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Der Heimathschein

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Textdaten
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Autor: Fr. Gerstäcker
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Titel: Der Heimathschein
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19–22, S. 289–292, 305–308, 321–324, 337–343
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[289]
Der Heimathschein.
Erzählung von Fr. Gerstäcker.


1.0 Was der Traubenwirth dazu sagte.

„Meinen Segen habt Ihr, Kinder,“ sagte der Traubenwirth in dem thüringischen Dorfe Wetzlau, indem er dem jungen Barthold derb die Hand schüttelte, während Lieschen, seine Tochter, ihren Kopf an der Mutter Schulter legte. „Du bist ein braver Bursch, Dein Vater hat ein hübsches Gut, und ich denke, Ihr werdet schon mit einander auskommen. Arbeiten habt Ihr ja alle Beide gelernt, und das ist und bleibt doch immer die Hauptsache; so macht denn Hochzeit, wann Ihr eben wollt, Hans. Das Uebrige werd’ ich schon mit Deinem Vater in Richtigkeit bringen.“

Vorher wird es aber auch nöthig sein, daß wir uns die Leute einmal betrachten, mit denen wir hier bekannt werden, und das ist bald geschehen, denn wir haben es keineswegs mit etwa besonderen oder außergewöhnlichen Menschen zu thun.

Christoph Erlau, oder der Traubenwirth, wie er gewöhnlich genannt wurde, da sein Gasthof „zur goldenen Traube“ hieß, war eigentlich ein Metzger, der sich in Wetzlau niedergelassen und durch Fleiß und Aufmerksamkeit gegen seine Gäste ein ganz hübsches Besitzthum erworben hatte. Lieschen, seine einzige Tochter, galt wenigstens im Dorf für eine vortreffliche Partie. Er hielt auch viel auf das Kind und ließ sie, sowie sie aus der Schule war, erst ein paar Jahr in der Stadt, bei einem Schwager, daß sie nicht zwischen den Bauermädchen aufwachsen, sondern auch ein Bischen „Manieren lernen sollte“, wie er’s nannte. Mit siebzehn Jahren nahm er sie aber wieder zu sich heraus, denn einestheils hatte sich seine Wirthschaft so vergrößert, daß er ihre Hülfe wirklich nothwendig brauchte, und dann fehlte es ihm auch an allen Ecken und Enden, wenn er das Mädel nicht bei sich hatte.

Lieschen, obgleich sie ihre Eltern von Herzen liebte, war anfangs nicht gern auf das Dorf gezogen, denn es gefiel ihr besser in der Stadt; aber das elterliche Haus übte doch seine Anziehungskraft, und sie fand zuletzt auch Gefallen an der Wirthschaft selber, wo viele fremde Leute einkehrten und ein reges Leben herrschte. Sie nahm sich der Arbeit dabei mit gutem Willen an, und Vater wie Mutter hatten ihre Freude an dem Kind.

Lieschen war eben zwanzig Jahre geworden, als Barthold’s Vater in die Nachbarschaft – d. h. auf das nächste Dorf, nach Dreiberg, zog und sich dort niederließ.

Der alte Barthold hatte sich aber schon – wie man so sagt – „etwas in der Welt versucht“ und gehörte nicht zu denen, die mit dem Sprüchwort „bleibe im Lande und nähre Dich redlich“ an der Scholle kleben, auf der sie geboren sind – obgleich das wohl auch manchmal sein Gutes haben mag. Er war als junger Bauer nach Schlesien gezogen, wo er sich verheirathete, später aber, durch ein paar schlechte Jahre verdrießlich gemacht und durch glänzende Anpreisungen verlockt, verkaufte er sein dortiges Gut und wanderte nach Ungarn aus, wo er mit deutschem Fleiß und altgewohnter Sparsamkeit auch hier wieder „was Ordentliches vor sich brachte“. In Ungarn blieb er auch viele Jahre, und sein Gut galt bald für eine Musterwirthschaft in der ganzen Nachbarschaft. Allein auf die Länge der Zeit konnte es ihm trotzdem nicht gefallen.

Daß die Eingeborenen des Landes, die Ungarn selber, die eingewanderten Deutschen nicht leiden mochten, darüber hätte er sich vielleicht hinweggesetzt, denn der gutmüthige Deutsche dachte sich in ihre Lage und meinte: „Uns daheim wär’s am Ende auch nicht recht, wenn Fremde von der Regierung begünstigt und uns auf die Nase gesetzt würden.“ Aber die Ungarn verachteten auch die Deutschen und ließen sie das merken, wo sich nur immer eine Gelegenheit dazu bot. Das ärgerte ihn. Im Anfang nahm er sich freilich aus Leibeskräften zusammen und sagte zu sich: „Warte, Du willst den ungarischen Hochnasen einmal zeigen, was ein Deutscher leisten kann,“ und er hielt sich redlich Wort, doch es half Nichts. Wo ein Volk ein anderes aus Ueberzeugung verachtet, da kann ein solch Gefühl gehoben werden, wenn man eben im Stande ist, ihm zu beweisen, daß es Unrecht hat; wo das aber aus Vorurtheil und Nationalhaß geschieht, da ist eine Aenderung nicht zu erhoffen und wird auch nie stattfinden.

Der alte Barthold sah das endlich ein, und wenn er auch Bescheidenheit genug besaß, nicht stolz darauf zu sein, daß er ein Deutscher war, sagte ihm doch sein eigenes Selbstgefühl, daß er sich wenigstens von einem Ungarn noch lange nicht brauche verachten zu lassen; möglich daß auch noch ein wenig Heimweh nach dem eigenen Vaterland dazu kam, kurz er faßte in einer Lebenszeit, wo man doch eigentlich nicht mehr so leicht daran denkt, seinen Wohnsitz zu verändern, nochmals den Entschluß, fortzuziehen. Er bot sein trefflich eingerichtetes Gut aus, und es hielt wahrlich nicht schwer, einen Käufer dafür zu finden, machte Alles zu baarem Gelde, was er sonst noch an Eigenthum besaß, und zog diesmal nach dem Lande, aus dem seine Eltern stammten, nach Thüringen, um hier seine Tage zu beschließen.

Er hatte einen einzigen Sohn, den er Hans genannt, und dazu in Schlesien noch ein damals kleines Mädchen, eine Waise, an Kindesstatt angenommen, die aber auch wirklich wie ein Kind im Hause gehalten wurde und so an ihrer Pflegemutter hing, [290] als ob sie diese selber unter dem Herzen getragen. Hans war jetzt fünfundzwanzig Jahr, Katharina, wie die Waise hieß, wurde im nächsten Winter achtzehn, und Beide wuchsen wie Bruder und Schwester auf.

Der alte Barthold fühlte sich übrigens in den letzten Jahren nicht mehr so recht fest auf den Füßen wie in früherer Zeit; es geht das ja so im Leben. Er hatte das „Reißen“ in den Gliedern, was die Stadtleute mit einem etwas gelehrteren Namen „Rheumatismus“ nennen, wenn die Sache auch dieselbe bleibt, denn „reißen“ thun beide, und da er oft tagelang das Zimmer hüten mußte, so fing er an sich nach Ruhe zu sehnen. Sein Hans war ohnedies in den Jahren, wo er schon an’s Heirathen denken durfte, denn „jung gefreit hat Niemand gereut“ meinte der Alte. Der Hans ließ sich denn das auch nicht zweimal sagen und „ging auf die Freite“.

Die Bauerstöchter in seinem Dorfe behagten ihm aber nicht; er war draußen gewesen und hatte sich schon in der Welt umgesehen, und wenn auch selber ein tüchtiger Bauer, glaubte er doch, er müsse von seiner Frau ein wenig mehr verlangen, als daß sie nur im Feld den Mägden vorneweg arbeiten und daheim die Wirthschaft ordentlich führen konnte. Da stach ihm denn des Traubenwirths Lieschen in die Augen.

Das war ein Mädel zum Anbeißen, flink und gewandt dazu, keine der gewöhnlichen plumpen Bauerdirnen. Mit der konnte er sich auf jedem Tanzboden, ja selbst in der Stadt, wohin er oftmals kam, sehen lassen. Ihr Vater hatte außerdem ein hübsches Besitzthum mit Land, Vieh und Pferden dazu, wie ein richtiger Bauer, und da seine Eltern der Sache ebenfalls nicht im Wege standen und Lieschen an dem schmucken Bauerssohn bald Gefallen fand, so ging Alles eigentlich von selber. Wir kamen ja auch gerade dazu, wie der Traubenwirth, den die Werbung recht innig freute, aus vollem Herzen sein Jawort gab, und Hans, da man alte Gebräuche ehren soll, nahm denn Lieschen beim Kopf und küßte sein hübsches Bräutchen so herzhaft ab, daß sie gleich nachher wieder auf ihr Zimmer gehen mußte, um sich die Haare frisch zu ordnen. Sie schien aber trotzdem nicht böse darüber.

Die Sache war also in Ordnung, und da beide Elternpaare Nichts dagegen hallen, wenn die Hochzeit bald gefeiert würde, so lief Hans, überhaupt ein wenig ungeduldiger Natur, schon an demselben Nachmittag noch zum Herrn Pfarrer hinüber, um das erste Aufgebot gleich auf den nächsten Sonntag zu bestellen. Dreimal mußten sie ja doch, wie es Sitte war, von der Kanzel herab aufgeboten werden. Der Herr Pfarrer, der seinen Vater recht gut kannte, empfing ihn auch auf das Freundlichste, wünschte ihm zu seiner Wahl von Herzen Glück und versprach das Aufgebot am nächsten Sonntag, heute war Mittwoch, recht gern zu erlassen. Der Bräutigam möchte nur so gut sein und ihm bis dahin die nöthigen Papiere verschaffen.

„Papiere?“ sagte Haus erstaunt, „was für Papiere?“

„Nun, Geburtsschein, Impfschein, Heimathschein, die Erlaubniß der Eltern kann mündlich erfolgen, dann ein Schein von da, wo Sie sich früher aufgehalten, daß Sie sich dort nicht schon verehelicht haben. Es ist dies natürlich nur Formsache.“

„Ja aber um Gotteswillen, Herr Pfarrer,“ rief Hans lachend aus, „ich war in Schlesien und Ungarn, in Schlesien freilich nur als ganz junger Bursche, und bis ich von unserem Comitat in Ungarn einen solchen Schein hierher bekäme, darüber könnten ja Monate vergehen, und so lange soll ich doch wahrhaftig nicht mehr mit meiner Heirath warten?“

„Nun, nun,“ meinte der Pfarrer freundlich, „das läßt sich auch vielleicht vereinfachen, denn Ihr Vater ist ja als Ehrenmann hier bekannt. Ungarn liegt freilich ein wenig weit von hier entfernt“ – der Herr Pfarrer hielt es noch für viel weiter, als es wirklich war, – „besorgen Sie mir nur bis spätestens Sonnabend Nachmittag das Uebrige, und ich werde dann schon Alles in Ordnung bringen.“

„Also Geburtsschein, glauben Sie mir denn nicht einmal auf mein Wort, daß ich geboren bin?“

„Wir verstehen darunter das Taufzeugniß. Aber ich werde Ihnen lieber das kleine Verzeichniß der nöthigen Papiere aufschreiben; Sie könnten sonst leicht etwas vergessen und das Aufgebot dadurch verzögern. Die nöthigen Papiere der Braut werde ich mir von deren Vater selber geben lassen.“

Damit ging er an seinen Schreibtisch, notirte die genannten Zeugnisse und Scheine auf ein Blatt, und Hans steckte es indessen in die Tasche; heute verstand es sich doch von selbst, daß er in Wetzlau bei seiner Braut blieb. Nicht zehn Pferde hätten ihn von da weggebracht.




2. Die Kathrine.

Am nächsten Morgen bekam Hans seinen Vater erst zu sehen, als er zum Frühstück aus dem Felde zurückkehrte. Es gab jetzt außerordentlich viel zu thun draußen, und bei der Arbeit durfte Hans nicht fehlen.

„Also Alles in Ordnung, Hans?“ schmunzelte der Alte, der aus dem vergnügten Gesicht des Sohnes schon genau wußte, wie die Sache abgelaufen. War auch kein Wunder, denn des Heinrich Barthold Sohn kam nicht so leicht in Gefahr, sich bei seines Gleichen einen Korb zu holen und – hätte auch vielleicht noch eine Stufe höher steigen dürfen, oder zwei, wie die Mutter meinte.

„Alles in Ordnung, Vater, – guten Morgen miteinander,“ sagte der Sohn, der seinen Hut an einen Nagel hing und dann ohne Weiteres Platz am Frühstückstisch nahm; „Montag in vierzehn Tagen kann die Hochzeit sein.“

„Hallo!“ lachte der Alte, und die Mutter schlug die Hände vor Erstaunen zusammen, „nur stat! das geht ja verwünscht schnell. Und glaubt denn der Mosje, daß, wenn Er auch fix und fertig ist, in den Ehestand hinein zu springen, die Anderen auch nur eben so auf dem Sprunge sitzen? Da gehört mehr dazu, als Du wohl denkst.“

„Unter acht Wochen ist gar keine Möglichkeit,“ sagte die Mutter, „und dann weiß ich nicht, wie ich fertig werden will.“

„Die Frau Mutter?“ rief Hans lachend, „ja was hat denn die Frau Mutter dabei zu thun, daß sie nicht fertig werden kann?“

„Und glaubst Du denn,“ rief aber die Mutter in Eifer, „daß ich Dich wie eines Häuslers Sohn will heirathen lassen, der Nichts mitbringt in die neue Wirthschaft, als was er auf dein Rücken und vielleicht noch unter dem Arme trägt? Nein, Hans, daraus wird nichts; ehe ich nicht fertig bin mit Deiner Ausstattung, bekommst Du meine Einwilligung nicht, und wenn das noch drei Monate dauern sollte, und daß Lieschens Mutter bis dahin mit der ihrigen fertig wird, glaub’ ich noch lange nicht.“

„Aber beste Herzensmutter!“

„Laß nur sein,“ lachte aber der Vater, „werden schon noch etwas davon herunterhandeln können, Alte. Aber so holter-dipolter geht die Sache auch nicht, wie der Hans glaubt. Bei derlei Dingen hat man immer eine Menge von Umständen, an die man vorher gar nicht denkt, und sechs, acht Wochen sind da eine kurze Zeit. Muß auch vorher noch mit dem Traubenwirth reden, was ich Dir mitgebe und was das Mädel mit bekommt, wenn ich auch grad’ nicht glaube, daß uns das besonders lang aufhalten wird. Jedenfalls werden wir früher damit fertig, als die Mutter mit ihrer Wäsche und was sonst noch drum und dran hängt. Was hast Du denn da für einen Zettel? etwas für mich?“

„Ach,“ sagte der Hans, indem er den Zettel dem Vater hinüberschob, „der Herr Pfarrer drüben in Wetzlau hat ihn mir gegeben. Es stehen die Papiere d’rauf, die er haben muß, um das Aufgebot zu erlassen. Er meinte, es wäre nur der Form wegen.“

„Also beim Pfarrer ist er auch schon gewesen,“ nickte der Alte seiner Frau schmunzelnd zu, indem er seine Brille aus der Tasche nahm, um den Zettel durchzulesen. „Er hat wenigstens das Gras nicht unter den Füßen wachsen lassen. Na, da wollen wir denn einmal sehen, was der Herr Pfarrer Alles verlangt. Hm, das ist ja ein ordentliches Recept, was er da geschrieben hat.“

„Aber so erzähle doch nun auch einmal, wie’s gestern drüben war,“ sagte die Mutter, indem sie dem Sohn den Butterteller hinüberschob und den duftenden Handkäse etwas näher rückte. „Sitzt der Mensch da und spricht kein Wort. Ich möchte doch auch wissen, was die Mutter sagte und das Mädel und – was sie für ein Gesicht dazu gemacht haben, alle Beide.“

„Ja, Mutter,“ lachte der Hans verlegen, „was soll ich denn da erzählen? Ein vergnügtes Gesicht haben sie gemacht, und eine Flasche vom besten Rheinwein haben wir nachher getrunken. Das Lieschen weinte wohl ein Bischen, aber – das dauerte nicht lange, und die – die Frau Erlau war auch ein wenig gerührt, und fuhr sich ein paar Mal mit der Schürze nach den Augen, doch – das dauerte auch nicht lange, und dann – dann haben sie uns [291] eine Menge guter Lehren gegeben; wenn ich aber ehrlich sein will, so weiß ich wirklich nicht mehr recht über was, denn das Lieschen guckte mich dabei mit den großen dunklen Augen an, und da – da hab’ ich an ganz andere Dinge dabei gedacht, als an das, was die zukünftige Frau Schwiegermutter sagte.“

Während der Sohn sprach, saß die Mutter dabei und nickte und schmunzelte vergnügt vor sich hin.

„Also gute Lehren haben sie Euch gegeben – ja lieber Gott, junges Volk, junges Volk leichtsinnig und obenhinaus, was kümmert sich das um gute Lehren in der Brautzeit! Das weiß Alles besser, und – muß nachher doch Alles aus eigener Erfahrung und oft mit vieler Trübsal kennen lernen. Hören will keins.“

„Papperlapapp, Alte,“ brummte der Vater, indem er sein Käppchen rückte und sich in den grauen Haaren kratzte, ohne aber die Augen von dem Papier zu nehmen – „wir haben’s eben auch nicht besser gemacht in unserer Jugend; so laß das junge Volk sich nun ebenfalls die Hörner ablaufen. Wer nicht hören will, muß fühlen.“

„Ich dachte, Vater,“ sagte der Sohn, als der Alte noch immer in dem Zettel studirte, „wenn ich nun selber vielleicht heut Nachmittag in die Stadt ritte, um das von den Papieren zu besorgen, was vielleicht noch fehlt. Die drei Knechte werden auch ohne mich heute mit Pflügen drüben auf der Rainerspitze fertig, wenn ich ihnen noch bis Mittag helfe, und nachher ist’s doch immer besser, das ist abgemacht. Meint Ihr nicht?“

„Hm, hm, hm,“ überlegte der Alte aber noch immer, indem er das kleine Papier wieder und wieder überlas – „ich fürchte beinah, daß Du in der Stadt verwünscht wenig ausrichten wirst, und ich muß am Ende noch selber hinein. Wäre mir gar nicht so besonders lieb, denn in der linken Schulter zwickt’s mich wieder ganz heidenmäßig, und bei dem linken Beine hat’s mich auch. Aber was kann’s helfen, man muß doch jedenfalls sehen, was zu machen ist, denn die Papiere müssen geschafft werden.“

„Was muß er denn nur für Papiere haben?“ frug die Mutter. „Sie kennen uns doch hier und wissen, daß wir ordentliche und rechtschaffene Leute sind, und unser Auskommen haben wir doch auch.“

„Ja, ja, Mutterchen,“ lachte der Vater, „das hilft Nichts bei den Gerichten, die wollen Alles Schwarz auf Weiß haben, und womöglich auch auf einem Stempelbogen, mit einem großen Siegel drunter, und daß Einer ein ehrlicher und rechtschaffener Mensch ist, glauben sie ihm erst recht nicht, wenn er nicht im Stande ist, es ihnen schriftlich zu beweisen. Komm Du denen!“

„Wir brauchen ja aber doch Niemanden, da sollen sie uns wenigstens in Frieden lassen.“

„Aber sie brauchen uns,“ lachte der Vater wieder, „und damit sie sicher sind, daß die neuen Staatsbürger auch ihre Steuern und Abgaben richtig bezahlen können und nicht etwa gar einmal dem Staate zur Last fallen, müssen sie sich legitimiren oder ausweisen.“

„Staatsbürger,“ brummte die Frau kopfschüttelnd – „wir sind keine Staatsbürger, wir sind Bauern, und es wird doch wahrhaftigen Gott es kein Mensch glauben, daß unser Hans einmal Jemandem zur Last fallen könnte? Was wollen sie denn nur?“

„Nun, erstlich einmal seinen Geburts- oder Taufschein.“

„Nun, den hast Du ja – der liegt in der gelben Lade, bei den andern Papieren.“

„Dann seinen Impfschein.“

„Impfschein? Den haben wir nie bekommen.“

„Das macht weiter nichts,“ sagte der Vater, „die Narben sind noch deutlich zu sehen, und den kann man sich hier vom ersten besten Arzt ausstellen lassen. Nachher einen Heimathschein.“

„Was ist das?“

„Nun, eine Bescheinigung der Behörde, wo er geboren ist, daß er dort seine Heimath hat,“ sagte der Alte.

