damit nicht in Einklang bringen. Deshalb verließ er nach kurzer Zeit die päpstliche Hauptstadt und pilgerte, unter großen Entbehrungen und Kasteiungen, nach Bamberg und, als er auch da nur darauf angewiesen wurde, mit Franciskanern zu terminiren, das heißt von Almosen zu leben, wandte er sich nach Regensburg, einem Bestandtheil des Großherzogthums Frankfurt unter der Regierung des Fürsten Primas Karl von Dalberg, wo er hoffen durfte, unter die Protection seines hohen Gönners zu kommen, dessen unsichtbare Hand schon in Mainz und Aschaffenburg des Guten viel an ihm gethan hatte.

Hier trat aber eine Wendung in seinem Lebensgange ein, die für seine ganze Zukunft entscheidend wurde. Ursprünglich ein guter Katholik, begann er an vielen Lehrsätzen und Einrichtungen der römischen Kirche zu zweifeln, die ihm nicht mehr dieselben zu sein schienen, wie in den ersten drei Jahrhunderten, bildete sich hiernach seine eigenen Anschauungen und überließ sich dem Glauben, daß seine außergewöhnliche Geburt und Herkunft das Vorzeichen seiner göttlichen Mission andeuteten. In dieser mystischen Richtung wurde Müller durch einen Mann bestärkt, welcher William Sykson hieß, Missionär einer Pietistengesellschaft in London war und sich heimlich in Regensburg aufhielt, um Proselyten zu machen. Angezogen durch den Reiz des Geheimnißvollen, wofür Müller’s bizarre Seele sehr empfänglich war, wurde er bald ein Freund und Gesinnungsgenosse des englischen Missionärs, und aus seinem vermeintlichen Schauen in die Geheimnisse der Welt, Natur und Zeit, die dem profanen Auge verborgen seien, entwickelte sich in Müller’s Seele ein unbändiger Hochmuth, zu den Auserwählten zu zählen und mehr zu sein, als Andere, – ein Hochmuth, der sich bis zur Annahme fürstlicher Würden verstieg, um sich als Götze verehren zu lassen. Von da bis zur Rolle eines Propheten war der Schritt nicht mehr so weit.

Wie stark der Trieb in ihm war, seine Offenbarungen kund zu thun, und welchen Muh er besaß, darüber hat man eine Probe aus jener Zeit, wo er in Regensburg lebte. Müller hatte nämlich eine auffallende Anhänglichkeit an den Kaiser von Oesterreich und noch mehr an den Erzherzog Karl; es schien, als ob in Müllers Plan der Welterneuerung Oesterreich im Vordergrund erscheinen solle. Deshalb erließ er im Jahre 1810, als Napoleon der Erste nach der Besiegung Oesterreichs sich mit einer österreichischen Kaiserstochter verheirathet hatte und auf dem höchsten Gipfel der Macht und des Erdenglücks stand, eine Drohnote an den allgewaltigen Imperator, in welcher er demselben in prophetischem Ton seinen nahen Sturz, die Zertrümmerung seiner Macht ankündigte und ihn zugleich aufforderte, ohne Zeitverlust Buße zu thun. Diese Drohnote, welche ohne Angabe des Wohnortes blos mit „Bernhard Müller“ unterzeichnet war, kam auch wirklich in Napoleon’s Hände und der erzürnte Kaiser ließ durch seine geheime Polizei überall Nachforschungen anstellen und setzte einen Preis von tausend Friedrichsd’or auf Müller’s Kopf. Während dieser Nachstellungen wußte sich Müller verborgen zu halten, brachte wochenlang, ja sogar einmal vier Wochen unter der Erde (vermuthlich in einem Keller) zu, wo er nur von Zwiebeln lebte. Hierdurch entging er der Gefahr, bis er nach London entfloh, um Missionär zu werden und als Prophet die Welt zu durchziehen.

In London bereitete er sich zu seiner prophetischen Laufbahn vor und ließ sich durch Sykson dem Vorstand der dortigen Missionsgesellschaft als Mitglied und Sendbote empfehlen. Er wurde mit Vergnügen angenommen, da die Miene des Glaubens und der Frömmigkeit, die er besaß, sein schwungreiches Gemüth und die Kühnheit seines Charakters die besten Erfolge für den Missionsberuf von ihm erwarten ließen. Auch zeigte er sich geneigt, der katholischen Kirche zu entsagen, ließ sich in der evangelischen Lehre so wie in der englischen Sprache unterrichten, blieb aber fest haften an seinen mystischen Idealen, die er aus dem Studium der Bibel geschöpft und denen er später sein ganzes Leben widmete.

So war das Jahr 1812 eingetreten und mit ihm die Erfüllung seiner prophetischen Drohnote. Dieser Erfolg bestärkte ihn in dem Glauben an eine ihm beigelegte höhere Sehergabe, welche zukünftige Dinge im Voraus erkenne. Auch gewann er die Meinung von sich selbst, daß sein Gebet und Flehen Gottes Allmacht und Gnade bewogen habe, die zerstörenden Naturkräfte, als Feuer, Kälte, Hungersnoth und Pestilenz, zum Sturze Napoleon’s in Bewegung zu setzen. Müller’s mystische Richtung erhielt durch diese Zeitbegebenheiten neue Nahrung und einen mächtigen Aufschwung.

Gerade dieses Zutreffen war der Grund, weswegen er sich immer eifriger mit dem Studium der Bibel beschäftigte, weil er glaubte, Alles darin vorgedeutet zu finden, was Welt, Natur und Zeit in ihrem Gange bringen würden. Bei seiner ungemeinen Belesenheit legte er übrigens die Bibel so aus, wie sie zu seinen mystischen Vorstellungen paßte.

Es mochte im Jahre 1813 gewesen sein, als Müller von der Missionsgesellschaft den Auftrag erhielt, sammt William Sykson nach Irland zu gehen. Beide Missionarien wendeten sich, nach längeren erfolglosen Wanderungen, nach Cork, der zweiten Hauptstadt von Irland und einem sehr bedeutenden Handelsplatz, und hier wollte es Zufall und Gelegenheit, daß sie mit zwei Personen bekannt wurden, welche sehr viel dazu beitrugen, daß sich Müller’s Lebenswege immer seltsamer und phantastischer gestalteten. Diese Personen waren Miß H. (deren Namen wir nirgends ausgeschrieben finden) und der Jesuit Martin.

Miß H. wird von unserem englischen Berichterstatter als eine Dame geschildert, die einem Pietistenverein in Cork angehörte, in großen Verbindungen stand, zu den reichsten Damen in Irland zählte und seit den Tagen ihres Frühlings von schmachtenden Seelen umgeben und verehrt war, ohne daß sie sich durch eine dauernde Neigung hätte binden lassen. Schon war sie über die Mittagslinie ihres Lebens hinausgekommen, als Müller in ihr Haus trat und ihre Gunst gewann. Ein bildschöner junger Mann von fünfundzwanzig Jahren mit regelmäßiger Gesichtsbildung, schlanker Figur, imponirendem Wesen und einnehmender Beredsamkeit, wurde er schnell der erklärte Liebling dieser Dame, welche in der mystischen Richtung ihm gefühlsverwandt war und solche Eigenschaften liebte, die außergewöhnlich waren, wie sie in Müller’s Natur sich vereinigt fanden.

Die zweite Person, welche auf Müller’s Leben einen großen Einfluß gewarnt, war der Jesuit Martin, der sich schon seit Jahren in Cork aufhielt, weil er wegen ihm zur Last gelegter Verbrechen den Continent hatte verlassen müssen. Dieser hatte Eingang im Hause der frommen Miß, wurde von derselben zu geheimen Diensten verwendet, besaß eine große Welt- und Menschenkenntniß und wußte es bei der Geschmeidigkeit, die seinem Orden überhaupt eigen ist, so einzurichten, daß er auch neben Müller wenigstens noch Rathgeber im Hause blieb und die Fäden des Gespinnstes in der Hand behielt.

