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Der Geist von Würzburg

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Textdaten
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Autor: Emanuel Geibel
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Titel: Der Geist von Würzburg
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 2, Nr. 28, S. 31–32.
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: UB Heidelberg, Commons
Kurzbeschreibung:
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[31]

Der Geist von Würzburg.

Zu Würzburg in der güldnen Blum
Da, sagt man, geht ein Geist herum,
Der hat dem Wirth um Mitternacht
Bis Eins schon manchen Schreck gemacht.

5
Kamen einmal drei Studiosen

Mit knappem Reitwamms, Lederhosen
Und hellem Sporenklang daher,
Denen erzählt der Wirth die Mähr.
Die Herren machten ein klug Gesicht,

10
Sagten sie glaubten kein Wort ihm nicht,

Sei’n gewitzt und vielgereist,
Und forcht’ten sich vor keinem Geist,
Wollten noch heut die Probe machen,
Den Geist zu bannen und auszulachen.



15
So satzten sie vergnügt im Sinn

In die verruf’ne Kammer sich hin,
Stellten drei Lichter auf den Tisch;
Der Wirth bracht ihn’n vom Weißen frisch,
Sie diskurirten hin und her,

20
Trank jeder ein Maß, und wohl noch mehr;

Und als es schlug die zehnte Stunden,
Der Weiße wollt’ ihn’n nicht mehr munden;
Ließen sich d’rum vom Rothen bringen.
Der machte sie alsbalde singen,

25
Und jeder zu besundrer Lust

Viel neuer Schwänk’ und Liedl wußt’.
Doch als die Thurmuhr Elfe schlug,
Sie hatten des Rothen auch genug;
Forderten mit geschliffenen Kelchen

30
Noch Einen Wein, ihr merkt schon welchen,

Der hell im Glase rauscht und säuselt
Und lichten Schaum und Perlen kräuselt.
Deß tranken sie nun auch ihr Theil,
Hatten dabei nicht lange Weil’,

35
Bis endlich mit gelindem Schwanken

Umgingen ihnen die Gedanken.
Ein leiser Frost sie überkam,
Der Kopf ward schwer, die Zunge lahm.

[32]

Da schlug es Mitternacht vom Thurm,

40
Auffuhr die Thür als wie im Sturm;

Und trat herein zu ihrem Graun
Der Geist, entsetzlich anzuschaun,
Aschfarb vom Antlitz, Kleid und Schopf,
Hinten mit einem langen Zopf,

45
Die Nas’ allein in rothem Schein

Hellglühend wie Karfunkelstein.
Hertrat zum Tisch das Ungethüm,
Fuhr an die Herrn mit heis’rer Stimm:
Was treff’ ich euch, ihr bösen Buben

50
Zu solcher Zeit in dieser Stuben?

Könnt ihr nicht ruhig schlafen aus,
Oder mit rechtem Fleiß zu Haus
Aristotelem exponiren,
Euch auf’s Examen präpariren?

55
Statt dessen weicht ihr hier im Wein

Eure steinharten Köpfe ein,
Verstört die Nacht aus ihrer Ruh;
Und was beginnt ihr morgen fruh?
Was ist dann eurer Seele Nahrung?

60
Antwort: dünn Bier und salzen Harung.

Denn wie wohl fändet ihr den Weg
Zu bessrer Atzung ins Kolleg? –
Damit packt’ er den Ersten frisch,
Warf kurz und gut ihn unter’n Tisch,

65
Den Zweiten schnürt’ er an der Kehlen,

Der meint, es führ’ ihm aus die Seelen,
Den Dritten pantscht er auf den Bauch,
Daß von ihm ging manch Seufzerhauch.





Das war ein ungefüges Raufen,

70
Ein banges Winseln, Keuchen, Schnaufen,

Bis bei dem ersten Schlag der Uhr
Der Geist mit Stank von dannen fuhr.

Den Herren war nicht wohl zu Muth,
Verspürten kalten Schweiß und Gluth,

75
Blieben ganz stille in der Schenken,

Schliefen die Nacht auf harten Bänken;
Und als der Wirth früh Morgens kam,
Von ihnen die schwere Zeche nahm,
Bekannten sie mit bleichen Mienen,

80
Der Geist wär’ ihnen doch erschienen,

Noch läg’s ihn’n in den Gliedern schwer,
Und wollten ihn bannen nimmermehr.




Der Geist zu Würzburg in der Kammer
Heißt insgemein: Herr Katzenjammer,

85
Und die Moral von der Geschicht:

Auf Weißen trinkt kein’n Rothen nicht,
Und setzt ihr gar Champagner drauf:
Der Geist von Würzburg wart’t euch auf.