„Aber wenn wir deshalb einen Brief nach Schlesien schicken sollen,“ rief der Sohn, „so kann das vierzehn Tage dauern, bis der Schein hierher kommt. So lange mag ich doch nicht warten.“

„Nun, vierzehn Tage wohl nicht,“ sagte der Vater, „aber ich will selber heute nach Schlesien schreiben. Unser Gerichtsverwalter in Kreuzberg wird mir schon die Freundschaft thun und das besorgen; ein Brief geht leicht in zwei Tagen hin, und wenn nichts dazwischen kommt, kann der Wisch in acht Tagen hier sein,“

„Aber noch volle acht Tage, Vater –“

„Mach’ mir den Kopf nicht warm,“ rief aber der Alte, seine Mütze rückend, „hast Du so lange warten können, wird’s auf die acht Tage auch nicht ankommen – also dabei bleibt’s.“

„Dabei bleibt’s,“ wenn der Alte das einmal sagte, so wußte der Hans recht gut, daß dann weiter kein Einwenden half. Die Sache war abgemacht, und ein Widerspruch hätte den wohl herzensguten, aber auch starrköpfigen Mann nur böse machen können, erreicht wäre aber nichts weiter worden.

Der Hans setzte sich wieder zu seinem Frühstück, denn seine Zeit war bald verflossen und er durfte nicht der Letzte draußen bei der Arbeit sein, schon der Knechte wegen. Er war aber auch gleich fertig, denn die Sache ging ihm im Kopf herum, daß er noch eine ganze Woche warten solle, bis das erste Aufgebot erfolgen könne, und nahm ihm den Appetit. Gerade war er aufgestanden und wollte eben wieder hinausgehen, als die Thür sich aufthat und seine Pflegeschwester Kathrine hereintrat. Sie hatte drüben in der Milchkammer die frisch gemolkene Milch eingegossen und nach Butter und Käse gesehen.

„Guten Morgen, Kathrin’,“ sagte Hans und streckte ihr die Hand entgegen, „haben uns ja seit gestern Morgen nicht einmal gesehen.“

„Guten Morgen, Hans,“ sagte das junge Mädchen freundlich, auch ihm die Hand reichend, „ja, wenn man freilich so wichtige Geschäfte hat. Nun, ist Alles gut abgelaufen?“

„Alles, Kathrin’, schön Dank für die Nachfrage.“ sagte der Hans. „Die Eltern haben eingewilligt, und das Lieschen ist meine Braut. Hoffentlich haben wir in vier Wochen Hochzeit. Da müssen wir auch zusammen tanzen.“

Die Katharine stand vor dem Pflegebruder, dessen Hand sie noch gefaßt hielt, und sah ihn mit ihren großen blauen Augen recht voll und treuherzig an. Wie er aber endete, drückte sie ihm die Hand herzlich und sprach mit leiser, aber bewegter Stimme: „Da wünsch’ ich Dir recht von Herzen Glück dazu, und möge Gottes Segen auf Euch ruhen immerdar – auf Dir und auf Deiner jungen Frau.“ Damit zog sie die Hand aus der seinen, wandte sich ab und verließ das Zimmer wieder. Hans sah ihr nach.

„Was hat nur die Kathrin’?“ sagte er, „sie war ordentlich gerührt.“

„Sie hat ein weich’ Gemüth,“ sagte die Mutter, mit dem Kopf nickend, „und hängt an uns Allen mit großer Liebe. Da ist’s denn wohl natürlich, daß ihr bei einem so wichtigen Ereigniß etwas weich um’s Herz wird. Ja, Ihr Mannsleute nehmt das Alles nur so leicht hin und denkt nicht weiter darüber nach. Laß mir die Kathrin’ zufrieden, das ist ein wacker Ding, und ich hab’ sie gerade so lieb, als wenn sie meine eigene Tochter wäre.“

Der Hans nahm seinen Hut vom Nagel und ging hinaus an seine Arbeit. Er hatte doch richtig so lange da drinnen gesessen, daß die Knechte im Felde draußen schon wieder an der Arbeit waren, als er hinauskam. Das ärgerte ihn und er hieb jetzt wacker auf die Pferde ein, um das Versäumte nachzuholen. Es war aber auch kein Wunder, denn was gingen ihm nicht für eine Menge von Dingen im Kopf herum!




3. Eine Staatsvisite.

Der Vater hielt Wort, und das that er immer. Er schrieb noch an dem nämlichen Morgen an seinen Freund in Kreuzberg, schickte außerdem noch eine Abschrift von seines Sohnes Taufschein ein, den er sich von ihrem Pfarrer in Dreiberg und von dem Schulzen beglaubigen ließ, und theilte dem Gerichtshalter dort in aller Kürze mit, um was es sich hier handele. Dann bat er ihn, er möchte doch, wenn irgend möglich, den Heimathschein mit der nächsten Post einschicken und ihm auch dazuschreiben, was er ausgelegt hätte, damit er’s ihm gleich zurückzahlen könne. Der alte Barthold blieb nicht gern Jemandem etwas schuldig.

Der Brief war ihm ein wenig sauer geworden, denn das Schreiben gehörte gerade nicht zu den Dingen, die er sehr gern that, oder zu denen er sich drängte, aber es hatte eben sein müssen, und jetzt war’s, Gott sei Dank, fertig und abgemacht. Wenn die Postkutsche heut’ Abend durch Dreiberg kam, nahm der Conducteur den Brief schon mit hinein in die Stadt und gab ihn dort auf. Nachher ging er direct nach Kreuzberg ab.

Aber heute gab’s noch mehr zu thun, denn wie die Sachen [292] nun einmal standen, erforderte es auch die Artigkeit nicht allein, sondern der Gebrauch, daß die Eltern des Bräutigams den Eltern der Braut einen Besuch abstatteten, und wenn es auch der alte Barthold lieber auf den nächsten Sonntag verschoben hätte, erstlich der Arbeit und dann auch seines Reißens wegen, ließ sich das doch nicht gut einrichten. Sonntags hatte der Traubenwirth auch immer so viel zu thun und das Haus dazu voller Gäste, daß man ihm und den Seinen da erschrecklich unbequem gekommen wäre. Besprechen hätte man außerdem gar nichts können, und da mußte denn schon ein Wochentag dazu genommen werden.

Uebrigens wurde auch daheim indessen nichts versäumt, denn der Hans blieb ja zu Haus und bei den Knechten, und auf die übrige Wirthschaft paßte schon die Kathrine; auf die durften sie sich fest und sicher verlassen. Die Mutter war ebenfalls damit einverstanden, und gleich nach dem Mittagbrod, die Dorfuhr hatte noch nicht Eins geschlagen, ließ der alte Barthold sein kleines steierisches Wägelchen vorrücken und die Braunen einspannen, der Großknecht mußte in seinem Sonntagsrock auf den Bock, und fort ging die Reise den Feldweg nach Wetzlau hinüber.

Eine Vergnügungstour war die Fahrt eigentlich nicht gut zu nennen, denn kein Mensch in der Welt konnte sich ein Vergnügen daraus machen, eine gute Glockenstunde auf einem solchen Wege und einem kleinen Wagen ohne Federn durchgerüttelt und geschüttelt zu werden. Aber die Bauern trugen selber die Schuld daran, daß diese Straße in einen derartigen Verfall gerieth, denn obgleich sich beide Dörfer willig zeigten, daran zu bauen, lag es nur an einer erbärmlichen Kleinigkeit, daß die Arbeit unterblieb und von Jahr zu Jahr aufgeschoben wurde. Zwischen Wetzlau und Dreiberg schnitten nämlich die Fluren nicht in gleicher Hälfte ab. Die Dreiberger hatten vielleicht eine Strecke von zwei Morgen Land über die Hälfte, und obgleich sie sich erboten, die Straße, die von beiden Dörfern gleich stark benutzt ward, zu gleichen Hälften zu übernehmen, gingen die Wetzlauer doch nicht darauf ein, sondern verlangten, daß die Dreiberger soweit bauen müßten, wie ihre Grundstücke reichten. Nachgeben, das that selbstverständlich kein Theil, und so ruinirten sie lieber Jahr aus Jahr ein ihre Pferde und Geschirre, nur dieser unbedeutenden, kleinen Strecke wegen.

Der alte Barthold, obgleich es ihm sonst wahrlich nicht auf einige zwanzig Thaler mehr oder weniger ankam, war dabei gerade so schlimm, wie die Anderen, und mit dem Bewußtsein, daß er selber mit schuld an dem heillosen Wege sei, murrte er auch unterwegs mit keiner Sylbe und ertrug alle die Stöße und Puffe, die er bekam, mit wahrhaft christlicher Geduld. Sein Trost blieb ja auch dabei, daß die Wetzlauer genau dieselben Puffe bekämen, und denen, wie er sich innerlich sagte, geschah es vollkommen recht. Sie verdienten es gar nicht besser. Nur die arme Frau stöhnte und ächzte, und wenn manchmal ein ganz außergewöhnlich kräftiger Stoß kam, daß sie die Zähne aufeinander beißen mußte, klagte sie wohl mit einem kurzen Stoßgebet: „O du grundgütiger Vater! so gleich nach Tische!“

Es hat aber Alles sein Ende, auch der schlechteste Weg. Es schlug gerade Zwei in Wetzlau, als sie, zur Abwechselung der bisherigen Fahrt, auf das Dorfpflaster kamen, wo sie auch noch, da sie das Chausseehaus passiren mußten, Chausseegeld bezahlen durften.

„Ich muß doch einmal Federn an den Wagen machen lassen,“ sagte Barthold, als sie hier endlich etwas bessere Straße erreichten, denn draußen hätte er gar nicht reden dürfen, aus Furcht, einmal die Zunge zwischen die Zähne zu bekommen, „der Weg ist gar nicht so schlecht, aber der Karren stößt so.“

„Mir thut ordentlich der Hals weh,“ sagte die Frau, „jetzt freu’ ich mich nur auf den Rückweg.“

Alle weiteren Bemerkungen wurden aber hier kurz abgebrochen, denn eben lenkten die Pferde wiehernd in den Thorweg der goldenen Traube ein, und in der inneren Thür stand auch schon der Wirth, Christoph Erlau, der ihnen sein Käppchen entgegenschwenkte, während Lieschen, die in der Küche beschäftigt gewesen war, wie der Blitz in ihr Kämmerchen hinaufhuschte, denn so konnte sie sich den neuen Schwiegereltern doch nicht zeigen, und so wäre sie gerade am allerhübschesten gewesen, denn Frau wie Mädchen sehen, sie mögen selber denken, was sie wollen, doch immer am hübschesten im Hauskleide aus; aber der Geschmack ist eben verschieden, und man behauptet ja, daß sich nicht darüber streiten lasse.

Jetzt, nachdem Hansens Eltern ausgestiegen und hinein in die „beste Stube“ geführt waren, begannen nun vor allen Dingen eine Menge von Förmlichkeiten, die in den höchsten Cirkeln nicht weitschweifiger und unbehülflicher sein konnten, als hier in der sonst so schlichten Familie. Aber es soll nur um Gotteswillen Niemand glauben, daß jenes Ungethüm, die sogenannte „Etiquette“, an irgend einem fürstlichen Hofe steifer und unnachsichtlicher gehandhabt würde, als in irgend einer Bauernfamilie, sobald sich eine passende und außergewöhnliche Gelegenheit dazu findet. Da bestehen ganz genau bestimmte und festgestellte Formen, was gesagt werden muß und wie es gesagt werden muß, wohin man sich setzt und wie man sich setzt, und was endlich vorgesetzt werden soll, und wie die Hausfrau zu dem Vorgesetzten zu nöthigen hat, daß es einen einfach schlichten Menschen zur Verzweiflung bringen könnte. Das einzige Gute hat es, daß es nicht so lange dauert, wie bei Hofe, denn da ist es den Leuten ein natürlicher Zustand, in dem sie sich bewegen, sie würden eine andere Existenz für unmöglich halten; hier dagegen ist es ein unnatürlicher, gewaltsam hervorgerufener, der wohl eine Zeit lang anhält, sich aber zuletzt selber verarbeitet – und plötzlich finden sich die Leute wieder in ihrem gewöhnlichen, natürlichen Fahrwasser, ohne daß sie eigentlich merken, wie sie dahin gekommen sind.

So ging es auch hier. Zuerst wurden die Gäste also in die „beste Stube“ geführt, die natürlich, wie alle „besten Stuben“, kalt und ungemüthlich aussah, denn ein Ort, in dem man sich wohl und behaglich fühlen soll, muß bewohnt sein und nicht blos zum Staat gehalten werden. Dann fuhr die Wirthin, nachdem eine Menge steife, nichtssagende Redensarten gewechselt waren, aus und ein, um heranzuschleppen, was Küche und Keller boten; daß die Gäste gerade eben vom Essen kamen, war gar keine Entschuldigung, und nun ging das Nöthigen los, in dem die Frau Erlau wirklich Außerordentliches leistete. Endlich kam auch Lieschen in ihrem Sonntagsstaat, aber viel schöner geschmückt durch das liebliche Erröthen den neuen Verwandten gegenüber, das ihren Augen einen ganz eigenen Glanz verlieh.

Nun kannten sich die beiden Familien schon seit längerer Zeit und waren sonst wohl manchmal zusammengekommen und hatten miteinander gelacht und geplaudert. Jetzt aber, wo sie sich durch die Verlobung der Kinder um soviel näher traten, schien es ordentlich, als ob sie das weit eher entfremdet hätte, so steif und unbehülflich standen sie sich gegenüber, und Lieschen besonders, sonst voller Leben, ja oft ausgelassen lustig, konnte fast kein Wort über die Lippen bringen. Aber ein Bann lag auf ihnen Allen: das Bewußtsein, daß dies ein „Staatsbesuch“, daß es eine Form sei, der Genüge geleistet werden müßte, und der ließ sich so schnell nicht wieder abschütteln, der mußte erst ordentlich verdampfen.

[305] Der Wirth war aber nicht der Mann, der sich lange einem solchen Zwang beugte, und da sich auch Barthold nicht wohl dabei fühlte – die Frauen wären den ganzen Tag darin sitzen geblieben – so trat bald eine Aenderung zum Besseren ein. Die nöthigen Redensarten von Ehre und Freude und Hoffnung einer solchen Verbindung etc. etc. waren gewechselt, was von Speisen noch vertilgt werden konnte, war vertilgt, und der Wirth brachte jetzt, während Lieschen den Kaffee und Kuchen besorgte, Cigarren. Da war es ordentlich, als ob mit dem aufsteigenden Dampfe derselben der böse Zauber bräche, der auf ihnen Allen gelegen.

Die beiden Männer kamen bald auf ein Gespräch über Vieh und Felder, was sie Beide interessirte; dadurch lenkten die Frauen auf ihre Wirthschaftsangelegenheiten ein, und im Handumdrehen war die noch vor Kurzem so steife hölzerne Gesellschaft in ihre natürlichen Bewegungen, ja selbst in den natürlichen Ton ihrer Stimmen zurückgefallen, und die Unterhaltung floß von da an leicht und ungezwungen.

Auch Lieschen thaute auf, und vielleicht auch durch das wirklich Matronenhafte der sonst gar noch nicht so alten Mutter ihres Bräutigams angezogen, setzte sie sich zu ihr und plauderte bald mit ihr so frei und herzlich von der Leber weg, als ob sie von Kindheit auf miteinander bekannt und befreundet gewesen wären. Das aber schmeichelte der Frau Barthold auch; Lieschen sah dabei in ihrer städtischen Kleidung so vornehm und „ansehnlich“ aus, daß jene ordentlich stolz auf ihre zukünftige Schwiegertochter wurde und nicht satt werden konnte, ihr zu wiederholen, wie sehr sie sich freue, sie zur Tochter zu bekommen und ihrem Sohne eine solche Frau geben zu können. Dabei unterließ sie freilich auch nicht, alle die Tugenden und Vorzüge ihres eigenen Hans aufzuzählen, und Lieschen fand da wohl eben soviel Freude daran, ihr zuzuhören.

Den beiden Männern wurde es aber bald zu eng in der Stube. Bauern halten nie lange in einem Zimmer aus, denn die freie Luft ist ihnen Bedürfniß, und während die Frauen noch beim Kaffee sitzen blieben, gingen die Andern miteinander hinunter auf den Hof und in die Ställe und, da die Pferde gerade nahebei ackerten, auch einmal ein Stück hinaus auf das Feld.

Ihr Weg führte sie dicht hinter dem Pfarrgarten vorbei, und weil es Barthold einfiel, daß er Hansens Taufschein eingesteckt hatte, konnten sie den hier eben so gut gleich abgeben. Hier stand dem alten Barthold auch eine Ueberraschung bevor, denn der Geistliche schien gar nicht gewußt zu haben, daß Hans katholisch sei; zu einer „gemischten Ehe“ schüttelte er aber bedenklich den Kopf und bedeutete den alten Barthold, daß er unter keinen Umständen ein Aufgebot erlassen könne, bis er nicht vom General-Superintendenten einen sogenannte Dispens gelöst hätte.

Der Alte wollte schon über die neue Schwierigkeit wild werden, allein der Traubenwirth nahm ihn unter den Arm und sagte, als sie wieder draußen im Wald waren: „Macht Euch keine Sorge, Barthold, ein Dispens vom Consistorium ist schon zu erlangen, und geben sie ihn nicht, nun, dann fahren wir hinüber nach Gotha und lassen die jungen Leute da trauen. Dort sind sie vernünftiger. Das junge Paar kann dann gleich seine Hochzeitsreise nach der Wartburg machen,“ fügte er lächelnd hinzu.

Mit diesem Trost schlug sich der alte Barthold denn auch bald die ärgerlichen Gedanken aus dem Kopfe, noch dazu, da sie hier in offenes Land und zu ein Paar neugekauften Pferden des Wirthes kamen, für die er sich ganz besonders interessirte. So verging ihnen die Zeit rasch, bis der Dreiberger Bauer plötzlich merkte, daß die Sonne schon bald am Horizont stand, und erschreckt ausrief: „Aber Wetter noch einmal, wir haben uns bei dem Herrn Pfarrer zu lange aufgehalten, und ich muß machen, daß ich wieder zu meiner Alten komme, die wird sonst böse. Im Dunkeln möcht’ ich auch nicht gerade den Weg nach Dreiberg zurückfahren.“

„Es sind ein paar böse Stellen drin,“ sagte der Wirth.