Dieser jesuitische Mephistopheles, dem Müller’s Herz sehr bald wie ein Buch aufgeschlagen war, gewann in Kurzem die Ueberzeugung, daß maßlose Eitelkeit, noch größerer Ehrgeiz und [331] überschwengliche Imagination die Haupttriebfedern in Müller’s Seele waren und daß dieser die Fähigkeit besaß, die außergewöhnlichsten Bahnen einzuschlagen und sich in enthusiastischen Richtungen zu gefallen. Er fand jene seltsame Mischung von Demuth und Anmaßung, von Heuchelei und Freimuth, von Religiosität und frivoler Speculation, von weichlicher Sinnlichkeit und hoher Kraft, von Selbstbetrug und sophistischem Verstand in Müller’s Natur vereinigt, so daß er in ihm ein Werkzeug zur Welterneuerung nach jesuitischen Ordensgedanken, aber auch den Schlüssel zu den Schätzen der Miß zu finden glaubte.

Da dieser geistliche Reineke Fuchs wußte, daß Müller ursprünglich der katholischen Confession angehörte und durch William Sykson davon ab und in den Dienst der englischen Missionsgesellschaft gebracht worden war, so hielt er es für seine erste Aufgabe, Müller von Sykson zu trennen und den Einfluß des Letzteren gänzlich abzuschneiden. Letzteres wußte er auf’s Gründlichste damit zu bewerkstelligen, daß er, natürlich mit weisester Deckung seiner eigenen Person, einen Aufstand des katholisch-irischen Pöbels gegen den englischen Missionär anzettelte, der zu einem furchtbaren Ausbruch kam; nur mit Mühe entging W. Sykson dem Tode und entfloh nach England.

Aber noch ehe dieser Jesuitenstreich gelungen war, stand bereits Müller, ohne es zu merken, unter der Leitung des Bruder Martin, der ihn immer tiefer in das Labyrinth sectirerischer Plane, durch die Hallen und Kreuzgewölbe alterthümlicher Orden zur Schwelle des verheißenen tausendjährigen Reiches führte.

Es liegt nämlich die Vermuthung sehr nahe, daß eine geheime Gesellschaft, die ihren Ursprung vom Orden der Tempelherren ableitet, gleichwie notorisch in Portugal und Frankreich, so auch in Irland bestanden und sich den Namen „Christusorden“ beigelegt hat. Nach gewaltsamer Unterdrückung der Templer im vierzehnten Jahrhundert ist der Kern und das Wesen derselben in diesem Christusorden niedergelegt und durch geheime Mitglieder fortgepflanzt worden. Mit demselben ist der Orden der Jesuiten ganz nahe verwandt und es scheint dieser, seit er aufgehoben worden, mit den geheimen Templern, wenigstens in Irland, unter dem Namen Christusorden sich vereinigt zu haben, in welchem Bruder Martin eine Hauptperson gewesen sein mochte. Auch scheint in dieser geheimen Gesellschaft die Absicht obgewaltet zu haben, die den Balleien und Comthureien der ehemaligen Tempelherren beigelegten Privilegien, Gerechtsame und Immunitäten zu erneuern und unter der Firma des tausendjährigen Reiches eine theokratische Republik zu errichten, womit freilich die bestehenden Polizei- und Militärstaaten mit ihren Fürsten und Contributionen hätten wegfallen müssen. In Müller’s späterem Leben wird man diese Vermuthung immer deutlicher hervortreten sehen, daß er nämlich Mitglied dieser geheimen Gesellschaft und nicht blos religiöser Idealist und Enthusiast, sondern auch politischer Demagog gewesen sei, der den Riesenplan einer socialen Welterneuerung angestrebt habe.

In Folge seines Vertrauens auf den jesuitischen Lehrmeister ist es gekommen, daß Müller demselben das Geheimniß seiner hohen Abstammung mittheilte. Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte diese Nachricht des Jesuiten arglistige Seele. Ihm war es sogleich klar, daß, wenn Müller schon durch seine Naturanlagen zum Schwärmer für die weltumdrehenden Plane der Jesuiten und ihrer Anhängsel geschaffen sei, seine geheimnißvolle Geburt hierzu noch einen bedeutenden Vorsprung gewähre. Er hatte nichts Eiligeres zu thun, als der Miß H. die Nachricht zu überbringen, daß ihr Geliebter ein geborner Prinz aus Deutschland sei, der Thron, Vaterland und Schätze aufgegeben habe, um im Gewande der Niedrigkeit durch die Welt zu pilgern; wie derselbe mit allen Gaben unmittelbarer Erleuchtung und göttlicher Kraft ausgerüstet sei, Wunder zu thun und Weissagungen zu verkündigen, und wie durch ihn, den gottgesandten Propheten, die Erlösung von allen Banden der Erde und die Aufrichtung des tausendjährigen Reiches geschehen werden. Darüber war die Miß außer sich vor Erstaunen und Entzücken. Müller war ihr jetzt Alles, ein Königssohn mit göttlichem Siegel, ein Gesalbter vom Herrn aller Herren, der größer sei, als alle Propheten der Vorzeit. Er wurde Herr über ihre Person und über ihr fürstliches Vermögen, wohnte von nun an beständig in ihrem Palais und schwamm in einem Meere von Seligkeit und Entzücken, welches alle seine Sinne berauschte und ihm schon Scepter und Krone vorgaukelte.

Unter so günstigen Umständen schritt nun Bruder Martin nebst seinen jesuitischen Gesellen und Handlangern auf das Ziel der Welterlösung los und entwarf in der verschleierten Gesellschaft, die aus geheimen Templern und Verwandten bestanden zu haben scheint, die Reichsordnung für das projecirte Herzogthum Jerusalem. Darin sollte Müller Herzog und Prophet sein, wie weiland Melchisedek König und Priester von Salem zugleich war, und als Emissär der Gesellschaft in die Welt gehen, wenn die Zeit dazu gekommen sei. – Er solle den Namen „Müller“ in der profanen Welt ablegen und dafür „Proli“ heißen. Dieses Wort heißt übersetzt „Sohn Gottes“ und kommt entweder her vom lateinischen proles (der Nachkomme, was dann hier ganz besonders den Größten aller Nachkommen von Juda und David würde zu bedeuten haben) oder, was am wahrscheinlichsten ist, vom syro-chaldäischen baroli, übersetzt: Sohn Gottes, welches Wort zusammengezogen Broli und durch Veränderung des B in P Proli gezeichnet wurde. Wir wollen ihn daher unter diesem Namen forthin aufführen, weil er sich ohnedies einige Jahre später officiell denselben durch Regierungsbeschluß hat beilegen lassen. Merkwürdig aber ist es, daß in dieser geheimen Gesellschaft geglaubt worden ist, Proli sei durch Geburt und Abstammung zum Gründer des tausendjährigen Reiches und zum Propheten darin bestimmt, seine Seele sei auch nicht mit der irdischen Hülle erzeugt und geboren (zu Kostheim), sondern sie sei vielmehr im Anbeginn der Schöpfung vorhanden gewesen, von Adam durch Fortwanderung auf Abraham, von diesem auf Moses, von diesem auf David, von da auf Christum und zuletzt in Proli’s Hülle übergegangen, wo sie durch und durch geheiligt und geläutert zur Erlösung der Welt gesendet worden sei. Daher wurden seinem Herzogstitel die Worte beigefügt: „vom Stamme Juda und aus der Wurzel David,“ damit anzudeuten, daß er weit mehr sei, als „von Gottes Gnaden“, daß der Stammbaum seiner Seele vielmehr auf den Uranfang aller Dinge zurückdatire.

