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Der Gesichtssinn eines Hypnotisirten

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Textdaten
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Titel: Der Gesichtssinn eines Hypnotisirten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 35–36
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[35] Der Gesichtssinn eines Hypnotisirten. Als die Wunder des thierischen Magnetismus gegen das Ende des vorigen und im Anfang dieses Jahrhunderts alle Gemüther in Frankreich beschäftigten, setzte bekanntlich die Pariser Akademie einen hohen Preis für denjenigen aus, welcher durch ein Brett sehen könnte. Das Kunststück hat bis auf den heutigen Tag Niemand fertig gebracht. Aber jetzt, wo der Magnetismus unter der neuen Benennung als Hypnotismus seine Auferstehung feiert, entstand das Gerücht, daß einige junge Leute nahe daran wären, den Preis einzustreichen. In Clermont, so hieß es, gebe es einen Magnetiseur, der mit der sogenannten Gedankenübertragung überraschende Wunder vollbringe. Der Mann pflegte sich vor einige hypnotisirte junge Leute zu setzen, nahm ein Buch zur Hand, schlug es derart auf, daß dem Hypnotisirten nur der Rücken des Buches zugewendet war, dachte sich alsdann einige Zahlen oder Worte, und siehe da! die jungen Leute konnten dieselben lesen. Zwei französische Gelehrte, Bergson und Robinet, machten sich in Folge dessen auf den Weg nach Clermont, und es gelang

[36] ihnen, das Wunder auf natürliche Weise zu erklären. Nur einer von den Hypnotisirten vermochte in der Regel das Kunststück zu vollbringen. Er las aber keineswegs in den Gedanken des Magnetiseurs, sondern so zu sagen in dessen Augen. Auf der Hornhaut des Mannes spiegelten sich die aufgeschlagenen Seiten des Buches wieder und der Hypnotisirte vermochte die Zahlen oder Ueberschriften der Kapitel zu entziffern. Wenn dem Magnetiseur befohlen wurde, die Augen zu schließen, anstatt wie früher sein Gegenüber anzusehen, hörte die ganze Gedankenseherei mit einem Schlage auf. Die Beobachtung war aber für die Wissenschaft äußerst werthvoll: denn wir erfuhren dabei, bis zu welcher Feinheit der Gesichtssinn gesteigert werden kann. Die Größe des Spiegelbildes der Buchstaben und Zahlen auf der menschlichen Hornhaut beträgt etwa 1/10 Millimeter. Ein gesundes Auge würde dieses winzige Spiegelbild niemals entziffern können; wohl aber vermag es ein krankes, dessen Empfindlichkeit so zu sagen krankhaft gesteigert, überreizt ist. Die Ärzte nennen es Hyperästhesie des Gesichtssinnes, und in der That war der vermeintliche Hellsehende damit behaftet. Man hatte dafür einen vollgültigen Beweis erbracht. Es wurden ihm Photographien vorgelegt, auf welchen Bildwerke etc. stark verkleinert waren, und der Hellsehende vermochte Umrisse zu erkennen und nachzuzeichnen, die nur 1/15 Millimeter groß waren und die wir gewöhnlichen Sterblichen nur mit Hilfe von Vergrößerungsgläsern würden wahrnehmen können. Der Fall ist verbürgt, wie unglaublich er auch klingt. Auch Ludwig Büchner führt ihn in seinem neuesten Werke „Thatsachen und Theorien“ an.
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