„Na, es geht,“ meinte Barthold störrisch, „aber mein Wägelchen ist nicht so recht darauf eingerichtet, und die Frau könnte brummen. Wann kommt Ihr denn einmal nach Dreiberg hinüber?“

„Ich weiß nicht, ob ich die Woche noch kann,“ sagte der Wirth, „denn morgen haben wir hier eine große Kindtaufe im Ort, wo bei mir getanzt wird, und am Sonnabend bringe ich meine Alte nicht aus dem Haus. Wenn’s aber irgend möglich zu machen ist, so rutschen wir den Freitag doch noch hinüber.“

„Rutschen?“ dachte Barthold mit dem Weg in der Erinnerung, aber er sagte nichts, und die beiden Männer schritten jetzt wieder dem Wirthshaus zu.

Ueber die Aussteuer der Brautleute war heute noch kein Wort gesprochen worden, obgleich der Wirth darauf gewartet hatte. Anfangen davon mochte er aber auch nicht, und Barthold hielt es nicht für schicklich, das gleich bei der ersten Begegnung vorzunehmen. Wenn der Traubenwirth zu ihm nach Dreiberg kam, dann wollten sie das wohl bald in Ordnung bringen. Schneller jedenfalls, als die Geschichte mit dem Consistorium, die ihm doch im Kopfe herumging.

[306] Der Großknecht hatte jetzt Auftrag bekommen, einzuspannen, und der Wagen hielt bald darauf vor der Thüre, aber die beiden Frauen, die im Anfang den Mund kaum öffnen wollten, waren jetzt warm geworden und in ein Gespräch über ihre Kinder hineingerathen, aus dem sie sich nicht wieder herausfinden konnten. Barthold stand schon lange, mit Hut und Stock in der Hand, neben der Thür und hielt die Klinke.

„Na, Alte, kommst Du?“

„Gleich, Vater, gleich – das glaub’ ich, Ihr Männer seid immer gleich fertig mit Anziehen. Ihr setzt den Hut auf und damit basta. Und nicht wahr, Frau Erlau, Sie machen uns recht bald das Vergnügen, damit Sie auch einmal sehen können, wie wir da draußen eingerichtet sind? O, es soll Ihrem Lieschen schon bei uns gefallen, daran zweifle ich keinen Augenblick.“

„Wenn so ein Paar Frauen in’s Schwatzen kommen,“ lachte Barthold gutmüthig vor sich hin, „da reißt’s nachher gar nicht wieder ab. Wir kommen heute nicht mehr weg. Habt Ihr Betten genug im Haus, Erlau?“

„Betten genug,“ schmunzelte dieser.

„Die brauchen wir für heute nicht!“ rief aber die Alte, sich gewaltsam losreißend. Sie hatte die letzten Worte gehört. Doch das Lieschen kam jetzt noch herbei, dem sie einen Kuß und noch einen und noch einen geben mußte, und endlich war sie mit Allem fertig. Unten knallte der Großknecht mit der Peitsche, daß die Fensterscheiben klirrten. Jetzt saßen sie im Wagen, und nun sollte es noch einmal an ein Abschiednehmen und Handdrücken gehen; dem aber machte der Großknecht ein Ende. Ein kleiner Peitschenschlag traf das Handpferd, und hinaus rasselte der Wagen aus dem Thorweg, ein kurzes Stück auf der Chaussee hin, eben genug, um das Chausseehaus wieder zu Passiren, und bog dann in den Feldweg ein, ehe die Frau nur von ihrem Manne Alles erfahren hatte, was er mit dem Herrn Pfarrer vorhin gesprochen. So neugierig sie aber darauf war, eine Unterhaltung wurde zur Unmöglichkeit, sobald sie in den Feldweg einlenkten, und alle weiteren Erklärungen mußten für daheim aufgeschoben werden.




4. Eine weltliche Schwierigkeit.

Am Freitag kam der Traubenwirth mit seiner Frau zur Gegenvisite nach Dreiberg. Die beiden Väter saßen denn wohl eine Stunde lang oben zusammen allein in des Alten Stube – aber nicht etwa trocken, denn Barthold hielt darauf, einen ganz vorzüglichen Ungarwein in seinem Keller zu haben – und kamen nachher wieder, Beide seelenvergnügt und, wie es schien, vollkommen einig, zu den Frauen hinunter, um dort Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen.

Am nächsten Sonntag war Hans natürlich den ganzen Tag drüben in Wetzlau in der Traube, und dort holten sich die beiden jungen Leute eine Landkarte vor und zeichneten sich darauf die Reise nach Gotha zusammen ab. Was kümmerten sie sich um das Consistorium!

Merkwürdige Zeit nahm sich übrigens der Herr Generalsuperintendent, an den die Eingabe zuerst gemacht war; denn die ganze nächste Woche verging, ohne daß er auch nur das Mindeste hätte von sich hören lassen. Das war aber noch das Wenigste, es traf auch keine Antwort von Schlesien ein, und Hans wußte schon vor lauter Ungeduld gar nicht mehr, was er angeben sollte. Endlich, am Sonnabend Mittag, die Familie saß gerade bei Tische, kam ein Brief mit dem preußischen Gerichtssiegel.

„Nun endlich!“ rief Hans jubelnd und sprang von seinem Stuhl auf, „das hat lange gedauert.“

„Hm,“ meinte der Vater, der den Brief kopfschüttelnd befühlte und dabei nach seiner Brille suchte, denn das Schreiben kam ihm viel zu dünn vor, als daß irgend ein Document darin eingeschlossen sein könnte, „seit ich die Geschichte mit dem Consistorium gehört, habe ich ordentlich Angst bekommen, daß hier ebenfalls etwas der Quere gehen könnte; aber das ist doch nicht gut möglich, denn das Amt geht es doch nichts an, ob wir Katholiken oder Protestanten sind.“

Jetzt hatte er seine Brille gefunden, setzte sie auf, öffnete den Brief und sah hinein.

„Nun, ist der Schein nicht drin?“ frug Hans rasch und mißtrauisch.

„Drin ist nichts,“ sagte der Vater, „aber wir wollen erst einmal sehen, was der Gerichtshalter schreibt. Vielleicht ist es blos eine Anweisung an die hiesigen Gerichte, ihn hier auszustellen; das wäre auch das Kürzeste.“

„Was brauch’ ich überhaupt einen Heimathschein?“ sagte Hans, „wenn ich nur eine Heimath habe, denn so ein Wisch giebt mir doch keine. Nun, was schreibt der Gerichtshalter?“

„Da werde der Henker d’raus klug,“ rief der alte Barthold, indem er den Brief – er enthielt kaum zehn Zeilen – auf den Tisch warf, seine Brille abwischte und wieder in die Tasche steckte.

„Nun?“ rief Hans, das Schreiben aufgreifend.

„Du wärst in Preußen gar nicht heimathberechtigt, wenn auch da geboren, denn ich wäre mit Dir, als Du noch minderjährig gewesen, in das Ausland ausgewandert, und ich und meine Kinder hätten dadurch unser Heimathsrecht in Preußen aufgegeben.“

„Ja, aber Du lieber Gott, wo soll er denn da einen solchen Schein herbekommen?“ rief die Mutter, „sie müssen ihm ja den geben, er ist ja doch dort geboren.“

„Es steht auch noch drunter, daß der Junge in Preußen nie seiner Militärpflicht nachgekommen wäre und schon deshalb nicht als preußischer Unterthan betrachtet werden könnte.“

„Und was liegt d’ran?“ rief Hans, den Brief trotzig auf den Tisch zurückwerfend, „irgendwo muß ich zu Haus gehören, das sieht ein Kind ein, und wenn Preußen nichts von mir wissen will – was ich ihm nicht verdenken kann, denn mir geht’s in manchen Stücken gerade so – ei, dann müssen sie mir hier einen solchen Wisch geben. Siehst Du wohl, Vater, hättest Du mich nur gleich in die Stadt hineinreiten lassen, so wäre jetzt Alles abgemacht, und nun geht die Geschichte noch einmal von vorn an. Hier haben wir unseren Grund und Boden, und hier gehören wir also auch her. Was kümmert uns Preußen!“

„Na, ich will’s wünschen,“ sagte der alle Barthold, der auf einmal merkwürdig mißtrauisch gegen alles das geworden war, was Behörden eigentlich thun müssen und was sie wirklich thun. „Da ist’s aber doch besser, ich fahre selber in die Stadt; denn wenn Du auch jetzt gingst, so müßte ich später doch selber hinein, und da würde nur noch mehr Zeit damit verloren. Außerdem kann ich dann gleich einmal mit zum General-Superintendenten gehen und sehen, wie die Sache mit dem „Dispens“, glaub’ ich, nannt’ es der Pfarrer in Wetzlau, steht. Die nehmen sich auch eine bärenmäßige Zeit. Heute käm’ ich freilich zu spät hinein, und morgen ist Sonntag, wo alle Gerichte geschlossen sind; aber den Montag Morgen mit Tagesanbruch fahre ich weg. Bis dahin mußt Du Dich schon noch geduldigen, Hans. Es kann eben nichts helfen.“

Der alte Barthold ging hinauf in seine Stube, um sein Mittagsschläfchen zu halten, und die Mutter halte draußen noch zu thun. Hans war am Tische sitzen geblieben, stützte den Kopf in die Hand und sah finster brütend vor sich nieder. Katharine trat in’s Zimmer und ging hindurch in die Kammer, um reine Milchtücher herauszunehmen. Als sie nach einer Weile zurückkam, saß der Hans noch immer in der nämlichen Stellung; er hatte sie gar nicht gehört,

Katharine trat leise auf ihn zu, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: „Hans!“

„Bist Du’s, Kathrin,“ sagte Hans und sah zu ihr auf, „Willst’ was?“

„Weiter nichts, als daß Du nicht mehr so traurig bist. Habe nur ein klein wenig Geduld, es macht sich ja Alles, und das Lieschen wird bald Deine Frau werden. Ihr seid ja nachher auch für das ganze lange Leben beisammen, und bei so einer langen Zeit kann’s ja doch auf die paar Tage nicht ankommen.“

„Ich bin nicht traurig, Kathrin,“ sagte Hans, indem er sich die lockigen Haare aus der Stirn warf, „nur ärgerlich, ärgerlich über die Gerichte, über das Consistorium, über die Pfarrer, über die Gerichtshalter, über mich – ei, über die ganze Welt!“

„Ueber mich auch, Hans?“ fragte Kathrine, und sah ihn mit ihren hellen Augen so treuherzig an.

„Ueber Dich? – nein, Kathrin’,“ sagte Hans, ihre Hand nehmend und drückend, „weshalb sollt’ ich über Dich böse sein? Du bist immer so lieb und gut, und wenn’s an Dir läg’, so hätt’ ich meine Papiere gewiß schon lange und könnt’ morgen Hochzeit machen.“

„Du darfst mir’s glauben, Hans, ja,“ erwiderte Katharine, und sah ihn dabei recht ernst und wehmüthig an. „Wenn’s an [307] mir läg’, sollest Du nicht einen Augenblick warten dürfen, um glücklich zu werden. Aber der Vater wird’s auch schon allein fertig bringen,“ fuhr sie nach einer kleinen Pause fort. „Es geht nun einmal so entsetzlich langsam mit den Gerichten, und Nachbars Margareth hat mir erzählt, daß eine Schwester von ihr, die in die Stadt hinein heirathete, über zwei Jahr hat warten müssen, weil ihr Bräutigam immer und immer die Papiere nicht bekommen konnte.“

„Da würde ich wahnsinnig, wenn das mir passirte,“ rief Hans.

„Nun, so schlimm wird’s schon nicht werden,“ lächelte das junge Mädchen. „Hab’ nur guten Muth und mach’ wieder ein freundlich Gesicht. Siehst Du, wenn Du traurig bist, dann sieht’s gleich im ganzen Hause schwarz aus, und – man ist’s auch eigentlich gar nicht an Dir gewöhnt. Aber ich muß fort; Joseph und Marie, da draußen steht schon die Rese und wartet auf mich,“ und mit den Worten huschte sie mit den Leintüchern, die sie noch immer unter dem Arme hielt, aus der Thür.

Hans stand auch auf. Es war ebenfalls Zeit geworden, daß er wieder hinaus an seine Arbeit ging, und nur das Böse dabei, daß er sich bei der Arbeit nicht einmal die Gedanken aus dem Kopfe schlagen konnte, denn der Aerger wollte ihm gar nicht aus dem Sinn, und beim Pflügen hatte er erst recht Zeit, darüber nachzugrübeln.

Sonderbar: die Liebe zu Lieschen und der Schmerz, daß er ihr noch so lange nicht angehören solle, hatten eigentlich mit seinen Gefühlen weit weniger zu thun, als der Aerger über diese albernen Weitläufigkeiten. Es war aber auch wieder ganz natürlich, denn nichts kann einen Menschen mehr ärgern und verdrießen, als wenn er einem bestimmten Ziel entgegenstrebt, ja schon in Armesbereich nahe gekommen ist und dann durch eine Menge von Hindernissen davon zurückgehalten wird. Sind diese Hindernisse der Art, daß man sie selber mit eigener Kraft und Ausdauer bewältigen kann, ei, dann ist es etwas Anderes; dann wird unser Geist, unsere ganze Thätigkeit dadurch in Anspruch genommen, und wir haben sogar nachher noch einmal so viel Freude an dem Gewonnenen, denn nichts macht uns glücklicher, als was wir uns selbst verdient und errungen haben. Sind die Hemmnisse dagegen der Art, daß wir nichts, gar nichts auf der Gotteswelt dawider thun können und nur immer warten und warten müssen, dann mögen sie wohl einen nur etwas lebhaften Menschen zur Verzweiflung treiben, und Hans war allerdings lebhafter Natur. Seine Geduld zu erproben, bekam er aber jetzt Gelegenheit, denn er schien dazu gerade auf das rechte Capitel gerathen zu sein: eine Eingabe an ein Consistorium und ein Heimathschein, selbst für den urgeduldigen Deutschen ist es ein Meisterstück, die beiden Dinge ruhig abzuwarten.




5. Zwischenfälle.

Der nächste Tag war wieder ein Sonntag, und Hans ritt natürlich gleich nach dem Frühstück nach Wetzlau hinüber. Zugleich nahm er aber auch eine Einladung mit dorthin für die Familie Erlau, denn am Dienstag – den Montag wollte der Alte überdies in die Stadt – war seines Vaters Geburtstag und zugleich sein Hochzeitstag, und der wurde immer daheim nicht allein festlich, sondern sogar feierlich begangen. Er ließ auch sein Pferd tüchtig ausgreifen und trabte noch rasch in den Thorweg zur goldenen Traube hinein, ehe er den Braunen einzügelte.

Drinnen im Hausflur, an dem links das Schenkzimmer für die Fuhrleute und Handwerker, rechts die „Gaststube“ für vornehmere Gäste lag, führte hinten gegen den Hof zu die offene Treppe in den ersten Stock. Dort stand Lieschen unten an der Treppe und ein junger, sehr elegant gekleideter Herr, mit dem Hut in der Hand, neben ihr und schien sich nach etwas zu erkundigen. Wie sie Hans aber hereintraben sah, ließ sie den jungen Herrn gleich stehen, rief ihm nur noch ein paar Worte zu, daß er ihren Vater da drüben in der Stube träfe, und sprang dann an das Pferd, um ihrem Bräutigam die Hand hinauf zu reichen und guten Morgen zu sagen.

„Wer war denn der Fremde, Schatz?“ sagte Hans, als er sein Pferd dem Hausknecht übergeben hatte und mit Lieschen in die obere Stube ging.

„Ich weiß es nicht, Hans,“ lautete die Antwort, „ein fremder Herr, der bei uns ein paar Tage wohnen will. Er gehört, glaub ich, mit zu den Vermessern, die jetzt das Zusammenlegen der Felder beginnen sollen. Der Vater hat auch den Kopf voll damit. Aber das ist brav, daß Du so früh gekommen bist, da haben wir heute den ganzen langen Tag vor uns. Wie ist’s, hast Du Deinen Heimathschein?“

„Ach, sprich mir nicht davon,“ sagte Hans verdrießlich, „es verdirbt mir den ganzen, schönen Tag. Der Vater muß noch morgen deshalb in die Stadt. Wenn er mich nur hineinließe; ich wollte denen da drinnen schon die Meinung sagen.“

„Ja, und nachher steckten sie Dich ein,“ lachte Lieschen, „und Du bekämst ihn gar nicht. Nein, da laß Du doch lieber den Vater gehen, der setzt mit Ruhe und Vernunft mehr durch, wie Du mit Hitze und Poltern. Aber jetzt hol’ ich Dir erst etwas zum Frühstücken, und nachher gehen wir ein wenig hinunter in den Garten.“

„Aber kein Wort mehr über den Heimathschein,“ rief Hans ihr nach.

„Keine Sylbe.“

Der Vertrag wurde gehalten, und spät am Abend, nach einem vergnügt verlebten Tag, ritt Hans nach Dreiberg zurück.

Am nächsten Morgen fuhr der Vater in die Stadt, hatte indeß auch noch Nichts ausgerichtet, als er gegen acht Uhr Abends wieder ziemlich erschöpft zurückkam. Die Herren nahmen seine Angaben allerdings sämmtlich zu Protokoll, versicherten ihn aber auch, die Sache könnte nicht übers Knie gebrochen werden. Trotzdem solle er, wenn irgend möglich, noch in dieser Woche Bescheid erhalten.

Der alte Barthold wäre übrigens beinah noch übel gefahren. Anfangs wollte er daheim mit der Geschichte nicht recht laut werden, nach und nach kam aber doch Alles heraus. Er hatte nämlich dem Einen der Leute auf dem Gericht, den er für einen untergeordneten Beamten gehalten, weil er gar so schäbig ausgesehen, einen harten Thaler in die Hand drücken wollen, um die Sache ein wenig zu beschleunigen, und nachher war das ein Gerichtsassessor gewesen. Der alte Barthold schüttelte jetzt noch mit dem Kopf, wenn er daran dachte, was der für ein Gesicht gemacht und wie er ihn angesehen hatte. Es war aber dennoch gut abgelaufen.

Auf den nächsten Tag fiel die Geburtstagsfeier; Erlau’s hatten zugesagt zu kommen – Lieschen auch mit, natürlich – und das Haus in Dreiberg war von unten bis oben mit Blumen und grünen Reisern geschmückt, daß man in lauter Lauben treppauf und treppunter ging. Und wie halte die Mutter heute aufgetäfelt, und als Traubenwirths endlich kamen, ließ sie es sich auch nicht nehmen, die Braut selber herumzuführen in Haus und Wirtschaft, und ihr Alles zu zeigen, wo sie einmal später als Herrin schalten sollte.

Und wie geputzt das Lieschen heute war, und was für ein schönes schwerseidenes Kleid es anhatte, und wie es sich auch darin zu benehmen wußte! Mutter Barthold war eigentlich zuerst ein Bischen verlegen gewesen und hatte sich gar nicht ordentlich getraut es Du zu nennen, denn es sah eigentlich wie eine recht vornehme Dame aus. Aber den Hans genirte das gar nicht. Er nahm sie beim Kopf und küßte sie ab, als ob sie ein Kattunfähnchen angehabt hätte, und die Mutter Barthold stand nur immer in Todesangst dabei, daß er ihr vielleicht einmal auf das lange, kostbare Kleid treten möchte. Er konnt’s beinah gar nicht verhindern.

Bei Tisch saß Vater Barthold, als Geburtstagskind und Hochzeiter, mit seiner Frau oben an der Tafel, und neben der Mutter saß der Traubenwirth und neben dem Vater dessen Frau, während unten am Tisch Hans zwischen seiner Pflegeschwester und Lieschen seinen Platz hatte, und eine vergnügtere Tischgesellschaft hat es wohl seit langer Zeit nicht gegeben.