Das Modell zur neuen Ordnung des tausendjährigen Reichs wurde vom ursprünglichen Paradiesesstande hergenommen, wie solcher vor dem Sündenfalle war. Da habe man von Polizei, von Obrigkeiten und Königen, von Kirchen und ordinirten Geistlichen, von Adeligen und Bürgerlichen, von regulirtem Militär mit Bajonneten und Kanonen, von Börsenspiel und Actienschwindel, von Ritterschaft und Hörigkeit, sowie von sonstigen Standesunterschieden nichts gewußt. Von solchen Dingen sollte das neue Reich Erlösung bringen und Befreiung von allem Druck und allen Gewalten auf Erden. Drei Stücke aber sollten vorzugsweise in Kraft und Wirksamkeit stehen: einmal Gütergemeinschaft wie bei einer großen Familie, so daß Niemand so arm sei, daß er Noth litte, und Niemand so reich, daß er Ueberfluß hätte; – ferner Freiheit für beide Geschlechter mit einander umzugehen, je nachdem sie für einander fühlen, ohne daß sie durch ein festes kirchliches Eheband verknüpft sein müßten; – und endlich Gleichheit aller Stände, ohne Geburtsvorzüge und Rangordnungen, Titel und Würden, Orden und Wappen. Unter diesem Banner sollten alle Völker der Erde zu einem einzigen versammelt werden, zu dessen Haupt und Prophet Proli von Anbeginn berufen sei.

Vorläufig handelte es sich darum, die Auserwählten um den Propheten zu sammeln, und dieses konnte mit den grandiosen Geldern der frommen Miß H. nicht schwer fallen. Proli fand viele Anhänger für sein projectirtes Reich und richtete in dem Palais der Miß eine Hauscapelle ein, worin zwei Mal des Tages Betstunde gehalten wurde. Da erschien Proli als Fürst und Prophet mit allen Insignien seiner angeblichen göttlichen Sendung. Der Jesuit übernahm das Amt eines Oberpriesters und trug dafür Sorge, daß eine Anzahl Priesterinnen, an deren Spitze die fromme Miß stand, stets im Gefolge des Propheten waren. Mit den Betstunden wechselten periodische Festlichkeiten ab, die ganz darauf berechnet waren, die Adepten und Priesterinnen des himmlischen Reiches auf Zion in einen Freudentaumel zu versetzen, um nach dem Rathe des jesuitischen Mephistopheles ihre Seelen ganz zu besitzen. Unter diesen Festlichkeiten ragen besonders die Bälle hervor, die in einem Landhause der Miß nach der Weise des Paradiesesstandes abgehalten wurden. Dabei sah man an einem Tempel von himmlischem Glanz und Pomp die Worte flammen: „Freiheit allen Welten!“ In der Mitte saßen auf Thronen der fürstliche Seher, die Miß und der Oberpriester umringt von Nymphen, deren lieblicher Stimmenklang die irdische Sphäre zu einer himmlischen zu verzaubern vermochte.

[332] Dieses Elysium auf Erden, diese Mysterien der Liebe und Wollust, diese Tänze der Adepten und Grazien fanden natürlich in solchen Kreisen Beifall, die zur Gesellschaft zählten, und das Geld für die Vereinscasse wurde dazu sehr reichlich gespendet. Das neue Jerusalem, gestützt auf das Testament der ehemaligen Tempelherren, gewann immer größere Dimensionen und wurde allmählich im großen Publicum bekannt, zum Theil Gegenstand der spannendsten Neugierde, zum Theil der schärfsten Anklage von Seiten Solcher, welche die öffentliche Moral gefährdet glaubten.

Letzteres drohte endlich der geheimen Gesellschaft gefährlich zu werden, weshalb Bruder Martin den Rath gab, in Begleitung der reichsten Bürger und Nymphen der Gesellschaft Cork zu verlassen und nach London überzusiedeln, wo man hoffen durfte, inmitten der ungeheueren auf- und abwogenden Menschenmenge in den Mysterien des neuen Jerusalems mit größerer Sicherheit leben und eine noch größere Zahl von Proselyten finden zu können.

Von der Nothwendigkeit dieses Schrittes die Miß H. zu überzeugen, hielt am schwersten, da sie durch ihren reichen Grundbesitz an Irlands Boden gebunden war und nicht mitziehen konnte. Sie rang die Hände und vergoß einen Strom von Thränen, als Proli kam, ihr die Trennung zu melden; er berief sich jedoch auf eine Erscheinung des Erzengels Gabriel, die ihn zu diesem Entschluß aufgefordert habe, aber erst als er versprach, wiederzukommen und sie als Gemahlin und Herzogin des neuen Reichs heimzuholen, ergab sie sich in die Nothwendigkeit und rief ihm noch mit aufgelösten Haaren und schluchzender Stimme nach: „Herr, gedenk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“

Im Besitze einer Summe von nahezu hunderttausend Pfund Sterling, welche die Gemeinschaft der Heiligen zusammengesteuert und wozu die Miß H. das Meiste beigetragen hatte, kam Proli nebst seinem Mephistopheles und einer Anzahl Jünger und Priesterinnen in Britanniens Hauptstadt an. Das Leben in London erwies sich jedoch so kostspielig, daß die heilige Gesellschaft bald in Noth gerathen mußte. Diese Zeit sah der jesuitische Judas voraus und hielt es für angezeigt, das Geld aus dem drohenden Schiffbruch zu retten. Während eines Tages der Prophet seine Andacht mit den Jüngern und Priesterinnen hielt, schlich er in das Cabinet des Propheten, bemächtigte sich der ganzen Summe in Banknoten, die noch vorhanden war, und entfloh.

Als der Prophet aus seinen Andachtsübungen zurückkam und sein Cabinet betrat, ersah er aus einem von Martin zurückgelassenen Zettel, daß der Judas in den Hafen geeilt und ein Schiff bestiegen hatte, um nach Amerika zu entweichen. Trotz aller Bestürzung und augenblicklichen Verlegenheit beschloß Proli, den Diebstahl vor seiner Gesellschaft geheim zu halten, er gab sogar vor, daß er den Jesuitenpater nach Dänemark und Schweden auf eine Missionsreise gesendet habe und daß er demselben die Summe von dreitausend Pfund Sterling nachschicken müsse. Diese Summe entlieh er von seinen Anhängern, versprach die Rückzahlung innerhalb vier Wochen, wenn er den Erlös aus seinen Gütern von einigen Millionen Thalern flüssig gemacht hätte, und entfloh mit dem Gelde nach Hamburg, nachdem er vorher den vornehmsten Auserwählten seines himmlischen Reiches verkündigt hatte, daß er, Proli, gleich Moses dem Erdkreis entschweben und sich erheben müsse zu den höchsten Regionen des Urlichtes, um dort sein Angesicht in das leuchtende Meer der Offenbarung zu tauchen und von da hellleuchtend zurückzukehren, wie Moses vom Berge Sinai in voller Glorie herabgestiegen sei zur Erdenwelt. Dann würde das Reich der Herrlichkeit vollendet sein. Bis dahin sollten sie sich wacker halten, damit er nicht nöthig habe, bei seiner Wiederkunft wie Moses die Gesetzestafeln zu zertrümmern.