Merkwürdig war aber der Unterschied zwischen den beiden jungen Mädchen, und Vater Barthold, der ihnen gerade gegenüber saß, war vielleicht der Einzige, der es bemerkte oder wenigstens so darauf achtete, denn er mußte immer und immer wieder dorthin sehen und die Beiden mit einander vergleichen.

Katharine war das echte Bild eines deutschen Mädchens, mit nicht zu hellblonden Haaren und so tiefblauen Augen, daß man gar nicht satt werden konnte hinein zu schauen, wenn Einem der Blick einmal begegnete. Um die wirklich zart geschnittenen Lippen lag dabei ein unbeschreiblicher Zug von Sanftmuth und Milde, ja auch wohl von stiller Ergebenheit, und wenn sie lächelte, konnte man gar nicht anders, als ihr gut sein. Und doch war sie eigentlich keine Schönheit, denn Lieschen war viel, viel schöner.

[308] Lieschens Gesicht war wirklich mehr als hübsch, es war schön, in seiner Regelmäßigkeit und edlen Form, und die dunkelbraunen Augen funkelten den an, mit welchem sie sprach, als ob es ein paar Brillanten gewesen wären. Wundervolles kastanienbraunes Haar hatte sie auch, und wußte es auf eine gar so geschickte Weise zu tragen. Mutter Barthold hatte sich schon den ganzen Morgen im Stillen den Zopf angesehen, um nur heraus zu bekommen, wie er geflochten und aufgesteckt wäre. Dabei war ihr Benehmen, wenn auch immer mädchenhaft, doch frei und ungezwungen, was sie jedenfalls in der Stadt gelernt hatte, und wenn sie lachte, zeigte sie zwei Reihen Zähne, wie Perlen, so regelmäßig und weiß.

Es war ein „wahres Prachtmädel“, wie der alte Barthold bei sich meinte. Wahrhaftig, er konnte es seinem Sohne nicht verdenken, daß er sich die zur Frau gewählt. Aber zu seinen Beobachtungen wurde ihm auch nicht lange Zeit gelassen, denn der Traubenwirth, der in derlei Dingen außerordentlich gewandt war und einen prächtigen Humor hatte, stand auf und brachte mit so künstlich und komisch gesetzten Worten einen Toast auf den Vater Barthold und auf die Mutter aus, daß sich Alle am Tisch halbtodt darüber lachen wollten. Und dann klangen die Gläser zusammen, und der feurige Ungarwein stieg der kleinen Gesellschaft bald in’s Blut und brachte Leben selbst in die Ruhigsten. Sogar Katharine, die sonst nie derlei starke Getränke berührte, hatte ein volles Glas davon geleert, weil sie mit Hans und dem auf ihrer anderen Seite sitzenden Traubenwirth ein paar Mal, erst auf den Vater, dann auf die Mutter und dann auf die Brautleute, anstoßen mußte – und zurückstehen konnte sie doch nicht bei einer solchen Gelegenheit. Wenn sie aber auch still blieb, bekamen doch ihre Wangen einen rötheren Schein und ihre Augen einen höheren Glanz, und der alte Barthold, der das bemerkte, nickte ihr freundlich zu und rief über den Tisch hinüber: „So recht, Kathrine, zeig den Leuten auch einmal, daß Du in Ungarn gewesen bist und seine Weine trinken kannst. Heute ist unser Ehrentag, und da muß Alles fidel und lustig sein.“

Hans besonders war ganz glücklich über seine wunderhübsche Braut. So gut hatte sie ihm noch gar nicht gefallen, wie heute Abend, und er konnte sich nicht satt an ihr sehen. Jedes Stückchen, das sie an sich hatte, musterte er, und dann mußte er ihr immer wieder in die dunklen Augen schauen. Wie die blitzten und funkelten!

„Wo hast Du denn die schöne Rose her?“ frug er sie da einmal, und zeigte auf die Blume, die sie vorn an der Brust trug. „Es ist schon so spät im Jahre; in unserem Garten blühen schon lange keine Rosen mehr.“

„Die hab’ ich geschenkt bekommen,“ sagte Lieschen neckend. „O, andere Leute können auch galant gegen mich sein.“

„So?“ lachte Hans, „wohl von dem jungen Herrn, der da neulich an der Treppe bei Dir stand?“

„Und wenn’s von dem wäre?“ frug Lieschen und sah ihn dabei gar so schelmisch an, „wärst Du eifersüchtig?“

„Nein,“ sagte Hans treuherzig, „wenigstens auf den geschniegelten und gebügelten Burschen noch lange nicht. Aber Du brauchst die Rose gar nicht,“ fuhr er leiser fort, „Deine Backen haben ein viel schöneres Roth, Du siehst gar so hübsch aus, Lieschen.“

Lieschen wurde jetzt noch viel röther, als die Blume war, und dann flüsterte sie Hans etwas zu, worüber dieser lachte, und nachher lachten sie Beide mit einander und plauderten den ganzen Abend.

Am schlechtesten kam eigentlich die arme Katharine dabei weg, denn um die kümmerte sich Niemand. Hans, ihr Nachbar zur Rechten, schwatzte natürlich nur mit seiner Braut, und der Wirth an ihrer Linken hatte soviel mit seiner Nachbarin, der Mutter Barthold, und dem alten Barthold zu reden, daß er an das stille Mädchen neben sich auch nicht denken konnte. Freilich durfte sie auch nicht immer sitzen bleiben und mußte viel aufstehen, um bald dies, bald Jenes zu besorgen, und da war es denn recht gut, daß sie Niemand vermißte. Unbemerkt stand sie von ihrem Platz auf, unbemerkt nahm sie ihn wieder ein, und so wurde auch Niemand dadurch gestört.

So lange blieben sie aber am Tische sitzen und so spät wurde es an dem Abend, bis sie Alles gesehen und besprochen hatten, daß Barthold unter keiner Bedingung zugab, sie dürften heute noch an den Heimweg denken. Ja, wenn es andere Leute von Wetzlau gewesen wären, denen hätte er den Heimweg im Dunkeln schon gegönnt, aber seine künftige Schwiegertochter und ihre Eltern wollte er nicht daran wagen, und so gern der Traubenwirth heut Abend noch zu Haus gewesen wäre, er durfte eben nicht fort.

Und was für Betten machte die Mutter jetzt, mit Katharinens Hülfe, für die lieben Gäste zurecht, eine wahre Welt von Federn, jedes einzelne, daß einem ordentlich der Athem ausging, wenn man hineinsprang und darin versank! Ein anderer Mensch als ein deutscher Bauer hätte auch gar nicht darin schlafen können. Aber der Ungarwein half, und Punkt zehn Uhr lag Alles in tiefer Ruhe.

[321] Am nächsten Morgen freilich brachen die Wetzlauer früh auf, denn allzu lange konnten und durften sie nicht von daheim wegbleiben. Im Haus selber gab es jetzt auch viel zu thun mit Aufräumen, Ordnen und Reinigen. Ein solches Fest mußte nicht spät in den nächsten Tag hineinreichen, und es war schon eine tüchtige Arbeit nur das grüne Werk wieder alles hinauszuschaffen und das Haus blank zu kehren. Um acht Uhr Morgens war aber auch das Letzte beseitigt und Katharine unten in der Stube beschäftigt, das zweite Frühstück für den Vater und Hans herzurichten, daß sie es gleich bereit fänden, wenn sie vom Feld herein kämen.

„Nun, Kathrine,“ sagte die Mutter, die in der Stube an ihrem Spinnrad saß, denn müßig konnte sie nun einmal nicht sein, „wie hat Dir denn gestern dem Hans seine Braut gefallen? Du hast mir ja noch kein Wort darüber gesagt, Gelt, das ist ein sauber Mädel?“

„Ei gewiß, Mutter,“ sagte das junge Mädchen, ohne sich aber dabei in ihrer Arbeit stören zu lassen, „das ist gar eine stattliche Maid und so hübsch und so vornehm. Mit der wird der Hans Ehre einlegen.“

Die Mutter nickte mit dem Kopf, erwiderte aber nicht gleich etwas darauf, denn sie dachte eben über das Wort „vornehm“ nach. Sonderbar, es war ihr auch fast so vorgekommen, als ob Lieschen fast ein bischen zu vornehm für eine wirkliche Bäuerin wäre, wenn es ihr auch noch nicht recht klar geworden. Die Wirthstochter ging im Grunde genau wie eine Stadtdame gekleidet und trug auch so ein neumodisch Ding, eine Crinoline nannten sie’s ja, daß die Röcke nach allen Seiten hinausstanden. In den Kuhstall konnte sie mit den Kleidern auf keinen Fall gehen. Aber daheim führte sie ja doch auch die Wirthschaft und war so tüchtig und fleißig dabei, und bei der Arbeit würde sie gewiß schon andere Kleider haben. Wie hübsch hatte sie auch ihr Haar geflochten; viel Zeit ging da freilich drauf, wenn sie das hätte jeden Morgen so machen wollen, oder sie mußte eben ein bischen früher aufstehen.

Die Frau saß eine ganze Weile in tiefen Gedanken, und das Rädchen schnurrte dabei, daß es eine Lust war. Katharine sprach ebensowenig; es gab heute Morgen gar so viel zu thun.

„Aber ein gutes Herz hat sie gewiß,“ brach die Frau plötzlich wieder das Schweigen, und die Worte fuhren ihr eigentlich nur da so heraus, wo sie gerade in ihren Gedanken stehen geblieben war, „Ihr Beiden werdet gewiß recht gut mitsammen auskommen.“

Katharine erschrak ordentlich, denn genau an dasselbe hatte sie eben auch gedacht und sich in dem Augenblick die nämliche Frage gestellt, der die Mutter jetzt Worte gab: Wie würde es werden, wenn die junge Frau in das Haus zog und die Wirthschaft selber übernahm? Würde diese auch so lieb und gut mit ihr sein wie die Mutter? oder würde sie selber überhaupt hier noch nöthig bleiben? Ob sie dann gut mitsammen auskämen? O gewiß; aber wenn nicht? Dann mußte die Fremde doch natürlich das Haus verlassen, ihre Heimath, und hinausziehen zu fremden Leuten. Und wäre es nicht besser gewesen, wenn sie das gleich vom Anfang an und freiwillig gethan hätte, ehe die Verhältnisse sie dazu zwangen? O gewiß, in vielen, vielen Stücken wäre es besser gewesen.

„Meinst Du nicht, Kathrine?“ frug die Mutter noch einmal, da ihr das Mädchen, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, nicht gleich eine Antwort gab.

„Ich? ei, gewiß, Mutter,“ sagte Katharine jetzt schnell, „warum denn nicht? Ich will sie gewiß lieb haben, wie eine Schwester, wenn sie mich nur noch im Hause brauchen können,“ setzte sie leiser hinzu und erschrak fast, als die Worte heraus waren.

Die Mutter sah rasch zu ihr auf, so rasch, daß ihr der Faden abriß, denn daß die Katharine daran denken könnte, je ihr Haus zu verlassen, daran hatte sie selbst im Leben noch nicht gedacht. War es denn nicht ihre eigene Tochter geworden durch die langen, langen Jahre?

„Unsinn, Kathrine,“ sagte sie aber auch gleich danach kopfschüttelnd und nahm den Faden wieder auf. „Dich sollten sie nicht brauchen können? Und wenn sie Dich nicht brauchten, glaubst Du, daß mein Alter und ich Dich missen möchten? Sprich mir nicht wieder solch Zeug, Mädel, oder Du bekommst es mit mir zu thun. Uebrigens ließ Dich Hans auch gar nicht fort, denn wie lieb Dich der hat, weißt Du, und daß er überall Deine Partei nimmt. Nein, Schatz,“ setzte sie gutmüthig hinzu, „mit uns bleibt’s beim Alten, ob Du zu der jungen Frau passest oder nicht. Außer –“ und sie nickte ihr dabei freundlich zu, „Du müßtest denn einmal von uns fortziehen wollen, wie das Lieschen jetzt bald aus der Eltern Hause zieht, dann freilich mit unserem besten Segen, Kind.“

„Du lieber Gott, Mutter,“ sagte Katharine, und ein Seufzer hob dabei unwillkürlich ihre Brust, „damit hat’s Zeit. Wenn Ihr mich nicht früher loswerdet, müßt Ihr mich wahrscheinlich bis an meinen Tod bei Euch behalten.“

„Denkst Du eher zu sterben, als wir, Kathrine?“ lächelte die Frau wehmüthig.

[322] „Wir wollen nicht vom Sterben reden, Mutter,“ sagte Katharine, ging auf die Mutter zu und drückte ihr herzlich die Hand, „wenn es kommt, kommt’s. Es war nur so eine dumme Redensart von mir. Seid mir nicht böse drum.“ Und sich rasch abdrehend, verließ sie das Zimmer.

Die Mutter sah ihr wohl eine Minute kopfschüttelnd nach, dann nahm sie ihren wieder und wieder abgerissenen Faden noch einmal auf und spann emsig weiter; allein das eben Besprochene konnte sie doch nicht aus dem Kopfe bringen; es ging ihr immer rund darin herum.

„Arme Kathrine,“ dachte sie dabei, „das Kind hat Sorge, daß es aus dem Haus muß, wenn die neue Hausfrau einzieht; aber dann kennt es mich und meinen Alten schlecht. Du bleibst, das weiß ich, oder ich ging selber mit aus dem Hause,“ nickte sie leise vor sich hin, und mit dem Entschluß schnurrte das Rädchen noch viel schärfer, als vorher.




6. Weltliche und geistliche Behörden.

War aber Hans schon ungeduldig und bös geworden, wie es ihm die ersten acht und vierzehn Tage mit den nöthigen Papieren nicht fördern wollte, so bekam er nachher noch eine weit vortrefflichere Gelegenheit, seine Langmuth auf die Probe zu stellen, denn Jenes schien nur der Anfang gewesen zu sein von dem Herüber- und Hinüber-Spiel.

Erstlich erklärte der General-Superintendent, nachdem er die Eingabe des alten Barthold einen vollen Monat im Haus gehabt, daß er in der ganzen Sache gar nichts thun könne, die müsse doch noch vor das Consistorium gebracht werden, wo man sie dann in gemeinschaftlicher Sitzung berathen würde; und dann war der Heimathschein noch immer nicht eingetroffen.

Wie der alte Barthold, der jetzt schon fünf Mal wegen der einen Eingabe in der Stadt gewesen, diesmal wieder nach Hause kam, mocht’ er’s dem Hans gar nicht sagen, was für einen Erfolg er gehabt. Hans sah es ihm aber doch am Gesicht an, und wenn in dem Augenblick eine Revolution ausgebrochen wäre, Hans hätte sich mit in den dicksten Haufen geworfen, nur um seine Wuth erst einmal an den „Gerichtsschreibern“ und den „Pfaffen“, wie er ein hohes Consistorium sehr unehrerbietig nannte, auszulassen.

Und der Heimathschein erst – was für eine Masse Papier die Leute in der Stadt schon in der Angelegenheit verschrieben hatten, nur um herauszubekommen, welcher Fleck in Deutschland ihm nachher auf einem Viertelbogen bescheinigte, daß er überhaupt da sei und das Recht habe, hier oder dort einmal Ansprüche an das Gemeindearmenhaus zu machen. Es war ganz erstaunlich, und man hatte nun glauben sollen, sie wären auf dem Gericht selber bös geworden über die entsetzliche Mühe und Arbeit, die es ihnen machte, aber Gott bewahre. Immer gut gelaunt blieben sie dabei, und wenn der alte Barthold auf seinen verschiedenen Streifzügen in die Stadt bei ihnen anfrug, wie denn die Sache mit dem Heimathschein stände, so schlugen sie erst eine Menge von Büchern nach, – und jetzt hätten sie’s eigentlich auch schon aus dem Kopf wissen können – und lachten und meinten dann, er möchte einmal in sechs Wochen wieder nachfragen.

Doch wie könnte ich dem Leser einen Begriff von all den Weitläufigkeiten, Laufereien, Schreibereien, Scheerereien und Quälereien geben, die nur das eine Wort „Heimathschein“ in sich begreift! Hat er’s selber schon einmal durchgemacht, so kennt er’s, und nickt nur traurig mit dem Kopf, wenn er daran zurückdenkt. Hat er’s aber noch nicht durchgemacht, dann glaubt er’s nicht einmal und denkt, man übertreibt, nur um den Gerichten eins anzuhängen.

Unsere Gesetze sind wohl ganz schön und auch gewiß gerecht, es ist nur der Henker, daß eine große Anzahl von Menschen ihre ganze Lebenszeit daran verwenden muß, um einzig und allein herauszuklügeln, wie sie zu verstehen sind. Und wenn sie dann nachher nur noch einerlei Meinung wären, aber Gott bewahre. Die Einen sagen: dies Gesetz bedeutet das, und das ist darunter gemeint, und die Anderen rufen nachher: Aber du mein Himmel, es fällt ihm ja gar nicht ein, gerade das Gegentheil ist darunter verstanden; und bis dann nicht ein Dritter dazu kommt, von dem man auch nicht recht fest überzeugt ist, ob er’s genau weiß und sagt: Du hast Recht und Du hast Unrecht, zahlt der ruhige Staatsbürger, für den sie eigentlich gemacht sind, der aber gar nichts davon versteht, ganz einfach vierteljährlich seine Kosten und bekommt nachher ein schriftliches Urtheil zugeschickt, mit dem er indeß wieder erst zu einem Anderen gehen muß, um nur zu verstehen, was da in deutscher Sprache geschrieben ist.

Das nennt man nachher einen Proceß, und wer ihn gewinnt, hat Glück.

Bei einem Heimathschein ist wenigstens das eine Gute, daß man die Schreibereien nicht alle zu bezahlen hat – das Gericht thut das zu seinem eigenen Vergnügen – aber Hans bekam keinen, wenigstens die ersten drei Monate nicht, und es half nichts, daß sich sein Vater und der Traubenwirth in der Stadt erboten, Bürgschaft zu leisten, soviel sie haben wollten, daß er keiner hiesigen Gemeinde einmal zur Last fiele. „Das ginge nicht,“ meinten die Herren vom Gericht, vom Kreisgericht bis zum Ministerium hinauf. Vor allen Dingen müßte jetzt erst einmal ausgeforscht werden, wohin Hans eigentlich gehöre, und wieder wurden Briefe nach Preußen und Ungarn geschickt und Acten hinübergesandt und von dort einverlangt; das war aber auch Alles. In der Sache selber blieb’s beim Alten, und die Hochzeit konnte natürlich noch immer nicht stattfinden, denn der Pfarrer durfte vorher nicht einmal das Aufgebot erlassen.

Hans war außer sich, denn nun kam auch noch die Ernte dazwischen, wo sich, des schlechten, unsicheren Wetters wegen, die Arbeit so häufte, daß er oft nicht einmal Sonntags hinüber nach Wetzlau konnte.

Es war an einem solchen Sonntagsabende, sie hatten den ganzen Tag eingefahren und eben das letzte trockene Fuder hereingebracht und abgeladen, als er in die Stube kam, seinen Hut in die Ecke, sich auf einen Stuhl warf und, den Kopf in die Hand stützend, sich und sein Geschick verwünschte.

„Ich wollt’, ich wär’ todt,“ rief er aus, „todt und begraben und weg von der Erde, daß ich nur das Elend nicht mehr länger ansehen müßte; und viel länger halt’ ich’s überdies nicht aus, denn Gift und Galle bringen mich doch über kurz oder lang in’s Grab. Giebt es denn in der ganzen Welt einen Menschen, der mehr Unglück hat, als ich?“

„Aber Hans, um Gottes willen, versündige Dich nicht,“ bat die Mutter, doch der Vater sagte:

„Du sprichst wie ein Kind, Hans, und solltest Dich schämen. Sind das Reden für einen erwachsenen Menschen? Kannst Du’s ändern, kann ich’s ändern? Haben wir nicht bis jetzt Alles gethan, was in unseren Kräften stand, um Dir über die Schwierigkeit hinauszuhelfen, und hat es sich machen lassen mit all unserer Mühe? Wer also trägt die Schuld?“

„Seid nicht bös, Vater,“ rief Hans, „ich weiß ja wohl, daß Ihr keine Schuld dabei habt, ’s ist auch nur allein mein ewiges Unglück, das ich mit Allem habe, was ich nur anfasse.“

„Hans,“ sagte der alte Barthold ernst, „wenn ich Deiner Jugend nicht die unbedachten Worte zu gute hielte, würde ich jetzt ernstlich böse auf Dich werden. Was hast Du denn schon für wirkliches Unglück im Leben gehabt, und weißt Du denn überhaupt, ob es ein Unglück ist, daß Deine Heirath jetzt hinausgezögert wird?“

„Aber Vater –“

„Ihr junges Volk,“ sagte der Vater ernst, ohne sich irre machen zu lassen, „beurtheilt immer Alles nur nach dem Augenblick, ob es Euch paßt oder nicht. Was paßt, wird ruhig hingenommen, als ob es nicht anders sein könnte; was nicht paßt, ist ein Unglück, eine Verfolgung des Schicksals, eine Ungerechtigkeit, und wie die Faseleien alle heißen. Es geschieht nichts umsonst! Wenn Du einmal älter bist, wirst Du mir das aus eigener Erfahrung bestätigen. In dem gewaltigen Weltgebäude fällt kein Sperling vom Dache ohne den Willen des Höchsten, und so wunderbar greift Alles ineinander, daß wir nur staunen und anbeten können, wenn wir die Wirkung sehen. Daß uns armen unbedeutenden Menschenkindern aber nicht verstattet ist, den lieben Gott in seiner geheimen Werkstätte zu belauschen und die einzelnen Fäden zu sehen, mit denen er die Geschicke der Menschen leitet, darüber bist Du unzufrieden. Du willst auch gleich wissen, warum das und das so ist, und weshalb Du gerade nicht auf der Stelle Deinen Willen haben kannst.“

„Ach, Vater,“ brummte der junge Bursch verdrießlich vor sich hin, „das ist Alles schon recht, aber soll ich nicht die Geduld verlieren, wenn ich sehe, wie mir mein ganzes Leben verbittert [323] wird, blos einer albernen Weitläufigkeit wegen, die mit ein paar Federstrichen abgemacht wäre? Ich habe, was ich zum Leben brauche, und kann eine Frau ernähren, Lieschen ist mir gut, Ihr und Lieschens Eltern habt eingewilligt, und Monate lang könnten wir schon unseren neuen Hausstand haben; aber nein, da strecken lauter Leute, die mir nicht ein Stück Brod geben, wenn ich an der Straße verhungere, die Finger dazwischen und schreien: Nein, das geht nicht, die hohe Obrigkeit will’s nicht, der liebe Gott nicht! Ist denn das nicht um den Verstand zu verlieren?“

„Wahre das Bischen, was Du hast, mein Junge!“ sagte der Alte trocken, „Du weißt nicht, wie Du’s noch ’mal im Leben brauchen kannst.“

Und damit war das Gespräch über den Gegenstand für heute abgebrochen, aber die Sache wurde darum nicht anders, denn wieder vergingen Wochen, ohne daß weder von der geistlichen noch weltlichen Behörde ein Entscheid gekommen wäre. „Sie müssen warten,“ lautete die jedesmalige Antwort, „eine solche Sache läßt sich eben nicht über’s Knie brechen,“ und dabei blieb’s, einmal wie allemal.

Der arme Hans ging wirklich in Verzweiflung umher, und er glaubte oder bildete es sich auch wohl nur ein, daß Lieschen jetzt selber ungehalten über die Verzögerung würde und es ihn entgelten ließe. Es wollte ihm wenigstens so vorkommen, als ob sie lange nicht mehr so freundlich, so herzlich mit ihm sei, wie in früherer Zeit, wenn er sie drüben in Wetzlau aufsuchte, und welchen anderen Grund hätte sie dazu in der Welt haben können, als die verwünschte Heimathsangelegenheit? Er konnte sich nicht mehr helfen, er mußte Jemanden deshalb um Rath, um seine Meinung fragen, und Niemand schien ihm dazu passender, als seine Pflegeschwester. Niemand war es auch wohl.

„Sei nicht thöricht, Hans,“ sagte ihm diese aber freundlich. „Deine eigene üble Laune macht Dich Alles schwarz sehen; Du wirst drüben in Wetzlau gerade so mürrisch und verdrießlich ausgeschaut haben, wie hier, und daß das arme Lieschen sich darüber nicht glücklich fühlen konnte, willst Du sie nun auch noch entgelten lassen. Ist das recht?“

„Und glaubst Du wirklich, Kathrine, daß mich Lieschen recht von Herzen lieb hat und nicht bös auf mich werden würde, wenn’s auch noch länger dauert?“

„Ich glaub’s gewiß, Hans,“ sagte das junge Mädchen, aber mit recht leiser Stimme. „Es kann ja –“ sie hielt plötzlich an, sah vor sich nieder und fuhr dann fort: „Bist Du denn schuld an der Verzögerung? Sie wird nur eben auch traurig sein, daß es so lange dauert, ehe sie – ihr Glück an Deiner Seite findet.“

„Was wolltest Du vorher sagen, Kathrine? Du meintest ‚es kann ja –‘“

Katharine erröthete leicht, aber sie sagte: „Ich bringe das, was ich sagen will, nicht immer so mit den rechten Worten heraus, aber gemeint ist’s gut, Hans, das darfst Du mir glauben.“

„Ich glaub Dir’s, Kathrine,“ sagte Hans, drückte ihre Hand, während er ihr mit der Linken über die blonden Haare strich, und ging dann hinaus in den Stall, um nach seinen Pferden zu sehen.

Katharine setzte sich auf denselben Stuhl, auf dem Hans vorher gesessen hatte, stützte den Kopf in die Hand und schaute nach der untergehenden Sonne hinüber, die da drüben am Berghang die Kieferstämme mit ihrem rothen Gluthenschein übergoß und ihr blitzendes Licht in den Fenstern des Pfarrhauses wiederspiegelte.




7. Die Dreiberger Kirmeß.

Der Herbst rückte heran und die Zeit der Kirmeß, und die erste sollte in Dreiberg abgehalten werden. Am nächsten Sonntag wurde sie „angetrunken“, und Hans durfte deshalb nicht so lange als gewöhnlich in Wetzlau bleiben. Aber er kehrte heute mit fröhlichem Herzen heim, denn Lieschen hatte geweint, als er ihr von seinem Verdacht erzählte, daß sie ihn nicht mehr so lieb habe, und war ihm dann um den Hals gefallen, und ihre Küsse brannten ihm noch auf den Lippen.

Der „Mosje aus der Stadt“ wohnte freilich noch immer in der goldenen Traube und hatte mit ihnen an einem Tisch gegessen – was er alle Tage mit Lieschen und ihren Eltern that, da er sich bei ihnen in Kost gegeben. Der Herr war auch sehr aufmerksam gegen seine Braut gewesen, und eigentlich gefiel das Hans nicht recht, aber es ließ sich auch nicht gut etwas dagegen sagen. Das Zusammenlegen der Felder, besonders bei den verwickelten Eigenthumsverhältnissen in Wetzlau, war keine Arbeit, die sich eben in vierzehn Tagen abthun ließ, und das andere Wirthshaus im Dorfe so schlecht, daß ein anständiger Mensch dort nicht gut wohnen konnte. Jener Fremde – Herr von Secklaub hieß er – mußte also wohl oder übel in der Traube wohnen und essen, und daß er sich artig gegen die Tochter vom Haus betrug, konnte Hans ebenfalls nicht gut übelnehmen. Weit eher hätte er Grund dafür gehabt, wenn das Gegentheil der Fall gewesen. Lieschen sprach aber auch in der ganzen Zeit, da Hans in Wetzlau war, keine zehn Worte mit jenem Herrn, und als sie ihm auch noch zusagte, daß sie seine Platzjungfer auf der Kirmeß in Dreiberg sein wollte, hatte er alles Andere darüber vergessen – selbst den Heimathschein und das hohe Consistorium – und galoppirte so fröhlich und guter Dinge nach Hause, wie er lange nicht gewesen war.

Und heute Abend wurde die Kirmeß wirklich in Dreiberg angetrunken, wie man diese Feierlichkeit dort nennt; d. h. die jungen Burschen aus dem Orte kamen im Wirthshaus zusammen und behandelten die sehr wichtige Angelegenheit, wer die Kirmeß eigentlich von ihnen halten, d. h. bezahlen sollte. Zu dem Zweck mußten sich drei von ihnen zu sogenannten Platzburschen erbieten, die es übernahmen die sämmtlichen Kosten zu tragen, oder wenigstens dafür gut zu sagen. Erreichte die Einnahme nachher die Kosten nicht, so hatten sie aus ihrer Casse darauf zu legen, was daran fehlte.

Es versteht sich von selbst, daß sich immer die wohlhabendsten Burschen im Dorfe dazu erboten, und Hans war heute der Erste, der sich zu einem derselben meldete. Nach einigem Herüber- und Hinüberreden, denn die Sache kostete manchmal viel Geld, fanden sich auch noch die beiden Anderen, und jetzt mußte Jeder seine Platzjungfer nennen.

Das ging ebenfalls rasch genug: Hans nahm natürlich seine Braut, ein anderer Bauerssohn aus Dreiberg erklärte, seine Platzjungfer solle Barthold’s Katharine sein, und der dritte hatte sich des Schulmeisters Tochter ausgesucht.

Nun kamen noch einige geschäftliche Angelegenheiten, denn die Platzburschen hatten auch für die Musik, die ganze Kirmeß durch, zu sorgen, wie sie ebenfalls während der Zeit Freibier halten mußten. Auf morgen Abend aber wurde, wie das jedes Mal so geschieht, das Ständchen angesetzt, das die Platzburschen ihren gewählten Mädchen geben, und ein Abgesandter der Stadtmusikanten, die gewöhnlich auf den Kirchweihen spielen, war schon zu dem Zweck herausgekommen, um die nöthigen Anordnungen zu hören und die Stärke des Orchesters mit den Platzburschen zu besprechen.

Gewöhnlich hatten diese nun immer zwölf „Musikanten“ zu ihrem Tanz und Vergnügen gehalten, Hans aber bestand auf zwanzig, ohne den Kapellmeister, weil er die Sache glänzend durchgeführt haben wollte, und als die Anderen, der Kosten wegen, darauf nicht eingingen, erbot er sich die Ueberzähligen aus seiner eigenen Tasche zu bezahlen. Der „Stadtmusikant“ bekam dann gleich Befehl, morgen Abend um sieben Uhr mit seiner „Bande“ an Ort und Stelle zu sein, und die beiden anderen Platzburschen – Lieschen wußte ja schon, daß sie gewählt sei, und kannte den dabei beobachteten Gebrauch – brachen jetzt auf, um ihren Platzjungfern die zugedachte Ehre anzuzeigen.

Katharine sträubte sich erst. Sie war bis jetzt nur dann zu Tanz gewesen, wenn Hans mit ihr ging, aber Hans redete ihr selber zu und bat sie, es seinet- und Lieschens wegen anzunehmen, das sich gewiß freuen würde, mit ihr da zusammen zu sein. Außerdem konnte sie es nicht einmal gut ausschlagen, ohne den jungen Burschen gröblich zu beleidigen. Er wäre gewiß nicht wenig von den Cameraden ausgelacht worden. So nahm sie es denn an, und die Mutter, die stolz darauf war, daß sie ihre Katharine zur Platzjungfer gewählt, hatte alle Hände voll zu thun, um den gehörigen Putz für sie herzurichten, denn Katharine sollte dem Barthold’schen Haus wahrhaftig keine Schande machen.

Die eigentliche Kirmeß fing erst in vier Wochen an, am nächsten Abend aber mußte den Platzjungfern, mit dem vollen Musikcorps, das Ständchen gebracht werden, und es ist dann Sitte, daß die Mädchen die Burschen sowohl, als die Musikanten mit Kaffee, Kuchen, Wurst und Brod tractiren. Da sie aber doch nicht gut bei allen dreien essen und trinken konnten, suchten sich die Burschen gewöhnlich zum Halteplatz den Ort aus, wo sie auf ein gutes „Tractament“ rechnen konnten, und das war hier im Ort natürlich [324] sicherer bei Barthold, als beim Schulmeister zu finden. Des Schulmeisters Tochter wurde deshalb, sowie die Musik eingetroffen war, zuerst heimgesucht, und das ganze Dorf lief zusammen, als das mächtige Musikcorps mit Pauken und Trompeten in die stille Nacht hineinwirbelte und einen ganz heillosen Lärmen machte. Dann nahm der Tänzer Bärbel’s, denn so hieß das junge Mädchen, diese an den Arm, und nun zog der Trupp zu Barthold’s hinüber, um dort den musikalischen Spectakel von neuem zu beginnen.

Der alte Barthold ließ sich aber nicht „lumpen“. Aufgetragen war in der großen unteren Stube, was Küche und Keller nur liefern konnten, und wie sie sich dort ganz gehörig „gestärkt“, ging der Zug – ohne die Mädchen natürlich – in einem Strich nach Wetzlau hinüber, denn der Traubenwirth war auch nicht zu verachten.

Das galt aber, wie gesagt, nur als das Vorspiel des Ganzen, denn vier Wochen später begann am Dienstag die wirkliche Kirmeß, die drei Tage dauerte, Freitag und Sonnabend war Ruhe, und am Sonntag wurde dann die sogenannte Nachkirmeß gehalten.

Am ersten Kirmeßtag aber ist es Sitte, daß die Platzburschen ihre Mädchen mit Musik abholen, und Hans natürlich hatte es sich etwas kosten lassen, um das seiner würdig in’s Werk zu setzen. Er selber, mit dem üblichen Strauß im Knopfloch und einem anderen kleineren mit einem wehenden rothen Band daran am Hut, eröffnete an dem Morgen den Reigen, da Wetzlau am weitesten entfernt lag und er also sein Mädchen zuerst herüberbringen mußte. Er ritt seinen Braunen, ein prächtiges munteres Pferd, und dahinter kam ein mit Guirlanden und Büschen geschmückter Leiterwagen, auf den die ganze Musik gepackt war. Hinter dem Leiterwagen aber fuhr der Großknecht den kleinen steierischen Wagen leer hinüber, um darin die Platzjungfer, seine Braut, mit ihren Eltern abzuholen. Früh um sechs Uhr brachen sie auf. Lieschen war auch schon gerüstet und prangte im prachtvollen Schmuck der Platzjungfer, mit Blumen am Mieder und im Haar und einem carmoisinrothen Seidenbande in den dunklen Locken, genau dieselbe Farbe wie es ihr Platzbursche, der Hans, trug, was ihr gar so reizend stand.

Die Eltern wollten auch und zwar nur für heute mitfahren, denn drei Tage, so lange wie die Kirmeß dauerte, konnten sie nicht gut von Hause wegbleiben. Der alte Erlau zog es aber doch vor mit seiner Tochter den eigenen kleinen Wagen zu benutzen und sich nicht dem „Räderwerk“ des Dreiberger Bauern anzuvertrauen. Er hatte jetzt Federn an seinem Wagen.

Dem Zug, dem sich noch ein Dutzend junge Burschen von Wetzlau anschlossen, folgte auch Herr von Secklaub, auf einem prachtvollen Rappen, seinem eigenen Pferd. Er schien sich ebenfalls einmal die Dreiberger Kirmeß mit ansehen zu wollen, und eingeladen war ja Jeder, der kommen wollte.

Die Gäste, d. h. der Traubenwirth mit seiner Familie, stiegen natürlich bei Barthold’s ab, wo auch schon die anderen Platzburschen warteten, um Katharine abzuholen.

Und wie lieb Katharine heut aussah! Sie war in die Bauerntracht ihres Ortes gekleidet, und unwillkürlich flog Hansens Blick von ihr zu Lieschen, um zum ersten Mal die Beiden mit einander zu vergleichen. Lieschen war städtisch gekleidet, wie sie immer ging, heute aber wär’ es Hansen fast lieber gewesen, sie hätte auch die Bauerntracht getragen. Es hätte mehr zu dem Ganzen gepaßt, so aber sah sie aus, als ob sie nicht recht dazu gehörte und nur zum Besuch herausgekommen wäre, und das war sie doch nicht. Er hatte sie auch wirklich darum bitten wollen, es aber wieder vergessen; was kam denn überhaupt auf die Tracht an? Woraus das Kleid nur gewebt war, das sie trug? dachte er dabei; es sah prächtig aus, mit hineingewirkten Blumen und Zierrathen, und die Blumen – künstlich gemachte, ihr Strauß und Kopfputz, die waren wirklich herrlich und so natürlich, daß man hätte daran riechen mögen – Moosrosen und Nelken stellten sie vor, weil sie, zu dem Band passend, roth sein mußten. Wo hatte sie nur so rasch die kostbaren Blumen herbekommen? – Lieschen war unbestritten das schönste Mädchen im Dorfe, und während des ganzen Festes, und obgleich sie mit Allen auf das Herzlichste und Unbefangenste sprach, hatten die beiden anderen Platzburschen doch einen ordentlichen Respect vor ihr, was jedenfalls die städtische kostbare Kleidung bewirkte, und doch war sie ja auch nur eines Bauern Tochter.

Viel heimischer wurde es ihnen dagegen bei Katharine zu Muthe, die mit ihrem kleidsamen kurzen Rock, den bunten Zwickelstrümpfen, dem geputzten Mieder und ihrem einfachen Kornblumenkranz im Haar, der zu dem blauen Bande paßte, ganz wie die Kornblume gegen die Moosrose abstach, aber doch auch wieder in ihrer Art gar wunderhübsch und lieblich aussah.

Ob sie sich in Lieschens Nähe gedrückt fühlte? sie schien heute lange nicht so heiter und fröhlich als sonst, während in Lieschens Augen das Vergnügen über das zu erwartende Fest ordentlich funkelte und sie in einem fort lachte und Haus über sein ehrbar steifes Wesen als Platzbursche neckte.

Jetzt war auch des Schulmeisters Tochter abgeholt, ein einfaches, doch auch gar liebes Mädchen, das einen weißen Strauß in den dunklen Haaren und am Mieder, und ein weißes Band in den Locken trug, und der Zug ging nun zur Kirmeßstange vor der Kirche. Hier tanzten erst die drei „Platzpaare“ drei Tänze im Freien, welches Recht ihnen allein zustand, dann zog die ganze fröhliche Schaar auf den festlich geschmückten Tanzboden in das Wirthshaus.




[337]
8.0 Wie die Kirmeßbauern ihr Recht ausüben.