[344] In Hamburg angekommen, stieg Proli im Hotel de Saxe ab und sendete seine Jünger aus, um in allen Wirthslocalen die Herrlichkeit des Meisters und seines Reiches kund zu thun. Auch ließ er gedruckte Zettel für diesen Zweck austheilen. Allein es fehlte ihm der Magnet, der in Cork Wunder gethan und auch in London zum Theil gewirkt hatte – Geld und brünstige Glaubensschwestern. Nur eine junge Brünette schloß sich an, deren Namen wir aber nicht kennen und die Proli bis nach Offenbach begleitete. Sein nächstes Ziel war aber das Schwabenland. In einem eleganten Wagen, den er sich in Hamburg gekauft hatte, reiste er nach Stuttgart. Allein dort hatte die Regierung bereits Kenntniß von seinem abenteuerlichen Leben, und schon nach wenigen Tagen des Aufenthaltes daselbst wurde ihm von der Polizei der strenge Befehl, daß er innerhalb vierundzwanzig Stunden das Weichbild der Stadt und in achtundvierzig Stunden das Land zu verlassen habe, widrigenfalls er per Schub in seine Heimath gebracht würde. Die Stadt seiner nächsten Wahl war Würzburg, und sie erschien als eine gelungene, denn nun begannen wieder die prächtigen Tage, wie in Cork und London, und viele Gläubige aus dem männlichen und weiblichen Geschlecht sammelten sich unter seinem Banner. Länger als ein Jahr dauerte hier dieses selige Glaubensleben. Mittlerweile hatte er seine Sendboten auf dem Lande, namentlich im Spessart und im Odenwalde herumgeschickt, um das neue Evangelium von der Menschen Seligkeit im tausendjährigen Reiche ankündigen zu lassen, wobei er von der Geistlichkeit in Stadt und Land sowie von den Ordensleuten der beiden Klöster in Würzburg eifrig unterstützt wurde.

Namentlich aber wird ein Pater Johannes genannt, der Proli’s eifrigster Anhänger war und den er zum Patriarchen des neuen Reichs ernannt hatte, mit der Vollmacht an die Stelle des Papstes in Rom zu treten, wenn das Werk der Erlösung beginne. Man sieht, wie ernstlich die Sache betrieben wurde. Außerdem fand noch eine Ceremonie in der Hauscapelle statt, darin bestehend, daß Proli vom besagten Pater Johannes in Gegenwart der Auserwählten im Sinne der Salbung Jesu zum Herzog und Herrn vom neuen Jerusalem gesalbt wurde. Noch hatte die Polizei wenig Kenntniß von der Sache, da sie sehr geheim gehalten wurde. Als aber mancherlei Gerüchte über geheime Orgien umliefen und Klagen über Verführungen von Frauenzimmern bei den Behörden eingingen, auch der Pater Johannes in seinem Eifer so weit ging, daß er öffentlich von der Kanzel herunter an drei hintereinander folgenden Sonntagen mit den heftigsten Ausdrücken die Wiederkunft Christi (natürlich in der Person Proli’s), die Gräuel der Verwüstung und die Aufrichtung des tausendjährigen Reiches als ganz nahe bevorstehend ankündigte, da war auch schon am letzten Sonntage Befehl von München da, den Zusammenhang der Sache gerichtlich zu untersuchen, in dessen Folge mehrere Geistliche in’s Verhör kamen, ein Zeichen, wie man hier die Triebfedern der geheimen Verbindung erblickt hat. Sofort wurde der Pater Johannes gefänglich eingezogen. Seine Gefangenschaft währte eine Reihe von Jahren. Auch gegen Proli war Personalarrest verfügt worden. Allein er muß zeitig von der drohenden Gefahr in Kenntniß gesetzt worden sein, weil er in demselben Augenblick, wo die Gerichtsdiener den Haftbefehl vollstrecken sollten, aus Würzburg entwichen war.

Noch von Würzburg aus hatte Proli zwei von seinen Jüngern nach Irland gesendet, um der Miß H. in Cork von den Fortschritten der Mission Kenntniß zu geben und sie um weitere Geldhülfe anzusprechen. Diese trafen ihn nach ihrer Rückkehr in Offenbach, wo er bis dahin in harter Bedrängniß gelebt. Zwar hatte er dort im Jahre 1822 unter dem staatsklugen Großherzog Ludwig dem Ersten von Hessen und bei Rhein Aufnahme gefunden, da er sich hier in seinem engeren Vaterland Hessen, wozu sein Geburtsort Kostheim gehört, befand, allein die Verfolgung der bairischen Regierung erstreckte sich auch bis nach Hessen und auf Requisition derselben erhielt Proli sogar von der darmstädtischen Regierung Hausarrest. Es muß jedoch eine mächtige Verwendung am darmstädter Hofe stattgefunden haben, da er bald wieder in Freiheit gesetzt wurde und sogar das Bürgerrecht in Offenbach erhielt. Von wem diese Protection ausging, ist ein Geheimniß geblieben. Kaum war Proli im Besitz der irischen Geldsumme, als er auch sofort Anstalt machte, eine bleibende Niederlassung in Offenbach zu gründen. Für diesen Zweck kaufte er den neben der Bibelsmühle gelegenen Metzler’schen Blumen- und Pflanzgarten ganz nahe bei Offenbach, erwarb viele umliegende Aecker und Wiesen, verwandelte solche in einen prächtigen Park, erbaute ein Landhaus mit eleganter Einrichtung, im vorderen Theil des Parks eine Grotte mit Bad, und wo der Park in das freie Feld hinausreicht, einen Gartensaal, der, wie man im Volke sagen hörte, zu den irischen verschlungenen Tänzen im Paradiesesstand bestimmt gewesen sein soll.

Mancher, der Abends auf der Chaussee von Offenbach nach Frankfurt an dem Park Proli’s vorüberging und durch die Baumgruppen eine Menge Lichter aus dem Landhause schimmern sah, der mußte um so mehr an einen Feensitz glauben, als ein tiefes Geheimniß die Umgebung verschleierte. Auch hier hatte er seine Hauscapelle, worin er als Prophet auftrat und viele politische Veränderungen, wie die Entthronung Karl’s des Zehnten von Frankreich, die Julirevolution von 1830, die Bewegungen der Völker gegen ihre Fürsten, die Cholera und den Aufstand in Polen, Ueberschwemmungen, Theurung und andere Naturereignisse, voraussagte, weshalb er als Orakel für seine Gläubigen galt.

In seiner Lebensweise berührten sich die seltsamsten Extreme: ein geheimes, welches den strengsten Ordensregeln in gewissen Richtungen unterlag, und ein sichtbares, welches der Außenwelt sogar frivol erschien. Denn in seinem Cabinet hielt er abgeschlossen seine Offenbarungsstunden, lag auf den Knieen, kasteite sich, litt Hunger Tage lang, rang im Gebete, erwartete die Strahlen des Urlichtes aus der Höhe und wollte mit solchen Kasteiungen, nach dem Beispiele Jesu, Gott mit den Menschen versöhnen, Gottes Zorn von der Welt abwenden, ein Mittler zur Erlösung sein und überhaupt der Gerechtigkeit Gottes genug thun. Nach tagelangem Fasten und Ringen aß er nur Milch- und Wassersuppe, während seine Dienerschaft Ueberfluß hatte. Von diesen geheimen Offenbarungsstunden durfte Niemand wissen, der nicht geweiht war; hier fand sein Umgang mit Gott statt, hier fragte er ihn und hörte ihn antworten. Wenn er dagegen in Gesellschaft bei Tische war, aß und trank, lachte und scherzte er wie alle anderen Menschenkinder und gab keinerlei Merkmale seiner geglaubten überirdischen Mission zu erkennen.

Nachdem Proli etwa ein Jahr in Offenbach sich angesiedelt hatte, gelang es ihm, Proselyten zu finden. Zu den ersten zählt Johann Georg Göntgen, Doctor der Theologie und Philosophie, ein Pfarrerssohn aus Frankfurt, ein Mann von wissenschaftlicher Bildung, eine Zeit lang der freisinnigen Richtung zugethan und jetzt zur mystischen Tiefe Proli’s bekehrt. Man hat sich wundern müssen, wie ein Mann von Intelligenz seine angesehene Stellung als Oberbibliothekar an der Stadtbibliothek zu Frankfurt aufgeben und der buntfarbigen Seifenblase des tausendjährigen Reiches nacheilen konnte. Uebrigens hat er als ein sittlicher Charakter gegolten. Er wurde des Propheten Geheimsecretär und nahm zur Unterscheidung von der profanen Welt den geheimen Ordensnamen Samuel a sancta Sion, Archidiakonus des himmlischen Reiches, an, wie er auch auf seinen Erlassen unterzeichnete. Merkwürdig ist es, daß dieser Dr. Göntgen seinem Meister und Propheten Proli das Zeugniß ausgestellt hat: „Seit den Propheten des alten Bundes und mit Einschluß der Kirchenväter habe noch nie ein sterblicher Mensch eine so übernatürliche Sehergabe und einen solchen Schatz von Erkenntnissen Gottes und der Natur gehabt, als Proli.“ Gewiß ist, daß durch den Beitritt dieses Mannes und seiner Familie und Verwandtschaft Proli’s Sache an Ansehen sehr viel gewann. Auch wurde eine hohe Persönlichkeit am darmstädter Hofe als Protector der Proli’schen Gesellschaft genannt. Die Zahl der Mitglieder derselben mochte einschließlich der Frauen über fünfzig Personen betragen haben, ungerechnet die Dienerschaft, welche indessen weder zahlreich noch glänzend war, weil Proli darauf keinen Werth legte.