Und das ging jetzt lustig da oben zu, denn ein solches Musikcorps war noch nicht im Orte gewesen, so lange Dreiberg stand. Das schmetterte durch den Saal, daß die Tanzlust sich aller Gäste bemächtigte. Die ersten drei „Reihen“, wie man es dort nennt, gehörten aber wiederum den Platzpaaren, die damit gewissermaßen die Kirmeß eröffneten; aber als die erst getanzt waren, hatte Jeder freien Zutritt, d. h. er mußte sich vorher bei den Platzburschen um fünf Groschen ein Band lösen, das er dann, wie eine Eintrittsmarke, im Knopfloch trug. Das berechtigte ihn zu freiem Tanz und freiem Bier bis zum Abendbrod.

Nach den drei ersten „Reihen“ oder Tänzen hatten die Platzjungfern, für die ganze Kirmeßzeit, das Recht, sich ihre Tänzer selber auszusuchen, wenn sie eben Extratouren tanzen wollten. Nur der Platzbursche, der sich die Maid gewählt, konnte einspringen, wenn er wollte, und einen Tanz verlangen – und das verstand sich auch von selbst und war ganz in der Ordnung.

Hans tanzte aber vor der Hand nur die ersten Reihen mit Lieschen, denn als erster Platzbursche bekam er zu viel zu thun, um neu Hinzukommende, die sich dem Tanz anschließen wollten, mit Bändern zu versehen, und Lieschen hatte sich nach ihm Herrn von Secklaub, der sich auch ein Band gelöst, ausgesucht, und zwar für zwei Tänze hintereinander. Dann forderte sie die beiden anderen Platzburschen auf, und darauf wieder Herrn von Secklaub. Aber auch aus der Stadt waren ein paar Bekannte herausgekommen, denen sie diese Gunst gewährte, und sie versäumte keinen einzigen Reihen bis zum Abendbrod.

Katharine hielt sich mehr zurück, obgleich sie es auch nicht gut vermeiden konnte, den und jenen aufzufordern. Mit den anderen Platzburschen mußte sie natürlich auch tanzen, und Hans, der heut ganz wild und ausgelassen war, schwang sich mit ihr lustig im Kreise.

„Mach’ kein so traurig Gesicht, Kathrin,“ sagte er dabei zu seiner Tänzerin, „die Leute glauben Dir’s ja sonst gar nicht, daß Du fidel bist, und warum sollten wir heute nicht Alle fidel sein, es ist ja Kirmeß!“

„Ich bin ja lustig, Hans,“ sagte sie leise, ganz glücklich jetzt. „Hab’ ich denn wirklich so ernst ausgesehen?“

„Wie der Herr Pfarrer auf der Kanzel,“ lachte der junge Bursche, „aber sieh nur, wie der Mosje da drüben, der mit von Wetzlau gekommen ist, die langen Beine herumwirft. Er will uns hier auf dem Dorfe zeigen, wie man tanzen muß, aber wir wollen einmal sehen, ob er aushält, wenn’s erst einmal in die dritte Nacht hinein geht. Da wird er wohl auf dem Rücken liegen und alle Viere strecken. Das weiß der liebe Gott, die Stadtleute haben gar kein Mark in den Knochen.“

„Wie hübsch Lieschen tanzt!“ sagte Katharine.

„Ja,“ meinte Hans, „aber man sieht’s gar nicht vor den langen Kleidern. Ich weiß nicht, die Stadtmoden gefallen mir doch lange nicht so gut, wie unsere Tracht, Du siehst viel hübscher aus, Kathrine, mit Deinen kurzen Röcken.“

Katharine war blutroth geworden, doch der Tanz war gerade aus und Hans wurde zu einer neuen Bändervertheilung abgerufen, da er vor dem Abendbrod dies Geschäft übernommen hatte, und bis um neun Uhr, wo es zum Essen ging, kam er nur noch ein einziges Mal zum Tanzen, dann wurde er ja aber auch von seinem Amt abgelöst und konnte sich ganz seinem Vergnügen überlassen.

Natürlich führte jeder Bursche sein Mädchen zu Tische, und die Platzpaare saßen obenan, Hans mit Lieschen in der Mitte, und die anderen Beiden rechts und links, und wenn auch eben nicht viel gegessen ward, getrunken wurde desto mehr. Der Tisch brach aber trotzdem fast unter den verschiedenen Speisen, und Kalbsbraten, Schweinebraten, Truthahn, Gans, Enten, Hühner und Schinken deckten mit einer Menge von Zuspeisen und süßen und sauren Sachen die Tafel wirklich von einem Ende bis zum anderen. Der Bauer, so mäßig er sonst lebt, hält etwas darauf, daß bei solchen Gelegenheiten die Speisen gut und hauptsächlich in Masse dasein müssen. Und hier war es noch besondere Ehrensache, daß es auf ihrer Kirmeß an nichts fehle, damit die Burschen, die von anderen Dörfern herüber gekommen waren, sich nicht am Ende später über die Festgeber lustig machten.

Es war das überhaupt eine eigene Sache mit dem Besuch von anderen Dörfern, und dieser, wenn auch gestattet, doch immer nur mehr geduldet, als gern gesehen. Mit dem größten Vergnügen konnten die Burschen kommen, mit trinken und mit tanzen, aber sie durften kein Mädchen „aus unserem Dorfe“ besonders auszeichnen, oder gar Abends heimführen wollen. Nachher gab es böses Blut. Die Burschen wurden dann, zwar nicht gerade von den Platzburschen, aber von den Uebrigen, geneckt und gehänselt. Man spielte ihnen jeden Schabernack, den man nur gelegentlich anbringen konnte, und setzten sie sich zur Wehr oder nahmen sie nicht Alles gutmüthig hin, dann kam es auch wohl zu Thätlichkeiten und der Tanzboden verwandelte sich plötzlich aus einem Lust- in einen [338] Kampfplatz. Es geschah aber doch verhältnißmäßig selten, denn die fremden Burschen wußten schon, wie sie sich zu benehmen hatten, und die „hiesigen“ hielten ebenfalls soviel als möglich mit solchen „letzten Hülfen“ zurück, weil sie ja doch auch manchmal die Nachbardörfer besuchten, wo ihnen alsdann hätte Aehnliches widerfahren können.

Vor Tische fiel überhaupt nie eine derartige Scene vor, und der erste Tag verging fast jedes Mal in Ruhe und Frieden.

So auch hier. Heute tanzte das junge Volk bis zwei Uhr des andern Morgens. Jeder im Ort wohnende Tänzer geleitete dann sein Mädchen heim, und am andern Morgen fing die Musik schon wieder um zehn Uhr an zu spielen. Auch an diesem Tage fiel nichts Bemerkenswerthes vor, und Jeder stimmte damit überein, daß eine so prachtvolle und reiche Kirmeß noch gar nicht in Dreiberg gefeiert worden wäre und eine so friedliche ebenfalls nicht.

Am dritten Tage kam, etwa um drei Uhr Nachmittags, Herr von Secklaub wieder nach Dreiberg, der in der That einen Zwischentag gebraucht hatte, um sich ordentlich auszuruhen, und die Burschen zischelten und lachten über ihn, als er den Saal betrat. Er ließ sich aber dadurch wenig stören, und Lieschen entschädigte ihn auch bald dafür, da sie ihn, von ihrem Rechte Gebrauch machend, gleich zu dem nächsten Tanz abholte.

Mit Dunkelwerden hatte Katharinens Tänzer, der Soldat gewesen war und in der Stadt eine Menge neue Tänze gelernt zu haben schien, von denen man auf dem Lande eben keinen Gebrauch machte, eine Française oder einen Contre-Tanz vorgeschlagen. Erst wollten die Mädchen nicht darauf eingehen, zuletzt aber, unter Kichern und Lachen, stellten sie sich an, die drei Platzpaare und noch ein anderes, und der arme Teufel, der den Tanz vorgeschlagen, bereute es bald bitter, denn sie machten ihm das Leben dabei sauer genug. Die Mädchen begriffen trotzdem ziemlich rasch, wie sie sich dabei zu verhalten hätten, und, von Lieschen unterstützt, ging es schon gar nicht so schlecht. Die Burschen ließen sich aber desto ungeschickter an, und Hans besonders konnte das Ding nicht in den Kopf oder vielmehr in die Füße kriegen.

Herr von Secklaub, der zum vierten Paar gehörte, war dagegen in diesem Tanze vollkommen zu Hause, und daß er sich so geschickt dabei benahm und Hans so hölzern, ärgerte diesen ganz besonders. Das dauerte aber nicht lange. Hans sowohl, wie die andern Platzbursche, bekamen das „Durcheinanderdrehen“ bald satt. Mitten drin ließen sie abbrechen, und wieder wirbelten die Paare in einem rasenden Rutscher dahin und umeinander herum.

Jetzt wurde zum Essen trompetet und Lieschen stand einen Augenblick allein, da Hans nach dem anderen Ende des Saales gerufen wurde, wo ein Streit entstanden war, ob ein Fremder sein Band gelöst habe oder nicht. Secklaub, der den letzten Tanz frei geblieben, trat auf Lieschen zu und bot ihr seinen Arm, um sie zu Tische zu führen.

„Ich weiß nicht, ob ich darf,“ flüsterte sie, „Hans könnte es übelnehmen.“

„Aber wenn er Sie so vernachlässigt, mein Fräulein,“ sagte der junge Mann, „so darf er sich doch darüber nicht beklagen. Kommen Sie, ich will Sie ja nur begleiten und stehe dann gern von näheren Anrechten zurück.“ Er ließ auch keinen Widerspruch zu, zog Lieschens Arm in den seinen und führte sie zu Tische.

„Na?“ sagte Katharinens Platzbursche, den Fremden erstaunt ansehend, als dieser mit seiner Dame an den oberen Theil des Tisches trat, „blöde sind Sie gerade nicht. Ist das etwa der Stellvertreter für den Bräutigam, Jungfer Braut?“

Lieschen wurde feuerroth, ehe sich aber Secklaub zurückziehen konnte, stand Hans neben ihm und seinen Arm ergreifend, daß die blauen Flecke daran noch nach acht Tagen sichtbar blieben, sagte er eben nicht höflich: „Will der Herr wohl so gut sein und die Hand davon lassen? Das ist meine Platzjungfer, und die hat Niemand anders zu Tisch zu führen, als ich selber!“

„Hans, fang’ keinen Streit an,“ bat Katharine leise flüsternd, indem sie seinen Arm ergriff. „Er hat es ja nicht so bös gemeint. Er weiß ja nicht, was hier Sitte ist.“

„Sie entschuldigen,“ sagte Secklaub, dem es nicht unangenehm war, daß ihn Hans wieder losließ, „ich wußte nicht, daß ich dabei einen Eingriff in Ihre Rechte beging, aber Fräulein Erlau –“

„Komm, Lieschen,“ sagte Hans, vor den Fremden tretend und ihm den Rücken kehrend, während er seine Braut auf ihren Stuhl niederzog, „setz’ Dich und mach’ Dir’s bequem. Und nun wollen wir einmal tüchtig einhauen, denn ich bin nicht schlecht hungrig geworden.“ Den Stadtherrn beachtete er gar nicht mehr, und Herr von Secklaub zog sich, eben nicht erfreut von der Behandlung, an das andere Ende der Tafel zurück. Mit den Bauerburschen konnte er doch nicht gut Streit anfangen.

Um halb elf Uhr begann der Tanz von Neuem, und es wurden jetzt blaue Bänder ausgegeben. Vor Tische waren wieder rothe getragen worden. Katharinens Platzbursche hatte die Vertheilung derselben. Das ging auch rasch und ohne Schwierigkeit vor sich, und das junge Volk warf sich der Lust wieder mit solchem Eifer in die Arme, als ob das der erste Abend gewesen wäre und sie nicht schon zwei halbe Nächte durchtanzt hätten.

„Hallo, Freund,“ begann Katharinens Tänzer, der mit seiner Sparbüchse in der Hand durch die Reihen schritt und jetzt damit, dicht vor Herrn von Secklaub, klapperte. „Ihr habt noch Euer Band von vor Tisch ein, bitt’ um die fünf Groschen, hier ist ein anderes.“

„Bitte um Verzeihung,“ sagte Secklaub, indem er in die Westentasche griff und sein blaues Band herausholte und vorzeigte, „ich habe es mir eben von Ihnen selbst eingelöst und trage nur das rothe, weil es mir besser gefällt.“

„So? na, das ist Geschmacksache,“ sagte der Bursche, „aber wenn Sie hier mittanzen wollen, müssen Sie das blaue tragen, wie’s meine Platzjungfer trägt, nicht dem Hans seine, verstehen Sie mich? oder ich komme wieder mit der Büchse,“ und damit wandte er sich lachend ab, und Herr von Secklaub knüpfte das blaue Band zu dem rothen.

„Tanz’ nicht mehr mit dem Herrn mit dem Schnurrbart!“ flüsterte Katharine leise dem Lieschen zu.

„Und warum nicht?“ frug diese rasch und etwas heftig zurück.

„Die anderen Burschen haben schon darüber gesprochen,“ warnte sie das junge Mädchen. „Sie haben auch heut Abend ’was im Kopf, und es könnt’ sonst Streit geben. Es wär’ besser, wenn er ganz wegginge.“

„Sie dürfen ihm nichts thun,“ sagte aber Lieschen trotzig, „er ist Gast hier in Dreiberg und hat seine Musik bezahlt, so gut wie die Andern, auch noch Niemanden beleidigt, und der Hans ist doch schon vorhin recht grob mit ihm gewesen.“

„Sei dem Hans nicht böse drüber, Lieschen,“ bat Katharine gutmüthig, „Du weißt, daß die Platzburschen ihre Rechte haben und sich nicht gern ’was davon nehmen lassen. Es kostet ihnen ja auch viel Geld. Uebrigens war’s gewiß nicht so bös gemeint, Hans ist nun einmal so gradhin.“

„Er hätte mehr Lebensart haben sollen,“ zürnte Lieschen noch immer. „Uebrigens hab’ ich als Platzjungfer auch meine Rechte und kann tanzen, mit wem ich will.“

„Das kannst Du ja, Lieschen,“ beschwichtigte sie das junge Mädchen, „aber thu’s mir zu Liebe nicht mehr heut’ Abend mit dem fremden Herrn. Es läuft wahrhaftig nicht gut ab.“

„Unsere Kirmeß!“ jubelte da mit einem hellen Jauchzer Katharinens Tänzer dicht neben ihnen, umschlang das junge Mädchen und wirbelte mit ihm zum Tanze fort; Lieschen aber, durch die Warnung nur noch mehr gereizt, ging geraden Weges auf den etwas abseits stehenden Secklaub zu, bot ihm die Hand und trat in die Reihe ein.

„Du, Hans,“ sagte da einer der Dreiberger Burschen, indem er ihn auf die Schulter klopfte, „wer ist denn hier eigentlich Platzbursch’, Du oder der da?“ und damit zeigte er auf den gerade vorbeitanzenden Secklaub; „einen Strauß trägt er auch schon im Knopfloch.“

„Ach, laß ihn,“ sagte Hans, indem er dem Paare mit einem finsteren Blick folgte, „was weiß der Laffe von unseren Gebräuchen hier!“

„Ei zum Henker,“ rief ein Anderer, der daneben stand, „dann muß man ihn gescheidt machen. Von meinem Mädchen wollte er vorher einen Kuß haben, die hat ihn aber schön ablaufen lassen. Das weiß ich, wenn er mir so in die Quere käme, ich wollt’ ihm bald zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.“

Hans, obgleich er ein bischen viel getrunken, wollte doch nicht gern Streit anfangen. Das Necken der Cameraden war ihm aber doch nicht recht, und als der Erste jetzt sogar wieder spöttisch meinte, das Heimführen würde der ihm wohl auch ersparen, da er die Jungfer gewiß gleich heute Abend nach Wetzlau hinüberbrächte, [339] stieg ihm das Blut in den Kopf. Noch ein paar Minuten blieb er mit verschränkten Armen stehen, dann aber, als er sah, wie der Fremde seinem Mädchen eine Menge Sachen in’s Ohr flüsterte, schritt er plötzlich ruhig, aber entschlossen zwischen den Tanzenden durch, gerade auf das Paar zu, und Lieschen an der Hand nehmend, zog er sie mit sich fort und sagte: „Komm, Jungfer, Du hast jetzt genug mit dem Herrn da getanzt.“

„Aber, Hans!“ rief Lieschen erschreckt und zugleich beleidigt, denn die Mädchen in der Nachbarschaft lachten.

„Entschuldigen Sie,“ rief aber auch Herr von Secklaub, „die Dame hat, so viel ich weiß, das Recht –“

„Hier sind keine Damen,“ trat ihm ein anderer Bursche, der schon darauf gewartet hatte, gerade vor das Gesicht, „das da ist dem Hans seine Platzjungfer – verstanden?“

„Mit Ihnen habe ich gar nichts zu schaffen,“ sagte der junge Mann und wollte ihn bei Seite schieben. Das war gefehlt.

„Na, das auch noch?“ rief der junge kräftige Bursche und warf Secklaub’s Arm zurück, daß dieser gegen einen der Cameraden anflog.

„Oho!“ schrie dieser, indem er den Städter augenblicklich beim Kragen faßte, denn fast die sämmtlichen Burschen hatten viel weniger auf eine Ursache, als einen Anfang gewartet, „wissen Sie nicht, wie man sich zu benehmen hat? Treppe frei!“

„Treppe frei! Treppe frei!“ schrie die jubelnde Schaar. Herr von Secklaub wollte sich zur Wehr setzen, allein, lieber Gott, in den Händen der Burschen war er wie ein kleines Kind, und während die Uebrigen lachend und schreiend beiseite wichen, wurde der arme Teufel ohne Weiteres mehr zur Treppe getragen, als geführt und dort mit einem „Kopf weg, da unten!“ hinabgesandt. Er polterte auch die ziemlich steilen Stufen bis unten hin, raffte sich dann auf und schien einen Augenblick nicht übel Lust zu haben, in voller Wuth wieder nach oben zu stürmen. Das aber wäre blanker Wahnsinn gewesen, denn wenn er sich auch kräftig genug fühlte, einem Einzelnen Stand zu halten, hätte er dort oben den ganzen Schwarm gegen sich gehabt. So war er denn, mit zerrissenem Rock und ohne Hut, genöthigt, sein Pferd zu bestellen, das ihm der Hausknecht bald brachte. Uebrigens nicht gewillt, im bloßen Kopf heimzureiten, nahm er unten im Haus die erste beste Kopfbedeckung, von denen dort überall genug an den Nägeln hingen, stülpte sie auf und galoppirte kaum eine Viertelstunde später, eben nicht besonders gut gelaunt, in die dunkle Nacht hinein nach Wetzlau hinüber.




9. Weshalb man nie eine Gartenthür offen lassen soll.

Die Kirmeß war vorbei, und am Freitag Morgen geleitete Hans seine Braut wieder, mit der vollen Musik, nach Wetzlau hinüber. Am nächsten Sonntag zur Nachkirmeß war aber Lieschen unwohl geworden und konnte nicht nach Dreiberg kommen. Sie hatte spät am Sonnabend Abend noch einen Boten hinüber gesandt, damit die Musik nicht umsonst käme, um sie abzuholen.

Hans fühlte sich unbehaglich darüber, denn er wußte recht gut, daß ihn die Dreiberger Burschen auslachen würden, wenn ihn seine Platzjungfer im Stich ließ. Und war sie auch so ernstlich krank? – das wäre ja noch viel schlimmer gewesen. Am Ende war sie nur ein wenig böse auf ihn, des letzten Abends im Wirthshause wegen. Trug er denn aber die Schuld? Der Fremde hatte ja mit den anderen Burschen Streit bekommen, und er bei der ganzen Sache keine Hand angelegt, ja, dem Stadtherrn nicht einmal ein böses Wort gesagt – und was ging sie auch überhaupt der Laffe an, daß sie ihm seinetwegen böse sein konnte – und doch war sie an jenem Abend gar nicht mehr so freundlich mit ihm gewesen, wie sonst. Die Botschaft von Wetzlau aber konnte er nicht aus dem Kopf bringen und beschloß endlich am nächsten Morgen mit Tagesanbruch selber hinüber zu reiten.