Während seines neunjährigen Aufenthaltes in Offenbach gab [345] Proli notorisch jedes Jahr eine ständige Summe von eintausend zweihundert Thalern an die Stadtcasse zur Unterstützung der Armen, ungerechnet die zahlreichen Wohlthaten, welche er unmittelbar auf seinem Landgute den Hülfesuchenden spendete. In dem kalten Winter von 1829 bis 1830 unterhielt er ein Vierteljahr hindurch mindestens dreihundert Menschen mit Nahrung, Kleidung, Holz und anderen Bedürfnissen. Daher war Proli bei den Armen eine ungemein beliebte Persönlichkeit.

Woher Proli diese sehr bedeutenden Geldsummen bezog, ist ein Räthsel geblieben, sowie überhaupt Alles, was diesen Mann betrifft. Man kommt immer zu der Vermuthung eines jesuitischen Unternehmens zurück, da ein Pater nebst Collegen in Cork, ein Pater nebst Ordensleuten in Würzburg dem Plane Proli’s so wesentlichen Vorschub geleistet haben. Kaum ist es glaublich, daß Proli mit seinem Riesenplane allein gestanden hätte, oder nur auf eigene Kräfte angewiesen gewesen wäre, ohne eine schützende und nachhelfende Macht im Verborgenen hinter sich gehabt zu haben.

Seitdem Proli in Offenbach lebte und wegen seines reichen Geldbesitzes einen großen Namen hatte, fand sich auch die Familie Müller von Kostheim mehrmals ein, um als seine nächsten Verwandten sich in den Strahlen seines Reichthums zu sonnen. Allein das war dem Propheten sehr lästig; er wollte von einer irdischen Blutsverwandtschaft, absonderlich von Kostheim, nichts wissen. Deshalb trug er im Jahre 1826 bei dem Großherzog von Hessen darauf an, daß der Name „Maximilian Bernhard Ludwig Müller“ in „Maximilian Proli“ verwandelt würde, – in welcher Bedeutung, wissen wir schon aus Cork in Irland. Diese Namensveränderung wurde auch genehmigt und im Regierungsblatt vom 22. October desselben Jahres öffentlich verkündigt.

Immer näher schritt der Prophet seinem Ziele zu, und gestützt auf geheime Protection, konnte er einen Schritt wagen, in welchem jeder Andere eine Gefahr für Leib und Leben erblickt haben würde. Wie nämlich Christus, dem er so gern nachahmte, siebenzig Jünger zur Verkündigung seines Evangeliums in die Welt gesendet hatte, so erließ Proli, dem es an siebenzig geeigneten Sendboten fehlte, um dieselben zu ersetzen, wenn wir nicht irren, im Jahre 1828, siebenzig gleichlautende Manifeste an alle Regentenhäuser Europa’s, mit Ausnahme des R..… und Pr..… Hofes (soll wohl heißen des Russischen und Preußischen Hofes), die er schon von vornherein aus der Regentenliste gestrichen hatte, sowie an sonstige hohe Häupter und Fürstbischöfe, selbst an den Papst in Rom, worin er dieselben bei Meidung seines Fluchs und der Strafgerichte Gottes aufforderte, sofort von ihren Thronen und Stühlen zu steigen und ihre Völker zum Eintritt in das tausendjährige Reich frei zu lassen, sich selbst aber dem Propheten zu Füßen zu legen. Zugleich entband er die Völker vom Eid der Treue und des Gehorsams und bedrohte auch sie mit dem Fluche Gottes, wenn sie nicht sofort gehorchen würden. Diese Manifeste, eines wie das andere, trugen die Aufschrift: „Ich, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes Jesu Christi und des heiligen Geistes, Maximilian Bernhard Ludwig, Gesalbter und Gesandter des Herrn aller Herrn, Herzog von Jerusalem, Groß-Imperator des tausendjährigen Reichs, Fürst auf Zion etc., entbiete hierdurch Allen, den Gewaltigen und Großen auf Erden, so wie den Niederen und allen Völkern meinen Gruß und die Gnade Gottes des Heilandes Jesu Christi.“

Diese Manifeste sind nach ihrem Inhalt bei den damaligen Censurverhältnissen in keine öffentliche Zeitung gekommen, sondern vielmehr in den Händen der Adressaten verborgen geblieben. Dasselbe Schicksal erfuhr Proli’s Aufforderung an die Völker zum Abfall von ihren Fürsten.

Voll Erbitterung darüber, daß seine Manifeste wie die Tauben aus der Arche Noah zur Zeit der Sündfluth ausgeflogen seien und nicht ein grünes Blatt im Schnabel zurückgebracht hätten, erließ Proli im folgenden Jahre 1829 sein zweites Manifest, aber noch geharnischter mit Schild und Speer, und zwar nicht an alle Fürsten, sondern hauptsächlich an Oesterreich, auf das er das größte Vertrauen hatte, weil er in den zahlreichen Klöstern und Ordensleuten des Reiches seinen Hauptstützpunkt zu finden glaubte, und forderte den Kaiser geradezu auf, die übrigen Fürsten verdrängen zu helfen. Auch das wurde ignorirt.

Es ist aber begreiflich, daß solche Bestrebungen nicht ohne Folgen für den Bestand der Gesellschaft bleiben konnten. Proli sah die Zeichen eines ihm drohenden Sturmes und überlegte daher, ob es nicht besser sei, in den freien Westen überzusiedeln, weil das neue Jerusalem sich dort freier entwickeln könne. Das Ergebniß dieser Berathung war, daß man sich vorläufig an die Colonie des bekannten Würtembergers Rapp[WS 1] wendete, welcher im Jahre 1803 seine Heimath verlassen hatte, um sich in Nordamerika niederzulassen. Diese Rapp’sche Colonie führte den Namen Harmonia zu Economy, Beaver-County im Staate Pennsylvanien. An diese erging noch im Jahre 1829 eine bogenlange Epistel, welche mit den Worten anfängt: „Friede, Gnade und Barmherzigkeit, wie auch Heil und Segen werde dem alten Patriarchen Georg Rapp und seinen Mitvorstehern, wie auch der ganzen in Gott vereinigten Gesellschaft der Harmonie zu Theil.“

Dieses Schreiben war angefüllt mit bitteren Klagen über den Despotismus und die Gottlosigkeit der Gewaltigen und Herrscher dieser Welt, welche keine Herrschaft Gottes und seiner ewigen Rathschläge über sich anerkennen wollten, wie über die Verwilderung der Völker und den Verfall der wahren Kirche etc. und spricht die Ansicht Proli’s aus, daß Amerika das Land sei, wohin sich alle wahren Kinder Gottes vor dem drohenden Verderben retten müßten; daß auch der Gesalbte Gottes (Proli), der vergeblich seine prophetische Stimme in Europa erhoben, sich dorthin begeben müsse, um die zwölf Stämme Jakob’s sammt allen Confessionen in Mittel- und Südamerika zu sammeln und mit einem Heere von einhundertvierundvierzigtausend christlichen Streitern nach Europa zurückzukehren, die Herrschaft der Antichristen zu stürzen und den Thron des neuen Jerusalem aufzurichten. Dieses Schreiben gelangte auch wirklich in die Rapp’sche Colonie nach Economy und wurde günstig aufgenommen. In der Rückantwort wurden einige Bedingungen der Aufnahme gestellt, die der Prophet annehmbar fand.