Der Vater war an demselben Tage nochmals in der Stadt gewesen, und es schien fast, als ob er jetzt bald einen Heimathschein, und zwar von hier, erhalten würde. Der alte Barthold hatte nämlich, des ewigen Hin- und Herschreibens müde, drinnen erklärt, daß er seinem Sohn sein Gut in Dreiberg übergeben würde. Dadurch wurde Hans ansässig, und sie konnten ihm dann das Heimathrecht nicht länger verweigern. Der Traubenwirth hatte ihn dazu vermocht, ihm dauerte selber die Sache zu lange und er wünschte, daß die Hochzeit recht bald sein könnte, weshalb, sagte er aber dem alten Barthold nicht.

Das war doch wenigstens eine gute Nachricht, die der Hans mit hinüber nach Wetzlau nehmen konnte, und eben schaute am anderen Morgen die Sonne über die östlichen Gebirgshänge herüber, als er auf seinem Braunen in den herrlichen Herbstmorgen hineintrabte. Eigentlich war es noch ein wenig früh für einen Besuch, aber auf dem Lande wird es nicht so genau genommen, und daß Lieschen, wenn nicht ernstlich krank geworden, schon um diese Zeit auf und munter sei, wußte er außerdem.

Zu Pferd brauchte er auch nicht den nichtswürdigen Fahrweg einzuhalten, wenigstens ein kleines Stück vor Wetzlau konnte er abschneiden, wenn es auch verboten war den Pfad zu reiten, weil man damit das Chausseehaus umging. Dadurch kam er gleich hinter dem Wirthshaus in’s Dorf, und da er die Gartenpforte offen fand, ritt er hinein, hing den Zügel seines Pferdes über den Ast eines Apfelbaumes – aufhalten durfte er sich doch nicht lange, er mußte ja zurück nach Dreiberg zur Nachkirmeß – und kam durch den Hof in das Haus.

Unten traf er das Hausmädchen, das ihm aber auf seine Frage, wie es Lieschen ginge, antwortete: „Die Jungfer? o, die ist ganz wohl. Sie war vorhin unten und ist eben wieder hinaufgegangen.“

„Also nicht krank, Gott sei Dank!“ dachte Hans, als er die Treppe langsam hinanstieg, „und sollte sie mir da wirklich böse sein? ei, das will ich bald sehen, was sie für ein Gesicht macht, wenn sie mich zuerst sieht, ob sie nur so thut, oder ob sie’s wirklich ist, und nachher muß der Alte gleich einspannen und sie wieder hinüberfahren lassen. Das wäre eine schöne Nachkirmeß ohne Platzjungfer! Ein Glück nur, daß ich herübergekommen bin!“

Damit hatte er den oberen Theil der Treppe erreicht und betrat eine Art Vorsaal, der in einige Gaststuben führte, dahinter lag eine Vorrathskammer, und links ab durch den Gang kam man in Erlau’s Familienwohnung, wo Lieschens Zimmer dicht neben der Schlafkammer der Eltern lag. An der Treppe vorüber führte ein anderer Gang nach dem linken Flügel des Hauses, wo sich die gewöhnlich benutzten Gastzimmer befanden. Die an dieser Seite wurden nur in Ausnahmsfällen benutzt und standen meistens leer.

Hier blieb Hans unschlüssig stehen, denn er scheute sich nach Erlau’s Wohnzimmer hinüber zu gehen; es war ihm doch noch ein wenig zu früh, und er überlegte sich eben, daß es das Beste sei, wenn er lieber erst von unten das Hausmädchen hinaufschicke und Lieschen sagen lasse, er sei da und müsse sie einen Augenblick sprechen. Als er eben wieder umkehren wollte, hörte er drüben auf dem Gang den festen Schritt eines Mannes. Das war gewiß der Mosje mit dem Schnurrbart, der hinuntergehen wollte, dem mochte er nun gerade hier nicht begegnen, wenn er es vermeiden konnte, und eines der leeren Gastzimmer öffnend, trat er hinein und ließ die Thür angelehnt.

Der Schritt kam aber näher und mußte die Treppe längst passirt haben. Jetzt betrat er den diesseitigen Gang, es war wahrhaftig der alte Bekannte mit dem Schnurrbart; was hatte denn der auf dieser Seite des Hauses zu thun? Er konnte ihn, als er vorüberging, durch die Thürspalte deutlich erkennen, und dann blieb der Mensch auch noch gar dort stehen und ging auf dem kleinen Vorplatz auf und ab. Ob der Laffe nicht überall im Wege war!

Hans ärgerte sich, daß er in das Zimmer getreten war; wenn er es aber jetzt verließ, was mußte der Bursche dann von ihm denken, daß er sich hier versteckt gehalten? Nein, warten mußte er noch eine Weile, bis die Luft rein war. Der Mosje würde doch gewiß keine halbe Stunde dastehen bleiben.

Jetzt wurde die Gangthür geöffnet, er kannte sie am Knarren. Da kam am Ende Lieschen, und der alberne Mensch stand auf dem Vorsaal, und draußen wurde jetzt geflüstert. Hans horchte hoch auf, das konnte doch nicht Lieschen sein? gewiß eines der Dienstmädchen aus dem Hause.

Die Stimmen kamen näher, und dicht vor seiner Thür blieben die Beiden, wer es auch immer war, halten.

„O, geh fort, Otto.“ bat jetzt Lieschens Stimme – dem Hans war genau so zu Muthe, als ob ihn Jemand mit einem Messer in’s Herz gestochen hätte – „ich habe den Vater schon in seiner Kammer gehört, und wenn er Dich hier mit mir fände, wäre ich unglücklich. Er hat überdies schon Verdacht geschöpft und mir gedroht. Wenn uns nun Jemand hier zusammen sähe!“

„Aber, liebes, herziges Kind,“ bat des Fremden Stimme, „ich muß heute in die Stadt, und werde unter vierzehn Tagen nicht [340] zurückkommen. Ich konnte doch nicht fortgehen, ohne Abschied von Dir zu nehmen.“

„Und Du mußt fort?“

„Würde ich gehen, wenn ich nicht müßte? Ach, Lieschen, jetzt fühl ich es erst, wie lieb ich Dich habe, und daß ich nicht ohne Dich leben kann. O mein Gott, wie soll das später werden?“

„Ich weiß es nicht,“ seufzte das Mädchen, „aber der Vater gäbe seine Einwilligung nie zu unserer Verbindung, und ich bin jetzt unglücklich für meine ganze Lebenszeit.“

„So bist Du mir wirklich gut?“

„Von ganzer Seele.“

Die Thür, vor der sie standen und sich umfaßt hielten, öffnete sich plötzlich und Hans trat heraus. Er sah leichenblaß aus und schritt, ohne ein Wort zu sagen, langsam und den Blick stier auf Herrn von Secklaub geheftet, auf diesen zu.

„Hans!“ stöhnte Lieschen emporschreckend, – er sah sie gar nicht – er wußte wahrscheinlich selber nicht genau, was er that, und streckte nur langsam den Arm nach seinem Nebenbuhler aus. Dieser wich scheu einen Schritt zurück, denn der Blick des jungen Mannes kündete nichts Gutes.

„Hans!“ rief nochmals Lieschen und warf sich ihm erschreckt entgegen, „was willst Du thun?“

Die Berührung des Mädchens schien ihn sich selber wiederzugeben. Er sah seine Braut starr an, machte sich dann von ihr los, drehte sich ab und stieg, ohne auch nur ein Wort zu sagen, die Treppe wieder hinab. Aber er that das, wie ohne eigenen Willen, als ob er von einer Maschine getrieben würde.

„Haben Sie die Jungfer gefunden?“ frug ihn das Hausmädchen unten.

Er nickte nur mit dem Kopfe, schritt durch den Hof und den Garten, machte das Pferd los, stieg wieder auf, und sprengte wenige Minuten später in gestrecktem Galopp in der Richtung nach Dreiberg fort.

Eine Stunde später, und kaum noch einen Büchsenschuß von Dreiberg entfernt, fanden drei junge Bauern, die hinüber zur Nachkirmeß wollten, den Dreiberger Platzburschen besinnungslos auf dem Wege liegen. Er mußte jedenfalls mit dem Pferd gestürzt sein, das noch, etwa hundert Schritt von ihm entfernt, auf einer Kleestoppel weidete, und hatte sich den Kopf an den scharfen Steinen blutig geschlagen.

Die Burschen hatten aber Verstand genug, ihn nicht in solchem Zustande in seiner Eltern Haus zu tragen; die Mutter hätte den Tod vor Schreck davon haben können. Einer von ihnen holte deshalb das Pferd, setzte sich auf und sprengte voraus, um es dem alten Barthold zu melden, und die andern Beiden nahmen den Bewußtlosen in die Arme und trugen ihn dem Dorfe zu.

Eine halbe Stunde darauf lag Hans entkleidet, aber immer noch ohne Besinnung, in seinem Bett, während der Dorfchirurg seine Wunden – er hatte eine an der Stirn und eine über dem linken Schlaf – untersuchte und verband, und um das Bett standen in sprachlosem Jammer Vater und Mutter und die arme Katharine.

Das war eine recht gestörte Nachkirmeß heute in Dreiberg, denn es fehlte dabei ein Platzbursche und zwei Platzjungfern – aber getanzt wurde doch, das Fest mußte ja natürlich abgehalten werden, und wer fehlte, wurde eben durch Andere ersetzt. Was hätte eine Kirmeß in ihrem Gange auch aufhalten können?




10. Im Bett.

Und wie traurig ging es indessen im Hause des alten Barthold zu, denn mit Hans wurde es nicht besser, und als er am zweiten, dritten, ja selbst am vierten Tag noch immer nicht zur Besinnung kam, da war es der Mutter, als ob sie sich selber mit in’s Grab legen müsse, wenn sie sehen sollte, wie sie den einzigen Sohn hinaustrügen, auf Nimmerwiederkehr.

Auch der Vater ging wie gebrochen umher; der alte Mann schien in den wenigen Tagen um doppelt die Anzahl von Jahren älter geworden zu sein. Er sprach fast mit Niemandem, und die Knechte hatten noch nie mit einem solchen Eifer ihre Arbeit gethan und nach ihrer Pflicht gesehen, wie in diesen Tagen, denn es war ihnen gar so unheimlich, daß der alte Mann nicht manchmal mit einem, aber immer gut gemeinten Donnerwetter dazwischen fuhr und ihnen auf die Finger sah. Die Einzige, die noch die Arbeit im Hause besorgte, war Katharine; aber wo sie sich eine Minute an ihrer Zeit abmüßigen konnte, saß sie oben am Bett des Kranken und strickte, und wenn sie Niemand sah – denn sie wollte die Eltern nicht noch trauriger machen – fielen ihr die großen schweren Thränen auf ihre Arbeit nieder.

So war der vierte Nachmittag gekommen. Der Vater hatte die ganze Nacht bei dem kranken Sohn gewacht, die Mutter war dann den ganzen Morgen oben bei ihm gewesen, und jetzt hatte Katharine bei ihm die Wacht. Die Arme hatte wieder eine Weile gestrickt, dann ließ sie die Arbeit in den Schooß sinken, und ihr Blick haftete an den todtbleichen Zügen des Kranken, bis sich endlich von den vielen herausstürzenden Thränen ihr die Augen verdunkelten. Da aber hielt sie sich nicht länger; am Bett fiel sie nieder auf die Kniee, drückte ihre heiße Stirn gegen das Unterbett und rief mit halblauter, von Schmerz und Jammer fast erdrückter Stimme: „O, laß ihn leben, lieber Gott, laß ihn leben! sei barmherzig und nimm ihn nicht seinen armen Eltern, die den Jammer ja nicht ertragen könnten. Wenn aber eines sterben muß, o Du barmherziger Gott, so laß mich es sein. Wie gern, wie gern sterb ich für ihn, und besser, viel besser wäre es ja auch, Du nähmst mich fort, ich werde ja doch mein ganzes Leben elend und verlassen sein.“ Und halb an dem Bett niedersinkend, daß sie sich nur noch mit den Händen hielt, schluchzte sie, als ob ihr das Herz brechen müsse.

Während sie betete, hatte der Kranke auf dem Lager langsam die Augen geöffnet und erstaunt aufgesehen. Jetzt schloß er sie wieder; die Betende lag aber noch lange neben dem Bett zusammengebrochen und erhob sich erst, als sie draußen Schritte hörte. Es war der Vater, der in’s Zimmer kam, um nach seinem Sohn zu sehen.

Nur einen Blick warf er nach dem Kranken, seufzte tief auf und wandte sich dann gegen das Mädchen, dem noch die hellen Thränen über die Wangen liefen.

„Arme Katharine,“ sagte er herzlich, umfaßte sie und küßte ihre Stirn, „thut Dir’s denn auch so weh, daß wir den Jungen verlieren sollen? Aber härme Dich nicht so ab, Kind, Du wirst uns ja sonst selber krank. Wir stehen Alle in Gottes Hand, Herz. Er hat ihn uns gegeben; will er ihn wieder nehmen – sein Name sei gelobt.“

Katharine legte sich jetzt an die Brust des Alten, und ihr Schmerz löste sich allmählich in lindernde Thränen auf.

„Geh’ jetzt, Schatz,“ sagte der Vater leise und richtete sie auf, „die Mutter hat nach Dir verlangt. Ich bleibe bei dem Jungen. Der Chirurg muß auch bald wieder kommen. Sowie er da ist, schick’ ihn mir augenblicklich herauf, hörst Du?“

„Ja, Vater,“ sagte Katharine, die sich gewaltsam zusammennahm, „ich geh’ schon, nur frische Umschläge möcht’ ich ihm noch geben, daß es ihm die Wunden wieder ein Bischen kühlt.“

Der Vater nickte still und langsam vor sich hin, und setzte sich dann auf den Stuhl, zu Füßen des Bettes, während Katharine mit vorsichtiger Hand die kalten Umschläge erneuerte und dann leise, als ob sie einen Schlafenden zu stören fürchte, das Zimmer verließ.

Der Vater saß, nachdem die Katharine schon lange hinausgegangen, noch immer so, den Blick auf das bleiche, kalte Antlitz des Sohnes geheftet. Endlich stützte er auf dem Lehnstuhl den Kopf in die rechte Hand und schaute stier und lautlos viele, viele Minuten lang vor sich nieder.

„Vater,“ sagte da eine leise Stimme, und wie von einem Schuß getroffen, sprang der alte Mann empor.

„Vater!“ Hans sah ihn aus den eingefallenen Augenhöhlen groß an, er lebte. Der Verwundete war zum Bewußtsein zurückgekehrt.

„Junge, Junge!“ rief der Alte, und was der Schmerz und Jammer um den Todtgeglaubten nicht vermocht, das erzwang die Freude. Am Bette stürzte er nieder und des Sohnes Hand mit Küssen bedeckend, weinte er wie ein Kind.

Aber nicht lange konnte der starke Mann von solchem Gefühl bewältigt werden, und mit dem Bewußtsein – der Arzt hatte ihn besonders davor gewarnt – den Erwachten nicht zu sehr aufregen zu dürfen, sagte er, mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme, indem er die Hand des Kranken drückte und streichelte: „Hans, lebst Du wieder, o, das ist brav! das ist brav! Aber lieg’ still, mein Junge, rühre und rege Dich nicht. Der Doctor wird gleich da sein, und ich muß jetzt hinunter und es der Mutter [341] sagen – und der Kathrine – ich bin gleich wieder da, lieg’ nur noch einen Augenblick still, mein Hans, nur einen Augenblick.“

Der alte Mann wußte selber kaum, was er that. Die Glieder flogen ihm wie in Fieberfrost, und vor Freude bebend – er fand kaum die Thürklinke: eilte er hinaus, um der Mutter die Botschaft zu bringen – „Dein Sohn lebt!“

Wie wär’ es möglich den Jubel zu beschreiben, der jetzt das Haus erfüllte, denn der Chirurg hatte ihnen schon gesagt, wenn Hans wieder zum Bewußtsein käme, dann brauchten sie für sein Leben nicht mehr zu fürchten; nur ruhig müßten sie ihn halten. Das wollten sie auch, aber sehen mußten sie ihn erst einmal, nur einen einzigen kleinen Augenblick, und leise, selbst auf den Zehen, schlichen die Mutter und Katharine in die Kammer hinein. Als sie aber dem Blick des Sohnes und Bruders begegneten, der ihnen freundlich zulächelte, da konnten sie sich nicht mehr halten und thaten wie der Vater. Sie stürzten an sein Bett, und bedeckten seine Hand mit Küssen und Thränen. Aber der Alte stand jetzt Wacht.

„Hinaus mit Euch!“ rief er in gutmüthigem Zorn, „wollt Ihr den Jungen rebellisch machen, daß er mir wieder ohnmächtig wird? Fort und hinunter, bis der Doctor kommt, ich bleibe so lange bei ihm auf Posten.“ Und Mutter und Katharine, die wohl wußten, daß der Vater Recht hatte, rissen sich von dem Wiedergeschenkten los, nickten ihm noch in seliger Freude zu und verließen jetzt das Zimmer, um sich unten in ihrer Stube recht von Herzen auszuweinen – doch es waren Freudenthränen.

„Aber Vater,“ sagte Hans mit wohl noch sehr matter, indeß vollkommen deutlicher Stimme, „weshalb treibst Du die Mutter und die – die Kathrine hinaus? es fehlt mir ja Nichts mehr, und – ist denn die Kathrine heute nicht zur Kirmeß gegangen?“

„Fehlt Dir Nichts mehr? – so?“ sagte der Vater, indem er ihn kopfschüttelnd betrachtete, „und heute zur Kirmeß? Weißt Du denn, welchen Tag wir heute schreiben, und wie lange Du dagelegen hast?“

„Nun? ist’s nicht Sonntag? aber wie bin ich denn eigentlich hier in’s Bett gekommen? was ist denn vorgefallen?“

„Heute Sonntag? Mittwoch ist heute und noch dazu Mittwoch Abend und der vierte Tag, daß Du hier liegst und keinen Bissen Essen, keinen Tropfen Wasser über die Lippen gebracht hast!“

„Mittwoch? aber wie ist das möglich?“

„Bist Du am Sonntag nicht mit dem Pferd gestürzt? Der Braune hatte ja doch die Spuren am Körper.“

„Mit dem Pferd gestürzt? – ja!“ sagte Hans da plötzlich, und sein Antlitz, das sich beim Reden etwas gefärbt hatte, wurde wieder leichenblaß, „als ich von Wetzlau herüberkam. Der Braune stolperte auf dem schlechten Weg – ich glaube er stürzte auch – aber weiter weiß ich mich auf Nichts zu besinnen.“

„Ja, weil sie Dich nachher für todt hier in’s Haus trugen. Und was für Sorge haben wir um Dich gehabt, die Mutter und die Kathrine und Deine Braut!“

„Meine Braut?“ sagte der Hans leise.