Im folgenden Jahre starb der sehr tolerante Großherzog Ludwig der Erste von Hessen, und auf ihn folgte sein Sohn Ludwig der Zweite, unter welchem die Maßregeln strenger wurden. Denn wenn wir nicht irren, noch in demselben Jahre kam der Befehl von Darmstadt, den Propheten und seinen Anhang mit Hülfe der bewaffneten Macht gefänglich einzuziehen. Der Prophet hielt eben nach beendigter Mittagstafel seine Siesta in seinem Cabinet, als eine der Priesterinnen durch die Baumgruppen des Parks eine Compagnie Soldaten von der Offenbacher Garnison unter Führung eines Hauptmannes anrücken sah, die sofort das Landgut nach allen Richtungen besetzte. Sogleich rief dieselbe die übrigen Glaubensschwestern herbei, die darüber nicht wenig erschrocken waren. Auch Dr. Göntgen gesellte sich dazu und diese stürzten in das Cabinet, um den Propheten zu wecken.

Dieser erhob sich voll scheinbarer Ruhe und Würde und sprach den Seinen biblischen Trost zu. Nicht lange darauf kamen der Landrath von Offenbach, ein Regierungscommissär von Darmstadt und ein Brigadier mit Gensd’armen die Treppe herauf. Aber zu den zitternden Glaubensschwestern gewendet, sagte der Prophet, dem es durchaus nicht an Muth fehlte: „Meine Stunde ist noch nicht ‘kommen!“ und ging den Ankommenden mit vieler Gravität entgegen. Diese zeigten den Verhaftsbefehl vor im Namen „des Großherzogs von Hessen und bei Rhein“.

„Was Großherzog von Hessen,“ versetzte der Prophet mit Nachdruck „es steht keine Macht auf Erden über mir,“ fügte er mit himmelwärts gerichteten Blicken hinzu.

Als aber der Regierungscommissär auf der Verhaftung bestand, gerieth der Prophet in heiligen Zorn und rief: „Wie sie – die Knechte des Herodes und Pilatus, es wagen könnten, das heilige Gebiet Gottes und seines Gesalbten zu betreten; sie sollten sich entfernen, oder es würden andere Mächte gegen sie aufgerufen.“

Nun nahm auch der Commissär eine drohende Miene an, worauf der ergrimmte Prophet den Augenblick wahrnahm, einem Gensd‘armen den Säbel zu entreißen und damit auf den Regierungscommissär einzudringen. Allein die bewaffnete Macht sprang dazwischen und entwand ihm den Säbel. Es entstand ein ungeheurer Tumult im Hause und Proli wurde überwältigt. Andere Bewaffnete folgten dem Geheimsecretär Dr. Göntgen, der sich in das Zimmer begeben hatte, wo die Kanzlei des himmlischen Reiches sich befand. Im Augenblick, wo die Bewaffneten eintraten, soll Dr. Göntgen, wie man gesagt hat, mehrere Actenstücke verschluckt haben, um keine Beweismittel in die Hände der Verfolger fallen zu lassen. Sofort wurde Dr. Göntgen auf die Wache gefangen weggeführt. Proli aber erhielt merkwürdiger Weise nur [346] Hausarrest, während die Priesterinnen des Hauses über die Gefangenschaft Juda’s durch die gottlosen Hände Babels wehklagten.

In dieser kritischen Sachlage muß wieder eine hohe und einflußreiche Vermittelung stattgefunden haben, weil die gerichtliche Untersuchung stecken blieb, Dr. Göntgen seiner Haft entlassen wurde und nur den Befehl erhielt, als ein Ausländer das Land zu räumen, obschon ihm bald nachher gestattet wurde, wieder seinen Aufenthalt in Offenbach zu nehmen. Proli aber behielt Hauswache, angeblich auf sein eigenes Verlangen, um vor den Armen geschützt zu sein, denen er nichts mehr geben könne. Proli’s Entschluß, nach Amerika auszuwandern, soll den Grund abgegeben haben, den Staatsproceß niederzuschlagen.

Daß Proli mehr als ein listiger Betrüger, daß er ein wirklicher Schwärmer war, beweist seine Kühnheit, womit er Alles that und Alles wagte, um sein Bundesideal zu verwirklichen. Dem entsprach auch sein Aeußeres. Er war groß und schön von Gestalt, mit starkem blondem Haupthaare, das in reichen Naturlocken bis auf die Schultern herabfiel, mit einem langen blonden Vollbart, frischen Colorit des Angesichts und dunkelblitzenden Augen. Den Hals trug er entblößt und einen Rock von schwarzer Farbe, oben am Halse ausgeschnitten, der mit den Röcken der Jesuiten einige Aehnlichkeit hatte. In Haltung und Sprache hatte er etwas Gewinnendes. Leute und besonders Damen, die Proli’s lockenumwalltes Haupt gesehen, haben gemeint, einen Christuskopf zu erblicken.

Als die bewaffnete Macht in Offenbach gegen Proli vorgeschritten war, mußte an die Auswanderung ernstlich gedacht werden. Es wurde deshalb ein Mitglied des himmlischen Reiches nach Bremen geschickt, um dort ein Fahrzeug zur Ueberfahrt nach Amerika („Isabella“) als Eigenthum zu erwerben. Die darmstädtische Regierung gestattete aber noch Zeit genug, um die Vorbereitungen zu treffen. Erst Mitte des Jahres 1831 verkaufte Proli sein Landgut mit einem Verlust von einhundertsechsunddreißigtausend Gulden (es befindet sich jetzt im Besitz des Rentiers du Fay von Frankfurt) und zu Anfang des Monats Juli war die himmlische Gesellschaft reisefertig. Noch am Tage vor seiner Abreise übersendete Proli zweitausend Thaler der Stadtcasse zur Unterstützung der Armen, die über den Verlust ihres Wohlthäters laute Klagen führten. Mit sechsundvierzig Köpfen langte er in Bremen an und reiste von da am 17. Juli 1831 auf der „Isabella“ ab. Die Fahrt ging glücklich von Statten und währte fünfzig Tage.

Schon tauchte in nebelgrauer Ferne die Landzunge von New-York aus den Wogen des atlantischen Oceans empor, da wurde auf dem Schiffe das Schauspiel eines Huldigungsactes aufgeführt. Die Gesellschaft war auf das Verdeck zusammen berufen und Proli prächtiger als jemals gekleidet und mit goldenen Ketten behangen, als Dr. Göntgen mit einer Urkunde in der Hand vortrat und der gläubigen Heerde ankündigte, daß der anwesende Herr Proli, welcher seither in der Niedrigkeit gelebt, von sehr hoher Geburt sei und sich vorläufig den Namen Maximilian Graf von Leon beigelegt habe, daß das neben ihm stehende Fräulein Häusser, welche schon seit sechs Jahren ihm angetraut sei (wahrscheinlich nach den Formen des himmlischen Reiches ohne kirchliche Trauung, die in Proli’s Augen unwirksam war), zu gleichen Ehren und Würden als Gräfin Leon erhoben würde und daß die Gesellschaft dem hohen Paare ihre Huldigung darzubringen habe. Zu gleicher Zeit wurden auch die Hofchargen zur Verherrlichung des hohen Paares vergeben: Dr. Göntgen, Proli’s Schwager, wurde Conferenzminister, nachdem er seither Cabinetssecretär gewesen; Zickwolf geheimer Finanzrath und Obercassendirector; Häusser (wahrscheinlich Proli’s Schwiegervater) wurde Oekonomierath; Nettelroth (ein Ladendiener) wurde Oberhofmeister; Boson (dessen Stand und Herkunft wir nicht genauer kennen) wurde Haushofmeister; Kahl (ein Bäckerssohn von Darmstadt) erhielt den Titel Consul; Blankenstein (Gärtner bei Proli) wurde zum Domänen-Verwalter erhoben, dessen Sohn zum Secretär und dessen Tochter zum Hoffräulein und zur Gouvernante ernannt. Ein gewisser Erbs wurde zum Leibkammerdiener befördert etc.

Am 3. September 1831, als kaum der erste Morgenstrahl den Osten röthete, landete die „Isabella“ im Hafen von New-York und der neue gräfliche Hof betrat das Land. Es erging nun ein umfangreiches Schreiben an Rapp’s Harmonie zu Economy ab, welches mit den Worten beginnt:

„Friede, Heil und Segen von der Dreieinigkeit Gottes werde dem alten Patriarchen Georg Rapp und seiner gläubigen Gesellschaft in Jesus Christus auf ewige Zeiten zu Theil!

Im Namen und Auftrag Seiner königlichen Hoheit des Erzherzogs Maximilian von Este,[WS 2] als Gesalbten Gottes vom Stamme Juda und von der Wurzel David, welcher Euch im Jahre 1829 (am 14. Juli, siehe oben) durch den Unterzeichneten die Rückkunft Christi zum Gericht und zur Bereitung des Reiches Gottes verkündigte, als der Grund zur Philadelphier Kirche in Nordamerika gelegt wurde, gebe ich Euch hiermit zur Nachricht, daß er nun persönlich und zuerst incognito unter dem Namen Graf Leon den Boden der Vereinigten Staaten berührt hat, etc.“

In dieser Epistel werden die Reiseeffecten erwähnt, welche die Proli’sche Gesellschaft mitbringe, bestehend aus mathematischen und physikalischen Instrumenten und einer beträchtlichen Bibliothek aus allen Fächern der Literatur, sowie auch zwischen den Zeilen zu erkennen ist, daß sie im Besitze großer Geldmittel sei. Sie schließt mit der Bitte um Ueberlassung so vieler Wohnungen und Localitäten, als zur Beherbergung der hohen Gesellschaft nöthig sei.

Acht Tage später, am 19. September, setzte sich die Proli’sche Gesellschaft in Bewegung und reiste über Albany, Buffalo und Erie nach Pittsburg, von wo die Landreise nach Economy geht. Viele Bewohner dieser Städte, welche durch Zeitungsnachrichten hiervon in Kenntniß gesetzt waren, brannten vor Begierde den Mann zu sehen, der von so hohem Range sei, angeblich über sechs Millionen spanische Thaler im Besitze hätte und das himmlische Reich der Herrlichkeit bringe. Allein Proli vermied es, sich öffentlich sehen zu lassen. In Pittsburg angekommen, wurde der Conferenzrath Dr. Göntgen sammt dem Oberhofmeister Baron Nettelroth (Ladendiener) nach Economy vorausgeschickt, um die Ankunft des gräflichen Hofes vorzubereiten. Der alte Patriarch Rapp, der ebenfalls nicht frei von Schwärmerei war, hatte den Glauben, daß Graf Leon ein Prophet sei, dem der Engel die sieben goldenen Leuchter, welche er Johanni gezeigt, anvertraut habe und daß derselbe bei seinem hohen Range auch ein kolossales Vermögen in die Colonie bringe. Dies war der Grund, warum er zur Aufnahme des gräflichen Hofes sich sehr bereitwillig zeigte.

Im October 1831 kam die Gesellschaft auf zahlreichen Wagen in Economy an und wurde auf Rapp’s Veranstaltung mit Pauken, Trompeten, Hörnern und Zwerchpfeifen, sowie durch aufgestellte Kinder mit Blumenkränzen und Vivatrufen an der Grenze der Colonie empfangen und nach Economy geleitet, wo sie zuerst in Rapp’s Castell prächtig bewirthet wurde und dann die für sie bestimmten Wohnungen bezog. Der nächste Sonntag war zu einer kirchlichen Feier für die eingesiedelte Gesellschaft bestimmt. Für den Zug in die Kirche hatte Graf Leon Alles aufgeboten, um einen nach seiner Ansicht imponirenden Eindruck zu machen, bewirkte aber damit, wie mit seiner Prophetenrede nur das Gegentheil und gab den einfachen Harmonisten den ersten Anlaß zum Mißtrauen. Dieses Mißtrauen wuchs in dem Maße, als man wahrnahm, daß die eingewanderte Gesellschaft jene Geldmittel nicht besaß, welche man vorausgesetzt hatte. Da die Proli’sche Gesellschaft nicht an Arbeit, sondern an Lebensgenuß gewöhnt war, so befürchtete man sich eine schwere Last aufgeladen zu haben. Das empfand der alte Rapp am tiefsten. Denn seine Colonie bestand aus etwa achthundert Gliedern und war nach philadelphischen Grundsätzen so eingerichtet, daß sie eine große Familie bildete, die ihren Centralpunkt in dem Patriarchen Rapp hatte. Jedes Glied dieser Colonistenfamilie mußte für die Gesammtheit arbeiten und aus dem Gesammtvermögen erhielt jedes seinen Unterhalt. Die Harmonisten waren in allen Stücken gänzlich von ihm abhängig, weil er während seiner achtundzwanzigjährigen Bewirthschaftung der Colonie einen Schatz von fünf Millionen Dollars aufgehäuft hatte, den er für sein Eigenthum ansah, obschon derselbe aus den Arbeiten der Harmonisten zusammengebracht war.

So waren Rapp und Proli ganz verschiedene Charaktere, die sich unmöglich vertragen konnten. Rapp war Egoist von der starrsten Consequenz; Proli Socialist in der weitesten Bedeutung. Rapp forderte blinde Unterwürfigkeit und angestrengte Arbeitsamkeit für das gemeine Beste, das freilich ihm zu gute kam; Proli verhieß Wohlsein, Vergnügen, Freiheit. Nur in dem einen Stück trafen sie zusammen, daß Beide sich zum Herrschen berufen glaubten: Rapp durch einfache Befehle; Proli durch den Glauben an seine göttliche Mission; Rapp durch Androhung barbarischer Strafen; [347] Proli durch Ankündigung des göttlichen Zorns oder durch Verheißung der göttlichen Gnade. Bei diesen entgegengesetzten Polen konnte die Einigkeit nicht lange bestehen und es ist begreiflich, daß Rapp bei seinen praktischen Consequenzen und bei der langen Dauer seiner patriarchalischen Regierung das Feld behaupten mußte.

In Proli’s Gesellschaft stellte sich bald der Mangel an Geld ein, der in Rapp’s Augen die größte Sünde war, und dieser war nicht zu bewegen, aus seinem reichen Schatze irgend etwas zum Unterhalt der aufgenommenen Proli’schen Gesellschaft abzulassen. So riß der Zwiespalt immer tiefer ein und selbst die Harmonisten ergriffen Partei, von welchen ein gutes Drittheil sich für Proli erklärte. Dieser abgefallene Theil wurde von Proli so wirksam unterstützt, daß Rapp sich der Besorgniß nicht erwehren konnte, es könnte die Rotte der Abgefallenen unter Proli’s Anführung sein Castell stürmen und sich des aufbewahrten Schatzes gewaltsam bemächtigen. In der That waren auch alle Anzeichen eines bewaffneten Aufruhrs vorhanden, so daß Rapp sich entschließen mußte, den Abgefallenen als ihren Antheil am Gesammtvermögen die Summe von hundertundfünftausend Dollars in drei Terminen zu entrichten, wogegen Proli sich anheischig machen mußte, innerhalb vier Wochen mit seinem ganzen Hofstaat die Colonie zu verlassen.