„Nun gewiß,“ sagte der Alte. „Wir mußten ihr doch natürlich gleich die Botschaft hinüberschicken, und als sie am Montag selber mit dem Traubenwirth oben war und Dich hier auf dem [342] Bett wie todt liegen sah, hat sie geweint, als ob ihr das Herz brechen müßte. Jetzt ist sie selber krank und liegt im Bett, aber alle Tage hat sie herübergeschickt, um fragen zu lassen, wie es Dir geht; manchmal zwei Mal an einem Tag. Es soll mir auch gleich ein Bote nach Wetzlau, daß sie sich mit uns freuen können.“

Hans sank wieder auf sein Kopfkissen zurück und schloß die Augen. Der Kopf that ihm noch weh und das Besinnen that ihm auch weh, und doch hätte er in dem Augenblick Gott weiß was darum gegeben, wenn er gewußt hätte, was jetzt wirklich geschehen sei und was er nur geträumt habe. Wie ihm das Alles so wild und toll in seiner Erinnerung durcheinander schwamm – er konnte die einzelnen, verworrenen Bilder gar nicht von einander trennen.

„Hans,“ rief der Vater ängstlich, „bist Du wieder krank?“

„Nein, Vater,“ sagte der junge Bursche leise, ohne aber die Augen noch zu öffnen, „der Kopf schwindelt mir nur. Laßt mich einmal einen Augenblick ausruhen; es wird gleich wieder besser werden.“

Hans hatte auch nicht zu viel versprochen. Eine solche Natur, wie er, kann wohl einmal geworfen werden, aber sie arbeitet sich auch wieder kräftig nach oben, und Träume und Phantasien können nie lange Gewalt über sie haben. Doch die Augen durfte er nicht dazu geschlossen halten; er mußte sehen, was um ihn her vorging, und wie er wieder in das ängstlich besorgte Gesicht des Vaters schaute, kam ihm die Erinnerung an das Vergangene – an das wirklich Geschehene, klar und deutlich zurück.

„Wo ist die Kathrine, Vater?“ sagte er leise.

„Die Kathrine? unten bei der Mutter. Laß die Frauen nur noch eine Weile gehen, denn die machen Dich sonst nur noch unruhiger, als Du schon bist. Aber ich hab’ Dir auch eine gute Kunde zu melden, Hans – eine recht gute Kunde.“

„Eine gute Kunde?“

„Dein Heimathschein ist angekommen. Jetzt ist’s auf einmal schnell gegangen. Aber nun mach’ auch, daß Du wieder auf die Füße kommst. Ich hab Dir das ganze Gut verschrieben, und da mußten sie ihn Dir wohl geben, denn Du bist ja jetzt Landeigenthümer geworden und kannst nun heirathen, wann Du willst. Aber nach Gotha werden wir doch noch müssen, denn die Herren Geistlichen sind zäh und wollen nicht nachgeben.“

„Wo ist denn die Kathrine, Vater?“

„Aber was hast Du nur mit der Kathrine? unten, ich hab’ Dir’s ja schon vorher gesagt, bei der Mutter.“

Wieder schloß Hans die Augen und schien jetzt wirklich müde geworden zu sein, denn als ihn der Vater wieder anredete, bewegte er nur leise die Hand und öffnete die Augen nicht. Da er aber ruhig und regelmäßig athmete, war der Alte vernünftig genug, ihn nicht weiter zu stören, und zwei volle Stunden blieb er so liegen, während die Frauen ein paar Mal leise das Zimmer betraten, aber immer wieder auf den Zehen hinausschlichen, sobald sie den Schlaf des Kranken bemerkten.

Gegen Abend kam der Chirurg, und als Hans die fremde Stimme hörte, öffnete er die Augen. Er hatte wirklich geschlafen und fühlte sich dadurch merklich gestärkt.

Der Chirurg war außerordentlich zufrieden; der Puls ging ruhig, die Kopfwunden waren nur noch wenig entzündet. Wundfieber hatte er gar nicht gehabt, und mit einiger Ruhe hoffte jener ihn in ein paar Tagen wieder auf den Füßen zu haben.

„In ein paar Tagen?“ lächelte Hans, „ich stehe morgen auf, Doctor, die Schrammen am Kopf heilen auch so.“

„Und fallen mir nachher wieder um,“ sagte der Chirurg.

„Denke nicht daran,“ meinte Hans.

„Nur nicht zu früh,“ warnte der Doctor, als er das Haus verließ, „daß wir keinen Rückfall kriegen.“

Mutter und Katharine durften jetzt bei ihm bleiben, und als das junge Märchen wieder zu seinem Bett trat, nahm er ihre Hand, drückte sie leise und sah ihr so lange in die guten blauen Augen, bis sie den Blick vor ihm zu Boden schlug. Aber eine große Veränderung zum Besseren war mit ihm vorgegangen. Er schien die anfängliche Schwäche schon fast abgeschüttelt zu haben, und die Mutter war ganz glücklich, als sie sah, wie aufmerksam er ihr zuhörte, als sie ihm Alles erzählte, was indessen in Dreiberg vorgegangen, seit er dagelegen, wenn er auch Katharine immer dabei anschaute.

„Vater,“ fragte Hans, nachdem die Frauen zur Bereitung des Abendbrods hinuntergegangen waren und er eine Weile schweigend in seinem Bett gelegen, „habt Ihr nach Wetzlau hinübergeschickt?“

„Ei gewiß,“ lautete die Antwort, „der Bote ist auch schon zurück. Er hat aber die Liese nicht selber gesprochen, doch ist sie wieder auf und gesund. Sie lassen Dich Alle herzlich grüßen und Dir Glück wünschen.“

„Vater, ich möchte jetzt nicht gern mehr viel Zeit verlieren, bis ich meinen eigenen Heerd gründe.“

„Aber wohl und gesund mußt Du doch erst wieder sein.“

„In vierzehn Tagen werden kaum noch die Narben zu sehen sein, und so lange braucht’s ja doch zu dem Aufgebot,“ meinte Hans.

„Hm,“ sagte der Vater, „aber da kommt uns wieder die verwünschte Geschichte mit dem Consistorium dazwischen. So rasch geht die Sache nun auf keinen Fall.

„Ich hab’ mir das Alles anders überlegt, Vater,“ sagte der Hans ruhig, „wir brauchen das Consistorium gar nicht – ich heirathe die Kathrine.“

„Hans!“ rief der Vater und fuhr erschreckt von seinem Stuhl in die Höhe, denn er glaubte im ersten Augenblick, sein Hans sei durch den Sturz im Kopf verwirrt geworden, „um Gottes willen, Junge, was hast Du? was ist mit Dir? Du solltest noch nicht so viel nachdenken, Du solltest hübsch still liegen und Dich ruhig halten.“

Hans, der wohl ahnen mochte, was sein Vater fürchtete, lächelte still vor sich hin; endlich sagte er: „Die Kathrine hat mich lieb, ich weiß es. Vorhin hab’ ich’s gehört, als sie noch glaubte, ich könnte sie nicht hören, und ich bin ihr auch von Herzen gut, und sie paßt besser für mich, für uns Alle, als das Lieschen.“

„Aber der Traubenwirth hat mein Wort, das Lieschen hat Deins. Das geht im Leben nicht und brächte Schand’ auf uns Alle,“ rief jetzt der Alte, denn der Hans sprach zu vernünftig, als daß er nun nicht hätte merken können, es sei ihm Ernst.

„Wär’ Euch die Kathrine zur Schwiegertochter recht, Vater?“

„Was hilft das Fragen, Hans? zerquäl’ Dir den Kopf nicht mit derlei Dingen,“ mahnte der Vater ab, doch noch immer nicht so ganz beruhigt. Wie kam der Junge jetzt nur auf die Kathrine?

„Bitte, beantwortet mir nur die eine Frage,“ bat Hans, „wär’ Euch die Kathrine zur Schwiegertochter recht?“

„Wenn Du sie früher gewählt hättest, ich wollt’ nichts dagegen sagen,“ setzte er zögernd hinzu, „aber so –“

„Vater, wollt Ihr mich einen Augenblick ruhig anhören?“

„Du darfst nicht so viel sprechen.“

„Nur ein paar Worte, ich muß es vom Herzen haben, und Ihr müßt morgen ganz früh nach Wetzlau reiten und mit dem Traubenwirth sprechen.“

„Und was ist’s?“

Hans lag noch eine Weile still, dann erzählte er dem Vater mit kurzen, einfachen Worten die ganzen Erlebnisse, erst von dem letzten Kirmeßabend, dann von jenem Sonntag-Morgen, was er gehört und was er selber gesehen, und der Vater saß dabei und schüttelte nur unablässig mit dem Kopfe. Und dann erzählte Hans weiter, wie er wieder zur Besinnung gekommen sei und wie Katharine an seinem Bett gelegen und gebetet und was sie dabei gesagt habe. Und jetzt nickte der Alte und sagte leise: „Ob ich’s mir nicht gedacht – ob ich’s mir nicht gedacht!“

„Und soll ich das Lieschen jetzt noch heirathen, Vater? könnt’ ich’s nach dem, was vorgefallen ist, je wieder recht von Herzen lieb haben? und hat’s mir nicht damit selbst mein Wort zurückgegeben?“

Der Alte antwortete nichts, er war aufgestanden, kraute sich den Kopf und ging eine ganze Weile im Zimmer auf und ab. Endlich rief er: „Morgen früh reit’ ich zum Traubenwirth hinüber. Gern thu’ ich’s nicht, aber Recht hast Du. Wenn die Sache denn einmal so steht, mag sich das Lieschen den Stadtmenschen nehmen. In die Stadt paßt es auch besser mit den weiten Röcken, als zu uns in die engen Stuben – und die Kathrine?“

„Sagt ihr noch nichts, Vater,“ bat Hans, „ich möchte sie selber darum fragen; auch der Mutter nicht, heute Abend bin ich noch zu schwach. Das viele Reden hat mich angestrengt, vielleicht auch der Hunger; aber da kommt die Mutter mit der Suppe, die wird mir gut thun. Mir ist ordentlich zu Muthe, als ob ich in einem ganzen Jahre nichts gegessen hätte.“



[343]
11. Was Katharine dazu sagte.

Hans hatte Recht gehabt. Die vier Tage Fasten paßten nicht zu seinem Körper, und als er einen großen Teller kräftige Fleischbrühe aufgegessen, fühlte er sich besser, legte sich auf die andere Seite und schlief sanft und ruhig bis zum andern Morgen.

Nach Sonnenaufgang lugte der Vater in’s Zimmer hinein und fand den Sohn schon munter und wohl in seinem Bette aufsitzen.

„Bleibt’s beim Alten?“ frug er nur; Hans nickte, und der alte Barthold ging hinunter, setzte sich auf den Braunen und ritt hinüber nach Wetzlau. Hans aber, durch den herrlichen Schlaf neu gestärkt, ließ sich von der Mutter seine Kleider geben, die Sonntagskleider, mit denen er zuletzt drüben in der Traube gewesen war, dann setzte er sich in den Lehnstuhl. Das Ankleiden hatte ihn doch ein Bischen mitgenommen, und er sah wieder etwas blaß aus und sagte, als die Mutter bald darauf in’s Zimmer schaute und frug, ob er noch ’was brauche:

„Mutter, ich möcht’ gern einmal die Kathrine sprechen.“

„Kann ich’s nicht auch besorgen, Hans?“

„Nein, Mutter, Ihr nicht. Die Kathrine kann wohl einmal heraufkommen; die hat noch junge Beine – sie hat mir so noch nicht guten Morgen gesagt – und kann mir auch gleich den Kaffee mit herausbringen.“

Die Mutter schüttelte mit dem Kopf, that ’aber des Sohnes Willen, und eine kleine Weile später kam Katharine mit dem Verlangten, setzte das kleine Kaffeebret auf den Tisch, ging dann zu Hans, reichte ihm die Hand und sagte: „Guten Morgen, Hans; Gott sei ewig gedankt, daß Du wieder aufsitzen kannst und so gut und wohl dabei aussiehst.“

„Guten Morgen, Kathrin’,“ erwiderte Hans, ließ aber die Hand noch nicht sogleich wieder los, die sie ihm geboten, „freut’s Dich wirklich, daß ich wieder gesund bin?“

„Aber Hans, wie kannst nur so was fragen? Glaubst Du’s nicht?“

„Doch, Kathrine,“ sagte Hans, „gewiß glaub’ ich’s und gern noch obendrein.“

„Und das Lieschen wird erst eine Freud’ haben. Der Vater ist heute Morgen hinüber und bringt’s vielleicht gleich mit. Die ist gar krank geworden vor lauter Sorge, die arme Maid.“

„Meinst, Kathrine, daß sie wegen meiner krank geworden ist?“

„Aber was Du mir heut für sonderbare Fragen thust, Hans! Wegen wessen denn sonst?“

„Ja, ich weiß nicht,“ sagte Hans und schaute still und sinnend vor sich hin, er wußte aber doch, wegen wessen. Kathrine hatte indessen ihre Hand wieder frei gemacht, schenkte ihm den Kaffee ein und rückte ihm dann den kleinen Tisch zu dem Lehnstuhl, damit er die Tasse leicht erreichen konnte. Sie hätte es ihm gern noch bequemer gemacht, wenn es nur möglich gewesen wäre.

„Der Kaffee wird kalt, Hans, wenn Du nicht trinkst,“ sagte sie, „er ist ohnehin ein Bischen dünn, aber die Mutter wollte nicht, daß ich ihn Dir stark kochen sollte, weil er Dir sonst schaden könnte, wie sie meinte. Trink ihn nur wenigstens, so lang er noch heiß ist.“

Hans hörte gar nicht, was sie ihm von dem Kaffee erzählte, denn ihm gingen andere Dinge im Kopf herum.

„Heut’ in drei Wochen soll die Hochzeit sein, Kathrine,“ meinte er endlich, und sah das Mädchen fest und forschend dabei an.

„Ja, ich weiß schon,“ sagte Katharine, aber viel leiser, als sie vorher gesprochen, „das Papier ist endlich gekommen.“

„Hast Du nichts dagegen, Kathrine?“

„Ich? Aber Hans, wie Du nur heut’ bist! Was kann denn ich dagegen haben? und weshalb?“ setzte sie noch viel leiser hinzu.

„Ja, Du wärst aber doch eigentlich die Hauptperson,“ meinte Hans; „die Braut hat doch das Meiste dabei zu sagen.“

„Hans, das ist schlecht von Dir, daß Du einen solchen Scherz mit mir machst,“ sagte Katharine. Sie war leichenblaß dabei geworden und es war, als ob die blauen Augen ein paar Glasdeckel bekommen hätten, so lagen ihr zwei große schwere Thränen darin und füllten sie bis zum Rande aus.

„Und wenn’s nun kein Scherz wäre, Kathrine?“ sagte Hans und streckte die Hand nach ihr aus, wenn nun das Lieschen falsch gegen mich gewesen und der Vater heute hinübergeritten wäre, um dem Traubenwirth die Heirath aufzusagen? Wenn ich Dir nun von Herzen gut wäre, Kathrine, und gestern auch gehört hätte, was Du an meinem Bett gebetet, und keine Andere weiter auf der Welt möcht’, als Dich, und Dich von Herzen bäte, daß Du das Kind im Hause bleibe, und nur dazu noch mein Weib, mein liebes Weib werden wolltest, Kathrine?“

„Hans!“

„’s ist mein Ernst, Kathrine,“ sagte Hans treuherzig, indem er ihr nochmals die Hand entgegenstreckte. „Das Lieschen hält’s mit dem Stadtherrn. Ich hab’s selber gehört, wenn sie auch nicht wußte, daß ich dabei stand, daß sie ihn von Herzen lieb hat. Sie hat’s ihm selber gesagt und ist ihm dabei auch um den Hals gefallen. Da war’s aus mit uns Beiden, und blind und taub bin ich gewesen, daß ich nicht schon lange eingesehen habe, daß wir Zwei hier doch am besten zusammen passen. Wenn Du mich haben willst, schlag ein, Kathrine, und ich will Dir gut sein mein ganzes Leben lang.“

Und Katharine sagte gar nichts dazu, aber neben dem kranken Hans kniete sie nieder und lachte und weinte und war so glücklich, daß ihr das Herz hätte zerspringen mögen in der Brust.

Und wie der Kaffee dabei eisig kalt wurde, kam die Mutter herein und blieb vor Erstaunen auf der Schwelle stehen und schlug die Hände zusammen. Als sie aber hörte, was hier vorgefallen und wie es des Traubenwirths Tochter drüben getrieben und wie falsch sie gewesen und wie gut Hans der Katharine sei und Katharine dem Hans, da setzte sie sich mit hin und weinte und lachte, gerade wie Katharine. Und jetzt kam’s auch heraus, daß das ihr heißester Seelenwunsch gewesen und sie sich vor der Zeit eigentlich gefürchtet hätte, wo Lieschen als Schwiegertochter in das Haus gezogen wäre, eben weil sie immer so vornehm und gar nicht wie ein Bauermädchen war. Aber sie hatte trotzdem nichts sagen mögen, weil man bei solchen Dingen – worüber aber die Meinungen verschieden sind – eigentlich keinem anderen Menschen zureden müsse.

Gegen Mittag kam der Vater zurück. Drüben in Wetzlau war’s heiß hergegangen. Der Traubenwirth hatte noch von nichts gewußt, und Lieschen war vor ihm auf die Kniee gefallen und hatte ihm gestanden, daß sie den fremden Herrn liebe und daß er sie heirathen wolle. Und der Traubenwirth war außer sich gewesen und hatte seine Tochter von sich gestoßen und sie allerhand schreckliche Namen genannt, und das hatte der alle Barthold endlich nicht länger mehr mit anhören kennen und war wieder fortgeritten nach Dreiberg.

Und an dem Mittwoch über drei Wochen war wirklich Hochzeit und der katholische Pfarrer dazu aus der Stadt herausgekommen. Wie aber die beiden jungen Leute eingesegnet waren und Hans sein glückliches freudeglühendes Weibchen im Arme hielt, da meinte der alle Barthold: „Hans, erinnerst Du Dich wohl noch dran, was Du damals sagtest, als uns der Heimathschein ausblieb und Du Dich für den unglücklichsten Menschen in der Welt hieltest, weil Du das Lieschen nicht gleich Knall und Fall heirathen konntest? Ich glaube, es war: ‚ich wollte, ich wär’ todt und begraben‘ und ‚kein Mensch in der ganzen Welt hat mehr Unglück, als ich.‘ War’s nicht so?“

Hans ließ beschämt den Kopf hängen.

„Siehst Du nun,“ fuhr der Vater fort, „wie wohl und weise es der allgütige Gott da oben einrichtet, wenn wir armen Sterblichen hier unten auch manchmal nicht gleich einsehen können, wozu das oder das wohl gut sein könnte? Am Ende führt er doch immer Alles zum Besten hinaus, und wir Alle arbeiten nur in seinem Dienste und dienen nur zu seinen Werkzeugen – selbst die langsamen Behörden da drinnen in der Stadt,“ setzte er lächelnd hinzu. „Aber jetzt mag das Vergangene vergessen sein, und nun segne Euch Beide Gott und seid glücklich miteinander.“

Und Hans und Katharine waren glücklich, und die Eltern sollten nie im Leben bereuen, daß sie die kleine Waise damals an Kindesstatt angenommen und sich ein wirklich Kind daraus erzogen halten.

An dem nämlichen Abend aber, an dem Hans und Katharine mitsammen Hochzeit machten, lief des Traubenwirths Tochter mit ihrem Schatz heimlich davon, und man hat nie wieder von ihnen gehört, denn sie gingen miteinander nach Amerika. Der Traubenwirth aber überlebte die Schande nicht lange, die ihm sein Kind angethan. Er kränkelte von da an, und wie das Jahr um war, trugen sie ihn still hinaus in sein letztes Kämmerlein.