Mit diesem Gelde erwarb die Gesellschaft zu Philippsburgh,[WS 3] etwa neun englische Meilen unterhalb Economy auf dem linken Ufer des Ohio, einen kleinen Weiler mit zerstreuten Hütten, wo Proli siebenhundert Acker Land erstand. Dort fing er auch seinen Geschäftsbetrieb damit an, daß er eine Wirthschaft und einen Schmelzofen erbaute, letzteren in der Absicht, um aus dem dortigen Gestein Gold herauszuschmelzen. Aber alle Versuche der Goldmacherei scheiterten und es kamen nur glasirte Schlacken heraus. Die übrigen Prolianer mußten Waldland klären, mauern, zimmern, Steine und Kohlen herbeitragen, den Boden roden, während der weibliche Hof die Küche zu besorgen, das Vieh zu füttern, Thon anzurühren, Ziegel zu streichen und sich den beschwerlichsten Arbeiten zu unterwerfen hatte, welche mit dem früheren Wohlleben einen sehr traurigen Contrast bildeten.

Durch die kostspieligen Versuche im Goldmachen und mancherlei Bauten waren die Geldmittel bald erschöpft, und die Gesellschaft kam immer mehr herunter, weil neue Geldquellen nicht hinzukamen. Um dieser Noth abzuhelfen, unternahmen sogar die Prolianer einen bewaffneten Einfall in die Colonie des alten Rapp zu Economy, um von diesem eine weitere Summe zu erpressen. Dieser Einfall wurde von den Harmonisten, die ihrem Patriarchen getreu geblieben waren, mit Hülfe anderer Nachbarn glücklich abgeschlagen. Daß Proli hartnäckig leugnete, um diese Meuterei gewußt zu haben und auch derselben nicht überführt werden konnte, machte seine gefängliche Einziehung durch den dortige Friedensrichter sehr schwierig. Es scheint, daß er auf freiem Fuß geblieben ist.

Vergeblich erfolgten jetzt Aufrufe über Aufrufe an die Deutschen in Nordamerika, sich den Prolianern anzuschließen, wobei freilich zwischen den Zeilen zu lesen war, daß sie Geld – vornehmlich Geld begehrten. Unter diesen zahlreichen, von Dr. Göntgen verfaßten Aufrufen befand sich auch ein Ausschreiben in Nummer 304 des Amerikanischen Volksfreundes vom 25. April 1832, worin in bogenlangen Ausführungen versichert wird, daß Proli ein vertauschtes Fürstenkind aus einem der ältesten Regentenhäuser Europas und ein Schützling des Fürsten Primas[WS 4] sei.

Zu jener Zeit, da Proli als das gesalbte Oberhaupt im neuen Jerusalem zu Philippsburgh eines Tages vor seinem Schmelzofen stand, vom Ruß geschwärzt, von Schweiß bedeckt und sehr bekümmerten Herzens über die Zukunft seiner Gesellschaft, sah er eine Gestalt auf sich zukommen, die ihm bekannt zu sein schien. Näher gekommen, erkannte er mit Schrecken den Jesuiten Martin, seinen Mephistopheles in Cork, den Gewissensrath der reichen Miß H. daselbst, den Banknotendieb in London, der aber auch sehr heruntergekommen aussah. Anfangs war Proli sprachlos vor Erstaunen. Allein der Jesuit trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und erzählte unbefangen und beredt seinen vielgestaltigen Lebenslauf seit ihrer Trennung, ohne jedoch in seiner Erzählung den Banknotendiebstahl in London zu berühren. Er schien die That zu bereuen, und Proli, dessen Natur überhaupt eine sentimentale und versöhnliche war, that dessen eben so wenig Erwähnung und führte den Jesuiten in sein Blockhaus, wo derselbe als Proli’s Gefährte geblieben zu sein scheint.

Proli’s Leben und Schicksale gestalten sich seit 1833 immer mühseliger und kümmerlicher. Auf ihm ruht die ganze Kraft der Colonie und alle Kunstgriffe, Geld beschaffen, erweisen sich nutzlos. Alle seine schönen Träume von einer beglückten Menschheit, von einem Elysium auf Erden zerfließen wie Silberschaum im Wogensturz, wenn die Strömung weiter geht und ruhiger wird. Auch erlahmt die Spannkraft seiner Seele allmählich, und wo man darüber erbittert war, daß er so manche ehrenhafte und gläubige Familie in den Strudel seiner seltsamen Bestrebungen gezogen, jetzt trat das Gefühl des Mitleids in seine Rechte ein.

Von allen Seiten bedrängt richtet er sein Augenmerk auf eine Gegend am Missouri, wo 1,200,000 Acker Landes, per Acker einundeinviertel Dollar, feil sind. Allein wie dieselben erwerben, ohne Geld und Credit zu haben? Er strengt sein seltsames Genie an, um Hülfsmittel zu finden, wie ein Schiffbrüchiger den rettenden Balken zu erfassen sucht – Alles umsonst. Im Monat Juli 1833 läßt er die ganze Colonie zusammenrufen und erklärt derselben, daß die Gesellschaft sich auflösen müsse, weil kein Geld mehr da sei, daß er nichts mehr für sie thun könne und daß alle Mitglieder nur für sich selber sorgen und zusehen müßten, wie sie sich künftig ernähren könnten. Es entsteht ein furchtbarer Tumult gegen Proli. Man droht ihm den Tod, während er sich einschließt. Das neue Jerusalem fällt auseinander wie ein Kartenhaus, wenn es von einem Hauche berührt wird. Was man über den letzten Act dieses Dramas in Erfahrung bringen konnte, ist sehr unsicher und mangelhaft. Nach einigen Nachrichten soll Proli zur Absicht gehabt haben, mit achtzehn Personen nach Kentucky zu gehen, aber noch in demselben Jahre 1833 an der Cholera gestorben sein. Nach Anderen ist er in den Staat Arkansas übergesiedelt und hat bald darauf seinen Tod in den Wellen des Missouri gefunden, wobei es unbestimmt geblieben ist, ob dieser Tod ein zufälliger oder absichtlicher war.[WS 5]




  1. Das Leben und Treiben dieses kühnen Schwärmers hat in so engen Beziehungen zu sehr hohen Personen deutscher Höfe gestanden, daß die Quellen, aus welchen die sicherste Wahrheit über ihn zu schöpfen wäre, vielleicht theils für immer vernichtet sind, theils aber so sorgfältig bewacht werden, wie dies z. B. mit dem Ministerialarchiv zu Darmstadt der Fall ist. Auf seine Bitte um Erlaubniß der Einsicht der betreffenden Acten erhielt der Verfasser folgende Zuschrift: „Ew. Wohlgeboren beehre ich mich auf das gefällige Schreiben vom 30. d. M. zu erwidern, daß ich bedaure, dem darin ausgesprochenen Wunsch, um Mittheilung der über den Sectirer Bernhard Müller, genannt Proli, erwachsenen Ministerialacten nicht entsprechen zu können, da sich in denselben eine Menge vertraulicher Correspondenzen befinden, welche sich zur Mittheilung nicht eignen. Uebrigens geben diese Acten auch bezüglich dessen, was für Ew. Wohlgebohren vorzugsweise von Interesse ist, nämlich über den Ursprung, das Wesen und Treiben der Proli’schen Secte, nicht den mindesten Aufschluß.
    Hochachtungsvoll etc.          v. Dalwigk.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Johann Georg Rapp (1757–1847); deutscher Pietistenführer
  2. Erzherzog Maximilian Joseph von Österreich-Este (1782–1863); österreichischer Fachmann für Artillerie und Festungswesen und Hochmeister des Deutschen Ordens
  3. heute Monaca, Pennsylvania (englisch)
  4. Fürstprimas (einziger Titelinhaber 25. Juli 1806 – 19. Oktober 1813): Karl Theodor von Dalberg (1744–1817)
  5. hierzu Berichtigung und Ergänzung im Heft 43, Seite 688.